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Kapitel 3
ОглавлениеWien, Sonntag, 3. November
Theresa sah auf die Uhr und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Was war da los? Stau, am Sonntag um neun Uhr morgens? Ihr Freund Paul war bestimmt schon bei Wenz im Atelier. Sie hatten sich verabredet, um heute den mysteriösen Zettel mit einem von Pauls Spezialapparaten zu analysieren. Da wollte sie nicht zu spät kommen. Endlich ging es weiter.
Ausnahmsweise fand sie sofort eine passende Parklücke. Sie stieg aus und eilte in Richtung Antiquitätengeschäft, versuchte es zumindest, aber eine Menschenmenge versperrte ihr den Weg. Ein Meer von Köpfen verdeckte die Eingangstür der Zirkusgasse 30. Vorsichtig schob sie sich durch das Getümmel, vorbei an ein paar älteren Damen, die auf Zehenspitzen stehend einen Blick erhaschen wollten. Dass sie noch Lockenwickler im Haar hatten und Bademäntel trugen, schien sie nicht zu stören.
»Würden Sie mich bitte durchlassen? Ich habe eine Verabredung«, bat Theresa.
»Hoffantlich ned mit ’n Wenz. Den hom’s umbrocht«, sagte eine Frau mit heiserer Stimme neben ihr.
Wie erstarrt blieb Theresa stehen. Das konnte unmöglich stimmen. Sie sah sich um. Wo steckte nur Paul?
Eine kleine, schmallippige Dame lispelte, ohne den Blick von der Tür abzuwenden: »Sind Sie sicher, dass der Wenz das Opfer ist? Ich hab gehört, er hat wen ermordet.«
»Ach woher, da Oide is tot«, entgegnete die erste Frau erbost. »Wenn’s nix wiss’n, hoidns die Luft aun.«
»Na, da würd ich aber ersticken«, keifte die andere zurück.
»Wär ned schod.«
Theresa nahm das Gezeter der beiden wie durch eine Nebelwand wahr. Ihr Magen rebellierte, Schwindel überkam sie. Als ihre Knie einzuknicken drohten, hielt sie sich an ihrem Nachbarn fest.
»Ist Ihnen schlecht? Brauchen Sie was zu trinken?«
»Nein, danke … geht wieder, mir ist nur … etwas übel«, antwortete Theresa. »Ich wollte gerade Herrn Wenz besuchen, weil er ein Bild von mir …«
»Das werden’s nicht mehr sehn«, unterbrach sie jemand.
»Ich hab’s ja immer gewusst, mit dem nimmt’s ein schlimmes End«, flüsterte eine rauchige Stimme hinter ihr.
»Wer sich mit Hunden schlafen legt, wacht mit Flöhen auf.«
»Der ist bestimmt betrunken die Treppe runtergefallen.«
Das Geraune, Gezische und Geläster nahm zu. Wirre Spekulationen surrten durch die Luft. Gerade als Theresa flüchten wollte, entdeckte sie Paul und schlängelte sich zu ihm durch.
»Salut, mon cœur, du bist ganz blass.« Er nahm sie schützend in den Arm.
»Mir geht es gut, aber weißt du, was los ist?«
»Ich habe dem ganzen Geschwätz lediglich entnehmen können, dass Rembert etwas passiert ist. Wobei die einhellige Meinung ist, er wäre selbst schuld.« Bitter fügte er hinzu: »An was auch immer. Warten wir, bis die Leute weg sind, dann gehen wir zu ihm.«
»Aber wenn es stimmt?«, antwortete Theresa mit brüchiger Stimme. Sie hatte den Restaurator erst vor vier Tagen kennengelernt und nun sollte er schon wieder aus ihrem Leben verschwunden sein? Sie wollte doch mit ihm im Atelier sitzen, den Duft der Antiquitäten einatmen und Bilder in ihrem Kopf entstehen lassen.
»Wann bist du gekommen?«, fragte sie, um sich abzulenken.
»Vor fünf Minuten.« Paul strich ihr beruhigend über die Schulter und führte sie weg von dem Gedränge. »Warte hier, ich versuche, mehr zu erfahren.« Er ließ sie, sachte an einen dicken Baumstamm angelehnt, zurück und verschwand wieder in der Menge der Schaulustigen.
Theresa sah ihm nach, wie er sich energisch seinen Weg bahnte. Paul Hohenau konnte sein blaues Blut nur schwer verbergen und versuchte es auch gar nicht. Die hellen Locken, stets einen Hauch zu lang, und sein grauer Dreiteiler aus Flanell, den er zu keiner Zeit abzulegen schien, verliehen ihm etwas Dandyhaftes. Er pflegte sein snobistisches Image, um lästige Menschen auf Abstand zu halten. Doch komischerweise flogen langbeinige Blondinen genau darauf. Wenn er nicht gerade in einem Chemielabor der Universität Wien stand und unterrichtete, kutschierte er seine Eroberungen stilvoll in seinem alten MG-Cabrio durch die – wie er sich auszudrücken pflegte – ehemaligen Kronländer.
Erst als Paul nicht mehr zu sehen war, bemerkte Theresa einen Einsatzwagen und ein Zivilfahrzeug, das derart demonstrativ im Parkverbot stand, dass es nur der Polizei gehören konnte. Genau in diesem Moment kamen zwei Uniformierte aus dem Antiquitätengeschäft und versuchten die Menschenmenge zu zerstreuen. Einer der beiden begann, die Personalien der Schaulustigen aufzunehmen, und auf einmal standen nur noch halb so viele Passanten herum.
Aus irgendeinem Grund fühlte sich Theresa wieder beobachtet. Sie sah umher. Wieso glotzte sie dieser alte Typ da drüben so an? Sie starrte herausfordernd zurück, bis der Mann den Blick senkte und verschwand. Komische Leute gab es.
Ein klägliches Miauen ließ sie aufhorchen: Renoir saß verschreckt im Baum über ihr, dieses Mal bar jeglicher Arroganz. Sie vergaß ihre anfängliche Abneigung und hob den Kater herunter. Er schmiegte sich an sie und wirkte verloren und verängstigt. Ein bisschen wie sie selbst. Theresa kraulte seinen Nacken. »Was machst du hier draußen? Solltest du nicht drinnen Wachhund spielen? Da hast du wohl versagt, was?«
Renoir stupste trotz des Vorwurfs seinen Kopf schnurrend an ihr Kinn und sie genoss seine Wärme. Eine kleine, weiße Flocke setzte sich auf seine Nase. Theresa schaute zum Himmel. Dichte, schwarze Wolken kündigten weiteren Schneefall an.
Paul kam zurück und betrachtete den Kater. »Renoir, Schönster aller Schönen, haben sie dich vertrieben?« Dann wandte er sich an Theresa: »Ich komme nicht ins Geschäft hinein und die Polizisten wollen mir keine Auskunft geben. Laut der Gerüchte ist Rembert vor circa einer Stunde tot aufgefunden worden. Alle gehen von Mord aus. Ich glaube das allerdings nicht.« Er verstummte kurz und schluckte. »Ich kann es nicht glauben! Bei der stillen Post dieser Tratschweiber wird doch jeder Beinbruch zu einem Gewaltverbrechen!«
»Als ich bei ihm war, sagte er noch, er werde sich eines Tages das Genick brechen, weil die Stiege, die in sein Atelier führt, zu eng sei«, bemerkte Theresa mitfühlend. Sie ahnte, dass in Pauls Ärger auch Angst mitschwang.
»Ach, die Treppe, ich weiß. Über die hat er ständig gejammert. Aber selbst mit zwei Promille intus war er trittsicher wie eine Gams. Außerdem restaurierte er nicht und benutzte somit auch nicht das Atelier, wenn er getrunken hatte.«
Theresa kraulte Renoir und entdeckte, dass seine Pfoten rot gefärbt waren. War er in eine von Wenz’ Tuben getapst oder war das etwa getrocknetes Blut auf den Krallen? Ihr wurde wieder schwindlig. Der Kater schien ihre Unruhe zu spüren, befreite sich aus ihren Armen und sauste im Slalom zwischen den Beinen der letzten Schaulustigen hindurch zurück ins Antiquitätengeschäft.
Paul sah ihm nach, während er sein Handy aus der Tasche kramte: »Ich versuche ihn telefonisch zu erreichen. Vielleicht ist ja seinem Nachbarn etwas passiert und wir sind umsonst in Sorge.« Er wählte, schüttelte jedoch nach kurzer Zeit den Kopf. »Nichts, auch die Mailbox ist nicht an.«
»Wir sollten Flora anrufen, um den Termin abzusagen.« Theresa wischte über ihre Lederjacke und überlegte, ob das wirklich Blut gewesen sein könnte.
»Ich wette, die Gute schläft noch. Ich probiere mal Remberts Festnetznummer.«
Während Paul weiter mit dem Telefon hantierte, hörte Theresa eine vertraute Stimme. »Hallo ihr zwei! Habe ich euch endlich gefunden«, rief Flora, die schnaufend auf die beiden zueilte. »Was ist denn hier passiert? Wurde bei Wenz eingebrochen?«
Theresa umarmte ihre Freundin. »Vielleicht noch schlimmer. Es heißt, er sei tot.«
»Oh!« Flora blieb der Mund offen stehen. Allerdings war nicht das mögliche grausame Schicksal von Rembert Wenz der Grund für ihre Sprachlosigkeit, sondern der Ermittler, der in diesem Moment, begleitet von einem uniformierten Polizisten, die Zirkusgasse 30 verließ. »Oh, mein Gott, ich muss sofort weg.«
»Was ist los?«, fragte Theresa.
»Robert Kiesling! Wohin kann ich ganz schnell verschwinden?« Flora versuchte sich hinter ihrer Freundin zu verstecken, was ihr nicht gelang, da sie mindestens 20 Zentimeter größer war als Theresa.
»Flora, bitte! Contenance!«, mahnte Paul und steckte sein Telefon ein. »Weshalb bist du derart panisch?«
»Thesi, erinnerst du dich an das letzte Schuljahr an der Graphischen Lehranstalt, an das Ferialpraktikum, das ich gemacht habe?«, flüsterte Flora, senkte den Kopf und begann in ihrer Tasche zu wühlen.
»Das ist 15 Jahre her! Tut mir leid, aber nein«, stöhnte Theresa.
Flora kramte ihren kleinen Schminkspiegel heraus und beobachtete damit über ihre Schulter hinweg den Eingang zum Antiquitätengeschäft. »Er ist es wirklich. Bitte gehen wir schnell irgendwohin einen Kaffee trinken, dort erzähle ich euch alles.«
Plötzlich klingelte Pauls Telefon. Noch bevor er es aus seiner Hosentasche fischen konnte, stand der Zivilermittler mit einem Handy in der Hand vor ihnen. Flora fühlte, wie ihre Wangen zu glühen begannen. Sie packte hastig den Spiegel weg, blickte zu Boden, versuchte aber so unauffällig wie möglich, die Situation aus dem Augenwinkel zu verfolgen.
»Grüß Gott, Chefinspektor Kiesling. Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen.«
Oh Mann, er sah noch immer toll aus, dachte Flora, die kurz aufgeblickt und direkt in seine dunkelbraunen Augen geschaut hatte. Verschreckt nestelte sie eine uhugroße, schwarze Sonnenbrille aus ihrer Handtasche und setzte sie hastig auf.
Der Beamte zeigte seinen Ausweis, den er so schnell wieder einsteckte, dass ihn keiner entziffern konnte. Ohne ein Wort zu sagen, blickte er von einem zum anderen. In seinen dunklen Haaren verfingen sich ein paar Schneeflocken. Gemeinsam mit den vielen Sommersprossen rund um seine Nase verlieh ihm das etwas Lausbübisches.
Der Chefinspektor sah Flora nachdenklich an, runzelte die Stirn und wandte sich schließlich an Paul. »Sie haben soeben Herrn Wenz angerufen. Warum?« Demonstrativ wedelte er mit dem Mobiltelefon in seiner Hand.
»Ich hatte eine Verabredung mit ihm und wollte wissen, was los ist, wieso wir nicht zu ihm durchkommen.«
»Diese Verabredung wird er nicht mehr einhalten können«, sagte Kiesling ohne eine Gefühlsregung in der Stimme.
»Heißt das, er ist wirklich tot?« Paul wurde bleich.
»Ja. Und wenn Sie schon da sind …« Kiesling holte ein Diktiergerät aus der Tasche seines zerknitterten Leinensakkos und fingerte daran herum.
Bevor der Chefinspektor weiterreden konnte, hakte Paul nach: »Ist er ermordet worden?«
Kiesling ignorierte ihn und drehte sich zu Flora, die sich fortwährend zerlaufene Schneeflocken von der Brille wischte. »Haben Sie ein Problem mit den Augen?«
»Nein, nein, nichts … nur, ähm, rauchiges Lokal gestern … Bindehautentzündung …«, stotterte sie und hoffte inständig, er würde sie nicht erkennen.
Der Ermittler kratze sich am Ohr, stellte das Diktiergerät an und schnauzte in Richtung Paul: »Die Fragen stelle übrigens ich. Wenn Sie mir also bitte sagen würden, was Sie hier wollen und wieso Sie Rembert Wenz angerufen haben!«
Paul stellte sich mit zusammengebissenen Zähnen vor, erzählte, dass der tote Restaurator ein ehemaliger Verwandter gewesen sei und sie gemeinsam eine Bilduntersuchung hatten durchführen wollen. Flora merkte ihm die Anstrengung an, die es ihn kostete, auf Kieslings unfreundlichen Ton gelassen zu reagieren. Paul hatte sich kerzengerade aufgerichtet, und dennoch überragte ihn der Chefinspektor um einige Zentimeter. Typisch Männer, dachte sie, es ging immer um die Größe.
»Was heißt ehemaliger Verwandter?«
Paul erklärte kühl, dass Wenz seine Tante geheiratet hatte und seit der Scheidung vor einigen Jahren als Exonkel tituliert wurde. »Heute waren wir hier verabredet, um ein Gemälde einer Röntgenfluoreszenzanalyse zu unterziehen. Das transportable Mikro-RFA steht da drüben in meinem Auto, falls Sie das überprüfen wollen … Falls Sie sich damit auskennen.«
»Nein, ich glaube Ihnen schon.«
»Ist er nun ermordet worden?«, fragte Paul nochmals und sah den Chefinspektor unfreundlich an.
»Die Spurensicherung arbeitet noch.« Kiesling machte eine kurze Pause, als der Leichenwagen heranfuhr und vor der Eingangstüre des Geschäfts parkte. »Tatsache ist, dass Rembert Wenz nicht mehr lebt. Aber es könnte auch ein Unfall gewesen sein.«
Abrupt drehte er sich zu Theresa. »Und Sie sind?«
»Theresa Valier. Mein Bild sollte von Paul, ich meine von Herrn Hohenau untersucht werden. Das hier«, sie deutete auf Flora, »ist …«
»Eine Freundin, die zufällig vorbeikam und nichts mit der Sache zu tun hat«, fiel ihr Flora ins Wort.
Kiesling sah sie nochmals fragend an. Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. »Flora Lombardi! Hätte ich es mir doch denken können. Immer am Ort des Verbrechens, was?«
»Hallo Robert, schön, dich zu sehen«, sagte Flora und nahm die Sonnenbrille ab.
»Ihr kennt euch … Ähm, Sie sich?« Theresa blickte fragend von ihrer verstörten Freundin zum schmunzelnden Chefinspektor.
»Flüchtig«, flüsterte Flora.
»Ja, ›flüchtig‹ ist das richtige Wort. Was ich bis heute bedaure«, ergänzte Kiesling lächelnd. Der amüsierte Gesichtsausdruck wich augenblicklich einer professionellen Strenge, als er sich wieder an Theresa wandte. »Gut, machen wir weiter, Frau Valier, Ihr Bild. Können Sie mir das kurz beschreiben? Vielleicht ist es noch da.«
»Was soll das heißen?«
»Das heißt, dass wir es wahrscheinlich mit einem Raub zu tun haben. Ich will der Spurensicherung aber nicht vorgreifen«, erklärte Kiesling.
»Wenn es ein möglicher Unfall war, wie Sie vorher sagten, wer soll dann etwas gestohlen haben?«, fragte Paul, wurde jedoch keines Blickes gewürdigt.
»Mein Gemälde zeigt eine Krönung«, antwortete Theresa.
Kiesling überlegte kurz. »Nein, habe ich nicht gesehen. Muss wohl ein Teil der Beute sein.«
Theresa bemerkte, dass der Chefinspektor ihr während des Gesprächs nicht in die Augen sah, sondern auf ihre Lederjacke starrte. Sie schaute irritiert auf ihre Schulter und entdeckte ein Büschel Katzenhaare. Würde Kiesling jetzt etwa wie Leon anfangen, Fussel von ihrer Kleidung zu pflücken? Sammelte er bereits Beweismaterial oder war er lediglich pedantisch? Glücklicherweise hatte Renoir keine Blutspuren hinterlassen. Wie hätte das erst ausgesehen!
»Oh, dann ist …«, murmelte Theresa verwirrt und hielt inne. Sie wusste nicht mehr, was sie hatte sagen wollen.
Kiesling zog zwei Visitenkarten aus seiner Sakkotasche. Eine gab er Theresa, die andere Paul. »Würden Sie morgen ins Präsidium kommen, damit wir das Protokoll aufnehmen? Frau Valier, Sie könnten, sofern vorhanden, ein paar Fotos mitbringen und eine Diebstahlanzeige aufgeben. Das werden Sie für die Versicherung brauchen. Und wir brauchen ein paar Abzüge für die Akten.«
Versicherung, ja sicher, dachte Theresa. Besaßen sie natürlich noch keine! Wann hätte sie die machen sollen? Und wenn schon, armer Rembert! Welch einen Wert hatte schon ein Kunstwerk im Vergleich zu einem Leben? Auch wenn es Papas Bild gewesen war. Ihr König …
»Und was ist mit mir?«, hörte sie Flora fragen. »Soll ich nichts zu Protokoll geben?«
»Bist du verwandt, bestohlen worden, hast etwas gesehen oder den Restaurator umgebracht?« Kiesling, der Janusköpfige, sah Flora lächelnd an.
»Viermal nein.«
»In dem Fall habe ich keine weiteren Fragen.« Sein Ausdruck wurde wieder ernst, er nickte Paul kurz zu und ging grußlos zu den wartenden Gaffern.
Theresa musterte Flora eindringlich. »Was war das denn?«
»Nichts«, Flora drehte sich weg. »Ich fahre nach Hause.«
»Komm jetzt sofort mit und erzähl alles«, befahl Theresa und hielt ihre Freundin am Arm fest.
»Da gibt es nichts zu erzählen.« Flora versuchte, sich aus dem Griff zu befreien.
»Ma petite, da haben deine glutroten Wangen aber etwas ganz anderes signalisiert. Flora und der Kommissar – die Geschichte möchte auch ich hören. Derart derangiert habe ich dich selten erlebt.« Paul versuchte offensichtlich, mit Spott seine Bestürzung über den Tod seines Onkels zu überspielen.
»Bitte Flora, komm mit uns auf einen Kaffee«, drängte Theresa. »Ich muss mich jetzt irgendwo hinsetzen und darüber reden, was gerade passiert ist.«
»Ich würde es ebenfalls begrüßen, jetzt mit Freunden zusammen zu sein«, sagte Paul. »Und mit dir, Flora.«
»Na gut, gehen wir. Wo ist das nächste einigermaßen erträgliche Kaffeehaus? Du musst dich doch auskennen, Thesi, ist nicht hier in der Nähe dein Verlag?«
»Ja, gleich um die Ecke. Und daneben gibt es ein nettes, kleines Lokal.«
Das ›Milchkandl‹, eine Bäckerei mit angeschlossener Konditorei, war auch sonntags geöffnet. Die drei gingen an der Vitrine mit flaumigen Krapfen und frischem Apfelstrudel vorbei und zogen sich im hinteren Teil des Ladens in einen separaten Raum zurück. Nachdem die Kellnerin die gewünschten doppelten Espressi gebracht hatte, rührten alle eine Zeit lang gedankenversunken in ihren Tassen.
»Es tut mir leid, Paul«, unterbrach Theresa schließlich die Stille. »Ich habe Rembert zwar nur einmal gesehen, aber ich habe ihn vom ersten Moment an gemocht. Er war beeindruckend. Ein bisschen hat er mich an Papa erinnert.« Sie ergriff seine Hand.
»Ich glaube, ich habe noch gar nicht begriffen, dass er wirklich tot ist. Das kam überraschend, obwohl … bei seinem Lebenswandel.«
»Jetzt klingst du selbst wie die alten Tratschweiber da draußen«, fiel ihm Theresa ins Wort.
»Nein, ich beziehe mich auf die Trinkerei und seine kaputte Leber, die ihn ohnehin bald ins Grab gebracht hätte. Dabei war er so begabt. Er hat in den 80er-Jahren im Vatikan sogar an der Restaurierung der Sixtinischen Kapelle mitgearbeitet.« In Pauls Augen traten Tränen. »Ich glaube, ich sollte Tante Marie anrufen. Oder macht die Polizei das auch bei Expartnern?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich besuche sie später und teile es ihr persönlich mit.«
»Wieso waren sie geschieden?«, frage Flora leise.
»Wahrscheinlich war für sie übermäßiger Alkoholgenuss kein probates Mittel, um eine Schaffenskrise zu überwinden«, antwortete Paul. »Ich habe ihn trotzdem sehr gemocht. Er war zwar seit der Trennung nicht mehr offizielles Mitglied der Familie, aber für mich blieb er ein guter Freund. Einer, der anders war als der Großteil der Hohenaus’: ehrlich, geerdet … Bei all seinen Fehlern in gewisser Weise ein Ehrenmann.« Er zog ein Stofftuch aus seiner Sakkotasche. Dabei fiel die Visitenkarte des Chefinspektors auf den kleinen, runden Marmortisch.
Theresa nahm sie in die Hand und spielte damit herum. Gehörte Kiesling eigentlich zur Mordkommission? War Rembert nun getötet worden und wenn ja, wieso? Was, wenn sie etwas früher gekommen wären und den Täter überrascht hätten? Hätten sie Rembert retten können? Was, wenn ihr Bild etwas mit seiner Ermordung zu tun hatte? Sie schüttelte den Kopf. Unsinn, es wusste doch niemand, dass sie es zu Wenz gebracht hatte.
»Flora, nun ist es Zeit für deine Geschichte. Lenk uns ein bisschen ab«, holte Paul Theresa aus ihren Gedanken zurück.
Ihre Freundin räusperte sich. »Na gut.« Sie begann zu erzählen, wie sie den Praktikumsplatz bei der Polizei bekommen und dort gelernt hatte, aufmerksam zu beobachten, Details wahrzunehmen und strukturiert zu arbeiten. Nach einer Einbruchserie habe sie Egon, der Polizeifotograf, auf eigene Faust losgeschickt. Es sei an diesem Abend hoch hergegangen, typisch für eine Vollmondnacht, in der alle durchdrehen. Flora war zum Tatort gefahren und hatte dort den jungen Revierinspektor Robert Kiesling getroffen.
»Er sah schon damals phänomenal aus«, seufzte Flora.
»Und hatte er schon damals dieses schäbige Sakko an? Vermutlich. Falsches Jahrzehnt, falsche Jahreszeit«, brummte Paul dazwischen.
»He, wer trägt hier seit eh und je graues Flanell?«, rief Flora schnippisch.
Theresa sah Paul strafend an, legte ihre Hand beruhigend auf Floras Arm und bat sie, weiterzuerzählen.
»Robert und ich haben ein bisschen geflirtet, die Telefonnummern ausgetauscht und es hätte der Anfang einer wunderbaren Beziehung sein können. Doch dann bin ich in das Zimmer gegangen, in dem das Verbrechen geschehen ist. Dass es derart grauenhaft aussehen würde, hatte mir keiner gesagt. Und da habe ich leider den Tatort verunreinigt.«
»Was hast du?«, fragte Theresa.
»Ich musste mich übergeben und habe die Arbeit der Spurensicherung zunichtegemacht.«
»Das wäre jedem passiert«, versuchte Theresa sie zu trösten.
»Nicht jedem«, erwiderte Paul trocken. Flora warf ihre Locken nach hinten und kniff die Augen zusammen.
»Und wieso hast du Robert nicht angerufen, um ihn wieder zu sehen?«, lenkte Theresa ab.
»Ich bin ein konservatives Mädchen und habe gewartet, dass er sich meldet. Was er nicht tat. Na ja, sein Pech. Außerdem habe ich ein paar Wochen später Walter kennengelernt.« Sie sagte es leichthin, doch es beschäftigte sie augenscheinlich mehr, als sie zugab. Mit versteinerter Miene sagte sie zu Theresa: »Du warst übrigens gerade den Sommer über in Italien bei Francesco … Keine Freundin da, wenn man eine braucht.«
»Ach, deshalb kann ich mich an diese Geschichte nicht erinnern. Ich habe mir gerade gedacht, komisch, dass ich das vergessen konnte. Doch selbst wenn ich in Wien gewesen wäre, was hätte ich tun sollen?«, fragte Theresa und nahm einen Schluck Kaffee. »Komm morgen mit zur Protokollaufnahme und verabrede dich mit ihm.«
»Nein, es ist zu spät«, antwortete Flora.
»Ich begleite dich, Thesi«, warf Paul ein. »Ich muss auch hin. Wann hast du Zeit?«
»Am besten, wir bringen es am Vormittag hinter uns, wenn Dino im Kindergarten ist.«
Vor dem ›Milchkandl‹ wählte Paul die Nummer seiner Tante, um seinen Besuch anzukündigen. Da er sie nicht erreichen konnte, fragte er: »Und was machen wir jetzt? Unternehmen wir etwas gemeinsam? Ich möchte momentan nicht allein sein.«
»Ich auch nicht«, meinte Theresa. »Leon ist noch klettern und Dino bei meinen Schwiegereltern.«
»Gehen wir in die Hofburg und schauen, ob wir dort in der Silberkammer die Krüge von deinem Bild finden …«, Flora stockte. »Entschuldige Thesi, ich hab ganz vergessen, dass es gestohlen wurde.«
»Egal, die ›Krönung‹ ist im Moment unwichtig. Zur Ablenkung könnten wir uns allerdings etwas Schönes ansehen.«
Sie schlenderten schweigend über den Schwedenplatz, die Rotenturmstraße hoch in Richtung Graben. Als am Ende des Kohlmarkts die grüne Michaelerkuppel in Sicht war, lächelte Theresa und dachte an das wunderbare Echo, das in diesem Durchgang herrschte. Zuletzt war sie mit ihrem Vater dort gestanden, als sie gemeinsam eine Antiquitätenmesse besuchten. Wie immer hatte er unter der Kuppel gejodelt. Den Erzherzog-Johann-Jodler. Wie immer hatten die japanischen Urlauber applaudiert und fotografiert. Und wie immer war es ihr furchtbar peinlich gewesen. ›Das muss sein, wenn ein echter Steirer zu Besuch nach Wien kommt, meine liebe Theresa‹ – seine Worte klangen in ihren Ohren. Was würde sie dafür geben, ihn noch einmal jodeln zu hören und noch einmal vor lauter Scham darüber im Boden versinken zu wollen. Als ihr die Tränen kamen, hielt Theresa sie nicht zurück. Sie hängte sich bei ihren Freunden ein, um von ihnen und dem Touristenstrom mitgezogen zu werden.
Dino schnarchte leise in seinem Hochbett. Theresa lehnte an der Kinderzimmertür und beobachtete, wie sich die Decke mit jedem Atemzug ihres Sohnes hob und senkte. Leon ergriff ihre Hand. »Komm, du hast ihn morgen den ganzen Tag. Erzähl endlich, was passiert ist.«
Sie setzten sich im Wohnzimmer aufs Sofa, kuschelten sich unter eine warme Decke und Theresa berichtete stockend, dass Wenz tot und die ›Krönung‹ weg war. Sie machte eine kurze Pause und schmiegte sich enger an ihren Mann. »Es ist unvorstellbar! Jemand, den ich gekannt habe, ist ermordet worden.«
»Das ist nicht sicher, es könnte auch ein Unfall gewesen sein. Warte ab, was Kiesling morgen sagen wird.« Leon nahm sie fest in die Arme und streichelte ihr über die Haare. »Falls er getötet wurde, hat das nichts mit uns zu tun«, versuchte er seine Frau zu beruhigen.
»Und wenn doch? Was, wenn das Gemälde ein echter Rubens ist? Und Wenz hat es entdeckt? Er hat von dem Bild geschwärmt, von der einzigartigen Technik, der wunderbaren Komposition. Vielleicht hat der Vignettenschreiber einen Fehler gemacht oder einer der schlechten Restauratoren. Was, wenn Wenz jemandem davon erzählt hat und der …«
»Schatz, du und deine Fantasie! Lass die Polizei ihre Arbeit machen, die werden das aufklären. Ich wette, es gibt für alles eine plausible Erklärung. Beziehungstat oder so was. Es sind doch immer Beziehungstaten.«
Theresa legte ihren Kopf auf seine Schulter. Bestimmt hatte er recht … Trotzdem würde sie ein bisschen nachforschen.
Arcetri, Dezember 1633
Carissimo et illustrissimo mio amico
Teuerster Freund!
Nunmehr komme ich zu Eurem Brief, für den ich mich vielmals bedanken will. Ihr habt mich um einen Bericht meiner Verfolgung gebeten. Die verflossenen Kümmernisse waren nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Ich wurde in Rom fünf Monate gefangen gehalten, doch der sogenannte Kerker war das Haus des Botschafters der Toskana, von welchem ich so zuvorkommend behandelt wurde, als ob ich sein Vater wäre. Nach Abschluss des Verfahrens verurteilte mich seine Heiligkeit wieder zu Kerker, und zwar im großherzoglichen Palast von Trinità dei Monti. Von dort wurde ich für fünf Monate Haft nach Siena überstellt.
Ihr seht, der Kerker war so grausam nicht. Nur, dass ich das Fehlurteil der Heiligen Offizien über mich ergehen lassen musste, und dass ich gegen jedwedes bessere Wissen widerrufen habe, das war schlimmer als Folter. Ich weiß nicht, wie ich mir diesen Meineid verzeihen soll.
In Siena durfte ich an meinen Traktaten weiterarbeiten, aber ausschließlich auf dem Gebiet der Mechanik. Die Beschäftigung mit der Astronomie wurde mir strikt untersagt. Doch ich konnte Besuche empfangen und wurde aufs Allerbeste behandelt.
Schließlich gestattete man mir vor einigen Tagen, mich von Siena in mein Landhaus zurückzuziehen, woselbst ich mich gerade befinde. Diese Übersiedlung nach Arcetri gewährte man mir mit der Auflage, dass ich mich nicht in die Stadt hinunter begebe und mich vom Hof des Fürsten fernhalte. Ich bin aber guter Hoffnung, dass dieses Verbot bald gelockert wird, so wie der Kerker eine gute Unterbringung bei Freunden war.
Ich werde versuchen, Euch baldigst wieder zu schreiben, und freue mich schon auf ein Wiedersehen. Gott möge bei unseren weiteren Vorhaben mit uns sein!
Innigst,
Euer Freund G.