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50. Leben im Iglu! Norwegen -Hammerfest

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Zu einem „Iglu“ im hohen Norden muss man erst mal kommen, am 18. Reisetag, Donnerstag 13. Januar 2011, fuhren wir auf die Fähre in Rostock.

Wir, das waren acht Personen, die als Fahrer fungierten, gleichzeitig alle zu einem Filmteam gehörten und zu Dreharbeiten nach Hammerfest in Norwegen wollten.

Wir hatten zwei Mercedes Sprinter und zwei Iveco (italienische Variante) voll mit Technik und Essen dabei.

Unser erstes Ziel war Trelleborg in Schweden und die meiste Zeit auf der Fähre verbrachten wir mit „Vorschlafen“.

Auf der Fähre lachten uns die professionellen Trucker nur aus:

Wie, so wollt ihr nach Hammerfest, keine Spikes und null Erfahrung, da kommt ihr nie an!

In Sachen Erfahrung hatten sie Recht. Keiner von uns hat diese Tour 3.000 Kilometer von Berlin nach Hammerfest zuvor je gemacht.

Ja, auch Schneeketten hatten die meisten von uns das erste Mal in ihrem Leben im Hafen von Rostock vor zwei Stunden aufgezogen.

Und was die Trucker noch gar nicht wussten, wir wollten und mussten in der Nacht vom Samstag zum Sonntag in Hammerfest ankommen, also in zweieinhalb Tagen.

Drehbeginn war der 17. Januar in der Früh. Aber mit dem Mut der Verzweifelten hatten wir alle Häme ignoriert.

Schweden empfing uns mit einem Schneegestöber, na das fing ja gut an. Die Raucher unter uns wollten noch schnell zollfreie Zigaretten bunkern, kamen aber wieder und erzählten, dass pro Person nur eine Schachtel zollfrei ausgegeben wird, nur die Trucker bekamen pro Person zwei Schachteln. Alle Hinweise, dass auch wir Profis gen Norden seien, hatte nur wieder zu Gelächter, aber diesmal von den Angestellten, geführt.

Die ersten 200 Kilometer in Schweden kamen wir dank des Schnees nur auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 Km/h. Also beschlossen wir, so weit zu fahren, wie es überhaupt ging, alle drei Stunden Fahrerwechsel, der Beifahrer kochte während der Fahrt bei Bedarf auf dem Gaskocher Kaffee und Tütensuppen.

Wir ignorierten alle Lenkzeiten, hatten uns aber so abgesprochen, wenn ein Team nicht mehr konnte, würden alle im Konvoi über Walkie Talkie informiert und es würde sofort eine Pause eingelegt.

Hinter Stockholm begann die Eisfahrt, das heißt, die Straßen waren von einer permanenten Eisschicht überzogen. Salz zu streuen hätte bei der Dicke des Eises nichts gebracht und hätte nur die Rentiere und Elche, die wir natürlich in den Wäldern am Rande beobachtet konnten, auf den Plan gerufen. Salz leckend hätten sie die Straßen im Norden permanent blockiert.

Das hieß aber auch für uns, Abstand halten. Da wir keine Spikes hatten und die Schneeketten nicht aufziehen wollten, fuhren wir mit unseren Winterreifen im Abstand von 200 Metern, denn Auffahren auf den Vordermann, das wäre es noch gewesen.

Die Schönheit der Wälder, dazu diese Einsamkeit, die sofort hinter Stockholm begann, ließ uns gar nicht wahrnehmen, dass es immer kälter wurde. Gegen 15 Uhr, es fing gerade an, dunkel zu werden, hatten wir noch einen Lkw Unfall mit vielen Verletzten vor uns. Die Straße war total gesperrt und zwang uns zu einem zusätzlichen, 70 Kilometer langen Umweg.

18 Uhr, nach 20 Stunden Fahrt, war für alle in Umea (650 Km nördlich von Stockholm) Schluss. Es war stockdunkel und schon minus 22 Grad kalt.

Unter unseren Fahrzeugmotoren standen hoteleigene Warmlüfter. Diese findet man überall dort oben in Schweden, Finnland und Norwegen vor den Hotels und Restaurants. Wir schmierten die Brote für die morgige Fahrt, um 5 Uhr sollten die letzten, gut 1000 Kilometer in Angriff genommen werden.

Dann gingen Chico, der Koch, und ich noch in die Sauna.

Um 3 Uhr war für Chico und mich, er als Koch, ich als Car Captain, die Nacht vorbei. Draußen minus 30,5 Grad. Abfahrt, dick eingehüllt mit allem, was unser Kleiderschrank so hergab, Punkt 5 Uhr.

Schon in Finnland, wir genossen gerade die wenigen Stunden Helligkeit, hörte ich von einem Iveco Team, sie hätten keinen Sprit mehr. He, wie denn das, wir hatten doch gerade erst getankt.

Die Tankanzeige war eingefroren und alle Scheibenwischanlagen der vier Autos dazu, aber das war erst der Anfang.

Jetzt hieß es rechnen, nur nicht wegen Spritmangels stehenbleiben.

Noch mal zur Helligkeit, jawohl, wir näherten uns schnell dem Polarkreis bei 66,33 Grad nördlicher Breite und darüber erwartete uns die Polarnacht. An unserem Ziel Hammerfest, auf 70,1 Grad nördlicher Breite gelegen, ging die Sonne vom 21.11. bis 21.01. überhaupt nicht mehr auf, davor und danach nur spärliches, zaghaftes Licht am Horizont.

Am Polarkreis kurze Rast fürs Foto und so. Minus 36 Grad und die Härchen in der Nase brachen beim Einatmen sofort ab. Im Auto immerhin noch plus 2 Grad.

Im Norden von Finnland, in der Finnmark, nicht nur Massen von Rentieren und Wölfen, sondern auch minus 45 Grad Celsius.

Die Wölfe waren aus Russland über die Grenze gekommen und durften seit ein paar Jahren nicht mehr gejagt werden. Die frostige Temperatur erklärte der finnische Tankwart mit einer „Kälteinsel“, aber zur Küste von Norwegen hin sollte es dank des Golfstroms milder werden.

Diese Kälte half uns aber, unser Schmuggelgut, jeder weiß wie teuer Alkohol in Norwegen ist, gefahrlos über die Grenze vom Euroland Finnland nach Nichteuroland Norwegen zu bringen.

Die zwei Grenzer, ein Finne und ein Norweger, konnten sich nach sichten der Papiere und Abstempeln der vielen Carnets, den Zollerklärungen, nicht einigen, wer von ihnen die Außenkontrolle vornehmen sollte. Es war einfach zu kalt, auch für sie. So ließen sie mich nach der Frage: Ob ich über das Erlaubte hinaus, Alkoholika, Zigaretten oder Fleisch (auch dafür gab es Beschränkungen) bei mir hätte und meiner Antwort: Ich nicht und ich glaube auch nicht, das meine Kollegen und so… einfach weiterfahren.

Für den Fall der Fälle war vereinbart gewesen, dass ich dann mit dem Zöllner im Schlepptau, auf Deutsch sagen würde: Kontrolle und einer vom Team alles auf seine Kappe genommen hätte, immerhin 25€ Extrazoll pro Liter Schnaps.

Von der Grenze nur noch 300 Kilometer bis Hammerfest, ein Klacks. Aber auf halber Strecke noch mal ein Heidenschreck, Rentiere auf der Straße führten fast zu einem Unfall. Bremsweg gute 100 Meter.

Dann rauf auf die Insel (Hammerfest liegt 100 Km südlich des Nordkaps auf einer Insel) und da stoppte uns ein Schneesturm kurz vor dem Ziel, nichts war mehr zu sehen, keine 5 Meter. So verfehlten wir unser Ziel, Punkt Mitternacht zum „Warm up“ des Filmteams anzukommen, um 20 Minuten.

Noch mal: Abfahrt in Berlin am 13. Januar um 10 Uhr vormittags, Ankunft nach 3.071 Kilometern am 15. Januar um 0:20 Uhr.

Wow, und natürlich ein grandioser Empfang vom Rest des Teams.

Ich bezog mein Iglu, warum nannte ich diese Wohnung am Hafen von Hammerfest Iglu? Ich hatte eine Dachwohnung im dritten Stock, kein Fenster oder Gaube zum vor der Tür liegenden, erleuchteten Hafen, nur Dachfenster und die waren von einem Meter Schnee und Eis bedeckt.

Dazu eine ungewöhnliche Beleuchtung der Wohnung.

Der Wohnungsinhaber hatte sich über Schaltuhr einen Tag – Nachtrhythmus installiert, soll heißen um 7 Uhr früh bis 10 Uhr und von 17 Uhr bis 23 Uhr gingen alle Lichter an und dazwischen war alles stockdunkel, da ja auch kein Licht vom hell erleuchteten Hafen den Weg ins Innere fand.

Und wir fanden keinen Weg, das zu ändern, der Inhaber war für die Drehzeit, also für die nächsten 6 Wochen, in den Süden gereist.

Da mein Rhythmus aber ein gänzlich anderer war, musste ich mir noch diverse Stehlampen besorgen. Die Steckdosen hatten wenigsten die ganze Zeit Spannung.

Nun stelle man sich vor, draußen die Polarnacht und innen, meist kamen wir erst nach Mitternacht heim, auch alles dunkel. Für Menschen mit Neigungen zu Depressionen wäre so ein Arbeitsplatz auf keinen Fall zu empfehlen, dachten wir. Wir erfuhren aber später, dass der Polartag die Menschen hier oben noch viel mehr als die permanente Dunkelheit zu schaffen macht.

Die Heimfahrt hatte übrigens, bezüglich Pannen und Kälte, die Anfahrt noch getoppt. Als ob sie es geahnt hätten, hatten drei Fahrer die Heimfahrt verweigert und Ersatz musste aus Berlin eingeflogen werden.


Winterflucht - Band 4

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