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Heilige Mutter Gottes!

Er erschrak und war zugleich stolz auf sich. Diese ungewollte Reaktion zeigte seine innere Bereitschaft. Himmel, ja, seine Liebe war übermächtig! Er war der Mann für Consuela Verguero. Nicht dieser lächerliche Federfuchser. Ein solches Mädchen brauchte einen wirklichen Mann, einen Spanier vom Scheitel bis zur Sohle.

Ja, er war bereit, den Kerl notfalls zu töten.

Vielleicht würde ihm dann sogar wohler sein. Und gleichzeitig lieferte er Consuela den Beweis für die wahre, großartige Liebe, die er für sie empfand. Die Blicke, die sie ihm seit der Abfahrt aus Havanna gelegentlich zugeworfen hatte, bereiteten ihm noch jetzt einen Schauer des Wohlbehagens. Er hatte darüber nachgedacht und war zu der Überzeugung gelangt, daß in jenen Blicken Bewunderung und Sehnsucht gelegen hatten.

Verständlich.

Manuel Redrojo hatte anfangs seinen Augen nicht getraut, als er mit den Ladepapieren auch die Dokumente für die beiden Passagiere erhalten hatte. Amadeo Palma, Schriftsteller und Geschichtsschreiber, Genueser von Geburt. Kaum zu glauben. Ein Stubenhocker und Träumer, der seinen Lebensunterhalt damit bestritt, sinnloses Zeug zu Papier zu bringen.

Die Hochwohlgeborenen, die ihm das Geschreibsel abkauften, verstanden es in den seltensten Fällen. Aber sie schmückten sich mit ihrem angeblichen Kunstverstand. In ihren Kreisen überbot man sich gegenseitig mit solchem angeberischen Gehabe, natürlich auch mit Malerei und Musik. Die beiden letzteren Kunstrichtungen hatten für Capitán Redrojo noch einen gewissen Sinn.

Mit Feder und Tinte Buchstaben und Zahlen niederzuschreiben, ergab dann einen Nutzeffekt, wenn es sich um die Kontobücher eines Kaufmanns handelte. Oder um das Logbuch eines Kapitäns. Aber Schreiben aus purem Vergnügen? Und dafür noch Geld verlangen?

Redrojo schüttelte abermals den Kopf.

Als der Genueser durch die Pforte im Schanzkleid getreten war, hatte er gleich gewußt, daß dieser Bursche nicht ganz richtig im Oberstübchen war.

Das bedauernswerte Mädchen, diese unvergleichliche Schönheit, mußte ihm von ihrem Vater versprochen worden sein. Anders konnte man sich das beim besten Willen nicht erklären.

Auf der Heckgalerie säuselte er weiter, dieser Affe.

„Der Atlantik, Consuela, hat diese einzigartige Härte. Sieh den Himmel in seinem stählernen Blau! Der Sonnenschein ist von einem Glanz, der uns Menschen die Erhabenheit der Natur spüren läßt. Gewiß, eine freundliche Sonne, die uns – wie vorhin gesagt – Grund zum Aufatmen gibt, Hoffnung auf das Neue, berauschend Schöne.“

„Ich glaube, ich verstehe, was du sagen willst“, sagte Consuela. „Ich empfinde es ähnlich wie du, Amadeo. Die Karibik ist anders. Dort hat die Sonne etwas Verspieltes, und der blaue Himmel ist grenzenlos heiter. Selbst Regen und Gewitter tragen keine Schwere, sondern sie besänftigen gewissermaßen mit der Ankündigung, daß sie nur kurzzeitige Gäste sein werden.“

„Wie wahr!“ rief der Schreiberling begeistert. „Und wenn du als weiteren Vergleich unser heimisches Mittelmeer hinzuziehst, wirst du dort eine wiederum völlig anders geartete Stimmung erkennen. Der mediterrane Himmel hat bisweilen etwas an sich, das Freude und Schwermut zugleich widerspiegelt. Es ist – wie soll ich es ausdrücken …“

„Tu nicht so!“ sagte Consuela lachend. „Dir hat es noch nie an Ausdrucksfähigkeit gemangelt.“

„Beim Schreiben fällt es mir leichter als beim Sprechen.“

„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel!“

Beide lachten.

Redrojo verdrehte die Augen und faßte sich an den Kopf. Ihm wurde fast übel. Das arme Mädchen fing schon an, die schwülstige Redeweise des Träumers anzunehmen. Es wurde höchste Zeit, daß man ihr vor Augen führte, was Männlichkeit wirklich bedeutete.

Manuel Redrojo wußte jetzt, daß er den Schreiberling aufrichtig haßte.

„Capitán! Ich bitte um Verzeihung, Capitán …“

Redrojo zuckte ungewollt zusammen. Die Stimme, die da in sein Bewußtsein vordrang, war so störend wie nur irgend etwas. Ärgerlich zog er die Stirn in Falten.

Er nahm den Anblick der Galeone wieder wahr, seiner Galeone.

Und vor ihm baute sich Labastida diensteifrig auf. Labastida, der ehrgeizige Hund. Jorge Labastida, seines Zeichens Erster Offizier, der darauf hoffte, die nächste Reise von Cádiz nach Havanna im Range eines Kapitäns anzutreten.

Die „Fidelidad“ sah zerzaust aus wie ein Straßenköter, den man geprügelt und getreten hatte und der mit knapper Not entwischt war.

Ein gnädiger Wind aus Südwest trieb die Galeone durch eine weite Dünung, die noch vom Sturm aufgebaut worden war und in westlicher Richtung verlief. Redrojo hatte angeordnet, das Schiff platt vor dem Wind laufen zu lassen Kurs Nordost. Nur so erfüllten die Segelfetzen noch einen Sinn. Der schwerbeladene Dreimaster wiegte sich behäbig in seiner mäßigen Fahrt, abwechselnd nach Backbord und Steuerbord krängend.

„Was ist los, verdammt?“ zischte Redrojo.

Ihn ärgerte besonders, daß die Turtelnden auf der Heckgalerie jetzt sicherlich auf ihn aufmerksam wurden. Andererseits war er der Kapitän, und er konnte sich an Bord aufhalten, wo er wollte. Genaugenommen hätte er auch das Recht, nachts ihre Kammern zu kontrollieren. Daß der Schreiberling zu später Stunde zu Consuela schlich, um es mit ihr zu treiben, stand außer Frage. Redrojo nahm sich vor, das ab sofort zu unterbinden.

Die „Fidelidad“ sollte, verdammt noch mal, ein sauberes Schiff bleiben.

„Es handelt sich um unseren Kurs, Capitán“, sagte der Erste Offizier laut und deutlich, als habe er es mit einem Schwerhörigen zu tun. „Außerdem verlaufen die Maßnahmen zum Beheben der Sturmschäden nicht zufriedenstellend.“

Redrojo zog unwillig die Stirn in Falten. „Letzteres werden Sie ja wohl selbständig überwachen können, Labastida. Und was den Kurs betrifft, sehe ich keinerlei offene Fragen.“

„Der Navigator ist der Meinung, daß wir in Lissabon eintreffen werden, wenn wir diesen Kurs beibehalten. Oder sogar nördlich von Lissabon. Nach dem Stand der Sonne …“

„Unsinn!“ schnitt ihm Redrojo das Wort ab. „Seemännische Erfahrung und die Klugscheißerei von Anfängern sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Einen Navigator, der seine zweite Atlantiküberquerung erlebt, kann man wohl kaum als erfahren ansprechen.“

„Aber er versteht etwas von seinem Fach“, widersprach Labastida vorsichtig.

Redrojo starrte den Ersten an, als hätte dieser unvermittelt Chinesisch gesprochen. Redrojo hob den rechten Arm und wies mit übertriebenem Staunen auf den jungen Offizier, der neben dem Zweiten und dem Dritten an der vorderen Querbalustrade des Achterdecks stand und kluge Reden führte. „Sprechen Sie von diesem Grünschnabel? Allen Ernstes?“

Labastida schluckte trocken hinunter und zwang sich, beherrscht zu bleiben. „Der Mann hat in Cádiz eine erstklassige Ausbildung genossen. Er hat seine Erfahrungen bei früheren Einsätzen im Mittelmeer gesammelt. Ich glaube, man sollte über seine Hinweise zumindest nachdenken.“

„Tun Sie das, Labastida, tun Sie das. Für mich gelten andere Grundsätze. Und ich bin immer noch der Kapitän dieses Schiffes, nicht wahr?“

„Das habe ich mit keiner Silbe angezweifelt“, entgegnete der Erste scharf. „Ich verwahre mich entschieden gegen derartige Unterstellungen.“

Redrojo blinzelte verwirrt. „Mann, was ist los mit Ihnen? Ist Ihnen eine Laus über die Leber gekrochen? Du lieber Himmel, wir sollten alle froh sein, daß wir den Sturm überstanden haben und noch am Leben sind! Genießen wir diesen herrlichen Tag!“

Jorge Labastida wollte erwidern, daß er auch nur den angedeuteten Vorwurf von möglicher Meuterei niemals hinnehmen würde, ohne die Wiederherstellung seiner Ehre zu verlangen. Doch ein Blick in das Gesicht des Capitáns veranlaßte ihn, darauf zu verzichten. „Sie stimmen also einer Kursänderung nicht zu, Capitán?“

„Nein“, entgegnete Redrojo schroff. „Der Atlantik ist nicht das Mittelmeer. Und wenn ein Navigator nicht in der Lage ist, den Kontakt mit unserem Verband aufrechtzuerhalten, dann sollte er anschließend nicht auch noch weise Kommentare von sich geben. Wir halten den festgelegten Kurs und damit basta!“

„Jawohl, Capitán“, sagte Labastida und salutierte.

Redrojo blickte dem schlanken Offizier kopfschüttelnd nach und faßte sich an die Stirn. „Lissabon!“ Er atmete stoßartig aus. Gütiger Vater im Himmel, dachte er, bin ich denn nur noch von Narren umgeben?

Sie hatten mit der „Fidelidad“ nicht nur den Anschluß an den Verband verloren. Sie hatten sich nach dem Sturm auch noch hoffnungslos versegelt. Dieser Schnösel von einem Navigator war so hilflos gewesen wie ein seiberndes Kleinkind. Und jetzt meinte er, die Kursentscheidung seines Kapitäns anzweifeln zu müssen. Nicht zu fassen!

Nordost und nichts anderes. Punktum.

Erst einmal mußten sie überhaupt vernünftige Fahrt laufen. Dann konnte man weitersehen.

Lissabon!

Unglaublich. Je mehr er darüber nachdachte, desto wütender wurde Redrojo über diesen vorlauten Navigator. Eigentlich war es angebracht, ihn wegen seiner Unverschämtheit zur Rechenschaft zu ziehen. Mit einer Disziplinarmaßnahme. Redrojo verwarf die Überlegung. Er hatte sich vorgenommen, milde gestimmt zu bleiben.

Labastidas Hinweis, die Sturmschäden würden nicht zufriedenstellend behoben, waren typisch für die Diensteifrigkeit dieses Mannes. Er, Redrojo, wußte aus Erfahrung, wann man mit einer Crew hart und wann nachsichtig umspringen mußte. Nach dem Sturm hatten alle eine Verschnaufpause verdient. Man konnte die Männer nicht schon wieder herannehmen, als sei nichts geschehen.

Nach dem Üblichen Zwischenaufenthalt auf den Azoren hatten sie geglaubt, eine rasche Heimreise vor sich zu haben. Man mußte verstehen, welche Enttäuschung jeden einzelnen der Männer durch den Sturm befallen hatte. Natürlich waren sie froh, nicht abgesoffen zu sein. Aber jeder träumte doch von seinem kleinen Glück in Cádiz – und wenn es nur darin bestand, eine ganze Nacht mit einer Hafenhure zu verbringen.

Redrojo lächelte weltentrückt. Kaum einer an Bord würde ihn wohl verstehen, wenn er preisgab, daß er über die Verzögerung froh war. Nein, er würde es auch niemandem erzählen.

Schließlich ging es keinen etwas an, daß er, Manuel Redrojo, die große Liebe Seines Lebens gefunden hatte. Auf der Fahrt bis zu den Azoren hatte er es schon geahnt, aber durch die Beschäftigung mit dem Segeln im Verband war er vermutlich weitgehend davon abgelenkt worden.

Nun jedoch, nach dem Sturm, waren ihm alle Zweifel genommen worden. Eine gütige Fügung des Schicksals hatte ihm diese unglaublich schöne junge Frau an Bord seines Schiffes geschickt. Er war der Mann für sie, niemand sonst. Sie würde es begreifen, wenn sie ihn erst einmal kennengelernt hatte. Dann würde sie diese läppische Figur von einem Genueser schnell vergessen.

Redrojo fiel auf, daß er den Schreiberling nicht mehr säuseln hörte.

Er drehte sich um und beugte sich über die Balustrade.

Natürlich! Die Galerie war leer. Durch den Wortwechsel mit Labastida waren Consuela und ihr schwadronierender Galan verscheucht worden. Er hätte dem Ersten einen Tritt in den Hintern verpassen können.

Manuel Redrojo begann zu überlegen, welche Taktik er anwenden sollte, um mit Consuela Verguero in eine engere Beziehung zu treten. Berührungspunkte gab es bei den Mahlzeiten und meist abends, wenn man sich zum Wein im Achterdeckssalon traf.

Der Schreiberling war an allem und jedem interessiert. Vielleicht sollte man ihm anbieten, sich von dem besserwisserischen Schnösel in die Geheimnisse der Navigationskunst einweisen zu lassen. Das würde Consuela natürlich langweilen. Gelegenheit für den Capitán, sich ihr mit Grandezza zu einer kleinen Plauderei anzubieten.

Nicht im entferntesten Winkel seiner Gedankenwelt hätte Redrojo für möglich gehalten, daß seine Offiziere ernsthaft besorgt waren und er selbst der Mittelpunkt dieser Besorgnis war.

Seewölfe - Piraten der Weltmeere 587

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