Читать книгу Dilettanten des Lebens - Clara Viebig - Страница 6
IV.
ОглавлениеDoktor Leopold Reuter machte ein Haus, ein grosses sogar. An den bestimmten Winterabenden findet sich ‚tout Berlin‘ dort ein. Eintägige Berühmtheiten und die Berühmtheiten einer Saison werden dem erstaunten Publikum nebst ausgezeichnetem Tee und vorzüglicher kalter Küche serviert. Alles, was Geist hat oder doch den Hauch eines Geistes in sich verspürt, glaubt sich verpflichtet, diesen da auch leuchten zu lassen. Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker bilden das Hauptelement, und die Männer der Börse mischen sich dazwischen und schwimmen oben wie Öl auf dem Wasser.
Das wogt und geht auf und nieder in den nicht grossen, aber mit fein künstlerischem Geschmack ausgestatteten Räumen. Die Damen der Bühne lassen ihre blendenden Hälse bewundern, und die Frauen, die nichts bewundern lassen können, ärgern sich darüber.
Wer Orden hat, zeigt sie und zugleich auch die dazugehörige Verachtung solcher Äusserlichkeiten; ein ‚Sich-gar-nichts-drausmachen‘ ist hier am Platz, in diesem Dunstkreis von Dichtern und Denkern, wo die Freiheit des geistigen Horizontes menschliche Eitelkeiten nicht aufkommen lässt. Wer keine Orden hat, zeigt sie — nicht, versteht aber das ‚Sich-gar-nichts-drausmachen‘ noch besser zur Anschauung zu bringen.
Die Damen der Börse rauschen in prachtvollen Schleppen, die Künstlerfrauen zeigen phantastische Gewänder; andere kommen in einfachen Alltagswollenen, und dazwischen huschen kleine Mädchen in weissen Kleidern, wie frühe Blüten am Kirschbaum. Alles ist vertreten. Dummheit sitzt neben Klugheit, Esprit neben Phlegma. Prickelndes Lachen und schwerfälliges „Hm, hm“; goldstrotzende Börsen und schwindsüchtige Beutelchen; Schönheit und Schönseinwollen; Vornehmheit und Demimonde; Ritter vom Geiste und solche, die weder Ritter, noch vom Geiste sind; verschminkte Züge und Rosengesichter — tout Berlin!
Und über dem schwebt das Genie von Doktor Leopold Reuter, alle diese Elemente unter einen Hut zu bringen. Und er bringt sie. Elastisch wie ein Jüngling gleitet der schlanke alte Mann durch die Räume; seine weissen Haare, die die Glatze umstehen, sind gelockt, und in den dunklen Augen hat er Jugend. Er sagt viel Verbindliches, aber er lügt nie, er meint es wirklich so; es ist die unzerstörbare gute Laune seines Herzens, die ihm alles im rosigsten Lichte zeigt. Wo Talent ist, sieht er Genie, wo kein Talent ist, sieht er wenigstens Begabung; alte Frauen scheinen ihm ‚schön gewesen‘, und die jungen sind ihm alle reizend. Passable Gemälde sind ihm Meisterwerke und öde Farbenversuche immer noch Stimmungsbilder. Er ist zum Kunstmäcen geschaffen; immer enthusiasmiert, begeisterungsfreudig, selbst froh, zu leben und andere leben zu lassen.
Heute wimmelte es in Doktor Reuters künstlerischen Räumen mehr denn je.
„Die Hoheit — die Hoheit!“
„Haben Sie die Hoheit schon gesehen?“
„Sind Sie schon vorgestellt?“
„Hoheit — Hoheit“ — — —
Die Damen neigten sich wie ein buntes Tulpenbeet, durch das der Wind streicht — Hoheit gingen vorüber.
Hoheit hatten den Hausherrn unter den Arm gefasst, beide waren wie zwei gute Freunde miteinander; der Hoheit noch ziemlich jugendliches, ziemlich einfaches Gesicht trug einen sehr freundlichen Ausdruck, und Doktor Leopold Reuter strahlte in all seiner Herzensliebenswürdigkeit. Er hatte heute eine kindliche Freude.
Sie machten jetzt Halt an einer Portiere, eine junge Dame hatte sich hinter dieselbe gedrückt und sah mit glänzenden Augen vor.
„Ah —!“ Reuter fasste sie an der Hand und zog sie näher. „Geruhen Hoheit! Fräulein Magdalene Langen, eine junge Künstlerin, mein ganz besonderer Schützling! Süsse Stimme, ganz exquisite Art des Vortrags. Da Hoheit selbst hervorragender Künstler sind, werden Hoheit selbst am besten urteilen können. Fräulein Langen ist meiner Ansicht nach die beste Schumannsängerin unserer Zeit — hohe Poesie, intimer Liebreiz!“
Lena war tief errötet, sie kannte zwar Reuters Enthusiasmus und seine Art, im Superlativ zu sprechen, und doch dünkten ihr seine Worte jetzt so wahr, sichere Bürgen; sie sah mit strahlendem Ausdruck der Hoheit ins Gesicht.
Diese lächelte. „Ah — sehr erfreut, das Fräulein gleich zu hören! Schumann, Schumann — ah, Schumann ist mein ganz besonderer Protegé! Sagen Sie, lieber Reuter“ — Hoheit drehten den Kopf interessiert zurück in das andre Zimmer —, „wer ist jene Dame? Die dort, in der rosa Robe! Blendend schön! Dieser Nacken, klassische Arme! Bitte, stellen Sie mir dieselbe vor!“
Noch ein huldvolles Lächeln, ein freundliches Zublinzeln von Reuter — sie gingen.
Also das war die Hoheit, und nun sollte sie der gleich vorsingen?! Lena fühlte auf einmal gar keine Lust mehr. Sie hatte sich so unendlich auf den heutigen Abend gefreut, konnte die Zeit nicht erwarten, war ungeduldig im Zimmer umhergetrippelt und hatte lächelnd ihrem Spiegelbild zugenickt. Die Mutter war geschäftig um sie herumgegangen, hatte sich an der Tochter gefreut und noch oben von der Treppe gerufen: „Amüsiere dich gut, sehr gut! Hast du auch den Hausschlüssel? Die Entreetür mache ich dir selbst auf, ich warte auf dich. Singe sehr schön! Viel Vergnügen!“
Vergnügen —?! Lena warf die Lippen auf und zog sich ganz hinter ihre Portiere zurück; am liebsten hätte sie sich verkrochen. Sie mochte hier nicht singen; sie fühlte, wie sich ihr langsam die Kehle zuschnürte und wie ihr Herz zu klopfen begann. Oh, wenn sie nur fortlaufen könnte! Was machte sich die Hoheit aus ihrem Gesang? Gar nichts, gar nichts; Hoheit rannten ein paar nackten Schultern nach und reckten den Hals nach ein paar weissen Armen! Erbärmlich! Ach, wie traurig stand es um die Kunst! Lenas Fussspitze klopfte nervös den Boden. Vor ihren Ohren wirrte und schwirrte es, und da, in all den Lärm hinein, sollte sie singen? Eine jähe Angst überkam sie. Wenn all die teilnahmslosen Augen sie gleichgültig anstarrten, wenn man sich ganz nah, ganz nah, aber nur aus lauter Neugier um den Flügel drängte, was dann? Man würde sie mustern, seine Glossen machen, sie hatte ja keine blendenden Schultern und keine klassischen Arme; die Hoheit würde gähnen und verstohlen nach Besserem ausschauen.
Ein bitteres Gefühl jagte Lena das Blut aus den Wangen und machte sie bleich. In ihren Knien begann ein Beben; hastig atmete sie mehrmals hintereinander und schluckte, der Hals war ihr ganz ausgetrocknet. Sie presste die Handflächen zusammen, sie waren feucht und kalt. Es war eine Qual, hier zu sein.
Das Geschwirr liess plötzlich nach; eine auffällige Stille war eingetreten. In der Nähe flüsterte es: „Ruhe — Musik — es wird Musik gemacht!“ Und nun hörte Lena eine kichernde Mädchenstimme: „Wie schade, nun muss man still sein, kann sich nicht mehr unterhalten!“ Und ein Herr sagte verdriesslich und ziemlich laut: „Wenn nur die Musiziererei bald losginge! Je eher, desto rascher ist’s überstanden Hoffentlich ist der Schmerz kurz!“
Lena zitterte am ganzen Leib — nein, singen konnte sie hier nicht! Entschlossen schob sie die Portiere zurück; sie wollte gehen, rasch, fort! — Zu spät!
Vor ihr stand Reuter und bot ihr galant den Arm. „Also, Kindchen, en avant! Erlauben Sie, meine Herrschaften! Bitte, bitte — so, danke schön, nun können wir schon durch.“ Mit liebenswürdigem Lächeln schob sich der Hausherr weiter, er zog Lena am Arm nach. Vor der Tür des Musikzimmers staute sich’s — die Hoheit war drinnen.
„Bitte, bitte — ah, erlauben Sie — gnädige Frau, ein klein bisschen rücken!“ Reuter dienerte vor einer umfangreichen, brillantenbesetzten Taille — von Gesicht nichts zu sehen, alles versank hinter der mächtigen Fülle dieses Brustkastens. „Danke sehr, gnädige Frau — ah, unendlich liebenswürdig, meiner kleinen Nachtigall Platz zu schaffen!“ Er küsste den Arm, der aus der brillantenbesetzten Taille hervorquoll. „Charmant, wie immer, ganz charmant! Üben Sie Gnade bei diesem schüchternen Vögelchen, meine Allergnädigste! Die Sonne duldet ja auch andere Gestirne neben sich; sie müssen freilich erbleichen vor Ihrer Glorie!“ Wieder eine Verbeugung und ein zweiter Kuss auf den vorquellenden Arm. Die Brillantenbesetzte knisterte und wogte.
„So“ — Reuter zog Lena über die Schwelle des Musikzimmers. „Eine hochberühmte Sängerin,“ flüsterte er ihr ins Ohr, jetzt Gattin des Bankiers Goldammer — famose Diners — höchst sympathische Frau, ganz charmant!“
Lena fühlte noch den kalten, starren Blick der hochberühmten Sängerin auf sich ruhen, sie sah den brillantenbesetzten Busen wogen. „Ich kann nicht singen,“ sagte sie leise, „wirklich, ich kann nicht!“ Sie versuchte ihren Arm aus dem seinen zu ziehen: „Oh, lassen Sie mich!“
„Fahnenflüchtig? Hoho, nichts da, nichts da!“ Reuter drückte ihren Arm noch fester. „Nur nicht ängstlich, Kindchen! Nun freut man sich, dass man der kleinen Nachtigall mal Gelegenheit geben kann, sich hören zu lassen, und sie will davonfliegen? Oho, nichts da! — Bitte, meine Herrschaften — pst, pst — einen Augenblick Gehör! Fräulein Magdalene Langen wird die Güte haben, uns einige Schumannsche Lieder zu singen — pst — pst!“
Vor Lenas Augen tanzten rote Funken, und dann wurde es schwarze Nacht. Mechanisch, ohne zu sehen, machte sie ein paar Schritte gegen den Flügel. „Soll ich mich selbst begleiten,“ fragte sie stockend, „oder —“
„Nein, bitte.“ Doktor Reuter klopfte ihr beruhigend die Hand. „Es sind soviel musikalische Leute hier, jemand wird die Güte haben.“ Er sah sich suchend um. „Ah, sieh da, lieber Bredenhofer — ganz charmant — Sie wollen begleiten — schön, wunderschön! Sie verstehen ja Schumann aus dem ff, Sie Hans in allen Ecken!“ Er legte dem schlanken, jungen Mann, der sich eben durchgedrängt hatte, die Hand auf die Schulter. „Noch ganz ausser Atem? Dacht ich’s doch, natürlich noch in x anderen Gesellschaften gewesen! Also bitte, lieber Bredenhofer, darf ich vorstellen: Fräulein Magdalene Langen — Herr Richard Br — ah, Sie kennen sich schon, charmant, ganz charmant!“
Vor Lenas Augen war es noch dunkler geworden und jetzt plötzlich hell, blendend hell. Schwankend lehnte sie sich an den Flügel. Ein eiskalter Strom lief ihr über den Leib, und dann schlug ihr eine glühende Hitze ins Gesicht. Da stand er vor ihr, dem sie nie mehr zu begegnen geglaubt — er! Die Gesichter ringsum wurden zu weissen, tanzenden Flecken, die Lichter in den Kandelabern streckten feurige, ellenlange Zungen heraus, es war ein Getöse, ein Rattern, ein Rasseln — — —
„Wollen wir nicht anfangen, gnädiges Fräulein?“
Sie fühlte sich an der Hand gefasst, warme Finger umspannten mit leisem Druck die ihren.
„Welches Glück, Sie wiederzusehen, Fräulein Langen!“
Sie hob den Blick; jetzt sah sie wieder. Da waren Menschen, eine ganze Menge Menschen, die nach ihr hinschauten; in der vordersten Reihe auf einem Samtfauteuil die lächelnde Hoheit, dahinter das gütig nickende Gesicht Doktor Reuters.
Sie lächelte, sie nickte wieder. — ‚Welches Glück, Sie wiederzusehen‘ — wie Musik klang das! Einer war doch da, einer, der sich freute, sie zu sehen, der fühlte, wie sie fühlte, mit Andacht vor die heilige Kunst trat. Vor dem lohnte es sich zu singen.
„Fangen wir an,“ sagte sie. Sie fühlte Mut, seine Augen sahen sie strahlend und zuversichtlich an. Sie musste gut singen.
Er stellte das Notenheft auf: „Was?“ Und dann blätterten sie beide, bis sie, wie von einem Impuls getrieben, den Finger auf die Seite legten. Sie sagten beide: „Hier!“
„Pst, pst!“ Doktor Reuter klatschte in die Hände. Es wurde ganz still, nur ein leises Bewegen ging durch die Roben und Fräcke.
Brederchofer präludierte zur Einleitung, sehr weich und hübsch; wie Samt glitten seine Finger über die Tasten. Jeder Ton war Lena eine Offenbarung — er freute sich, sie wiederzusehen — was mochte er von ihr denken —?! Fast hätte sie den Anfang versäumt, aber nun setzte sie ein, so kräftig sie konnte; mit einer gewissen Siegesfreudigkeit schleuderte sie die Töne heraus:
„Im Rhein, im schönen Strome,
da spiegelt sich in den Well’n
mit seinem grossen Dome
das grosse heilige Köln.“
Wie Schelmerei glitt’s um ihre Lippen. Sie hatte den Flügel und den Begleiter im Rücken, nun wendete sie den Kopf ein klein wenig nach hinten. Bredenhofer sah ihre zarte Wange und den Ansatz zum Grübchen darin, er sah die braunen Haarringel um das zierliche Ohr zittern.
„Es schweben Blumen und Englein
um unsre liebe Frau,
die Augen, die Lippen, die Wänglein,
die gleichen der Liebsten genau.“
Schumann mochte sich den Schluss des Liedes anders gedacht haben, mehr wie ein zartes Erinnern in sanft dahingleitender Melodie. Lena machte ein jubelndes, freudvolles Wiedererkennen daraus; sie drängte vorwärts, um voll und frohbewegt zu schliessen. Sie hatte das Lied früher nie so gesungen, es war ihr selbst eben neu geworden.
„Bravo — charmant — bravo — ganz charmant!“ Aus dem Klatschen hörte sie Doktor Reuters Stimme heraus. Ihr alter Freund hatte sich über die Hoheit gebeugt und nickte, eifrig sprechend; diese nickte auch und nickte dann Lena zu, die Hände huldreichst zusammenschlagend. Sie konnte mit dem Erfolg zufrieden sein. Eine seltene Freudigkeit, der Wunsch, mehr zu gefallen, jenem da am Klavier vor allem zu gefallen, überkam sie! Sie liess sich nicht bitten, Lied folgte auf Lied, mit jedem sang sie besser.
Ihr war, als könne ihre Kehle nie müde werden, der Kitzel, der sie sonst so leicht quälte, kam ihr gar nicht; singen, singen ohn’ Unterlass, die Nacht durch bis zum frühen Morgen, das hätte sie gekonnt. Mit dem heissen Rot auf den Wangen, mit den feuchten, tiefgefärbten Lippen und den gross aufgeschlagenen glänzenden Augen war sie sehr hübsch. Sie war ganz bei der Sache, sie sah jetzt nicht mehr die vielen Augen in den gleichgültigen Gesichtern; an die dachte sie gar nicht, aber sie dachte auch nicht mehr an Bredenhofer. Nur wie eine wohltuende Berührung empfand sie dunkel und unbewusst sein weiches Klavierspiel. Sie dachte jetzt nur an die Musik; ihre Seele wiegte sich auf den Klängen, sie war dem allen hier weit, weit entrückt, sie flog höher und höher.
„Wie macht sie hübsch den Mund auf! Was hat sie für reizende Zähnchen!“ sagte ganz in der Nähe jemand unvorsichtig laut.
Lena hatte es hören müssen und zuckte zusammen; wie einen schmerzhaften Stich empfand sie es. Als ob sie jemand am Kleid packte und aus der reinen Höhe herunterrisse, so war’s ihr.
Das Lied war beendet. „Wir wollen aufhören,“ sagte sie zu Bredenhofer.
„Schon? O —! Tun Sie mir noch einen Gefallen, singen Sie mein Lieblingslied: ‚Wer machte dich so krank?‘! Hier,“ — er blätterte hastig — „Sie kennen es doch? Es ist so schön!“ Seine Finger tasteten wie liebkosend über die Klaviatur — ein paar unbestimmte Akkorde — er murmelte:
„Dass du so krank geworden,
wer hat es denn gemacht?“
Sie erschrak über den schwermütigen Ausdruck, der sein eben noch so heiteres Gesicht beschattete.
„Bitte, singen Sie es, Fräulein Langen, es passt zu Ihrer Stimme.
Dass ich trag’ Todeswunden,
das ist der Menschen Tun;
Natur liess mich gesunden,
sie lassen mich nicht ruhn.
Noch das Lied!“ Er sah sie bittend und sehnsüchtig an mit einem seltsam verwirrenden Blick.
„Ich kann nicht!“ Sie senkte den Kopf auf die Brust. „Ich bin heute zu glücklich!“
*
Während des ganzen Abends hatten sie zusammengehalten. Jetzt war es schon spät. Draussen stand der Mond wie eine mattglänzende Scheibe am Himmel. Ein leichter Frost hatte die Erde gestreift, die Pfützen waren eingetrocknet, und doch war es nicht kalt.
Bredenhofer schlug Lena den Kragen des Abendmantels in die Höhe, als sie miteinander vor die Tür traten. Sie erschauerte leicht. Drinnen war’s warm gewesen — das viele Licht, all die Menschen, und — und — Lena wusste selbst kaum, wie ihr zumute war. Glücklich auf jeden Fall; aber es war eine seltsame Unruhe, ein Vorwärtsdrängen, eine fieberhafte Erregtheit in diesem Glück.
Man hatte ihr sehr viel Schmeichelhaftes gesagt, die Hoheit ihr des längeren und breiteren von Poesie gesprochen und der begeisterte Freund und Kunstmäzen ihr enthusiastisch die Hände geküsst: „Kindchen, Kindchen, aus Ihnen wird noch was, ich hab’s ja immer gesagt — ganz charmant — und wie Sie aussehen!“ Er küsste sich entzückt die Fingerspitzen.
Er hatte recht — ein Blick im Vorüberstreifen in den Spiegel — sie sah’s auch, so hübsch war sie selten. „Nur ein bisschen Glück,“ murmelte sie unhörbar, und dann lächelte sie und legte die schlanken Hände an die glühenden Wangen. Ihre Augen waren glänzend, brennend, ihr Mund plauderte und scherzte; sie sagte, was sie sonst nie gesagt haben würde, sprudelnd witzig, und mitten drin biss sie sich mit den weissen Zähnen auf die tiefrote Unterlippe — nur nicht zu lustig!
Der ganze Tisch amüsierte sich über sie; sie fühlte die freundlichen, ja bewundernden Blicke, sie hörte die Komplimente und nahm sie mit naiver Freude hin. Alle waren gut, sehr gut zu ihr, und Bredenhofer vor allen; er wich nicht von ihrer Seite.
Sie plauderten dann mitten im Schwarm halblaut miteinander wie damals im Eisenbahnkupee; es gab ihnen so eine eigene Art von Vertrautsein. Manchmal in früheren Nächten hatte Lena, nicht des Reisegefährten, wohl aber des Kusses bei der Ankunft in Berlin gedacht; sie war dann unter die Decke gerutscht und hatte den Mund halb in Lächeln, halb in Verlegenheit verzogen, sie mochte sich selber nicht gern daran erinnern. Jetzt schämte sie sich gar nicht mehr; sie wusste, er dachte doch gut von ihr: das sprach aus seinen Augen, aus seiner Stimme, aus seinem ganzen Wesen. Und nun war ihr, als hätte sie immer, immer an den Reisegefährten gedacht, als wäre ihr die ganze Zeit über nichts anderes in den Sinn gekommen.
Als das Fest sich zu Ende neigte, hatte Bredenhofer gebeten, sie nach Hause bringen zu dürfen. „Es ist ein so märchenhaftes Glück, das mich mit Ihnen hier wieder zusammengeführt hat, lassen Sie mich’s auskosten, Fräulein Langen — lassen Sie mich!“
Und nun gingen sie. Hohl hallten ihre Schritte auf der einsamen Strasse. Vor ihnen das Trottoir, mit einem leichten Gespinst von Reif überzogen, glänzte wie Silber. Am Himmel unzählige Sterne, und mitten darin der Mond, ruhig im blaugrauen Äther schwimmend.
Bredenhofer, das elegante Stöckchen unter den Arm geklemmt, den kostbaren Pelzkragen seines Mantels halb geöffnet, schritt dicht neben Lena. Sein Gesicht schimmerte bleich im Mondlicht, etwas übernächtig, aber seine Augen blitzten; immer wieder glitt sein Blick auf das Mädchen an seiner Seite. Von ihrem zarten Gesicht war kaum etwas zu sehen. Es verschwand ganz unter der grossen rosa Wollkapuze; Frau Langen hatte die selbst gehäkelt.
Sie gingen schweigend eine ganze Weile. ‚Trapp, trapp‘ hallten ihre Schritte, und der Nachtwind kam und trieb die Löckchen unter der rosa Kapuze vor und zerrte sie in lange, seidige Strähnen. Bredenhofer hüstelte, fasste dann nach seinem Mantel und knöpfte ihn fest zu.
„Sind Sie erkältet?“ fragte Lena. Sie war froh, etwas sagen zu können. Und dann, ohne eine Antwort abzuwarten: „Es ist doch zu wunderbar, dass ich Sie früher nie bei Doktor Reuter getroffen habe! Ich war auch im vorigen Winter oft da.“
„Aber ich nicht!“ Er fasste wieder nach seinem Mantel und fühlte nach seinen Knöpfen. „Den vorigen Winter war ich im Süden, eine leichte Lungenentzündung machte die Nachkur nötig. Aber nun bin ich gesund, ganz gesund!“ Er lachte hell, dass es die Strasse hinunterklang.
Wie liebenswürdig, wie sorglos das Lachen klang! Mussten nicht die Schläfer da hinter den geschlossenen Jalousien alle aufwachen? Lena fühlte, wie ihr was im Herzen aufsprang; eine törichte, köstliche Jugendfröhlichkeit, die gar keinen Grund hat und auch gar nicht fragt: ‚weshalb?‘ übermannte sie. Sie machte einen kleinen Satz auf dem Trottoir und dann noch einen.
„Friert Sie auch nicht?“ fragte er.
„Frieren? Haha!“ Seine Frage bei der herrlichen Luft, dem klaren Mondschein, bei der Wärme, die sie tief innen spürte, machte sie lachen. Und nun klang auch ihr Lachen hell und fröhlich die Strasse hinab.
Sie lachten beide.
„Pst! Wir werden wegen nächtlicher Ruhestörung verhaftet!“ Er drückte sich noch näher an ihre Seite. „Wann sehen wir uns wieder, Fräulein Langen?“ Der Atem ging ihm rasch, seine hübschen Augen hingen flehend an ihr, er fasste nach ihrer Hand. „Ich habe sooft an meine liebenswürdige Reisegefährtin gedacht; nun habe ich sie kaum wiedergefunden und soll sie schon wieder lassen?“
Lena wurde verlegen; es schwebte ihr auf den Lippen, zu sagen: „Kommen Sie doch zu uns!“ Sie glaubte die Bitte darum deutlich aus seinen Worten herauszuhören, aber sie dachte an ihre Mutter, was die wohl sagen würde, wenn sie ihr einen fremden Herrn auf den Hals lüde. Sie wurde noch verlegener. „Ich — ich würde Sie gern auffordern — zu uns zu — aber —“
„Nein, nein,“ unterbrach er sie, „nur Sie will ich sehen — muss ich sehen! Ah“ — er liess ihre Hand los und fuhr sich mit der nervösen Bewegung über die Stirn — „ich bin ein Feind von Formalitäten. Für freie Naturen sind sie der Tod.“ Er sah ihr tief in die Augen, seinen Schritt hemmend und vor ihr stehenbleibend. „Fräulein Langen, wir müssen uns zuweilen sehen; sagen Sie mir, wann und wo Ihre Stunden sind, ich werde Sie dann dort abholen oder hinbringen.“
Sie schrak leicht zusammen. „Ich — ich — oh —!“ Sie schüttelte verneinend den Kopf.
Er lachte plötzlich bitter auf, mass sie von Kopf bis zu Füssen und lachte noch einmal bitterer. „Natürlich! Wie die anderen Mädchen auch, prüde, ängstlich! Und ich dachte, Sie, gerade Sie könnten sich über das Alltägliche erheben; Sie könnten einem Mann, der umhertappt und sehnsüchtig das Ideal sucht, das Ideal sein!“ Er fasste ihren Arm und presste ihn derb in seiner Erregung. „Ah, Fräulein Langen, Sie wissen nicht, was das heisst, als junger Mann haltlos im Leben taumeln! Das Viele, das Viele bringt einen um! Ich wünschte, ich wär’ ein Schuster oder Schneider und hätte gar kein Talent und gar kein Streben, dann wär’ mir wohler. Ich hätte wenigstens Ruh’. Aber so!“ Er fasste nach seinem Schnurrbart und klemmte ihn zwischen die Zähne. — „Äh!“ —
„Ach!“ Lena war blutrot geworden. „Es tut mir sehr leid,“ sagte sie leise.
„Ja“ — mit einem gewissen schwermütigen Behagen fuhr er fort — „man hat erst Ruhe, wenn man im Grab liegt. Verstehen und bedauern wird einen dann zwar auch noch keiner. ‚Der hat’s zu nichts gebracht‘, sagen sie und zucken mit den Achseln. Es ist zum Verzweifeln!“ Er beschleunigte seinen Schritt und riss Lena mit sich.
Sie waren jetzt schon in der Potsdamer Strasse, bald waren sie am Ziel. Lena fühlte das dringende Bedürfnis, ihm etwas Liebes zu sagen. Sie tastete nach seiner Hand und drückte sie. „Ich glaube, es ist wohl jedem Talent so zumut!“
„Das Talent, das Talent! Das ist’s ja eben!“ Er fuhr sich wieder über die Stirn. „Fräulein Langen“ — in einer plötzlichen Begeisterung hielt er ihre Hand fest — „ein mächtiges Fluidum strömt von Ihnen zu mir, von mir zu Ihnen. Der gleiche Funke von oben hat knisternd unser Haar berührt!“
Er rannte vorwärts mit langen Schritten; sie hatte Mühe, Schritt zu halten, keuchend lief sie nebenher.
Er sah traurig und finster aus, die Stirn in viele Falten gezogen; im gegenseitig sich bekämpfenden Mondund Laternenlicht waren sie deutlich genug zu erkennen, die tiefen Runen, wie in einem alten Männergesicht. „Und Sie wollen nicht?“ sagte er hastig. „Sie könnten mir so viel Gutes tun, wir könnten so schön alles miteinander besprechen! Ich bin kein schlimmer Kerl“ — er sah ihr offen ins Gesicht mit einem treuherzigen Lächeln, das ihn sehr verschönte und seinen Zügen einen fast knabenhaften Reiz lieh —, „Sie brauchen keine Sorge zu haben, ich mein’s ganz ehrlich!“
Seine Stimme klang warm, gewissermassen zärtlich; so spricht man zu einem Kind: „Fürchte dich nicht!“
Lena sah in seine Augen, deren Weiss im ungewissen Licht in seltsam feuchtem Schimmer schwamm; sie schlug die ihren rasch nieder. „Ich will ja — ich will ja,“ sagte sie ängstlich stockend und doch mit einer gewissen Freudigkeit.
„Dank!“
Und dann sprachen sie beide nichts. Es war eine lange Pause, in der nur ihre Tritte hallten und in der Ferne ein Echo fanden. Da gingen auch Menschen, aber so weit, so weit!
Die Sterne blinzelten und zuckten am Himmel. Ein Lufthauch kam durch die stille Nacht und säuselte in den kahlen Bäumen am Trottoirrand.
„Wie im Frühling,“ flüsterte Lena.
„Es ist auch Frühling — bei mir,“ sagte er ebenso leise.
Sie bogen in die letzte Querstrasse ein, sie hielten vor einem hochstöckigen Haus. „Ich danke Ihnen vielmals; nun bin ich zu Haus!“ Lena zog den Schlüssel heraus.
Er nahm ihn ihr ab und steckte ihn zögernd ins Schloss. „Fräulein Langen“ — er beugte sein Gesicht ganz nahe an das ihre — „nun sagen Sie mir, wann, wann darf ich Sie wiedersehen? Morgen, übermorgen, bitte!“
„Übermorgen!“ Es klang wie ein Hauch. Dann hastig: „Bitte, schliessen Sie auf, bitte, ich muss rasch hinauf!“
Er drehte langsam den Schlüssel. „Und ich darf Sie hier erwarten, hier vor der Tür? Um welche Stunde? Bitte!“
„Um zehn!“ Sie musste plötzlich lachen, als sie sein Gesicht sah. „Es ist sehr früh für Sie, nicht wahr?“
Ihr liebes Gesicht blinzelte ihn schelmisch an — was sie für Augen hatte, kinderrund und blank und doch abgrundtief!
„Ich — ich — Fräulein Langen — Lena —!“ Er war wie trunken, er fasste, gleichsam einen Halt suchend, nach dem Mädchen. Seine Rechte schmiegte sich unter das rosige, kühlglatte Kinn; mit der Linken zog er sie an der widerspenstigen Haarlocke über der Stirn sacht näher und näher. Ihr Kopf lag an seiner Brust; die rosa Kapuze hing ihr im Nacken.
„Lieb — so lieb!“ flüsterte er auf den braunen Scheitel herunter.
Sie nickte stumm.
War’s ein Kuss, den sie da oben auf ihrem Haar fühlte, eine liebkosende Hand in ihrem Nacken?
„Gute Nacht!“ Sie riss sich los. Und nun noch einmal mit Lächeln: „Gute Nacht!“ Die Tür sprang auf — jetzt war sie geschlossen.