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Sechstes Kapitel. Erste Liebe.

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Rudolf, der nun die schöne Schottin täglich sah, verliebte sich bald rasend in sie, und auch Sarah ließ mit dem Gegengeständnis ihrer Liebe nicht warten, doch unterließ sie nicht, ihn gleich auf den Rangunterschied zu verweisen, der sich ihrem Glücke zweifellos entgegensetzen werde. Sobald nun Tom sah, daß Rudolfs Leidenschaft auf den höchsten Grad gestiegen war, ja daß ein Eclat, der alles verderben könnte, fast unvermeidlich schien, beschloß er, einen Hauptcoup zu führen. Er zog den Italiener ins Vertrauen, dessen Charakter als Abbé ja eine vertrauliche Mitteilung durchaus rechtfertigte, und bekannte ihm, daß die Beziehungen zwischen dem Erbgroßherzog Rudolf und seiner Schwester sich derart gestaltet hätten, daß die Heirat zwischen ihnen unbedingte Notwendigkeit geworden sei, falls er nicht mit der Schwester über Nacht aus Gerolstein verschwinden sollte. Ehe er zugeben könne, daß seine Schwester in Schande fiele, sähe er lieber, sie stürbe. Toms hochfliegender Plan setzte Polidori in helle Verwunderung, denn für so ehrgeizig hatte er Toms Schwesterchen nicht gehalten; er erklärte Tom rückhaltlos, daß der Großherzog in solche Verbindung nun und nimmer willigen werde, und setzte ihm auch die Gründe, die es ihm wehrten, auseinander. Tom wandte gegen diese Gründe nicht das geringste ein, warf aber die Frage auf, ob sich nicht mit einer heimlichen Vermählung rechnen lassen sollte, von der die Öffentlichkeit erst nach dem Ableben des Großherzogs erführe... Da Sarah einer alten Adelsfamilie Schottlands entstammte, wäre solche Lösung vielleicht nicht ausgeschlossen, zumal sie ja nicht ohne Präzedenz sei; Tom ersuchte Polidori in seiner Eigenschaft als Mentor des Prinzen, ihm in längstens acht Tagen bestimmten Bescheid zu geben, da seine Schwester länger nicht mehr in ihrer quälenden Ungewißheit verbleiben könnte.

Der Abbé befand sich in der größten Verlegenheit. Machte er dem Großherzog Anzeige, so lief er Gefahr, sich den präsumptiven Thronfolger auf alle Zeit zu entfremden; klärte er diesen auf über die ehrgeizigen Absichten, die Toms Schwester verfolgte, so setzte er sich in das schiefe Licht, der Dame des prinzlichen Herzens eine Schlappe beifügen zu wollen; wie konnte er ermessen, mit welchen Absichten der junge Prinz sich trüge? wie er eine Moralpredigt hinnehmen würde? Bot er anderseits die Hand zu der von Tom angeregten Heirat, so stand es außer Zweifel, daß er sich nicht bloß Tom und Sarah, sondern auch den Prinzen zu Dank verpflichtete, und so beschloß er auch, doch unter einem bestimmten Vorbehalte, Toms Schwester zu diesem Ehebunde behilflich zu sein. Er hatte sich hinsichtlich Rudolfs Herzens auch nicht geirrt, denn als er diesem die Möglichkeit zeigte, sich durch eine heimliche Vermählung in den Besitz des geliebten Weibes zu setzen, hätte wenig gefehlt, so wäre dieser ihm um den Hals gefallen. Er nannte ihn seinen Retter, seinen besten Freund, ja seinen zweiten Vater. Nun sah sich Polidori nach Zeugen für die Trauung um und fand sie auch in der Person eines Geistlichen und eines Gutspächters der Umgegend. Nun wurde während einer zufälligen Abwesenheit des Großherzogs Rudolf mit Sarah getraut, und die Wahrsagung der alten Hochländerin war zur Wahrheit geworden: Sarah war die Gattin eines Thronerben geworden!

Das von Tom und Polidori im Schach gehaltene junge Paar wußte sich so geschickt zu benehmen, daß niemand am großherzoglichen Hofe irgend etwas ahnte. Im ersten Vierteljahr dieses Verhältnisses pries sich Rudolf als den glückseligsten Menschen unter Gottes Sonne. Er bereute den Schritt auch nicht, als an Stelle der Leidenschaft ruhige Ueberlegung trat, entsagte vielmehr gern um des Besitzes des ihm angetrauten Weibes willen all jenen Träumen von einem üppigen Leben, die durch Polidoris Schilderungen in seinem Gemüt erwacht waren. Da sollte ein von Sarah mit Ungeduld erwartetes Ereignis die Ruhe, die noch immer in Gerolstein herrschte, in wilden Sturm verwandeln. In ihrer Herzensnot kam Sarah auf den Gedanken, dem Großherzog, der sie, wie seine Mutter, ganz in sein Herz geschlossen hatte, alles zu bekennen. Rudolf erschrak davor, denn wenn er sich auch der Liebe seines Vaters versichert halten durfte, so kannte er anderseits doch dessen starre Grundsätze, wenn es sich um Fürstenpflicht handelte. Auf all seine Einwände aber hatte Sarah nur die rücksichtslose Antwort: »Ich bin deine Frau vor Gott und den Menschen. Wie kannst du mir zumuten, ob des Zustandes, in den du mich versetzt hast, zu erröten? Habe ich nicht vielmehr allen Grund, stolz darauf zu sein? Warum willst du mir wehren, mich solches Zustandes laut zu rühmen?«

Die Aussicht, Vater zu werden, hatte Rudolfs Liebe zu Sarah verdoppelt, und so hatte Tom, der die Partei seiner Schwester energisch nahm, leichtes Spiel, bekam jedoch insofern einen Strich durch die Rechnung gemacht, als ihm vom Großherzoge der Befehl erteilt wurde, die Gestüte des Landes einer Inspektion zu unterziehen. Dadurch wurde er auf die Zeit von vierzehn Tagen vom Hofe fern gehalten. Sarah versprach ihm tägliche Nachricht über den Fortgang der Angelegenheit, aber in einer Gesellschaft bei der Großherzogin-Mutter sollte es zu dem Eclat kommen, den Tom so gern vermieden hätte. Außer Sarah waren noch verschiedene Hofdamen anwesend, und als Sarah von der Großherzogin-Mutter aufgefordert wurde, sich zu ihr zu setzen, zischelten die übrigen Damen ... denn auch die unerfahrensten konnten die Augen nicht mehr verschließen vor dem, was Sarah gar nicht mehr verhehlen wollte, denn den gesegneten Zustand hätte ihr jetzt wohl kaum jemand schon angesehen, wenn sie es nicht besonders darauf angelegt hätte, sich damit zu brüsten, in der Absicht, Rudolf zum Eingeständnis seiner Ehe mit ihr zu zwingen. Die Großherzogin-Mutter mochte ihren Augen nicht trauen und sagte leise zu Sarah: »Aber, mein liebes Mädchen, Sie haben sich heute gar nicht vorteilhaft gekleidet. Sonst läßt sich Ihre Taille mit den Fingern umspannen, heute aber kennt man Sie ja gar nicht wieder!«

Ueber die schrecklichen Ereignisse, welche dieser Entdeckung fast auf dem Fuße folgten, wird der Leser später unterrichtet werden; heute möge er sich mit der Mitteilung – die dem Leser wohl kaum noch überraschend sein wird – begnügen, daß das Mädchen, dessen Bekanntschaft er unter den Namen Marienblümchen und Schalldirne bereits gemacht hat – Rudolfs Tochter aus seiner Ehe mit Sarah war, daß aber er sowohl wie Sarah sie für tot hielten.

Die Geheimnisse von Paris

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