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Jakob und das Glück
Bei anderen Kindern ist alles ganz einfach. Sie wachsen bei einer Frau im Bauch heran, dann werden sie geboren und die Frau nimmt sie mit nach Hause, sie ist deren Mutter. Und wenn sie Glück haben, sind da noch ein Vater und Geschwister oder vielleicht sogar ein Hund.
***
Warum ist das bei mir anders und so kompliziert?
Wo ist meine Mutter und wo ist mein Vater? Von Geschwistern kann auch keine Rede sein. Aber so ganz hoffnungslos ist mein Fall doch nicht. Ich habe einen Hund.
Wie kam das alles?
Also, ich wohne in einem Heim, aber das ist nicht schlimm. Die Frau Schneider ist sehr lieb zu mir. Ich glaube, sie mag mich besonders und war auch dafür verantwortlich, dass ich zu einem Hund kam.
Das war so:
Eine Frau und ein Mann kamen zu mir ins Heim und wollten, dass ich bei ihnen zu Hause wohnte. Im Bauch der Frau konnten wohl keine Kinder wachsen, hatte ich irgendwie mitbekommen. Herr Franz, der Heimleiter, stellte mir die Frau und den Mann vor. Es wurde einiges besprochen, was ich nicht so genau verstand. Die Frau schaute zu mir mit einem breiten Lächeln und der Mann nickte immer zu dem, was die Frau sagte.
Ich fand beide doof und habe nicht viel gesprochen. Herr Franz verkündete dann, dass ich für eine bestimmte Zeit zu der Frau und dem Mann nach Hause ziehen sollte.
Es war nicht schlecht bei den beiden. Ich hatte ein Zimmer mit vielen Spielsachen. Dazu einen Schreibtisch für die Schulaufgaben und ein schönes Bett. Aber am tollsten fand ich Freddy, den Hund der Frau und des Mannes. Freddy war ein Jack Russell Terrier und fünf Jahre alt.
Ich war neun Jahre alt und habe mich sofort in Freddy verliebt. Mit ihm zusammen zu sein, war für mich das Allergrößte.
Frau Ludwig und Herr Ludwig, so hießen die Leute, denen der Hund gehörte und bei denen ich insgesamt acht Wochen wohnte, haben viel getan, damit ich mich wohlfühlte. Aber es gab etwas, ich kann es nicht beschreiben, das mich hinderte, Mama und Papa zu ihnen zu sagen. Den beiden ging es wohl genauso und das breite Lächeln von Frau Ludwig wurde immer seltener. Das war aber kein Problem. Ich fand es sowieso blöd.
Irgendwann wurde mir klar, wenn ich nicht bei den beiden blieb, würde ich auch Freddy verlieren. Es tat richtig weh, wenn mich der Gedanke daran erfasste. Ihn wollte ich nicht verlieren. Immer öfter hatten wir gemeinsam riesigen Spaß und Freude am Herumtollen.
Nach den acht Wochen kam ich wieder ins Heim zurück. Frau und Herr Ludwig konnten mir doch keine Mutter und kein Vater sein. Frau Ludwig verlor ihr Lächeln ganz und Herr Ludwig blickte nur noch stumm drein.
Herr Franz war von meiner Rückkehr nicht begeistert, aber Frau Schneider konnte mich verstehen. Am schlimmsten war der Abschied von Freddy. Er fehlte mir und ich dachte oft an ihn, ja, ich habe manchmal sogar geweint.
Einmal nachts kam Frau Schneider zu mir und wollte wissen, warum ich weinte. Ihr habe ich dann alles über Freddy und mich erzählt. Wenn ich schon keine Mutter und keinen Vater hatte, konnte ich dann nicht wenigstens Freddy bei mir haben? Frau Schneider strich mit der Hand über mein Haar, gab mir einen Gute-Nacht-Kuss und ging.
So ging es etwa noch vier Wochen lang. Ich konnte nur an Freddy denken und in der Schule bekam ich schlechtere Noten.
„Warum habe ich kein Glück?“ Dieser Gedanke spukte mir immerzu durch den Kopf und dann kam der Tag, der alles veränderte.
Herr Ludwig tauchte mit Freddy bei mir im Heim auf. Freddy konnte sich gar nicht beruhigen. Er sprang an mir hoch und stupste mich immerzu, bis wir beide am Boden lagen und ich vor Lachen kaum noch Luft holen konnte.
Herr Ludwig lächelte diesmal sogar und gestand mir, dass auch Freddy unter unserer Trennung litt. Er sei traurig geworden und habe mich oft in der Wohnung gesucht.
Frau Schneider und Herr Ludwig blickten einander an und nickten sich zu, als hätten sie eine Abmachung getroffen.
Und dann kam von Herrn Ludwig das Größte. Er erklärte mir, dass ab sofort Freddy mir gehöre. Frau Schneider hätte sich bei ihm dafür eingesetzt.
Ich konnte es nicht fassen und war überglücklich.
Freddy konnte nicht zu mir ins Heim ziehen, aber an den Wochenenden darf ich mit ihm so oft zusammen sein, wie ich möchte. Und sollte ich das Glück haben, dass mich jemand als Kind mit Hund bei sich aufnehmen möchte, dann darf ich Freddy sogar mitnehmen.
Manchmal kann alles so einfach sein.