Читать книгу Liebe gibt es nicht zum Nulltarif - Ernst-Günther Tietze - Страница 4

Unfall

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Freitag um 7 Uhr parkte Jannik seinen Wagen gegenüber dem Haus am Altengammer Hauptdeich und beobachtete den Eingang. Auf der Straße herrschte ziemlicher Verkehr, deshalb hatte er den Wagen halb auf den Radweg gestellt. Wirklich kam um ½ 8 seine Tochter aus der Tür, packte die Schultasche aufs Fahrrad und fuhr los. Er wartete einen Moment, bis er hinüber ging und an der Wohnung klingelte. „Du?“, rief Sonja erstaunt und wollte die Tür zuschlagen, doch er hatte seinen Fuß dazwischen. „Entschuldige den Überfall“, sagte er höflich, „aber ich möchte gerne mit dir reden, wie es mit uns weiter gehen soll, denn ich weiß ja überhaupt nicht, was du vorhast.“ „Dann komm‘ rein“, war die Antwort, „hat meine Mutter dir gesagt, wo wir sind?“ „Nein, sie hat sich geweigert und ich habe diesen Ort über Eduards Laden heraus bekommen.“

Sonja musste einen Moment nachdenken, bevor sie zu einer Antwort fähig war: „Ich kann dir nur sagen, dass ich ein neues Leben begonnen habe …“, begann sie, doch er fiel ihr ins Wort: „Ja, mit Eduard Puttfarken, ist er wenigstens gut im Bett?“ „Du bist noch dasselbe Scheusal wie früher“, schrie Sonja ihn an. „Ja, ich habe dich seinetwegen verlassen und will nichts mehr mit dir zu tun haben. Mein Anwalt hat dir das ja wohl deutlich genug mitgeteilt. Und nun verschwinde aus meiner Wohnung, sonst lasse ich dich durch die Polizei rauswerfen.“ „Immerhin stehen meine Möbel drin, die du mir gestohlen hast. Und wegen Melanie wirst du bald etwas vom Gericht hören“, antwortete er wütend, als Sonja ihn aus der Tür drängte. Sich mit ihr schlagen wollte er nicht und so ging er erregt zu seinem Auto. Plötzlich hörte er ein lautes Quietschen, fühlte einen harten Schlag und verlor die Besinnung.

Sonja hatte ihrem Mann aus dem Fenster nachgeschaut, sie sah ihn auf die Straße taumeln und gleich danach den Porsche, der viel zu schnell angerast kam, wie es hier leider üblich war. Sie hörte das Quietschen der Reifen und sah Jannik durch die Luft fliegen und aufs Pflaster knallen. Da war aller Streit vergessen, sie griff zum Telefon und rief die 112 an. „Verkehrsunfall am Altengammer Hauptdeich 132, ein Schwerverletzter“, rief sie in den Hörer, dann hastete sie auf die Straße. Jannik lag bewusstlos auf dem Pflaster, er blutete an der Schläfe und auch an der Seite unter der zerrissenen Kleidung. Seine Brille war zerbrochen, ein Glassplitter steckte dicht unter dem linken Auge, auch dort floss Blut heraus. Zum Glück atmete er. Der junge Porschefahrer saß unter Schock in seinem Wagen. Nach fünf Minuten war der Rettungswagen da und die Sanitäter nahmen Jannik vorsichtig auf die Trage. „Bringen Sie den Verletzten bitte nach Geesthacht ins Johanniter-Krankenhaus, dort arbeitet seine Mutter als Operationsschwester“, bat sie. „Eigentlich müssten wir ihn nach Bergedorf bringen, aber ich glaube, Geesthacht ist näher und die Mutter ist ein guter Grund.“, sagte der Fahrer, bevor der Wagen abfuhr.

Sonja wusste gar nicht, warum sie Janniks Mutter ins Spiel gebracht hatte, irgendwie hatte sie sich an das gute Verhältnis erinnert, das sie stets zu dieser liebevollen Frau hatte. Deshalb rief sie das Johanniter-Krankenhaus an und fragte nach Maria Wieland. Die war bald am Telefon und staunte, als Sonja sich meldete. Sonja gab ihr nur schnell die Information über Janniks Unfall und dass er zu ihr gebracht werde, dann musste sie wieder auf die Straße, denn die Polizei war eingetroffen. Sie gab an, was sie gesehen hatte, der Porsche sei so schnell gefahren, dass Jannik überhaupt keine Chance gehabt hätte. Aus den Bremsspuren ermittelten die Beamten die viel zu hohe Geschwindigkeit des Wagens und nahmen dem Fahrer den gerade zwei Wochen alten Führerschein ab. Sie riefen seinen Vater an, dem der Wagen gehörte, dass er ihn abholen sollte. Als Sonja wieder in der Wohnung war, überlegte sie, warum sie sich so eifrig um den verunglückten Jannik gekümmert hatte. Sicherlich hätte sie das auch bei einem Fremden getan, aber bestimmt nicht so intensiv. Fühlte sie im Innersten doch noch etwas für ihn? Auf jeden Fall wollte sie sich am Abend bei seiner Mutter nach ihm erkundigen.

Maria Wieland reservierte nach Sonjas Anruf sofort einen Operationssaal und informierte den Chefarzt der Chirurgie. Dann lief sie zur Aufnahme, wo gerade der Rettungswagen eintraf. Jannik war noch immer bewusstlos und wurde vorsichtig auf einen Transportwagen umgebettet. Im OP befreite Maria ihn von den zerrissenen Kleidern, da traf auch schon der Chirurg ein und schaute den Patienten an. Am Kopf hatte er eine dicke Beule und an der linken Seite eine blutende Wunde. Der Glassplitter steckt auch noch immer unter dem linken Auge. „Zuerst entfernen wir vorsichtig den Splitter, dann versorgen wir die Wunden notdürftig und schicken ihn zunächst durch den CT“, bestimmte der Arzt, „ich muss wissen, ob er innere Verletzungen hat.“ Mit dem Röntgenarzt betrachteten sie die Bilder. „Der Kopf scheint in Ordnung zu sein, ich hoffe, das Auge hat keinen Schaden genommen, wir lassen es nach der Operation vom Ophthalmologen untersuchen. Der Mann hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und ist deshalb bewusstlos. Das wird sich irgendwann von selbst geben“, stellte der Chefarzt fest. „Schlimmer sind die drei gebrochenen Rippen, die den linken Lungenflügel verletzt haben.“ „Und schauen sie hier, die Milz hat einen Riss“, fügte der Röntgenarzt hinzu. „Danke, jetzt weiß ich, was wir operieren müssen, das wird Dr. Wilhelm mit einem Assistenten machen, bereiten Sie alles vor“, sagte der Chef zu Maria, die das Nötige veranlasste.

Die Operation dauerte anderthalb Stunden, dann untersuchte ein Augenarzt das Auge mit einem Lichtstrahl und einer Lupe und meinte, im Moment könne er keinen Schaden feststellen, müsse es aber noch mal genau prüfen, wenn der Patient bei Bewusstsein sei. Vorerst müsse schon wegen der Wunde ein Verband drauf. Jannik bekam einen dicken Verband um den Kopf, der auch das linke Auge bedeckte, und seine linke Körperseite war ebenfalls dick bandagiert. So wurde er in die Intensivstation gebracht. Maria hatte die ganze Zeit nur als Operationsschwester agiert, erst als sie jetzt an seinem Bett saß, wurde ihr klar, dass es ihr Sohn war, der da lag, die ganze Freude ihres Lebens. „Gott, hab‘ Dank, dass du ihn mir erhalten hast“, dachte sie, „und lass ihn bald wieder gesund werden.“ Dann wurde sie zu einer neuen Operation gerufen und musste wieder perfekt funktionieren. In der Mittagspause fiel ihr ein, Janniks Firma über den Unfall zu informieren. Sie wurde mit Klaus Bollmann verbunden und berichtete ihm über Janniks Unfall. Seine Frage nach Janniks Wagen konnte sie nicht beantworten, sie wollte aber versuchen, den Rettungswagen zu erreichen, der ihn gebracht hatte, und nach dem Unfallort zu fragen.

Nach dem Essen schaute sie wieder nach ihrem Sohn, er war aufgewacht und freute sich, die Mutter zu sehen, konnte sich aber an nichts erinnern. Sie erzählte ihm, dass er vor Sonjas Haustür einen Unfall gehabt habe und Sonja den Rettungswagen gerufen und in dieses Krankenhaus geschickt habe. Da erinnerte er sich an den Besuch bei ihr und den Streit. „Ja, es war noch schlimmer als früher, sie hat mich regelrecht aus der Wohnung geworfen. Dabei wollte ich doch nur von ihr wissen, wie es mit uns weiter gehen soll. Offenbar war ich so durcheinander, dass ich einfach auf die Straße getorkelt bin, ohne auf den Verkehr zu achten.“ „Das musst du der Polizei aber nicht auf die Nase binden, die dich sicherlich noch zum Unfall befragen wird“, riet die Mutter, dann wurde sie wieder an die Arbeit gerufen. „Falls Sonja sich noch mal meldet, bitte sie doch, mir mal die Melanie her zu schicken, ich habe große Sehnsucht nach ihr“, konnte er gerade noch sagen.

Sonja versuchte den ganzen Vormittag, weiter an ihrem Projekt zu arbeiten, doch immer wieder liefen ihr die Gedanken zu Jannik fort. Sie war ja wohl mit ihrer abweisenden Haltung Schuld an seinem Unfall. Das musste ihn schwer getroffen haben, so wie er ohne zu schauen auf die Straße getaumelt war. Und ihre Lüge gegenüber Melanie bereitete ihr auch noch immer ein schlechtes Gewissen. „Himmel“, fiel ihr ein, „das Kind kommt ja bald aus der Schule, ich muss Mittag machen.“ Als sie am Herd stand, beschloss sie, Melanie die Wahrheit zu sagen, dass Papa und sie sich gestritten hätten, und ihr auch über den Unfall zu berichten. Sie kam gar nicht von selbst dazu, denn gleich als die Tochter durch die Tür kam, fragte sie. „Hast du immer noch nichts von Papa gehört?“ Beim Essen berichtete sie: „Ja, Papa war hier und leider haben wir uns wieder gestritten, wie immer in der letzten Zeit. Deshalb sind wir ja hierher gezogen, denn ich glaube, wir passen einfach nicht zusammen. Und dann ist er hier auf der Straße von einem Verrückten angefahren worden und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Aber er ist dort bei Oma Maria.“

Melanie begann zu weinen. „Ist es sehr schlimm?“, fragte sie. „Ich weiß es noch nicht, er ist erst vor kurzem eingeliefert worden und wird jetzt operiert“, sagte die Mutter leise. „Ich muss ihn besuchen, damit er ganz schnell wieder gesund wird“, antwortete das Mädchen eifrig, „wann fahren wir zu ihm?“ „Das geht sicherlich nicht gleich nach der Operation, aber ich will nach dem Essen anrufen“, versprach die Mutter. Doch die Tochter hatte noch etwas auf dem Herzen: „Du sagst, Papa und du, ihr passt nicht zusammen, wollt ihr euch scheiden lassen? Und heiratest du dann Onkel Eduard, du liebst ihn doch schon ganz richtig?“ Sonja zuckte zusammen, das Mädchen hatte wohl viel mehr mitbekommen, als ihr lieb war, denn bisher glaubte sie, ihr Verhältnis mit Eduard vor ihr geheim gehalten zu haben. Das war alles im Moment zu viel für sie, deshalb sagte sie nur: „Das ist alles noch völlig offen, ich muss mit Papa darüber sprechen, wenn er wieder gesund ist. Und nun geh‘ an die Hausaufgaben.“ Doch Melanie hatte noch etwas auf dem Herzen: „Wenn du Papi nicht mehr liebst, ist das deine Sache. Aber ich habe ihn gern und lasse mich nicht von ihm trennen. Ich will möglichst bald bei ihm sein und ihm das sagen“, sagte sie ziemlich heftig.

Nach dem Abwasch rief Sonja die Klinik an, doch Maria war bei einer Operation, da bat sie um Rückruf. Dann musste sie sich erst mal setzen, denn ihr wurde brennend klar, wie sehr die Tochter am Vater hing, und dass sie über ihr Verhältnis mit Eduard Puttfarken genau Bescheid wusste. Offenbar wusste sie auch, dass sie mit ihm schlief, ihre Worte „du liebst ihn doch schon ganz richtig“, sagten genug. „Wie konnte sie das gemerkt haben“, fragte sie sich, er kam doch nur vormittags, wenn Melanie in der Schule war? Doch dann fiel ihr ein, dass er sie nach dem Einzug hier abends besucht hatte und sie bei einer Flasche Sekt die neue Wohnung gefeiert hatten. Danach hatten sie sich natürlich intensiv geliebt, bevor er sie verließ, das musste Melanie mit bekommen haben.

Das Mädchen wusste ja Bescheid über Sexualität, erinnerte sich Sonja. Zwar hatte sie sich immer gescheut, mit ihr über dies Thema zu sprechen, aber vor zwei Monaten hatte sie vom Sexualkundeunterricht in der Schule erzählt und gefragt, ob Papa und sie sich umarmt und richtig geliebt hätten, damit sie geboren wurde. Sie hatte das bestätigt und wehmütig an die Zeiten gedacht, als sie die Liebe mit Jannik noch genossen hatte.

Sie fand erst wieder aus ihren Gedanken heraus, als Maria anrief und über Janniks Zustand berichtete. Sonja fragte, wann sie kommen könnten, Melanie wolle unbedingt ihren Vater besuchen. Heute nicht, antwortete Maria, auf der Intensivstation seien keine Besuche zugelassen. Eventuell sei es schon morgen Nachmittag möglich, sie werde sich melden. Weil ihr die Frage nach dem Wagen einfiel, bat sie die Schwiegertochter, zu schauen, ob da irgendwo ein einsames Auto stehe. Ja, sagte Sonja, als sie aus dem Fenster geschaut hatte, drüben stehe ein silberweißer BMW. Maria bat sie, nach der Nummer zu schauen, und stellte dann anhand der Zulassung aus Janniks Papieren fest, dass es sein Wagen war. Nachdem sie die Adresse erfragt hatte, dankte sie Sonja und versprach, sich auf jeden Fall morgen zu melden. Dann rief sie Klaus Bollmann an und gab ihm den Standort des Wagens durch.

Nach einer halben Stunde war er bei ihr, um Schlüssel und Zulassung zu holen. Für kurze Zeit ermöglichte sie ihm einen Blick auf Jannik, der zwar dick verbunden war, aber ruhig schlief. „Meinen Sie, dass es mit ihm und seiner Frau noch etwas wird?“, fragte Klaus. „Sicherlich nicht, wenn Sie Jannik weiter so verheizen“, antwortete Maria ärgerlich. „Keine gesunde Frau erträgt es auf die Dauer, jede Nacht alleine im Bett zu liegen und von der Liebe nur zu träumen, ganz abgesehen von der Haushaltsführung und der Erziehung des Kindes, die sie alleine bewältigen muss. Sie haben Jannik doch regelrecht verheizt, indem Sie ihn ständig im Ausland schickten.“ „Ja, er ist halt unser bester Mann. Immer, wenn es irgendwo brannte, konnten wir ihn bedenkenlos hinschicken, er brachte die Sache in Ordnung.“ „Ich denke, das müssen Sie in Zukunft ändern“, fügte Janniks Mutter hinzu. „Falls seine Frau auch nur ein kleines Signal gibt, dass sie noch an ihm interessiert ist, muss er sich grundlegend ändern, denn ich glaube, er liebt sie noch immer. Und er wird Ihnen ohnehin eine ganze Weile fehlen, denn vor vier Wochen kommt er hier nicht raus und danach sollte er erst mal einen Erholungsurlaub nehmen.“ „Ich werde darüber nachdenken“, sagte Klaus zum Abschied.

Nachdem der Augenarzt Samstag-Vormittag Janniks linkes Auge mit verschiedenen Tests gründlich untersucht hatte, gab er Entwarnung: Das Auge hatte keinen Schaden durch den Glassplitter erlitten. Jannik wurde in ein normales Krankenzimmer verlegt und Maria rief ihre Schwiegertochter an, sie könnte mit Melanie am Nachmittag vorbei kommen, sollte aber bei Jannik jede Aufregung vermeiden. „Ich weiß, dass Jannik dich schwer vernachlässigt hat“, sagte sie, als Sonja sie vor dem Krankenzimmer begrüßte, „doch ich finde es völlig unangemessen, dass du ihm die ganze Wohnung ausgeräumt hast.“ „Ich wollte es ja auch nicht, aber meine jetzige Wohnung war vollkommen leer und mein Vater und mein Freund haben einfach alles rausgeschleppt, ohne mich überhaupt zu fragen“, antwortete Sonja verschämt. „Ich habe mir schon gedacht, dass du einen Freund hast. Haben die beiden denn auch sein Konto geplündert oder warst du das?“, fragte die Mutter ziemlich scharf, worauf Sonja wortlos zu Boden blickte. Als Melanie im Krankenzimmer ihren Vater dick verbunden sah, traute sie sich nicht, zu ihm zu gehen, doch Maria sagte, sie könne ihn ganz vorsichtig begrüßen. Da drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange. Sonja gab ihm vorsichtig die Hand. Maria dachte sich, dass die beiden Eltern unter vier Augen miteinander sprechen wollten und sagte zu Melanie, sie wolle ihr die Klinik zeigen.

„Entschuldige bitte, dass ich dich gestern so fies behandelt habe“, sagte Sonja verlegen, „ich glaube, damit habe ich deinen Unfall verschuldet, denn du warst ja völlig durch den Wind.“ „Nun ja, ich war ja auch nicht sehr vornehm zu dir mit meiner Frage nach Eduards Liebesfähigkeit, damit habe ich dich doch direkt provoziert. Bitte entschuldige mich auch.“ „Ich glaube, wir brauchen uns nichts vorzuwerfen, ich will dir aber deine Frage ehrlich beantworten: Ja, Eduard ist ein wundervoll zärtlicher Liebhaber und ich fühle mich zum ersten Mal als Frau verstanden. Verzeih‘ mir, dass ich das so offen sage, aber du sollst wissen, was mir außer deiner ständigen Abwesenheit auch noch gefehlt hat.“

Jannik atmete schwer, dann hatte er sich gefangen. „Ich danke dir für deine offenen Worte. Maria hat mir gestern klar gemacht, dass vor allem ich an unseren Problemen schuld bin. Jetzt ist wohl nicht der richtige Augenblick, dich nach deinen Plänen zu fragen, aber eventuell könnte ich mein Berufsleben umstellen, wenn du uns noch eine Chance gibst, denn ich liebe dich trotzdem noch. Und vor allem vermisse ich Melanie.“ „Das geht ihr ähnlich, denn sie hat immer wieder nach dir gefragt“, antwortete Sonja. In diesem Moment trat Maria mit der Tochter ins Zimmer und sagte, der Kranke brauche jetzt Ruhe und die beiden müssten leider gehen. Die Tochter drückte dem Vater noch einen Kuss auf die Wange und sagte, sie würde morgen wiederkommen. Sonja gab Jannik die Hand und dankte der Oma für ihr Verständnis. Jannik bat seine Mutter noch, sich um die Geräte zu kümmern, die er bei eBay bestellt hatte.

„Wird Papa wieder ganz gesund?“, fragte Melanie. „Ich hoffe sehr“, antwortete Sonja nachdenklich, „auf jeden Fall ist er bei Oma Maria in guten Händen.“ „Und ziehen wir dann alle wieder zusammen?“, insistierte das Mädchen weiter. „Das kann ich dir noch nicht sagen, aber ich glaube es kaum.“ „Aber ich will oft bei ihm sein, ganz gleich ob du ihn magst oder nicht“, antwortete Melanie mit fester Stimme. Sonja war so durcheinander von dem Gespräch mit ihrem Mann und jetzt mit der Tochter, dass sie beim Fahren höllisch aufpassen musste. Zu Hause schickte sie Melanie zum Spielen nach draußen, sie musste unbedingt alleine sein. Der Lauenburger Auftrag lag ihr auf der Seele, der Abgabetermin rückte bedrohlich näher. So setzte sie sich an den Rechner und zwang ihre Gedanken an die Arbeit. Kurz vor dem Abendbrot war sie mit dem Ergebnis immer noch nicht zufrieden, doch sie musste die Arbeit Montag Vormittag beim Kunden vorstellen. Morgen würde sie den ganzen Tag daran arbeiten.

Als Melanie im Bett war, überfiel Sonja das Problem wieder mit voller Wucht. Sowohl Jannik als auch seine Mutter hatten ihr nicht die geringsten Vorwürfe gemacht, sondern gezeigt, dass sie ihr Handeln verstanden. Sollte sie mit Eduard darüber sprechen? Aber er war ja Partei in diesem Spiel und sicherlich zu keiner objektiven Antwort fähig. Sie würde ihm ihre Zweifel klar sagen, das war sie sich und beiden Männern schuldig. Mit diesem erlösenden Gedanken schlief sie schnell ein.

Sonntag stand Sonja früh auf, Melanie war, wie üblich, schon länger wach. „Fahren wir heute wieder zu Papa?“ fragte die Tochter beim Frühstück hoffnungsvoll. „Nein, es tut mir Leid, aber ich muss heute den ganzen Tag arbeiten, morgen muss ich das Ergebnis abgeben“, entschuldigte sie sich. „Dann mache ich heute das Mittagessen, ich weiß, du hast noch etwas im Schrank.“ „Das wäre lieb. Spülst du jetzt auch das Geschirr? Dann kann ich gleich loslegen.“ „Ja, gerne“, antwortete das Mädchen bereitwillig. Als sie mit dem Abwasch fertig war, überlegte sie, ob sie alleine zum Papa fahren sollte. Es war ja nicht weit, aber der Mama durfte sie es nicht sagen, die würde es sicherlich verbieten. Also holte sie ihr Rad aus dem Keller und fuhr bei strahlendem Sonnenschein nach Geesthacht. Sie musste zuerst noch ein Stück an der Elbe entlang fahren, und auf einer Wiese vor dem Deich pflückte sie einen Strauß wilder Blumen. Nach 20 Minuten hatte sie die Klinik erreicht.

Als sie die Tür zum Zimmer des Vaters öffnete und ihn wieder leicht küsste, fragte Jannik erstaunt: „Wo hast du denn die Mama gelassen?“ „Die sitzt zu Hause und arbeitet, sie muss bis morgen eine wichtige Sache fertig machen.“ „Und hat sie dir erlaubt, alleine hierher zu kommen?“ „Nicht direkt, aber weil sie heute keine Zeit hat und ich dir gestern versprochen habe, heute wieder zu dir zu kommen, musste ich alleine fahren.“ „Das finde ich ganz lieb, dann darfst du aber nicht so lange bleiben, sonst macht sie sich Sorgen. Erzähl mir doch mal etwas von deiner neuen Schule.“ „Ach, das ist die Altengammer Grundschule, eigentlich nicht schlecht, aber die Kinder sind ganz anders als in Neu-Allermöhe. Manche sind richtige Bauern, die noch nicht mal hochdeutsch sprechen können und sich untereinander nur auf platt unterhalten, wie Opa Wilhelm.“ „Das kann ich mir denken“, sagte der Vater lachend, „mit diesen Leuten hatte ich auch immer Probleme. Ich finde es lieb, dass du mich besucht und so einen schönen Strauß mitgebracht hast, aber jetzt musst du schnell wieder nach Hause fahren, damit Mama sich keine Sorgen macht. Und grüß‘ sie herzlich von mir.“ Das Mädchen küsste den Vater wieder brav auf die freie Wange und fuhr nach Hause.

Der Besuch seiner Tochter hatte Jannik aufgewühlt. Sie stand ihm inzwischen viel näher als seine Frau, denn sie hatte sich bei seinem häufigen Streit mit Sonja immer bemüht, Frieden zwischen ihnen zu stiften, und er hatte darunter gelitten, dass er sie bei seinen wenigen Besuchen so selten sah. Um sie würde er vor allem kämpfen, ganz gleich, wie er mit Sonja zu Rande kam. Unvermittelt kam ihm bei diesen Gedanken wieder das Gespräch gestern mit seiner Frau in den Sinn. Sie hatte ihm klar gesagt, dass abgesehen von dem Streit über seine ständige Abwesenheit dieser Eduard ihr im Bett viel mehr gebe als er es jemals gekonnt hatte. Aber er war doch immer lieb zu ihr gewesen, wenn sie miteinander schliefen. Anscheinend gab es da viel mehr, von dem er nichts wusste. Was würde er denn tun, um Sonja wieder zu gewinnen? Auf jeden Fall wäre er mehr zu Hause, das hatte ihm seine Mutter deutlich genug klar gemacht. Auch nach dem häufigen Streit war Sonja ihm doch nach Melanie und seiner Mutter der liebste Mensch auf Erden. Ja, er würde alles Mögliche tun, um sie zurück zu gewinnen. Mit diesem Vorsatz schlief er ein.

Mit den Worten „Ich soll dich herzlich von Papa grüßen“, stürmte Melanie in die Wohnung und umarmte die Mutter. „Wieso, warst du bei ihm?“, fragte Sonja erstaunt. „Ja ich hatte ihm doch gestern versprochen, ihn heute wieder zu besuchen, und da du keine Zeit hast, bin ich alleine gefahren.“ „Du hättest mir wenigstens Bescheid sagen müssen“, tadelte Sonja. „Und du hättest es mir dann sicherlich verboten!“ „Damit könntest du Recht haben, aber ich finde es lieb von dir, dass du Papa besucht hast“, meinte Sonja lachend. „Ich mache jetzt Mittag, bist du mit einer Linsensuppe aus der Büchse zufrieden?“, fragte das Mädchen. „Du bist ein kleiner Engel, da kann ich ja beruhigt weiter arbeiten“, freute sich die Mutter, doch immer mehr wurde ihr klar, wie sehr Melanie ihren Vater liebte. Nur kurz unterbrochen vom Mittagessen arbeitete sie bis zum späten Nachmittag, dann führte sie der Tochter die Arbeit vor. „Wenn sie das versteht, wird es wohl gut sein“, dachte sie dabei. Und wirklich gab es ein paar Stellen, die das Mädchen nicht verstand, und die Sonja zeigten, was verbessert werden musste. Melanie war schon lange im Bett, als Sonja mit dem Projekt zufrieden war und es auf eine CD brannte. Ruhig schlief sie bald ein.

Nachdem Melanie Montag früh zur Schule gefahren war, fuhr Sonja nach Lauenburg. Sie hatte ihr helles knielanges Kleid mit dem langen Schlitz an der Seite angezogen und eine Goldkette mit einem Amethystanhänger umgelegt und fand sich durchaus attraktiv. Den Männern, mit denen sie zu tun hatte, schien es ähnlich zu gehen. Zwei Stunden lang präsentierte sie jede Einzelheit ihrer Arbeit, und die städtischen Angestellten waren sehr zufrieden. Sonja unterwies den zuständigen Sachbearbeiter, wie er den Auftritt ins Netz stellen konnte, dann rief sie die Seite noch einmal über ihren Laptop aus dem Netz auf, alles klappte zufriedenstellend. „Sie haben etwas Gutes geleistet und die Stadt ist Ihnen dankbar“, sagte der Bürgermeister zum Abschied, als Sonja ihm die Rechnung übergab. „Das Geld haben Sie in einer Woche auf Ihrem Konto.“

Zufrieden fuhr Sonja nach Hause und fand Eduards Wagen vor der Tür. Als sie in die Wohnung kam, saß er maulend auf der Couch. „Wo steckst du denn so lange, seit einer Stunde sitze ich hier und warte auf dich. Und für wen hast du dich so schön gemacht?“, meckerte er, ohne wie sonst sein Vierländer Platt hochdeutsch einzufärben. „Guten Morgen, mein Lieber, schönen Dank für die unfreundliche Begrüßung“, antwortete sie ironisch, „immerhin habe ich noch einen Beruf, mit dem ich Geld verdiene. Ich war in Lauenburg und habe meine Arbeit abgegeben, an der ich zwei Wochen gebastelt habe. Und im Übrigen muss ich hier nicht nur sitzen und darauf warten, dass du irgendwann mal geruhst, Zeit für mich zu haben!“ Die letzten Worte hatte sie ziemlich heftig gesagt. „Was ist denn mit dir los, ist etwas passiert?“ fragte der Mann irritiert.

„Ja, es ist ziemlich viel passiert in den letzten Tagen“, sagte Sonja, immer noch erregt. „Freitag war Jannik hier, er hatte die Wohnung über deine Firma heraus bekommen, und wir haben uns wieder fürchterlich gestritten. Nachdem ich ihn wütend vor die Tür gesetzt habe, ist er auf der Straße von einem wilden Porschefahrer angefahren und schwer verletzt worden. Ich habe den Krankenwagen angerufen und ihn ins Johanniter-Krankenhaus bringen lassen, wo seine Mutter arbeitet. Samstag konnte ich ihn mit Melanie besuchen. Ich habe zu seiner Mutter immer noch ein gutes Verhältnis und sie hat ihren Sohn überhaupt nicht in Schutz genommen, aber mir klar gemacht, dass es Unrecht war, die Wohnung auszuräumen. Ich wollte es ja auch gar nicht, aber ihr habt mich regelrecht überrumpelt. Und Melanie fiel gleich über ihren Vater her und küsste ihn, soweit das mit seinen Verbänden möglich war. Da ist mir klar geworden, dass ich zumindest sie nicht von ihm trennen darf.“

„Und wie ist es mit dir, willst du dich auch nicht mehr von ihm trennen“, fragte der Mann lauernd. „Ich weiß jetzt überhaupt nicht, was ich will. Bei dem Besuch habe ich noch etwas für Jannik gefühlt, was ich längst verschüttet glaubte, vielleicht war es nur Mitleid, ich weiß es wirklich nicht. Und er hat gesagt, dass er bereit ist, sein Berufsleben umzustellen, weil er mich noch liebt. Das ist im Augenblick alles zu viel für mich, die Arbeit für Lauenburg hat mir auch gar keine Zeit gelassen, darüber nachzudenken.“ „Wenn du irgendwann mal weißt, was du willst, kannst du mir ja Bescheid sagen“, polterte Eduard und schlug die Tür hinter sich zu.

Sonja saß wie versteinert auf der Couch. Bisher hatte sie Eduard als einen feinfühligen Mann kennen gelernt, der immer sehr um sie besorgt war und ihr die Tage schön machte, wenn Jannik verreist war. Die Liebe mit ihm hatte sie letztlich die frühere körperliche Gemeinschaft mit ihrem Mann völlig vergessen lassen. Und nun benahm er sich wie die Axt im Walde, nur weil sie ihm von Jannik erzählt hatte. Sollte sie sich so in ihm getäuscht haben, er war ja keinen Deut besser als ihr Mann. Jedenfalls machte ihr sein Verhalten die Entscheidung noch schwerer, die sie irgendwann treffen musste. „Wenn es so mit ihm weiter geht, werde ich mich von ihm trennen, so schön seine Liebe ist. Für solche Behandlung bin ich mir zu schade“, dachte sie. „Aber will ich dann wieder mit Jannik und seiner primitiven Erotik zusammen leben, vielleicht auch wieder mit ständigem Streit? Nein, da bleibe ich lieber mit Melanie alleine und lasse sie gelegentlich den Vater besuchen. Für die Liebe werde ich wohl ab und zu jemanden finden. Aber wenn Jannik sich dann scheiden lässt, bekomme ich nur Unterhalt für Melanie und muss von meinen unregelmäßigen Aufträgen leben, während Jannik gut verdient. Mensch, ist diese Beziehungsscheiße kompliziert!“ Sie sah, dass sie im Augenblick zu keiner Lösung kam und ging vor die Tür, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Im Briefkasten fand sie einen Brief ihres Anwalts Dr. Gollusch, der ihr die Forderungen von Janniks Anwältin mitteilte:

- Ihr Mann als Mit-Erziehungsberechtigter habe das Recht, seine Tochter einmal wöchentlich zu sehen und jedes zweite Wochenende bei sich zu haben. Wesentliche Entscheidungen für das Kind dürfe sie nur im Einvernehmen mit ihm treffen.

- Sie habe nicht die ganze Wohnung ausräumen, sondern höchstens die Hälfte des Mobiliars mitnehmen dürfen. Den Rest müsse sie umgehend zurückgeben.

- Zur Klärung der Unterhaltsansprüche müsse sie ihre Steuerbescheide der drei letzten Jahre vorlegen, da ihr Einkommen von ihren Forderungen abgezogen werde.

„Ich habe gewusst, dass wir nicht im Recht waren, die beiden Männer haben mich regelrecht eingeseift“, dachte sie verärgert. Doch die Uhr zeigte ihr, dass sie sich um das Mittag kümmern musste.

Zur selben Zeit hörte auf der inneren Station des Johanniter-Krankenhauses eine Schwester ein gurgelndes Stöhnen aus Janniks Zimmer und öffnete die Tür. Der Patient lag auf der Seite und das ganze Bett war voller Blut. Sie bekam einen Mordsschreck und gab den Alarmruf ab. Ein Arzt erschien und rief: „Der Patient muss sofort operiert werden, lassen Sie einen OP vorbereiten und schaffen Sie ihn dorthin. Versuchen Sie auch, seine Mutter zu finden, ich kümmere mich um einen Operateur und Anästhesisten.“ Maria Wieland war gerade bei einer Operation und nicht abkömmlich, so musste eine andere Operationsschwester einspringen.

Im OP stellten die Ärzte fest, dass eine der gebrochenen Rippen sich gelöst und quergestellt, dabei die Lunge verletzt und die Operationswunde aufgebrochen hatte. Der betroffene Lungenflügel war zusammengefallen. Die Operation vom Freitag musste zum größten Teil wiederholt, der erhebliche Blutverlust ersetzt und der Patient in ein künstliches Koma gelegt werden, um Bewegungen auszuschließen. Noch während sie dabei waren, erschien Maria im OP, doch sie konnte nur zuschauen, weil die Beteiligten während einer Operation nicht gewechselt werden dürfen. So ging sie hinaus und rief Sonja an, dass ein Besuch vorläufig nicht möglich sei, weil Jannik wegen eines lebensgefährlichen Rückfalls länger in der Intensivstation bleiben müsse. Sie merkte ihr deutlich ihre Betroffenheit an. Nach der Operation saß sie am Bett ihres Sohnes und schickte ein Gebet zum Himmel.

Die Nachricht von Janniks Rückfall verschlimmerte Sonjas Gedanken, plötzlich fühlte sie echte Sorge um ihren Mann. Beim Essen berichtete sie der Tochter vom Rückfall, worauf der wieder die Tränen in die Augen schossen. „Aber er muss doch nicht sterben?“, schluchzte sie, worauf die Mutter sie beruhigte: „Oma Maria wird sicher gut auf ihn aufpassen.“ „Aber ich bin traurig, dass wir ihn jetzt eine Weile nicht besuchen können, ich hab‘ ihn doch lieb“, fuhr das Mädchen fort und Sonja musste sich auf die Zunge beißen, um den Gedanken „mir geht es doch genauso“ nicht auszusprechen, der ihr in diesem Moment in den Sinn kam: „Wie komme ich zu solchen Gedanken?“, fragte sie sich verwundert, als sie Melanie an die Schularbeiten schickte und sich mit ihrem nächsten Auftrag vertraut machte.

Am Nachmittag rief ihr Vater an und fragte in seinem üblichen Platt, ob sie mal vorbeikommen könne, sie hätten mit ihr zu reden. Sie wusste, worauf das hinaus lief und antwortete kurz auf hochdeutsch, der Weg von ihnen zu ihr sei ebenso weit wie der umgekehrte. „Wir sind immerhin noch deine Eltern“, brüllte der alte Herr ins Telefon. „Und ich bin eine erwachsene Frau von 38 Jahren und lasse mich nicht herum kommandieren“, antwortete sie ebenso unfreundlich. Plötzlich war die Mutter am Apparat: „Wir wollten dir nur sagen, dass Eduard bei uns war“, sagte sie ruhig. „Ja, und er hat sich über mich ausgeweint“, sagte Sonja. „Ich muss mir nicht gefallen lassen, dass er mich wie eine seiner Angestellten behandelt.“ „Kind, wir wollen doch nur dein Bestes“, versuchte die Mutter einzulenken. „Und deshalb habt ihr wiederrechtlich die Wohnung ausgeräumt, wie mir mein Anwalt gerade mitgeteilt hat. Ich glaube, ihr lasst mich am besten eine Weile zufrieden. Ich habe genug Sorgen, denn Jannik liegt im Krankenhaus zwischen Leben und Tod.“ Damit legte sie auf.

Maria hatte noch lange bei ihrem Sohn gesessen, bevor sie nach Hause ging. Als Hermann kam, fiel ihm ihr gedrücktes Wesen auf und es war eine Erleichterung für sie, ihm ihre Sorgen um Jannik schildern zu können. Er nahm sie zärtlich in die Arme. „Es wird schon alles gut werden“, tröstete er sie, „er ist doch bei euch in den besten Händen.“ „Du hast ja Recht, aber ich weiß doch, dass auch bei uns schon Menschen gestorben sind“, meinte sie leise voller Zweifel, dann fuhr sie fort: „Ich habe seine Frau über den Rückfall informiert, denn wir hatten immer ein gutes Verhältnis, und sie war sehr betroffen. Ich glaube, sie fühlt noch etwas für ihn.“ Hermann streichelte ihre Haare und sagte leise: „Du solltest mal nett mit ihr reden. Vielleicht lädst du sie irgendwann zu uns ein“, dann gingen sie bald ins Bett und schliefen nach kurzem Kuscheln ein.

Als Maria Dienstag früh in die Klink kam, war die Nachtschwester sehr zufrieden. Jannik hatte eine ruhige Nacht gehabt, seine Werte waren gut und es schien, dass der beschädigte Lungenflügel wieder zu arbeiten begann. „Wir lassen ihn vorsichtshalber noch bis morgen im Koma“, sagte der Arzt zu ihr. „Danke, Gott“, dachte sie und erinnerte sich dankbar an den liebevollen Trost, den Hermann ihr am Abend gegeben hatte, dann informierte sie seine Firma.

Kurz danach berichtete Klaus Bollmann in der wöchentlichen Führungsbesprechung der Archidesign über Janniks Unfall und verschwieg auch nicht, dass die Mutter ihm vorgeworfen hatte, sie hätten ihn verheizt und seien an seinen Eheproblemen schuld. Frau Dr. Jansen schüttelte den Kopf. „Haben Sie denn die ganze Zeit nichts davon bemerkt, Sie sind doch mit ihm befreundet?“, fragte sie Klaus in unwilligem Ton. „Nein, er hat niemals auch nur das Geringste von seinen Problemen verlauten lassen“, antwortete der leise. „Und Sie haben sich auch nichts dabei gedacht, ihn ständig auf Reisen zu schicken? Jeder Chef ist doch auch für das Lebensumfeld seiner Mitarbeiter verantwortlich, soweit es vom Beruf betroffen wird. Wie sieht es denn aus, wie lange wird er ausfallen, wird er je wieder voll für uns arbeiten können und kommt seine Ehe wieder in Ordnung?“ „Auf all das kann ich im Augenblick noch keine Antwort geben“, sagte Klaus zerknirscht. „Er hat gestern einen schweren Rückfall erlitten, der ihn beinahe das Leben gekostet hat, wird also noch mindestens einen Monat arbeitsunfähig sein. Ihre zweite und dritte Frage hängen zusammen. Wenn er und seine Frau wieder zueinander finden, wird er sehr viel weniger reisen wollen. Aber das hängt allein von ihr ab, soviel ich weiß, lebt sie mit einem anderen Mann zusammen.“ „Tun Sie alles für seine Ehe. Ich muss zwar an den Erfolg der Firma denken, aber nicht um jeden Preis. sicherlich werde ich einen Platz im Unternehmen finden, wo er seine Fähigkeiten voll einsetzen kann und überwiegend in Hamburg ist. Lassen Sie es mich sofort wissen, wenn Sie etwas Neues über ihn erfahren“, sagte die Chefin entschieden.

Zur selben Zeit klingelte es an Sonjas Wohnung, Eduard stand mit einem großen Rosenstrauß vor der Tür. „Darf ich reinkommen“, fragte er zögernd, „ich wollte nicht einfach aufschließen, nachdem ich dich gestern so mies behandelt habe.“ „Komm schon, du kannst ja nicht ewig in der Tür stehen bleiben“, rief Sonja lachend. „Entschuldige bitte mein unmögliches Benehmen gestern“, fuhr der Mann fort, „ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist, ich liebe dich doch!“ „Konntest du es vielleicht nicht ertragen, dass ich um Jannik besorgt bin?“, fragte sie, nachdem sie die Blumen versorgt hatte. „Vielleicht, aber ich muss einfach lernen, dass du eine selbstständige Frau bist, die unabhängig entscheiden kann, wen sie liebt und wie sie leben will. Vertragen wir uns wieder, mein Täubchen?“

„Wenn du so denkst und mir meine Freiheit lässt, bin ich einverstanden“, antwortete Sonja nachdenklich. „Übrigens hat mein Mann gestern einen schweren Rückfall erlitten und liegt jetzt noch zwischen Leben und Tod. Und weil wir gerade dabei sind, schau‘ dir doch mal dies Schreiben von meinem Anwalt an. In eurer grenzenlosen Fürsorge habt ihr die ganze Wohnung ausgeräumt, was gar nicht erlaubt ist. Wir müssen so schnell wie möglich die Hälfte wieder zurück schaffen.“ „Na, ganz so eilig ist es wohl nicht, denn im Moment kann er die Sachen ja gar nicht nutzen. Aber ich werde dir dabei helfen, wenn es so weit ist. Du weißt doch, dass ich dich liebe.“ Er beugte sich zu ihr und küsste sie. Da waren die Gedanken an Jannik erst mal wie weggeblasen, Sonja gab seine heißen Küsse gerne zurück, sie genoss es, als Frau geliebt zu werden. Bald fanden sie sich in inniger Gemeinschaft, und für Sonja war es so schön wie stets mit diesem Mann. Noch lange liebkosten sie sich, bis es für Sonja Zeit wurde, für ihre Tochter und sich das Mittagessen zu bereiten. Mit einem leidenschaftlichen Kuss verabschiedete Eduard sich von ihr.

Als Sonja den Teig für die Eierkuchen anrührte, war ihr ganzer Körper noch erfüllt von Eduards zärtlicher und doch leidenschaftlicher Liebe. Seit acht Monaten war sie diesem Gefühl verfallen und ihr war klar, dass Jannik ihr niemals solch herrliche Erfüllung schenken könnte. Hatten ihre Eltern Recht gehabt, dass Eduard der richtige Mann für sie gewesen wäre? Aber sie hatte es doch damals strikt abgelehnt, einen Vierländer zum Mann zu nehmen, und war deshalb nach Neuseeland gegangen. Immerhin hatte er sich geschäftlich und politisch erfolgreich durchgesetzt, war aber mit seiner Frau offenbar nicht glücklich. Das konnte natürlich an der Frau liegen, doch dass er nicht einfach war, hatte sie erst gestern erschrocken festgestellt. Wie gut kannte sie ihn denn? Eigentlich nur als perfekten Liebhaber, genügte das für ein gemeinsames Leben über Jahrzehnte? Aber würde es das jemals geben? Und wieder wälzte sie dieselben Probleme wie gestern. In diese Gedanken stürmte Melanie hinein mit der Nachricht, dass sie in Mathe eine eins geschrieben habe. „Du bist ein Schatz und ein kluges Mädchen“, lobte sie die Tochter, dann trug sie das Essen auf.

Am Nachmittag nahm Sonja sich Zeit, um ihr Dateisystem neu zu ordnen, in dem sie sich nur noch schwer zurecht fand. Der Umzug nach Altengamme und die Arbeit für Lauenburg hatten ihr dafür keine Gelegenheit gelassen, doch es war dringend notwendig. Zufrieden sagte sie Melanie abends gute Nacht und ging auch bald schlafen.

Sehr früh am Morgen erwachte sie, weil sie von Jannik geträumt hatte. Er stand in einer Wüste, streckte die Hand zu ihr aus und bat sie um Hilfe. Sie wollte zu ihm gehen, kam aber nicht von der Stelle. Der Traum ließ sie nicht gleich wieder einschlafen. Brauchte Jannik wirklich ihre Hilfe? Aber sie könnte doch nicht auf Eduards Liebe verzichten, er war ihr doch viel wichtiger als Jannik! Lange lag sie wach und dachte wieder über ihr Verhältnis zu den beiden Männern nach, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Schließlich schlief sie doch ein, bis der Wecker klingelte, aber der Traum war noch in ihren Gedanken.

Mittwoch wurde Jannik aus dem Koma aufgeweckt und Maria saß bei ihm im Zimmer, als er langsam wach wurde. Als sein Blick auf seine Mutter fiel, lief ein Strahlen über sein Gesicht. „Was ist mit mir los?“, fragte er mühsam, doch Maria legte ihm den Finger auf die Lippen. „Du darfst jetzt noch nicht sprechen, sondern nur zuhören. Vorgestern hattest du einen gefährlichen Rückfall, und dich hat nur gerettet, dass dich gleich eine Schwester fand. Eine Rippe hatte sich in deiner Lunge selbstständig gemacht und allerlei Unheil angerichtet. Du wurdest noch einmal operiert und vorsichtshalber in ein künstliches Koma versetzt, aus dem du jetzt eben geweckt wurdest. Die Instrumente zeigen, dass du stabil bist. Du musst dich aber noch sehr schonen und eine Weile hier in der Intensivstation bleiben. Am besten schläfst du noch viel. Und jetzt muss ich erst mal an die Arbeit, schaue aber bald wieder herein.“ „Halt“, rief er, „hast du eine Ahnung, wo meine Brille geblieben ist? Du weißt ja, ohne sie bin ich nur ein halber Mensch.“ „Die ist bei dem Unfall kaputt gegangen“, antwortete die Mutter, „ich habe gar nicht mehr daran gedacht. Sobald es dir etwas besser geht, bestelle ich einen Optiker, hast du noch die Daten?“ „Schau mal in meine Brieftasche, ich habe den Zettel immer auf Reisen mit, falls sie mal kaputt geht.“ Maria fand den Zettel, dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Stirn und ging an ihre Arbeit.

Liebe gibt es nicht zum Nulltarif

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