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Die Erinnerung an den faulen Sonntag brauchte ich auch, um die kommende Woche zu überstehen. Pechstein hatte sich schon wieder auf meinen Parkplatz gestellt – morgen musste ich unbedingt früher da sein, beschloss ich am Montag und fuhr in aggressiver Stimmung hinauf ins Büro.

Er lächelte mir kalt zu, was ich mit steinernem Gesicht und einem knappen Nicken quittierte. Dann verzog ich mich an meinen Schreibtisch. Zwanzig nach acht, keine Spur von den vier peinlichen Damen... wenn sie gut waren, schafften sie es bis halb neun. Die Weiß musste sich noch auftakeln, die Hilz schob sicher noch ein Morgennümmerchen (wenn das nicht überhaupt alles pure Angabe war), die Schmalhans musste erst in die Zukunft sehen, um zu wissen, wie sie den Tag angehen sollte, und die Jonas kaute wohl noch trockenes Müsli und wappnete sich für einen Tag voller Machos. Mein Rechner piepte, kaum dass er hochgefahren war. Pechstein schon wieder – als ob er nicht mit mir reden konnte.

Wann ist der erste Tagungstermin?

Ich beschloss, lieber ausführlich zu antworten, sonst bekam ich nur wieder eine Menge unhöfliche Botschaften. Aber kein Wort zuviel!

14./15. Oktober

Regensburg

Bürokleidung

Eine Übernachtung

Alles schon gebucht

Material steht schon im Lager

Das schickte ich ab, es war ja wohl umfassend genug!

Mitnichten!

Wer fährt?

Das konnte ihm so passen!

Ich, weil ich die Örtlichkeiten kenne.

So! Die Beifahrerrolle lag mir nicht. Schon gar nicht in einem weißen Jaguar!

Wenn´s sein muss. Genieren Sie sich für den Wagen?

Dieser Arsch!

Kaum. Sonst noch Fragen?

Herzlichen Dank.

Das konnte ja nur ironisch gemeint sein! Durfte ich jetzt wieder weiter arbeiten? Nein, ich durfte nicht – alle vier kamen auf einmal herein, Weiß und Hilz in angeregter Unterhaltung, Jonas mit muffiger Miene und diesem irritierenden grauen Zopfpullover mit den vielen Fehlern im Muster, Schmalhans in rosa und orange gebatikter Seide und falschen Goldketten und mit sorgenvoller Miene. Glaubte sie nicht, dass sie die düstere Aura des Büros aufhellen konnte?

Ich deckte sie schnell mit Arbeit ein, aber es nützte nichts. Dieser dämliche Freund von der Hilz wollte, dass sie sich piercen ließ – wo, wurde lautstark beschrieben, und das musste natürlich ausführlich besprochen werden. Ich warf einen kurzen Blick auf die scharlachroten Wangen hinter den Yuccas und bat die Hilz nach draußen.

Dort kam ich sofort zur Sache.

„Frau Hilz, in Zukunft besprechen Sie solche Themen bitte nur außerhalb dieses Büros. Wenn Sie unseren neuen Mitarbeiter noch einmal so in Verlegenheit bringen, denke ich über eine Abmahnung nach. Haben wir uns verstanden?“

Die Hilz war rot angelaufen. „Ist der denn so empfindlich? Und warum verteidigen Sie ihn wie eine Tigerin ihr Junges? Stehen Sie auf ihn?“

„Die Abmahnung rückt von Minute zu Minute näher. Sie sind unverschämt, Frau Hilz. Ich will im Büro keine gynäkologischen oder anzüglichen Themen mehr hören, ist das klar? Jeder Mitarbeiter hat das Recht, nicht pausenlos irritiert zu werden. Tauschen Sie sich mit Frau Weiß in der Mittagspause oder auf der Damentoilette aus. Übrigens finde ich die Frage, wo Sie sich piercen lassen sollen, auch eher unappetitlich. Das war´s.“

Die Hilz schnaubte und schoss ins Büro zurück. Ich folgte langsamer und rief mein Mailprogramm auf.

Sagen Sie es mir bitte, wenn Frau Hilz (oder eine der anderen Damen) noch einmal unpassende Themen anschneidet, falls ich gerade nicht dabei bin.

Irgendwie blödes Deutsch, aber egal, ich schickte es ab.

Sofort kam die Antwort:

Ich kann mich auch selbst wehren, falls nötig. Trotzdem danke .

Bitte, dann nicht! Sollte er eben zuhören, wenn sich die Hilz als nächstes irgendwas auf den Hintern tätowieren lassen wollte oder von einem flotten Dreier phantasierte!

Kurz vor elf – ich machte mich auf zur Chefredakteurin. Sie sah sich geduldig die Präsentation an, nickte monoton, wollte die CD behalten, fand die Idee eigentlich ganz gut und versprach, sich darum zu kümmern. Mehr konnte ich nicht tun, also kehrte ich ins Büro zurück, wo Pechstein irgendetwas arbeitete und die Damen wie immer plauderten, ohne auch nur Arbeit vorzutäuschen. Bei meinem Eintreten schwadronierte die Schmalhans gerade: „Und wenn man sich für andere Farben entschieden hätte“ - sie sah mich – „dann würden sich diese Hefte sicher noch besser verkaufen, meint ihr nicht auch?“ Alle nickten und guckten fromm.

„Welche Hefte meinen Sie denn?“, fragte ich gemeinerweise.

„Äh – also, diese – äh - Abiturwissenreihe...“

Ich staunte. „Wir haben schon eine Abiturwissenreihe im Angebot? Das ist mir jetzt aber neu.“

„Na, diese roten, mit den – äh - weißen Streifen am Rand...“

Ich schüttelte traurig den Kopf. „Die sind nicht von uns, leider.“

Hinter den Yuccas glaubte ich ein leises Prusten zu hören, aber sicher hatte ich mich getäuscht. Ich sprach schnell weiter: „Aber die Idee wäre nicht schlecht – wenn man der Konkurrenz da Marktanteile wegschnappen könnte... Wollen Sie nicht ein Konzept entwerfen und es der Geschäftsleitung vorlegen?“

Die Schmalhans starrte mich entsetzt an. Geschäftsleitung?? „Nein – äh – ich glaube, ich sollte mal die Online-Anfragen...“ Ihre Stimme erstarb in Gemurmel. „Gute Idee“, sagte ich herzlich und kehrte zu meiner eigenen Arbeit zurück. Recht gedämpfte Stimmung herrschte heute. Jetzt musste ich bloß noch die Weiß und die Jonas vergrämen, dann herrschte hier Friedhofsruhe.

Erst nach der Mittagspause gab es wieder eine Nachricht aus der Ecke.

Um wie viel Uhr nächsten Montag?

Das musste er jetzt schon wissen?

Gegen elf, von hier aus. Wir müssen das Material noch einladen. Bitte keinen Schrankkoffer!

Bei seiner Garderobe (heute in Anthrazit mit blassgrauem Hemd und goldener Krawatte) musste man schließlich mit dem Schlimmsten rechnen.

Keine Sorge.

Na, hoffentlich! Ich hatte jedenfalls keinen Dachgepäckträger, und der Kofferraum war mit dem Material schon so gut wie voll.

Gibt es ein Programm?

Das konnte ja wohl nicht wahr sein – hatte der eigentlich gar nichts zu tun?

Nein. Es geht um Klimaforschung im Erdkundeunterricht, vier Vorträge und zwei Workshops bis Dienstag sechzehn Uhr. Lassen Sie sich überraschen.

Pechstein las das und warf mir einen unzufriedenen Blick quer durch den Raum zu. Ich wandte mich ab – war ich denn jetzt für alles verantwortlich? Ich hatte weiß Gott genug anderes zu tun, aber Pechstein offenbar nicht. Sollte er nicht eigentlich die nächste Printkampagne vorbereiten und sie dann mit W&P absprechen?

Am späten Nachmittag marschierten wir stumm nebeneinander her zur Besprechung. Routine, nichts Weltbewegendes. Die Ratgeberreihe wurde nun tatsächlich geplant, die Chefredakteurin erwähnte sogar, dass es ursprünglich mein Vorschlag gewesen war. Sehr nobel! Bearbeiten sollte das Florian Ingeler, ein neuer Mitarbeiter. Ich taxierte ihn quer über den Tisch. Jung, frisch von der Uni – jedenfalls sah er so aus. Aber er wirkte nicht unintelligent und sah recht nett aus, also nickte ich ihm lächelnd zu und ließ eine meiner Karten zu ihm wandern – wegen Telefonnummern und E-Mail-Adresse. Fünf Minuten später kam seine Karte zurück, und Pechstein funkelte mich zornig an. Verdammt, wir tauschten doch keine Blödelbriefchen, das war Organisation der Zusammenarbeit! „Tja, wenn dann für heute alles geklärt ist...“, meinte Dr. Benrath schließlich und erhob sich schon halb, da meldete sich Pechstein.

„Ja, Sie haben noch eine Frage?“

„Ich wüsste gerne etwas genauer, wie die Kompetenzen hier verteilt sind. Gibt es vielleicht ein Organigramm oder so etwas, das mir da weiterhelfen könnte?“

„Nicht schriftlich. Was bereitet Ihnen denn speziell Kopfzerbrechen?“

Ja, das interessierte mich jetzt auch.

„Sind die Mitarbeiter in der Öffentlichkeitsarbeit auch für die redaktionellen Inhalte zuständig – und für die langfristige Planung von Reihen? Ich frage nur, weil ich nicht weiß, was hier von mir erwartet wird, in meiner früheren Position wurde streng darauf geachtet, dass niemand in die Befugnisse anderer eingreift, und hier scheint das völlig anders gehandhabt zu werden.“

„Nennen Sie uns doch ein Beispiel!“

„Nun, zum Beispiel“ – er streifte mich mit einem scheuen Seitenblick – „Frau Schröder plant eine Reihe Ratgeber, und ich dachte, sie ist für die Organisation der Tagungsauftritte zuständig und die Werbepost – das stimmt doch? -, aber die Inhalte sind doch Sache der Textredaktionen, oder?“

„So ist es ja auch“, erklärte Dr. Benrath mit gütigem Unterton, „aber ein inhaltlich gutes Programm ist die beste Werbung. Hat Ihnen Frau Schröder das nicht erklärt?“

Pechstein zuckte die Schultern. Dieser Vollidiot, er hatte doch kaum gefragt!

„Also, haben Sie keine Hemmungen, sich überall einzumischen, wir sehen das hier nicht so eng. Synergieeffekte, Sie verstehen schon.“

Pechstein nickte, halb überzeugt, und ich begann, finstere Rache zu planen. Als hätte ich ihn ohne Fakten im Regen stehen gelassen! Ich schrieb erst einmal ein Zettelchen, Herzlichen Dank, und leitete es weiter. Er las es, sah verwirrt in die Runde, begegnete meinem – hoffentlich – tödlichen Blick und senkte den Kopf wieder.

Die attraktive Zerknirschung nützte jetzt auch nichts mehr, auch wenn sie die reinste Augenweide war: wuscheliges dunkles Haar voller Wirbel, demutsvoll gebeugter Nacken (jetzt ein Henkersbeil!), die langen Finger beinahe in bittender Geste zusammengelegt. Na, nicht wirklich, aber es kam dem Büßereindruck schon recht nahe. Ich schüttelte den Kopf. Für einen Tritt ans Schienbein war ich zu sehr Dame, außerdem saß er leider außer Reichweite.

Als die Sitzung endlich wirklich aufgehoben war, machte ich, dass ich wegkam; schließlich durfte er sich ja nicht entschuldigen. Wie sollte ich mich sonst rächen? Eine gute Idee hatte ich leider noch nicht, obwohl ich auf dem Heimweg intensiv darüber nachdachte und auch zu Hause weiter grübelte.

Ihm ein Projekt versauen? Nein, das traf dann den Verlag. Nachher sägte ich noch an dem Ast, auf dem ich saß!

Ihm einen Nagel in die Reifen drücken? Billig.

Die Viererbande auf ihn hetzen? Mit weiteren PMS- und Ausflussgesprächen? Vielleicht konnte noch jemand mit verklebten Eileitern aufwarten? Nein, das hatte ich denen leider gerade verboten – meine Autorität konnte ich so auch wieder nicht aufs Spiel setzen.

Gerüchte über ihn streuen? Junkmails schicken? Ihm mal zeigen, wie das aussah, wenn er wirklich keine Informationen kriegte? Dann würde er wirklich alt aussehen. Leider konnte er alles Wichtige auch woanders rauskriegen.

Ihm was über seine teuren Maßklamotten kippen? Irgendwas, was garantiert nicht mehr rausging? Da sollte ich vorher mal meine Haftpflichtversicherung überprüfen... Nein, witzig war das auch nicht.

Ihn einfach mit Nichtachtung strafen? Nur noch nackte Fakten, voll korrekt? Sonst nichts? Toller Unterschied zu vorher! Nein, mir fiel leider gar nichts ein – nur eins: Morgen musste ich so früh da sein, dass ich meinen Parkplatz wiederkriegte. Sollte er doch Dr. Benrath den Platz wegschnappen!

Wenigstens das gelang mir am nächsten Morgen – ich trudelte um Viertel vor acht ein, hatte die ganze Tiefgarage für mich alleine, parkte dick und fett neben der Aufzugstür und fuhr sehr zufrieden nach oben, wo ich ein völlig leeres und dunkles Büro vorfand. Endlich konnte ich mal in Ruhe arbeiten, die Website kontrollieren, Ideen produzieren und gleich weiterleiten, einige der blöderen Witze von der Pinnwand entfernen und den verfaulten Kaktus wegwerfen, für den sich immer irgendeine der Damen einsetzte. Aber mitnehmen wollten sie das Scheusal dann auch nicht!

Pechstein tauchte um zehn nach auf. Aha, wenn das seine übliche Zeit war, reichte es, wenn ich in Zukunft um acht eintrudelte. Ich nickte ihm streng zu und schrieb eine E-Mail an Florian Ingeler, schließlich hatte ich auch schon Vorschläge, wer als Autor für die ersten Bände in Frage kam. Der arme Kerl, wahrscheinlich hielt er mich für eine wahnsinnige Besserwisserin!

Ich schickte die E-Mail ab, und prompt piepte es. Pechstein, wer sonst!

Tut mir Leid wegen gestern.

Ach was!

Keine Ursache – aber fragen Sie doch, wenn etwas unklar ist.

Darauf gab es erst einmal keine Antwort, und ich tippte und entwarf weiter.

Weiß und Hilz waren heute seltsamerweise ziemlich pünktlich; sie unterhielten sich zwar über die Vorteile verschiedener extradünner Binden, aber wenigstens halblaut, und auf mein Stirnrunzeln hin wechselten sie auch zögernd das Thema und gingen zu Shampoo über.

Die Jonas hatte nahezu Schaum vor dem Mund, als sie zehn Minuten zu spät hereingerauscht kam: „Scheißmänner!“

„Was ist denn passiert?“, fragte die Hilz mitfühlend. Dafür unterbrach sie sogar die Shampoodebatte.

„Kennt ihr diesen Kerl mit den roten Locken und der Halbglatze?“

„Den Mayer? Aus der Personalabteilung? So ein dicklicher?“

Den kannten wir alle. Blöder Typ. „Schneidet mich in der Tiefgarage, schnappt mir den Parkplatz weg und ruft dann noch Pech gehabt, Mausi, wenn echte Männer kommen, müssen die Tussen eben weichen. Wie findet ihr das?“

„Übel“, fand sogar ich. „Wollen Sie sich beschweren oder sich lieber rächen?“

„Wie denn?“, fragte die Jonas mutlos.

„Kartoffel in den Auspuff“, kam es hinter den Yuccas hervor. Ich blinzelte anerkennend, aber dann schüttelte ich den Kopf.

„Ursache und Wirkung? Das muss dezenter sein...“

„War nur ein Vorschlag“, brummte er und wandte sich wieder seinen Unterlagen zu. „Kein schlechter, nur ein bisschen zu offensichtlich“, versuchte ich zu beschwichtigen. Wenn er schon einmal menschlich wirkte! Oder wollte er uns dann bloß bei Mayer verpfeifen?

„Frau Jonas“, murmelte ich halblaut, „der Mayer ist doch so ein Autohysteriker, nicht? So einer, der dauernd auf komische Geräusche horcht...“

Die Hilz kicherte unterdrückt. „Ich hab ihn mal auf dem Gang schwafeln gehört. Stimmt!“

„Dann werden wir ihm nachher etwas Kleines und Hartes unter die Radkappen praktizieren... das treibt ihn in den Irrsinn.“

„Was denn zum Beispiel?“ Die Jonas guckte immer noch so mutlos.

Die Hilz zog eine raschelnde Plastiktüte heraus. „Wie wär´s damit?“

„Kirschen?“ Sandra Weiß schaute uns verständnislos an.

„Die Kerne wären ideal“, gab ich zu. „Dann essen Sie mal schön! Mayer wird eine unangenehme Heimfahrt haben. Aber beschweren könnten Sie sich trotzdem, das lenkt dann auch noch von der Spur ab. Frau Jonas, ich fordere beim Betriebsrat ein Formular an!“

Das war schnell erledigt, und Hilz und Weiß aßen Kirschen um die Wette und spülten die Kerne hinterher makellos sauber. Die Jonas brütete über dem Formular und ich rief die Schmalhans an, die in den Hörer krächzte und sich entschuldigte, weil sie die Krankmeldung vergessen hatte. War eigentlich nur ich mit solchen Mitarbeitern geschlagen?

Immerhin hatte ich abends das Vergnügen, Mayer zu beobachten, wie er erstaunlich zögernd Richtung Ausfahrt rollte, so zögernd, dass ich mein Fenster herunterließ und mitfühlend fragte: „Zieht er nicht richtig? Oft liegt´s ja am Vergaser... Schönen Abend noch!“ Damit gab ich Gas und schoss an ihm vorbei – und hätte beinahe noch Pechstein die Zehen abgefahren. Ich hupte entschuldigend und entschwand ans Tageslicht, soweit davon noch etwas übrig war.

Kaum war ich zu Hause, rief Irmi an. Ob ich nicht doch mein Auto...? Ob ich Horst bei der Werbung – natürlich kostenlos – für seinen Lebensberatungshof helfen wollte? Ob ich über das Zweifelhafte meines Tuns nachgedacht hätte? Ich verneinte alles und wurde mit einer langen Jammertirade über den Fluch belohnt, der auf dem Haus lag. „Ach, jetzt ist es ein Fluch und keine Mordserie? Die Polizei hat wohl bloß gelacht?“

„Die Polizei? Die würden uns nie helfen – wir stehen ihnen doch kritisch gegenüber.“

„Hör doch nicht immer auf Horst! Die Polizei ermittelt in jedem Fall. Sollte sie wenigstens.“

„Ach, du bist echt blauäugig!“ Und das von ihr – niemand war naiver als Irmi.

„Du glaubst wirklich, dass die Bullen alle gleich behandeln?“

„Meistens schon, wenn man sie nicht gerade Bullen nennt. Weißt du, das mögen die nicht.“

„Lass diesen arroganten Ton, man könnte meinen, du willst irgendwelches Herrschaftswissen anbringen. Dazu haben wir dich nicht erzogen.“

Ihr habt mich zu gar nichts Vernünftigem erzogen, dachte ich wütend.

„Jedenfalls will Horst nicht, dass ich die Polizei informiere. Und weißt du, dieses Datum – ausgerechnet der erste November..." Ich lachte zornig auf. „Glaubst du jetzt auch noch an Halloween? Was kommt als nächstes? Der Osterhase?“

„Aber die Daten haben etwas Magisches, findest du nicht?“ Nein, das fand ich nicht, und als ich das ziemlich deutlich sagte, knallte Irmi den Hörer auf.

Jetzt war sie endgültig übergeschnappt, fand ich. Drei Tote in – Moment – siebenundzwanzig Jahren, und zufällig dreimal das gleiche Datum... Alle anderen Todesfälle in diesem Haus musste man ausnehmen, damit es passte. Und jetzt war es auch noch dräuendes Unheil übersinnlicher Art? Vielleicht sollte ich die Schmalhans mal hinschicken, Auren schnüffeln – oder was solche Leute eben so taten. Was für ein Blödsinn! Irmi war mit ihren zwei Töpferkursen ganz offensichtlich nicht ausgelastet, sonst hätte sie nicht die Zeit gehabt, sich solchen Kram auszudenken.

Gegen solche Spinnereien halfen nur alltäglich-nüchterne Verrichtungen – das Auto mal aufräumen, die Wohnung putzen, eine Reisegarderobe zusammenstellen (auch wenn es nur für eineinhalb Tage war). Damit und mit der üblichen Arbeit war der Rest der Woche mühelos ausgefüllt; Mayer stand einmal, als ich vorbeikam, auf dem Gang und klagte einem Kollegen, dieses unheimliche Klappern beim Fahren gebe ihm noch den Rest. Ich blieb sofort stehen und zog ein besorgtes Gesicht. „Was haben Sie denn für einen?“

„Dreier. Erst zwei Jahre alt!“

„Oh“, machte ich mitfühlend, „mein Vater hat – hatte, muss man wohl sagen – auch so einen.“ Meine Schweigeminute ließ Mayer erblassen. „Ist er tot?“

„Nein, nein – nicht mal auf dem Schrottplatz. Aber teuer war es doch. Ich glaube... zuerst immer so ein Rasseln und Klappern, vor allem in den Kurven?“

„Ja, genau! O Gott, was könnte das nur sein?“

„Ich überlege ja schon... als nächstes, glaube ich, fing der Motor zu qualmen an und dann hat es den Motorblock einfach zerrissen, mitten auf der Autobahn. Wenn mein Vater nicht ein so exzellenter Fahrer wäre...“

Mein Vater hatte einen selbst bemalten VW-Bus, was sonst, und fuhr miserabel Auto, denn der gesellschaftskritische Denker an sich war technisch natürlich unbegabt, da Technik gleich Technokratie gesetzt wurde und ihre Beherrschung den Betreffenden als nützlichen Idioten abstempelte. Schon praktisch, ein solches Weltbild!

Mayer zitterte regelrecht. „Aber Öl ist doch genügend drin? Ich hab ihn gestern durchchecken lassen, für fast dreihundert Euro, und jetzt klappert es immer noch...“

„Fahren Sie vorsichtig und bringen Sie ihn bei Gelegenheit noch mal in die Werkstatt“, riet ich, lächelte aufmunternd strebte weiter in die Textredaktion.

Am späteren Nachmittag traf die Jonas ihren Peiniger offensichtlich auch noch, denn ich hatte sie noch nie so vergnügt gesehen.

„Männer zu ärgern macht viel mehr Vergnügen als sich nur über sie zu ärgern“, stellte sie leise fest, als wir uns gegen fünf in unsere Mäntel wickelten. Ich lachte halblaut. „Eben! Aktiv werden bringt viel mehr. Manchmal denke ich auch, wenn einem einer zu nahe tritt, lieber ein kräftiger Kniehaken Sie-wissen-schon-wohin als eine windelweiche Beschwerde. Was nicht heißt, dass man sich im Zweifelsfall nicht auch beschweren sollte“, fügte ich hastig hinzu, als mir meine Chefin/Vorbild-Rolle etwas verspätet wieder einfiel.

Die Jonas lachte. „Ja, ich glaube, da haben Sie Recht. Ich werde das meiner Frauengruppe mal vorschlagen, vielleicht fühlen wir uns besser, wenn wir etwas tun anstatt immer nur zu analysieren, woher Frauenunterdrückung kommt.“

„Immer daher, dass Frauen keine Macht haben. Und keine Macht haben sie, wenn sie kein Geld haben. Also ran an die Knete!“

„So einfach ich es auch wieder nicht“, wandte sie ärgerlich ein.

„Im Einzelfall nicht, aber was glauben Sie, warum die Männer so am Geld festhalten? Die sind doch auch nicht blöd!“

Die Jonas seufzte. „Und wenn man keins hat?“

„Hauptsache, Unabhängigkeit. Dann kann einen wenigstens kein Kerl unter Druck setzen.“ Pechstein kam vorbei und warf mir einen finsteren Blick zu. Ich wartete, bis er wieder außer Hörweite war, und zischelte: „Sehen Sie? Schon einer, der uns die Entmachtungsstrategien übel nimmt!“

„Ich find´s eh blöd, dass wir nicht mehr unter uns sind“, entgegnete die Jonas.

„Da müssen wir jetzt durch, und mit Haltung. Frauenbewegtes Betroffenheitsgewinsel hilft uns nichts, wir zeigen, wie gut wir arbeiten, und geben mit unseren Leistungen ordentlich an!“

„Machen wir!“ Sie schien mir sogar das Gewinsel verziehen zu haben, als sie mir zuwinkte und sich in Richtung Tiefgarage davon machte. Ich kontrollierte noch einmal, ob alles abgeschaltet war, und brach dann auch auf.

Vor den zwei Tagen mit Pechstein grauste mir schon; sein kleiner Ausrutscher mit dem Mayer-Vorschlag schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein.

Zwar gelang es mir auch am Freitag, meinen Parkplatz zu verteidigen, aber als ich den Feind um Viertel nach acht hereinkommen und muffig grüßen sah, reichte es mir schon wieder. Ich erwiderte sein Kopfnicken höflich und wandte mich meiner Arbeit zu, ohne ihn weiter zu beachten.

Warum war er eigentlich so pampig? Ich hatte mich am Anfang doch durchaus freundlich gezeigt, aber alleine schon die brüsken E-Mails! Und dass ich die gynäkologischen Gespräche unterbunden hatte, hatte er auch nicht honoriert: ziemlich undankbar! Von wegen, er konnte sich selbst verteidigen, er saß doch bloß mit roten Ohren hinter den Yuccas und muckste sich nicht! Ich musste mich vielleicht doch mehr kümmern? Schließlich war er neu!

Kommen Sie mit der neuen Printkampagne gut zurecht?

Ich wartete, bis es drüben gepiept hatte, und gab dann wieder die viel Beschäftigte. Umgehend kriegte ich die Antwort:

Danke der Nachfrage.

Toll, dann sollte er doch alleine schauen, wie er das schaffte!

Die Damen trudelten der Reihe nach ein, enthüllten die übliche seltsame, geschmacklose oder phantasievolle Gewandung und installierten sich, munter plaudernd; auch die Schmalhans war wieder gesund, äußerte sich aber ungewöhnlicherweise nicht näher, welche parapsychologischen Phänomene ihr den Virus angehext hatten. Ich fragte auch nicht, ich hatte die Ratgeberidee auszuarbeiten, weil heute eine Besprechung mit Ingeler angesetzt war.

Kaum war Pechstein in die Mittagspause verschwunden, packte Sandra Weiß ihren silberglänzenden Lackmantel und schoss zur Tür hinaus. Die Hilz sah ihr kichernd nach: „Viel Erfolg!“

„Will sie ihn schnappen?“, fragte die Schmalhans.

„Sie wird’s probieren, aber ob das klappt?“

„Nie!“, sagte die Schmalhans, „völlig unvereinbare Persönlichkeiten. Und die Sternzeichen, Löwe und – Sandra ist doch Krebs, oder? – keine Chance.“

„Hab ich ihr auch gesagt, aber – learning by doing, nicht?“

Ich feixte in meine Unterlagen und aß mein Gesundheitsbrot. Vielleicht konnte er sich gar nicht gegen sie wehren und blieb an ihr kleben? Mir würde das Grinsen nie mehr vergehen!

Nein, die Weiß war nach einer Viertelstunde wieder da, muffigster Laune.

„Der hat schon eine, sie sitzen im Salads und reden.“

„Was haben Sie denn erwartet?“, fragte ich. „Männer in dem Alter haben immer schon eine, wer sollte denn sonst die Hemden bügeln?“

„Aber ich will jetzt auch mal einen!“, maulte die Weiß.

„Wozu denn?“, fragten die Jonas und ich im Chor. „Für den Alltag ja wohl kaum, und das bisschen Sex...“, fuhr ich fort.

„Sagen Sie das nicht“, wandte die Hilz ein und musterte uns mit glitzernden Augen. „Sex ist schon verdammt wichtig.“

„Wie lange hast du diesen Macker jetzt schon?“, fragte die Jonas.

„Sieben Monate, warum?“

„Weil es erwiesen ist, dass die Kerle schnell erlahmen. Plötzlich sind sie total im Stress und müde und haben öfter Kopfweh als Ehefrauen vor hundert Jahren. Das geht bestimmt nicht ewig so.“

„Sprichst du da aus Erfahrung?“, schoss die Hilz zurück, und die Jonas wurde fleckig dunkelrot. „Werd nicht persönlich! Das sind seriöse Untersuchungen, und wenn du mit einem eine Zukunft planst, bloß weil er dir den Hengst macht, dann bist du schön blöd.“

„Lass das mal meine Sorge sein“, fauchte die Hilz, packte einen Korb Briefe und verließ das Zimmer. Die Jonas lächelte versonnen – weil die Hilz ihr einen Gang abgenommen hatte oder weil sie wusste, dass sie Recht hatte?

Sandra Weiß sah verwirrt von einer zur anderen, sagte aber nichts.

Mäßig arbeitsame Stille trat nun ein, erst unterbrochen, als Florian Ingeler kam und wir beide uns in die Besprechungsecke zurückzogen und die Liste der ersten Themen und eine Auswahl verschiedener möglicher Autoren durchgingen. Wer sollte sie ansprechen/anschreiben? Wie konnte man die neue Reihe publik machen? Welche Themen konnten langfristig noch interessant sein? Wie sollte die Reihe äußerlich gestaltet werden? Wir sprachen fast zwei Stunden lang, und Florian – wir duzten uns schon nach einer Stunde, obwohl ich damit sonst nicht so schnell bei der Hand war – war ein netter Kerl. Etwas jung noch, wirklich erst siebenundzwanzig, ein Bürschlein, aber nett. Und lustig, er sah die Arbeitsbedingungen hier mit Humor. Den brauchte man auch!

Wir redeten, planten, lachten und verabredeten uns für nächsten Mittwoch zum Mittagessen – bis dahin wollte er schon einiges in die Wege geleitet haben. Erst als ich Florian zur Tür begleitete und ihm „Mach´s gut“, nachrief, bemerkte ich die allgemein giftigen Blicke. Neid bei Sandra Weiß, klar. Die Jonas hielt mich jetzt wohl für eine Verräterin, weil ich mit einem Mann gescherzt hatte. Der Schmalhans schien das alles ziemlich egal zu sein, aber was passte Pechstein denn jetzt wieder nicht?

„Wenn wir zu laut verhandelt haben, tut es mir Leid“, entschuldigte ich mich steif. Er schaute wieder auf seinen Rechner, antwortete aber nicht.

Die Schmalhans wollte nach einiger Zeit wohl die unbehagliche Stimmung etwas aufhellen. Jedenfalls sah sie sich betont munter um. „Was macht ihr denn alle am Wochenende?“

Sandra Weiß wollte in die Disco, was niemanden wirklich überraschte, die Hilz zog sich wahrscheinlich zu einem Achtundvierzigstunden-Marathon mit ihrem Freund ins Bett zurück, die Jonas schnaufte. Sie selbst wollte an einem Workshop zur Farbenlehre teilnehmen und versprach sich davon tiefschürfende Erkenntnisse. Ich gab zu, joggen, Fitness und vielleicht einen Kinobesuch auf dem Programm zu haben – im CineArt gab es eine Margarethe-von-Trotta-Retrospektive. Pechstein, mehrfach zu Äußerungen aufgefordert, guckte, als wollte sie ihn auf eine Verabredung festnageln, und gab schließlich zu, nichts Besonderes vorzuhaben. Das ließ Sandra wieder giftig gucken, wahrscheinlich dachte sie an die Frau im Salads, die sicher Teil von „nichts Besonderem“ war. Mein Gott, sie hatte doch nicht ernsthaft geglaubt, sich diesen Knaben schnappen zu können? Der spielte nun wirklich in einer anderen Liga!

Ich dachte darüber nach, ob ich mir Amore e paura wirklich noch einmal antun wollte, und nahm mir fest vor, die Spannungen im Raum nicht mehr zu beachten; aber dazu waren sie leider zu spannend. Und war ich als Chefin nicht eigentlich verantwortlich für das Betriebsklima? Chefin war leicht übertrieben... Pechstein hatte die gleiche Position. Zwei Redakteure, drei Sachbearbeiterinnen, eine Hilfskraft: Wieso musste ich dafür sorgen, dass alle miteinander auskamen? Das war doch ohnehin unmöglich, und außerdem hatte ich ja wohl mein Bestes getan.

Ich bastelte noch an einigen Memos herum und schickte sie auf den Weg, kontrollierte unauffällig, was die Damen so geschafft hatten (na, üppig war das nicht gerade!), und fand dann, dass das Wochenende angebrochen sei, basta. Dem widersprach nun keiner, und im Handumdrehen stand ich alleine da. Ach nein, Pechstein war auch noch nicht fertig. Ich stand schon da, die Hand am Lichtschalter, als er noch seinen Rechner herunterfuhr.

„Haben Sie Angst, zu spät zu Ihrer Verabredung zu kommen?“, fragte er spöttisch, als er schließlich an mir vorbeiging und ich den Raum in Dunkelheit versenken und abschließen konnte.

„Kaum“, antwortete ich. „Um Viertel nach fünf?“ Außerdem hatte ich heute Abend wirklich gar nichts vor, aber das ging ihn ja wohl nichts an.

„Wer weiß? Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, nicht nur bei Autolack.“ Er grinste und zeigte so regelmäßige, weiße Zähne, dass ich sofort an die obskure Werbung aus den USA denken musste, wo man sich eine mit irgendwelchem Brei gefüllte Schiene auf die Zähne klemmen musste, und am nächsten Morgen waren sie strahlend weiß. So eine Schiene würde ihm sicher gut stehen... Demzufolge grinste ich so vergnügt zurück, dass sein Lächeln erlosch und er mich misstrauisch beäugte.

„Schönes Wochenende“, wünschte ich nur und eilte an ihm vorbei in die Tiefgarage. Ich saß schon im Auto, als er an mir vorbeitrabte, und ich schoss schon mit aufheulendem Motor zur Rampe, als sein weißer Elefant gerade erst die Scheinwerfer aufleuchten ließ. Ha! Gewonnen!

Im Supermarkt beschloss ich, den Film morgen zu streichen; ich hatte gar keine rechte Lust, und diese Filme waren doch immer recht mühselig. Nach Mitdenken war mir nicht zu Mute. Lieber überlegte ich mir in Ruhe, was ich nach Regensburg mitnehmen wollte, um diesem Pechstein mal zu zeigen, wie man so etwas professionell anging. Ärgerlich auf mich selbst schob ich meinen Wagen durch die Gänge und hätte beinahe eine alte Dame gerammt, die hinter mir herzeterte, obwohl ich mich doch entschuldigt hatte. Wieso konnte mich ein blöder Kollege so beschäftigen? Außerdem wusste ich gar nicht, was er vorher gemacht hatte, vielleicht war er schon auf tausend Kongressen gewesen und verstand vom Kofferpacken mehr als ich? Und obendrein konnte er mich auch nicht leiden und würde keinesfalls beeindruckt sein, egal, welche Kunststücke ich vorführte. Also, wozu der ganze Stress?

Eine Miniflasche Shampoo brauchte ich auf jeden Fall noch – und das neue Fernsehprogramm. Ach ja, und Taschentücher, Balsamico und ein Glas Mixed Pickles. Der Supermarkt war voller Idioten, die ihre Wagen irgendwo stehen ließen, selbst stundenlang unbeweglich im Gang aufgepflanzt ein Regal studierten, auf ein zunehmend gereiztes Darf ich bitte mal? nicht reagierten, aber auf Taub auch noch giftige Blicke um sich warfen. Man sollte sich alles im Internet bestellen und es sich nach Hause liefern lassen, aber da sah man nicht, was sie alles hatten. Und es kostete mehr.

Typisch, nur eine Kasse besetzt. Und wer saß dort? Erraten, der picklige Azubi, der sich immerzu vertippte: Frau Meisl, ich hab einen Storno! Resigniert machte ich mich auf eine längere Wartezeit gefasst, zog meinen filofax aus der Tasche und begann, die Liste für Regensburg zu schreiben, abgelenkt von den üblichen Dramen – der Scanner konnte den Barcode nicht lesen, der Kassierer aber die Zahlen darunter auch nicht, die Sonderangebotsbananen (die ich auch im Wagen hatte), waren nicht im System und keiner wusste, was sie kosteten, bei der Frau vor mir stellte sich beim Ausladen heraus, dass ein Becher Sahne leckte. Iih, alles auf dem Laufband! Der Kassierer putzte herum, während die Kundin sich einen anderen Becher holte.

Dunkelblaues Kostüm, Hose, Blazer, Jeans für die Freizeit... Pyjama und Kimono, Waschkram... ein spannendes Buch zum Einschlafen... Geld. Tanken sollte ich auch noch. Und den Wagen waschen lassen, er sah ziemlich verdreckt aus. Und Staub saugen... Wo war eigentlich der Stadtplan?

Das Laufband wurde frei, und ich packte aus, schön systematisch. Dann packte ich alles wieder ein, zahlte 31 Euro und 46 Cent und rollte mit der Beute davon, um sie in den Klappkorb zu schichten.

Bestellformulare packten die im Lager in die Kisten. Hoffentlich wenigstens, das musste ich am Montag noch einmal kontrollieren.

Gab es abends irgendein Event? Nein, soweit ich mich erinnerte, nicht. Die meisten Teilnehmer kamen aus der näheren Umgebung und fuhren abends wieder nach Hause. Ich würde essen gehen, vielleicht noch irgendwo in der Altstadt etwas trinken und mich dann mit dem Buch ins Hotelbett kuscheln, nachdem ich die Bestellungen addiert hatte.

Ach, Astrid, wie lustig könnten wir es haben! Ich musste sie nachher unbedingt anrufen, jetzt war sie schon fast zwei Wochen zu Hause. Stattdessen sah ich einem stummen, verkniffenen Essen entgegen, trockenen Abrechnungen und wahrscheinlich einigen unpraktikablen Änderungsvorschlägen.

Ich war wirklich wehleidig - eineinhalb Tage würde ich doch gerade noch überstehen, und es war ja auch nicht so, als müsste ich mir mit diesem Tropf ein Zimmer teilen. Grässliche Vorstellung, wahrscheinlich belegte er morgens stundenlang das Bad, bis alles so gestylt war, wie er sich das vorstellte. Von meinem Parfum würde ihm schlecht, meine Lektüre wäre seicht – oder hochgestochen, je nachdem – und er würde auf der Bettseite beharren, die ich auch wollte. Und bestimmt schnarchte er auch noch. Er sah so aus.

Passieren würde aber nichts, da griff das Einsame-Insel-Syndrom. Mit dem nie! Er dachte das garantiert auch, umso besser. Der grinste ja auch bloß, wenn er dachte, er hätte mich ausgetrickst – aber da musste er früher aufstehen, siehe Parkplatz. Geringfügig besserer Laune wuchtete ich den Korb in den Kofferraum und kettete den Wagen wieder fest, dann fuhr ich nach Hause, schleifte den Korb nach oben, verstaute alles und baute mich mit meiner Liste vor der Schrankwand im Schlafzimmer auf.

Das dunkelblaue Kostüm konnte ich streichen, es hatte einen Fleck und musste erst einmal in die Reinigung, aber nicht heute. Dann eben das dunkelgraue! Ja, das war okay. Dazu zwei T-Shirts... hm. Dunkelrote Seide? Silbergrauer Samt? Das weiße Viskoseding mit dem bestickten Ausschnitt? Ach, alle drei. Eine passende dunkelgraue Hose, die hellgrauen Jeans... Der Pepitablazer... Das Seidentuch in Dunkelrot, Silber und Anthrazit... ein bisschen Weißgoldschmuck... die Perlen... Wo war das Perlensäckchen?

Welche Schuhe? Bei den grauen aus Wildleder war ein Absatz locker. Schwarze Lackpumps? Okay, aber nicht für den ganzen Tag. Collegeslipper? Nicht zu Strumpfhosen und Rock, das machte stämmige Beine. Scheiße, Strumpfhosen! Hatte ich überhaupt noch welche? Wenigstens zwei Stück? Ich wühlte die verknautschten Pappschachteln durch. Haut – haut – schwarz – silberner Glitzer (Fehlkauf) – Satinschimmer hellgrau, okay, anthrazit, noch drei zum Preis von einer drin... gut, das reichte. Hoffentlich. Die dunkelroten Ballerinas – gut, wenn ich sie vorher noch putzte. Wäsche – ein BH, drei Höschen passend dazu. Am besten hellgrau. Pyjama, Kimono, sicherheitshalber ein Handtuch (die Lappen dort kannte ich schon). Ich packte mir einen Band Kurzgeschichten von Ruth Rendell auf Englisch ein, die hielten länger vor.

Kosmetika... Musste ich mir die Beine enthaaren? Ich streifte die Jeans ab – nein, ich war mit sehr diskreter Körperbehaarung gesegnet (und damit auch mit recht dürftigen Augenbrauen). Aber die Achseln – morgen, unter der Dusche. Shampoo, Duschschaum, Deo, Bodylotion, Kamm und Bürste – Reisezahnbürste? Drogeriemarkt, morgen: Zahnpasta, Make-up, Parfum... irgendetwas Wesentliches hatte ich vergessen, aber ich kam nicht drauf, auch nicht, als ich das zum Trolley passende Necessaire mit allem füllte, was mir wichtig erschien. Warum zerbrach ich mir den Kopf? War Regensburg denn die Wüste? An jeder Ecke ein Drogeriemarkt, ich brauchte überhaupt nichts, außer EC-Karte, Ausweis und Autoschlüssel. Ich stapelte meine Garderobeauswahl, wo weit möglich, auf der Kommode auf und fand, für heute sei das genug.

Auch wenn ich diesen Lackaffen nicht beeindrucken konnte, Vorlagen für verächtliche Bemerkungen würde ich ihm keine liefern!

Wofür auch, überlegte ich am Sonntagabend. Das Auto glänzte, weil ich ihm eine Glanzwäsche mit Wachs verpasst hatte, innen war es gesaugt und noch mal aufgeräumt – sogar das Handschuhfach! – es duftete nach New Car (das grausige Duftbäumchen baumelte aber nicht am Rückspiegel, sondern lag im Kofferraum, das reichte). Der Kofferraum war aufgeräumt, nahezu leer, so dass mindestens vier Plastikwannen voller Material hinein passten, auf dem Rücksitz thronte mein Trolley, rappelvoll, darüber lag der Kleidersack. Daneben war für das Lackaffenzubehör noch einmal genauso viel Platz.

Der Stadtplan klemmte in der Beifahrertür, und ich wusste auch, wie man zum Tagungsort kam und wo man da parken konnte. Die Hotelbuchung war bestätigt, man erwartete uns ab ein Uhr, eine Liste von Leuten, die uns die fehlenden Erdkundebände liefern konnten, hatte ich von der zuständigen Redakteurin bekommen – perfekt organisiert. Sehr zufrieden legte ich mich ins Bett, frisch enthaart und eingecremt, mit perfekt lackierten Fußnägeln und ebenso perfekt gefeilten und polierten Fingernägeln. Schöne Hände hatte ich schon, fand ich und betrachtete sie verliebt im Licht der Nachttischlampe – nicht sehr groß, aber lang und schmal. Keine Wurstfinger wie Irmi, keine Spinnenfinger wie dieser Lack- verdammt, kriegte ich den jetzt bald mal aus dem Kopf? Das war ja unglaublich, wie ein Dämon oder so was.

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