Читать книгу She - Vivienne, eine Frau auf Abwegen | Erotischer Roman - Evi Engler - Страница 6
ОглавлениеVivienne– Mother’s Little Helper
Sie sah toll aus. Die neununddreißig sah man ihr nicht an, auch nicht, dass sie diesen denkwürdigen Geburtstag in vierzehn Tagen zum dritten Mal begehen würde. Sie lächelte verschämt, als sie an diese alberne Eitelkeit dachte. Die winzigen Fältchen, die ihr die Natur als Gegenleistung für Lebenserfahrung in die Augenwinkel geritzt hatte, gaben ihrem Lächeln Herzlichkeit, ließen aber nicht wirklich Rückschlüsse auf ihr Alter zu.
Wenn man sie so im Rockcafé am Fenster sitzen sah, wäre sie auch für Anfang dreißig oder gar Ende zwanzig durchgegangen. Die helle Haut wirkte wie die eines Pfirsichs und das zart geschnittene Gesicht erweckte den Eindruck, als sei es aus Porzellan. Würde sie jemandem der Anwesenden erzählen, dass ihre Enkeltochter in wenigen Wochen zwei Jahre alt werden würde, es würde ihr niemand glauben.
Die jugendliche Erscheinung wurde von ihrer reinen und unschuldigen Wirkung unterstrichen. Sie wirkte, als könnte sie kein Wässerchen trüben, als wäre sie ein holdes, allzeit sauberes Wesen.
Diese Einschätzung traf im Großen und Ganzen auch zu – im Großen und Ganzen. Jedoch nahmen die Unschuld und Reinheit dann und wann eine gewisse Auszeit. Manchmal ritt sie der Teufel und sie war gezwungen, jede Vorsicht über Bord zu werfen und Ausflüge in die Sünde zu unternehmen. Dann wurde sie zum männermordenden Vamp, dann wurde sie zu She, der Unersättlichen, der Wilden, der Nimmersatten, dem unartigen, leichtlebigen Flittchen.
So wie man immer wieder auf einen schmerzenden Zahn beißt, um den unangenehmen Schmerz erneut wohlig zu erleiden, dachte sie häufig an die erlebten Abenteuer und vollzog sie in Gedanken nach. Sie bezeichnete sie für sich als Ausflüge zur dunklen Seite der Macht. Wenn ihr Mann, ihre Verwandten, gar die Kinder oder auch ihre Freundin nur die entfernteste Ahnung von ihren Eskapaden hätten, sie würden es nicht glauben und wahrscheinlich wegen ungläubigem Erstaunen nicht überleben.
Manchmal glaubte sie selbst nicht, dass sie auf reale Erlebnisse zurückblickte und nicht auf solche, die der Fantasie entsprungen waren.
Wenn sie sich die Erlebnisse aus ihren bisherigen Abenteuern abseits der Unschuld und der Reinheit ins Gedächtnis rief, dann kamen sie ihr teilweise regelrecht bizarr vor. So, als wären es keine realen Erlebnisse, sondern Erinnerungen an Filme, an Erlebnisse anderer Frauen, nicht eigene.
Ihrem Mann gegenüber empfand sie tiefe Schuldgefühle, doch mit der Zeit gewöhnte sie sich daran, diese auszuklammern. Sie sagte sich, dass sie ihrem Mann durch die Eskapaden nichts wegnahm, ihn nicht um etwas betrog, was ihm zustand. Im Gegenteil, sie fühlte sich ihm nach einem solchen Ereignis viel intensiver zugetan. Fast schien sie es zu brauchen, um die Ehe weiterhin aufregend und frisch zu halten.
***
Die letzte Begegnung mit ihrer besten Freundin Margarete war der Grund dafür, dass sie sich in dieses Jugendcafé geflüchtet hatte. Hier war es laut, hier wurde sie nicht immer wieder von der Erinnerung an die heftigen Worte eingeholt, die ihr mit schriller Stimme entgegengeschleudert worden waren. »Du bist Großmutter, nun steh auch dazu. Du kleidest dich wie ein junges Mädchen, das bist du aber nicht mehr …« und so weiter.
Bis zum heutigen Tag hatte die Freundin es bei Sticheleien belassen, jedoch vorhin war der Gaul mit ihr komplett durchgegangen. Sie ließ kein gutes Haar an Vivienne, vor allem nicht an dem wilden Wuschelkopf, wie Margarete die Frisur nannte, mit der Vivienne seit Jahren zufrieden war. Margarete wies auf ihre eigene Betonfrisur hin und nannte sie »adäquat für Leute unseres Alters«.
Mit etwas Abstand konnte Vivienne sich ein Lachen kaum verkneifen, als sie an Margaretes grau melierte Kurzhaarfrisur dachte, die kein noch so heftiger Wind in Unordnung bringen konnte. Mit ihrer eigenen rötlich-blonden Mähne verglichen, die jeder Windhauch neu gestalten durfte, empfand sie Margaretes Betonfrisur als lächerlich, spießig und nicht fraulich.
Außerdem gefiel ihr das knallige T-Shirt-Kleidchen, das sie über der schwarzen Leggings trug, deutlich besser als die in gedeckten Farben gehaltene Garderobe der Freundin.
Margarete war richtiggehend ausfallend geworden, vor allem als sie bemerkte, dass Vivienne nichts von der Kritik annahm. Letztendlich rauschte sie entrüstet ab.
Im ersten Moment musste Vivienne über die hysterische Reaktion lachen, mittlerweile plagte sie jedoch eine mittlere Depression.
» … what a drag it is getting old!«, drang es aus den Lautsprechern.
Der alte Stones-Titel passte exakt zu ihrer Stimmung, es stand ihr nur leider kein »little helper« zur Verfügung.
In solcher, bisher unbekannter Form beschimpft und beleidigt zu werden, verursachte Vivienne Magenschmerzen. Margaretes blitzende Augen, die gefletschten Zähne und der geifernde Mund der Freundin erinnerten sie eher an einen tollwütigen Hund als an die kultivierte und beherrschte Frau, als die sie alle Welt kannte.
»… aufgetakelte alte Schachtel, die träumt, immer noch in den Achtziger- oder Neunzigerjahren zu leben und sich wie ein Teenie benimmt. Schau mal in den Spiegel! Du bist Großmutter, also benimm dich auch so!«
Sie wusste, dass Margarete sich in einigen Tagen bei ihr entschuldigen würde, jedenfalls ging sie davon aus und hoffte es. Ein Einlenken der Freundin wäre unumgänglich, um wieder eine normale Beziehung zu haben, und darauf legte sie großen Wert.
Die Schimpfkanonade hatte umgehend dazu geführt, dass die lockere Stimmung, die von der dunklen Seite ausging und in der sie seit etlichen Tagen schwelgte, verschwand und Trübsinn Platz machte. Ihre Niedergeschlagenheit nährte Zweifel, ob die Freundin eventuell im Recht war. Ob es wirklich so war, dass man in ihrem Alter ein spießiges Leben führen musste – ein Leben wie Margarete, eines von der Sorte, die sie, Vivienne, schlicht verachtete.
Sie war unsicher, ob die Erwartungen, die wegen des Alters an sie gestellt wurden, berechtigt waren. Musste man sich irgendwann dem Alter entsprechend benehmen? Musste man eine graumelierte Betonfrisur tragen, durch die der Wind fahren konnte, so oft er wollte, und sich nichts veränderte? Oder durfte er sie zerzausen und neu gestalten? Durfte man sich die Haare nicht tönen, sondern hatte zu grau zu stehen? Musste man in gedeckten Farben und konservativ gekleidet herumlaufen? Musste man Volksmusik mögen und regelmäßig in die Kirche gehen?
Oder konnte man nach dem Wahlspruch leben: Man ist so alt, wie man sich fühlt?
Ihrem Mann und ihr gefiel der Lebenswandel, den sie führte, Margarete und auch den eigenen Kindern gefiel er nicht. Diesem kritischen Publikum alles recht zu machen, hieße jedoch, Supergirl zu sein, überlegte sie frustriert – spießiges, überspießiges Supergirl.
Sie versuchte, sich selbst aus dem Treibsand der hinunterziehenden Gefühle zu befreien, indem sie ihre Erlebnisse hervorkramte und noch einmal das Positive daraus nacherlebte. Das Verrückte, Ausgeflippte, das Ungeheuerliche, das Lustvolle, das Schmutzige und Verderbte.
Wenn Margarete von den Erlebnissen wüsste! Vivienne kicherte verschämt. Die Erinnerung war für sie immer noch so heiß, dass sie die Wangen wärmte. Zum Beispiel, als die ganze Meute vom Parkplatz sich um sie gedrängt hatte und die Männer ihren Trieben nachgegeben hatten. Sie bekam jetzt noch eine Gänsehaut, wenn sie an die Wehrlosigkeit und an das brutale Genommenwerden dachte. Sie hatte sich diesen Urgewalten schutz- und rückhaltlos ausgesetzt, war ihnen begegnet, indem sie die eigenen Triebe auslebte. Die unglaublich starken männlichen Kräfte, die auf sie einwirkten, hatte sie genossen, von ihnen gezehrt. Die Kräfte wirkten so lange, bis sie verbraucht waren und von der männlichen Pracht nur noch verlegene Gesichter übrig geblieben waren. Noch jetzt spürte sie in der Erinnerung, wie stark und schön und unbesiegbar sie sich gefühlt hatte.
Schade, dass sie es niemandem erzählen konnte. Schade auch, dass sie niemals über ihre Ängste sprechen konnte, die Ängste, die sie ausstehen musste, bis die Ergebnisse des Aids-Tests vorlagen.
Sie würde das Haus, in dem die wildeste aller Episoden ihren Anfang genommen hatte, wiederfinden, dessen war sie sich sicher, ganz sicher. Bis jetzt ließ er nichts von sich hören. Einerseits war sie froh darüber, weil sie zweifelte, ob sie einem solchen Ereignis noch einmal gewachsen wäre, andererseits bedauerte sie es. War sie nicht gut genug gewesen, dass es ihn nach einer Wiederholung verlangte? Sie selbst sah kaum eine Möglichkeit, von sich aus die Initiative zu ergreifen. Vielleicht war damit diese Episode einfach beendet.
Oder sollte sie dort klingeln und sagen: »Nimm mich, ich bin der Frühling«? Sie kicherte albern und schaute sich verstohlen um, ob sie etwa jemand beobachtete.
Erst jetzt bemerkte sie, dass das Rockcafé mittlerweile voller junger Menschen war. Alle Plätze waren besetzt, die Stehtische umlagert. Nur sie saß allein an ihrem Platz, überall sonst drängte sich das junge Publikum.
Die Stühle, die zu ihrem Tisch gehörten, wurden mittlerweile anderweitig verwendet, ihre Tischplatte benutzten die Kids um sie herum als Abstellfläche für Gläser. Die Kellnerin hatte hinter dem Tresen alle Hände voll zu tun und den Service in der Gaststube eingestellt, deswegen sah es für ein Getränk für sie schlecht aus.
Die Clique, die um den Stehtisch nebenan stand, verursachte heftigen Lärm. Einer der Jungen, der auf einem Barhocker direkt neben ihr saß, bemerkte ihren suchenden Blick: »Brauchst du was?«, fragte er hilfsbereit.
Er duzte sie einfach, das Jüngelchen. Es war ihr recht, dadurch fühlte sie sich akzeptiert und zugehörig. Sie lächelte ihn an. Eine heiße Schokolade wäre jetzt nicht schlecht, es war jedoch bei dem Gedränge nicht realistisch zu erwarten, dass sie eine bekäme. Sie wusste nicht, was sie wählen sollte.
»Ja«, bestätigte sie, lächelte verzagt, »etwas zu trinken. Was trinkt ihr denn?«
»Bacardi-Red Bull!«
Sie gab zu verstehen, dass sie auch ein solches Getränk wollte. Der Junge gab die Bestellung weiter und reichte nach einiger Zeit ein Glas herüber. Sie griff nach ihrer Tasche, um es zu bezahlen, da grinste sie der Bube an und meinte: »Lass stecken.«
Er drehte sich auf dem Hocker so, dass sich seine prallen Schenkel unter der modischen Hose deutlich abzeichneten. Radfahrer oder Leichtathlet tippte sie, anders waren diese voluminösen Muskeln nicht zu erklären. Klein war er auf keinen Fall, auch wenn sie die hockende Gestalt nur grob schätzen konnte. Athletisch war er, extrem jung und ziemlich groß.
»Prost.« Er hob sein Glas. Sie grüßte mit dem Drink in der Hand zurück und trank. »Ich hab dich schon ein paarmal hier gesehen«, tastete er sich beinahe schreiend vor. »Bist oft hier, stimmt’s?«
Sie nickte nur. Bei der Lautstärke der Musik und dem Stimmengewirr war keine Unterhaltung möglich.
»Wir haben etwas zu feiern, deswegen sind wir ein wenig lauter.«
Sie winkte ab, um ihm zu bedeuten, dass sie Verständnis habe und ihr die Lautstärke nichts ausmache.
»Hier, der Dennis, hat seinen ersten Autounfall überlebt, das feiern wir.« Dabei wies er auf seinen Nachbarn, der stolz ein blaues Auge und eine genähte Augenbraue präsentierte. »Ihm hat der Airbag das Handy in die Fresse geknallt, ansonsten fehlt ihm nichts. Das Auto müsstest du mal sehen.« Er drehte sich zu seinem Nachbarn. »Dennis, Dennis!«, brüllte er ihn an. Er reichte ihr dessen Smartphone. Auf dem Display war ein völlig zerstörter Kleinwagen zu sehen. »Das war seiner. Hat er davon, wenn er während der Fahrt unbedingt chatten muss. Sein Vater hat ihm schon einen neuen bestellt.«
Diese kräftigen Schenkel direkt vor den Augen, war sie kaum in der Lage, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Komm hier rauf zu uns, kannst meinen Hocker haben«, lud er sie ein und klopfte einladend auf die Sitzfläche.
Sie folgte der Einladung und saß kurz darauf mit den lärmenden jungen Leuten an einem Tisch, lächelte verlegen in die Runde, die keine Notiz von ihr nahm.
»Wir waren eine Clique in der Schule und treffen uns immer noch«, brüllte er ihr ins Ohr. »Ich studiere in Bochum, Betriebswirtschaft. Mir ist nix Besseres eingefallen, mein Onkel hat ’ne Firma, soll ich übernehmen. Aber erst mal studieren. Onkel meint, ich soll in die Staaten und dort studieren, aber ich weiß nicht. Ausland ist nicht so mein Ding.«
Er plapperte und plapperte in voller Lautstärke. Sie trank mit ihm, seine Clique kümmerte sich nicht um sie.
Einige Drinks und etliche Zeit später fragte er sie verschämt, ob sie sein Zimmer sehen wolle, und sie willigte ein. Die dunkle Seite lockte sie, befahl ihr, ihm zu folgen. Ein Taxi brachte sie zu seiner Wohnung. Sie war beschwipst, wusste aber genau, was sie tat. Die prallen Schenkel gingen ihr nicht aus dem Sinn.
Er hieß Kevin und war über zwei Meter groß, ein Riese. »Wir müssen leise sein«, flüsterte er im Hausflur. Sie schlichen sich wie Teenies durch den unbeleuchteten Gang, Kevin zog sie an der Hand hinter sich her. Sie fand sich in einem Jugendzimmer wieder, das von einem schmalen Bett dominiert wurde. Am Fenster stand ein Schreibtisch mit Stuhl. Eine große Menge Unterhaltungselektronik war über das Zimmer verteilt, die Verkabelung lag wild verschnürt auf dem Boden. Die Wände waren tapeziert mit Postern von Autos, Mädchen und Sportlern.
Sie setzte sich aufs Bett, Kevin neben sie. Gleich darauf sprang er wieder auf und besorgte etwas zu trinken, irgendetwas mit Cola. Sie war aufgekratzt von dem ungewohnten Koffein, ihre Hände zitterten. Die Lockerheit durch den Alkohol und die Hitze sangen in ihr: »Jetzt geht’s lohos, jetzt geht’s lohos!«
Kevin versuchte ungeschickt, sie zu küssen.
Sie lächelte ihn freundlich an, nahm gelassen das junge Gesicht zwischen die Hände und küsste ihn ganz ausführlich. Der Junge ging ab und übernahm die Initiative. Er schien mehrere Hände zusätzlich bekommen zu haben, denn sie fühlte sich an vielen Stellen gleichzeitig berührt, gestreichelt, gepresst und erregt.
Sie war ziemlich schnell nackt und der Blitz traf sie in Form eines Zwei-Meter-Hünen, der sich über sie hermachte und sie in die Matratze seines Jugendbettes nagelte. Es war so kraftvoll, so gewaltig und so schnell vorüber, dass sie verlegen lachen wollte. Sie unterließ es jedoch, da sie um die Empfindlichkeit der männlichen Seele wusste.
»War ich gut?«, fragte der Knabe.
Sie lachte wieder nicht.
»Das kann man nicht anders sagen, ja, sogar sehr gut.« Sie knabberte an seinem Ohr.
»Der beste, den du hattest?«
Auch jetzt lachte sie nicht, sondern erwiderte ernsthaft: »Um das festzustellen, müssten wir mindestens noch eine Runde drehen.«
»Ouh!«, stöhnte der muskulöse Riese und warf sich auf den Rücken.
Mein Gott, was für ein Mann! Sie bewunderte den Adonis-Körper, der schweißnass im gedämpften Licht glänzte. Die unwahrscheinliche Größe, die ausgeprägten Muskeln, die Länge der Beine – allein diese Beine! So starke Oberschenkel. Ihr wurde warm ums Herz und nicht nur dort, wie sie sich eingestand.
»Was treibst du für Sport?«
»Bis vor einem Jahr Zehnkampf, aber jetzt, mit dem Studienstress, da geht im Moment gar nix. Ich fahr nur ein bisschen Rad, das ist alles.«
Sie musste unbedingt diese Oberschenkel anfassen, feste anpacken. Mein Gott, was für eine Muskelmasse. Sie legte sich auf diesen wundervollen Körper, der nur aus Muskeln, Kraft und Jugend bestand.
Mother’s little Helper. Sie amüsierte sich über sich selbst, über ihr Alter und über die Spießerin in ihr. Wobei, »little« war er nirgendwo wirklich. »Doctor please, some more of these« Yeah! Was war schon dabei? Ein wenig Sex mit einem großen Jungen.
Sie drehten eine zweite Runde. Diese Runde dauerte erheblich länger als die erste, erheblich. Die Gefühle begannen bereits dominant zu werden. Sie war dabei, sich zu verlieren, aber gerade als ihr die Kontrolle entglitt, ergoss er sich mit lautem Stöhnen und vier, fünf besonders heftigen Stößen in sie. Es war so knapp gewesen!
Von der Kraft, der Ausdauer und dem unglaublich muskulösen Körper war sie so angetan, dass ihr ungefragt auftauchende, verwegene Ideen durch den Kopf spukten. Dieses Kinderzimmer hier war ein zu begrenzter Raum für das, was ihr mit diesem Mann vorschwebte und was zu realisieren wäre. Auch ein Hotel wäre nicht der Ort, den sie brauchte, um sich mit diesem Riesenbaby ausführlich zu vergnügen.
Während ihr jugendlicher Liebhaber ruhte, rang sie mit sich. Wenn sie ihr Zuhause als Veranstaltungsort für eines der Erlebnisse öffnete, lief sie Gefahr, dass ihre Passion entdeckt würde. Dann wäre alles aus. Sie würde ihren Ehemann verlieren, wahrscheinlich. Je nachdem. Kam darauf an, wer sie entdeckte. Und wie.
Der Gefahr gegenüber standen die Möglichkeiten des Hauses. Dann würde sie das Riesenhaus nach dem Auszug der Kinder wieder mit Sinn füllen. Dort könnten sie sich austoben, dort hätten sie Platz, dort könnte sie sich gehen lassen.
Die Vorteile überwogen. Der Grad ihrer Erregung war hoch, die Gefahr riesig. Aus diesen Gründen war sie bereit, das Risiko einzugehen. Mit der Gefahr zu spielen, war der letzte Reiz, den sie brauchte, um sich für ihr Haus als Veranstaltungsort zu entscheiden.
Sie gab ihm ihre Nummer mit der strengen Maßgabe, auf keinen Fall vor acht Uhr morgens oder nach acht Uhr am Abend anzurufen.
Kevins erster Anruf erreichte sie am nächsten Morgen um Viertel nach sieben, während sie mit ihrem Mann am Frühstückstisch saß. Als seine Stimme aus dem Handy erklang, sackte ihr Blut vor Schreck und Aufregung in die Magengrube. Sie kam sich ertappt vor und war gleichermaßen erregt von dem Gedanken an Sex und der Gefahr, erwischt zu werden. Das Heimliche törnte sie an. Am Ohr den Liebhaber, gegenüber den Mann, der von der wahren Absicht ihres Gesprächspartners nichts wissen durfte und sie neugierig beobachtete.
Sie blieb äußerlich kühl: »Wer ist dort?«
»Du weißt nicht mehr, wer ich bin?«, fragte Kevin entgeistert.
»Ach du bist es! Natürlich, hab dich nicht gleich erkannt. Wir telefonieren nach acht Uhr, wie vereinbart, ich rufe zurück.«
»Okay.« Kevin war eingeschnappt.
»Wer war das?«, fragte ihr Mann interessiert.
Sie erwog ganz kurz, eine völlig neue Geschichte zu erfinden, aber die Gefahr, nahe an der Wahrheit zu bleiben, war zu verlockend: »Kevin, ein junger Mann aus der Gruppe. Wir wollen uns verabreden, um gemeinsam etwas zu erarbeiten.«
Erarbeiten? Sie amüsierte sich im Stillen über die Formulierung. Sie wollte mit dem schönen Jungen mehrere Orgasmen erarbeiten, mit dem Modellathleten diverse Stellungen erarbeiten, wollte aus Kevin das herausarbeiten, was er als Liebhaber zu leisten imstande war. Diese Arbeit musste, von ihr aus, nicht unbedingt heute erledigt werden, jedoch ihr jugendlicher Freund schien Eile zu verspüren. Die Vorfreude auf das Verbotene stärkte ihr Körpergefühl. Ja, ja, ja, sie würde gleich sehr verbotenen Sex haben. Die Erinnerung an die mächtigen Oberschenkel und den gewaltigen Brustkorb verursachte ein mulmiges Gefühl. Ja, ja, ja!
Wegen des Erlebnisses von gestern und der sich anbahnenden Sünde, der sie das eigene Heim zu öffnen bereit war, konnte sie ihrem Mann nicht in die Augen schauen, daher fixierte sie die Butter.
»Kenn ich den?« Ihr Mann fragte höflich nach, er schien mit der Planung des eigenen Tages beschäftigt zu sein.
»Weiß nicht«, erzählte sie der Butter beiläufig, träufelte Honig auf die Brötchenhälfte und schaute ihren Mann kurz an, während sie hineinbiss. Mit vollem Mund fuhr sie fort, der Butter zu erzählen: »Es ist der Enkel einer Bewohnerin, ich komm jetzt nicht auf den Namen. Er ist erst kurz dabei – nee, ich glaub nicht, dass du ihn kennst. Studiert Betriebswirtschaft.«
»Und der engagiert sich für Demenzkranke?«
Kevin engagierte sich ganz sicher nicht für Demenzkranke, was für ein amüsanter Gedanke. Kevin sorgte sich um sein Sexleben, um sonst nichts, und sie interessierte sich auch nicht für sein soziales Engagement, sondern die herausragenden Fähigkeiten des Athleten als Hengst. Sie wollte heute schauen, wie er sie im Swimmingpool verwöhnen konnte, eventuell auch die Sauna oder den Fitnessraum testen. Die Erwartung ausgefallenen und ausgedehnten Sexes ließ eine Hitzewelle durch ihren Körper wallen.
»Durch seine Oma ist er öfter da«, erfand sie das Märchen vom aufmerksamen Enkel Kevin. »Wenn sie uns verlässt, wird auch er uns verlassen, denke ich.«
Kurz nach acht rief sie Kevin zurück.
»Sorry.« Er klang zerknirscht. »Wir hatten nach acht vereinbart, aber ich konnte nicht warten. Ich muss dich sehen.«
Ich muss dich ficken!, berichtigte sie im Stillen und wurde rot.
***
Eine halbe Stunde später öffnete sie ihm die Tür. Sie lockte ihn in die Küche an den Frühstückstisch und nötigte ihn zu einer Tasse Kaffee, die er nicht anrührte. Auch essen wollte er nichts.
Er schaute sie an, wie sie ihm hochgeschlossen gegenübersaß. Sie wünschte sich, er würde ihr das Kleid vom Leibe reißen und sie auf dem Tisch rammeln, jedoch war er für eine solche Aktion in einem fremden Haus noch zu sehr eingeschüchtert.
Wie er auf dem Platz ihres Mannes saß, wurde seine riesenhafte Statur erst richtig deutlich. Sie zwängte sich am Tisch vorbei auf seinen Schoß und durchwühlte seine Haare. Er küsste sie schüchtern.
»Ich hab nichts drunter«, gab sie ihm die Richtung vor, die sie sich vorstellte. Darauf tobte der Tornado los. Er überprüfte ihre Behauptung umgehend, schob ihr das Kleid hinauf bis über die Brüste, warf sie mit der Schulter in die Butter und knallte sie mit der ihm eigenen Kraft und Heftigkeit auf dem Tisch. Es war wunderbar, ganz wunderbar. Diese Urgewalt, diese ungezügelte Energie, dieses Ungestüme! Sie spornte ihn mit lauten Rufen an, ließ sich anstecken von seiner Wildheit, erwiderte seine Leidenschaft, wollte es jetzt erleben, jetzt! Leider war es wieder zu schnell vorüber.
Sie nahm ihn an der Hand. »Komm!«, rief sie unternehmungslustig. Splitternackt und ausgelassen wie ein junges Mädchen zog sie ihn ins Schwimmbad.
Dort warf sie sich ins Wasser. Kevin zog sich das Shirt über den Kopf und kam mit einem Hechtsprung gleich in ihre Arme.
Sie küsste ihn leidenschaftlich, kletterte an ihm empor und umklammerte ihn mit den Beinen. Sie wollte nicht vernünftig sein, nicht erwachsen distanziert, sie wollte die unbeschwerte, unmittelbare jugendliche Hitze erleben, jetzt, hier.
Er ließ sich vornüberfallen, tauchte mit ihr unter, sie hielt an ihm fest. Wenn er sie ertränken wollte, dann sollte es so sein. Jetzt und hier zu sterben wäre nicht das Schlechteste. Sie wäre weg, ganz weg. Keine Routine mehr, kein weiterer Alterungsprozess, keine Rechtfertigungen, keine Abenteuer, dies hier ihre letzte Sünde, endgültig. Verführerisch.
Der jugendliche Freund erhob sich, nahm sie mit aus dem Wasser, zurück ins Leben. Sie aßen sich beinahe auf mit ihren leidenschaftlichen Küssen. Er nahm sie sehr heftig am Beckenrand, danach in der Sauna und dort, endlich, erlebte sie ihren Orgasmus. Die Welt verschwand im Glück, das wie ein Feuerwerk explodierte. Es raubte ihr das Bewusstsein.
Schwer atmend meldete sie sich in der Gegenwart zurück. Sie kam sich vor wie ein Vanillekipferl – mürbe, ausgebacken, süß und lecker. Atemlos lachte sie ihn an, küsste ihn, herzte ihn.
Ihr jugendlicher Held verharrte im Liegestütz und schaute ihr andächtig zu. »Wow!«, meinte er bewundernd, »das war ein Orgasmus.« Sie lächelte glücklich. Ja, das war ein Orgasmus.
***
Nachdem Kevin gegangen war, schaffte sie Ordnung, ruhte eine Stunde und machte sich dann auf in den Fitnessraum. Um mit dem Jungen mithalten zu können, brauchte sie Kondition, und sie hatte bei kritischer Betrachtung einige Stellen an ihrem Körper entdeckt, die nicht so straff waren, wie sie es sich wünschte.
Ihr Mann fand sie abends auf der Hantelbank sitzend, ausgelaugt und verschwitzt nach ihrer zweiten Trainingseinheit an diesem Tag.
»Was treibst du denn hier?«, fragte er überrascht.
»Ach, frag mich nicht«, winkte sie ab. »Wie war dein Tag?«, stellte sie ihre rituelle Frage, wenn er von der Arbeit kam.
»Ach, frag mich nicht«, bekam sie die Retourkutsche. Er grinste, betrachtete sie nachdenklich. »In einer halben Stunde Abfahrt zu Achmed? Oder zu Toni? Oder zum Kovič?«
»Kannst du Gedanken lesen?«, fragte sie ihn freudig überrascht.
»Deine schon«, meinte er trocken. Wenn du wüsstest, war ihr spontaner Gedanke. »Kovič wäre toll.«
»Gebongt.«
In ihrem Lieblings-Steakhouse angekommen, fragte er sie: »Was treibt dich in den Fitnessraum? Wechseljahre? Midlife-Crisis?«
Sie schaute konsterniert. Wechseljahre? Sie? Unmöglich! Jetzt noch nicht. Midlife-Crisis? Ach was. »Ach, frag mich nicht«, erwiderte sie und sie lachten beide. Das war das Wunderbare, ihr Mann war auch ihr bester Freund.
Er schlief an dem Abend mit ihr und brachte sie mühelos in den siebten Himmel. Sie scherzten noch und schliefen eng umschlungen ein. Das war mit einem anderen Mann undenkbar.
Nach kurzem Schlaf wachte sie wieder auf. Was machte sie eigentlich? Sie riskierte ihre Ehe. Wofür? Sie hatte alles, was man sich wünschen konnte. War es die Gefahr, die sie suchte? Was für ein Unsinn. Gleich morgen würde sie Kevin in den Wind schießen. Gleich morgen.
Sie kuschelte sich an ihren Mann und schlief weiter.
***
Sie saßen beim Frühstück, jeder einzelne ihrer Muskeln schmerzte, aber sie fühlte sich gut, voller Spannkraft und Lebensfreude.
»Hast du Angst, dass du nicht knackig genug bist?«, fragte ihr Mann unvermittelt, ganz harmlos, während er Leberwurst auf sein Brötchen strich.
»Wie meinst du nicht knackig genug?«, fragte sie misstrauisch.
Er aß sein Brötchen, schaute sie nicht an.
»Wo zum Beispiel? Für wen zum Beispiel?« Ihr Ton wurde ungewollt aggressiver. Wusste er etwas? Ahnte er etwas? Sie würde etwas ahnen und sie hatte auch schon geahnt. Sie war noch gar nicht so lange her, die letzte Ahnung. Vivienne ging davon aus, dass ein Mann nicht bemerkte, wenn seine Frau … Sie weigerte sich, ihre Ausflüge beim Namen zu nennen, selbst in Gedanken. Ein Mann würde es nicht bemerken, wenn seine Frau außerhalb, öhm, Erlebnisse zelebrierte. Jedoch war das ein Vorurteil, von dem sie nicht wusste, inwieweit es begründet war.
»Für mich zum Beispiel.«
Puh!, die Antwort erleichterte sie.
»Findest du mich ‚nicht knackig genug‹?«, versuchte sie, ihn in die Defensive zu drängen.
»Heh, heh, heh.« Er lachte gekünstelt. Mit Aggressivität kam sie bei ihm nicht weiter. Gelegenheit, das zu lernen, hatte es in den letzten dreiundzwanzig Jahren genug gegeben. Auch, dass er morgens immer so ekelhaft ausgeruht und tatendurstig war.
»Bin ich für dich knackig?«, versuchte sie, die Wogen zu glätten.
»Für mich schon, sogar sehr knackig«, antwortete er und biss in sein Brötchen.
»Was meinst du, für wen könnte ich nicht knackig genug sein?« Sie musste wissen, ob er etwas ahnte. Oder wollte er sie in eine Falle locken?
»Keine Ahnung«, meinte er geduldig. »Sag du es mir, du musst doch wissen, für wen du dich so anstrengst.«
Er ahnte anscheinend nichts, Gott sei Dank. Sie erzählte eine halbe Wahrheit, die ihr als Begründung ausreichend erschien. »Margarete lästert immer, sie hat mich eine abgetakelte alte Schachtel genannt, die sich wie ein Teenie gibt.«
»Deswegen strengst du dich so an?«, fragte er erstaunt. Sein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig, er schaute verschmitzt und raunte verschwörerisch: »Ganz unter uns, wenn abgetakelte alte Schachteln so aussehen wie du, dann bekenne ich mich als Fan abgetakelter alter Schachteln.«
Sie hätte für ihn töten können, so sehr liebte sie ihn in diesem Moment.
Er schaute sie lächelnd an, begegnete ihrem Blick, hörte auf zu kauen.
»Wenn du weiterhin so schaust, Süße, dann vergesse ich meinen Termin und schleppe dich ins Schlafzimmer!«
Sie schaute weiter so und er schleppte sie ins Schlafzimmer und schlief mit ihr.
Als er zur Arbeit aufbrach, blieb sie liegen. Ein wunderbarer Mann. Er liebte sie, sie liebte ihn, wunderbar.
Kurze Zeit später rief Kevin an. Sie fühlte sich außerstande, seiner Jugendlichkeit heute Morgen zu begegnen, und sie vereinbarte ein Treffen für den nächsten Tag.
Außerdem wollte sie ihn in den Wind schießen. Jedoch wollte sie ihn nicht jetzt, nicht am Telefon von ihrem Entschluss unterrichten.
»Musst du denn nicht studieren?«, fragte sie, um etwas zu sagen.
»Ach, das kann ich mir einteilen. Die Mindestzahl an Scheinen hab ich bereits, passt schon. Ich bin ganz in deiner Nähe, kann ich kurz auf einen Kaffee reinkommen?«
Sie dachte an die massiven Schenkel, an die Kraft und die Herrlichkeit. »Aber nur ganz kurz, ich muss gleich weg«, ließ sie sich breitschlagen.
Ganz kurz wurde zu ihrem allerersten, extrem wilden Akt im Hausflur. Sie wurde genommen, geschüttelt, gerammelt und bestens versorgt. »Du liebe Güte!«, brachte sie hervor, als sie ihrem Lover einen Abschiedskuss aufdrückte. Ihre Knie zitterten.
»Und Tschüss«, meinte Kevin nur und verschwand.
Sie musste nach dem erlebten Vulkan erneut ruhen. Eine Ruhepause nach der Liebe hatte sie noch nie nötig gehabt, nicht in dem Maße.
Während des Ausruhens fasste sie einen Entschluss und verwarf einen anderen. Sie musste an ihrer Fitness arbeiten, wenn sie mit dem Jungen mithalten wollte. Entschieden machte sie sich wieder im Fitnessraum zu schaffen.
***
Ihrem Mann tischte sie ein Abendessen auf, dass der aus dem Staunen nicht herauskam. »Hast du ein schlechtes Gewissen oder womit rechtfertigst du das hier?« Er versuchte, den Beweggrund für den Luxus zu erraten, und wedelte mit der Hand über den außergewöhnlich dekorierten Tisch.
Sie lachte, weil seine Bemerkung berechenbar war und sie sie vorausgesehen hatte. »Na logo, Schatz.« Sie schmuste sich bei ihm an und küsste ihn. »Ich hatte heute zehn nackte Neger zu Besuch. Wenn die Nachbarn dich darauf ansprechen, dann weißt du Bescheid.«
»Man sagt nicht Neger«, meinte er strafend und schaufelte sich Delikatessen auf den Teller.
Kevin rief an, als sie im Bad stand und sich bettfertig machte: »Ich muss dich sehen!«
»Ist es vor zwanzig Uhr?«
»Nein, es ist nach zweiundzwanzig Uhr, aber ich muss mit dir sprechen.«
»Das muss bis morgen warten.«
»Nein, es muss jetzt sein. Wenn du nicht kommst, dann stelle ich mich vor deine Haustüre und hupe so lange, bis alle Nachbarn auf der Straße stehen.«
***
Sie schlüpfte in sein Auto, das um die Ecke auf dem Parkstreifen stand. »Du spinnst wohl«, begrüßte sie ihn sauer.
Er wurde gleich handgreiflich. Sie ließ ihn machen und blieb stocksteif sitzen, auch seinen Kuss erwiderte sie nicht.
»Nu sei doch nicht so«, schmollte er.
»Hör mal zu, mein Freund«, begann sie energisch mit der Rede, die sie sich auf dem Weg zurechtgelegt hatte. »Ich bin nicht zu deinem Vergnügen auf der Welt. Wenn du dich nicht an die Spielregeln hältst, dann werden wir nie mehr Kontakt miteinander haben. Und denke nicht, dass du mich erpressen kannst, mein Junge, dann lernst du mich kennen, das verspreche ich dir!« Sie redete sich in Rage.
»He, komm, sei doch nicht sauer«, sagte er in schmollendem Ton. »Ich lieb dich doch, da muss ich dich einfach manchmal sehen.«
»Ruf nie mehr an, verstanden?«, ordnete sie im Befehlston an. Sie war außer sich.
»Machst du jetzt Schluss?«, fragte er zaghaft und schaute sie unsicher von der Seite an.
»Wonach hört es sich denn an?«, fragte sie, immer noch laut, jedoch durch seine devote Haltung besänftigt.
Er saß da mit hängendem Kopf, die Realität riss ihn aus den Träumen. »Och, komm, bitte. Bittebitte! Du liebst mich doch auch.« Er bettelte wie ein junger Hund.
»Und wenn, ich bleibe beim Nein. Wenn du die neue Regel beachtest, rufe ich dich an … vielleicht.«
Eine solche Mutter-Kind-Diskussion war nicht das, was sie sich erträumt hatte.
»Wann rufst du mich an?«, fragte er hoffnungsfroh.
»Das hörst du am Klingelzeichen, jetzt fahr nach Hause. Und du gehst morgen zur Uni, sonst wirst du mich nie mehr anfassen. Verstanden?«
Sie sprang aus dem Auto und ging.
***
»Was war denn?«, fragte ihr Mann schlaftrunken.
»Ach, Gitte und ihre blöden, dämlichen Probleme«, redete sie sich heraus. Ihrem Mann standen Gittes Probleme bis zum Hals. Sie konnte sicher sein, dass er sie ganz bestimmt nicht anrufen würde, um den Wahrheitsgehalt ihrer Ausrede zu kontrollieren.
»Gitte?«, fragte ihr Mann noch und war eingeschlafen.
Sie hingegen fand keine Ruhe. Die Aktion von Kevin vorhin war nicht das, was sie gebrauchen konnte. Ein schmollender Jüngling, der sich als Stalker verstand oder als unentbehrlicher Macho, dem niemand widerstehen konnte, oder … egal was ihn trieb, es ging ihr gegen den Strich.
Sie lag noch lange wach und regte sich auf. Erst nach Stunden hatte sie sich abgeregt und konnte schlafen.
Am nächsten Tag hörte sie nichts von dem jugendlichen Liebhaber, musste sich allerdings einige Frotzeleien ihres Angetrauten am Frühstückstisch gefallen lassen.
»Ich hab gehört, dass eine Drückerkolonne im Anmarsch ist, Zeitschriften! Die akquirieren ihre Mitarbeiter im Kamerun. Bereite dich schon mal darauf vor.«
»Mh«, meinte sie schlagfertig sein zu müssen, »da muss ich doch mal meinen Bestand an Präsern kontrollieren. Wie viele sollen es denn sein?«
Sie prusteten gleichzeitig los. So war es schön, so locker und ungezwungen, es war wie früher. Vielleicht ahnte er etwas und gab sich entsprechend mehr Mühe. Oder sie wirkte attraktiver, weil jemand anderes sie ebenfalls begehrte. Oder sie gab sich ausgeglichener, lockerer, weil sie Alternativen hatte. Egal warum, ihr Zusammenleben gefiel ihr.
Sie schaute sich im Internet das Vorlesungsverzeichnis von Kevins Uni an. Zehn Uhr dreißig war die Zeit, in der sich alle Studiengänge mitten in einer Veranstaltung befanden. Sie rief ihn an.
Er meldete sich flüsternd.
»Ich versteh nicht, wer ist da?«, fragte sie überflüssigerweise.
»Hier ist Kevin.«
»Kevin, bist du dran?«, schrie sie in den Apparat.
»Ja.« Die schiere Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit.
»Ist die Verbindung so schlecht?«
»Nein, die Verbindung ist gut, ich kann nur nicht sprechen.«
»Hallo? Kevin? Hörst du mich?«
»Ja! Ja! Ja! Was ist denn?«
Sie fand, dass sie ihn genug auf die Folter gespannt hatte. Nun folgte der zweite Teil der Botschaft, die sie ihm voller Schadenfreude zukommen lassen wollte.
»Kevin?«
»Ja?«
»Ich bin so geil.« Sie sprach so, wie sie dachte, dass es sich verrucht und geil anhörte.
»Oh nee«, stöhnte er.
»Kannst du herkommen?«, fragte sie in dem verruchten und geilen Tonfall.
»Ja, heute Nachmittag, es ginge um …«
»Bist du verrückt?«, unterbrach sie ihn entsetzt, »Jetzt! Es muss jetzt sein! Heute Nachmittag ist es zu spät! Ich bin jetzt geil!«
»Telefonieren Sie etwa? Schalten Sie sofort das Handy aus!«, hörte sie eine autoritäre Stimme im Hintergrund, dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Sie kicherte schadenfroh vor sich hin.
***
Kevin rief an.
»Wo bist du?«, fragte er herrisch.
»Ich bin hier, wo bist du?«
»Ich steh draußen vor der Tür, mach auf!«
Sie lachte ihn aus. »Ich sitze im Café auf der Kö. Tu mir den Gefallen und mach keinen Krach, okay? Nicht dass sich die Nachbarn gestört fühlen.«
»Wo bist du? Wieso bist du nicht zu Hause? Ich denke, du bist so geil!«
»Das war ich heute Morgen, aber da hattest du keine Zeit für mich. Geh jetzt bitte aus der Leitung, okay?«
Abends rief er wieder an. Sie bereute sehr, ihn so nah an sich herangelassen zu haben, und nahm sich erneut vor, ihm den Laufpass zu geben. Sie vereinbarte einen Telefontermin für den nächsten Morgen, um acht Uhr fünfzehn.
»Um acht Uhr vierzehn ist mein Telefon noch ausgeschaltet und um acht Uhr sechzehn ist es wieder ausgeschaltet, okay? Wenn du nicht um acht Uhr fünfzehn anrufst, dann brauchst du überhaupt nicht anzurufen, capito?« Sie imitierte eine Jugendliche und kam sich für einen Moment jung vor.
»Na, nu mach mal nicht die Welle, so was wie mich kriegst du nie mehr wieder!«, meinte ihr jugendlicher Stecher. Er wurde sauer. Sie erwog, ihn so sauer werden zu lassen, dass er von sich aus die Verbindung abbrechen würde, nahm davon jedoch vorerst Abstand. »Wenn du das meinst, dann brauchst du morgen um acht Uhr fünfzehn nicht anzurufen, dann hat sich das erledigt. Ganz einfach.«
»Du liebst mich doch!«, rief er und hörte sich dabei verzweifelt an.
»Bis morgen«, meinte sie rigoros und beendete das Gespräch.
Am folgenden Tag auf die Sekunde genau meldete er sich. Sie verabredete ein weiteres Telefongespräch am darauffolgenden Morgen, ebenfalls um acht Uhr fünfzehn, ebenfalls die strenge Maßgabe. Wollen wir doch mal sehen!, dachte sie.
Er rief pünktlich am nächsten Morgen an. Sie ließ sich auf ein kurzes Gespräch ein, aber zu keiner weiteren Aktion überreden. Zu seiner Enttäuschung beendete sie das Gespräch abrupt.
Es war klar, dass Kevin eine Belohnung brauchte und auch verdient hatte. Sie benötigte ebenfalls dringend eine Belohnung der Kevin’schen Art, wie sie sich eingestand. Wenn sie an diese Schenkel, an diese wilde unbändige Kraft und die ungezügelte Leidenschaft dachte, dann wurde ihr ganz anders.
Sie rief ihn um zehn Uhr dreißig an. Zu ihrer Überraschung antwortete er ganz normal, offensichtlich war er nicht in einer Vorlesung.
»Nö, sitz mit ein paar Kommilitonen in der Altstadt, wir flippern. Was is’n?«, fragte er sehr locker. Sie überwand sich und sagte: »Ich bin ganz schauderhaft geil. Kannst du kommen?«
Sie hatte die Absicht gehabt, ihn damit wiederum in der Vorlesung aus dem Konzept zu bringen.
Er jedoch antwortete: »Oh? Echt jetzt?« und schien wirklich überrascht.
»Ja«, flüsterte sie in der Tonart, die ihrer Meinung nach ihre Behauptung untermauerte.
»Okay, bin unterwegs«, meinte er trocken und beendete das Gespräch.