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Kapitel 3
ОглавлениеMason Hernandez saß an einem Tisch im Cotton Club und trank von dem Whisky vor sich. Heute Abend waren um die 500 Gäste im Club, um sich die hübschen Tänzerinnen anzusehen und die beeindruckenden Musiker anzuhören. Mason kannte den Besitzer, Owney Madden, seit Jahren. Allerdings hatte Madden einige dieser Jahre im Gefängnis verbracht. Dort, in Sing Sing, waren die beiden Männer Freunde geworden. Mason war nach dem Krieg erneut zur Mafia gekommen. Als er 1918 nach New York zurückkehrte, war er gerade 23 geworden. Der Krieg hatte ihn verändert, wie vermutlich jeden Mann, der gesehen und getan hatte, was er gesehen und getan hatte. Allerdings war er zuvor in Hell’s Kitchen aufgewachsen. Er war immer von Gewalt und dem Gesetz des Stärkeren umgeben gewesen, war immer ein Teil dieser Welt gewesen. In Hell’s Kitchen hatte er seine Familie verloren. Seine Eltern waren durch einen Anschlag der sizilianischen Mafia, durch die Greaseballs, umgekommen und seine zwei älteren Brüder waren in den Gangkämpfen gefallen. Mason hatte überlebt. Er hatte sich neuerlich den Gophers anschließen wollen, weil die irische Mafia ihm schon immer zur Seite gestanden hatte. Nicht, weil er ebenfalls Ire war, ganz im Gegenteil, denn er hatte spanische Vorfahren, sondern, weil er mit Owney Madden, der einst sein Nachbar gewesen war, gut zurecht gekommen war. Dann war Madden ins Gefängnis gekommen, Mason war in den Krieg gezogen und als er zurück gekehrt war, waren die Gophers nicht mehr, was sie mit Owney, mit ihrem Anführer gewesen waren. Die Kämpfe der verfeindeten Gangs nahmen immer weiter zu und kein Mann, auch Mason nicht, konnte sich in Hell’s Kitchen noch sicher fühlen. Die Italiener, die Cosa Nostra, wie sie genannt wurden, hatten angefangen sich auszubreiten und beherrschten nun nicht mehr nur New York und Chicago, sondern auch andere Städte in den USA, bekämpften sich jedoch gegenseitig, um die Vorherrschaft zu klären. Mason hatte sich um seine damals 18-jährige Schwester Valeria und seinen damals 21-jährigen Bruder Javier kümmern müssen. Die beiden hatten die Zeit ohne ihren letzten großen Bruder nur schwer überstanden und Javier hätte sich beinahe selbst einer Gang angeschlossen, um zu überleben. Also hatte Mason das übernommen, er war zu einem uomo d’onore, einem Ehrenmann geworden, um seine wahre Familie zu schützen, um zu schützen, was von ihr noch übrig geblieben war. Und er hatte sich für die Morello Familie entschieden, weil diese Interesse an ihm hatte, obwohl er kein Italiener war und die Ethnizität prinzipiell sehr bedeutungsvoll für die Mafia war. Jedoch hatte Peter The clutch hand sich vom ersten Moment an für Mason eingesetzt. Der damals 51jährige Mafiosi und Halbbruder des berüchtigten Nick Morellos hatte neben seinem Namen auch Macht und Einfluss besessen. Als er sich für Mason ausgesprochen hatte, war Joe Masseria nichts anderes übrig geblieben, als ihn in Betracht zu ziehen. Nachdem Guiseppe „Joe The Boss“ Masseria, wie er bereits intern genannt wurde, nachdem er innerhalb der Morello Familie zur Nummer eins aufgestiegen war, ihn mit einem Ritual eingeführt hatte, war Mason ein Mitglied der Morello Familie geworden, ein Mitglied der Cosa Nostra. Weil Mason immer schon ein breites Kreuz und eine muskulöse Statur gehabt hatte, weil er kampferfahren und aggressiv war, hatte man ihn häufig eingesetzt, um den Gegnern Angst zu machen. So hatte er die Aufsicht über die Richtigkeit bei Glücksspielen gehabt oder musste das Schutzgeld einsammeln. Joe Masseria hatte seine Arbeit ebenso zu schätzen gewusst, wie Peter Morello es prophezeit hatte.
In dieser Zeit hatte Mason den Unterschied zwischen den einfachen Gangs und der Mafia gelernt. Die Gophers waren ebenfalls kriminell gewesen, aber die Italiener sahen sich als eine Familie, weshalb sie beinahe ausschließlich Italiener oder Sizilianer aufnahmen. Loyalität stand über allem, Behörden waren ebenso große Feinde wie andere aufstrebende sizilianische oder italienische Familien. Morde und Gewalt waren perfektioniert wurden. Bei den Gophers wurden Menschen getötet, wenn es sich nicht vermeiden ließ, zumeist Feinde der eigenen Gang. Bei der Cosa Nostra wurde getötet, wer nicht kooperierte. Sie töteten ohne Ausnahmen. So konnte es zivile Kinder bei ausartenden Schießereien ebenso treffen, wie Mitglieder einer anderen Mafiafamilie. Strebte ein anderer Mafiosi nach zu viel Macht, wurde auch der ausgeschaltet. Die Zeitungen waren voll von Berichten über erneute Auseinandersetzungen der Mafiafamilien. Mason hatte in seinem ganzen Leben nicht so viel Geld besessen, wie zu dieser Zeit. Und dennoch waren die zwei Jahre, die er Mitglied der Morello Familie gewesen war, grausamer als der Krieg gewesen. Er hatte nie wieder so sinnlos Menschen getötet. Es hatte, im Gegensatz zum Krieg, kein höheres Ziel gegeben. Es war nur um Macht gegangen. Und dann war er verhaftet worden und auf fünf Jahre verurteilt worden, abzusitzen in Sing Sing. 1920 war er ins Gefängnis gekommen und hatte dort Owney Madden wieder getroffen. Sie beide hatten auch im Gefängnis Leute, die sie beschützten, die für die Gangs und die Mafia arbeiteten. Die Gophers hatten sich 1920 aufgelöst, aber einige alte Mitglieder, die ihre Zeit in Sing Sing ebenfalls absaßen, fühlten sich beiden Männern noch immer verpflichtet. Guiseppe Masseria und seine Leute sorgten dafür, dass Mason allerhand Annehmlichkeiten hatte und das höchste Gut, sein eigenes Leben, jederzeit unter Schutz stand. Die einzigen Bedingungen, die die Familie immer stellten, waren Verschwiegenheit und unbedingte Loyalität. Nicht einmal seine Mitgliedschaft durfte er an ein Nichtmitglied verraten, dem Kreis der Eingeweihten, der familia durfte niemand Unbefugtes angehören. Madden bemerkte es, auch ohne Worte, schließlich umgaben die inhaftierten Mafiosi der Morello Familie Mason immerzu, sorgten immerzu für seinen Schutz, hätten sich ihm wohlmöglich bereitwillig geopfert, denn er war einflussreich gewesen und kannte Geheimnisse, die es zu schützen galt. Dennoch schwieg Owney ebenfalls, denn jeder von ihnen wusste, was mit Verrätern passierte. Und in den drei Jahren, die sie zusammen abgesessen hatten, waren sie trotz aller Widersprüche Freunde geworden. Madden war derjenige gewesen, der Mason geholfen hatte, seine wahre Familie, seine übrigen Geschwister, nach New Orleans zu retten, sie aus den Fängen der Cosa Nostra zu befreien. Noch bevor Mason selbst wieder entlassen wurde, waren seine Geschwister bereits in New Orleans. Er selbst hatte alles bezahlt, aber Maddens Kontakte hatten es ihm erst ermöglicht, diesen Plan ohne Wissen der Cosa Nostra in die Tat umzusetzen. Nach drei Jahren Haft war Mason, angeblich wegen guter Führung, vorzeitig entlassen worden. Gleich darauf hatte er seine Angelegenheiten geregelt, war aus der Mafia ausgestiegen und hatte sich zurück gezogen. Noch heute beobachteten ihn einige Mitglieder, nicht nur hier in New York, das wusste er. Doch bisher hatten sie ihn in Ruhe gelassen, weil er sich ruhig verhielt. Solange er nicht vorhätte seine eigene Mafia zu gründen, würden sie ihn nur weiter im Auge behalten. Solange er keine Gefahr für die Familie darstellte, musste er nicht ausgeschaltet werden. Für Mason war es eine Gradwanderung und er wusste durchaus, dass er jederzeit in Lebensgefahr schweben konnte, wenn Joe Masseria seine Meinung über ihn änderte. Er hoffte nur, dass Peter Morello noch immer zu ihm stand. Der alte Mafiosi hatte sich von Anfang an für ihn eingesetzt und da er selbst 1919 für ein Jahr hatte untertauchen müssen, um seiner eigenen Ermordung aus dem Weg zu gehen, konnte er vermutlich am ehesten verstehen, wieso Mason ausgestiegen war.
Mittlerweile waren Madden und er beide wohlhabende, erfolgreiche Clubbesitzer. Owney in Harlem, Mason im French Quarter von New Orleans. Überhaupt waren die beiden Männer sich ähnlich. Sie beide teilten die gewaltvolle Vergangenheit der Gangs in New York, sie beide waren für ihre Verbrechen und auch die von anderen ins Gefängnis gekommen und sie beide hatten diese Zeit überstanden und sich ein neues Leben aufgebaut. Und ihnen beiden war bewusst, wie wackelig die Beine waren, auf denen diese Existenz stand. Als ehemaliges Mitglied einer New Yorker Gang oder der Mafia war es nicht selbstverständlich auszusteigen und neu anzufangen. Über die Jahre sammelten sich Geheimnisse und Straftaten an, man erwarb sich einen Ruf und kam zu Macht und Geld. Die Mafia wollte oftmals vermeiden, dass man sich gegen sie wandte und deshalb töteten sie die Aussteiger, ehe sie zur Gefahr wurden. Einige andere allerdings, ließen sich bezahlen und kümmerten sich nicht weiter um ihre ehemaligen Mitglieder. Allerdings erforderte so ein Ausstieg viel Geld und den eisernen Entschluss, unterzutauchen und sich ruhig zu verhalten. Joe Masseria wäre niemals nur mit Geld zufrieden gewesen. Die familia blieb die familia. Mason hatte nur Glück, dass Joe The man who dodge bullets, wie er nach 1922 aufgrund einer ausgearteten Schießerei, die er wie durch ein Wunder überlebt hatte, genannt wurde, in ihm tatsächlich ein Familienmitglied sah, einen Freund, den es zu beschützen oder endgültig auszuschalten galt. Nur weil Peter Morello ihn immer geschätzt hatte, lebte er noch. Und um für Ruhe zu sorgen, nachdem er ausgestiegen war, war er gegangen und hatte sich unauffällig verhalten. Aus diesem Grund war er nach New Orleans gegangen. Im Gegenteil zu Owney, der noch immer Kontakt mit einigen Iren der früheren Gophers hatte, hatte Mason keinen Kontakt mehr mit seinen alten Mafiamitgliedern. Sie alle waren aus Hell’s Kitchen und es grenzte für Mason an ein Wunder, dass er aus dem Viertel herausgekommen war. Deshalb hielt er sich fern, um sein Glück nicht überzustrapazieren.
Die Gophers existierten seit fünf Jahren nicht mehr. Madden pflegte noch den Kontakt zu einigen Aussteigern, einige hatten sich auch dem West Side Irish Mob angeschlossen und diese Verbindungen machte Owney sich zu Nutzen. Allerdings fühlte Madden sich den Iren als stolzer Brite mehr verbunden als Mason sich den Italienern oder Iren. Und Mason hatte längst erkannt, dass die Cosa Nostra anfing Amerika zu beherrschen. Die Italiener hatten nicht mehr nur in New York das Sagen, sondern agierten längst auch in Chicago und anderen Städten. Deshalb war er nach New York zurück gekehrt. Er benötigte die Hilfe seines Freundes, wenn er weiterhin gegen die Mafia Bestand haben wollte, ohne sich ihr wieder selbst anschließen zu müssen. Und Mason war nicht bereit, aufzugeben. Er hatte seine Heimat verlassen, hatte sein altes Leben hinter sich gelassen und sich etwas Neues aufgebaut. Er würde niemals aufgeben, dieses Leben zu verteidigen. Nun wollte die Mafia jedoch den Alkoholschmuggel ausschließlich in ihre kriminellen Hände nehmen und Mason wollte sich nicht auf die Italiener verlassen. Natürlich würde auch die Cosa Nostra ihn mit Schnaps beliefern, aber er zog es vor, zu seinen Bedingungen zu handeln und nicht zu auferlegten, die sich immer eng an Drohungen und Gewalt knüpften. Er wollte nichts mehr mit diesem Leben zu tun haben und er wusste ganz sicher, dass Joe eben dies von ihm verlangen würde. In New Orleans hatte sich eine eigene Familie aufgebaut, hatte Freunde, die ebenfalls aus Gangs oder der Mafia ausgestiegen waren und nun für ihn arbeiteten. Wenn er ehrlich war, ähnelte ihr eigenes System dem der Cosa Nostra, nur stellte Mason jedem Mann den Ein- und Ausstieg frei. Niemand musste sich verpflichtet fühlen, für ihn einzustehen.
Mason durchsuchte den Raum mit den Augen. Er wartete auf Owney, während der, da war Mason beinahe sicher, ein paar Beine brechen ließ, um an Informationen zu gelangen. Allerdings beschaffte Madden diese Informationen für ihn. Die Erfahrung hatte Mason nicht nur gelehrt, wie man überlebte, sondern ebenfalls, wie man schwieg und keine Fragen stellte, wenn man die Antworten nicht hören wollte. Also hatte er sich darauf eingelassen und seinem Freund vertraut. Etwas, das Mason hasste und ihm schwerer fiel als alles andere, allerdings hatten Owney und er im Gefängnis eine Basis für dieses Vertrauen geschaffen, indem sie sich zusammen geschlossen hatten, um auch da drinnen zu überleben. Wenn Mason einem Menschen dies bezüglich vertraute, dann Owney Madden.
Nun jedoch musste er warten und untätig bleiben. Etwas, das Mason ebenfalls hasste. Immerhin hatte er drei seiner Männer, darunter die Young-Brüder, zwei Schläger, denen er jedoch vertrauen konnte, losgeschickt, um ebenfalls Erkundigungen einzuholen. Irgendjemand hatte seinen Schmuggler getötet und Mason konnte und wollte diese Sache nicht übergehen. Wenn es jedoch die Cosa Nostra gewesen war, die für Jenkins Tod verantwortlich war, dann, und das wusste er sicher, steckte er in echten Schwierigkeiten. Mason musste wissen, ob man seinen Mann absichtlich getötet hatte und er musste wissen, wer den Auftrag dazu gegeben hatte. Wenn ihn sein Glück verließ, dann war es die italienische Mafia gewesen und dann würden sie sicherlich wollen, dass er seinen Schnaps über sie bezog. Allerdings war das die eine Sache, die Mason zu verhindern gedachte. Er würde sich nicht von den Italienern abhängig machen, nicht von der Mafia, nie wieder. Deshalb hatte er sich den Amerikaner ausgesucht. Kian Jenkins hatte mit zwei Schnapsbrauern zusammen gearbeitet, die ihn mit Alkohol versorgt hatten. Mason hatte ein paar seiner eigenen Leute zur Verfügung gestellt, um den Transport von New York nach New Orleans regelmäßig abzuwickeln. Die letzten drei Jahre hatte dieses System gut für ihn funktioniert. Nun hatte jemand seinen Kontaktmann erschossen und tot in einen Straßengraben in Hell’s Kitchen geworfen. Mason musste also wissen, ob es in seiner Macht stand, ein Exempel zu statuieren, wovon er absehen würde, sollte es sich bei den Mördern um die Cosa Nostra handeln. Dann müsste er jedoch einen anderen Weg finden, eine andere Lösung suchen. Denn das Geschäft musste weiter laufen. Er bräuchte also einen neuen Kontaktmann, vielleicht auch neue Schnapsbrenner, falls diese auch schon entdeckt worden waren. Was er jedoch nur ungern täte, da der Schnaps seiner Brenner so gut war, dass er ihn extra aus New York schmuggeln ließ, statt ihn in New Orleans zu erstehen. Und er musste all das bewerkstelligen, ohne dass die Mafia davon erfuhr.
Während Mason sich den Kopf zerbrach, wurde die Jazzmusik ansteigender. Owney beschäftigte die besten Jazzmusiker, die die Stadt zu bieten hatte und alle Gäste, die im Gegensatz zu den Musikern ausschließlich weiß waren, kamen in den Cotton Club, um ihnen zu zuhören. Mason wunderte sich manchmal über diese Leute, über die Weißen. Sie wollten im Bus nicht neben Schwarzen sitzen, aber fanden es kulturell wertvoll, ihre Musik für sich zu entdecken. Jazz war zu einer Mode der weißen Leute geworden und Mason verachtete es, diesen Leuten dabei zu zusehen, wie sie ihre Mitmenschen als Produkt ausbeuteten und sich dabei selbst als aufgeschlossen erachteten. Allerdings war Madden selbst weiß und hatte sich nicht gescheut, seinen Laden das Flair einer Baumwollplantage der rassistischen Südstaaten zu verleihen. Wie Mason selbst beurteilen konnte, war Owney weniger rassistisch, als eigennützig. Er war ein Überlebenskünstler und er hatte, wie der Erfolg ihm versicherte, ein Gespür fürs Geschäft. Wenn er damit jeden Nichtweißen beleidigte, war es ihm gleichgültig, solange das Geld stimmte.
Dann sah Mason sie und vergaß zu atmen. Sie war weiß, wenn auch nicht irisch oder britisch weiß. Ihr Haar war lang, lockig und dunkel und glänzte im schummrigen Licht. Dass sie, entgegen der augenblicklichen Mode, ihre Haare weiterhin so trug, wie sie es wollte, gefiel ihm. Es sagte nicht nur etwas über ihren standhaften Charakter aus, sondern er fand es auch einfach schöner. Er konnte ihre großen, dunklen Augen durch den Raum hinweg sehen. Und als sie sich staunend umsah, während sie den Laden durchquerte, zeichnete sich ein ebenes, perfektes Lächeln auf ihrem makellosen Gesicht ab.
Mason schnipste kurz mit den Fingern und deutete auf seinen Platz. Sein Bodyguard, Nicolo Ferro, stellte sich sofort wortlos vor den Tisch, damit niemand auf die Idee käme, seinem Boss den Platz weg zu nehmen. Gleichzeitig behielt der große Italiener Mason im Auge, als dieser den Raum durchquerte und sich, für Nicolos Geschmack, viel zu weit von seinem Beschützer entfernte.
Allerdings war Mason selbst weder ein Schwächling, noch zurückhaltend. Er war selbst ebenfalls ziemlich groß, hatte breite Schultern, war muskulös und kräftig. Und vor allem wusste er, wie man sich selbst verteidigte, wusste, wie man angriff, und wie man seinen Gegner ausschaltete. Er benötigte keinen Bodyguard, aber er erweckte gerne den Eindruck des Gegenteils. Seine Feinde sollten ihn besser unter- als überschätzen.
Er hielt an der Bar und sah zu der zierlichen Brünetten herüber. Sie saß mit einer auffallenden Frau und einem adrett gekleideten Mann an einem Tisch und sah abwechselnd von den Tänzerinnen zu den Musikern. Mason beobachtete sie aus der Ferne. Er war ziemlich sicher, dass sie das erste Mal hier war. Sie hatte diesen aufrichtig faszinierten Blick, mit dem sie alles aufsog, was um sie herum geschah. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Weißen hier, schien sie sich nicht für einen besseren Menschen zu halten, weil sie Schwarzen zuhörte. Im Gegenteil zu all den anderen, legte sich ihre Stirn aufgrund der Wanddekoration zuerst in Falten, ehe sie missbilligend die Miene verzog.
Während er sie betrachtete, wurde der Wunsch, sie auch hören zu können, beinahe übermächtig. Er musste wissen, ob sie wirklich war, wie sie auf ihn wirkte, oder ob er sich von ihrem schönen Äußeren hatte blenden lassen und sie in Wahrheit genauso war, wie all die anderen Frauen auch.
Also ging er dichter heran, setzte sich an den Tisch, der ihrem am nächsten kam, setzte sich neben sie, ohne von ihr bemerkt zu werden. Der Tisch, an dem er nun Platz genommen hatte, war voll, so wie alle anderen auch. Er hatte sich einfach auf einen freien Platz gesetzt und ignorierte die fragenden Blicke seiner Nachbarn. Da es immer so überfüllt war, fiel es nicht weiter auf, wenn sich ein Fremder zu einem an den Tisch setzte. Seine nicht ganz weiße Hautfarbe allerdings fiel auf, erregte jedoch nicht genug Aufmerksamkeit, um sich deshalb mit ihm anzulegen. Sein Teint war weniger empörenswert, als seine Statur einschüchternd war.
Sie roch gut. Besser als gut. Er konnte ihren Geruch ausmachen, obwohl so viele andere Gerüche um sie herum waren. Sie roch nach Jasmin und Kirschblüten. Sie roch wie der Frühling.
„Und wie gefällt es dir hier, Hollie?“, fragte die Frau neben ihr. Sie war ebenfalls schön, mit ihrem pechschwarzen Haar und den leuchtendblauen Augen. „Ist es nicht einfach fabelhaft? Die Menschen hier sind so aufgeschlossen und wirklich an der Musik der Schwarzen interessiert. Findest du nicht auch, meine Liebe?“
Mason hätte sich nicht nur über das Gesagte aufregen können, weil ihn der Inhalt störte, sondern ebenfalls, weil diese Frau schnell und, für seinen Geschmack, zu sinnlos redete.
„Die Musik ist fabelhaft.“, antwortete sie dann und blickte, weiterhin lächelnd, zur Bühne. „Und bist du hier, weil dir die Musik auch gefällt, oder weil du selbst aufgeschlossen wirken willst, Mia?“
Mia kicherte. „Macht das einen Unterschied?“
„Ja, einen gewaltigen.“
Mason lächelte. Offenbar war sie nicht auf den Mund gefallen und hielt auch ihre Meinung nicht zurück, selbst wenn sie missfallen sollte. Er schätzte diese Eigenschaften. Die meisten Menschen waren zu sehr damit beschäftigt, ihren Mitmenschen zu gefallen, sie waren zu sehr bemüht, Wohlwollen zu erzeugen. Er selbst umgab sich lieber mit den wenigen Ehrlichen, allerdings war ihm bewusst, dass seine Position es seinen Angestellten gewissermaßen erschwerte, wirklich aufrichtig zu ihm zu sein. Sie mussten schließlich nicht nur fürchten, dass er sie danach weniger mögen würde, sondern sie fürchteten um ihr Leben, wenn sie sein Missfallen erregten. Nicht, dass er sie umbringen würde, denn diese Konsequenz hatte er mitsamt seiner Mafiakarriere an den Nagel gehängt, sondern, dass er sie aus seinem Leben verstoßen würde. Und da sie mehr eine Familie waren als alles andere, wäre eine solche Strafe immer noch hart genug. Jedoch hätte Mason die gegensätzliche Meinung eines Freundes niemals als einen Grund erachtet, einen Freund fallen zu lassen. Ganz im Gegenteil, er empfand Kritik als Herausforderung, etwas besser als bisher zu erledigen.
„Du kannst dich doch nicht wirklich darüber beschweren, dass man unsere Gesellschaft unter sich lässt, Hollie.“, sagte der Mann neben ihr mit einem nachsichtigen Lächeln. „Regeln sind nützlich. Sie bewahren uns vor Chaos.“
Hollie sah ihn an. „Erstens heißt es für Sie immer noch Miss Colemann. Und zweitens verstehe ich Ihren Einwand nicht, Mr. Simmons. Immerhin haben Sie sich doch auch für die Gleichberechtigung der Frauen ausgesprochen. Was gibt Ihnen da das Recht, diese Gleichberechtigung nicht gleichermaßen zu verteilen?“ Sie beugte sich ein wenig zu ihm herüber, sah ihn herausfordernd an. „Verzeihen Sie, wissen Sie überhaupt, was dieses Wort bedeutet? Jemanden die Berechtigung für eine gleiche Behandlung absprechen zu wollen, ist höchstgradig unmoralisch und widerspricht sich selbst.“
Mia kicherte. Nicht nur, weil die junge Hollie Coleman die Diskussion gewonnen hatte, sondern hauptsächlich, weil sie sehr angetrunken war. Also trank sie einen gewaltigen Schluck Rum nach und bückte sich dann schwerfällig nach der herunter gefallenen Serviette, um sie wieder zu angeln.
Blake Simmons hingegen schien ebenso verärgert, wie er hingerissen war. „Du machst mich noch wild.“, murmelte er leise, anzüglich.
Hollies Stirn legte sich verwundert in Falten. „Wie bitte?“ Er sah sie mit einem Blick an, der sie ängstigte, verärgerte und den sie noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte.
Er antwortete nicht, sondern zog sie an sich, wollte sie umarmen und ihr sogar einen Kuss aufdrücken.
Hollie schob ihn mit all ihrer Kraft von sich. Und dann stand Mason zwischen den beiden und schlug den Kopf von Simmons auf die Tischplatte. Einmal genügte, damit der Mann stöhnend vom Stuhl kippte.
Mia, die von alledem nichts mitbekommen hatte, sorgte sich zuerst um den verschütteten Alkohol, ehe sie ihren Liebhaber auf dem Boden fand. Empört lief sie zu ihm und richtete seinen Oberkörper auf. „Oh mein Gott, Blake!“, rief sie schockiert aus, als sie das Blut unter seiner Nase sah. Es schoss förmlich aus ihm heraus und sie war von dem Blut angewidert und zu betrunken, um sich nicht augenblicklich zu übergeben.
„Verzeihen Sie mir, Miss Coleman.“, sagte Mason und küsste sie leicht auf den Handrücken. Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen. Ihre warmen Mandelaugen umschlossen seinen Blick sofort. Sie hatte einen Augenaufschlag, der einem Mann den Verstand rauben konnte. Umwerfende Augen und endlos lange, dunkle Wimpern. „Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.“
Hollie errötete und blickte sich überrascht um. Er hatte Recht. Die Leute in ihrer näheren Umgebung hatten sich allesamt zu ihnen umgedreht und behielten neugierig alles im Auge, während ein schwarzer Kellner herbei geeilt kam, um das Erbrochene und das Blut aufzuwischen. „Dafür ist es offenbar zu spät.“, erwiderte sie und sah dem Fremden erneut in die Augen. „Ich frage mich, wie Sie das wieder gut machen wollen?“
Er lächelte, entblößte eine gerade Reihe heller Zähne. „Ich würde Sie gerne zu einem Drink einladen. Wenn Sie erlauben?“
Er hielt ihr seine kräftige Hand auffordernd entgegen.
Hollie legte ihre Hand in seine und erhob sich langsam. Sie griff mit der anderen Hand nach ihrer Tasche und bemerkte zufrieden, wie der große Fremde dem Kellner ein großzügiges Trinkgeld zusteckte und, und das war ihr wichtiger, sich für die von ihm verursachten Unannehmlichkeiten entschuldigte. Bedenklos folgte sie ihm und ging an seinem Arm an Mia und Blake vorbei.
Sie hatte erwartet, dass er sie zur Bar führen würde, doch das tat er nicht. Stattdessen führte er sie zu einem etwas separierten Tisch, vor dem ein Mann stand, der offensichtlich Wache hielt.
„Danke, Nico.“, sagte Mason und deutete mit dem Kopf zur Seite, sodass sein Bodyguard ihnen ein wenig Privatsphäre ließ. „Bitte, nehmen Sie Platz.“, sagte er und zog ihr den Stuhl ein wenig ab.
Hollie setzte sich und wartete, dass er es ihr nachtat. Sie fragte sich, wieso er auf sie und die unangenehme Situation, in die Blake Simmons sie gebracht hatte, aufmerksam geworden war, wo er doch einen privaten Tisch in einiger Entfernung hatte. Dann sah sie ihn auffordernd an. „Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte sie, weil sie nicht übergehen wollte, dass er sie vom ersten Moment an namentlich angesprochen hatte. Die Zufälligkeit ihrer Begegnung erschien ihr kein Zufall zu sein. Einen kurzen Moment lang fragte sie sich, ob ihr Vater ihr einen Aufpasser nach geschickt hatte, weil es ihm missfiel, dass sie, seit sie Mia vor einigen Wochen kennen gelernt hatte, beinahe jeden Abend ausging, Alkohol trank, tanzte und sich amüsierte.
„Sie selbst sagten ihn.“, erwiderte er lächelnd. Jetzt, vom Nahen, war sie noch schöner. Sie wirkte nicht mehr aufgeregt, wie zu Beginn, als sie den Club betreten hatte und alles neu gewesen war. Jetzt war ihre Miene ruhig und doch irgendwie misstrauisch. Und sie lächelte. Doch das Lächeln einer Frau konnte vieles bedeuten und er konnte sie noch nicht einschätzen.
„Doch nicht Ihnen.“, sagte sie, musste aber dennoch lächeln. „Sie haben also entweder sehr gute Ohren, oder Sie sind ein Lügner.“
Er lachte leise, ehe er ihr wieder in die Augen sah. „Vielleicht von beidem etwas.“, räumte er ein und wunderte sich gleich darauf, warum er ihr die Wahrheit gesagt hatte. Immerhin wollte er sich gerne weiter mit ihr unterhalten und nun hatte er sofort klar gestellt, dass man ihm nicht trauen konnte. Sicherlich keine gute Taktik um ein Frauenherz zu gewinnen.
Hollie nickte knapp und lächelte dann schulterzuckend. „Dann sollten Sie mir unbedingt einen Drink ausgeben.“, sagte sie, weil sie nun sicher war, dass er zu ehrlich zu ihr war, um von ihrem Vater mit ihrer Aufsicht beauftragt worden zu sein. Sie schämte sich sogar ein wenig, es ihrem Vater insgeheim unterstellt zu haben. Schließlich machte er sich nur Sorgen und er hatte sie noch nie hinterhältig ausspionieren lassen, sondern es immer vorgezogen, ehrlich und direkt mit ihr über ein Problem zu sprechen. Abgesehen davon, wäre ihr ein so attraktiver Mann wie dieser aufgefallen, stünde er in Kontakt mit Rory.
Er konnte gar nicht mehr aufhören, zu lächeln. „Was trinken Sie?“
„Champagner.“, antwortete sie.
Er winkte Nicolo heran und sagte ihm leise, welche Bestellung er aufgeben sollte. Dann hatte er sich wieder ihr zugewandt. „Die meisten Frauen trinken heutzutage Whisky.“, sagte er, weil es der Wahrheit entsprach. Zumindest die unabhängigen, berufstätigen Frauen, die er kennen gelernt hatte, taten das. Vielleicht weil Whisky vorher eher ein Männergetränk gewesen war und das weibliche Geschlecht nun gleich ziehen wollte, vielleicht auch nur wegen der Prohibition, die es verbot, derartigen Alkohol zu trinken.
„Ist das wahr?“, fragte sie forschend. „Warum? Er schmeckt scheußlich und sogar noch schlimmer, seit jeder ihn selbst in seinem Keller brennt.“
Er lachte leise. „Er ist ein Zeichen von Unabhängigkeit, könnte ich mir denken.“
Sie blickte auf seine Hand, die ein noch knapp gefülltes Glas Whisky umher schwenkte und musste lachen. „Sind Sie unabhängig? Oder trinken Sie nur gerne Whisky?“
Er musterte sie hingerissen und fragte sich, ob es mit ihr immer so leicht sein würde. Bisher war es genau das. Mit ihr zu reden, war leicht, weil sie witzig und selbstsicher und clever war. Sie anzusehen, war mehr als nur leicht, es war beeindruckend. Wenn es mit ihr immer so sein würde, dann war er sicher, dass Jahre mit ihr wie Sekunden verstreichen würden, dass ein einziger Mann niemals genug Zeit mit ihr verbringen könnte. „Ich bin ein Mann. Da gelten andere Regeln.“, sagte er lächelnd. „Wenn ich als Mann Whisky trinke, dann kann ich dadurch höchstens meinen guten Geschmack beweisen. Um meine Unabhängigkeit zeigen zu wollen, müsste ich meinen Erfolg heraushängen lassen.“
Sie lachte herzlich. Dann stürzte Mia Rubinstein an ihren Tisch, schlug ihre schmalen Fäuste auf die Platte. „Blake ist auf der Toilette zusammen gebrochen!“, fuhr sie sie an, weil sie den Fremden nicht gut genug kannte, um ihm persönliche Vorwürfe zu machen. „Wegen dem ganzen Blut, Hollie! Und du setzt dich zu diesem Monster an den Tisch?! Was ist denn nur in dich gefahren?“
Hollie erwiderte ihren Blick unnachgiebig. „Mr. Simmons hat sich unmöglich benommen.“, erwiderte sie ruhig. „Hätte es in meiner eigenen Macht gelegen, dann hätte ich selbst seinen Kopf gegen eine Tischplatte geschlagen.“
„Soll ich sie weg schaffen, Boss?“, fragte Nicolo, gleich nachdem er die Gläser auf dem Tisch abgestellt hatte. Er positionierte sich bereits so, dass Mia nicht an seinen Boss heran käme und hatte sie ein wenig vom Tisch zurück gedrängt.
„Schon gut. Danke, Nico.“, antwortete Mason ruhig.
„Ich bitte dich, Hollie.“, zischte Mia nun und sah von den beiden gefährlich aussehenden Männern zu ihrer neuen Freundin. „Blake hat doch nichts getan. Es kann unmöglich so schlimm sein, dass du dich auf die Mafia einlässt.“
Mason lachte leise, sagte aber nichts. Es war nicht seine Entscheidung und auch nicht sein Streit.
Hollie zuckte leicht die Schultern und trank von ihrem Champagner. „Blake Simmons ist kein Umgang, Mia, und das weißt du genau.“, entgegnete sie, nicht ganz vorwurfslos. Dann sah sie Mason an. „Sind Sie Mitglied der Cosa Nostra oder einer anderen Gang?“
„Was?! Als ob er dir die Wahrheit sagen würde, nur weil du ihn nett fragst!“, prustete Mia verärgert aus.
Mason schüttelte leicht den Kopf. „Nein, seit Jahren nicht mehr.“
„Nicht mehr?!“, wiederholte Mia fassungslos und starrte von ihm zu Hollie. „Hast du das etwa nicht gehört? Was sitzt du noch hier?“
„Du meine Güte, Mia!“, stöhnte Hollie gereizt auf. „Hast du nicht behauptet, ich wüsste nichts vom Leben und du würdest mir schon beibringen, wie man lebt? Da ich bisher nur deine Pietätlosigkeit und die Gesellschaft deines ehebrecherischen, für meinen Geschmack viel zu rückgratlosem Freundes habe kennen lernen können, solltest du mir nun die Möglichkeit geben, einen unerwartet netten Exmafiosi kennen zu lernen? Geh du doch zu Mr. Simmons zurück und überlasse mich meinem Schicksal.“
Mia schnappte empört nach Luft. „Bitte!“, brachte sie ärgerlich hervor. „Du bist ja alt genug. Sag nur nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte.“ Damit wandte sie sich ab und eilte wütend davon.
„Das wird sie Ihnen nicht so schnell verzeihen, Hollie.“, sagte Mason und sah sie abwartend an.
„Ist das wahr?“, fragte sie stattdessen. „Waren Sie wirklich bei der Mafia?“
Er nickte leicht. „Ja.“
Sie sah ihn mit einer Mischung aus Neugierde und Angst an. „Wieso sind Sie es nicht mehr?“
„Ich wollte nicht mehr.“, antwortete er aufrichtig. „Ich wollte dieses Leben nicht mehr. Und jetzt führe ich ein anderes.“
„Sie sagen das, als wäre es leicht.“, sagte sie und von der Angst war jedes Anzeichen verschwunden. „Dabei bin ich sicher, dass es niemals leicht ist, von Vorne zu beginnen. Und sicherlich noch schwerer, wenn man eine so komplizierte Vergangenheit hat.“
„Wenn die Vergangenheit aber nichts mehr für einen bereit hält, wenn da nichts mehr ist, was einem am Herzen liegt, dann ist es leicht, das los zu lassen.“, erwiderte er ehrlich. Er räusperte sich und rückte ein wenig näher an sie heran, sodass sein nackter Arm auf der Tischplatte den ihren berührte. „Darf ich jetzt Fragen stellen?“
Sie lachte leise und nickte leicht.
„Wieso sitzen Sie noch hier mit mir?“, fragte er forschend.
Sie dachte, dass er die gütigsten Augen hatte, die sie je gesehen hatte und dass dieser lächerliche Grund, ihr Beweggrund war. „Sie waren ehrlich zu mir und hilfsbereit, obwohl wir einander fremd sind. Da ist es das Mindeste, höflich zu sein.“, sagte sie stattdessen. Sie wollte nicht, dass er sie lächerlich fand oder naiv.
Er musterte sie und fragte sich, ob sie gerade log. Ihr Gesicht wirkte genauso schön wie noch Sekunden zuvor, nichts Deutliches verriet sie und dennoch hatte er das Gefühl, als wäre sie ihm absichtlich ausgewichen, als verberge sie hinter dieser Distanz die Wahrheit. „Leben Sie hier in New York?“, fragte er statt weiter darauf einzugehen.
„Ja.“, antwortete sie. „Und da Sie diese Frage so skeptisch stellten, gehe ich davon aus, dass Sie nicht von hier sind?“
Er lächelte. „Ich lebe in New Orleans, aber ich komme aus New York.“
„Oh.“, brachte sie leise hervor. Wenn er nicht hier lebte, dann würden sie sich schon sehr bald nicht mehr wieder sehen. Aus irgendeinem Grund gefiel ihr diese Vorstellung absolut nicht. Seltsamer war jedoch die aufsteigende Angst, die sie deshalb empfand. Es fühlte sich nicht annähernd so schicksalhaft an wie in den Romanen, die sie gelesen oder auch geschrieben hatte. Sie glaubte nicht, dass das Schicksal sie hier zusammen geführt hatte, denn so wie er auftrat, war er öfter im Cotton Club, und auch wie er sich ihr angenähert hatte, war nicht zufällig, sondern durchdacht gewesen. Er hatte sie beobachtet und sie hatte ihm gefallen, deshalb hatte er sie angesprochen. Es hätte vermutlich genauso gut jede andere schöne Frau seine Aufmerksamkeit erlangen können. Doch auch wenn sie nicht an Zufälle und Vorsehung glaubte, glaubte sie, dass sie beide sich ungewöhnlich gut verstanden ohne einander zu kennen. Es war nach den ersten Sekunden eine Vertrautheit zwischen ihnen, die vermutlich auf der Ehrlichkeit gegründet war, die sie einander unvoreingenommen entgegen brachten. Gewöhnlich war man nur ehrlich, wem man vertraute, zu einer Person, der man nahe stand, die man gut kannte. Und vielleicht war das das Romantische an ihrer Begegnung. Sicherlich kein Schicksal, aber sie verspürte dennoch eine unbändige Angst, ihn zu verlieren, ehe sie einander alles bedeuten könnten.
Er lachte lautlos, legte seine Hand über ihren Arm. „Waren Sie schon einmal in New Orleans, Hollie?“
Sie schüttelte leicht den Kopf, während sie auf seine Hand auf ihrem Arm blickte. Seine Finger streichelten ihre Haut sanft und vorsichtig. „Ich war noch nie irgendwo.“, antwortete sie ehrlich. Er hatte ganz harte Hände und ihr gefiel das. Es zeigte, dass er mit diesen Händen gearbeitet hatte und sie hatte irgendwie erwartet, dass seine Hand sich so auf ihrer Haut anfühlen würde. Dann hob sie den Kopf und sah ihm in die Augen. „Aber vielleicht werde ich dort als erstes hinfahren.“, sagte sie dann und lächelte leicht. „New Orleans soll schön sein.“
Er musste neuerlich lachen, weil sie ihn wirklich berührte, wenngleich er nicht sicher war, wieso ausgerechnet sie oder wie sie es anstellte. „Das ist es. Wir haben eine Menge zu bieten: fabelhafte Musik, die unterschiedlichsten Menschen, schönes Wetter und das beste Gumbo.“, sagte er und stellte dabei fest, wie sehr er seine Wahlheimat mittlerweile schätzte. Jedoch wurde ihm, als er sie ansah, bewusst, dass er sie vermissen würde, wie er nie zuvor etwas in seinem Leben vermisst hatte. Was durch die Tatsache, dass er ihr eben erstmalig begegnet war, nur noch verrückter war. „Aber um ehrlich zu sein, scheint New York mit Ihnen ein unschlagbares Argument zu besitzen. Zumindest jeder Mann wird Ihretwegen New York New Orleans vorziehen.“
Sie musterte ihn skeptisch. „Sagen Sie das nur so?“, fragte sie und wollte es tatsächlich wissen.
Er fand es hinreißend, dass sie zu misstrauisch war, um ein Kompliment einfach anzunehmen, aber vertrauensvoll genug, um daran zu glauben, dass er ihr die Wahrheit sagen würde, wenn sie ihn fragte. „Nein, das meine ich ernst.“, antwortete er also, verschwieg aber, dass er bereits darüber nachdachte, wie er dieses Problem lösen könnte.
„Wie oft sagen Sie diese Dinge zu Frauen, die Ihnen gefallen?“, fragte sie weiter.
„Wenn ich eine Frau sehe, die mir gefällt.“, antwortete er und musste sich beherrschen, um nicht neuerlich über sich selbst zu stöhnen. Was hatte sie nur an sich, dass er ihr jedes Mal die Wahrheit sagte?
„Und haben Ihnen schon viele Frauen gefallen?“, fragte sie und legte ihre Hand in seine auf die Tischplatte. Sie strich mit ihren schlanken Fingern über die Innenseite seiner Handfläche und betrachtete abwechselnd sein Gesicht und seine Hand.
„Ein Paar.“, antwortete er und war von ihrer Berührung überwältigt. „Aber keine hat mir so gut gefallen wie du.“
Sie hielt in der Bewegung inne und sah ihn an. „Wie heißt du?“, fragte sie dann. „Ich hab ganz vergessen, zu fragen.“
Er lächelte und verschränkte seine Finger mit ihren. „Mason Hernandez.“, antwortete er.
Sie lächelte ebenfalls. „Ein schöner Name.“, sagte sie und blickte grinsend auf ihre Hände herunter. „Und eine schöne Art sich vorzustellen, viel weniger anstößig als einen Mann mit Hilfe einer Tischplatte bewusstlos zu schlagen.“
Mason lachte leise und aufrichtig. „Er hat nur ein wenig geblutet.“, sagte er halbherzig zu seiner Verteidigung. „Und das hier ist tatsächlich viel schöner.“ Er sah sie durchdringend an und hätte sie nun gerne geküsst, nahm aber an, dass sie dazu noch nicht bereit war. Denn abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass sie aus der Oberschicht stammte und sich in ihren Kreisen ein so freizügiges Verhalten nicht ziemte, nahm er an, sie konnte jeden Mann haben und war sich -vielleicht das erste Mal überhaupt- nicht sicher, ob sie ihn wählen würde.
Nicolo trat an den Tisch und räusperte sich verlegen, was Hollie dazu brachte, ihre Hand aus seiner zu lösen.
Mason tat sich schwer, seinen Blick von ihr zu Nicolo zu wenden, aber er wusste, dass sein Mann nicht einfach grundlos unterbrechen würde. „Was gibt’s?“, fragte er und sah den Italiener abwartend an.
Nicolo verschränkte die Hände vor dem Schritt und warf einen fragenden Blick zu der Frau, ehe er abwartete, ob sein Boss ihm erlauben würde, in ihrer Gegenwart Geschäftliches zu besprechen. Als dieser nickte, antwortete Nicolo so verschwiegen wie möglich: „Boss, die Young-Brüder haben gefunden, weswegen wir her kamen. Sie sind noch da und haben Logan eine Frau mit geschickt, die dich zu ihnen bringen wird. Sollen wir die Angelegenheit sofort erledigen?“
Mason seufzte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Dann sah er Hollie an. „Wäre es dir recht, wenn ich dich jetzt schon nach Hause bringen würde?“
„Boss?...-“ Er brach seinen Einwand sogleich ab, als Mason kurz die Hand hob.
„Nein, eigentlich nicht.“, antwortete Hollie ehrlich und lächelte ihn dann an. „Aber ich kann auch alleine nach Hause gehen oder mir ein Taxi rufen. Du hast offensichtlich noch…Dinge zu erledigen.“
Er beugte sich zu ihr vor, griff ihre Hände und hielt sie mit seinen umschlossen. „Ich würde das alles wirklich gerne aufschieben, aber nur deshalb bin ich hergekommen, Hollie.“, sagte er ehrlich. „Wenn es nach mir ginge, würde ich meine Zeit gerne ausschließlich mit dir verbringen, das kannst du mir glauben.“
Obwohl sie sicher war, dass er es war, der hierbei die Prioritäten festsetzte, fühlte sie sich nicht zurück gesetzt. Sie strich ihm über die bärtige Wange und fand es unerwartet erotisch, weil er sich so männlich anfühlte. Sie hatte keinen Mann je so berührt. „Es ist in Ordnung, Mason. Du hast eben Geschäftliches zu erledigen.“, sagte sie und war plötzlich nicht mehr beunruhigt. Sie war plötzlich sicher, dass sie ihn wieder sehen würde. „Deshalb bist du her gekommen und nur deshalb durfte ich dich kennen lernen.“ Sie dachte, dass eine Begegnung manchmal schon genug sein musste und eine Erinnerung sein konnte, von der eine junge, unerfahrene Frau wie sie ihr Leben lang zehren konnte.
„Nico, hol schon mal das Auto, bitte.“, sagte er und sah keine Sekunde von ihr weg. „Hollie, wenn ich dich nach Hause gebracht habe…sehen wir uns dann wieder oder läufst du dann vor mir davon?“
Sie erwiderte seinen Blick und lächelte leicht. „Ich werde da sein.“, antwortete sie ehrlich. „Solange bis ich New Orleans sehen werde.“
Er schloss kurz die Augen. Niemals zuvor hatte er eine so überwältigende Zuneigung in sich gespürt. „Jetzt werde ich dich niemals gehen lassen. Das weißt du doch hoffentlich?“
Sie lächelte leicht, errötete ein wenig über seine Worte und weil er sie mit einer so rauen, ehrlichen Stimme gesagt hatte. „Gut.“ In diesem Moment, zu diesem Zeitpunkt waren sie perfekt füreinander und sie konnte ihr Glück kaum fassen, weil sie diesen Augenblick so bewusst wahrnehmen durfte. Sie war glücklich, weil er, ganz gleich wie sich ihre Beziehung weiter entwickeln würde, ihr eine kostbare Erinnerung geschenkt hatte.
Mason selbst fuhr sie in seinem Wagen nach Hause, während sein Bodyguard beim Cotton Club auf ihn wartete, zusammen mit Logan Sawyer, der ebenfalls für ihn arbeitete und sie zu den Young-Brüdern führen würde.
Als sie vor dem großen Stadthaus auf der Upper East Side hielten, verstand Mason gleich, warum sie so sehr an die neusten Automobile gewöhnt war. Offensichtlich stammte sie aus einer reichen Familie. Eine Frau wie sie, wäre damals, als er noch in New York gelebt hatte, niemals in seiner Reichweite gewesen. Sie hätte einen kleinen Gangster wie ihn niemals beachtet, wäre ihm vermutlich niemals begegnet. Und auch jetzt fragte er sich unwillkürlich, ob sie ihm weiterhin vertrauen würde, wenn sie genau wüsste, was er tat, womit er sein Geld verdiente. Denn im Grunde war er noch immer kaum besser als der Gangster, der er einst gewesen war. Im Grunde hatte er außer der Stadt, in der er lebte und arbeitete, nicht viel verändert. Noch immer konnte er die Kriminalität nicht gänzlich aus seinem Leben ausschließen. Das gelang ihm nicht, weil seine Freunde kriminell waren, weil Alkohol durch die Prohibition verboten war und er schon deshalb als Barbesitzer tagtäglich gegen die Gesetze verstieß und weil er selbst vermutlich genauso gewaltbereit und kriminell war, wie seine Freunde. Zwar gab er sich aufrichtig Mühe, sein Leben in geregelten Bahnen verlaufen zu lassen, aber er hatte niemals abstreifen können, wer er wirklich war. In ihrer Gegenwart wurde ihm das plötzlich bewusst. In ihrer Gegenwart fragte er sich plötzlich, ob er auch für sie eine Gefahr darstellen würde.
„Wo du gleich noch hin musst…wird das gefährlich für dich sein?“, fragte sie in die eingetretene Stille. Sie wagte nicht, ihn dabei anzusehen, so sehr fürchtete sie sich vor der Antwort.
„Vermutlich nicht.“, antwortete er, selbst nicht sicher, was auf ihn zukommen würde. „Ich bin nur ein Barbesitzer aus New Orleans.“
Nun sah sie ihn an. „Das ist die erste Lüge, die du mir erzählt hast.“, sagte sie erkennend. Sie sagte es nicht vorwurfsvoll oder verletzt, nur feststellend. „Ich weiß, dass du mehr als das bist. Vermutlich bist du sogar gefährlich, denn du hast Wachleute und Geheimnisse und wirst mit „Boss“ angeredet und offensichtlich hast du auch Geld und Macht. Solche Menschen sind wohl niemals ganz in Sicherheit.“
Er sah sie an, wenngleich er den Impuls verspürte, weg zu sehen. Sie hatte Recht und sie beide wussten es. „Dann soll ich mich von dir fern halten?“, brachte er hervor. Schon jetzt hatte er das Gefühl, dass Sich-Fernhalten das Schwerste auf der Welt sein würde.
Sie beugte sich zu ihm herüber, legte eine Hand an seine Wange und küsste ihn langsam auf die andere. Ihre Lippen berührten seine Haut ein wenig zu lange, ein wenig zu dicht an seinen eigenen Lippen, um diesen Kuss einen gewöhnlichen sein zu lassen. Dann sah sie ihn an und lächelte. „Nein, das bedeutet, du sollst auf dich aufpassen, Mason.“, sagte sie aufrichtig. „Ich würde dich gerne sooft wie möglich sehen, aber das geht nur, wenn du auf dich Acht gibst. Tust du das für mich?“
Er sah sie mit einem verliebten Lächeln an. „Ja, wenn es das ist, was du willst, wie könnte ich da Nein sagen?“, antwortete er und hoffte ein wenig, sie würde nicht erahnen, wie wahr diese Aussage für ihn wurde. Ihre Lippen waren so dicht vor seinen, dass er sich nur hätte vorbeugen müssen, um sie zu berühren. Er konnte sich nur schwerlich auf etwas anderes als diesen Umstand konzentrieren.
Sie nickte lächelnd und öffnete bereits die Autotür. „Dann sehen wir uns wieder?“, fragte sie, nachdem sie bereits einen Fuß auf den Bürgersteig gestellt hatte und mit der anderen Hand den Rock ihres roten Kleides heran zog.
„Morgen Abend?“, fragte er hoffend.
Erleichterung machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Ich komme in den Cotton Club, wenn du möchtest? Denn im Grunde schuldest du mir noch einen Drink…den würde ich gegen einen Tanz eintauschen.“
Er lachte leise. „Ich war immer ein Glückskind.“
Sie lächelte verliebt. „Bis morgen, Mason.“
„Bis morgen.“ Er sah, dass sie einen kurzen Moment lang zögerte, doch dann stieg sie aus und warf die Tür hinter sich zu. Er sah ihr nach, als sie zum Haus ging. Selbst die Art, wie sie ging, faszinierte ihn. Wie ihr Mantel um ihre Beine im Rhythmus ihrer sich bewegenden Taille schwang. Er hätte sie ewig so betrachten können…
Mason stieg aus. „Hollie!“, rief er und lief ihr nach. Sie drehte sich, ein paar Schritte von der Haustür entfernt, zu ihm um. Er trat ungebremst auf sie zu, legte einen Arm um ihren Rücken, eine Hand an ihre Wange und küsste sie. Sein Herz setzte beinahe aus, so überraschend elektrisiert fühlte er sich plötzlich. Ihre Lippen waren weich und fühlten sich genau richtig an seinen an. Er zog sie fester in seine Arme, teilte vorsichtig ihre Lippen mit seinen. Sie schlang die Arme um ihn und küsste ihn leidenschaftlich wieder. Seine Zunge streichelte die ihre, während sich ihre Münder perfekt aneinander bewegten. Und weil sein Verlangen nach ihr beinahe übermächtig wurde, beendete er widerwillig den Kuss und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, um sie anzusehen. „Das wollte ich unbedingt noch tun.“, sagte er mit rauer Stimme, die eindeutig seine Erregung verriet.
Sie wusste, dass ihre Wangen gerötet waren, doch sie war deshalb nicht verlegen, nicht mit ihm. „Jetzt bin ich wohl das Glückskind.“, sagte sie atemlos und lächelte verliebt. Dann griff sie in ihre Manteltasche und holte ein Stofftaschentuch heraus. Sie hatte es von ihrer Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ihre Initialen waren aufgestickt und es war aus feinster Seide gemacht und mit einem floralen Muster versehen. Hollie hob sich auf die Zehenspitzen und wischte ihm vorsichtig über die Lippen, um den Lippenstift, ihren Lippenstift abzuwischen.
Er schloss seine Hand um ihre, hielt sie umschlossen. Ich bin 30 und hab’ dich erst jetzt getroffen, dachte er, während er sie ansah. Du hast mich lange warten lassen. „Aber das war’s wert.“, setzte er, über seine Gedanken hinweg, hinzu.
Sie sah ihn kurz fragend an, dann lächelte sie, hob sich erneut auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz auf die Lippen. Das Taschentuch ließ sie in seiner Hand zurück, als sie zur Tür ging. „Bis morgen, Mason.“
Er schob die Hände in die Hosentaschen, ihr Taschentuch in seine Tasche. „Gute Nacht, Hollie.“
Sie warf ihm noch einen Blick zu, dann öffnete sie die Haustür und verschwand dahinter.
*
Das Büro von Owney Madden zeigte, dass sein Besitzer Geld und Macht besaß. Alle Möbel waren schwer und hochwertig. Er hatte Sorten von den besten Whiskys auf einem Sideboard an der Wand stehen, Zigarren aus Kuba und Kolumbien, für die Liebhaber getötet hätten. Mason war anders in dieser Beziehung. Er hatte sein Geld niemals mit beiden Händen zum Fenster raus geworfen und er hatte es niemals als schmeichelhaft empfunden, Geld zu besitzen. Owney allerdings hatte es noch nie mit Bescheidenheit gehabt und er hatte zu wenig Angst vor irgendwem, um sich bedeckt zu halten. Nun jedoch hatte er seinem Freund sein Büro zur Verfügung gestellt, damit er hier mit der Frau reden konnte, die behauptete, die Lösung seiner Probleme zu sein.
Logan, ein großer blonder Amerikaner, der von allen auf der Straße nur The Handsome genannt wurde, weil er tatsächlich wie ein Model aussah, brachte eine verängstigte schwarze Schönheit in Owneys Büro. Mason saß hinter dem breiten Schreibtisch auf dem Sessel seines Freundes, während Owney selbst etwas hinter ihm stand und eine Zigarre paffte, gespannt, was nun auf ihn zukäme.
Die Frau zitterte und hatte offensichtlich nicht nur ein oder zwei Schläge einstecken müssen. Mason konnte auch aus der Ferne die geröteten Fingerabdrücke an ihrem Hals erkennen. Allerdings hatte er selbst Logan nicht aufgenommen, weil er ein Schönling war, sondern weil der Schein trog. Dieser Mann mochte aussehen wie ein vernünftiger, unschuldiger Kerl, aber er war clever und durchaus in der Lage, jemanden seinen Willen aufzuzwingen.
Logan zwang die Frau auf dem einfachen Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen und trat dann abwartend, aber wie immer aufmerksam ein wenig zur Seite, um sie im Auge zu behalten.
„Hallo.“, sagte Mason und lächelte sie ruhig an. „Möchten Sie etwas trinken?“
Ihre Stirn legte sich ein wenig in Falten. „Ist das ein Trick?“
Mason lachte leise. „Wenn es so wäre, würde ich Sie nicht einweihen.“, erwiderte er und nickte Nicolo zu, damit der ihr etwas Wasser einschenkte.
Sie blickte verunsichert von Mason zu Logan und Nicolo, doch schließlich griff sie mit zitternder Hand das Glas und leerte es augenblicklich. „Danke.“ sie ihn in ängstlicher Erwartung an und erkannte, dass er der gut aussehende Mann gewesen ist, mit dem Logan sich vor dem Club unterhalten hatte. Doch dass sie ihn attraktiv fand, bedeutete nun nichts mehr. Er war scheinbar derjenige, der über ihr Schicksal entschied und nur darauf konnte sie sich jetzt konzentrieren.
Mason nickte. „Wie heißen Sie?“, fragte er.
„Rachel Dearing, Sir.“, antwortete sie aufrichtig.
Mason blickte zu Logan und als dieser dezent nickte, war er sicher, dass sie die Wahrheit sagte und nicht versuchte, durch eine Lüge die Familie oder sonst wen zu schützen. Das half ihm dabei, sie einzuschätzen. Offenbar stand sie sich selbst am nächsten. So eine Einstellung machte es ihm viel leichter, mit ihr zu reden, ohne sie töten zu müssen. Zumindest hoffte er das. „Also, Rachel, was können Sie mir sagen, was ich unbedingt wissen sollte?“
Sie zögerte einen Moment, blickte sich erneut unsicher an. „Wenn ich Ihnen sage, was ich weiß…Sir, wie kann ich dann sicher sein, dass Sie mich nicht umbringen?“
Logan holte bereits seine Schusswaffe hervor, was Owney zum Lachen brachte.
„Das können Sie nicht.“, gab er zu. „Allerdings kann ich mir die Informationen, die Sie besitzen oder auch nicht, auch anders beschaffen. Und auch das bedeutet, dass ich Sie töten werde.“
Sie zuckte zusammen. „Ich möchte wirklich nichts Böses, Sir.“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich…ich will leben. Wenn Sie mich am Leben lassen…dann werde ich tun, was auch immer Sie wollen.“
Mason stöhnte gereizt. „Dann fang damit an, was du zu wissen glaubst und verschwende nicht weiter meine Zeit, Schätzchen.“, sagte er. Wenn sie erst einmal anfingen um ihr Leben zu betteln, hörten sie erfahrungsgemäß nicht mehr damit auf, bis man es ihnen nahm. Und wenn er ehrlich war, wollte er nur, so schnell wie möglich, seine Angelegenheiten regeln, Hollie wieder sehen und von diesem verfluchten Ort, der ihm nichts als Pech brachte, verschwinden. Er wollte allerdings nicht den verständnisvollen Seelenklempner für eine seelenlose Schlampe aus Harlem spielen.
„Ich kenne den Mann, den Ihre Leute beinahe tot geschlagen haben.“, sagte sie und versuchte noch während sie sprach, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. „Ich habe seinen Namen vergessen, aber er arbeitet als Schnapsbrenner hier in Harlem.“
„Tja, ich kenne seinen Namen.“, sagte Mason und trank einen Schluck Whisky. „Ich will wissen, wer seinen Kumpel umgebracht hat.“
„Das war die italienische Mafia.“, antwortete sie sofort.
Owneys Hand legte sich auf Masons Schulter. „Diese Wichser werden mir langsam zu einflussreich.“, flüsterte er ihm ärgerlich zu. „Die denken wohl, die können sich überall einmischen…Aber nicht in meiner Stadt, mein Freund. Nicht in meiner Stadt.“
Mason klopfte ihm auf die Hand, die auf seiner eigenen Schulter lag, ehe er die Frau wieder ansah. „Welche Familie hat den Auftrag gegeben diesen Jenkins umzubringen?“
Nun konnte er Panik in ihren Augen erkennen. „Das weiß ich nicht, Sir. Wirklich nicht. Über so etwas reden die Leute nicht, wenn sie leben wollen.“
Mason nickte. „Weißt du, warum sie ihn umbrachten?“
Wieder Panik. „Nein, Sir, nicht sicher.“, antwortete sie kopfschüttelnd. Sie umklammerte ihr leeres Glas mit beiden Händen. „Ich glaube, es hat mit dem Schnaps zu tun.“
Mason hob fragend eine Augenbraue. „Glaubst du das?“
Sie nickte schnell. „Weil der Schnaps den Fi…den der Russe und seine Freunde brennen, so gut ist. Ich glaube, die Mafia will nicht, dass sie die Vorherrschaft auf diesem Gebiet verlieren.“
Mason beugte sich leicht vor. „Wer noch?“, fragte er.
„Was?“, fragte sie verstört.
„Wen versuchst du hier nicht zu verraten?“, fragte er erneut. „Der Russe ist so gut wie tot und du weißt, wer sein Partner ist.“
Sie senkte kurz den Blick. „Ich will nicht, dass Sie ihn auch töten.“, sagte sie leise.
Das glaubte er ihr sofort. „War nicht mein Plan.“, erwiderte er ehrlich. „Wieso willst du ihn schützen?“
Sie zuckte die Schultern. „Er ist ein Freund.“
„Weil du ihn liebst.“, sagte er feststellend. Als sie zusammen zuckte, wusste er, dass er ins Schwarze getroffen hatte. „Ich sag dir was, Rachel.“, fing er an. „Ich lasse deinen Freund am Leben und du verrätst mir, wo ich ihn finden kann.“
„Was wollen Sie denn von ihm? Er hat nichts mit der Mafia zu tun, das schwöre ich!“
Mason erhob sich und schloss den Knopf seines Jacketts. „Du stellst hier keine Fragen, Schätzchen.“, sagte er und ging um den Tisch herum. „Du wirst meinem Freund Logan jetzt sagen, wo er deinen Freund finden kann. Und mir wirst du sofort seinen Namen sagen.“
Ihr Zittern nahm wieder zu, als Logan sie auf die Beine zog. „Fin. Finlay Bates.“, antwortete sie schließlich. „Aber bitte…-“, sie griff nach Masons Arm, ließ ihre Hände jedoch sogleich wieder sinken, „bitte, tun Sie ihm nichts, Sir. Bitte.“
Mason nickte. „Erstmal nicht, versprochen.“, erwiderte er. „Wir beide fahren jetzt zu der Brennerei, in der dein Freund arbeitet, und auf dem Weg dorthin, wirst du mir alles erzählen, was du über Finlay Bates weißt.“
Er nickte Logan zu und dieser zog Rachel sogleich mit sich. Mason selbst wandte sich zu Owney um und lächelte. „Danke für deine Hilfe, mein Freund.“, sagte er und reichte ihm die Hand.
Owney schüttelte sie, ehe er seinen Kumpel kurz umarmte. „Das mit dem Verhören machst du gar nicht so übel, Mann. Zuerst so niveauvoll und dann so mies. Wirklich, gar nicht schlecht.“
Mason lachte leise. „Tja, ich hab’ Erfahrungen, würd’ ich sagen.“, sagte er, wenngleich er nicht annähernd so stolz darauf war, wie Owney es von ihm erwartete. Schließlich hatte er sich nicht ganz freiwillig für das Leben, in das er gedrängt wurde, entschieden. Die Umstände hatten ihm dieses Leben eingebracht und er war zufällig gut darin.
Owney nickte. „Was ist mit den Itakern?“, fragte er dann. „Wenn die auf die Idee kommen, ich solle meinen Schnaps zukünftig über sie beziehen, haben die sich geschnitten, mein Freund. Ich mach’ mein Scheiß selbst und die Gäste lieben das.“
Mason nickte. „Ich weiß.“, sagte er. „Wenn sie was von dir wollen, werden sie sich melden, das kannst du mir glauben. Solange du klar stellst, dass du unabhängig bist, wirst du’s sein, Owney.“
„Darauf können die ihre Gelfrisuren verwetten!“, erwiderte Madden entschieden.
„Wenn du meine Hilfe brauchst, bin ich auch für dich da.“, sagte Mason, weil sie einander immer wieder Gefallen schuldeten, weil ihre Freundschaft auf diesem Vertrauen beruhte.
Owney nickte erneut. „Das weiß ich, Bruder. Danke.“, sagte er und klopfte ihm auf den Rücken.
Mason verabschiedete sich vorerst und verschwand durch den Club ins Freie. Vor der Tür, zwischen den Limousinen stand sein Auto. Eigentlich hatte er ein einfaches Modell ausgesucht, um unauffällig zu sein, doch vor Maddens viel besuchten Club fiel er gerade durch seine Unauffälligkeit auf.
Rachel konnte sich nicht mehr erinnern, welche Fragen sie allesamt ehrlich beantwortet hatte, aber als der Gangsterboss neben ihr endlich schwieg, hatte sie das unbestimmte Gefühl, er kenne ihr Leben nun ebenso gut wie das von Fin. Sie saßen nebeneinander auf der Rückbank seines Wagens, während sein Bodyguard fuhr. Logan hatten sie zwischendurch raus gelassen. Sein Boss hatte ihm einen Auftrag gegeben, den Rachel nicht verstanden hatte. Sie hatte es auch nicht verstehen können, weil die beiden vom Englischen ins…sie wusste es nicht, aber für sie hatte es nach Spanisch oder Italienisch geklungen. Die beiden wechselten die Sprache und sie konnte nichts verstehen. Was sie jedoch verstand, war, dass sie sich noch immer auf sehr dünnem Eis bewegte. Sie verstand ebenfalls, dass Logan ein Schwein war, das sie hintergangen hatte und dass er nicht zögern würde, sie für seinen Boss umzulegen. Das verletzte sie in ihrer Eitelkeit, obgleich ihr bewusst war, dass sie augenblicklich nicht in einer Situation war, in der ihr diese Enttäuschung auch nur im Geringsten weiterhelfen würde. Sie würde sich etwas einfallen lassen müssen, um das alles hier zu überleben. Aber sie hatte keine Ahnung, was sie tun könnte.
Schließlich resignierte sie und ließ sich in das Polster der Rückbank sinken. „Werden Sie ihn umbringen?“, fragte sie ihn leise.
Er erwiderte ihren Blick mit seinen warmen, braunen Augen, die ihr, angesichts seiner Stellung, ungemein deplatziert vorkamen. „Nicht, wenn er kooperiert.“
Rachel nickte leicht. Das war gut. Es war eine Chance. „Was wollen Sie, dass er für Sie tut?“, fragte sie also.
„Ich will, dass er weiter für mich arbeitet.“, antwortete er und zuckte die breiten Schultern, die seinen Anzug zu sprengen schienen.
Rachel überlegte. Wenn sie ihn dazu bewegen könnte, nachzugeben, dann hatten sie beide vielleicht eine Chance zu überleben. Sie musste es dem Gangsterboss nur so verkaufen, dass er glaubte, auch ihr Leben sei wertvoll… „Wenn ich Ihnen helfe, Fin zu überzeugen, würden Sie dann auch mir helfen?“
Nun sah er sie mit einer Mischung aus Belustigung und Neugierde an. „Wie willst du mir helfen? Schließlich ist er der Mann deiner Schwester.“
Gegen ihren Willen ärgerte sie sich über diese Spitze, wenngleich sie wahr war. „Er liebt auch mich und würde mich immer beschützen.“, sagte sie ärgerlich. „Und wenn ihn hier nichts mehr hält, dann würde er gehen.“
„Aber ihn hält etwas hier.“, erwiderte er und blickte wieder nach vorne, so als interessiere ihn nicht mehr, was sie zu sagen hatte.
„Kian ist tot, Rhys ist so gut wie tot. Nur Kate und ich sind noch übrig.“, sagte sie also hartnäckig. Sie zögerte einen Moment, weil sie ihn nicht einschätzen konnte, doch schließlich umklammerte sie seinen Arm mit beiden Händen, damit er sie ansah, sah, wie ernst es ihr war. „Und ich würde mit ihm gehen. Wenn Sie ihn mitnehmen, egal wohin, dann komme ich mit ihm….Kate würde ihn zurückhalten, aber ich nicht. Wenn Kate nicht mehr da wäre, dann würde er dorthin gehen, wo ich bin.“
Er sah sie forschend an, ehe er ihre Hände von seinem Arm schob. „Schlägst du vor, deine Schwester umzubringen?“, fragte er tonlos.
Rachel schluckte, blinzelte. Kate war ihre Schwester, ihre große, sich immer um sie sorgende Schwester. Sie liebte Kate…aber sich selbst liebte sie mehr. Fin liebte sie mehr. „Ja, das ist genau das, was ich Ihnen rate.“, sagte sie und schluckte ihre Tränen herunter. Kate würde ebenso wollen, dass Fin lebte. Sie würde ebenso wollen, dass Rachel lebte. Es wäre für alle das Beste. „Töten Sie Kate, sagen Sie Fin, er soll mit Ihnen gehen, damit Sie nicht auch mich töten. Dann wird er tun, was Sie wollen.“
Mason Hernandez verschränkte die Arme locker vor der Brust und lachte leise. „Du bist wohl die böse Schwester von euch.“, sagte er belustigt.
„Werden Sie darüber nachdenken?“, fragte Rachel und ging nicht weiter auf seine Bemerkung ein. Sie brauchte Hoffnung, nur darauf kam es an. Etwas, an das sie sich klammern konnte, um zu glauben, dass sie noch nicht sterben musste.
„Schätzchen, ich weiß, was ich tue.“, sagte er. „Dich geht das nichts an.“
Rachel hätte ihn gerne angeschrien, aber natürlich war Wut keine Option, die ihr zur Verfügung stand. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als ihre Wut und ihre Angst herunter zu schlucken und abzuwarten.
Aus dem Augenwinkel beobachtete sie den Gangsterboss und fragte sich, wieso er war, wie er war. Im Grunde wirkte er auf sie nicht bösartig. Sie kannte die Männer und wusste deshalb, dass er nicht zu der sadistischen, brutalen Sorte gehörte. Zwar zweifelte sie nicht daran, dass er sich nehmen würde, weshalb er gekommen war, dass er auch bereit wäre, Gewalt einzusetzen, aber sie war sicher, dass er es nicht genießen würde. Vielleicht hatte er gute Gründe, die ihn dazu brachten, Fin zu suchen, die ihn dazu gebracht hatten, Rhys beinahe zu töten. Vielleicht würde er sie alle umbringen lassen. Sie fragte sich, ob er vielleicht ein anderer wäre, wenn er eine schöne Frau hätte, die ihn liebte, ein Leben, das ruhig und friedlich wäre. Doch selbst wenn er für seine Handlungen gute Gründe hatte, dann machte es vermutlich für sie keinen Unterschied. Rachel wünschte sich, sie wäre einfach an dieser Gasse vorbei gegangen. Sie wünschte sich, sie wäre weniger dumm, weniger neugierig gewesen. Sie hätte einfach nach Hause gehen sollen. Vielleicht hatte alles mit diesem Logan angefangen. Seit sie ihm begegnet war, ging ihr Leben den Bach herunter. Rachel nahm sich fest vor, ihm das Leben zur Hölle zu machen, sollte sie selbst die Hölle überleben.
Der Wagen hielt vor der Lagerhalle der Schneiderei, in der Kate arbeitete. Der Gangsterboss öffnete sich selbst die Tür und stieg aus. „Pass auf sie auf, bis Riley und Ryan zurück sind.“
„Boss, ich würde dich lieber begleiten.“, erwiderte der Fahrer. Er setzte etwas in Italienisch hinzu, was sie nicht verstand.
Sein Boss schlug ihm nur freundschaftlich auf die Schulter. „Schon gut, Nico. Ich bin ein großer Junge.“, sagte er lachend. Dann ging er an ihm vorbei auf die Lagerhalle zu. Nicolo schloss die Autotür wieder und sperrte Rachel darin ein, während er vor der Tür stehen blieb, eine Zigarette rauchte und seinem Boss nervös nach sah.
Rachel blickte ihm ebenfalls nach und fragte sich, wieso der Gangsterboss ausgerechnet zu erst zu der Fabrik ihrer Schwester gefahren war. Sie hatte die Schneiderei vielleicht erwähnt, das wusste sie nicht mehr sicher, aber sie war sich sicher, dass sie nichts Nützliches über diesen Ort gesagt hatte. Sie wusste ja selbst nichts über diesen Ort. Manchmal hatte sie Kate hier besucht, sie nach der Arbeit abgeholt oder ihr während der Arbeit gezeigt, welche Stoffe ihr gefielen. Mehr Zeit hatte sie hier jedoch nie verbracht. Also wusste er entweder etwas, was sie selbst nicht wusste und ihm somit auch nicht hatte verraten können, oder er hatte einen anderen Grund um her zu kommen. Vielleicht hatten sie den Russen hier her gebracht, um ihn zu foltern? In einer so großen Halle, würde sicher niemand seine Schreie hören.
Rachel klopfte gegen die Fensterscheibe und der Italiener, der, als sie einander noch Fremde gewesen waren, so freundlich zu ihr gewesen war, drehte sich zu ihr herum. „Was?“, fragte er, ohne die Tür zu öffnen.
„Darf ich bitte auch eine Zigarette haben?“, fragte sie und blickte ihn durch die Scheibe bittend an.
Nicolo zögerte einen Moment. Dann öffnete er die Tür und reichte ihr seine gerade neu angefangene Zigarette, ehe er sich selbst eine neue ansteckte.
„Danke.“, sagte sie leise und sog genüsslich den Rauch ein. „Erinnerst du dich an mich?“, fragte sie ihn dann.
Nicolos braunen Augen richteten sich auf ihre als er nickte.
Sie lächelte leicht. Vielleicht würde es ihr helfen, wenn sie sich ihm zum Freund machen könnte. „Ich erinnere mich auch an dich.“, sagte sie. „Der hilfsbereite Retter meines Hutes.“
Er sagte nichts, lächelte auch nicht.
Sie hingegen lächelte noch verführerischer. „Ich hätte an diesem Abend mit dir nach Hause gehen sollen, nicht mit dem Blonden.“, sagte sie und glaubte, ihn damit sogar ein wenig verlegen zu machen. „Ich hatte nur Angst, du wärest ein Mafiosi…aber damit lag ich wohl gar nicht so falsch.“
„Ich bin kein Mafiosi.“, sagte er entschieden. „Keiner von uns ist das.“
Sie nickte verstehend. Immerhin keine Mafia. „Aber Priester seid ihr auch nicht. So viel steht fest.“, sagte sie und brachte ihn damit zum Lächeln. „Wie heißt du? Nico?“
„Nicolo.“, antwortete er.
„Mein Name ist Rachel.“, sagte sie und hielt ihm die Hand entgegen.
Er ergriff sie nicht, nickte nur kurz.
Sie nickte ebenfalls und zog ihre Hand wieder zurück. „Glaubst du, wenn ich diese Sache hier überlebe, dass du dann mal mit mir ausgehen würdest, Nicolo?“
Er lächelte. „Nein, glaub’ ich nicht.“, sagte er und schloss die Autotür wieder.
Mason suchte und fand einen Hintereingang. Ryan und Riley Young hatten den russischen Schnapsbrenner so lange gefoltert, bis der ihnen verraten hatte, wo er und sein Freund Fin arbeiteten. Die Russen waren zäh und stur, sodass Mason nicht ausschließen konnte, dass Rhys Kowalskij an den Folgen der Folter sterben würde. Und die geschwätzige Rachel hatte ihm, ganz ohne Folter, bereitwillig verraten, dass ihre Schwester in der Fabrik als Schneiderin arbeitete und als er sich über die Textilfabrik erkundigt hatte, hatte er herausgefunden, dass der Eigentümer ein Miles Jenkins war, Kian Jenkins Vater. Also war er davon ausgegangen, dass es einen geheimen Teil innerhalb der Fabrik geben musste. Die Hintertür, die so dicht an einer Mauer zu irgendeinem Hinterhof gelegen war, dass man sie kaum ganz öffnen konnte, war nicht einmal abgeschlossen. Mason trat einfach ein und stand in einem unbeleuchteten Lagerraum. Er nahm sich ein wenig Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, dann sah er den Lichtkegel unter einer schweren Metalltür.
Mason holte seine Pistole hervor und ging auf die Tür zu. Er öffnete sie beinahe geräuschlos und trat ein. Er stand im hinteren Teil der Fabrik. Um ihn herum standen Holzfässer, Bottiche, Säcke, die Gerste enthielten, Kanister mit Wasser und hinter den großen Fässern erkannte er die Destillationsgeräte. Vorsichtig trat er an den mannsgroßen Bottichen vorbei und stand im Mittelgang. Er konnte Finlay Bates sofort sehen. Fin war ein großer, athletischer Mann, mit einer ähnlich eindrucksvollen Statur wie Mason. Er hatte volles, schwarzes Haar, was ihm bis zu den Ohren reichte und wild durcheinander lag und trug einen dunklen Dreitagebart. Sein breites Kreuz zeichnete sich unter dem Pullover deutlich ab, als er ungeduldig hin und her ging, als warte er auf etwas…oder jemanden. Mason schätzte ihn vom Alter etwas jünger als sich selbst ein, vielleicht Ende 20, Anfang 30.
Als er Schritte hörte, drehte er sich um. „Endlich! Ich dach…Wer sind Sie?“, unterbrach er sich selbst, als er erkannte, dass es ein Fremder war, der vor ihm stand.
Mason ging weiterhin langsam auf ihn zu. „Ich bin der Boss, denke ich.“, antwortete er, sicher, dass sowohl Rhys Kowalskij, als auch Kian Jenkins ihn stets so genannt hatten.
Fin blieb stehen, musterte seinen Gegenüber abschätzend. „Was wollen Sie?“
„Verhandeln.“, antwortete Mason und blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. Er versteckte seine Waffe nicht, doch er erkannte, dass es mehr brauchte, um diesen Mann einzuschüchtern. Vermutlich war auch er ein Soldat gewesen, mit Sicherheit aber kam er ebenfalls aus einem gefährlichen Viertel von New York. Die Menschen, die hier überlebten, sich hier täglich durchschlagen konnten, waren nicht leicht einzuschüchtern, denn sie hatten keine Ängste, dafür umso mehr Stolz.
„Ich verhandle nicht mit Kriminellen.“, erwiderte Fin und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn Sie mich erschießen wollen, stellen Sie sich hinten an.“
Mason lachte lautlos. „Ich will Sie nicht erschießen.“, erwiderte er und blickte von seiner Waffe in die blauen Augen des Mannes. „Aber ich tu’s, wenn ich muss.“
Fin nickte ruhig. „Hab’ ich mir gedacht.“
„Ich schlage vor, Sie hören auf, in mir den Feind zu sehen. Das würde uns beiden das Leben erleichtern.“
„Haben Sie Kian Jenkins umgebracht?“, wollte er wissen.
„Nein.“, antwortete Mason ehrlich. „Wäre dieser Schwachkopf noch am Leben, hätte ich nicht her kommen müssen.“
„Dann sind Sie also kein Mafiosi?“, fragte Fin misstrauisch.
Mason schnalzte verneinend mit der Zunge. „Ich bin kein Mafiosi, nur ein kleiner Gangsterboss, der sein Eigentum schützen will.“
„Und Sie denken, ich wäre Ihr Eigentum?“, fragte er und lachte dann freudlos. „Da haben Sie sich geschnitten, Mann.“
„Ich will, dass Sie weiterhin Schnaps für mich brennen. Sie können machen, was zur Hölle Sie wollen, solange Sie mir nicht an den Karren pissen, Fin.“, sagte er entschieden.
Fin musterte ihn erneut. „Na schön…Sie wirken auf mich nicht wie der typische, dümmliche Gangsterboss. Was mich zu der Frage bringt, wie Sie wohl durchsetzen wollen, was Sie verlangen?“
Mason zuckte die Schultern. „Ich habe zwei Frauen, die beide behaupten, Sie zu lieben.“, sagte er und erkannte in Fins blauen Augen zum ersten Mal ein Anzeichen von Angst. „Wenn es nach mir geht, würde ich keine von ihnen umbringen…aber das hängt natürlich auch von Ihnen ab.“
„Sie bluffen.“
Mason trat dichter an ihn heran. „Sehen Sie mich an, Fin. Glauben Sie wirklich, dass ich lüge?“ Er hatte Logan vorher bei Kate Dearings Wohnung abgesetzt, damit dieser Fins Freundin im Auge behielt. Zwar hatte er ihm nicht gesagt, er solle ihr Gewalt antun, allerdings war Riley Young bereits vor ihm dort gewesen. Mason wusste, dass Riley leichter zu reizen war als Logan, aber auch Riley würde sie niemals umbringen, wenn er nicht direkte Anweisung dazu erhielt.
Fin sah ihn an. Einige Sekunden lang. Schließlich stöhnte er wütend auf. „In Ordnung.“, gab er nach. „Lassen Sie die Frauen gehen. Und auch Rhys, den Sie wahrscheinlich ebenfalls haben.“
Mason nickte leicht. „Der Russe interessiert mich nicht, ist nicht gerade clever.“, sagte er und verschwieg, dass er nicht einmal sicher sagen konnte, ob der Mann überlebte.
„Er ist mein Freund.“
„Ein Freund, der Sie verraten hat.“, erinnerte Mason ihn. Er konnte sehen, dass diese Vorstellung Fin nicht gefiel. Er konnte sehen, dass ihn der Verrat verletzte. Dennoch schien es ihn nicht zu brechen und er sah ebenfalls nicht danach aus, als wolle er sich dafür an dem Russen rächen. „Wie auch immer.“, fuhr er also fort. „Sie kommen mit mir nach New Orleans und werden dort weiterhin Ihre Arbeit machen. Sie beliefern mich, ausschließlich mich. Und niemand hat ein Problem.“
„Wenn ich mit Ihnen komme…dann lassen Sie Kate und Rachel in Ruhe?“
„Wie könnte ich dann sicher sein, dass Sie machen, was ich von Ihnen verlange?“
Fin atmete schwerer, versuchte aber, seine Sorge zu überspielen. „Also dann…Was ist Ihr Plan um dieses Problem zu lösen?“
Mason lächelte. „Ehrlich gesagt, hat Ihre kleine Freundin mich darauf gebracht.“, gestand er aufrichtig. „Sie hat mir vorgeschlagen, mit mir zu kommen.“
„Das würde Kate niemals tun.“
Masons Lächeln wurde zu einem Lachen. „Nein, Kate leistet Widerstand. Rachel hingegen hat mir versichert, sie würde dahin gehen, wo Sie sind. Und ich könnte mir denken, dass Sie ein wenig kooperativer werden, wenn Sie wissen, dass Rachel macht, was auch immer ich ihr sage.“
Fin überlegte einen Moment, während er versuchte, seine Miene unter Kontrolle zu bringen. „Wenn ich mit komme, dann lassen Sie Kate in Ruhe und Rachel wird mit uns kommen?“, fragte er, um es wirklich zu verstehen.
„Sie haben mein Wort darauf.“
„Und das ist sicherlich viel wert.“, erwiderte Fin auflachend.
Masons Miene wurde hart. „Sie scheinen sich mit der Mafia und den Gangsterbossen an sich nicht gut auszukennen, Fin.“, sagte er. „Wir sind Ehrenmänner. Zumindest bei mir können sie sich darauf verlassen. Das habe ich immer schon mit der Cosa Nostra gemeinsam gehabt.“
„Haben Sie nicht eben noch behauptet, nicht zur Mafia zu gehören? Klingt für mich aber verdammt danach, Mann.“
„Und dann hätte ich meinen eigenen Schmuggler umgebracht?“, fragte Mason zurück.
„Sie bedrohen gerade Ihren eigenen Lieferanten.“, erinnerte Fin ihn. Er zuckte die breiten Schultern. „Gleiches Prinzip, würd ich sagen.“
Mason musste sich über diesen Einwand das Lachen verkneifen, grinste jedoch. Fin war in jedem Fall clever und nicht auf den Mund gefallen. Mason verstand, weshalb sich alle, die er kannte, für ihn eingesetzt hatten. Auch er fand ihn sogleich sympathisch. „Hören Sie, Fin. Sie können gerne weiterhin in mir den Bösen sehen, aber die Wahrheit ist, dass ich Ihnen Ihren armseligen Arsch rette, indem ich Sie hier raus hole. Also schlucken Sie Ihren dämlichen Stolz herunter und arrangieren sich mit der Situation.“
Fins Hände ballten sich zu Fäusten, aber er nickte. „Ok.“
„Gut, dass Sie schon gepackt haben.“, sagte Mason und deutete zu dem Koffer, der etwas weiter hinter ihm stand. „Offenbar haben Sie wohl Ihre Freundin, nicht den Russen erwartet.“ Augenblicklich verstand Mason, warum Fin keinerlei Rachegefühle gegenüber Rhys hatte. Er selbst hatte geplant, ohne den Kumpel unterzutauchen. „Tja…Verrat. So etwas gibt es bei mir und meinen Leuten auch nicht.“ Er drehte sich um und ging auf die Hintertür zu, wissend, dass Finlay Bates ihm folgen würde. „Brauchen Sie hiervon noch irgendetwas?“, fragte er dann und sah sich noch einmal Materialien und Gerätschaften an. „Sollen wir alles mitnehmen oder ist das nicht nötig?“
Fin blickte ihn verwundert an. „Wenn wir alles mitnehmen, sparen wir uns auf jeden Fall Zeit und Aufwand, denk ich.“, antwortete er ehrlich. „Was ist mit Rhys? Wird er mitkommen?“
Mason seufzte, beinahe sicher, dass die Young-Brüder ihn mittlerweile hatten sterben lassen. „Wozu hatten Sie ihn überhaupt? Ich bin sicher, dass Schnapsbrenner wie er heutzutage an jeder Straßenecke zu kriegen sind.“
Fin musste gegen seinen Willen grinsen, weil Mason nicht gerade Unrecht hatte. „Er hat die Materialien besorgt.“, antwortete Fin also ehrlich. „Seine Familie sind Bauern und haben uns immer mit der nötigen Gerste versorgt.“
Mason nickte verstehend. „Wollen Sie ihn mitnehmen?“, fragte er dann. „Wenn Sie wollen, dann machen wir es so…solange er noch lebt.“
Fin nickte leicht. „Ich kann mit ihm arbeiten. Wir sind aneinander gewöhnt.“, antwortete er und hoffte, seinem Freund damit das Leben retten zu können.
„Dann sollten wir keine Zeit mehr verschwenden.“, sagte Mason und ging weiter. Fin folgte ihm wortlos.