Читать книгу Das letzte Wort hat immer der Tod - Dietrich Novak - Страница 4
1. Kapitel
ОглавлениеEs begann wie üblich. Wir wurden zu einem Tatort gerufen. Ausnahmsweise mal nicht mitten in der Nacht, sondern in den frühen Vormittagsstunden. Es handelte sich um die Wiclefstraße in Moabit. Einer aufmerksamen Mieterin war aufgefallen, dass in der Erdgeschosswohnung im Seitenflügel etwas nicht stimmte. Die ältere Frau erwartete uns bereits auf dem Hof. Ebenso zwei Hauptwachmeister aus dem Polizeirevier in der Perleberger Straße. Wir stellten uns kurz gegenseitig vor und wendeten uns dann an die Mieterin.
»Wissen Se, die Meta steht mit de Hühner uff«, sagte die beleibte Dame. »Dass da am Vormittach noch de Jardinen zujezogen sind, hat`s noch nie jejeben. Da muss wat passiert sein.«
»Haben Sie schon energisch an die Tür geklopft?«, fragte Hinnerk.
»Ja, wat denken Sie denn? Und an de Fenster ooch. Aba Meta kann wohl nich’ mehr antworten.«
»Wie kommen Sie darauf, dass es sich um ein Verbrechen handeln könnte?«, hakte ich nach. »Vielleicht ist Ihre Bekannte nur gestürzt oder im schlimmsten Fall eines natürlichen Todes gestorben.«
»Der olle Albrecht aus’m vierten Stock – ick wohne oben im zweeten – hat jestern Abend so’n fremdet Jesindel uff’m Hof jeseh’n. Keen Wunder, die Tür steht ja Tach und Nacht offen. Die sind gleich pampich jeworden, als er se anjesprochen hat. Mehrere Tüten soll’n se dabei jehabt ha’m. Und da er se vorher nich’ uff de Treppe jehört hat, können se eijentlich nur im Erdjeschoss gewesen sein. Mensch, Herr Albrecht, hab ick zu ihm jesacht. Warum ha’m Se denn nich’ bei Meta jekloppt? Hab ick ja, hatter jesacht. Aba die hat nich uffjemacht. Da dachter, dass se jarnich’ zuhause is’. Wo soll die Meta denn noch am Abend sein? Hab ick ihn jefracht. Da hatter nur mit de Schultern jezuckt. Bei dem fällt der Groschen manchmal nen bisken spät, wissen Se.«
»Hat denn Ihre Bekannte – wie heißt sie eigentlich mit vollem Namen? – so einfach Fremden die Tür aufgemacht?«, wollte ich wissen.
»Die Meta Wischnewski is zu jut für diese Welt und meistens völlig arglos. So oft hab ick ihr schon jesacht … Ach, ick soll nich’ immer bei jedem det Schlecht sehen, meinte se. Wenn die jekloppt ha’m, um nach eener Person zu fragen, die hier jarnich’ wohnt, oder nen Glas Wasser haben wollten, hat se bestimmt keene Falle dahinter jewittert. Ick bin übrijens die Olga Kunze. Nich’ Kunz wie Hinz und Kunz …«
Ich verkniff mir ein Lächeln. »Gibt es in diesem Haus einen Hausmeister, der uns die Tür öffnen kann?«
»Sie glooben wohl ooch noch an den Weihnachtsmann? Der lässt sich eenmal de Woche seh’n, wenn’s hoch kommt, weiler noch zich andre Häuser im Bezirk betreut. Die Zeiten, wo wa noch Portierleute im Haus wohnen hatten, sind längst Jeschichte. Aba wenn Se Werkzeuch brauchen, dit kann ick Ihn’ jeben.«
»Tja, Kollegen, da seid Ihr wohl gefragt«, sagte Hinnerk.
»Warte mal, das haben wir gleich«, antwortete Hauptwachmeister Michael Böhme, dessen trainierter Körper fast die Uniform sprengte. Er warf sich zweimal gegen die alte Holztür, die augenblicklich nachgab.
Auf dem schmalen Korridor gab es dann vorübergehend einen kleinen Stau, als wir zu viert hineingingen. Verursacht durch Herrn Böhme, der abrupt in der Tür zum Wohnzimmer stehen blieb.
»Pfui Deibel. Das ist mit Sicherheit etwas für Euch«, rief er aus und machte uns Platz.
Mitten im Zimmer lag eine alte Frau auf dem Fußboden, deren Gesicht durch mehrere Hämatome und getrocknetes Blut völlig entstellt war. Um den leblosen Körper herum gab es eine angetrocknete Lache, und auf ihrer Brust befand sich ein Kothaufen.
»Hat Frau Wischnewski ein Haustier?«, rief Hinnerk in Richtung Flur.
»Nee. Hunde sind nich’ so ihr Ding. Und jegen Katzen isse allergisch, hat se mir mal erzählt. Wat is denn mit Meta?« Frau Kunze betrat den Flur und wollte einen Blick riskieren. Doch der Wachtmeister hinderte sie daran.
»Bleiben Sie bitte draußen. Damit keine Spuren verwischt werden«, sagte er energisch.
»Na, dafür ha’m Sie ja schon jesorcht …«
»Kommen Sie, ich begleite Sie nach oben«, sagte ich. »Bei der Gelegenheit kann ich gleich den Mieter aus dem vierten Stock befragen. Mein Kollege ruft derweil die Spurensicherung und die Rechtsmedizin.«
»Ick hab zwar nen paar Pfunde zu viel uff de Rippen, kann aba noch alleene jeh’n.«
»Ich meinte es mehr im übertragenen Sinn. Gehen Sie nur vor …«
»Sie ha’m wohl Angst, dass ick doch noch nen Rückzieher mache und mir Meta ankieke?«
»Das weniger«, lächelte ich. Dieses Berliner Urgestein war einfach zu köstlich. »Aber Sie kennen den Weg besser, den wir gemeinsam haben.«
»Ick hab noch nie jehört, dass sich eener uff de Treppe valoofen hat … Aba ejal. Wenn Sie mein Hintern nich stört … Wissen Se, ick hab schon hier jewohnt, da hatten wa noch Ofenheizung. Und det Treppenhaus war nich so uffjemotzt wie heute. Nach der Restaurierung musste allet vom Feinsten sein, damit se de Mieten schön in de Höhe treiben konnten. Mein alter Mietvertrach hat mir vor det Schlimmste bewahrt. Die neuen Mieter zahlen bis zu det Vierfache.«
»Ja, es ist eine Schande, wie heute mit Wohnraum spekuliert wird. Da gebe ich Ihnen Recht. Wie sagten Sie, heißt der Mieter aus dem vierten Stock?«
»Albrecht, Rüdiger Albrecht. Ihr Jedächtnis is ooch nich’ det beste, wa?«
»Im Allgemeinen schon. Und Sie haben wirklich nichts gehört? Oder Ihre Nachbarn?«
»Nee, sonst hätt ick sofort Alarm jeschlagen. Und meene Nachbarn könn’ Se in der Pfeife rauchen. Die saufen sich den janzen Tach die Hucke voll. Abends sind die breit.«
»Gut, Frau Kunze, es kann gut sein, dass wir uns noch einmal bei Ihnen melden.«
»Dit könn’ Se halten wie’n Dachdecker. Aba mehr, als ick Ihn’ jesacht habe, weeß ick ooch nich’.«
»Vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein. Wir müssen ohnehin Ihre Aussage noch zu Protokoll nehmen. Also, bis später!«
Olga Kunze verschwand grummelnd in ihrer Wohnung, und ich stieg noch zwei Etagen höher hinauf.
Rüdiger Albrecht wollte zuerst nicht öffnen. Erst als ich meinen Dienstausweis vor den Spion hielt, klapperte das Schlüsselbund im Schloss und kurz darauf erschien ein grauhaariger, älterer Mann mit Strickjacke und ausgebeulten Hosen in der Tür.
»Entschuldigen Sie«, sagte er mit leiser Stimme, »aber wie man sieht, kann man nicht vorsichtig genug sein. Obwohl sich eher selten jemand hier nach oben verirrt. Was ist denn mit Frau Wischnewski?«
»Sie ist tatsächlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Wie es auf den ersten Blick scheint, sogar einem besonders grausamen.«
»Seh’n Sie, das wird das junge Gesindel gewesen sein. Er war frech und unhöflich, und sie hat nur hämisch gegrinst.«
»Demnach waren es nur zwei?«
»Sag ich doch. Ein Mann und eine Frau.«
»Können Sie die beiden beschreiben? In etwa das Alter und den Kleidungsstil.«
»Er war so ein Rotblonder mit verfilzten Haaren, die wie Würmer aussahen. Und sie war so kurz geschoren, als käme sie geradewegs aus dem KZ. Schrecklich, wie die jungen Leute heutzutage herumlaufen. Sie hatten beide Jeans und Turnschuhe an und diese grünen Fliegerjacken. Zum Alter kann ich nicht viel sagen. Im Schätzen bin ich nicht besonders gut. Zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig, würde ich sagen.«
»Danke, das ist doch schon was. Warum kamen Ihnen die beiden verdächtig vor?«
»Einmal hatte ich sie vorher noch nie hier im Haus gesehen, und sie hatten es ziemlich eilig, davonzukommen. Sie hätten mich fast umgerannt. Kurz zuvor hatte ich eine Tür zuknallen gehört. Von der Lautstärke her konnte es nur im Erdgeschoss gewesen sein. Als ich bei Frau Wischnewski nachfragen wollte, hat sie nicht geöffnet. Und gegenüber hat auch keiner aufgemacht.«
»Wer wohnt im Erdgeschoss gegenüber von Frau Wischnewski?«
»Ein türkisches Ehepaar mit zwei kleinen Kindern. Ich meine, theoretisch hätten die beiden auch von dort gekommen sein können, aber da auf mein Klingeln niemand öffnete, ist es eher unwahrscheinlich.«
»Was fanden sie noch an dem Pärchen verdächtig, außer dass es Ihnen fremd war und scheinbar keine Manieren hatte?«
»Das freche Benehmen. Geh’ aus dem Weg, du oller Sack, hat er zu mir gesagt. Man merkte sofort, dass die beiden keinen Respekt vor dem Alter hatten. Mehr noch, sie kamen mir fast hasserfüllt vor. Und die vielen Tüten … Wer geht schon zu Besuch, wenn er vorher einkaufen war? Und dass Frau Wischnewski ihnen die mitgegeben hat, halte ich für ausgeschlossen. Es sei denn, sie hat tüchtig aussortiert.«
»Und trotz allem haben Sie nicht die Polizei informiert?«
»Nein, ich wollte mich nicht lächerlich machen. Was anderes wäre es gewesen, wenn ich ein Stöhnen oder Hilferufe aus der Wohnung gehört hätte. Aber es war alles ruhig. Vielleicht sind sie doch aus dem ersten Stock gekommen, dachte ich.«
»Wer wohnt im ersten Stock?«
»Ein junger Mann, der selten zuhause ist, und eine ältere Dame, die etwas schwer hört.«
»Könnten Sie an einem der nächsten Tage ins Präsidium kommen und mal in unsere Kartei sehen? Vielleicht erkennen Sie das Pärchen wieder. Wenn es nicht drin ist, könnten wir mit Ihrer Hilfe ein Phantombild anfertigen.«
»Ja, das kann ich machen. Wo ist denn das, bitte?«
»In der Keithstraße. Hier ist meine Karte. Einen schönen Tag noch, und bis bald!«
»Ihnen auch. Auf Wiedersehen!«
In der ersten Etage hatte ich kein Glück. Bei beiden Wohnungen machte niemand auf. Dafür kam mir im Erdgeschoss eine türkische Familie entgegen, die die linke Wohnung ansteuerte. Ich stellte mich kurz vor und sprach den Mann an.
»Hatten Sie gestern Abend Besuch von einem jungen Paar?«, fragte ich direkt.
»Nein, wir gestern nicht zuhause. Haben bei Bruder übernachtet, der Grundstück hat.«
»Danke für die Auskunft. Dann können Sie mir nicht weiterhelfen. Aber eine Frage hätte ich noch: Ist Ihnen in letzter Zeit jemand auf dem Hof aufgefallen, den Sie nicht kannten? Im Besonderen ein junger, rothaariger Mann mit Rasterlocken und eine Frau mit kurzrasierten Haaren?«
»Nein, ich nicht gesehen. Du, Ayshe?« Der Mann fragte seine Frau auf Türkisch. Die schüttelte daraufhin nur den Kopf.
»Vielen Dank«, sagte ich, denn die Geste erklärte sich von selbst.
Hinnerk, der meine Stimme im Hausflur gehört hatte, öffnete die Tür und winkte mich herein.
»Hast du was herausfinden können?«, fragte er.
»Nicht viel. Eine vage Beschreibung von einem jungen Paar, das sich hier herumgetrieben hat. Aber die können auch ganz woanders gewesen sein. Leider hat in der ersten Etage niemand geöffnet.«
In diesem Moment kam Manfred Hoger von der Spurensicherung aus dem Zimmer.
»Hallo, Manfred. Kannst du schon was sagen?«
»Es handelt sich um die sechsundsechzig-jährige Meta Wischnewski. An der Tür gibt es keine Einbruchsspuren, außer denen, die die Kollegen vom Revier verursacht haben. Im Zimmer ist alles durchsucht worden. Mehrfach geöffnete Schubladen und sogar aufgeschlitzte Kissen. In den Schränken gibt es einige Lücken. Die Frau muss ihre Mörder freiwillig hereingelassen haben, die sich daraufhin tüchtig bedienten. Ansonsten ist mir von so viel Brutalität und Menschenverachtung speiübel. Aber dazu werden euch die Kollegen von der Rechtsmedizin mehr sagen.«
»Danke, Manfred. Wir erwarten dann euren Bericht.«
»Ich muss mal an die frische Luft«, sagte Hinnerk, »derweil du dich mit deiner Stella unterhältst. Danach versuche ich es noch mal im ersten Stock. Irgendjemand muss doch was gehört haben.«
»Tu das. Aber es ist schon lange nicht mehr meine Stella, das weißt du genau.«
Hinnerk winkte ab und ging nach draußen.
Ich begrüßte Knud Habich und Stella Kern, in die ich einmal sehr verliebt gewesen war, was mir Hinnerk gelegentlich noch immer unter die Nase rieb, obwohl sich Stella inzwischen für eine andere Frau entschieden hatte.
»Hallo, meine Liebe«, sagte Stella, als sie auf mich zukam. »Mach dich auf etwas gefasst.«
»Ja, ich seh’ schon. Da hat sich jemand tüchtig ausgetobt. So, wie es hier riecht, sind das also wirklich Exkremente?«
Stella nickte. Bei der angetrockneten Lache handelt es sich um Urin, der höchstwahrscheinlich nicht vom Opfer stammt. Und der Kothaufen auf der Brust spricht für sich. Der oder die Täter müssen total irre sein oder unter Drogen gestanden haben.«
»Und was ist das für ein Stück Fleisch in der Tüte?«, wollte ich wissen.
»Das ist die Zunge des Opfers. Man wollte es wohl am Schreien hindern. Die alte Frau ist höchstwahrscheinlich an ihrem Blut erstickt.«
»Wie ekelhaft. Wer kann nur so grausam sein und so viel Hass empfinden?«
»Das herauszufinden, ist deine beziehungsweise eure Aufgabe.«
»Auf den Spruch habe ich gewartet. Danke, dass du mich daran erinnerst.«
»Bist du heute besonders empfindlich?«
»Wundert dich das? Angesichts dieser Sauerei, stelle ich mir zum wiederholten Mal die Frage, ob ich den richtigen Beruf ergriffen habe. Wenn es nur noch darum geht, kranke Spinner zu jagen, verzichte ich gerne.«
»Ein gewisser Werteverfall und die Nichtachtung menschlichen Lebens lassen sich heutzutage leider nicht mehr wegdiskutieren. Und nach den Opfern sind wir die Ersten, die davon betroffen werden.«
»Wie wahr. Aber das macht es nicht leichter.«