Читать книгу DDR aus der Schublade - Dieter Winkler - Страница 100

27. 8. 66

Оглавление

Besuch bei Georg Lukacs in Budapest.

Betrachte man die geistige Situation im gegenwärtigen Europa, so finde man, meint er, zwei bemerkenswerte Entwicklungslinien, Ströme, Tendenzen:

• Im Westen eine Zunahme der Beschäftigung mit Marx, besonders von Seiten Intellektueller; die von einem wissenschaftlichen Standpunkt her kämen, nicht von dem der Partei und ihrem politischen Kampf her. In seiner Studentenzeit hätte es Marx an den Universitäten nicht gegeben, heute wäre kein bedeutender Gesellschaftswissenschaftler, der auf sich halte, ohne Marx-Rezeption denkbar (Beispiele Adorno, Habermas).

• Im Osten gäbe es eine zunehmende Rückbesinnung auf die Quellen, die Originale, die Klassiker, zu denen er auch Lenin zählt. Für ihn wäre der nicht nur ein Vorgänger Stalins. Lenin wäre die Zeitbezogenheit seiner Maßnahmen, siehe Kriegskommunismus, immer klar gewesen; erst Stalin habe die Not zur Tugend erhoben.

Bei der Aufarbeitung der letzten Jahrzehnte der kommunistischen Bewegung gäbe es Zugeständnisse an die „bürgerliche Wissenschaft“: bei Schaff an die Semantik, die doch ein Kind des Neopositivismus sei, bei Ernst Fischer gegenüber dem Katholizismus; Havemann, der es unter der „Fuchtel Ulbrichts“ als tapferer und integrer Mann schwer habe, sei im Grunde ein Neopositivist, aber kein Marxist.

Die Misere des heutigen Kommunismus sei verursacht durch das Fehlen einer marxistischen Analyse des heutigen Kapitalismus. Die letzte sei von 1916, Lenins „Imperialismus“, aber die sei mit großen Fehlern behaftet: z.B. habe das Monopol die Konkurrenz im Kapitalismus nicht beseitigt.

Ich schilderte Lukacs, wie sehr ich durch das 11. Plenum deprimiert worden sei, ein Gefühl der Ausweglosigkeit, der Sinnlosigkeit alles Tuns hätte mich ergriffen. Daraufhin er: Der Prozess der Rückbesinnung auf Marx sei ein evolutionärer Prozess, dabei gäbe es natürlich Wellenbewegungen, aber wenn er sich die Ergebnisse der letzten zehn Jahre ansehen würde, existiere doch ein Fortschritt. 1956 hätte Aragon niemals seinen scharfen Protest gegen die Verurteilung von Daniel und Sinjawski in der ‚Humanite’ veröffentlichen können, hätte das Warschauer PEN-Komitee nicht dagegen protestiert. Man müsse geduldig sein, aber selbst immer etwas für diesen Prozess tun, die eigenen, freiheitlichen Gedanken weitertragen, selbst wenn nur zehn von 100 Leuten diese Anregungen aufnehmen würden. Und dafür müsse man den vorhandenen Spielraum nutzen, es wäre immer welcher da. Als Becher, der in der Sowjetunion unter dem Stalinismus seelisch sehr gelitten hätte, ihn gefragt habe, wie weit reiche denn dieser Spielraum, habe er, Lukacs, ihm geantwortet: Das wirst du schon sehen, wenn wir an die Wand stoßen. Und deshalb habe es eben immer wieder „Affären Lukacs“ gegeben. Als 1953 in der Sowjetunion der Einfluss der Staatssicherheit zurückgedrängt worden sei, habe man deren Leiter Berija erschießen müssen, jetzt, 1966 in Jugoslawien, sei der serbische Berija Rankovic nur in Pension geschickt worden. Er selbst wohne hier in Budapest über der Donau und veröffentliche gelegentlich etwas in westlichen Zeitungen, was der Führung nicht gefalle. Aber ihm passiere nichts mehr.

Lukacs meinte aber auch, dass ich bei aller Kritik nicht vergessen sollte, hätte die Sowjetunion nicht den II. Weltkrieg gewonnen, dann hätten wir jetzt einen „Welthitlerismus“ und der Sozialismus müsste vielleicht von Südamerika her neu beginnen. Zwar seien sich der Stalin’sche Kommunismus und der Hitler’sche Faschismus äußerlich nicht unähnlich. Aber im Kommunismus ist Rückbesinnung auf den Humanismus möglich, weil er von daher kommt. Der Faschismus dagegen basiert auf einer antihumanistischen Ideologie. Das sei der elementare Unterschied.

DDR aus der Schublade

Подняться наверх