Читать книгу Grünkohlsuppen-Blues - Eileen Schlüter - Страница 6

Kapitel 1 »Hören Sie bitte, Sie müssen mir helfen, meinen Körper zu finden!«

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An einem kalten Tag im November

Ich war mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich glaubte zu träumen. Und wie mir der Schädel dröhnte, mein lieber Scholli.

Ein Piepen...

Keine Ahnung, was genau das war, doch irgendetwas piepte hier. Unmittelbar gesellte sich ein weiteres, Gänsehaut heraufbeschwörendes Geräusch zu diesem rhythmischen Piepen. Es klang wie Stuhlbeine, die, ohne Rücksicht auf anderer Leute empfindsame Gehörgänge, über Linoleum-Fußboden geschoben wurden.

Ein logisches Prinzip verfolgend, lauschte ich den sich stetig abwechselnden Tönen. Doch auch, als sich zum krönenden Abschluss noch schrilles Gekreische einreihte, welches meinen Adrenalinspiegel dramatisch in die Höhe schießen ließ, wurde ich nicht schlau aus diesem ohrenbetäubenden Spektakel. Nur, so viel stand fest: Dieser Krach war nicht zum Aushalten!

Ich öffnete die Augen, meine Lider waren schwer wie Blei. Voller Anstrengung forschten meine Pupillen nach der Lärmquelle.

Aha, ich hatte mich also nicht verhört. Hier waren KINDER!!!

Hatte ich schon erwähnt, dass Kindergeschrei die absolute Nummer eins auf meiner Hassliste der einhundert nervtötendsten Geräusche war? Dicht gefolgt von Staubsauger- und Waschmaschinenlärm. Nicht, dass ich je damit zu tun gehabt hätte. Weder mit Kindern, noch mit irgendwelchen Haushaltsgeräten, die keinen Latte Macchiato, Moccaccino oder andere koffeinhaltige Getränkespezialitäten hervorbringen.

Wo bin ich überhaupt?

Mein schläfriger Blick glitt einmal quer durch den Raum und ich entdeckte… eine kuriose Verkabelung zwischen mir und einem grünen Piepsautomaten. Ich lag in einem Bett, wobei ich ausschließen konnte, dass es sich dabei um mein eigenes handelte. So eine harte Matratze und dermaßen steife Bettwäsche besaß ich nicht! Und überhaupt sah es hier nicht aus, wie in meinem Schafzimmer. Das hier war eines dieser typischen Krankenzimmer mit pastellgelben Wänden und scheußlichen Kunstdrucken von Kornblumenfeldern und Leuchttürmen. Oder – auch sehr beliebt – Gemälde von düsteren, bauchigen Tonvasen, die in der Gegend herumstehen und deren dekorative Intention sich meinem eigenen, nicht unwesentlichen Kunstverständnis entzieht.

Soweit so gut. Ein Krankenzimmer also. Offenbar musste ich krank sein. Na gut, irgendwie fühlte ich mich auch ein bisschen schlapp. Okay, das war untertrieben, mir ging es echt beschissen.

Kein Wunder also, dass die berechtigte Frage aufkam, weshalb hier drei kreischende, möbelrückende Rotznasen durch’s Krankenzimmer hüpften, was einer schnellen Genesung ja nun nicht gerade förderlich war. Unerhörterweise handelte es sich auch noch um ein Mehrbettzimmer. Wenigstens waren die beiden Nachbarbetten nicht belegt, das fehlte noch. Als Privatpatientin stand mir doch wohl ein Einzelzimmer zu.

»MAMI...! «, kreischten die drei Knirpse mit ihren schrillen Stimmen, die mein Trommelfell auf unangenehme Art in Vibration versetzten. Keine zwei Sekunden später standen die Kinder (übrigens alles Jungs) neben meinem Bett und sechs Kulleraugen in der Farbe von Enzian glubschten mich an. Meinte ich das nur oder sahen sich diese drei Kinder tatsächlich zum Verwechseln ähnlich? Was für Medikamente hatte man mir hier bloß verabreicht? Mein Gott, mein Zustand war wohl kritischer als ich angenommen hatte.

»Mamiii..!«

Wie war das?

Hatten diese kleinen Monster mich gerade Mami genannt?

Im nächsten Moment schwang die Tür auf, eine opulente Dame in Weiß starrte mich entgeistert an und rief: »Na, da schau her. Gott sei Dank sans endli aufgwacht. A herzlichs griaß Gott auf da Neirologie, Frau Gaulkötter.«

»Wer?«

»I bin d Schwester Resi, stäivertretnde Stationsschwester!« Sie lächelte mich an. Ich gaffte verwirrt zurück. Denn, erstens verstand ich kein Bayrisch. Zweitens: Was war hier los? Und drittens: Könnte nun endlich mal jemand diese lärmenden Kleinkinder abholen!?

»Was mache ich hier?« Meine Stimme war nur ein Krächzen. Genau genommen, ein kaum hörbarer Hauch von einem Krächzen, was mich allerdings so unendlich viel Kraft kostete, dass ich mich erschöpft ins Kissen zurücksinken ließ. Schwester Resi watschelte an mein Bett, entfernte geschickt die Kabelage und den Piepsautomaten und richtete (meines Ermessens ein wenig zu grob) meinen steifen Oberkörper auf.

»Noch ana ganzn Woch Koma is hoid oiß noch a wengerl gstarrig vom vuin Rumliegn, aba des werd scho wieda, Frau Gaulkötter!«

Mir klappte die Kinnlade herunter. Meine Gedanken zentralisierten sich auf ihre eben gesagten Worte. Soviel hatte ich verstanden: Ich hatte eine Woche lang im Koma gelegen! Aber warum? Und wer zum Teufel war diese Frau Gaulkötter? Was für’n bescheuerter Name!

Mein Name war Stella Edwards!

Das musste alles ein riesiges Missverständnis sein. Eine dumme Verwechslung. Genau, das musste es sein, und mit Sicherheit würde sich das jede Minute aufklären. Ich brauchte einfach nur ein bisschen Zeit zum Nachdenken und Ruhe.

Ganz genau – RUHE. Doch davon konnte wohl kaum die Rede sein. Die lästigen kleinen Kröten waren nämlich zwischenzeitlich auf mein Bett geklettert und gerade dabei, meine Beine mit ihren spitzen Gesäßknochen zu Mus zu verarbeiten. Unfassbarer Weise stieß mein hilfesuchender Blick nur auf ein verzücktes Lächeln vonseiten der Krankenschwester, begleitet von einem »O mei, san de drai goidig!« Dann wandte sie sich um, steuerte auf den Tisch zu, auf dem ein Blumenstrauß in einer vergilbten Vase stand und meinte: »De Bleamen san ja ganz schwelch, soi is nausschoffa?«

Sag mal, spinnt die? Sie soll die Kinder rausschaffen!

Was interessierten mich die vergammelten Scheißblumen?

Leider fehlte mir die nötige Kraft, um ein Wort herauszubringen. Es reichte gerade noch für einen beklagenswerten Seufzer. Ich schloss die Augen. Ich musste nachdenken. Wo war meine Erinnerung, verdammt!? Was war passiert? Und wieso, um alles in der Welt, hatte ich im Koma gelegen?

Möglicherweise ein schrecklicher Unfall? Schade um mein nagelneues Cabriolet.

Und zu wem bitteschön gehörten diese Drillinge in Latzhosen, mit Micky-Maus-Aufdruck?

Fragen über Fragen, auf die mir keine plausible Antwort einfiel.

Da kam mir plötzlich etwas in den Sinn. Ja genau! Was, wenn irgendetwas schief gelaufen war, während ich im Koma gelegen hatte? Wenn mein Geist nicht in meinen eigenen, sondern versehentlich in den Körper dieser dreifachen Mutter mit dem scheußlichen Hausnamen zurückgekehrt war, nachdem der Allmächtige beschlossen hatte, mich doch noch ein Weilchen weiter leben zu lassen. Jeder macht schließlich mal Fehler. Das würde natürlich erklären, warum diese nervenden Kinder mich für ihre Mutter hielten. Und die Krankenschwester auch.

Dieser Gedanke löste überraschend eine Adrenalinwelle aus. Mein Herz pochte wie wild und mit einem Mal bahnte sich eine ungeahnte Energieexplosion ihren Weg aus meinem Innersten nach außen.

»SPIEGEL!...SPIEGEL!... «, kreischte ich. Keine Spur mehr von Erschöpfung.

»Wos? Wos moanan‘s?« Erstaunen breitete sich auf Schwester Resis Mondgesicht aus.

»Schnell, einen Spiegel!«

»Ja, so! A Momental gschwind!«

Gemächlich begann sie, in der Schublade meines Nachttisches zu kramen. Dass sie dabei nicht einschlief war alles.

»Geht’s vielleicht ein bisschen schneller?«, heischte ich voller Ungeduld. Immerhin hatte ich hier ein ernsthaftes Problem. Ich war anscheinend nicht ich! Wer wäre dabei ruhig geblieben?

Endlich förderte Schwester Resi einen kleinen Handspiegel zu Tage. Sie sah mich fragend an.

»Her damit!«

Wie schwer von Kapee ist die eigentlich?

Ich griff nach dem Spiegel, der mir prompt meinen Arm nach unten riss. Es kostete mich den kläglichen Rest meiner Kraft, ihn wieder auf Gesichtshöhe anzuheben. Das Ding war beinahe so schwer, wie eine Zehn-Kilo-Hantel. Offenbar litt ich auch noch an Muskelschwund.

Noch immer sprangen die drei Kinder fröhlich auf meinem Unterkörper herum, als handelte es sich dabei um eine Hüpfburg. Deren Mutter (die arme Sau) war wirklich zu bedauern.

Ich würde drei Kreuze schlagen, wenn ich endlich wieder den Körper mit dieser Frau Gaulkötter getauscht hatte. Keine Frage, so eine folgenschwere Verwechslung, die dem Schöpfer da scheinbar unterlaufen war, musste er ja zwangsläufig korrigieren, ansonsten würde er wohl auch noch das letzte bisschen Glaubwürdigkeit verlieren. Nicht, dass ich mich je großartig mit ihm beschäftigt hätte.

Ein lautes Piepsen, draußen auf dem Flur, erregte Schwester Resis Aufmerksamkeit.

»Mei, des is a Notfoi, i muaß eich schnei aloa lossn. Bin glei wieder zruck. Johannes, Simon, Jakob seids ma ganz liab zu eirer Mama.« Dann verschwand sie eilig aus dem Zimmer.

»Halt Schwester…! Nehmen Sie doch bitte diese Kinder mit. Oder verpassen Sie ihnen wenigstens eine Beruhigungsspritze!«, rief ich ihr noch hinterher. Aber zu spät.

Dieses pausenlose »Mama-Geplärr« machte mich ganz kirre. Jetzt nur nicht hysterisch werden. Augen zu und tief durchatmen, Stella.

Ich würde das Geschehen um mich herum einfach ausblenden. In der Schule hatte das ja auch meistens geklappt, wenn die Lehrer mir auf den Keks gingen.

Ich war gespannt, was mich beim Blick in den Spiegel erwartete. Irgendwie traute ich mich nicht, die Augen zu öffnen. Ich hatte so ein komisches Gefühl, was diese Frau Gaulkötter betraf. Wer so einen Namen trug, konnte doch nur hässlich sein.

Das Gesicht von Stella Edwards (also mir), wie ich es zuletzt in Erinnerung hatte, tauchte vor meinem geistigen Auge auf. Ungelogen, ich war schon immer ziemlich attraktiv gewesen. Da konnte ich gar nichts für. Die Gene eben. Also, mal abgesehen von ein paar unbedeutenden Sommersprossen, die mein persönlicher Kosmetiker und Allround-Stylist, Bjarne, aber dank diverser Bleichmittelchen geschickt zu eliminieren verstand, sah ich, ehrlich gesagt, sogar verdammt gut aus. Zugegeben, ohne Bjarne wäre es mir kaum möglich gewesen, mein tadelloses Aussehen aufrecht zu erhalten, immerhin war er einer der Professionellsten auf dem Gebiet der Rundumaufhübschung Münchens weiblicher oberer Zehntausend. Dank Bjarnes magischer Meisterleistung hatte es schon so manche Pseudo-Naturschönheit bis ganz oben, sozusagen in den Beauty-Olymp geschafft.

Wie dem auch sei, auf einen Termin bei diesem absoluten Styling-Guru wartete sogar eine angesehene Ex-Profi-Fußballergattin unter Umständen wochenlang.

Ich hatte mehr Glück. Ich kriegte Termine, wann immer ich welche brauchte. Folglich jeden zweiten Tag. Irgendwas gab‘s schließlich immer. Ein Nagel, der mir beim Hantel-Workout abgebrochen war oder eine Haarsträhne, die meinte, es sich unerbittlich auf der falschen Kopfseite bequem zu machen. Und die üblichen zwei, drei Gläschen Schampus plus den neusten Klatsch und Tratsch ließ ich mir natürlich auch ungern entgehen. Hach ja, bei Bjarne fühlte ich mich pudelwohl. Und ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde.

Bjarne und ich waren schon seit der Schulzeit befreundet. Ich glaube, ich wusste damals schon, dass mir der schlaksige Junge vom anderen Ufer irgendwann einmal nützlich sein würde. In Sachen Vitamin-B hatte ich schon immer einen ausgesprochen guten Riecher. Früh übt sich eben, wer später nicht ewig auf irgendwelchen Wartelisten stehen will.

Seit der fünften Klasse waren Bjarne und ich unzertrennlich gewesen, bis sich irgendwann (ich glaube es war in der achten Klasse) herausstellte, dass Bjarne in denselben Jungen aus der Oberstufe verknallt war, wie ich. Oliver Oberstetter, ein Traum von einem Zwölftklässler –Goldblonde Locken, obercoole Klamotten, steinreiche Eltern. Dumm nur, dass der begehrenswerte Bursche sich weder für Bjarne noch für mich interessierte, sondern – und jetzt kommt der Hammer – für unsere gemeinsame beste Freundin (hatten wir zumindest bis dahin angenommen) – Vera Merlinger, was Bjarne und mich letztendlich noch enger zusammenschweißte.

Aber noch mal zurück zu meinem Aussehen: Stella Edwards hatte grundsätzlich topgestylte Haare, denn Bjarne sorgte dafür, dass ich Frisuren- und schnitttechnisch permanent auf dem neusten Stand war. Mein voluminöses glänzendes Haar war mein ganzer Stolz. Na schön, zumindest was das obere Drittel meines Körpers betraf, dicht gefolgt von meinen Lippen, die von den meisten Leuten als sinnlich bezeichnet wurden. Damit hätte ich jedem Lippenstift-Model die Show stehlen können.

Meinen Kleidungsstil würde ich als extravagant beschreiben. Ich halte generell nichts von Klamotten von der Stange. Am liebsten trug ich Einzelstücke von gefeierten Modeschöpfern wie Roberto Cavalli und Marc Jacobs. Und bei Chanel, Dior und Prada war ich zudem hochgeschätzte Stammkundin, egal auf welchem Kontinent.

In meiner Heimatstadt München war ich quasi schon eine anerkannte Fashion- und Stilikone. Und wenn ich wollte, hätte ich sogar international Fuß fassen können, dank meiner zahlreichen Beziehungen zu einflussreichen Personen in Mailand, Paris, München und London. Angeblich war ich sogar um acht Ecken mit Vivienne Westwood verschwägert, was in näherer Zukunft mit Sicherheit förderlich im Hinblick auf meinen Werdegang sein würde! IchStella Edwards – war ein absolutes »It-girl«. Immer up to date. Die deutsche Paris Hilton sozusagen!

Ich öffnete die Augen. Angestrengt hielt ich mir den Spiegel vors Gesicht. Ich war wirklich neugierig, wie die Frau, in deren Körper ich steckte, aussah.

Noch etwas näher heran.

Häh…? Moment mal, was war hier los? Wie war es möglich, dass diese Frau Gaulkötter genauso aussah wie ich? Eine Sinnestäuschung? Spielte mein Verstand mir einen Streich?

Ich kniff meine Augen zu und zählte lautlos bis zehn.

So, jetzt noch mal.

Tatsächlich, sie sah mir wirklich verblüffend ähnlich, nur irgendwie älter. Sie hatte dieselben dunkelblauen Augen, allerdings wirkten sie müde, was an den leicht schlaffen Lidern liegen mochte. Außerdem hatte sie kleine Fältchen auf der Stirn, was bei mir undenkbar gewesen wäre. Und was die Frau da im Spiegel auf dem Kopf trug, konnte man nicht zwingend als Frisur bezeichnen. Für diese kackbraune Katastrophe war meines Wissens noch keine adäquate Vokabel erfunden worden. Unwillkürlich streifte ich mir mit der Hand durchs Haar, das sich anfühlte, als hätte jemand Biskin hinein geschmiert.

Igitt, ich bin die reinste Wanderfritteuse.

Im Notfall hätte man damit Pommes für ein Dutzend hungriger Bauarbeiter frittieren können.

Und dann diese spröden Lippen und erst die Nägel.

Ich, vielmehr sie, sah eher nach einem Jahrtausend in einem Mumiengrab aus, als nach einer Woche im Koma. Selbst eine 24-Stunden-Sitzung bei Bjarne hätte nicht mehr viel bewirkt. Wenn überhaupt, half hier nur noch eine Kernsanierung unter Anwendung von chirurgischem Werkzeug.

Der Handspiegel war nur wenige Zentimeter von meinem – besser gesagt Frau Gaulkötters – Gesicht entfernt. Keine Frage, die Möglichkeit, mich mit dieser Frau zu verwechseln, bestand definitiv, auch wenn sie ungepflegt und erheblich älter wirkte als ich. Die Frau da im Spiegel war mindestens Dreißig. Außerdem hatte sie viel mehr von diesen nervigen Sommersprossen und offenbar noch nie etwas von Camouflage gehört.

Das Geschrei der herumtollenden Kinder grub sich allmählich zu meinem Trommelfell vor. Ich ließ den Spiegel sinken. Mein Arm schmerzte. Gleichwohl machte sich das Gefühl der Erleichterung in mir breit. Es hätte wirklich schlimmer kommen können. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie ich reagiert hätte, wäre mein Geist im Körper eines herzschwachen Urgroßvaters mit akuten Prostatabeschwerden gelandet. Horror! Schlimmstenfalls wäre ich, beziehungsweise er, beim Blick in den Spiegel vor Schreck an einem Herzstillstand gestorben.

Trotzdem, ich wollte so schnell wie möglich meinen eigenen Körper zurück haben. Und dann nichts wie weg hier!

Ich hatte mit Sicherheit eine Menge Arbeit nachzuholen.

Als Designerin eines etablierten Edelmodelabels, konnte man sich selbstverständlich keine Woche Koma leisten. Nicht, dass ich es als Tochter eines millionenschweren Geschäftsmanns nötig gehabt hätte zu arbeiten. Aber irgendwo musste ich ja meinem unermüdlichen Drang zur Kreativität freien Lauf lassen. Dank meines beispiellosen Schöpfergeists schrieb das Unternehmen konstant schwarze Zahlen, und meine Pläne für die kommende Sommerkollektion hatten bei der Präsentation eine Riesenwelle der Begeisterung ausgelöst. Allein der Gedanke daran, verursachte mir noch immer eine Gänsehaut.

Ich musste dringend mein Handy suchen und Lydia, meine Chefin, anrufen, um ihr mitzuteilen, dass ich Gott sei Dank aufgewacht war und spätestens übermorgen wieder arbeiten würde.

Und dann müsste ich natürlich umgehend Alex anrufen. Meinen Verlobten. Bestimmt machte er sich schon große Sorgen um mich (und um das Porsche - Cabrio) Jede Wette, dass er gerade damit beschäftigt war, die perfekte Farbe für die neue Lackierung auszusuchen, sofern ich wirklich einen Autounfall hatte. Verständlich, dass er deswegen nicht hier sein konnte, bei mir am Krankenbett, meine ich. Ich hätte halt ein bisschen später erwachen müssen. Alex war immerhin ein vielbeschäftigter Mann und gutes Timing war bei ihm das A und O.

Der nächste Anruf würde meiner besten Freundin, Vera Merlinger, gebühren. Ja, wir beide hatten uns wieder vertragen, nachdem Goldlocke-Oliver-Oberstetter sie nach dieser unromantischen Spritztour im Oldtimer seines Vaters abserviert hatte. Genau genommen handelte es sich ja dabei um einen Bentley Derby Door Coupé aus dem Jahre 1937 und, Olivers kategorischer Bekundung nach, eine unersetzbare Rarität. Leider. Also ehrlich, wenn er doch wusste, dass das Auto so unglaublich wertvoll war, warum hatte er dann überhaupt eine sturzbetrunkene Achtklässlerin dort einsteigen lassen? Jeder weiß doch, dass das Gemisch aus Amaretto mit Kirschsaft, Coffein-Drinks mit Wodka, Pommes rot-weiß und jeder Menge Magensäure äußerst hartnäckige Flecken auf weißen Wildlederbezügen hinterlässt, vom widerlichen Gestank mal ganz abgesehen.

Nicht, dass wir seitdem unzertrennlich gewesen wären, Vera und ich. Zwischen uns herrschte von jeher so eine gewisse Rivalität, die hin und wieder zu Spannungen in unserem Freundschaftsverhältnis führte. Doch früher oder später entluden sich diese Spannungen, was letztlich bedeutete, dass es ordentlich zwischen uns krachte und dann war meistens wieder gut. Vera und ich waren quasi aus dem gleichen Holz geschnitzt, was vielleicht der Grund dafür war, dass wir weder miteinander noch ohne einander auskamen. Wir liebten und wir hassten uns. Wobei ich sie oftmals etwas weniger liebte, dafür aber etwas mehr hasste, was meiner Ansicht nach absolut legitim war. Immerhin war Oldtimerliebhaber-Oliver nicht der Einzige Typ, den Vera mir im Laufe der Jahre vor der Nase wegschnappt hatte.

Vera und ich kannten uns schon seit unserer Kindheit, die sich bei uns beiden gleichermaßen sorgenfrei abzeichnete, dank unserer gutbetuchten Eltern. Aber ich muss dazu sagen, dass Vera auf jeden Fall die Verwöhntere von uns beiden war.

Vera hatte reichlich viel Zeit an diversen Universitäten verbracht, ohne dabei ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, gemäß der Devise: »Von allem ein bisschen, aber bloß nicht zu tief ins Detail gehen«, denn dann wurde es ihr schnell zu anstrengend. Tatsächlich hatte sie schon alles Mögliche begonnen zu studieren. Angefangen bei Kunstpädagogik und Japanologie. Gefolgt von Europäischer Literaturgeschichte, Ethnologie und Biochemie. Letzten Endes kam sie jedoch zu der bahnbrechenden Überzeugung, dass nichts davon zur Entfaltung ihrer vielfach vorhandenen, individuellen Begabungen beitrug, was ich ihr natürlich von vornherein hätte sagen können. Und ich war bei weitem nicht die Einzige, die ahnte, dass der Schwerpunkt ihrer begnadeten Fähigkeiten nicht unbedingt in ihrer Scheitelregion lag.

Also, ich persönlich war ja immer noch der Meinung, dass sie mit siebzehn diesen steinreichen, uralten Scheich hätte heiraten sollen, der ihrem Vater so ein ehrenvolles Angebot gemacht hatte – damals, bei unserem gemeinsamen Wochenendtrip nach Dubai. Aber sie wollte ja nicht auf mich hören (was sie übrigens nie tat). Dabei sah der alte Araber so aus, als würde er in absehbarer Zeit den Löffel abgeben und Vera wäre schon bald eine milliardenschwere Witwe geworden. Mal ehrlich, einen derart gewaltigen Schritt auf der Karriereleiter, würde sie wohl auch nach zwanzig Studienjahren nie erreichen. Doch anstelle eines vergoldeten Luxuslebens im Morgenland (der einzige Nachteil dabei war natürlich die lästige Kleidervorschrift, die besagte, auch bei 40 Grad im Schatten demutsvoll die Burka zu tragen), schwebte meiner Freundin lieber eine Modellaufbahn vor.

Entgegen meiner Erwartung modelte Vera überraschend erfolgreich für tiefdekolletierte Dirndl, was sie zweifellos einem besonders produktiven Schönheitschirurgen zu verdanken hatte. Aber wenn sie meinte, dass sie es nötig hatte. Bitteschön. Sie musste sowieso immer übertreiben. Pff… sollte sie doch angeben, mit ihren Silikonmelonen. Solche Fake-Möpse hatte ich gar nicht nötig. Noch nicht, zumindest. Noch war meine naturbelassene Brust völlig einwandfrei und da ich mit Sicherheit keinen Säugling stillen, geschweige denn überhaupt Kinder in die Welt setzen würde, bräuchte in absehbarer Zeit wohl kaum eine Brust-Vergrößerung. Wie gesagt – gute Erbanlagen!

***

Die Liste meiner zu tätigen Anrufe war lang. Aber zuerst musste ich mein Handy finden.

Ich wühlte in der Nachttisch-Schublade und entdecke dabei ein paar Zeitschriften, die ich auf meinem Nachttisch platzierte, für später.

Ich kramte weiter und stieß auf einige Grußkarten, auf denen komischerweise mein Name stand.

Für Stella,

Gute Besserung wünscht Dir Lotte.

Stella, was machst du bloß für Sachen? Alles Gute und ein Küsschen, Susann

Liebe Stella,

eine baldige Genesung wünscht Ihnen

Waldorfkindergarten Regenbogen

Meine liebste Stella,

werd‘ schnell wieder gesund!

Julius

Julius... ? Dieser Name sagte mir überhaupt nichts.

Bestimmt wieder so ein bedeutender Jemand, den ich auf einer der zahlreichen Jetset-Partys kennengelernt hatte, die ich für mein Leben gern besuchte und dessen Connections mir gewiss irgendwann einmal zu Gute kommen würden!

Lotte...?

Susann...?

Waldorfkindergarten …?

Achtlos warf ich die Karten in die Schublade zurück. Ah, da war ja mein Handy. Oder doch nicht? Was war das denn für ein rückständiges Teil? Wo bitteschön war mein heißgeliebter BlackBerry? Ohne den war ich aufgeschmissen.

Etwas verunsichert schaute ich mir das simple Mobiltelefon an. Mehr als telefonieren konnte man damit höchstwahrscheinlich nicht. Herrje, all meine wichtigen Notizen und Termine – futsch!

Ich überlegte. Dieses Handy musste der echten Frau Gaulkötter gehören und mein lebensnotwendiges Smartphone befand sich vermutlich in der Nachttischschulblade meines Körpers, wo auch immer der steckte. Also, das musste auf jeden Fall möglichst bald klargestellt werden.

In erster Linie ging es mir ja gar nicht um den BlackBerry. Womöglich würde mein Vater mir bei seinem nächsten Besuch sogar ein neues Smartphone mitbringen. Nichts Ungewöhnliches. Er spendierte mir alle naselang die allerneusten Geräte, da er Kapitalanleger eines renommierten Unternehmens für modernste Mobilfunktechnologie war.

Ich fummelte an dem primitiven Handy herum. Nach Kurzem entdeckte ich das Telefonbuch-Menü. Gespannt durchstöberte ich die Einträge. Tatsächlich kam mir kein einziger Name bekannt vor.

»Mami, tommst du jetzt nach Hause?«, rief plötzlich einer von Frau Gaulkötters Sprösslingen. Ich hatte ja keine Ahnung von Kindern, aber grobgeschätzt waren sie drei, höchstens vier Jahre alt. Inzwischen hatten sie sich zum Spielen unter mein Bett verzogen, wobei die Lärmbelästigung, die von ihnen ausging, dabei keineswegs abflaute.

Ich ignorierte die Frage des Jungen einfach. Schließlich war ich nicht seine Mutter. Und außerdem wusste ich auch nicht, wann oder ob die überhaupt jemals nach Hause zurückkehren würde. Keine Ahnung, was mit ihr passieren würde, sobald mein Geist ihren Körper verließ, um in meinen eigenen zurück zukehren. Wer wusste das schon, unter Umständen erwartete sie ein völlig anderes Schicksal.

Ich lehnte mich gerade ins Kissen zurück, da schossen die Kinder unter dem Bett hervor und begannen, kreischend durch’s Zimmer zu jagen. Im ersten Moment dachte ich an ein Wespennest oder ähnliches. Doch so was wäre doch jeder Krankenhausputze, sofern sie nicht blind war und gelegentlich auch mal unter dem Bett saubermachte, irgendwann aufgefallen. Wenn diese Kinder also nicht wegen eines Dutzends Wespenstiche so ein Theater veranstalteten und auch nicht auf der Flucht vor wilden Tieren waren, dann konnte es sich wohl nur um ein Spiel handeln. Ich tippte auf Monsterjagd oder so was. Denn die fauchenden Geräusche und die Grimassen die sie machten, waren erstens wirklich zombiemäßig und zweitens trieben sie mich an den Rand des Wahnsinns. Ich war drauf und dran, die kleinen Ungeheuer aus dem Zimmer zu werfen, denn im Augenblick reichte mir dieser Horror mit dem falschen Körper völlig aus.

Mist verdammter, wenn meine puddingweichen Beine mir bloß gehorchen würden, fluchte ich innerlich.

Stattdessen lag ich hilflos auf dem Rücken, wie eine uralte Schildkröte. Aber Stella Edwards gab nicht so schnell auf. Ich atmete tief ein und nahm nochmals meine ganze Kraft zusammen. Dann krähte ich heiser aber beharrlich: »RUHE JETZT! IHR NERVENSÄGEN!«

Aber anstatt zu gehorchen, zerrten diese aufmüpfigen Gören an der Bettdecke. Also ehrlich. Kinder heutzutage… Diesen Satz konnte ich leider nicht zu Ende führen, da ich dummerweise gar nicht wusste, wie Kinder früher einmal waren. Aber wie ich ja schon sagte, im Prinzip waren Kinder mir völlig wurscht!

Die Tür öffnete sich und Schwester Resi kam zurück, gefolgt von einem unscheinbareren Typ, Mitte dreißig, weißer Kittel. Vermutlich Arzt.

Er hatte ein seltsam freudiges Lächeln auf den Lippen, was ihn einigermaßen sympathisch wirken ließ.

»Schatz! Gott sei Dank..., du bist aufgewacht!«

Im selben Augenblick stürzten sich die Drillinge in seine Arme. Ich starrte auf sein Namensschild, das über der Brusttasche seines Kittels hing.

Stationsarzt

Dr. med. Julius Gaulkötter

Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe


Holla-die-Waldfee! Diese Frau Gaulkötter war nicht nur mit diesen renitenten Rotznasen gestraft, sondern obendrein mit einem Gynäkologen verheiratet!?

Manche Menschen waren wirklich vom Schicksal gebeutelt.

»Stella, Liebes!« Der Doc beugte sich über mich. Was hatte er vor? Einen Atemzug später sah ich nur noch seine Lippen, die sich ausgesprochen zielbewusst meinem Gesicht näherten. O-o, ich musste sofort handeln, zumal er auch noch miserabel rasiert war.

Stella Edwards ließ sich schließlich nicht so mir nichts, dir nichts von einem fremden Kerl küssen. Schon gar nicht von einem Frauenarzt.

Puh, Schwein gehabt…, um ein Haar hätten seine Lippen meine erwischt. Doch dank meiner blitzschnellen Reaktion, verirrte sich sein Mund in meinen ungekämmten Haaren.

Augenblick mal, hatte dieser Höhlenforscher mich gerade Stella genannt? Instinktiv stieg ein mulmiges Gefühl in mir auf. Was für ein ungewöhnlicher Zufall, dass die Frau, in deren Körper ich steckte, auch noch den gleichen Vornamen trug, wie ich. Ich glotzte den Mann ratlos an und meinte, einen Anflug von Betroffenheit in seinen karamellbraunen Augen zu erkennen, als er fragte: »Erkennst du mich nicht? Ich bin’s. Julius!«

Er strich sich nervös über sein haselnussbraunes Haar, das dringend einen vernünftigen Grundschnitt benötigte. Es sei denn, er ließ das Deckhaar absichtlich so chaotisch wuchern, um damit seine beginnenden Geheimratsecken zu verstecken. Okay, das war nachvollziehbar. Wäre ich ein Mann mit Geheimratsecken gewesen, hätte ich natürlich auch alles daran gesetzt, diesen unschönen Makel zu vertuschen. Alexander hätte sich sicher schon längst neues Haar transplantieren lassen.

Mit aufeinander gepressten Lippen, die Augen zu Schlitzen verzogen, dachte ich nach. Doch so sehr ich auch grübelte, die Erleuchtung blieb aus. Ich kannte definitiv keinen dreifachen Familienvater namens Julius, der noch dazu Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe war. Mein Bekanntenkreis spielte in einer ganz anderen Liga. Insbesondere in einer kinderfreien.

»Hier liegt ein Irrtum vor, Herr Doktor«, verkündete ich. Ich wollte ihm die problematische Sachlage auf der Stelle erklären.

Er sah mich nur verwundert an.

»Hören Sie, Sie müssen mir helfen, meinen Körper zu finden! Ich heiße Stella Edwards und ich stecke in dem Körper Ihrer Frau. Und der Geist Ihrer Frau steckt höchstwahrscheinlich in MEINEM…!«

Na gut, ich hätte vielleicht nicht so hysterisch werden dürfen. Der Doc kam mir ein wenig irritiert vor. Wer wäre das nicht? So was Verrücktes kam ja normalerweise nur in albernen Hollywood-Komödien vor.

»Was redest du da, Schatz?« Er wirkte besorgt und warf der ebenfalls beunruhigten Schwester Resi einen Blick zu, die daraufhin die quirligen Drillinge einfing und mit ihnen das Zimmer verließ. Ich schaute den jungen Arzt immer noch flehend an. Er setzte sich auf die Bettkante.

»Hör mir zu. Du heißt Stella Gaulkötter. Dein zweiter Vorname ist Arntrud. Und dein Geburtsname ist Edwards. Weißt du’s nicht mehr, ich hab dich doch mehrmals vor der Hochzeit gefragt, ob du dir wirklich sicher bist, dass du meinen Nachnamen annehmen willst.« Er nahm meine Hand und begann, nervös an meinen Fingern herumzufummeln, doch ich entzog sie ihm rasch wieder.

Bei so einem Namen hätte ich nie im Leben zugestimmt. Und wie zum Geier, war er an die streng vertrauliche Information meines zweiten Vornamens gekommen, der im Prinzip so geheim war, dass ich ihn beinahe selbst schon vergessen hatte.

»Erinnere dich bitte, Stella!«

»Was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie überhaupt nicht!«, konterte ich mit reservierter Miene.

Jetzt bedachte er mich mit beschwörenden Blicken. »Das da eben waren unsere Kinder. Du liebst sie!«

»Ich liebe Bouillabaisse mit Sauce Rouille und ofenfrischem Baguette. Und nicht zu vergessen, meine umfangreiche Louboutin-Schuhsammlung.«

Der Mann hatte wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Und überhaupt, was um alles in der Welt sollte ich mit solchen kleinen Hosenscheißern anfangen? Trugen Kinder dieses Alters noch Windeln? Nie im Leben, würde ich denen die vollgeschissenen Pampers wechseln!

Außerdem passte weder so ein sabberndes Kind, noch dessen kunterbuntes Spielzeug in irgendeiner Weise zu meiner stilvollen Wohnungseinrichtung. Nein, im Ernst, total undekorativ diese drei. Zumal ich äußerst allergisch auf Schokoladenhandabdrücke auf meiner cremeweißen Wohnlandschaft reagierte. Also, freiwillig würde ich mir sicherlich keine Kinder anschaffen. Eher hinge ich mir diese langweilige Krankenhauskunst an meine Wände.

Der Arzt schaute mich unsicher an. Ich schaute misstrauisch zurück. Irgendetwas war doch faul an der ganzen Sache!

Ha!, plötzlich überkam mich ein Geistesblitz. Jetzt hatte ich die Nummer durchschaut. Davon war ich überzeugt. Ich setzte schnell eine arglose Miene auf und hielt so unauffällig wie möglich Ausschau. Wo war sie bloß – die verdammte versteckte Kamera? Wie lange wollte dieser TV-Moderator nebst Fernsehteam noch draußen auf dem Flur warten und mich zappeln lassen?

***

Ich blickte meinem angeblichen Ehemann regungslos hinterher, der mit seinem Handy am Ohr mit einem scheinbar dringenden Telefonat das Zimmer verließ. Ich atmete erleichtert aus, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Nie und nimmer war ich mit diesem schnöden Typen liiert. Schließlich war ich mit Alexander Ahlborn verlobt, meinem Traummann – groß, blond, sportlich und noch dazu ein erfolgreicher Unternehmensberater und Geschäftsmann, der irgendwann in die Fußstapfen meines Vaters treten würde. Was sollte ich also mit so einem Gynäkologen?

Mit seinem lächerlichen Stationsarzt-Gehalt hätte er sich nicht mal die Parkplatzgebühr vor dem La Margna Swiss Quality Hotel in St. Moritz leisten können, in dem mein Alex unsere exklusive Verlobungsfeier mit fünfhundert geladenen Gästen ausrichten ließ. Was für ein unvergesslicher Moment war das gewesen, als er völlig überraschend in meinem wohlverdienten, alljährlichen Skiurlaub aufkreuzte und mir einen atemberaubenden Platinring mit lupenreinem 1,98 Karat Cartier Solitair Altschliff Diamanten – Kostenpunkt: 46.000 Euro – an den Finger steckte.

Bei dem Stein wäre sogar die russische Öl-Oligarchengattin aus der Nachbarsuite, deren blasenschwacher Pekinese sich jeden Morgen erdreistete, vor meine Zimmertür zu pischern, vor Neid erblasst.

Vera übrigens auch, aber das hätte sie selbstverständlich niemals zugegeben. Doch ich kannte meine Freundin einfach zu gut. Ihre geheuchelten Glückwünsche, dieses überzogene Zahnpastalächeln. Es war ein Kinderspiel ihre missgünstigen Blicke zu interpretieren und ihre Gedanken zu lesen. Oh ja, ich wusste, dass Vera mir meinen Ringfinger samt der luxuriösen Kostbarkeit am liebsten abgehackt hätte.

Ich muss zugeben, so ein hochkarätiges Cartier-Dauergrinsen (wie ich es an jenem Tag darbot), hätte auch ich definitiv keinen ganzen Abend lang ertragen können, wäre ich nicht selbst die zukünftige Braut gewesen. Vermutlich hätte ich die Feierlichkeit mit irgendeiner faulen Ausrede vorzeitig verlassen.

Apropos Verlobungsring, wo war das edle Schmuckstück überhaupt? Spontan fiel mein Blick auf meinen Ringfinger. Was war das nun wieder? Ich starrte auf den schlichten Goldring, der mit einem unmerklichen Glitzersteinchen versehen war. Von lupenrein konnte hier kaum die Rede sein. Im schlimmsten Fall handelte es sich um einen Zirkonia. Allmählich war ich der Verzweiflung nahe.

»Hilfe…!«, rief ich intuitiv. »…Ist hier irgendjemand, der mir helfen kann? Warum bin ich hier? Was ist mit mir passiert? Und warum trage ich Schmuck aus Überraschungseiern!?« Doch niemand war da, der mir meine Fragen beantwortete.

Bei näherer Untersuchung entdeckte ich im Innenteil des Rings ein Datum und die Gravur:

In Liebe, dein Julius

Ich? Verheiratet mit dem? Derjenige, der sich diese Absurdität hatte einfallen lassen, musste unbedingt bei der nächsten Preisverleihung mit der Siegespalme in der Kategorie »bester Komiker« ausgezeichnet werden.

Und um noch mal auf das Thema Kinder zurück zukommen: Falls ich überhaupt jemals Kinder haben sollte, dann ja wohl logischerweise mit meiner großen Liebe Alex. Und mit Sicherheit würde ich sie nicht mit solchen anachronistischen Apostel-Namen bestrafen. Simon, Johannes und Jakob. Lächerlich, diese Namensvergabe! Ich, als bekennende Atheistin. Ich muss dazu sagen, dass meine Familie nie besonders fromm gewesen war. Seit meiner Taufe wohnte ich genau achtzehn Mal einem Kirchgottesdienst bei – um genau zu sein, jedes Jahr an Heiligabend. Am Tag meiner Volljährigkeit trat ich dann endgültig aus der Kirche aus.

Ich hatte mich noch nicht ganz von dem Schock mit dem Ehering erholt, da kehrte Dr. Gaulkötter zurück ins Zimmer. Wieder setzte er sich an meine Bettkante und wieder sah ich ihn an wie einen Außerirdischen.

»Stella du bist zweiunddreißig Jahre alt, wurdest in London geboren und bist in Grünwald aufgewachsen«, sagte der Außerirdische mit emphatischer Stimme. »Deine Mutter Constanze starb an Krebs als du sechzehn warst. Dein erstes Konzert war bei Michael Jackson. Olympiastadion, 27. Juni 1992. Er hat dir ein Autogramm auf den linken Handrücken geschrieben. Du hast die Hand einen Monat lang nicht mehr gewaschen.«

Jetzt war ich verwirrt.

»Wieso wissen Sie das alles?«

Augenblick…, irgendwas stimmt hier nicht!

Von Überzeugung ergriffen, schleuderte ich ein schrilles »H-A-L-T-!« in seine Richtung. »Ich bin erst fünfundzwanzig!«

Triumphierend sah ich dem Mann in die Augen.

»Du bist zweiunddreißig, Stella!«, widersprach der Gynäkologe, der offenbar fest daran glaubte, ich sei seine Ehefrau. Er sah mich eindringlich an und warf mir eine Zahlenreihe an den Kopf, bei der es sich eindeutig um mein Geburtsdatum handelte.

»Stimmt, das ist mein Geburtstag«, antwortete ich kritiklos.

»Also bist du zweiunddreißig Jahre alt.«

Häh, kann der nicht rechnen, oder was?

»Blödsinn, ich bin fünfundzwanzig!«

Julius Gaulkötter fixierte mich beharrlich mit seinen dunklen Augen.

»Stella, was ist los? Es hat gehagelt und gestürmt wie verrückt, an deinem 32. Geburtstag. Erinnerst du dich nicht mehr daran?« Seine Stirn lag in Falten.

Ich schüttelte nur verständnislos den Kopf, worauf sich Enttäuschung auf seinem Gesicht widerspiegelte. Er blickte mich gequält an.

Wer war hier eigentlich verrückt?

Ernsthaft, dieser Mann brauchte therapeutische Hilfe und zwar ganz schnell!

Pff… Zweiunddreißig.

Ich hatte doch nur eine Woche im Koma gelegen. Wieso sollte ich plötzlich sieben Jahre älter sein?

Was für ein Irrenhaus.

Mir schwirrte der Kopf. Ich hörte mein Blut in den Ohren rauschen, dann kehrte das Dröhnen zurück und mir wurde schwarz vor Augen.

Grünkohlsuppen-Blues

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