Читать книгу P=NP - Erich Rast - Страница 6
Moritz Blau hat einen schlechten Tag
ОглавлениеMoritz Blau war bei seinen Kollegen beliebt. So mancher Programmierer war selbstgelernt oder miserabel ausgebildet, andere arrogant oder schwer ins Team zu integrieren, ihn hingegen mochten alle, er war umgänglich, vernünftig, lud keinen Müll ins Git-Verzeichnis hoch, in dem die Änderungen am Entwicklungsprojekt verwaltet wurden, und man hielt ihn für ausgesprochen kompetent. Sie programmierten größere Projekte, Software für mittelständische Unternehmen mit vielen Schnittstellen zu bestehenden System und Datenbanken, und in letzter Zeit sogar mit Apps für Android und iOS Handys, da konnte man sich keine schwarzen Schafe und Mimosen leisten, die kryptische Programme schrieben oder ihre Funktionen nicht dokumentierten. Er jedenfalls machte keine solche Schwierigkeiten, alle auf Arbeit mochten ihn, und auch was sein Privatleben anging, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, sich jemals irgendwelche Feinde gemacht zu haben. Die Zeiten, zu denen er mit seinem besten Freund Alex auf Counterstrike-Servern Scherze getrieben und getrollt hatte, waren längst vorbei, und er war nicht der Typ, der sich im Internet herumtrieb, um andere zu beschimpfen.
Um so schockierter war Moritz daher, als er nach Hause kam und die Wohnung in einem Zustand vorfand, als habe in ihr ein Tornado gewütet. Alle Schränke und Schubladen waren aufgerissen, ihr Inhalt auf dem Fußboden verstreut, Matratzen und Bettzeug aufgeschnitten, dass der Schaumstoff herausquoll und jeden Quadratzentimeter des Schlafzimmers bedeckte, ja selbst die Küche hatten sie nicht ausgelassen. Geschirr und Töpfe lagen herum, zusammen mit aufgeplatzten Reistüten und Cornflakes, und die Schränke standen sperrangelweit offen.
Kathrin stürmte auf ihn zu, als er eintrat. »Moritz, was bin ich froh, dass du zurück bist! Ich habe versucht, dich zu ereichen und du bist nie rangegangen.«
Sie schien geweint zu haben und fiel ihm um den Hals. Er tätschelte ihr etwas unbeholfen über den Rücken, das ungewohnte Ambiente beschäftigte ihn. Seine Mutter behauptete immer, er litte unter einem Asperger Syndrom, aber das war Schwachsinn. Er hatte nur eben die Angewohnheit, sich auf jeweils nur eine Aufgabe zu konzentrieren, war kein guter Multitasker, und an diesem Abend prasselten die Eindrücke zu schnell auf ihn ein.
»Herr Blau? Moritz Blau? Erkundigte sich ein Schutzpolizist in Uniform und stiefelte über einen Berg Schuhe und Winterklamotten, den die Einbrecher feinsäuberlich über den Gang verstreut hatten, der die drei Zimmer der Wohnung mit dem Bad und der Küche verband.
»Ja?«
»Ihre Freundin hat uns gerufen. Sie sind der Hauptmieter, ja?«
»Ja ja. Was ist denn passiert? Kathrin, du hast die Einbrecher doch hoffentlich nicht überrascht?«
»Nein, nein, zum Glück nicht. Gute Güte, ich war bloß zwei Stunden an der Uni, wieso brechen die ausgerechnet bei uns ein?«
»Herr Blau«, hakte der Polizist nach. »Wir müssen sie bitten, die Wohnung noch in diesem Zustand zu lassen. Die Kollegen von der Kriminalpolizei kommen gleich und möchten sicher Fotos machen und nach Fingerabdrücken suchen.«
»Oh ja, natürlich. Mein Gott, Einbrecher, hier in Pasing? Kommt das denn oft vor?«
»Leider immer wieder, Herr Blau. Das sind meistens professionelle Banden.«
Eine Polizistin mit blonden, zum Zopf gebundenen Haaren kam aus dem Wohnzimmer. »Sieht so aus, als ob die Elektrogeräte mitgenommen haben, da stecken noch Kabel und Netzteile in der Steckdose.«
»Oh Scheiße!«, fluchte Moritz und stellte in dem Verhau seine Umhängetasche ab. Er hatte sich gerade erst einen nagelneuen PC gekauft, einen verdammt schnellen Desktoprechner, den er für seine Hobbyprojekte verwandte. Kathrin war dagegen gewesen, der Computertisch ging bei Besuch im Weg um, störte ihr ästhetisches Empfinden, und ihrer Meinung nach hätte ein neuer Laptop auch gereicht. Aber er hatte den Kauf Kraft seiner Autorität als studierter Informatiker mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, größere Opensourceprogramme in C++ kompilieren zu müssen, was eine Menge Rechenpower erforderte. Von der mächtigen und nicht gerade billigen Grafikkarte hatte er ihr allerdings nichts erzählt. In Wahrheit hatte er vorgehabt, mal wieder mit Alex online Spiele zu zocken. Er wohnte ebenfalls in Pasing, gar nicht weit weg von ihrer neuen Wohnung, aber Moritz sah ihn viel zu selten, und es war schon immer einfacher gewesen, seinen verschrobenen Freund online zu treffen. Manchmal trauerte er den alten Zeiten nach, als er noch Single gewesen war und sich mit Alex und anderen Freunden in diversen Teams die Nächte um die Ohren geschlagen hatte. Nun gut, diesen Versuch, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, konnte er erst mal vergessen; ein kurzer Blick ins Wohnzimmer bestätigte den Verdacht. Natürlich hatten die Einbrecher das tolle neue Gerät mitgenommen, sonst wären sie ja auch schön dumm gewesen, denn von all den Sachen in ihrer Wohnung war der PC zweifelsohne der wertvollste.
»So ein Saustall«, kommentierte Kathrin den Verhau. »Wir werden tagelang aufräumen müssen. Tut mir wirklich leid mit deinem Computer ...«
»Haben sie eine Hausratversicherung? Haben sie ihre Wertgegenstände aufgelistet?«, erkundigte sich die Polizistin, die ihnen gefolgt war. Sie trug Handschuhe, so professionell war die Schutzpolizei immerhin, schien sich für den Einbruch aber nicht allzu sehr zu interessieren.
»Ich weiß nicht«, murmelte Moritz, noch immer ein wenig benommen. Wie sehr sich die vertraute Umgebung doch änderte, wenn man bloß alles auf den Boden warf. Er hatte gar nicht das Gefühl, in seiner eigenen Wohnung zu sein.
»Ja, wir haben die Einzugsliste vom Umzug«, erklärte Kathrin an seiner Stelle. »Und ich glaube, die Versicherung zahlt die Schäden. Die Rechnungen haben wir ja auch, oder Moritz?«
»Oh klar«, bestätigte Moritz und dann fiel ihm ein, dass er die Rechnung für den PC als PDF auf dem Gerät selbst gespeichert hatte. Aber wenigstens war er mit dem Überspielen der Daten noch nicht fertig geworden, er hatte also die Back-ups von seiner alten Maschine und konnte nicht viel Arbeit verloren haben. Er arbeitete nämlich an einem Retro-Spiel, einem Jump&Run Plattformspiel wie aus den Achtzigerjahren und hatte schon eine Menge Zeit in die Engine investiert, die für die Grafik zuständig war. Ein kurzer Blick in die offene Umzugskiste jedoch sorgte für Ernüchterung: Die Festplatten mit den Sicherheitskopien hatten sie ebenfalls eingepackt. Glücklicherweise zog er auch Online-Back-ups, nur nicht so regelmäßig. Mehrere Wochen Arbeit in seiner spärlichen Freizeit waren futsch.
Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Oh Mann. Warum ausgerechnet bei uns? Sehen wir etwa reich aus?«
Kathrin legte den Arm um seine Hüfte und tröstete ihn: »Die Versicherung zahlt bestimmt. Wir kaufen dir einen neuen Computer und in zwei Wochen ist die Sache vergessen.«
»Ein besseres Schloss würde ich ihnen auch empfehlen«, fügte der erste Polizist hinzu. »Die haben anscheinend keine Probleme gehabt, es zu knacken.«
Jemand klopfte an der offenstehenden Außentür und trat ohne weitere Nachfragen ein. Moritz sah nach und stand einem etwa Ende fünfzig Jahre alten, leicht untersetzten Mann mit Schnauzbart in dunklem Wintermantel und Schal gegenüber, der ihn an seinen ehemaligen Mathelehrer erinnerte. Hinter ihm zwängte sich ein jüngerer, etwa Anfang dreißigjähriger Mann in Jeans und Bomberjacke durch die Tür. Er war sehr hager, wirkte im Gegensatz zum anderen relativ sportlich und trug eine schwarze Wollmütze. Einen Augenblick dachte Moritz, die Diebe seien zurückgekommen, bevor sich der ältere vorstellte: »Herr Blau?«
Er nickte.
»Ich bin Kriminalhauptkommissar Fischer und das ist mein Kollege Kommissar Rauch vom Dezernat für Einbruch und Bandenkriminalität. Wir sind doch hier richtig?«
Er hielt ihm einen Dienstausweis vor die Nase, der erstaunlich leicht fälschbar aussah, und Moritz fragte sich, wie er überhaupt die Authentizität des Dokuments feststellen sollte. Aber er zog es sowieso gleich wieder weg, steckte es ein, und wandte sich mit dem typischen Singsang eines gebürtigen Münchners an die Polizistin. »Die Rumänen?«
Diese zuckte mit den Schultern. »Eher nicht, die haben alles durchgewühlt und komischerweise trotzdem nur die Computer mitgenommen.«
»Sie sehen gar nicht wie ein Kommissar aus«, meinte Moritz ein, der doch rein interessehalber gerne noch einmal den Dienstausweis gesehen hätte.
»Das ist der Sinn der Sache, Herr Blau«, erwiderte der Mann und hustete schrecklich. »Entschuldigung, hatte eine Erkältung. Also, was haben sie denn mitgenommen?«
»Meinen neuen Computer und alle Sicherheitskopien.«
Der Kommissar ignorierte die Antwort, schien daran gar nicht interessiert zu sein, und untersuchte stattdessen das Schloss. Sein Kollege, der selbst wie ein Kleinkrimineller aussah, trampelte derweilen mit ungeputzten Winterstiefeln auf Kathrins Jacken herum, die mitsamt des Kleiderständers auf dem Boden lagen.
»Herr Blau, haben sie irgendwo Zweitschlüssel hinterlegt? Bei Nachbarn oder Freunden?«
»Nein, nur ich und Kathrin haben jeweils einen Schlüssel. Und der Vermieter, Herr Schmiedmeier, schätze ich.«
»Schmiedmeier heißt der, ja?«, hakte der Kommissar nach. Er schlurfte, ebenfalls mit schmutzigen Schuhen ins Wohnzimmer, während sein Assistent mit einer kleinen, ziemlich billig aussehenden Kamera von der Tür und dem Eingangsbereich Fotos machte. Er grüßte Kathrin und den anderen Polizisten, der ihm ein Klemmbrett mit einem Protokoll reichte. Kommissar Fischer studierte die Notizen und runzelte die Stirn. »Frau ... » Er las ab. »Frau Lange. Also ein PC ist mitgenommen worden, den sie gerade erst gekauft haben, und einige externe Festplatten. Haben sie sonst noch irgendwelche Wertgegenstände im Haus gehabt?«
Kathrin wirkte irritiert, und Moritz wusste warum. Sie regte sich über die Spur aus nassem Schneematsch auf, die der Kommissar und sein Kollege durch ihre Wohnung legten, und fragte sich, ob sie ihm die Leviten lesen sollte. Sie entschied sich angesichts der Umstände dagegen. »Etwas Bargeld in der Küche, für Einkäufe, einen Fernseher und solche Sachen. Meinen Laptop hatte ich dabei, ich war an der Uni.«
Der Kommissar musterte den Flachbildfernseher in der anderen Ecke des Wohnzimmers, der weiterhin an seinem angestammten Platz neben der Couchnische am Fenster thronte, auf die Kathrin bestanden hatte. Moritz selbst fand sie ein bisschen spießig, aber sie war gemütlich, und die Ikeacouch mit hellbeigen Polstern und hellem Holz sah immerhin nicht ganz so altbacken aus. Sie hatten sie zusammen gekauft und liefern lassen, sich jedoch den Aufbauservice gespart. Fast einen Tag lang hatte er herumgeschuftet, bis er das Stück endlich zusammengeschraubt hatte.
»Komisch, dass sie nur den neuen Computer mitgenommen haben, den Fernseher aber stehengelassen haben.«
»Vielleicht hatten sie in ihrem Auto keinen Platz mehr?«, mutmaßte Kathrin.
Der Kommissar hustete schrecklich, rotzte in ein bereits benutztes Taschentuch, und antwortete erst dann gemächlich: »Diese Banden, die für neunzig Prozent der Wohnungseinbrüche in München und Umgebung verantwortlich sind, kommen normalerweise mit einem LKW, der groß genug ist, um alles einzupacken. Sonst wär es das Risiko nicht wert.«
»Sagen sie mal, sollten sie nicht Fingerabdrücke nehmen? Kommt die Spurensicherung noch?«, mischte sich Moritz ein.
Der hagere Assistent des Kommissars gluckste in sich, ihn schien die Bemerkung köstlich zu amüsieren. Sein Chef hingegen blieb zumindest ernst, er wirkte eher gelangweilt und leierte eine Antwort herunter, die er vermutlich schon hundertmal gegeben hatte: »Bei Wohnungsgeinbrüchen lohnt sich das kaum, die Einbrecher tragen entweder Handschuhe oder sie sind arme Junkies, die wir dann erwischen, wenn sie die Wertgegenstände verhökern. Die Profis fahren die Beute sowieso direkt ins Ausland, da ist die Aufklärungsquote leider niedrig.«
Die beiden fragten sie noch eine Weile aus, nachdem die Streifenpolizisten schon wieder abgezogen waren, und Moritz kam sich mit jeder Minute mehr wie ein Beschuldigter vor. Als Kommissar Fischer sich dann mehrmals laut seinem Kollegen gegenüber wunderte, dass die Wohnungstür gar nicht aufgebrochen war, konnte er seinen Zorn nicht mehr bändigen und wollte wissen, ob denn nun sie die Verdächtigen seien. Der Kriminalpolizist beschwichtigte ihn, wies darauf hin, dass möglicherweise ein Zweitschlüssel gestohlen worden sei, und schon ein paar Minuten später zogen die beiden wieder ab. Zum Abschied erklärte er ihnen noch einmal, dass die Aufklärungsquote sehr gering war und sie am besten gleich eigene Fotos machen und mit der Versicherung sprechen sollten, wenn sie einen Teil ihrer Ausgaben für den PC überhaupt je wiedersehen wollten. Er warnte sie, dass die Versicherungsgesellschaft möglicherweise ihre eigenen Nachforschungen anstellen würde, und er und sein Kollege machten ich auf den Weg. Die ganze ›Untersuchung‹ hatte nicht länger als zwanzig Minuten gedauert.
»So ein Arschloch«, kommentierte Kathrin den Abgang der beiden lustlosen Polizisten. »Er glaubt, dass wir die Versicherung betrügen wollen! Wer kauft denn einen neuen Computer, und behauptet dann, er sei ihm gestohlen worden?«
Moritz zuckte mit den Schultern. Er hätte sich zumindest erhofft, die beiden nähmen ein paar Fingerabdrücke ab, statt mit bloßen Händen durch ihre Sachen zu wühlen und den Schneematsch in die Wohnung zu tragen, aber er konnte dem Kommissar kaum verübeln, den Verdacht angedeutet zu haben. So lief das doch, man musste mögliche Täter nervös machen; jedenfalls war das so in den Krimi-Serien, die er kannte. »Er hat ja recht. Gut, dass wir eine Hausratsversicherung abgeschlossen haben. Wir sollten wirklich schnell bei der Versicherung anrufen, damit alles seine Ordnung hat. Und was diese Andeutung angeht: Wir haben ja keinen Betrug angezettelt, also kann uns das egal sein. Die Versicherungsgesellschaft soll ruhig nachforschen, Hauptsache ich bekomme wenigstens einen Teil von den Kosten zurückerstattet.«
»Trotzdem unerhört, finde ich.«
Sie schossen ein paar Schnapsschüsse mit ihren Telefonen und machten sich dann gemeinsam an die unrühmliche Aufgabe, den Saustall wieder aufzuräumen. Dabei ging Moritz die Tatsache nicht mehr aus dem Kopf, dass die Wohnungstür keinerlei Einbruchsspuren aufwies. Schon die Schutzpolizistin hatte ihnen erklärt, dass auch Schlosserwerkzeuge normalerweise an der Außenseite des Schlosses Kratzer hinterließen, von denen in diesem Fall nichts zu sehen gewesen war, und sie hatte den Mechanismus sogar mit einer Taschenlampe untersucht, die UV-Licht ausstrahlte. Die beiden ›Experten‹ von der Kripo waren da weit weniger professionell vorgegangen. Moritz nahm sich vor, gleich am nächsten Morgen oder vielleicht noch diesen Nachmittag das Schloss gegen ein komplett neues, sichereres austauschen zu lassen.