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Als ich mit Astrid beim Mittagessen saß, wusste ich noch nicht, dass das mein letzter friedlicher Tag sein würde. Einträchtig aßen wir Salate und Baguette mit Yoghurtcreme und tranken – wegen Astrids Zustand – Apfelsaftschorle, die ich eigentlich nicht leiden konnte. Spezi war mir lieber, aber dann guckte Astrid bloß wieder so leidend auf mein Glas, sie war fast im neunten Monat und durfte natürlich kein Koffein...

„Schade, dass du hinterher nicht wiederkommen willst“, meinte ich kauend, „wir haben so super zusammengearbeitet. Wer weiß, was nachkommt!“

„Ich würde ja gerne“, gestand Astrid, „aber Wolfi spielt nicht mehr mit. Und mit drei Kindern? Weißt du, mit zweien war das schon ein derartiger Eiertanz, Sara rechtzeitig in den Kindergarten, Lara rechtzeitig in die Krabbelgruppe, natürlich mit unterschiedlichen Öffnungszeiten, nie durfte jemand krank sein, und um fünf musste ich zu Hause sein, geputzte Wohnung, gewaschene Kinder, fertiges Abendessen, entspanntes Lächeln...“

„Warum lässt du dir so was gefallen?“, fragte ich empört, obwohl ich die Antwort doch längst kannte. „Um Wolfi zu beweisen, dass ich beides schaffe, weißt du doch. Hätte ich gesagt, das wird mir alles zuviel, kannst du nicht wenigstens mal den Müll runterbringen, hätte er doch bloß gemeint, niemand zwingt dich zu arbeiten, lass es, dann hast du auch weniger Stress.“

Der Platz einer Frau ist zu Hause“, stellte ich bitter fest.

Astrid seufzte. „Ja, so ungefähr. Aber weißt du was? Eigentlich freue ich mich fast darauf, mich mal nur auf die Kinder konzentrieren zu können. Sie sind gerade so niedlich, und wenn man den ganzen Tag arbeitet, verpasst man ja doch die schönsten Momente. Laras erstes Lächeln, Saras Geplapper... wieso sollen das alles nur die Mädels in der Krabbelgruppe erleben? Ich kann nach dem Mutterschutz ein bisschen online mitarbeiten, das hab ich mit dem Chef schon ausgemacht, und nach ein paar Jahren steige ich sicher wieder ein, notfalls an anderer Stelle im Verlag. Also, bedauere mich nicht zu sehr!“

„Ich bedauere nicht dich, sondern mich“, stellte ich richtig und klaute ihr eine schwarze Olive. „Die darfst du ja sowieso nicht, oder? Ich muss mich mit deinem Nachfolger oder deiner Nachfolgerin herumärgern. Keine Ahnung, wer das sein wird.“

„Wart´s ab, ich muss ihn nachher rumführen. Um drei wird der Chef ihn bringen.“

„Ein Kerl also. Der wird sich freuen, mit lauter Frauen zusammen zu arbeiten!“

Astrid zuckte die Schultern. „Da muss er eben durch. Ich hab ihn mal kurz gesehen, er sah ganz okay aus.“

„Jung? Alt? Grimmig? Milchbubi?“

Sie überlegte. „Jung und grimmig, denke ich.“

„Na, prost. Mensch, Astrid, bleib doch bei uns!“ Sie sah auf ihren eindrucksvollen Bauch herunter. „Ein bisschen spät, sich anders zu entscheiden. Jetzt komme ich aus der Sache nicht mehr raus. Außerdem reden Sara und Lara schon dauernd vom Brüderchen. Wie findest du Jakob?“

„Als Namen? Naja, recht biblisch. Wie wär´s mit Esau?“

„Ich nenne doch meinen Sohn nicht nach einem geschäftlichen Versager, der auch noch freiwillig Linsen futtert!“

„Linsen sind aber doch gesund“, wandte ich ein. „Und der Erstgeborene ist er sowieso nicht.“

„Aber es ist ein blöder Name. Nein, Jakob Salzgeber klingt ziemlich gut, finde ich. Mona, jetzt finde dich endlich damit ab, dass du mit dem Kerl zusammenarbeiten musst. Man könnte meinen, du bist die Mutter Oberin und freche Marodeure wollen in dein Kloster eindringen.“

Ich kicherte. „Und die Tugend der Viererbande bedrohen?“

Sie lachte auch und massierte sich dann stöhnend den Bauch. „Da versagt selbst meine Phantasie... Mensch, hab ich das satt. Es gibt ja Leute, die sind gerne schwanger... Ich bin erst zufrieden, wenn der Kleine da ist, ich möchte mal wieder meine Füße sehen und mich im Bett hinlegen, wie es mir passt.“

„Andererseits – so lange er da drin ist, kannst du nachts durchschlafen“, hielt ich dagegen. „Ach ja? Wenn Sara schlecht träumt oder immerzu Muss Pipi! ruft oder Du-ast!? Und Lara weint? Ich werde erst wieder durchschlafen, wenn Jakob zum Studieren nach Kiel zieht.“

„Wieso Kiel?“

„Egal, Hauptsache, weit weg. Erst haben sie nachts Blähungen, dann wollen sie nicht ins Bett, dann stehen sie dauernd wieder auf und dann kommen sie ewig nicht aus der Disco heim. Wart´s ab!“

„Ich?“, verwahrte ich mich sofort, „Ich denke ja gar nicht daran. Ich bin an meinem Schreibtisch sehr zufrieden. Und wenn mir das mal nicht mehr reicht, kann ich mir immer noch eine Katze zulegen.“

„Die kommt nachts auch nicht heim“, prophezeite Astrid düster.

„Bei mir schon. Im fünften Stock bleibt ihr doch bloß der Balkon. Du, wir müssen langsam zurück!“

Wir kamen knapp rechtzeitig zurück in die Tretmühle und Astrid kehrte sofort zu ihrer letzten Pflicht zurück und schichtete ihren persönlichen Kram in eine große Tragetasche von Babyland, aber die Viererbande war mitnichten vollständig. Nur die Schmalhans saß bräsig auf ihrem Schreibtischstuhl, schwang rhythmisch hin und her und las ein Buch. Ich linste im Vorbeigehen auf den Titel: Die Heilung der verletzten Aura. Ah ja... Typisch!

„Wo sind denn die anderen?“, fragte ich. Seufzend klappte sie ihre inspirierende Lektüre zu, nachdem sie sorgfältig ein wohl selbst mit mystischen Symbolen bemaltes Lesezeichen eingelegt hatte. „Ich weiß es nicht. Die kommen bestimmt gleich wieder. Liegt denn etwas Dringendes an?“

„Nein, aber die Mittagspause ist vorbei“, stellte ich mit ungnädigem Blick auf die Uhr fest. „Wie sieht es mit unseren neuen Angeboten aus? Sind die schon im Netz?“ Jetzt legte sie das Buch endgültig weg. „Soweit möglich, schon. Für diese Chemieheftchen fehlen noch die Bestellnummern.“

„Dann kümmern Sie sich drum!“, entgegnete ich leicht gereizt. Sie erhob sich mühsam, das weite, goldbestickte rote Gewand wogte um ihre üppigen Formen. Warum trug sie immer rot, wenn es sich doch so abscheulich mit ihren hennagefärbten Locken biss? Und das purpurfarbene Tuch, mit dem sie diese Mähne aus dem Mondgesicht hielt, sah dazu auch verboten aus. Wie eine Kartenlegerin, die man über eine 0190-Nummer anrufen musste... Dass sie unseren Internetauftritt auf dem Laufenden hielt, sah man ihr wirklich nicht an!

Zehn Minuten zu spät tauchten kichernd die beiden Küken auf, Weiß und Hilz. Ich betrachtete sie, innerlich den Kopf schüttelnd. Warum war ich mit solchem Volk geschlagen? Dann sah ich beziehungsreich auf die Uhr, was die beiden aber nicht sehr beeindruckte.

Sandra Weiß war wahrscheinlich zu beschränkt, um die Uhr zu lesen. Und wie sie sich schon wieder aufgetakelt hatte! Ich kannte sonst wirklich niemanden, der eine so unglückselige Mischung aus Leder und Satin ernsthaft in der Öffentlichkeit spazierenführte. Der knallrote Ledermini war so kurz, dass sie sich nie bücken durfte, und die schwarze Satinbluse sah aus wie das Oberteil eines meiner Pyjamas – nur waren die aus Seide und nicht aus diesem Plastikzeugs. Dazu schwarze Strümpfe mit derartigem Schimmer, dass sie den Betrachter fast blendeten, und rote, hochhackige Pumps. Ich überlegte, ob ich ihr mal diskret sagen sollte, sie sähe wie eine billige Nutte aus, aber dann würde sie wahrscheinlich geschmeichelt kichern. In ihrem Miniaturhirn verband sich Nutte wahrscheinlich mit sexy, und das wollte sie ja vor allem sein!

Kati Hilz sah dagegen nach gar nichts aus. Graue Jeans, ein hellgraues T-Shirt und darüber eine etwas ausgeleierte dunkelgraue Strickjacke. Das Haar kurz geschnitten wie ein Schuljunge, und das freche Gesicht passte auch dazu.

Eigenartig, sinnierte ich, und sah zu, wie sich die beiden tuschelnd und kichernd wieder an ihren Schreibtischen einrichteten. Man sollte doch meinen, dass die Hilz ein ordentliches, etwas langweiliges Leben führte und die Weiß von einem leicht schmierigen Lover zum nächsten taumelte.

In Wahrheit aber hatte die Hilz einen Freund mit viel Phantasie und Ausdauer, wie sie allen, die es so genau auch wieder nicht wissen wollten, mit allen Einzelheiten zu beschreiben pflegte, und Sandra Weiß lebte bei ihrer verwitweten Mutter und hatte nicht annähernd das Privatleben, nach dem sie aussah.

Gar kein Privatleben hatte dagegen die Jonas, unsere Seniorin. Ebenfalls kurz geschorene Haare, Jeans, selbst gestrickte Pullover. Ich sah es förmlich vor mir, wie sie sich abends das Programm von arte oder 3sat reinzog und dabei die Nadeln klappern ließ – zwei rechts, zwei links, eine fallen lassen...

Heute hatte sie einen Pullover an, den ich noch nicht kannte.

„Ist der neu?“, fragte ich, ganz die gute Chefin.

Nein, mit Perwoll gewaschen“, kicherte die Hilz sofort los, von der Weiß assistiert. „Haben Sie die Terminliste bis Jahresende schon fertig?“, fragte ich, und das Kichern erstarb. „Ja, der ist neu“, antwortete die Jonas und strich sich stolz über den flauschigen violetten Ärmel.

„Hübsch“, log ich und verzog mich an meinen eigenen Schreibtisch, der im Gegensatz zu denen der Viererbande tadellos aufgeräumt war. Ich hielt auch nichts davon, privaten Schnickschnack darauf zu arrangieren; Flatscreen, Tastatur, Maus, zwei Körbe, Telefon und Schreibzeug füllten die Platte wirklich genug. Wozu dann noch Fotos in kitschigen Rähmchen (Hilz), Überraschungseierfiguren (Hilz, sie war erst zweiundzwanzig), Stofftierchen (Weiß), herzförmige Post-it-Blöckchen (Wer wohl?), esoterische Lektüre (Schmalhans), orientalische Schnitzereien, die die Erdströmungen oder was auch immer lenken sollten (dito), Strickhefte (Jonas) und Ratgeber der Marke Selbst ist die Frau (ebenfalls)?

Im Eingangskorb lag ein Schreiben der Geschäftsleitung, das um Vorschläge für die Einführung einer neuen Lernhilfen-Reihe bat. Programmiertes Lernen... hatte es das nicht in den Siebzigern schon mal gegeben?

Mein Blick irrte wieder zu diesem violetten Flauschmonster. Das Ding war doch zu weit... und der große Kragen sollte sich weich auf die Schultern legen, aber sie hatte wohl die Geduld verloren und zu früh abgekettelt, so dass er jetzt irgendwie seltsam hochstand und man die schlampig vernähten Fäden auf der Rückseite sah. Sie hatte sich schon mindestens zwanzig Pullover gestrickt und konnte es immer noch nicht!

Die Schmalhans telefonierte herum, um die fehlenden Bestellnummern zu ergattern, und ich las das Schreiben fertig. Zwei Hefte Latein, drei Mathematik, eins Physik, bis jetzt. Wenn schon programmiertes Lernen, warum dann nicht gleich Software? Unsere ANDERSlernen-CDs gingen doch glänzend!

Ich zog mir die Tastatur näher und begann zu tippen – Vorschläge für diese Reihe, Titelideen, Gestaltung, Kombination mit passender Software, vielleicht reduzierte Programme als Freeware auf der Homepage, die Möglichkeit, solche Programme auf den ewigen Messen und Fortbildungen vorzuführen, die wir immer abzuklappern hatten... O Gott – mit wem würde ich denn in Zukunft durch die Lande gondeln müssen? Mit Astrid hatte ich mich immer köstlich amüsiert, viel verkauft, neue Autoren an Land gezogen, Ideen gesammelt – und geklaut – und jede Menge Kleinstadtkneipen kennen gelernt.

Und jetzt? Jung und grimmig, hatte Astrid gesagt. In einer halben Stunde müsste der Zauberprinz auftauchen. Wahrscheinlich kam er frisch von der Uni und hatte null Ahnung von der Praxis, voller unverkäuflicher Ideen!

Wenigstens hatte Kati Hilz jetzt die Terminübersicht fertig und brachte mir einen Ausdruck. Ich las ihn durch, besserte zwei Fehler aus und gab ihn ihr zurück. „Frau Schmalhans soll die Termine ins interne Netz setzen. Haben die schwäbischen Mathematiker nicht im November immer diese Fortbildung in Sindelfingen?“

„Was? Oh – ich schaue gleich nach, tut mir Leid. Aber wissen Sie, mein Freund – er hat mich heute Nacht derartig um den Verstand gebracht, ich kann noch gar nicht wieder klar denken...“

„Frau Hilz, Ihr Privatleben geht uns nichts an, Ihre Arbeitsleistung schon. Also vergessen Sie jetzt bitte mal die Freuden der Nacht und suchen Sie den fehlenden Termin raus, ja? Notfalls über das entsprechende Kultusministerium.“

Die Jonas warf der Hilz einen angeekelten Blick zu. Ob die eigentlich lesbisch war? Sie guckte so, aber eigentlich wusste ich nicht, wie man lesbisch guckte, und ehrlich gesagt war mir das auch egal.

„Dieser Raum ist unglücklich“, verkündete die Schmalhans da mit dunkel vibrierender Stimme. War das mal wieder eine Botschaft aus dem Geisterreich?

„Warum das denn?“, fragte ich. „Stimmen die Farben nicht, steht der Papierkorb falsch oder hätte der Raum lieber andere Insassen? Könnte ich ja eigentlich verstehen...“

„Nein – es ist schwer fassbar. Unzufriedenheit – eine graue Aura liegt über allem, verborgene Probleme...“

„Vielen Dank. Hoffentlich bleiben die Probleme auch im Verborgenen, sonst kommt hier gar keiner mehr zum Arbeiten. Frau Jonas, Sie kriegen nachher ein Schreiben an alle Biologen in unserer Kartei, suchen Sie die einschlägigen Adressen schon mal raus?“

Zustimmendes Seufzen. Ich schrieb einen schmalzigen Brief, in dem ich auf neue Lernhilfen für Biologie in der Kollegstufe hinwies und betonte, wie unentbehrlich unser Material doch für den erfolgswilligen Schüler und den gestressten Lehrer war; die Neuerscheinungen konnten mit 25 % Lehrerrabatt via Internet oder beiliegende Bestellkarte sofort geordert werden. Wahrscheinlich schmissen die meisten das ohnehin ungelesen ins Altpapier, aber manche bestellten eben doch. Und wenn sie es dann ihren Schülern zeigten, die doch immer hofften, irgendein Zauberbuch könnte ihnen die Arbeit sparen... Von diesen Mechanismen lebten wir schließlich.

Die Jonas ließ den Drucker rattern, der mehrere Bögen Adressaufkleber ausspuckte, und ich unterschrieb mein Anschreiben und kopierte es hundertmal. Dann wuchteten wir Anschreiben, Bestellkarten, Prospekte, Umschläge und Aufkleber der Weiß auf den Tisch und stellten einen leeren Klappkorb daneben. „Zügig bitte, das Zeug muss heute noch raus!“

Sie guckte verstört. „Alles?“

„Alles. Pro Umschlag ein Brief, einmal gefaltet, ein Prospekt, eine Karte – klar? Adresse drauf und ordentlich in den Korb schichten. Danach bringen Sie den Korb zum Frankieren, Sie wissen ja, und dann zum Postausgang.“

Ich leitete meine Überlegungen zu dieser neuen Reihe an die Geschäftsleitung weiter und brütete gerade über den Messeterminen, als es an der Tür klopfte. „Herein!“, rief ich, ohne den Kopf von der Terminliste zu heben. Erst, als ich das Räuspern hörte, sah ich auf. Ach, Dr. Benrath, unser ferne über uns schwebender Chef – und das reinste Unterwäschemodel daneben.

Sandra Weiß seufzte verzückt, Kati plinkerte mit den Lidern, die Jonas schaute noch giftiger und die Schmalhans schien seine Aura abzuschätzen. Wie üblich eben. Ich stand höflich auf. „Dr. Benrath... Und Sie sind wohl Frau Salzgebers Nachfolger?“

Er reichte mir die Hand. „Pechstein.“

„Schröder“, antwortete ich ebenso knapp. „Willkommen bei ANDERS. Ich bringe Sie zu Frau Salzgeber, Sie wird Ihnen alles zeigen.“

„Danke.“

Der verschwendete auch kein Wort. Aber wenn jemand so schön war, konnte es natürlich gut sein, dass es mit den sprachlichen – und geistigen – Fähigkeiten haperte... Ach, Blödsinn, der musste doch irgendwas können, sonst hätten sie ihn als Büroboten eingestellt und nicht als Redakteur für die Öffentlichkeitsarbeit.

Dr. Benrath und er folgten mir in Astrids Ecke hinter den beiden Yuccapalmen, und ich kehrte wieder an meinen Schreibtisch zurück und linste streng über die halbhohe Trennwand. „Ist der nicht süß?“, flüsterte die Weiß der Hilz zu, in einem durchdringenden Ton, denn man bestimmt bis zu Astrids Bereich hören konnte. Dabei war dieser Mensch garantiert schon eingebildet genug!

Er war geradezu unnatürlich schön, wie ein Werbeposter. Groß, aber nicht zu groß, schätzungsweise einen halben Kopf größer als ich, schlank. Braune Haare, offensichtlich ließ er bei einem erstklassigen Friseur arbeiten. Und ebenso offensichtlich gab er sein ganzes Gehalt für Klamotten aus. Der dunkelblaue Anzug war aus feinstem Tuch, das sah ich sogar auf diese Entfernung, und die auf Hochglanz polierten Schuhe waren garantiert aus dem teuersten Laden der Stadt. Mehr konnte ich nicht sehen, solange er mir den Rücken zukehrte und mit Astrid und Dr. Benrath irgendwelche Unterlagen durchging, aber ich hätte auf ein professionell gebügeltes Hemd aus Baumwollpopeline und eine schwere seidene Krawatte gewettet, vielleicht sogar auf Manschettenknöpfe.

Lackaffe.

So brauchte er sich für unsere doch nicht wirklich zentrale Abteilung auch nicht auszustaffieren! Wahrscheinlich war ich ungerecht, beschloss ich und widmete mich wieder den Messeterminen, schließlich war heute sein erster Tag. Morgen tauchte er vielleicht etwas bescheidener auf, wenn er aus dem Sammelsurium hier so etwas wie einen Dresscode herauslesen konnte.

Meiner Ansicht nach war ich ohnehin die einzige, die sich angemessen kleidete – heute in Jeans (sauber und nicht allzu ausgewaschen), gestreifter Bluse mit weißem Kragen, dunkelblauem Blazer, Collegeslippern (ich war auch ohne hohe Absätze groß genug) und Perlenkette. Dazu ein ordentlicher Pferdeschwanz mit Samtschleife. Für alle Tage reichte das völlig, und wenn ein Event anstand, hatte ich auch Kostüme, halbhohe Pumps und einen soliden Knoten zu bieten.

Kurz gestattete ich mir die Vorstellung, dieser Schnuckelputz orientierte sich stylingmäßig an der Schmalhans und käme morgen in purpurnen Pluderhosen, besticktem Indienhemd und jeder Menge Holzketten um den Hals. Das Friseurkunstwerk müsste er natürlich abrasieren... Ich grinste vor mich hin, während ich die Termine, die mich betrafen, in meinen Palm übertrug und begann, die Events der ersten Messe zu planen. Schon am 14. und 15. Oktober begann der Zirkus wieder – Oberpfalz, Regionale Lehrerfortbildung für Geographen. Was hatten wir in puncto Erdkunde zu bieten? Ich ging die Listen durch, immer noch über die Vorstellung von Pechstein als Hare Krishna lächelnd – obwohl ich solche Leute aus gutem Grund hasste wie die Pest – trug alle Titel zusammen, vergewisserte mich, dass ein entsprechender Musterkoffer zusammengestellt wurde und für die Präsentation der Software Notebook und Beamer verfügbar waren, und leitete dann alles auf Kati Hilz´ Rechner um, die erschrocken hochfuhr, als es bei ihr piepste und ich ihr zuwinkte.

Nicht nur sie, auch die anderen drei Heldinnen täuschten nicht einmal vor, zu arbeiten, sondern glotzten ungeniert in Astrids Ecke.

Jetzt drehte er sich um. Gutes Gesicht, wenn man ihn in Ruhe betrachten konnte.. Besser, als es ihm charakterlich bekommen konnte! Schmal, leicht gebräunt, lange Nase, voller Mund, zusammengepresst, als gefalle ihm nicht, was Astrid ihm vorlegte, dichte Augenbrauen, undefinierbare Augenfarbe.

Und tatsächlich eine schöne Krawatte in hellen Blau- und Grüntönen, matte Seide. Er sah kurz auf und mir direkt in die Augen. Ich starrte ihn einen Moment an, dann senkte ich den Blick und suchte in meinem Terminkalender, bis ich das Meeting heute um fünf gefunden hatte. Die Meldung gab ich sofort an seinen – nein, noch Astrids – Rechner weiter, so dass es dort auch piepste. Astrid sah auf den Bildschirm und signalisierte mir ihren Dank. Als dieser Pechstein sich wieder zu mir umdrehte, war ich sofort intensivst beschäftigt.

Schließlich verabschiedete sich Dr. Benrath, und Astrid und Pechstein setzten sich gemeinsam an ihren Rechner. Wahrscheinlich wegen der Passwort- und Profiländerung. Und er musste ja auch alle laufenden Vorgänge kennen – Astrid kümmerte sich vor allem um die Werbung, was Printmedien, besonders Fachzeitschriften, betraf, während ich die Brief- und die Vor-Ort-Aktionen organisierte, die wir dann gemeinsam durchführen mussten.

„Könnten Sie sich mal wieder Ihrer Arbeit widmen?“, fauchte ich die Viererbande mit unterdrückter Stimme an. „Herr Pechstein wird uns noch länger erhalten bleiben, so dass Sie alle sich sicher noch an ihm sattsehen können.“

„Aber er ist doch wirklich toll, oder?“, wisperte Sandra Weiß.

„Finden Sie?“, antwortete ich und hoffte, echte Verblüffung in meine Stimme gelegt zu haben. Offenbar war mir das zwar gelungen, aber nicht die gebotene Dämpfung der Lautstärke, jedenfalls drehte sich Pechstein abrupt um und starrte mich unter zusammengezogenen Augenbrauen an, bevor er sich wieder abwandte.

Scheiße, tolle Einführung. Andererseits sollte er sich bloß nicht so haben. Vielleicht war er es ja gewohnt, dass ihm alle Frauen sabbernd hinterherkrochen, aber ich wollte erst mal sehen, was er konnte. Schnösel alleine brachte noch gar nichts! Und jetzt würde ich da auch nicht mehr hingucken, ich brauchte noch allerlei Unterlagen für das Meeting, um dem da mal zu zeigen, wie man hier arbeitete. „Sandra, ist die Werbepost fertig?“ Sie zuckte wieder zusammen und schien aus einem Tagtraum zu erwachen (in leidenschaftlicher Umarmung mit Pechstein? Schwanger von einem Popstar und der Liebling der Medien? Teilnahme an einer neuen Retortenband?).

„Fast. Ich hab´s gleich.“

„Die Post geht um halb fünf raus, also legen Sie mal einen Zahn zu“, mahnte ich. Nur die Schmalhans arbeitete einigermaßen selbständig, wenn man ihr ein bisschen auf die Finger sah – die Website stimmte jetzt, und einige benutzerunfreundliche Macken hatte sie auch rausgenommen. Ich lobte sie, stellte fest, dass die Hilz wenigstens so tat, als ließe sie das Material für die erste Tagung verpacken, und sortierte meine eigenen Unterlagen für das Meeting – die neue Reihe, meine eigene Idee pädagogischer Ratgeber, etwa zum Thema Kinder & Internet, Medienerziehung, Lesefreude, Legasthenie, Hyperaktivität... ich hatte schon eine Menge Entwürfe dazu gebastelt und eine Liste von potentiellen Autoren zusammengestellt.

Vielleicht ein Magazin für pädagogische Debatten – PISA, Bildungsoffensiven... das Thema lag doch in der Luft... ANDERS erkennt die Zeichen der Zeit... ANDERS gestaltet die pädagogische Zukunft mit... ANDERS nutzt den Rohstoff Geist... Man konnte so viel machen! Oder ein Forum auf der Website – mit Pädagogik-Chats. Nein, das war vielleicht zu flüchtig, gute Gedanken sollte man dauerhafter festhalten. Aber zum Runterladen... Hm... ich begann fieberhaft herumzukritzeln.

Außerdem fehlten von unseren Erdkunde-Jahrgangsstufenbüchern noch zwei, und ich sollte mir notieren, wen ich auf der Tagung womit dafür ködern sollte.

Und ein neues Übungsbuch zur Rechtschreibung – um verzweifelte Eltern zu beruhigen, die seit der Reform selbst nicht mehr so recht Bescheid wussten. Sogar Deutschlehrer hatten mir schon gesagt, dass sie seitdem jeden Mist im Duden nachschlagen mussten, wie sollte es da erst den armen Eltern gehen? Mit vielen Übungssätzen, Diktaten, Einsetzübungen... hm, aufschreiben...

„Frau Schröder?“

Ein Schatten fiel über meinen Schreibtisch. Oh, dieser Pechstein!

„Ja? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

„Wissen Sie, wo dieses Meeting nachher stattfindet?“

„Natürlich, ich werde Sie mitnehmen. Aber Frau Salzgeber geht doch auch mit, oder?“ Er lächelte kühl. „Ich wollte Ihnen nicht lästig fallen.“

„Das tun Sie nicht“, entgegnete ich gelassen – alberne Empfindlichkeiten musste man nicht auch noch hätscheln -, „wir haben doch alle den gleichen Weg. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Nein, danke.“ Er wandte sich ab, offenbar beleidigt. Schnösel.

Ich erledigte meine restliche Arbeit, denn nach dem Meeting wollte ich nach Hause, ohne vorher noch an meinen Schreibtisch zurückzukehren. Kurz vor fünf packte ich zusammen und räumte den Schreibtisch auf; die Viererbande brach ebenfalls gerade auf.

Eine Mappe mit Material unter den Arm geklemmt, ging ich zu Pechstein hinüber, der schon hinter seinem Schreibtisch saß und einige Papiere durchsah. Er hatte sich tatsächlich ein Namensschild gebastelt und es auf die Tischplatte gestellt – Dr. D. Pechstein. Was für ein Angeber! Astrid lümmelte in einem Sessel und grinste mir zu. Ich schnitt ihr eine hastige Grimasse.

„Herr Doktor Pechstein? Wir können dann aufbrechen, wenn es Ihnen passt.“

Er sah auf und nickte kühl, sammelte einiges ein, sperrte den Rest in die Schubladen und fuhr den Rechner herunter. „Ich bin fertig, gehen wir.“

„Astrid, kommst du nicht mit?“

„Doch, natürlich.“ Sie arbeitete sich mühsam aus ihrem Sessel heraus und rieb sich stöhnend den Bauch. Pechstein ließ einen irritierten Blick von ihr zu mir und wieder zurück wandern, sagte aber nichts, sondern hielt uns nur ungeduldig die Tür zum Flur auf. Er hatte ja echt Manschettenknöpfe an, schwarz mit goldenem Monogramm DP! Wieder ein Punkt mehr auf der schwarzen Liste.

Das Meeting verlief eher langweilig; ich kämpfte für die Ratgeberreihe, Dr. Benrath mauerte – wie immer – Astrid fasste zusammen, was in Bezug auf Printwerbung geplant war, damit dieser Pechstein zeigen konnte, dass er schon mitreden konnte, wir hakten Termine ab, verglichen unsere Pläne mit denen der Redaktion – natürlich konnte wieder kein einziger Erscheinungstermin gehalten werden -, und zankten ein bisschen um Details.

„Ist das Ihre Aufgabe?“, fragte Pechstein, als wir zusammenpackten.

„Was, bitte?“ Wo hatte ich denn meinen Kugelschreiber – ach, hier!

„Sich Gedanken über neue Reihen zu machen?“

„Warum nicht, wenn es uns populärer macht? Erziehungsratgeber, richtig vermarktet, können als Serviceleistung verstanden werden, wie Büchertische bei Tagungen, Diskussionsrunden und Material zum Runterladen. Das ist doch alles Öffentlichkeitsarbeit!“

„Gut, wenn man es so sieht...“ Überzeugt schien er nicht zu sein, aber das war mir ziemlich egal. „Und Sie klappern dann auch die Tagungen ab?“

„Ja, aber nicht alleine. Bisher ist Frau Salzgeber mitgefahren, und ich denke, dass Dr. Benrath Sie auch abkommandieren wird. Lassen Sie sich also besser schnell eine gute Ausrede einfallen.“

„Warum? Glauben Sie, ich fürchte mich vor Provinzhotels?“

„Wer weiß? Schönen Abend noch.“

Ich winkte Astrid zu und machte die übliche Telefoniergeste, dann enteilte ich in die Tiefgarage. Feierabend, herrlich! Und morgen war frei, noch besser!

Mein dunkelblauer Audi blinkte mir freundlich entgegen, und ich genoss es, durch die Garage Richtung Ausfahrt zu rauschen, vorbei an diesem Pechstein, der sich etwas ratlos umsah – fand er seine Karre nicht?

Draußen waren natürlich wieder mal nur Idioten unterwegs, die keine Verkehrsschilder lesen konnten, Rechtsabbiegerampeln übersahen und überhaupt pennten. Ich hupte und drängelte, bis ich alle aus dem Weg gescheucht hatte, und rauschte dann zügig nach Mönchberg. Der Anblick des grellweißen Mehrfamilienhauses freute mich immer wieder, es war noch ziemlich neu und sauber und sah richtig gut aus, kühl und glatt.

Und die Lage war gut – der Klosterweg mündete in die Franziskanerstraße, und dort gab es alle notwendigen Läden. Allerdings pflegte ich freitags einzukaufen und musste mich heute nicht mit den Leuten herumschlagen, die vor einem Feiertag ihre Wagen vollluden, als sei eine Versorgungskrise zu erwarten. Ich hielt die Fernbedienung aus dem Fenster, das Garagentor schwang auf, ich rollte hinunter und parkte auf Anhieb zwischen den beiden Betonsäulen. Tasche, Dokumentenmappe, Zentralverriegelung, Ausgang zum Lift.

So ließ sich´s leben! Kein Vergleich mit meiner Kindheit – wackliger Altbau, halb verrostete Fahrräder, zugeparkte Straßen, wild beklebte Fassaden, Geruch nach Selbstgedrehten (und Ärgerem), angegammeltem makrobiotischem Essen und Räucherstäbchen, eselsohrige Plakate an den Wänden und Matratzen mit indischen Tagesdecken auf dem Boden. Nie wieder!

Der Aufzug beförderte mich in den fünften Stock und direkt vor meine Wohnungstür. Ich schloss auf und atmete tief durch. Perfekt! Schlüssel und Tasche landeten auf dem Tischchen im Flur, und während ich über den makellosen Ahornboden ins Schlafzimmer ging, sah ich mich beifällig um. Glatter Boden, weiße Wände, wenige, funktionelle Möbel – Ahorn, Metall, Glas, dunkles Leder, kein Stoff, wenn man von den hauchdünnen Vorhängen absah. Alles sehr kühl und übersichtlich, genau, wie ich es mochte. Wie ein schönes Büro, aber ohne die Viererbande, die alles mit albernem Schnickschnack füllen würde.

Und im Schlafzimmer hatte ich ein richtiges Bett – nie mehr Schaumstoffmatratzen auf dem Boden! Nein, für mich ein schönes Ahorngestell mit japanisch inspiriertem Kopfteil, elegante, unauffällige Bettwäsche und richtig gute Daunen. Ich packte meine Sportklamotten ein und schulterte die Tasche; das Funfit war gleich um die Ecke, und nach so vielen Stunden am Schreibtisch brauchte ich ein anständiges Workout, wenigstens zweimal die Woche.

Bloß die Duschen im Funfit waren eine Zumutung, aber die paar Meter nach Hause unter meine eigene Profidusche mit den drei tausendfach verstellbaren Köpfen und der richtig dichten Abtrennung waren ja kein Problem.

Stepper, Laufband, ein paar Gewichte – das machte mir Spaß, aber für die Typen, die mit wahrscheinlich nutzlosen Energy-, Isotonik- oder Aloe Vera-Drinks an der Bar herumlungerten, brachte ich kein Interesse auf. Sport diente der Erhaltung der Gesundheit und der Steigerung der guten Laune, aber er war doch kein Selbstzweck! Um halb acht stand ich also zufrieden unter der Dusche, ließ mir das heiße Wasser auf die Haut prasseln und verteilte Duschschaum auf mir. Wie viel Schaum aus so einer kleinen glibberigen Portion auf der Haut wurde, amüsierte mich jedes Mal wieder.

Herrlich, ich hätte stundenlang duschen können. Diese Wohnung war einfach perfekt, aber ich hatte auch lange genug nach ihr gesucht und vor allem lange genug eisern gespart, um sie mir leisten zu können. Endlich hatte ich es geschafft, sagte ich mir immer wieder - und auch jetzt, als ich in einen frischen seidenen Schlafanzug und den bodenlangen schwarzen Kimono schlüpfte und mich im Wohnzimmer auf das dunkelgraue Ledersofa fallen ließ.

Geschafft! Ab dem ersten Semester hatte ich gejobbt und gespart, was das Zeug hielt, Mark auf Mark gestapelt, jeden Pfennig, mit dem mein Konto im Plus war, angelegt, vorsichtig, aber meistens glücklich.

Ich erinnerte mich noch mit Grausen an das schauerliche kleine Appartement, in dem ich mit Sunny gewohnt hatte, sobald ich sie von unseren Eltern wegholen konnte – kaum zwanzig Quadratmeter für zwei Personen, aber wir waren zurechtgekommen, und auch Sunny hatte bis zum Abitur Zeitungen ausgetragen, samstags im Supermarkt kassiert und bei Gelegenheit auf Kinder aufgepasst. Als sie Abitur hatte und ich mit dem Studium fertig war, hatte sie einen netten kleinen Grundstock, und ich hatte schon ein recht ansehnliches Depot vorzuweisen.

Sunny sollte ich später vielleicht noch anrufen, aber am Abend vor einem Feiertag zog sie sicher mit ihrem Gabriel um die Häuser, warum auch nicht.

Ich räkelte mich weiter auf dem Sofa, zufrieden mit meiner eigenen Tugendhaftigkeit – Sport getrieben, geduscht (und sogar eingecremt!) -, bis mein Magen laut zu knurren begann.

In der Küche – weiß, Edelstahl, schwarze Granitarbeitsplatte, so edel wie alles andere – fand ich noch eine Packung Tortillas, etwas fettarmen Kräuterquark und ein Glas eingelegtes Mischgemüse. Mit einem etwas verunglückten Wrap kam ich zurück, setzte mich wieder aufs Sofa, schaltete den Fernseher ein und zappte ein bisschen durch die Sender.

Der Wrap schmeckte ganz gut, man musste nur nach jedem Bissen einiges Gemüse von der Serviette aufsammeln. Unpraktisches Essen, aber gesund und schnell gemacht. Hinterher trug ich den Teller wieder zurück, streichelte zärtlich über die spiegelblanke Arbeitsplatte, stellte den Teller in die Spülmaschine, füllte die Waschmaschine mit meinen Sportklamotten und einer Auswahl T-Shirts und Unterwäsche, startete sie und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

Doch, mir ging´s prima. Ich hatte diese perfekte Wohnung – und gar nicht mehr so viel abzuzahlen -, ein kleines, aber solides Depot, ein schickes und ziemlich neues Auto, eine anständige Garderobe, eine interessante und ziemlich krisensichere Arbeit, eine liebe und glückliche kleine Schwester und eine ganze Menge netter Bekannter. Was wollte ich mehr? So konnte das Leben doch bleiben! Bloß das Fernsehprogramm war wie immer zum Weinen. Aber ein intelligenter Mensch war darauf ja ohnehin nicht angewiesen...

Ich schaltete den Fernseher wieder aus und ging ins Arbeitszimmer, wo ich einen Rechner hatte, der den im Büro um Längen schlug. Eine genussreiche Stunde lang bastelte ich eine Präsentation bezüglich meiner Ratgeber-Reihe, dann rief ich mein Depot auf, verkaufte zwei Posten, kaufte dafür etwas anderes und legte den Überschuss meines Girokontos in weiteren Anteilen eines stabilen Rentenfonds an. Schließlich druckte ich mir den aktuellen Stand aus – fast vierzigtausend Euro, nicht übel, wenn man bedachte, dass ich nur noch sechzigtausend abzuzahlen hatte, in zwei Jahren. Seit drei Jahren wohnte ich jetzt hier in Mönchberg, seitdem Sunny in eine eigene Wohnung und dann mit ihrem Gabriel zusammengezogen war.

In zwei Jahren hatte ich genug zusammen, um die Hypothek zu tilgen; die Jahre des verbissenen Sparens hatten sich gelohnt. Manchmal überfielen mich Ängste, nachts, wenn ich plötzlich aufwachte und mir vorstellte, meine Eltern, die sich zeitlebens nie um Altersvorsorge oder ähnlich spießige Dinge gekümmert hatten, würden plötzlich zum Sozialfall. Ich müsste die Wohnung verkaufen, das Auto, meine Rücklagen auflösen, das Sozialamt würde mich und Sunny bis aufs Existenzminimum pfänden, um die Kosten zurückzubekommen.

Gut, Horst hatte noch diesen obskuren Bauernhof, aber ob der etwas wert war? Und diese albernen Selbsterfahrungskurse, die er anbot – konnte man davon leben? Als wir noch Kinder waren, konnte man es kaum, das Geld war immer mehr als knapp gewesen, und ich hatte immer arbeiten müssen, wenn ich Taschengeld haben wollte. Statt mit den anderen ins Kino zu gehen, hatte ich mein sorgfältig verstecktes Sparbuch gestreichelt... Horst durfte es nicht finden, er lehnte es prinzipiell ab, dem Establishment noch Geld für seine Unterdrückungsmaßnahmen zu leihen... Er war wohl der letzte Mensch in München, der nicht einmal ein Girokonto besaß. Zu seiner Wahnvorstellung vom Kampf des Establishments gegen die kritischen Geister kam noch die Vorstellung vom gläsernen Bürger – er bildete sich ein, die Existenz eines Girokontos würde alle seine Pläne und Ideen an den Überwachungsstaat ausliefern. Für ihn würden sie sich gerade interessieren, hatte ich mir damals gedacht - aber Horst hatte einfach einen Dachschaden; zu viel gekifft in den glorreichen frühen Siebzigern... Und Irmi guckte ihn anbetend an und sagte immer nur: „Genau, Horst. Du blickst echt voll durch.“

Solche Eltern waren schon eine arge Belastung. Nichts gegen in die Jahre gekommene Hippies, dachte ich mir und starrte auf den Bildschirm, während ich die Angebote der Konkurrenz studierte, aber einigermaßen nett und vernünftig sollten sie schon sein, sonst waren sie als Eltern wirklich ein Totalausfall.

Horst mit seinem ewigen Schwadronieren, dem psychologisierenden Geschwätz (dabei hatte er nie ein Diplom gemacht, denn die Prüfungsvorschriften waren wieder irgendwelche Machtspielchen der Obrigkeit. Sie meckerten nur am Fehlen diverser Scheine herum, um sich vor dem revolutionären, kritischen Geist zu schützen, der ihnen da mit ihm heranwuchs.)

Alles Scheiße. Richtig zufrieden war ich erst, als ich mit Sunny nach Leisenberg gezogen war und sie wenigstens so alt war, dass kein Gericht der Welt sie gegen ihren Willen zu Horst und Irmi zurückgebracht hätte. Aber die wollten sie ja sowieso nicht, die Tatsache, dass sie regelmäßig in die Schule gehen und regelmäßig essen wollte, störte die spontane Lebensweise, die die beiden damals pflegten. Besser gesagt, Horst pflegte sie, und Irmi machte wie üblich sanft und etwas blöde lächelnd alles mit. Wenn ich die beiden nie wieder sah, war ich auch nicht gerade traurig.

Ich ging wieder aus dem Netz; so dringend musste ich am Abend vor einem freien Tag auch nicht arbeiten. Dieser doofe Pechstein würde mich doch bloß wieder fragen, ob das zu meinem Aufgabenbereich gehörte. Alter Besserwisser. Ich musste immer schön darauf achten, den Doktor nicht zu vergessen!

Das Telefon läutete. Ich legte mich wieder aufs Sofa und nahm ab.

Michael war dran. Ich lümmelte mich erfreut zurück. „Hey, schön, dass du wieder mal im Lande bist!“

Michael lachte. „Ja, drei Tage, für einen Kongress, Feiertag hin oder her. Hast du Lust, morgen mit mir essen zu gehen? Ins Médoc?“

„Ins Médoc doch immer! Um halb acht?“

„Sehr gut. Und danach...“

„Das sehen wir dann“, lachte ich ins Telefon und spürte eine leichte Erregung. Michael lebte in der Nähe von London und war etwas Wichtiges in einer britisch-amerikanischen Verlagsgruppe; ich hatte ihn bei einer Riesenveranstaltung in Frankfurt kennen gelernt, zu der Dr. Benrath ausgerechnet mich abkommandiert hatte, als müsste ich sonst nicht schon genug reisen. Immer, wenn er in der Gegend war – Verhandlungen über Auslandsrechte, Übernahmesondierungen und Ähnliches -, rief er an, wir gingen essen und meistens hinterher ein bisschen tanzen. Und seit einiger Zeit auch ins Bett.

Der ideale Lover, fand ich und räkelte mich in frivoler Stimmung auf dem Sofa. Selten da, keine Alltagsprobleme, aber völlig ausreichend für gelegentliche Bedürfnisse. Sehr zufrieden stellend und ein wirklich netter Kerl. Was sollte ich morgen anziehen? Vorher konnte ich einen schönen langen Spaziergang machen, ein paar Schaufenster inspizieren, etwas lesen, vielleicht mal in die Sauna gehen... Wie angenehm erstreckte sich dieser Feiertag vor mir, mal abgesehen von den albernen Politikerreden von wegen zwölf Jahre Einheit. Gegen die Mauern im Kopf konnten sie ohnehin nicht anreden!

Ich ging früh ins Bett, mit einem angenehm gruseligen Krimi und einem Katalog mit ausgesucht schöner Wäsche. Für zweihundert Euro durfte ich mir etwas gönnen. Dass mit dem Sozialamt war natürlich Blödsinn, so alt waren die beiden schließlich auch noch nicht, Horst sechsundfünfzig und Irmi vierundfünfzig. Sie sah allerdings mit den überschulterlangen grauen Zottelhaaren und dem natürlich (also mit biologisch hergestellter Kernseife) gepflegten Gesicht gut zehn Jahre älter aus... Bis die beiden reif für die Rente waren, hatte ich noch zehn Jahre, bis dahin konnte ich mir ein Polster zugelegt haben, das auch dafür ausreichte. Oder ich brauchte ein paar Tricks. Nicht heute! Lieber schrieb ich mir schon mal die Bestellnummern dieser entzückenden Garnituren auf und widmete mich dann der Suche nach dem abgetrennten Kopf…

Der Feiertag war, wie konnte es anders sein, nieselig und kalt. Ich ging trotzdem eine Stunde spazieren, verzog mich dann in die Sauna im Funfit, gönnte mir ein heißes Schaumbad und eine Haarkur, bügelte, surfte ein bisschen im Internet, sah einen eher öden Film über die Währungsreform, verbesserte meine Präsentation, brannte sie auf CD und machte mich am frühen Abend schließlich ausgehfein, dunkles Kleid, Perlen, feine Strümpfe (und aufregende Wäsche, so etwas gefiel Michael recht gut). In meiner Handtasche hatte ich für den Notfall Kondome, einen frischen Slip und eine Zahnbürste, in einem Seitenfach getarnt. Die souveräne Frau dachte eben an alles.

Michael holte mich pünktlich ab, in einem Leihwagen. Er küsste mich flüchtig auf die Wange, hielt mir galant die Beifahrertür auf, wartete, bis ich angeschnallt war, und erkundigte sich angelegentlich nach meinem Befinden.

„Ganz der Gentleman“, lachte ich. „das bereden wir nachher in Ruhe, ja? Beim Essen. Schön, dich mal wieder zu sehen.“

Er lächelte mir von der Seite her zu. „Ich freue mich auch. Und ich habe dir viel zu erzählen.“ Oh? Na, da war ich ja mal gespannt!

Im Médoc war es wie üblich feierlich still, als würden die Götter der guten Küche in ehrfürchtigem Schweigen angebetet. Bodenlange Tischdecken, komplizierte Arrangements, Kellner wie Priester, Kerzenlicht, Duft nach Blumen und nur ganz schwach nach Wein und Essen.

Wir wurden förmlich an einen Tisch geleitet – einen der guten, von denen aus man vom ersten Stock auf die Straße sehen konnte – mit Wein- und Speisekarten versorgt und unter Verbeugungen alleine gelassen. In gewisser Hinsicht war das Médoc direkt modern – hier hatten auch die Karten für die Damen Preise, aber die Weinkarte bekam natürlich nur der Herr.

Michael diskutierte die Weinauswahl trotzdem mit mir, nachdem wir uns beim Essen entschieden hatten. Schließlich war alles notiert, der Kellner hatte sich wieder verzogen, Michael zündete sich eine Zigarette an und ich schnupperte gierig. „Möchtest du eine?“

„Nein, danke, ich bin froh, dass ich aufgehört habe. Führe mich nicht in Versuchung, aber es riecht doch hinreißend...“

Er lachte. „Also keine strenge Konvertitin?“

„Absolut nicht. Und ich glaube auch nicht an den ganzen Quatsch über das Passivrauchen. Was ich einatme, hat du doch schon durch deine Lungen gefiltert, was soll es da noch groß anrichten können?“

„Die meisten Wissenschaftler würden dir da wohl nicht zustimmen... Erzähl, wie geht es dir so?“ Ich erzählte, wenn auch nicht gerade viel anlag. Genau genommen so wenig, dass ich mich sogar über Astrids seltsamen Nachfolger empören musste: „Ich glaube nicht, dass der was kann. Er sieht so gut aus, richtig unecht. Wie eine Schaufensterpuppe!“

Michael kostete den Wein, der gerade gebracht worden war, und nickte billigend, dann grinste er: „Du findest Schaufensterpuppen schön?“

„Ach, du weißt schon, wie ich das meine!“

„Ja, aber der Mann ist doch erst einen Tag da, oder? Gib ihm doch eine Chance! Ich stelle mir das ohnehin hart vor, so alleine unter Frauen...“

„Schadet ihm gar nichts. Weißt du, was das Affigste ist? Er hat sich so ungefähr als erstes ein Namensschild auf den Tisch gestellt, dabei wissen wir doch sowieso alle, wie er heißt!“

„Nämlich?“

„Dr. D. Pechstein. Wahrscheinlich bloß, damit wir alle den Doktortitel sehen.“

„Muss er doch, wenn ihr ihn für schön und bescheuert haltet. Was soll der arme Hund denn machen? Wofür steht das D?“

„Keine Ahnung, ist doch egal. Ich sage jetzt immer schön Herr Doktor zu ihm. Wieso armer Hund? Mich solltest du bedauern, ich hab mit Astrid so gut zusammen gearbeitet!“

„Aber Mona, man muss doch immer mal die Mitarbeiter wechseln. Glaubst du, mir ist das noch nie passiert? Und eigentlich waren die Neuen im Allgemeinen sehr anregend – neue Methoden, frische Ideen... Sei offener!“

Ich ärgerte mich, dass er mich nicht trösten wollte, und wechselte das Thema.

Michael erzählte bereitwillig, was auf diesem Kongress alles stattfand – heute hatte er selbst einen Vortrag über die Vermarktung von Literaturrechten im Internet gehalten und außerdem vier weitere Vorträge und zwei Podiumsdiskussionen über sich ergehen lassen.

Während des Essens diskutieren wir eifrig über die Frage, ob Fortsetzungsromane im Internet eine Gattung der Zukunft oder der letzte Blödsinn waren und wie weit man solche Romane interaktiv gestalten konnte. Das Essen war ausgezeichnet, wie im Médoc nicht anders zu erwarten, sowohl Michaels Coq au vin als auch mein Pot au légumes mit Edelfischen.

Satt und zufrieden lehnten wir uns danach zurück, verzichteten einmütig auf ein Dessert und tranken uns zu. „Auf deinen Besuch!“

„Und auf etwas anderes“, antwortete Michael und lächelte eigenartig versonnen. „Jedenfalls hoffe ich, dass du mit mir darauf trinkst.“

„Natürlich, wenn du mir bald mal sagst, worauf?“

„Nun... ich werde heiraten. Im Dezember.“

Ich hätte fast mein Glas fallen lassen. Das kam ja plötzlich!

„Ach? Sagst du mir auch, wer die Glückliche ist?“

Er lächelte. „Ob sie die Glückliche ist... ich bin es jedenfalls. Sie heißt Megan, Megan Reilly, und sie arbeitet in einem Verlag in London. Ich habe sie bei einer Tagung kennen gelernt – so ähnlich wie dich. Und es ist ziemlich schnell sehr viel mehr geworden."

„Das klingt sehr schön“, lobte ich etwas mühsam. „Wann habt ihr euch denn kennen gelernt?“

„Mitte Juli. Am sechzehnten genau, nachmittags um vier... Sie wollte mir das letzte Handout streitig machen.“ Er lächelte schon wieder, und ich rechnete hastig nach. Mitte Juli... wir hatten uns Ende Juni zum letzten Mal gesehen – gut. Er war nicht zweigleisig gefahren, das hätte ich dann doch geschmacklos gefunden. Ich hob mein Glas. „Auf euch! Werdet glücklich!“ Dann trank ich einen für meine Verhältnisse ungewohnt großen Schluck. „Hast du ein Foto von ihr?“ Natürlich hatte er – und nicht nur eins. Megan war ungefähr in unserem Alter, um die Dreißig, dunkelblond, und blinzelte immerzu in die Sonne. Aber ein nettes, ziemlich rundes Gesicht. „Hübsch“, lobte ich etwas matt. „Sie sieht sehr sympathisch aus“, fügte ich dann noch lahmer hinzu, aber Michael schien nicht zu merken, dass ich an dieser Nachricht etwas zu kauen hatte.

Er sah mich halb glücklich, halb verlegen an. „Naja, ich denke, es wäre vielleicht nicht so passend...“

„Wenn unser Treffen ausufern würde? Natürlich nicht. Ich wünsche euch alles Glück der Welt! Und wenn du das nächste Mal hierher kommst, bringst du deine Megan einfach mit, ja?“

Er sah mich regelrecht erleichtert an – was hatte er erwartet? Dass ich ihm in aller Öffentlichkeit eine Szene machen würde? Meine Gefühle rauslassen, wie meine Eltern es so liebten? Ganz spontan und locker die eigene Betroffenheit und Verletztheit formulieren? Gott, wie ich alleine schon dieses Vokabular hasste! Meiner Ansicht nach sprach doch einiges für konventionelle Manieren, da belästigte man die Mitmenschen wenigstens nicht mit Gefühlen, mit denen sie gar nichts anfangen konnten.

„Du bist nicht böse?“ Ich lachte. Klang es nur in meinen Ohren etwas gezwungen? „Aber Michael, wir hatten doch nie etwas Ernsteres miteinander vor! Ich freue mich, dass du die Richtige gefunden hast – ehrlich.“

Der Nachsatz war verräterisch, aber das wusste nur jemand mit so ausgiebiger WG-Aussprache-Erfahrung wie ich. Ich hatte zwar immer nur zugehört und auch meistens nicht einmal die Hälfte verstanden, aber das wusste ich: Ein angehängtes ehrlich entwertete die ganze vorausgegangene Aussage.

Michael lachte erleichtert auf. Hatte er mich für einen Zankteufel gehalten? Oder gar für eifersüchtig? Gut, ich fand es schade, einen netten Gelegenheitslover zu verlieren, aber am Boden zerstört war ich auch wieder nicht.

„Du findest sicher auch bald den Richtigen“, versprach er mir unoriginell.

„Würde ich vielleicht, wenn ich suchen würde“, antwortete ich und schenkte mir nach. Er lächelte nachsichtig. „Weißt du, ich hab ja auch immer gedacht, dieses Gewäsch von Liebe und so, davon lebt eine ganze Industrie – wir Verlage nicht zuletzt auch – und in Wahrheit ist es nur Begierde und die Suche nach Bequemlichkeit im Alltag. Aber weißt du was? Es ist wirklich mehr. Das merkst du erst, wenn es dir auch passiert.“

Ich schauderte. Das würde ich zu verhindern wissen – solche Gefühle verwandelten einem nur das Gehirn in Brei, und das konnte ich wirklich nicht brauchen. Trotzdem lächelte ich zustimmend. „Vielleicht hast du Recht.“

Und dann wechselte ich entschlossen das Thema.

Am nächsten Morgen ärgerte ich mich immer noch ein bisschen, aber mehr über mich selbst: Wieso nahm ich das so tragisch? Ein guter Freund blieb er doch – man konnte ja meinen, es wäre irgendwelche Leidenschaft im Spiel gewesen. Nein, mein schönes, wohl geordnetes Leben brachte mir kein Mann durcheinander! Und ich kam durchaus auch längere Zeit ohne Sex aus, so triebgesteuert war ich wirklich nicht. Ehrlich! Äh... Nein, wirklich.

Mit zornigem Schwung rauschte ich in die Tiefgarage und musste feststellen, dass mein Stammplatz neben dem Aufzug besetzt war, von einem ziemlich affigen Schlitten. Nichts gegen einen Jaguar, im Prinzip ein hübsches Wägelchen (von Spritverbrauch, Reparaturanfälligkeit und Diebstahlsrisiko mal abgesehen) – aber doch nicht in Weiß! Ein Jaguar hatte schwarz, dunkelblau oder am besten dunkelgrün zu sein. Weiß... der reinste Nuttenschlitten! Ich parkte in einer Ecke, die normalerweise frei blieb, und fuhr übel gelaunt nach oben in unser Büro.

„Wem gehört denn das weiße Scheusal in der Tiefgarage?“, fragte ich, noch bevor ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, und hängte meinen Trenchcoat auf. „Mir, warum?“, ertönte es hinter den Yuccas.

„Sie stehen auf meinem Parkplatz“, erklärte ich mürrisch.

„Die sind reserviert? Ich habe kein Schild gesehen“, war die patzige Antwort.

„Gewohnheitsrecht“, knurrte ich. „Man sollte nie zu sehr an Gewohnheiten hängen. Und was haben Sie gegen Jaguars?“

„Sie fahren einen Jaguar?“, hauchte Sandra. Wieso war die denn überhaupt schon da? So – pünktlich? „Ich hab nichts gegen Jaguars – aber doch nicht in Weiß!“, ereiferte ich mich und ärgerte mich gleich wieder. Musste ich mich mit diesem Schnösel auf eine Debatte einlassen?

„Geschmackssache. Dunkelblaue Autos sind langweilig, finden Sie nicht?“

Sandra kicherte ausgiebig. „Geschmackssache“, gab ich zurück und verzog mich an meinen Schreibtisch, mit dem deutlichen Gefühl, den ersten Satz verloren zu haben.

Blöder Hund.

Die Schmalhans wogte herein, in mindestens zehn verschiedenen Brauntönen und einer üppigen Halskette aus gehämmertem Messing. Siebziger Jahre, Portobello Road, mutmaßte ich. Das Ding schepperte bei jeder Bewegung zum Gotterbarmen. Fehlte bloß noch ein passendes Fußkettchen!

„Schlechte Stimmung?“, fragte sie und sah von Pechstein zu mir. „Ich spüre wieder eine Wolke...“ Ich schnaufte bloß und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Pechstein grinste. Grr!

„Er hat einen Jaguar!“, tuschelte Sandra ihr zu.

„Und? Wenn es auf dieser Erde weniger Autos gäbe, würden die zwischenmenschlichen Schwingungen weniger behindert“, entgegnete die Schmalhans halblaut und schaltete ihren Rechner ein. Ich wunderte mich im Stillen. Notgedrungen hatte ich ja auch einiges esoterische Zeug gelesen, solange meine Eltern meine Lektüre noch ausgewählt hatten – und irgendwie schien mir die Schmalhans doch recht ekklektisch vorzugehen: I Ging, Tarot, Reikki, Auren... alles wild gemixt und mit eigenen Ideen garniert.

Die Jonas hatte schon wieder dieses violette sackartige Ding an und schaute sich beim Eintreten kampflustig um. „Er hat einen Jaguar!“, teilte Sandra ihr sofort mit. „Typisch Mann“, entgegnete die Jonas. „Autos als Phallussymbol. Vielleicht eine Ersatzhandlung... Wie groß ist so ein Jaguar?“

„Ziemlich“, schätzte Sandra. „Lässt ja tief blicken“, kommentierte die Jonas und blätterte lustlos ihre Post durch.

Ich tauchte prustend unter meinen Tisch und warf einen hastigen Blick in die gegenüberliegende Ecke. Na, dem war das Grinsen vergangen!

Kati Hilz kam zu spät, wie meistens: „Sorry, ich...“

„Kenn ich schon“, winkte ich ab, „kauft euch doch mal einen lauten Wecker.“ „Er hat einen Jaguar“, wurde sie ebenfalls in durchdringendem Flüsterton informiert.

„Mit Liegesitzen?“

Damit hatten sich die vier Damen eigentlich umfassend vorgestellt, fand ich und arbeitete weiter, nun eindeutig besserer Laune.

Dass Kati Hilz Sandra irgendwelche Details einer abstrusen Sexposition erzählte, bekam ich am Rande mit, wunderte mich aber schon gar nicht mehr. Pechstein schien aber das Blut ins Gesicht gestiegen zu sein. Kati war auch zu deutlich; also musste ich wohl doch auf eine Gelegenheit warten, sie zu bremsen. „Und dann macht er es von hinten und hält dich an den Ellbogen -“

„Frau Hilz, das ist nichts für zarte Herrenohren. Bremsen Sie sich mal und regeln Sie die Buchungen für den 14. in der Oberpfalz, bitte!“

Sie drehte sich nach Pechstein um, grinste unbeeindruckt und zog sich das Telefon heran. „Das übliche Hotel?“

„Klar, der Laden ist schon in Ordnung.“

Sie grinste schmutzig. „Doppelzimmer?“

„Überstunden gefällig?“, fragte ich zurück. „Zwei Einzel mit Bad und Frühstück, wie immer eben.“

„Aber er fährt doch mit, oder?“, flüsterte sie in meine Richtung.

„Natürlich. Bringen Sie´s ihm nachher schonend bei?“

Jetzt lachte sie offen. „Das dürfen Sie schon selbst machen!“

Er warf dauernd gehetzte Blicke in unsere Richtung, kein Wunder – wir tuschelten und schauten ihn dann boshaft an, was sollte er schon denken!

Ich grinste und machte die Ratgeberpräsentation fertig, dann stellte ich das Material für unsere erste Fahrt zusammen und brachte die Liste persönlich ins Lager. Eigentlich konnte einem der Schnösel nur leidtun, aber dass ich ihn heute Morgen nicht geschafft hatte, fuchste mich doch.

Als ich zurückkam, versuchte Kati Hilz ihn gerade auszufragen, offensichtlich von Sandra angestiftet, denn Kati konnte es doch gleichgültig sein, ob er verheiratet war. Eigentlich konnte es uns allen egal sein, aber Sandra sah sich wohl schon auf dem Beifahrersitz des weißen Jaguar. Irgendwie passte sie da auch hin – nein, doch nicht ganz, es hätte eben doch kein Jaguar sein dürfen. Besser ein weißer Manta, natürlich tiefer gelegt. Wieso war Sandra eigentlich nicht Friseuse geworden? Sie sah aus wie das wandelnde Klischee!

Seine Antwort bekam ich jedenfalls nicht mit, weil ich sofort wieder das Zimmer verließ. Nicht etwa, dass mich diese Frage interessiert – oder demonstrativ nicht interessiert – hätte, aber mir war gerade etwas Wichtiges eingefallen. Ehr- ganz bestimmt!

Nein, ich musste ganz dringend die Chefredakteurin aufsuchen, um mir bei ihr Verstärkung für die Ratgeber-Idee zu holen. Schließlich war sie für die Buchinhalte zuständig! Dr. Benrath hatte eigentlich nur mit den Finanzen zu tun, aber etwas wirr waren die Kompetenzen bei uns schon verteilt.

Erst kurz vor dem Mittagessen kam ich in unser Büro zurück, wo eifrig und schweigend gearbeitet wurde. Sehr verdächtig, aber ich beschloss nicht nachzubohren, sondern mich ebenfalls schweigend der Post zu widmen.

Nichts Wesentliches, aber wir brauchten ein Infoblatt über ein neues Heftchen mit chemischem Grundwissen, das als absolut unverzichtbar hingestellt werden sollte. Ein Exemplar und ein handschriftlicher Zettel voller verlogener Lobeshymnen in falschem Deutsch, von Gummiband umwickelt, lagen in meinem Eingangskorb.

Ich zog meine Tastatur näher und begann, die Lobeshymnen grammatikalisch zu überarbeiten, die gröbsten Übertreibungen herauszustreichen und dafür die Adressaten – Lehrer, dieses Mal – persönlich anzusprechen: Müssen Sie auch immer wieder feststellen, dass Ihre Schüler von Mal zu Mal alle Grundlagen vergessen haben? Reicht die Zeit nie, solches Grundwissen regelmäßig zu wiederholen? Dieses Heft kann Ihnen Arbeit abnehmen...

Lehrer reagierten durchaus positiv auf die Idee, etwas könnte sie entlasten, das hatte ich schon festgestellt. Derart schleimige Anschreiben trieben die Bestellzahlen auf sehr angenehme Weise in die Höhe.

Ich druckte das Schreiben aus, las es Korrektur, besserte die Tippfehler aus, druckte es hundertmal auf unser Verlagspapier, stellte einen Flyer zusammen, auf dem man das Heftlein von außen und innen bewundern konnte – nebst Bestellnummer und Lehrerrabatt - , druckte das ebenfalls aus, legte alles der Jonas auf den Tisch, mit einem Zettel Alle Chemiker und Biologen, plus Bestellkarte, und überlegte dann, wie ich es zukünftig mit der Mittagspause handhaben sollte. Ohne Astrid mochte ich auch nicht in die Salatbar gehen, eine Kantine hatten wir nicht, und Zeug vom Bäcker war nicht gesund und/oder machte nicht nachhaltig satt. In Zukunft sollte ich mir morgens ein Brot schmieren – Vollkorn, Salatblatt, Gurke, magerer Schinken, Quark oder so etwas. Nun, heute konnte ich ja ein bisschen einkaufen gehen, vielleicht entdeckte ich doch noch ein nettes Lokal, vorzugsweise eins, wo man etwas mitnehmen konnte. Ich räumte meinen Schreibtisch auf – die Mädels vergaßen gerne, das Zimmer abzusperren, wenn sie zu Tisch gingen – und wünschte der Allgemeinheit guten Appetit. Nur Sandra antwortete mit „Mahlzeit“, was mich jedes Mal zusammenzucken ließ. Saublödes Wort! Es klang auch so nach Erbseneintopf in der Kantine, dabei ernährten sich Sandra und Kati ohnehin bei McDonald’s, um Jungs zu begucken.

Regine Schmalhans suchte sicher das Erdmutter an der Ecke auf – vegetarisch, vollwertig, und alle Zutaten bei Vollmond gepflückt und unter Pendelkreisen gerührt – oder so ähnlich. Und die Jonas verzog sich wahrscheinlich in die Leseecke der Frauenbuchhandlung, wo es Haferkekse und teinfreien Tee gab. Ich war dort auch schon mal gewesen, aber es hatte mich nicht so recht überzeugt.

Die Schmalhans war der beste Beweis dafür, dass vegetarische Küche nicht zwangsläufig schlank machte. Man konnte ihre Fülle zwar unter den wogenden Schleiern nur ahnen, aber ich schätzte sie auf gut neunzig Kilo bei höchstens einsfünfundsechzig. Allerdings schien sie ihr Format recht zufrieden zu tragen, verbittert wirkte sie jedenfalls nicht, und die Hefte mit Fünf Kilo in drei Tagen, Die Zauberdiät, Diätsensation aus den USA, Neueste Diäterkenntnisse: So klappt´s endlich dauerhaft und ähnlichen Sensationsmeldungen lasen eher Sandra (die nicht dick war, nur etwas schwabbelig, sie trieb offenbar gar keinen Sport) und Kati Hilz, die doch genug Bettgymnastik hatte, wenn man den halblauten detailbesessenen Beschreibungen glauben konnte.

Die Jonas hielt natürlich nie Diät, wieso sollte sie sich den ästhetischen Anforderungen der Männer (sowieso alles Schweine!) unterwerfen? Ihre grundsätzlich freudlose Lebenseinstellung aber schien für eine magere Gestalt zu sorgen. Kein Spaß am Sex, kein Spaß daran, Männer ein bisschen zu ärgern, kein Spaß am Leben (nicht, solange es grundsätzlich so frauenfeindlich war: Das hatte das Leben jetzt davon, ätsch) – also auch kein Spaß am Essen. Ihr einziges Laster war das Rauchen. Von Selbstgedrehten natürlich, und so, wie sie guckte, wenn man sie gegen Ende der Mittagspause vor dem Eingang stehen und ziehen sah, hatte ich das Gefühl, es schmeckte ihr nicht einmal, es gehörte nur zur Rolle, wie die schauerlichen Selbstgestrickten und die Farbe Lila. Ihr Lieblingsbuch war sicher immer noch Der Tod des Märchenprinzen.

Diät hielt ich auch nicht, das hatte ich noch nie gemacht. Einerseits fand ich so etwas auch albern (da hatte die Jonas so Unrecht nicht), andererseits war es nie notwendig, solange ich mich gesund ernährte, nur aß, wenn ich hungrig war, und regelmäßig trainierte, um meine Kondition zu wahren. Am Wochenende sollte ich mal wieder ausgiebig laufen, vielleicht am Sonntag einmal rund um den Prinzenpark... Hinterher fühlte ich mich immer fantastisch.

Ich besaß nicht einmal eine Waage, wie ich ja überhaupt nur ungern Überflüssiges in der Wohnung duldete – keinen Schnickschnack, keinen Zierrat, keinen Sammelkram. Und wozu eine Waage, wenn mir mein Kostüm von der Abifeier heute noch passte? Tragbar war es auch noch, also warum sollte ich es entsorgen?

Ich bummelte in der Mittagspause durch die kleine Zollinger Fußgängerzone. In der Altstadt gab es bessere Geschäfte, aber ich war zu faul, mir dort für eine lumpige halbe Stunde einen Parkplatz zu suchen. Außerdem wollte ich nur gucken, nichts kaufen, und das konnte ich hier genauso. Zwei Computerläden, eine Buchhandlung, ein verdammt teurer italienischer Feinkostladen, ein Obststand, eine etwas spießige Boutique (braunkarierte Faltenröcke im Fenster, Filzhüte und Blazer mit Wappen darauf), ein Restposten-Schuhladen (die Restposten sahen nach Lederimitat aus), Erdmutter, ziemlich leer trotz der Mittagszeit, eine Schickimicki-Coffeebar, auch ziemlich leer (im Moment brachten die sparsamen Ex-Yuppies ihren Kaffee lieber in der Thermoskanne mit), eine Bäckerei, ein Schreibwarenladen mit Lotto-Annahmestelle, ein Weinhändler. Nein, hier gab ich bestimmt nicht viel Geld aus!

Ich kaufte mir beim Bäcker eine Zehnkornsemmel und aß sie langsam und lustlos, während ich zum Verlag zurückbummelte. Die Semmel war trocken und schmeckte, als sei sie von gestern. Dafür hatte sie nur neununddreißig Cent gekostet, aber eine Perspektive für die Zukunft war das nicht.

Und oben in unserem Büro saß nur dieser doofe Pechstein! Ich nickte ihm zu, sah auf die Uhr – nein, die Mädels waren noch nicht zu spät – und verzog mich hinter meinen Schreibtisch.

Er sah wirklich völlig unecht aus, als hätte er sich einer Schönheitsoperation unterzogen oder sei extra für einen Modeljob geklont worden. Und schon wieder im korrekten Anzug, heute in grauem Flanell mit passender Krawatte in Grau und Dunkelrot.

Also war er nicht farbenblind, aber wenn das sein einziger Pluspunkt war... ich erinnerte mich an den weißen Jaguar: unmöglich! Elegante, schmale Nase... die war garantiert kein Geschenk der Natur, und die hohen Backenknochen wohl auch nicht. Iih, eine Kerbe im Kinn, wie Cary Grant! Ekelhaft.

Die Mädels kamen pünktlich, erstaunlich pünktlich sogar, und winkten Pechstein vergnügt zu. Ich wurde ignoriert, aber Pechstein winkte zurück. Ach was, hatte er sich schon einen Fanclub geschaffen? Weil er so schöön war? Oder weil er nicht dauernd fragte, wie weit die Damen mit ihrer Arbeit waren? Das konnte ja noch heiter werden... Mein Rechner piepste – eine E-Mail. Ich rief sie auf, so viel hatte ich im Moment auch nicht zu tun.

Von Pechstein – Verzeihung, Doktor Pechstein. Keine Anrede, nur: Mit welcher Werbeagentur arbeitet ANDERS zusammen?

So unhöflich konnte ich auch sein!

Winkler & Partner, Floriansgasse , schrieb ich zurück – keine Anrede, keine Unterschrift. Wozu auch, die Absenderadresse war ja wohl zu erkennen.

Es piepste wieder. Ansprechpartner?

H. König oder F. Zierer . Und weg.

Er nickte mir quer durch den Raum kühl zu, ich nickte zurück. Die Schmalhans trug den Korb mit der Chemie-Werbepost zur Poststelle. Sandra schlug unter dem Schreibtisch eine Zeitschrift auf und glaubte, ich könnte das nicht sehen.

„Was sind Sie für ein Sternzeichen, Herr Doktor Pechstein?“, flötete sie dann in Richtung Yuccapalmen. „Was? Äh... Löwe, glaube ich. Warum?“

Im Oktober bestrahlt Merkur Sie sehr günstig. Gute Geschäftsabschlüsse sind zu erwarten. Auch Venus lacht Ihnen, möglicherweise treffen Sie die große Liebe.“, las sie vor. Obwohl sie sich zu ihm umgedreht hatte, konnte ich förmlich sehen, wie sie mit den dick getuschten Wimpern klimperte.

„Unglaubwürdig“, kommentierte Pechstein gelassen und wandte sich wieder seinem Rechner zu.

„Frau Schröder, was sind Sie?“

Ihre Chefin, die genau merkt, dass Sie mal wieder nichts arbeiten , lag mir auf der Zunge. „Was?“ Schließlich war ich ja hoch beschäftigt und hatte das Gespräch nicht im Mindesten verfolgt!

„Welches Sternzeichen sind Sie?“

Ich sah sie stirnrunzelnd an. „Glauben Sie so einen Quatsch?“

Sandra kicherte. „Ist doch egal. Wenn es gut ist, glaube ich es, wenn nicht, dann nicht.“

„Meinetwegen, wenn es Ihnen Spaß macht... Löwe, denke ich.“

„Sie auch?“

„Wieso auch? Sandra, haben Sie eigentlich nichts zu tun? Hier stapelt sich die interne Post. Auf, auf!“

„Wollen Sie Ihr Horoskop denn nicht hören?“

„Nicht unbedingt.“ Ich warf ihr einen strengen Blick zu und wandte mich wieder meiner Arbeit zu. Sandra erhob sich seufzend, sammelte ein, was in den diversen Ausgangskörben lag, sah es flüchtig durch und verließ das Zimmer, ganz die beleidigte Leberwurst.

„Beide Löwe?“, fragte die Schmalhans. Himmel noch mal, war das denn so spannend? „Wieso beide? Ich weiß meinen Aszendenten nicht. Ich bräuchte übrigens eine Liste aller Kunden mit Geographie, sortiert nach Zweitfächern, Frau Jonas – schaffen Sie das?“

Die Jonas ging an die Arbeit, aber die Schmalhans ließ nicht locker. „Wenn Sie die Uhrzeit Ihrer Geburt wissen, kann ich Ihnen sagen, welchen Aszendenten Sie haben. Natürlich muss es MEZ sein, und Sommerzeit muss man einrechnen... Nein, aber ich meinte etwas anderes – Dr. Pechstein ist auch Löwe.“

„Wie fesselnd“, kommentierte ich matt. „Nein, ich weiß die Uhrzeit nicht, ich bin nicht in Mitteleuropa geboren und ich habe wirklich keine Lust, die Zeit umzurechnen.“

„Nicht in Mitteleuropa?“ Das schien nun die Hilz zu fesseln, nachdem die Schmalhans endlich mundtot war. „Wo denn dann?“

„San Francisco“, antwortete ich kurz. „Schick“, hauchte die Hilz (was hätte Sandra erst gesagt?). „Ich bin bloß hier geboren. Nicht so toll.“

„Das ist doch egal. San Francisco ist voller Leute, die dort geboren sind und das auch nicht so überraschend finden.“ Die waren wirklich billig zu amüsieren! „Herr Dr. Pechstein, wo sind Sie geboren?“

Er wirkte leicht entnervt. „In München. Mit Wladiwostok oder etwas ähnlich Schickem kann ich leider nicht dienen.“

Oh, er hatte zugehört? „Wo ist Wladiwostok?“, fragte die Hilz ratlos.

„Sibirische Pazifikküste“, antwortete ich, hoffend, dass das nicht unpräzise war. Dieses Ekel würde mich sonst bloß genüsslich verbessern!

Nein, er sagte nichts, er lächelte nur unfroh.

„Und das ist schick?“, fragte die Hilz zweifelnd weiter.

Ich haute auf den Tisch. „Können wir jetzt weiter arbeiten, ohne etwas so Irrelevantes wie Geburtsorte zu vergleichen? Frau Hilz, würden Sie die Terminliste um die üblichen Daten ergänzen? Frau Schmalhans, gibt es Online-Anfragen?“ Schweigen stellte sich ein – endlich. Geschwätzige Bande. Nichts gegen Geplauder, wenn es Niveau hatte... Oder wenigstens interessanter Tratsch war. Aber dieser Esoterikmist – nein, danke!

Die Hilz kritzelte auf der Terminliste herum und war offenkundig eingeschnappt, die Jonas war ohnehin beschäftigt, und die Schmalhans dachte sicher wieder über die schlechte Aura des Büros nach. Noch in diesem Monat würde sie mich wieder mal beiseite nehmen und mich ernst mahnen, dass ich auf mein Bauchgefühl und mein Ying und Yang – oder wie das hieß – hören müsste. Dazu sagte sie jedes Mal Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt, aber Shakespeare wertete diesen Mist auch nicht auf, fand ich. Dass ich jedes Mal gelangweilt jaja sagte, war eigentlich höflich genug – oder?

Nein, die Schmalhans starrte herum. Wahrscheinlich überlegte sie, wie man das Büro so umbauen konnte, dass irgendwelche Schwingungen (war das dann Feng Shui? Was es in meiner Kindheit noch nicht gegeben hatte, kannte ich auch nicht) besser abfließen konnten – oder was auch immer. Ich sah sie streng an, aber die Schmalhans ließ sich davon wenig beeindrucken – weltlicher Ehrgeiz hätte sicher ihre Chakras oder so behindert, und außerdem träumte sie sicher ohnehin von einer Praxis – Lebensberatung, Zukunftsdeutung, alternative Heilmethoden. Das wäre wohl auch nicht das Schlechteste gewesen: Sie wirkte recht vertrauenerweckend, rund und optimistisch, und sie schien das Zeug, das sie so verzapfte, auf eine nette, undogmatische Weise auch zu glauben. Hier war sie eigentlich verschwendet, trotz ihrer unleugbaren Internet-Fähigkeiten. Die anderen verstanden unter Online-Arbeit nur, während der Arbeitszeit unnützen Kram bei Ebay zu ersteigern oder irgendwelche Ratgeberseiten aufzurufen, die mit unserem Angebot eher wenig zu tun hatten.

Ich notierte mir den Termin, den ich für Montag mit den zuständigen Redakteuren vereinbart hatte, und arbeitete auf, was noch herumlag, unterhalten vom halblauten Geplauder der Damen und gelegentlich still grinsend: Man merkte doch, dass wir bisher eine reine Frauengruppe gewesen waren, in der man sich für gar nichts genieren musste. Hatten Kati und Sandra vergessen, dass Pechstein in Hörweite saß, als sie ihre PMS-Symptome verglichen und begeistert Wassereinlagerungen, üble Laune und – o Gott, das ging nun wirklich zu weit – Ausfluss diskutierten? Ich schielte hinter meinem Monitor zu den Yuccas – steinernes Gesicht, aber eindeutig gerötete Backenknochen. Fühlte er sich sexuell belästigt oder nur abgetörnt?

Wahrscheinlich eher abgetörnt – die Details waren nicht so aphrodisierend, fand ich, und ich verstand auch nicht das dringende Bedürfnis mancher Leute, sich über derartige Dinge in der Öffentlichkeit auszutauschen. Andererseits war ich diesen Hühnern heute schon so oft über den Mund gefahren und hatte meine Position als unangenehme Chefin schon so gründlich untermauert, dass ich jetzt keine Lust mehr hatte und mich darauf beschränkte, mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Kopfnicken Richtung Pechstein den Kopf warnend zu schütteln, als sie zufällig mal zu mir schauten. Das dämpfte die Lautstärke nur unwesentlich, so dass ich den Verdacht zu hegen begann, der arme Hund sollte einem Härtetest unterzogen werden. Na, ich würde mir die Damen am Montag zur Brust nehmen – heute reichte es mir.

Um vier begann allgemeines Einpacken und Vortäuschen, man habe alles erledigt (der Rest landete in den Schubladen, wie immer), die Schmalhans goss noch schnell die Pflanzen und ich wünschte dem absolut fluchtbereiten Pechstein in den süßesten Tönen: „Schönes Wochenende, Herr Doktor!“, was mir einen gequälten Blick und ein gemurmeltes „Gleichfalls“ eintrug.

Er war als erster zur Tür hinaus, und ich nutzte die Gelegenheit doch noch.

„Meine Damen, ich fürchte, die Zeit für PMS-Gespräche ist vorbei, jetzt, wo wir nicht mehr unter uns sind. Bitte zensieren Sie Ihre Themen ein bisschen, ja?“

„Was?“ Jonas und Hilz waren entrüstet. Ich sah die Jonas streng an. „Stellen Sie sich mal vor, Sie landen in einer Gruppe, wo sonst nur Männer arbeiten, und die reden die ganze Zeit darüber, wer den größten hat, wer am häufigsten kann und wie die letzte Prostata-Untersuchung ausgefallen ist...“

„Iih!“, kreischte Sandra los. „Wer will denn das wissen? Ist ja eklig!“

„Eben. Was soll Dr. Pechstein denken, wenn Sie dauernd gynäkologische Themen behandeln? Glauben Sie, das findet er appetitlicher?“

Hilz war geschlagen, Jonas natürlich nicht. „Aber das ist doch was anderes – immerhin sorgen Frauen für den Fortbestand der Menschheit, da kann es doch mal Probleme geben! Darüber muss man doch sprechen dürfen!“

„Das ist nichts anderes. Ohne Männer können wir die Menschheit leider immer noch nicht am Leben erhalten, also hätten die ebenfalls das Recht, über Männerprobleme zu schwadronieren. Und Sie wären die erste, die sich dann belästigt fühlen würde.“

„Ach, so zartfühlend muss man mit den Kerlen auch nicht umspringen“, murrte sie ungebeugt. „Aber fair“, beharrte ich. „So weit reicht es bei uns doch noch, oder?“ Zustimmendes Gebrummel, aber nicht bei der Jonas. „Männer brauchen eine harte Hand.“

„Nein, nur klare Regeln, die für alle gelten. Wir wollen – müssen – hier zusammen arbeiten, nicht Rache nehmen für Jahrtausende der Unterdrückung.“

„Klare Regeln“, höhnte die Jonas halblaut. „Man könnte ja meinen, Sie leben mit einem Mann zusammen!“

„Soll das ein Tiefschlag sein?“, fragte ich seidig-drohend (wie ich hoffte; solch sprechende Stimmlagen gelangen nach meiner Erfahrung nur Romanfiguren). „Ich muss doch keinen Kerl zu Hause herumsitzen haben, um zu wissen, wie man mit ihm umgeht. Und – Frau Jonas?“

„Ja?“ Giftiger Blick über die Schulter. „Ich wüsste nicht, dass Sie in letzter Zeit so viel Erfahrung in Partnerschaft gesammelt hätten!“

Mit einem Zischen schoss sie davon. Das war gemein gewesen, sie hatte schon seit Jahren keinen Mann mehr gehabt, wie wir alle wussten, aber es galt die stillschweigende Absprache, dies nicht zu erwähnen. Nur durfte sie dann mit den Gemeinheiten nicht anfangen! Trotzdem typisch, überlegte ich, kaum taucht dieser Mensch bei uns auf, kratzen wir uns die Augen aus – dabei wollte ihn doch gar keine haben, oder? Na, Sandra vielleicht, der wäre ja jeder recht gewesen.

Andererseits hatte er sich zwar stoffelig aufgeführt und schien schnell peinlich berührt zu sein – und ein Lackaffe war er auch, und was für einer! – aber man konnte ihm an diesem Streit nicht die Schuld geben. Leider, ich hätte ihm gerne an allem, was mich zurzeit ärgerte, die Schuld in die handgenähten Schuhe geschoben.

Jetzt war erst einmal Wochenende, und das würde ich genießen, auch wenn ich gestern um einen romantischen Abend mit Michael gekommen war.

Musste der plötzlich heiraten... Wem´s Spaß machte? Mir bestimmt nicht, ich wollte abends meine Ruhe haben und niemanden, der das Styling meiner Wohnung mit seiner Unordnung störte, Forderungen stellte, womöglich anders dachte als ich, für das Wochenende alberne Pläne hegte, Gott behüte Kumpels einlud oder immer dann Ansprache brauchte, wenn ich lesen oder einen Film sehen wollte. Sunny stand ja auf so etwas, sonst hätte sie sich nicht mit ihrem Gabriel zusammengetan, aber mein Geschmack war das nicht. In dieser Wohnung war mein Wille Gesetz, und das gefiel mir. Sehr sogar.

Und feste Regeln hatten wirklich ihr Gutes: Ich hatte mir angewöhnt, freitags auf dem Heimweg für die ganze Woche einzukaufen, dann alles zu waschen und die Wohnung einmal durchzuputzen. Hinterher wurde sämtlicher Müll und alles andere, das sich als überflüssig entpuppt hatte, entsorgt. So brach spätestens gegen sieben das Wochenende an. Am Samstag musste ich dann nur noch bügeln, und dann hatte ich frei. Frei, um ins Fitness zu gehen, ins Kino, ins Theater, zu lesen, zu telefonieren, zu feiern, zu joggen, zu bummeln, etwas Kompliziertes zu kochen, wenn ich Lust hatte, oder im Internet zu surfen – und am Montag war ich dann wieder richtig erholt und bereit, mich erneut fünf Tage mit den Damen herumzuärgern. Oder Lernhilfen auf irgendwelchen Tagungen zu verkaufen. Aber das machte mir auch Spaß: Ich preschte gerne über die Autobahn, holte am Zielort meinen effizient gepackten Trolley aus dem Kofferraum und tätigte dann fette Abschlüsse. Und manchmal konnte man aus den Vorträgen auch einiges lernen.

Überhaupt, Lernhilfen für den Computerunterricht... Sofort notieren, das wäre doch etwas, was uns modern und voll im Trend erscheinen ließe!

Ich schleifte meine Einkäufe in die Küche und wirbelte eineinhalb Stunden herum, bis alles minimalistisch glänzte, die Wäsche auf dem Gestell hing und fünf Tüten (Restmüll, gelbe Tonne, blaue Tonne, grüne Tonne, Glascontainer) entsorgt waren. Fein, Wochenende! Ich hatte noch einen Krimi, den ich zwar schon kannte, aber noch einmal gründlich lesen wollte, außerdem eine ungelesene Börsenzeitung, ein Video, das ich noch ansehen wollte, eine neue Idee für eine Joggingroute morgen früh...

Erst einmal fiel ich mit einem Joghurt – nein, nicht dem aus der Werbung (hinein ins Weekend-Feeling), der war mir zu fettig – aufs Sofa und genoss den himmlischen Frieden und den Anblick des Parketts, das im Licht der untergehenden Sonne schimmerte.

Das Telefon klingelte; Sunny war dran. „Was machst du so, Mona?“

„Rumhängen“, antwortete ich friedlich, „Wochenende. Und ich hab schon alles geputzt!“

„Gutes Kind. Ich muss nicht, dieses Wochenende ist Gabriel dran. Ich hebe nur die Füße, damit er um mich herum staubsaugen kann. Geiles Gefühl!“

Ich lachte. „Das kann ich mir vorstellen. Macht er es denn richtig, oder musst du nachher mit einem weißen Handschuh kontrollieren?“

„Glaubst du, ich versau mir das Wochenende freiwillig? Für normale Ansprüche genügt es. Nicht jeder ist so pingelig wie du.“

„Ich bin doch nicht pingelig!“, widersprach ich ärgerlich.

„Naja – wirklich nicht?“ Meine kleine Schwester lachte, eindeutig.

„Ein bisschen vielleicht“, gab ich schließlich zu. „Aber ich quäle ja auch niemanden damit!“

„Apropos quälen... Rate, wer mich angerufen hat?“

Da musste ich nicht lange raten. „Irmi?“

„Genau. Voll des Jammers. Horst kümmert sich bloß noch um seinen Esoterikhof, der neue Töpferkurs ist schlecht besucht, das Haus ist übel bestrahlt, und keiner hat sie lieb.“

„Na, und wer hat daran Schuld? Wir vielleicht? Erst ist sie die totale Rabenmutter, und jetzt hat sie keiner lieb. Super.“ Ich schnaubte in den Hörer.

Sunny lachte ärgerlich. „Du hast ja Recht, aber kannst du sie nicht mal anrufen? Ich weiß, du redest mit Horst nicht mehr, aber Irmi?“

„Ich mit ihm? Er hat doch rumgetönt, er hätte keine Tochter mehr – außer dir, meine ich – bloß weil ich gesagt habe, dass dieser Selbsterfahrungsquatsch die reine Geldschneiderei ist.“

„Und du bist auch maßlos traurig, dass Horst nicht mehr mit dir redet, oder?“

„Spinnst du? Der totale Glücksfall! Wir hatten uns nichts mehr zu sagen, seitdem ich aus der Einwortsatzphase raus war.“

Sunny lachte. „Eben. Sei doch froh. Mich hat er irgendwann im August eine Stunde vollgelabert, ich könnte doch zu ihm kommen und Kurse in therapeutischem Zeichnen geben. Dass Industriegrafik dafür keine Vorbildung ist, hat er überhaupt nicht kapiert!“

„Hat er schon jemals einen Kurs angeboten, bei dem der Leiter irgendwie qualifiziert war?“

„Nicht, dass ich wüsste“, gab Sunny zu. „Elender Scharlatan“, brummte ich. „Und wieso bitte ist dieses Haus übel bestrahlt?“

„Die Bewohner nippeln der Reihe nach ab, so wie Irmi es darstellt. Jetzt hat den Perchtlinger der Schlag getroffen.“

„Diesen alten Fettsack im Erdgeschoss? Der uns früher immer so schmierig angeschaut hat?“

„Genau. Kein großer Verlust. Die Witwe scheint aufzublühen, sagt Irmi.“

„Himmel, der Kerl hat hundert Prozent Übergewicht gehabt, Zigarren gequalmt wie verrückt, und Ende sechzig war der bestimmt – was hat er denn erwartet?“

„Hab ich Irmi auch gesagt. Aber du kennst sie ja, sie hat die ganze Litanei wieder hergebetet.“

Ich stöhnte auf. „Jede Leiche seit den glorreichen Siebzigern?“

„Logisch, angefangen mit dieser komischen Gerda... Kannst du dich an die eigentlich noch erinnern?“

„Sunny, als die einer umgebracht hat, war ich drei! Ich weiß auch nur aus Erzählungen, dass sie im Dachgeschoss gewohnt hat und irgendwie Krankenschwester oder so war. Was weiß ich denn. Gut, das ist frauenfeindlich - aber was hat sie nachts alleine im Englischen Garten gemacht? Das trauen sich die meisten Männer ja nicht mal, und zu Recht.“

„Ja, klar. Dann Iwan und danach Onkel Rudi, der alte Schmierlappen. Hat der bei dir auch immer versucht, dir unter den Rock zu fassen?“

„Und wie! Ich hab ihm mal das Knie so richtig in die Eier gerammt, dann war Ruhe. Den hat doch eine umgelegt, die er belästigt hat, wetten? Und der dämliche Iwan ist wahrscheinlich im Vollsuff vor das Auto getorkelt.“

„Den Fahrer hat man nie gefunden...“

„Ja mei – keine Lackspuren, keine Scheinwerfersplitter, was willst du da machen? Und Irmi glaubt, deshalb ist das Haus schlecht bestrahlt? Es ist doch nie dort passiert!“

„Stimmt, aber sie hat die Termine verglichen, anhand ihrer Tagebücher.“

Irmi schrieb Tagebuch, seitdem sie zwölf war (das musste 1960 gewesen sein, als die Zeiten noch brav und bieder waren), vorzugsweise in seidenbezogene Chinakladden. Viel Selbsterfahrung, null Selbsterkenntnis... „Und?“

„Alle sind an Allerheiligen umgekommen. Schon komisch, was?“

„Ehrlich? Das ist ja wirklich ein eigenartiger Zufall.“

„Und immer neun Jahre auseinander. Fünfundsiebzig, vierundachtzig, dreiundneunzig...“

„Nullzwo“, ergänzte ich trocken und fuhr mit Grabesstimme fort: „Wer ist der nächste?“

„Blöde Kuh, das ist nicht lustig. Der Perchtlinger passt aber nicht ins Schema.“

„Oder es gibt gar kein Schema“, schlug ich vor. „Wenn Irmi nicht alle Leute, die noch in den letzten dreißig Jahren gestorben sind, weglassen würde, käme sie auch nicht auf diese seltsame Reihe.“

„Ja, aber die anderen kannte sie nicht so gut. Oder es war ein natürlicher Tod.“

„Wenn Iwan säuft, bis er nicht mehr gucken kann, und dann über die Leopoldstraße torkelt, ist das auch ein ziemlich natürlicher Tod“, wandte ich ein.

„Wieso Leopoldstraße? Das war in der Görresstraße, und da sind mitten in der Nacht nicht gerade viele Autos unterwegs.“

„Echt? Ich dachte immer... ich hab wohl an die Leopoldstraße gedacht wegen Suff und Kneipen. Woher hast du die Details?“ Vielsagendes Schweigen.

„Du Arme“, fuhr ich fort, „wie lange hat Irmi dich denn vollgesülzt?“

„Einhundertsiebzehn Minuten. Mein Ohr war hinterher ganz heiß. Ich sag dir...!“

„Beileid. Na gut, wenn ich dieses Wochenende mal wirklich nicht weiß, was ich tun soll, rufe ich Irmi an. Horst ist doch nicht da, oder?“

„Nein, der ist auf dem Hof. Deshalb hat sie ja keiner lieb!“

„Was will sie eigentlich? Wenn er da ist, sagt er ihr doch bloß, dass sie dämlich ist und aus dem Leim gegangen – als ob er so schön wäre! – Der liebt sie doch seit Jahren nicht mehr!“

„Wer weiß“, seufzte Sunny. „Wir haben vielleicht durchgeknallte Eltern, was?“

„Kannst du laut sagen. Aber mit dir und Gabriel läuft alles gut?“

„Ganz prima. Und er findet Horst und Irmi eigentlich nur lustig, aber er ist ja auch nicht bei denen aufgewachsen.“

„Wie sind denn seine Eltern?“

„Nett und bieder. Ihn nerven sie, ich finde sie total okay. Aber die reisen viel, also müssen wir da auch fast nie hin. Wandern in Südtirol und so was, Winter auf Mallorca.“

„Nicht übel. Würde mir auch gefallen, wenn ich an den Schneematsch denke. Vielleicht sollte ich mal Spanisch-Lernhilfen vorschlagen und vor Ort recherchieren...“

„Aber nicht am Ballermann, ich glaube nicht, dass da jemand Spanisch kann“, kicherte Sunny. „Du, Gabriel ist mit seinen Haushaltspflichten fertig, ich muss jetzt aufhören.“

Ich legte mich aufs Sofa und verschränkte die Arme im Nacken. Unsere Eltern waren wirklich eine Pest, und im Gegensatz zu Sunny konnte ich die beiden auch nicht mit Humor nehmen. Zu sehr hatten sie uns unsere Kindheit verdorben mit ihren komischen Bekannten, ihren abstrusen Theorien, ihrem peinlichen Auftreten und der Tatsache, dass sie sich nie ordentlich um uns gekümmert hatten. Nein, dass Horst nicht mehr mit mir sprach, war mir nur recht!

Irmi spinnt, dachte ich. Das Haus war schlecht bestrahlt? In diesem Haus, das offenbar seit Kriegsende nicht mehr renoviert worden war, lebten seit den späten Sechzigern mehrere Wohngemeinschaften – oder Kommunen, wie man damals ja noch sagte – und in diesen Kreisen musste es auch mehr als einen Drogentoten gegeben haben. Irmi pickte sich die drei Leute heraus, die zufällig am gleichen Tag, aber an verschiedenen Orten umgekommen waren, und konstruierte daraus eine Kette des Verderbens. Klang wie ein schlechter Fernsehfilm... Apropos Fernsehen... nein, nur Mist, nichts, was mich reizen konnte.

Wo hatte es Onkel Rudi, diesen Schleimbeutel, eigentlich erwischt? Ich konnte mich noch gut an ihn erinnern, er lebte noch in unserer Wohnung, als ich am Tag nach der Abifeier ausgezogen war. Ziemlich klein, so wie Irmi (er war ja auch ihr Bruder), lange graue Haare, zu einem fettigen Pferdeschwanz zurückgebunden, uralte verdreckte Jeans, darüber einen ordentlichen Bierbauch (auch alte Hippies stiegen irgendwann von LSD auf Weißbier um, es war leichter zu kriegen), ungebügelte, verschwitzte bestickte Hemden, eine Mischung aus Russenkitteln und Indienlappen, Doppelkinn, Dreitagebart, wässrige Augen und eine rötliche Knollennase... Aber Gottes Geschenk an die Frauen... Wenn man ihm sagte, er sollte seine dreckigen Finger wegnehmen, war er ehrlich besorgt, man könnte verklemmt sein und die eigenen Bedürfnisse verleugnen. Manchmal dachte ich, wenn er noch einmal sagte Sei locker, du brauchst es doch auch, das weiß man heute, würde ich ihm den Schädel einschlagen. Irgendwer hatte dann auch genau das getan, wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte – man hatte ihn – genau! - auf dem Alten Nordfriedhof gefunden, die Hosen heruntergelassen, den Schädel von mehreren Schlägen zertrümmert.

Irmi hatte wirklich einen Vogel. Diese Gerda hatte man erstochen, Iwan war überfahren worden (selbst schuld, garantiert), Rudi hatte einer erschlagen und recht würdelos liegen gelassen. Wenn dahinter wirklich ein Mörder steckte, dann müssten die Methoden doch wohl ähnlicher sein, oder? Wenn ich da an diese Serienkillergeschichten dachte... Und die Leute waren sich wohl auch zu unähnlich, eine Frau, zwei Männer... gut, alle ungefähr gleich alt. Nein, ich hatte keinen Schimmer, wie alt diese Gerda gewesen war. Und selbst wenn sie alle der gleichen Generation angehörten, sie waren jedenfalls nicht im gleichen Alter gestorben. Blödsinn, das alles.

Als das Telefon wieder läutete, zögerte ich kurz. Das war doch hoffentlich nicht Irmi herself? Damit konnte ich den Abend wegschmeißen!

Nein, Glück gehabt, stellte ich fest, als ich schließlich doch abnahm.

„Von dir hört man ja auch nie was“, erklang es streng aus dem Hörer. Bina, na Gott sei Dank!

„Viel Arbeit, Bina, du weißt ja“, antwortete ich lahm, aber erfreut.

„Ausreden! Morgen Abend hast du aber nichts zu arbeiten, oder? Ich würde es dir ohnehin nicht glauben.“

„Nein, morgen kann ich. Was hast du anzubieten?“

„Fondue und ein paar Spiele. Die übliche Bande, um sieben bei mir. Okay?“

„Klar. Was soll ich mitbringen?“

„Deine Supersaucen natürlich. Außerdem Durst und Hirn, ich dachte an Trivial Pursuit, ich hab neue Fragen ergattert. Alles über Unterhaltung!“

„O Gott, ich werde mich von Filmfrage zu Filmfrage hangeln müssen, sonst weiß ich doch nichts“, jammerte ich sofort. „Umso besser, dann gewinnt auch mal jemand anders“, kommentierte sie zufrieden. „Und, wie läuft es bei dir so?“

„Ganz gut“, schwindelte ich. Bina war manchmal etwas zu scharfsinnig; wenn ich ihr vorweinte, wie sehr mich der neue Kollege nervte, würde sie sofort vermuten, dass er mich über Gebühr beschäftigte. Im besten Fall würde sie mir Vorurteile vorwerfen, im schlimmsten Fall, dass er mich interessierte. Aber das wäre dann kein Zeichen von Scharfsinn, im Gegenteil. Nein, bevor dieser Kerl nicht mehr angestellt hatte, sollte ich lieber nichts erzählen.

Bina... so alt wie ich (wir kannten uns seit dem ersten Semester), so energisch, dass manche sagten Harte Frau, aber eine prima Freundin, eine gute wissenschaftliche Mitarbeiterin (sie gab Proseminare an der Uni), Stab und Stütze für ihren sanften Johannes und eine liebevolle Mutter für Lea, die jetzt... fünf Monate alt sein musste, und für den dreijährigen Julius, den Johannes mit in die Beziehung gebracht hatte. Diese Uni-Jobs waren zwar schlecht bezahlt, aber vom Timing her ganz praktisch, überlegte ich – jeder hatte sechs Wochenstunden zu unterrichten und vier Wochenstunden einem Ordinarius zur Verfügung zu stehen, und dafür gab es rund zwölfhundert Euro netto. Nicht toll, aber die beiden kamen zurecht, und es war immer jemand bei den Kindern. Das war wirklich gut geregelt – man konnte nur hoffen, dass es so blieb, die Univerwaltung war ja gelegentlich etwas sprunghaft.

Zur üblichen Runde gehörten außerdem Markus, der immer noch glaubte, dass ihm die Damenwelt zu Füßen läge (aber er machte das recht charmant, so dass man ihm nie lange böse sein konnte), Theo, der liebe, verständnisvolle Theo, der immer an die falschen Kerle geriet, und Nele, die uns pausenlos analysierte, was wir taktvoll überhörten. Von der Psychomacke abgesehen, war sie aber lieb, nett, hilfsbereit und vernünftig. Sie arbeitete beim Städtischen Sozialdienst und konnte das Lösen von anderer Leute Problemen nach Feierabend nicht einfach einstellen – soweit meine Analyse. Theo arbeitete bei einer Werbeagentur, aber nicht bei der, die wir immer beschäftigten, und Markus nannte sich Anlageberater. Im Klartext hatte er einen Schreibtisch in den hinteren Regionen der Städtischen Sparkasse und drehte den Kunden dort die hauseigenen Fonds an, aber Anlageberater klang natürlich besser. Im Moment vielleicht nicht, wo der DAX mühsam um die Dreitausendermarke herumkrebste, aber vor zweieinhalb Jahren hatte der arme Markus sich noch als Halbgott gefühlt. Sein Engagement in Internetwerten („Die Branche der Zukunft!“) zahlte er sicher noch die nächsten zehn Jahre ab.

Gescheit waren alle, gefühlsduselig war keiner, auf Räucherstäbchen stand auch keiner, und niemand nervte, wenn man über ein Problem mal nicht sprechen wollte – dann lenkten sie einen liebevoll von etwaigen Sorgen ab. So machten wir es jedenfalls, wenn Theo wieder mal verlassen worden war, wenn Markus angesichts seiner Kontoauszüge den Blues kriegte oder wenn Johannes sich einbildete, Bina könnte etwas Besseres finden als ihn: Trost oder Aufheiterung, je nach Wunsch. Bina und Nele dagegen äußerten nie Probleme oder Sorgen – und ich auch nicht. Hielten Frauen mehr aus oder wollten wir drei nur keine Schwächen zeigen? Oder waren die Männer einfach die größeren Winsler? Oder gar sensibler? Blödes Wort...

Im Funfit strampelte ich mich am nächsten Vormittag eine Stunde lang verbissen ab, entschied mich gegen die Sauna, duschte flüchtig und fuhr nach Hause zurück. Das Funfit war ein gutes Studio, aber die Duschen... ein bisschen schmuddelig waren sie schon, da hatte ich es zu Hause wirklich besser!

Fröhlich die Songs aus dem Radio mitträllernd, suchte ich mir alle Zutaten zusammen, dann schnitt ich Tomatenpaprika und Peperoni klein, füllte alles in ein halbvolles Glas Salatmayonnaise, kippte noch etwas Joghurt dazu und einen Spritzer Tabasco, schraubte das Glas zu und schüttelte es im Rhythmus wie ein Barkeeper. Don´t Stop Moving – das gab eine gute Mischung.

Die andere Hälfte der Mayonnaise hatte ich in ein leeres Glas gelöffelt, und hier kippte ich nun klein geschnittene Ananas, eingelegte grüne Pfefferkörner und einen Hauch gemahlenen Cayennepfeffer dazu, außerdem zwei Esslöffel Ananassaft. Deckel drauf und kräftig geschüttelt – The Ketchup Song.

Das nächste halbvolle Glas wurde mit drei feingehackten harten Eiern und frisch gerebeltem Dill veredelt, dazu etwas Schnittlauch und ein Hauch gemahlener Kümmel. Im Radio kam passend dazu It´s My Life, das gab der Mischung den richtigen Schwung.

Ein halbvolles Glas war damit noch übrig. Aioli? Nein, die brachte garantiert jemand fertig mit... Ich hatte noch eine Dose Tropenfrüchte, die ich akribisch kleinhackte und mit einer großzügigen Dosis Currypulver und gehackten Mandeln in das Glas stopfte und – leider im Rhythmus der Zweiuhrnachrichten – kräftig durchmixte. Alle vier Gläser landeten, auf dem Kopf stehend, im Kühlschrank, ich putzte sofort die Reste weg, aß die übrig gebliebene Ananas auf, bewunderte die perfekt gestylte Küche und ließ mich zufrieden auf mein Sofa fallen. Frei... total frei. Und alles erledigt.

Nicht ganz, ich sollte ja Irmi anrufen... Ach nein, nicht heute. Morgen vielleicht, ich hatte keine Lust, mir die Vorfreude auf die kleine Fete heute Abend nehmen zu lassen. Über den Job wollte ich auch nicht weiter nachdenken, wozu auch. Pechstein war eigentlich ein armer Hund, wenn er als einziger Mann in einem Weibernest feststeckte. Vor allem bei solchen Weibern! Und meine Geldanlagen konnte ich auch morgen kontrollieren... Nein, ich würde jetzt bügeln und mich dann mit einem Glas Prosecco in ein heißes Schaumbad verziehen, um den Samstagabend gebührend einzuleiten!

Im Badezimmerspiegel musterte ich mich zufrieden: straff und schlank, etwas blass vielleicht, aber sonst durchaus eine Augenweide. Fast schade, dass mich um diese Jahreszeit niemand sah, wenn ich mich weiterhin um die Sauna drückte. Wenn Michael nicht plötzlich ehrbar geworden wäre... Egal, spätestens bis zum Frühjahr hatte ich sicher wieder so einen Part Time Lover gefunden, mehr brauchte ich schließlich auch nicht.

Schaumbad mit leichtem Bittermandelduft und starkem Rückfetteffekt, schön heiß... herrlich. Dazu eiskalter Prosecco und ein paar Seiten eines ganz fürchterlich kitschigen Romans – der perfekte Samstagnachmittag.

Ich lag in der Wanne, bis ich mich ganz aufgeweicht fühlte, dann trocknete ich mich sorgfältig ab, cremte mich ein und schlüpfte in Jeans, T-Shirt und eine Strickjacke – die besseren Blazer blieben dem Büro vorbehalten.

Meine hellbraunen Haare sahen etwas langweilig aus, fand ich, als ich das Samtband löste, mit dem ich sie für das Bad hochgebunden hatte, und sie ausbürstete, bis sie sich an den Enden leicht lockten. Vielleicht sollte ich mir doch mal hellere Strähnchen machen lassen? Oder vielleicht ein paar rötliche Strähnen? Könnte ganz witzig aussehen... Oder war das unseriös? Wie ein Schmalhans-Klon wollte ich auch nicht daherkommen!

Meine Augen waren so farblos, ein wässriges Grün, wie dünner Pfefferminztee. Ich hätte gerne richtig grüne Augen gehabt, oder irgendwas mit wirklich intensivem Blick. Dann würde die Viererbande sicher auch besser spuren. Aber so? Wie die Gelee-Augen in dieser Kurzgeschichte von Borchert. Wir hatten sie mal in der Schule gelesen, und alle hatten zu mir geguckt und gekichert. Am liebsten hätte ich in der Pause geheult, aber dort war man ja nicht einmal auf dem Klo alleine. Das gute alte Max...

Mit braunem Lidschatten wirkte das Grün etwas kräftiger, aber jetzt sah ich ziemlich müde aus... ich wischte längere Zeit an meinen Lidern herum, bis der Effekt meinen Wünschen entsprach, wickelte meine Haare wieder um einen Samtgummi, bis ich einen lockeren Knoten vorzuweisen hatte, und fand, das genügte. Für gute Freunde allemal!

Kindergebrüll empfing mich, als Johannes, Schatten um die Augen, mir die Tür zu dem kleinen, unordentlichen, aber doch gemütlichen Reihenhaus in Selling-Süd öffnete. „Mag nicht!“, kreischte Julius in den höchsten Tönen. Ich erhaschte einen Blick auf Bina, die ihn gerade unter den Arm geklemmt nach oben trug. Ich grinste Johannes an. „Infantile Bettflucht?“

„Sozusagen. Und Lea schläft auch noch nicht durch.“

„Aber im Moment ist sie doch ganz brav, oder? Ich höre jedenfalls nichts...“

„Nein, jetzt pennt sie vor, damit sie nach Mitternacht in Form ist. Komm rein, Mona!“ Ich reichte ihm die Tüte mit den Saucengläsern; er schaute hinein und machte Mmh! „Das Übliche eben. Soll ich raufgehen und Julius beneiden, dass er ins Bett gehen darf?“

„Probier´s, aber wahrscheinlich lädt er dich nur ein, im Kinderzimmer zu übernachten. Der ist schon ganz schön gewitzt. Von mir hat er das nicht!“

„Weil du so schlicht gestrickt bist? Sei nicht albern, Johannes!“

Ich lief die Treppe hinauf, versuchte, nicht über das verstreute Spielzeug zu stolpern, und ging dem Gemaule nach. Julius steckte in einem Teletubbies-Schlafanzug und putzte sich gerade missmutig die Zähne.

„Ich will aufbleiben! Ich bin viel größer als Lea!“

„Lea liegt ja auch bloß rum“, wandte ich ein, „was hast du denn heute alles gemacht?“

„Schplzz!“

„Spuck doch erst mal den Schaum aus“, mahnte Bina und grinste mir zu.

Julius spuckte aus, bis das Waschbecken schaumbedeckt war, und wandte sich mir zu. „Aufm Spielplatz, auf der Rutsche, und der Wippe, und im Sandkasten war ich. Ganz toll. Und der Fabian hat geheult“, fügte er verächtlich hinzu. „Hast du ihn wieder mit Sand beworfen?“

Julius grinste frech und rieb sich mit einem trockenen Waschlappen über das Gesicht. „Nein, du Saubär, das machen wir noch mal richtig“, schimpfte Bina und tränkte den Waschlappen mit Wasser und Seife. Schrilles Geplärr drang unter dem schaumigen roten Frottee hervor.

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, mahnte Bina, als Julius sich wutentbrannt die Seife heruntergewaschen und das Gesicht im Handtuch vergraben hatte.

„Rollenklischee“, mahnte ich leise. „Scheiß drauf“, entgegnete Bina ebenso leise, „mit Heulorgie dauert es doch noch länger.“ Nicht leise genug!

„Du hast Scheiße gesagt!“, jubelte Julius los, die Seife im Auge war vergessen. „Das sag ich Papa!“

„Mach das!“, seufzte Bina, und Julius wetzte zur Treppe. „Papa, Papa, die Mama hat Scheiße gesagt!“

„Pfui!“, erklang es unverkennbar erheitert von unten. Julius schoss zurück ins Bad. „Pfui, sagt der Papa!“

„Ja, Entschuldigung. So, und jetzt ab ins Bett!“

„Aber die Mona muss mitkommen und mir was vorlesen!“

Mist. „Aber nur was Kurzes“, handelte ich sofort. Wir einigten uns auf das Märchen vom Sterntaler, und Julius passte höllisch auf, dass ich nichts ausließ. Als ich fertig war, war er wenigstens schläfrig und bekam einen Gutenachtkuss, dann löschte ich das Licht. Wütende Proteste: „Das kleine muss anbleiben!“

Ich knipste herum, bis er zufrieden war, lehnte die Tür an und schlich hinunter.

„Schläft er?“, fragte Johannes, der gerade Saucenschälchen auf dem Tisch verteilte. „Nicht wirklich. Aber er sieht müde aus.“

„Ich möchte mal halb so viel Energie haben wie ein Dreijähriger“, seufzte Bina. „Aber er wird täglich lustiger. Und Lea ist auch ein Schatz.“

Lea schlief ungerührt in ihrer Babywippe.

„Du kannst so gut mit Kindern“, meinte Johannes dann und zündete den Brenner an, „wieso hast du eigentlich keine?“

„Das gehört nicht in meine Lebensplanung“, wehrte ich ab.

„Ach nein?“, Bina zog den letzten Vorhang zu und drehte sich um. „Nur die Arbeit?“

„Ja. Ich bin eben eine Egoistin. Ich komme furchtbar gerne in eine leere Wohnung zurück, wo ich machen kann, was ich will.“

Es klingelte, und während Bina öffnete, sah ich ganz genau, dass ein kleiner Teletubbie – ohne Hausschuhe! – oben am Treppengeländer stand und guckte. Ich machte eine drohende Geste, er verschwand, kehrte aber sofort zurück und grinste. Erst, als ich Anstalten machte, die Treppe hinaufzusteigen, lief er in sein Zimmer zurück. Dieser kleine Fratz!

Theo wirkte mal wieder gramgebeugt, und Markus zog ebenfalls ein Gesicht, als stünde eine Katastrophe unmittelbar bevor. Immerhin hatten sie Baguettes und Prosecco dabei; Nele, die leidenschaftlich gerne strickte, zog ein rosa-weiß geringeltes Jäckchen für Lea aus der Tasche. Schließlich waren wir alle um den Topf mit der kochenden Brühe versammelt, Prosecco perlte in den Gläsern, von Julius war nichts mehr zu hören und Lea lag an Binas Brust und nuckelte zufrieden. „Wieder eine Woche überlebt“, seufzte Nele wohlig. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie blauäugig die Leute Schulden machen. Kaufen alles Mögliche auf Raten und dann stehen sie da – dazu müssen sie nicht einmal den Job verlieren.“

„Wem sagst du das“, brummte Markus und fädelte Rinderlende auf seine Gabel. „Ach, du stehst doch nicht mit unbezahlter Sitzgruppe, Schrankwand, Zweitwagen und Skiern für die ganze Familie da, oder?“

„Nee, nur mit unbezahlten Aktien. Ich hab ein G´lump in meinem Depot, da lohnt sich der Verkauf schon gar nicht mehr, die Courtage wäre höher als der Erlös.“

„Wie viel hast du denn noch am Bein?“

„Fast hunderttausend. Und diese Umschuldung läuft auch nur noch zwei Jahre, bis dahin muss mir etwas eingefallen sein.“

„Hast du den TT noch?“, fragte Johannes.

Markus lief dunkelrot an. „Ohne Auto kann ich nicht leben!“

„Verkauf den TT, kauf dir einen Fiat oder so was. Du kannst dann ja woanders parken, aber da müssten doch gut zwanzigtausend Differenz rausspringen, oder?“, schlug Bina vor und legte Lea auf der anderen Seite an.

„Eher dreißig. Ja, ich werde wohl in den sauren Apfel beißen müssen. Dreißig – als Festgeld zwei Jahre lang... toll ist das auch nicht.“

„Internetwerte sollen aber langsam wieder im Kommen sein, hab ich gehört“, steuerte ich bei und träufelte mir Eiersauce auf ein Stück Baguette.

„Na, hoffentlich kommen die schnell und heftig“, murrte Markus.

„Ihr redet bloß noch vom Geld“, tadelte Theo. „Wie geht´s euch denn privat so?“

„Gut“, sagten Johannes und Bina im Chor. „Gut“, sagte auch Nele.

„Gut“, behauptete ich schnell. „Wie soll´s mir schon gehen“, jammerte Markus. „Ohne Geld kann man auch keine Mädels abschleppen.“

„Was für ein Blödsinn“, regte sich Nele auf. „Such dir halt mal eine richtige Frau, die musst du dann auch nicht durchfüttern. Du mit deinen albernen Discohasen immer!“

„Was ist denn eine richtige Frau?“, schoss Markus zurück und begutachtete grämlich sein Fleisch, bevor er es von der Gabel streifte. „So was wie ihr?“

„Genau! Ich glaube, weder Mona noch Bina noch mir ist es wichtig, ob einer einen TT fährt oder was sonst. Solange man mit ihm reden kann, solange er Hirn hat – hast du doch, oder? Auch wenn du es überzeugend tarnst! – solange jemand charakterlich in Ordnung ist...“

„Das glaubst du wirklich, was?“

„Sie hat doch auch Recht“, mischte ich mich ein. „Mir sind anderer Leute Statussymbole auch egal. Obwohl, Ausnahmen gibt es schon. Wir haben da jetzt einen Neuen in der Abteilung, ratet, was der fährt?“

„Rostige Ente?“, schlug Theo vor.

„Maserati in der falschen Farbe“, hielt Markus dagegen.

„Einen Smart. Die finde ich abartig“, sagte Bina und knöpfte sich wieder zu.

Johannes klopfte Lea das Bäuerchen heraus und hatte kein Interesse an Autos, Nele inspizierte die Saucennäpfe.

„Markus ist am nächsten dran“, verkündete ich. „Einen weißen Jaguar!“

„Äh“, kommentierte Markus. „Gibt´s das überhaupt serienmäßig?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls ist er potthässlich, und dann stand er auch noch auf meinem Platz. Der Kerl führt sich wirklich gut ein, was? Egal. Markus, du solltest das mit dem Auto wirklich machen.“

Er brummte. Sein schöner TT, ich konnte ihn schon verstehen – aber hunderttausend Miese? In zwei Jahren zu tilgen?

„Du musst dir gar keinen anderen kaufen“, sagte Bina, als sie Lea wieder in die Wippe gebettet hatte, „mein Bruder hat noch einen etwas angejahrten Japaner, aber recht ordentlich in Schuss und mit TÜV. Der steht bloß rum, er leiht ihn dir bestimmt.“

„Ehrlich?“

„Ja, du kennst doch den Rainer, der sammelt offenbar Autos. Der ganze Vorgarten ist voller Teile. Ich ruf ihn morgen an, ja?“

„Und wenn du noch eine billigere Wohnung findest...“, schlug Nele vor.

„Jetzt reicht´s aber“, fand Markus empört. „So teuer ist die nicht, und so was kriege ich nie wieder. Da bleibe ich drin! Dreißigtausend wären schon nicht schlecht, und ein bisschen sparen kann ich ja auch, trotz der üblen Zinsen.“

„Aber bevor sie dich in den Offenbarungseid hetzen, rührst du dich!“, verlangte Bina. „Wir treiben schon etwas auf. Wenn wir alle zusammenhalten...“

Alle nickten, aber ich war sicher nicht die einzige, die hoffte, das würde nicht nötig sein. Vielleicht erholten sich ja ein paar Werte wieder! Gefräßiges Schweigen breitete sich aus. „Und wie ist der Neue sonst so?“, fragte Nele schließlich halblaut. Ich zuckte die Achseln. „Weiß noch nicht. Er ist erst zwei Tage da. Komisch, denke ich.“

„Seltsam oder lustig?“

„Seltsam. Aber wahrscheinlich nicht seltsamer als die Viererbande.“

Theo starrte vor sich hin. „Was hast du denn?“, fragte Johannes mitfühlend.

Theo sah auf und produzierte seinen Spanielblick. „Berni zieht nach Kiel.“

„Scheiße!“, kommentierte Bina und legte ihre Gabel hin. „So plötzlich?“

„Ja, er hat da bessere Chancen, Außenhandel und so... Und seitdem er es mir gesagt hat, haben wir auch nur noch gestritten. Wieder nichts!“

Ich seufzte mitleidig. Theo hatte wirklich wenig Glück mit den Männern! Hielten Heterobeziehungen im Schnitt länger oder sah das bloß so aus? Oder passierte so etwas nur Theo? Ich hatte Berni zwar nicht gerade weltbewegend gefunden, aber wenn er Theos Glück war?

„Mitgehen willst du nicht?“, fragte Nele. „Nein. Er hat es mir auch gar nicht vorgeschlagen. In Kiel leben seine Eltern, und ich glaube nicht, dass er sich bei denen schon geoutet hat. Aufdrängen werde ich mich nicht. Und hier habe ich einen guten Job, wer weiß, was ich da oben finde. Gestern war ein Kunde bei uns, der hatte was...“ Sein Blick hellte sich wieder auf.

„Boah, ich kann nicht mehr“, seufzte Markus. Mir war eigentlich auch schon ziemlich schlecht. Wie üblich war jede Menge Fleisch übrig geblieben, weil wir uns hauptsächlich mit Baguette und Saucen vollgestopft hatten. Nele und Theo gingen nach draußen, eine rauchen, und ich half Johannes schnell, den Tisch abzuräumen. Bina wickelte Lea frisch und brachte sie dann ins Bett, wo sie prompt loskrähte.

„Das sind ja bloß Fernsehfragen“, maulte Theo, als das Spiel aufgebaut war und er schon eine Karte aus dem Kasten gefischt hatte. „Und lauter Kram, von dem ich noch nie gehört habe...“

„Umso besser“, fand ich, „dann bin ich wenigstens nicht die einzige, die sich hier blamiert!“ Bina schlug Theo auf die Finger. „Lass das, ich lese vor! Du gibst immer so obskure Tipps.“

Wenigstens ergatterte ich die blaue Spielfigur – wenn das kein Glück brachte? Die Fragen waren doof. Und hundsgemein: Das erste Eck verpasste ich, weil ich nicht wusste, wie die Sekretärin des Kommissars geheißen hatte. Nele wusste es natürlich und kassierte strahlend.

Immerhin wusste ich, wer bei Tanz der Vampire Regie geführt hatte: Roman Polanski. Aber dafür gab es leider nichts. Obskure Showmaster aus den Sechzigern, Seifenopern, die ich nie gesehen hatte – ha! Alexis Colby war Blake Carringtons erste Frau – ein Eck! Ich triumphierte, aber nicht lange; Theo, der offenbar in seiner Freizeit Filmbücher las, überholte mich spielend und hatte schon alle Ecken eingesammelt, als ich gerade mal zwei ergattert hatte. Nele war ihm hart auf den Fersen, Johannes und Markus maulten über die Fragen, und Bina fand, dieser Kasten sei sein Geld wirklich wert, so erbittert sei es noch nie zugegangen.

Theo brauchte eine Sechs, um für die finale Frage in die Mitte zu kommen, und würfelte eine Fünf. „Wie hieß der Koch auf der Ponderosa?“, las Bina vor und grinste von einem Ohr zum anderen; Theo erbleichte. „Das steht da nicht!“ Bina zeigte Johannes die Karte, der mit Grabesmiene nickte. „Leider, Theo! Na?“

Nele fing an, die Sekunden zu zählen. „Wang Lee“, behauptete Theo einen Moment vor Schluss schließlich verzweifelt.

„Falsch! Hop Sing!“

Theo sah aus, als wollte er alles vom Brett fegen, aber dann vergrub er doch nur das Gesicht in den Händen und stöhnte. Nele wusste prompt, dass das italienische Hauptfilmgelände Cinecittà hieß (aber das hätte sogar ich gewusst), und schnappte sich ihr letztes Eck.

Ich versagte bei der nächsten Frage, Markus und Johannes verzichteten, um Theo zu beobachten, der nun eine Zwei würfelte. Wieder ein Feld daneben... Und wer bei den Unverbesserlichen Inge Meysels Ehemann gespielt hatte... Keiner von uns hatte das jemals gesehen!

Nele landete auf Anhieb in der Mitte und erriet richtig, dass der häufigste Edgar Wallace-Inspektor Fuchsberger und nicht Drache gewesen war; damit waren wir mit dem Spiel und unseren Nerven am Ende.

„Ich nehme mir fest vor, ab jetzt viel mehr Schmarrn zu gucken“, grummelte Theo, mit dem ehrenvollen zweiten Platz sichtlich unzufrieden.

„Noch mehr?“, witzelte Markus. „Lern doch die Fragen auswendig!“

Johannes schenkte nach, Bina verräumte das Spiel, wir lehnten uns zurück und verglichen doofe Werbespots und diskutierten darüber, warum man trotzdem kaufte, was man im Fernsehen gesehen hatte. Nele hatte dazu einiges über unbewusste Prozesse beizusteuern, der Rest lieferte Beispiele aus dem Alltag, und ehe wir es uns versahen, war es halb zwei, und Bina gähnte diskret. Das brachte uns wieder auf die Beine, vor allem, weil man nun Lea und Julius von oben hören konnte. Nicht noch ein Märchen, schnell weg hier!

Kichernder Abschied mit vielen Dankesbezeugungen, und ich stand ratlos vor meinem Auto. Fünf Prosecco... nein, ohne Führerschein wäre ich aufgeschmissen. Lieber zu Fuß, das war höchstens eine Viertelstunde. Und die kalte, klare Nachtluft tat mir eigentlich ganz gut.

Gedankenverloren schlenderte ich nach Hause, wieder dankbar dafür, dass ich die ganze Wohnung für mich alleine hatte. Kein Kindergeschrei, kein Mann... ich hatte schon während des Studiums gemerkt, dass mich das Zusammenleben rasend machte – egal mit wem, außer mit Sunny, aber vor Sunny musste ich mich ja mit all meinen Macken auch nicht genieren – sie hatte selbst genug.

Wie sie das bloß machte, dass sie mit Gabriel so gut zurechtkam? Ich wäre nach einer Woche auf hundertachtzig gewesen, zerrissen zwischen der Angst, untergebuttert zu werden, und der Angst, Krach anzufangen. Wie oft hatte ich mich aus solchen Beziehungen Hals über Kopf verabschiedet? Ich versuchte, zu zählen, aber es waren zu viele gewesen. Nein, wenn man bindungsunfähig war, musste man sich damit abfinden. Mal eine wilde Nacht, ja – natürlich Safer Sex – aber mehr bitte nicht! Ach, Michael, du warst so praktisch... Wenn ich mich andererseits so umsah – irgendetwas schien alle Welt zu Paaren zu treiben, alle hatten oder suchten etwas Festes, also konnte ich Michael schlecht böse sein, dass ihm drei oder vier Treffen mit mir pro Jahr zu wenig waren. Hoffentlich wurde er glücklich mit seiner Megan!

Hätte ich mit ihm glücklich werden können? Ich bog in die Kapuzinerstraße ab und sann über diese Frage nach. Schwierig... ich wusste gar nicht, wie er im Alltag so war – vielleicht brachte er dauernd Freunde mit? Oder wollte immer im falschen Moment zärtlich werden? So leidenschaftlich war ich auch wieder nicht veranlagt, dafür hatte ich wohl in meiner Kindheit zu viele eher lächerlich wirkende Paare in Aktion auf einer der zahlreichen Matratzen in unserer Wohnung gesehen. Ich simplifizierte sicher schauerlich, aber wenn man zwei eher unbekannten Leuten beim Vögeln zuschaut – als Kind – denkt man sich eher Gott, wissen die nicht, wie blöd sie ausschauen? Und das Gegrunze? Und das dumme Gerede? Das Gekeuche bei offenem Mund? Die verdrehten Augen? Von Lustgefühlen weiß man in diesem Alter ja noch nicht so viel, obwohl wir durchaus zur Erforschung des eigenen Körpers angeregt wurden. Aber ich hatte mich solchen Dingen schon im Kindergarten bockig verweigert, was der Erzieherin große Sorgen bereitet hatte – das Kind würde doch nicht etwa eine repressive Sexualmoral entwickeln? Irmi war ebenfalls ratlos gewesen. Das hatte sie mir erzählt, als ich mit zehn darauf bestanden hatte, bei der Badbenutzung abzusperren, und auch keine rechte Lust mehr verspürte, meinen Eltern bei allerlei privaten Verrichtungen zuzusehen.

Das war überhaupt das Furchtbarste am Zusammenleben, dass man sich mit einem anderen Menschen ein Bad teilen musste. Auch wenn ich verliebt war, wollte ich es nicht plätschern hören, ich wollte nicht sehen, wie sich mein Lover den Hintern wusch, und ich wollte nicht riechen, was er an Duftmarken hinterlassen hatte.

Nein, das hätte ich auch bei Michael nicht lange toleriert! Ich brauchte einen, der mit mir aß, redete, schlief – und dann bitte, bitte wieder ging und Bartstoppeln, Verdauungsprodukte und Schmutzwäsche woanders deponierte. Ich wollte nur die Rechte, nicht die Pflichten – da spielte natürlich keiner mit. Und am liebsten wollte ich einen solchen Mann in einem Hotelzimmer treffen – neutraler Boden, und ich konnte gehen, wann immer ich wollte, und musste hinterher nicht das Bett frisch beziehen.

Irgendwie war ich ziemlich verkorkst, musste ich einsehen. Aber wer war das nicht? Ich wusste es wenigstens und belästigte keinen ahnungslosen Kerl damit! Manche hatten noch mehr Macken und heirateten frech, so dass andere das alles ertragen mussten.

Man stelle sich doch nur die Viererbande in Beziehungen vor! Wenigstens die Jonas... obwohl, mit einer Frau vielleicht? Die Schmalhans war sicher sehr mütterlich-fürsorglich und legte ihrem Liebsten beim Frühstück die Karten, damit er auf alles gefasst war. Die Hilz machte ihren Macker nachts dermaßen fertig, dass er morgens nur noch zur Arbeit kriechen konnte, und die Weiß – die wäre gut geeignet, sie würde ihn anbeten und sein Geld ausgeben.

Astrid wurde von ihrem Wolfi gezwungen, zu Hause bei den Kindern zu bleiben oder die Doppelbelastung alleine geregelt zu kriegen. Auch keine Option, jetzt war sie finanziell völlig auf ihn angewiesen.

Irmi und Horst... Irmi brauchte es anscheinend, dass Horst sie abfällig behandelte, sonst fühlte sie sich ungeliebt. Ihre Töchter waren teils eine Belastung, teils Studienobjekte, was die neue, repressionsfreie Erziehung betraf, die uns beide viel spießiger hatte werden lassen, als unsere Eltern es sich hätten träumen lassen. Horst schwang große Reden (nichts dahinter, wie immer), Irmi betete ihn in leicht geduckter Haltung an und schusselte durch ihren halb alternativen Alltag. Nein, da lobte ich mir mein friedliches Spießerleben.

I want to be alooone... Die Garbo hatte schon recht gehabt!

Am Sonntagmittag schluckte ich einmal kurz und griff dann doch entschlossen zum Hörer. Vielleicht hatte ich ja Glück und sie war gar nicht da...

Natürlich war das Blödsinn, wo sollte Irmi an einem Sonntag denn sein? Keine Kurse... In der Kirche vielleicht? Die war ihr viel zu frauenfeindlich und naturunterdrückend. Sie war da, und sie hatte offenbar direkt auf dem Telefon gesessen. „Gut, dass du anrufst“, begrüßte sie mich, und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Was kam denn jetzt?

„Du kennst doch die Holly, nicht?“

„Nein, wer soll das sein?“

„Mensch, die hat doch den Secondhand-Laden an der Ecke Schwindstraße, und die hat ein Problem, ihr Auto ist kaputt, und sie muss doch immer die Klamotten hin und herfahren, wegen der Kommission, und dann hat sie die drei großen Hunde. Na, und du wohnst doch in diesem Kaff, da brauchst du doch bestimmt dein Auto nicht so dring-“

„Nein.“

„Du bist echt ziemlich unsozial, weißt du das? Ich dachte, wir hätten euch zu mehr Solidarität erzogen. Warum denn nicht? Wenn sie es doch braucht?“

„Dann soll sie sich einen mieten! Ich brauche meinen Wagen auch, ich muss schließlich auf Tagungen fahren. Und gegen Hundehaare bin ich allergisch.“

Das war gelogen, aber woher sollte sie das wissen?

„Kannst du nicht mit dem Fahrrad auf diese Tagungen fahren? Das wäre doch auch gesund, nicht... Den ganzen Tag im Büro, ohne Kontakt zur Natur. Nicht das Leben, das ich mir für dich wünschen würde.“

„Nein, kann ich nicht, die Tagungen sind bundesweit verstreut und wir müssen Kisten voller Bücher transportieren.“

„Horst meint auch, du solltest über deinen Job mal nachdenken, ob du wirklich das System unterstützen willst, indem du diese Paukheftchen verkaufst. Damit ist doch keinem geholfen außer den Politikern, ihr beschönigt die Fehler des Systems und sie müssen nichts ändern. Proteste und Boykott wären doch viel sinnvoller, das würde alle mal aufrütteln!“

Das war mir keine Antwort wert. „War´s das?“, fragte ich also nur.

„Nein... stell dir vor, was mir aufgefallen ist! Echt unheimlich!“

„Weiß ich schon“, murmelte ich, aber wohl zu leise, jedenfalls wurde mir das Mysterium der Allerheiligenmorde ausführlich dargelegt.

„Irmi, in diesem Haus sind in den letzten dreißig Jahren bestimmt noch zehn andere Leute abgenippelt. Die passen doch nicht in die Reihe, oder?“

„Die haben auch nicht mit uns zusammen gewohnt!“

„Diese Gerda hat mit euch zusammen gewohnt?“, gab ich erstaunt zurück. „Das wusste ich ja noch gar nicht.“

„Nicht so direkt, aber wir waren wie Schwestern. Ihr Tod hat mich echt betroffen gemacht, nicht nur, weil er so grausig war, typisch Gewalt gegen Frauen.“

„Ich weiß nur, dass man sie im Englischen Garten gefunden hat“, entgegnete ich mäßig interessiert und versuchte, mit der freien Hand Weintrauben abzuzupfen, ohne die ganze Traube von der Schale zu ziehen.

„Ja... grauenvoll zugerichtet – mit einem Messer. Du weißt schon.“

„Nein, weiß ich nicht.“ Ich konnte es mir fast denken, denn Irmi hatte sich zwar immer schon betont hemmungslos gegeben, tat sich aber sehr hart damit, die einschlägigen Körperteile beim Namen zu nennen, deshalb war mir danach, sie zu Klartext zu zwingen. „Er hat sie sozusagen – äh – mit dem Messer vergewaltigt.“ Das war wirklich ziemlich ekelhaft, man konnte ihr nur wünschen, dass sie da schon tot gewesen war. „Die Arme“, sagte ich also etwas aufrichtiger, „wie alt war sie damals eigentlich?“

„Was hat denn das damit zu tun? Siebenundzwanzig, genau wie ich. Und man hat dieses Schwein nie gefasst, diesen Schlächter.“

„Eigenartig. Ich meine, ein so grausiger Mord?“

„Ach, die Bullen haben doch nichts im Sinn gehabt als Terroristen zu jagen. Da hatten sie für Verbrecher keine Zeit.“ Ich hörte Horst aus ihr sprechen.

„Und wie alt war Iwan, als er vor das Auto getorkelt ist?“

„Wie redest du eigentlich? Der arme Iwan, er war ein so netter, sensibler Mann. Und er war nicht betrunken, er hatte höchstens ein bisschen was geraucht.“ Und ein bisschen was eingeworfen, vermutete ich.

„Der war damals Mitte dreißig. Wir waren alle ziemlich gleich alt, wir hatten uns im ersten Semester kennen gelernt. Vierter November 1967. Ach ja... wir waren so voller Optimismus... was wir alles ändern wollten... und was ist daraus geworden? Nicht einmal auf unsere Kinder können wir stolz sein, du bist nur aufs Geldscheffeln aus, egal womit, und Sunny weigert sich, Horst zu helfen. Echt enttäuschend.“

Ich popelte weiter an den Trauben herum und zählte innerlich bis zwanzig. Man konnte meinen, ich würde mit Waffen oder Drogen handeln. Aber in den Augen meiner Eltern waren Lernhilfen sicher schlimmer als Drogen, solange es keine Designerdrogen waren, sondern das gute alte Zeug aus der guten alten Zeit, Gras, LSD und so weiter... Ich ging, den Hörer am Ohr, in den Flur, öffnete lautlos die Wohnungstür und drückte auf die Klingel. „Oh, bei mir hat es geklingelt, ich muss aufhören, tut mir Leid. Macht´s gut, Irmi!“

Schnell schaltete ich ab und atmete tief durch. Unerträglich! Sicher waren zwei so bürgerliche Töchter eine böse Enttäuschung, aber merkten sie nicht, dass sie sich genauso intolerant aufführten wie ihre eigenen Eltern? Und das, wo sie doch auch für Toleranz diese zahllosen Sit-ins in der Uni veranstaltet hatten und mit Transparenten für und gegen alles Mögliche die Leopoldstraße auf und ab gepilgert waren? Ich war ja auch nicht die Toleranteste, aber ich stand dazu. Und außerdem konnte meinetwegen jeder machen, was er wollte, solange er mich damit nicht nervte. Ich brauchte jetzt frische Luft, mir war direkt, als hätte ich diese ewigen Räucherstäbchen (Sandelholz! Patchouli! Moschus!) durchs Telefon gerochen. Von diesem muffigen Zeug konnte einem schlecht werden. Wie ungewaschene Klamotten...

Ich schlüpfte in einen Jogginganzug, band meine Schuhe zu, streifte mir ein Stirnband über, steckte meinen Schlüssel ein und fuhr zur Uni. Viele Parkplätze... es lebe der Sonntag! Dann lief ich eineinhalb Stunden lang durch den trüben Prinzenpark und spürte, wie es mir von Minute zu Minute besser ging und alles von mir abfiel, Irmi und der Schwachsinn, den sie verkündet hatte, alle doofen Männer, der Verlust meines Gelegenheitsliebhabers, Astrids Ausstieg, die Macken meiner Bürohühner, das schlechte Wetter...

Kleine Wölkchen standen vor meinem Gesicht, aber ich trabte unverdrossen weiter, einmal ganz um die Südhälfte herum und wieder zurück zum Auto, dann schnell wieder nach Hause und ab unter eine lange, heiße Dusche.

Sonntagnachmittags im Pyjama herumhängen – saugemütlich!

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