Читать книгу Reitschuster und der Kunstraub - Frank Röllig - Страница 6
Drittes Kapitel
Оглавление„Schau dir das an, Schaller! Das ganze Heck ist voller Vogelkacke. Oh, wie ich diese Raben hasse. Komm, steig ein. Lass uns zur nächsten Tanke fahren, um ihn abzudampfen“, sagte Reitschuster verärgert. Schaller würde ihn nicht ansprechen, bezüglich des Ausrutschers mit seinem Vornamen. Nachdem das Auto wieder in einem vorzeigbaren Zustand war, fuhren sie zur Inspektion. Kriminalrat Miele würde schon ungeduldig warten, denn schließlich wurde er, wie so oft, wenn es um den Informationsfluss zwischen Staatsanwalt Dr. Hieber und Reitschuster ging, außen vor gelassen. Der Kommissar grinste bei dem Gedanken, wie der nicht gerade große Kriminalrat die Gänge auf und ab huschte und sich dabei ungeduldig seine Hände massierte.
Es war 16:30 Uhr, als sie die Inspektion betraten. Frau Wimmer, die gute Seele der Kripo Krumbach, hatte pünktlich Dienstschluss gemacht. „Schade, kein Kaffee“, sagte Schaller wehmütig. Sie gingen wortlos ins Büro. Auf dem Schreibtisch von Reitschuster lag ein Schreiben, das sehr offiziell aussah.
„Sehr geehrter Herr Dr. Hieber, hiermit möchte ich Ihnen den Zeitraum der Wanderausstellung mitteilen. Der Beginn wäre am 28.12.2014. Das Ende der Ausstellung wäre der 15.01.2015. Betreiber der Ausstellung ist die Taurus AG mit Hauptsitz in Brüssel. Es sollen zwölf Bilder ausgestellt werden. Des Weiteren möchte ich Sie bitten, alles in die Wege zu leiten, was die Absicherung der Exponate betrifft.
Hochachtungsvoll Landrat Huber.“
Reitschuster staunte. „Das wird ja immer besser. Das Ganze könnte sich noch zu einem Politikum hochstilisieren. Komm Schaller, wir gehen zu Miele.“ Sie gingen in den oberen Flur, wo sich Mieles Büro befand. Reitschuster klopfte. Keine Antwort. Er versuchte es erneut, doch sie hörten keine Antwort. „Weißt du was wir jetzt machen Schaller?“, schäumte Reitschuster. Schaller hob die Schultern. „Dienstschluss! Soll er uns im Mondschein besuchen.“
Dienstagmorgen, 10.12.2014. Noch achtzehn Tage, bis zur Eröffnung. Die Tageszeitungen berichteten über die Ausstellung:
»Zeitgenössische Maler aus den vergangenen Epochen«.
Für Reitschuster war es immer noch unbegreiflich, dass er für eine solche Lappalie herangezogen wurde. Aber was sollte er tun! Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Er legte die Günzburger Zeitung beiseite und trank seinen Kaffee. Jasmin schlief noch. Für sie wurde es heute auch wieder ernst im Baumarkt.
Herr Vogel, der Filialleiter, hatte sie für drei Tage beurlaubt. Reitschuster schaute auf seine Omega-Armbanduhr, schon viertel acht. Jetzt noch schnell duschen, damit er pünktlich im Büro ist. Polizeirat Miele würde dort bestimmt schon sehnsüchtig auf ihn beziehungsweise auf seinen Bericht warten. Er zog einen der maßgeschneiderten Anzüge an. Nun noch der obligatorische Kontrollblick im Spiegel. Alles war in bester Ordnung. Zum Finale noch etwas Gel in die dunkelbraunen, gewellten Haare.
„Jetzt kann’s losgehen.“ Von Neuburg an der Kammel, seinem Wohnort, waren es nur fünfzehn Minuten zum Kommissariat. Als er auf den Revierparkplatz einbog, war sein Parkplatz bereits besetzt.
„Das glaub ich ja nicht! Welches Rindviech hat sich auf meinen Parkplatz gestellt“, schrie er in seiner Wut. Vor Zorn parkte er so dicht neben dem Eindringling, dass sich die Rückspiegel beinahe berührten. Reitschuster sah sich das Kennzeichen an. „Ah, ein Preuße aus Köln. So können die vielleicht am Niederrhein parken aber nicht in Schwaben!“
Er ging durch das schmiedeeiserne Tor, das von jeher quietschte und knarzte. Reitschuster wollte gerade durchzählen, wie oft er Herrn Peeters schon gesagt hatte, er möge dieses vermaledeite Tor schmieren. Da kam ihm eine hochgewachsene, schlanke, nein, nicht blonde, sondern brünette, junge Frau entgegen. Sie schaute zu ihrem Auto. Sie vermutete, dass Reitschuster ihr Auto blockierte.
„Sagen Sie, müssen Sie so einparken? Das ist wohl nicht gerade Ihre Stärke?“
„Na, Sie sind ja vielleicht lustig! Haben Sie denn keine Augen in Ihrem zugegeben hübschen Köpflein? Das sind reservierte Parkplätze für die Kripo Krumbach“, sagte er barsch, denn wenn es um seinen Parkplatz ging, kannte er kein Pardon. „Ach, na Sie sind mir ja einer. Sehen Sie nicht, dass ich eine Dame bin? Sie sollten ein wenig im Knigge lesen, damit Sie den Umgang mit Damen besser verstehen. Dann wüssten Sie mit dieser Situation umzugehen!“, sagte sie forsch. Reitschuster fehlten die Worte. Da stellt sich diese Preußin auf seinen Parkplatz und wird noch frech. „Also jetzt halten Sie mal die Luft an, oder möchten Sie, dass ich Ihr Fahrzeug abschleppen lasse. Wäre Ihnen damit gedient?“ Sie gab klein bei. „Ich muss gestehen, dass Sie am längeren Hebel sitzen, wenn Sie mir also Platz machen würden? Dann könnten wir die Parkplätze tauschen“, sagte sie reumütig.
„Einverstanden!“ Reitschuster fuhr seinen Opel zur Seite. Die Kölnerin tauschte den Parkplatz mit ihm. Als sie die Inspektion wieder betraten, sprach sie ihn an.
„Sagen Sie, ich soll mich hier bei Staatsanwalt Dr. Hieber melden oder bei einem Breitschuster. Würden Sie mir bitte helfen“, sagte sie fast ein wenig schüchtern.
„Staatsanwalt Dr. Hieber kommt heute erst nach der Mittagspause. Heute ist Gerichtstag. Ach, und dieser Breitschuster heißt in Wirklichkeit Reitschuster. Er ist Hauptkommissar und Leiter der Kripo Krumbach.“
„Na, Sie kennen sich aber aus. Gehören Sie auch dazu oder sind Sie ein Vertreter“, meinte sie. Dabei schaute sie ihn von oben bis unten an. „Ja! Denn das bin ich selbst. Mein Name ist Hauptkommissar Felix Reitschuster“, sagte er überzeugend.“ Nun wurde die junge Dame sogar ein wenig rot. „Oh, da ist dann ja wohl eine Entschuldigung fällig.“
Der Kommissar winkte ab: „Ist schon gut. Das ist doch menschlich. Wie sage ich immer, »wer morgens zerknittert aufsteht, hat den ganzen Tag Zeit sich zu entfalten«. Da musste sie lachen, was sie wiederum sympathisch machte. „Dann kommen Sie mit in mein Büro. Sie können mir dann Ihr Anliegen, bei einer guten Tasse Kaffee schildern“, lächelte er. Schaller war schon da. Er stand an einem Stehtisch im Vorzimmer und blätterte in Reklame, als er Reitschuster erblickte: „Morgen Chef!“, meinte Schaller beiläufig und kaute weiter auf seiner Breze. Als er sah, dass er in Begleitung war, legte er sein Frühstück nebst Reklame beiseite. Anschießend klopfte er sich die Krümel von seiner Bekleidung.
„Guten Morgen“, sagte er nochmals freundlich,
Reitschuster griente: „Dies ist Frau Wimmer, die gute Seele der Kripo Krumbach und dies ist Polizeihauptmeister Christian Schaller. Das hier ist Frau …?“, nun war es an ihr, sich vorzustellen. „Mein Name ist Julia Springer. Dr. Julia Springer! Ich komme von der AXA ART Insurance aus Köln.“ Sie unterbrach ihre Vorstellung und gab allen eine Visitenkarte. „Mein Unternehmen hat mich beauftragt, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Ende Dezember wird hier in Krumbach eine Ausstellung seltener Gemälde stattfinden. Diese Ausstellungsstücke sind bei unserem Unternehmen versichert. Sie müssen nämlich wissen, dass die AXA-Versicherung in verschieden Kategorien unterteilt ist. Ich vertrete die Abteilung ART – also Kunst, das kommt aus dem Lateinischen. Wir versichern weltweit ¾ aller wertvollen Kunstobjekte. Ich bin nun hier, um zu sehen, wie die Gemälde geschützt werden sollen“, endete sie.
„Na dann wären wir schon zu dritt!“, lächelte Reitschuster. Genüsslich trank er von seinem Kaffee. „Frau Springer bitte folgen Sie mir in mein Büro. Dort werde ich Sie genau briefen.“ Schaller folgte. Es dauerte eine Viertelstunde, bis Frau Springer auf dem aktuellen Stand war. Dann bedankte sie sich: „Vielen Dank für die ausführliche Einweisung. Meine Nummer haben Sie, falls es nötig sein sollte, mich zu erreichen. Ich suche mir nun ein Quartier, die lange Fahrt hat mich müde gemacht. Könnten wir uns Morgen die Räumlichkeiten ansehen?“ Reitschuster verschluckte sich. Nachdem er wieder Luft bekam, sagte er: „Aber ja! Seien Sie gegen zehn hier im Vorzimmer.“
„Gerne“, gab sie zurück und verließ die Inspektion.
„Ganz schön selbstbewusster, junger Feger, diese Frau Springer“, sagte Schaller.
„Ja, die hat Haare auf den Zähnen, aber sie ließ ganz gut durchblicken, wie bedeutend diese Ausstellung sein wird“, gab Reitschuster zu bedenken. Das Telefon läutete, „Hauptkommissar Reitschuster, guten Morgen!“
„Kriminalrat Miele hier. Ich warte noch auf Ihren Bericht. Haben Sie gerade viel zu tun? Falls nicht, möchte ich Sie in zehn Minuten in meinem Büro sehen und bringen Sie Polizeihauptmeister Schaller mit.“ Reitschuster verabschiedete sich. „Wir sollen zu Miele kommen.“
„Oh, oh, der wird ziemlich sauer sein. Schließlich haben wir ihn noch gar nicht eingeweiht über unsere neue Mission“, sagte Schaller mit belegter Stimme.
In einem Bauernhof in der Nähe von Autenried hatte sich Anfang November eine Malerfirma eingemietet. Das Kennzeichen des Sprinters war russischen Ursprungs, was hier in der Region nicht selten vorkam. Laslo, der älteste der vier Maler, machte eine Ansage: „Wir haben den Auftrag!“ Ein kurzer Jubel brandete auf. „Mittwoch, nachdem das Museum geschlossen wurde, beginnen wir mit den Vorbereitungen. Vladimir, hast du die Störsender bekommen?“
„Ja, habe ich. Ebenso die restlichen Utensilien“, sagte Vladimir, der Techniker. Er war das jüngste Mitglied des Quartetts.
„Prima und ihr beiden?“ Laslo drehte sich zu den Brüdern, Mika und Johann. „Für den Ausbau alles parat?“
„Alles bekommen, Laslo. Wir könnten mit dem Bau der Modelle sofort beginnen“, sagte Mika.
„Das werden wir am Abend machen. Ich fahre nun ins Museum. Dort mache ich Fotos von den Sicherheitseinrichtungen.“
Jasmin betrachtete während einer Kaffeepause ihren Verlobungsring. Sie konnte ihr Glück noch gar nicht richtig fassen. Noch nie hatte sie so tiefe, ehrliche Gefühle bei einem Mann empfunden. Ganz gleich, ob es um Reisen, Politik oder Mode ging. Sie ergänzten sich perfekt. Herr Vogel, der Filialleiter kam in den Aufenthaltsraum: „Hallo, Frau Biedermann. Wieder zurück von Ihrem Kurztrip, wie ich sehe. Ihr Freund ist sehr überzeugend gewesen in seinen Ausführungen“, meinte Vogel.
„Guten Tag Herr Vogel, ja das stimmt. Mein Verlobter ist bei der Kriminalpolizei Krumbach, müssen Sie wissen. Ich hoffe, dass es für Sie nicht unangenehm war.“
„Nein, nein. Das war schon gut so, denn schließlich hatten Sie es in den vergangenen Monaten wirklich nicht leicht. Es war zwar neu für mich, dass die Angestellten nicht selbst um Urlaub anfragen, aber okay, warum nicht. Sie sagten verlobt, dann darf ich Ihnen gratulieren?“
„Stimmt! Er hat mich bei einem ganz romantischen Essen gefragt, ob ich seine Frau werden möchte. Schauen Sie sich nur diesen schönen Ring an“, strahlte Jasmin Ihren Chef an. Herr Vogel hatte ein äußerst gutes, dienstliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern, was sich auf die Arbeitsmoral und das Verhalten den Kunden gegenüber als sehr positiv auswirkte. „Der ist prächtig. Macht sich sehr gut an Ihrem Finger. So nun muss ich aber weiter. Es haben sich noch ein paar Vertreter angemeldet. Ihnen wünsche ich einen schönen Tag. Wenn Sie wieder ein Anliegen haben, scheuen Sie sich nicht, es mit mir zu besprechen“, lächelte er freundlich.
Jasmin trank ihren Kaffee aus und ging wieder in ihre Abteilung. Heute Abend würde sie sich etwas für ihren Felix einfallen lassen …
Es war nun 17:30 Uhr an diesem Dienstag. Laslo parkte den Lieferwagen seiner Firma vor dem Museum. Er sah, wie der Pförtner vor dem Eingang rauchte. Hastig eilte er die Betonstufen vom Parkplatz zum Haupteingang hinauf: „Warten Sie bitte kurz.“ Verdutzt schaute sich der Pförtner den Maler an. „Herr Moosgruber hat meine Firma beauftragt, hier alles in Augenschein zu nehmen, was irgendwie herausgeputzt oder verschönert werden müsste“, meinte Laslo gehetzt. Er vermutete, dass das Museum gleich schließen würde.
„So, hat er das? Na dann, schauen Sie sich in Ruhe um. Ich bin jedoch nur noch bis 18:00 Uhr hier. Bis dahin haben Sie Zeit.“ Laslo schaute auf seine Armbanduhr. „Das schaffe ich leicht! Brauche nur einen groben Überblick. Ist sonst noch wer im Hause?“
„Nein, wir sind die Letzten heute.“ Er zerdrückte seine Zigarette im Ascher, putzte seine Brille und ging mit hinein. Laslo holte aus seiner Tasche einen Fotoapparat heraus, um detaillierte Aufnahmen zu machen. Ihn interessierten vor allem die Sozialräume des Museums. Deshalb auch die Frage, ob sonst noch wer im Museum ist. Dann ging er in den ersten Stock. Dort fotografierte er alle wichtigen Einrichtungen. Dann sauste er wieder ins Erdgeschoss. Dort machte er von den Ausstellungsräumen einige Aufnahmen. Alles dauerte nicht länger als zwanzig Minuten. Dann ging er zum Pförtner. „Sagen Sie, wie ist Ihr Name?“
„Mein Name ist Böck.“
„Alles klar, Herr Böck. Hat Ihnen Herr Moosgruber gesagt, dass wir vor allem in den Abendstunden hier arbeiten werden?“, fragte Laslo beiläufig.
„Nein, das hat er nicht. Aber Sie sind ja nicht die einzige Malerfirma, die ich in meiner Dienstzeit von 27 Jahren habe kommen und gehen sehen. Das Prozedere war stets das gleiche …“
Laslo schaute ihn beruhigt an. Sie würden demnach völlig eigenständig ihrer Arbeit nachgehen können. Perfekt, dachte Laslo.
„Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.“ Er stieg in seinen Lieferwagen und fuhr davon. Vor einem Drogeriemarkt hielt er an.
Hier übertrug er die Fotos der SD-Karte auf einen Computer des Ladens. Das äußerst Positive war hier, dass er die Fotos sofort bearbeiteten konnte. Danach nahm er die SD-Karte wieder heraus. Gut war auch, dass er die Bilder in ausgedruckter Form gleich mitnehmen konnte. „Das ist ein Höchstmaß an Anonymität, besser und unauffälliger geht es nicht“, sagte er leise, mit süffisantem Grinsen.
Mit den Fotos fuhr er nach Autenried. Es wurde eine lange Nacht für das Quartett.
Reitschuster und Schaller bekamen ordentlich den Kopf gewaschen von Kriminalrat Miele: „Hier auf dem Kommissariat ist ganz schön der Schlendrian eingezogen. Herr Reitschuster, ihre Diensteifrigkeit in Ehren, aber Sie hätten schon die Zügel etwas strammer anziehen können.“ Reitschuster wollte sich rechtfertigen, wurde jedoch durch eine Handbewegung Mieles an seinem Redeversuch gehindert.
„Sie hätten den Staatsanwalt mehr in Ihr Vertrauen einbeziehen sollen. Des Weiteren haben mich die diensthabenden Polizisten vom Dienst darüber informiert, dass die gesamte Abteilung der Kripo komme und gehe, wie es ihnen in den Kram passt. Das hört ab heute auf. Haben wir uns da verstanden!“ Er blickte seine Kollegen streng an. Dabei entging ihm die Betroffenheit nicht. Die Angesprochenen schauten sich ratlos an.
„Sie denken wohl immer noch, der Weg ist das Ziel. Im Prinzip stimmt das, aber in dieser speziellen Angelegenheit eben nicht. Effektivität, Quantität, Kostensenkung sind die Ziele. Sie stehen unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit. Vergessen Sie das nie.“
„Herr Miele, genau so sind wir in den bisherigen Fällen auch vorgegangen. Ich kann Ihre Auffassung von Aktionismus nicht teilen. Beim besten Willen nicht“, sagte Reitschuster mit energischer Stimme.
„Schauen Sie einfach, dass Sie unnütze Kosten vermeiden. So ein supermodernes Konferenzzimmer hätte es beispielsweise nicht gebraucht!“
„Ja spinn ich jetzt? Gerade Sie, der immer bereit war, die schnellsten Ermittlungsergebnisse im gesamten Freistaat zu haben, wollen allen Ernstes dafür plädieren, dass eingespart wird?“ Reitschuster musste sich wirklich zusammenreißen. Die Arbeitsgemeinschaft mit seinem Chef war schon immer schwierig. Nach dem schweren Radunfall scheint nun alles in seinem Oberstübchen durcheinandergewirbelt zu sein.
„Sie waren doch auch für das neue Equipment. Dass Sie mit den verschiedenen Dienststellen Konferenz halten können.“
„Herr Reitschuster, Herr Schaller. Ich erwarte eine engere Zusammenarbeit und ein Höchstmaß an Informationsaustausch. Wir haben uns verstanden? Dann also bitte, gehen Sie Ihrer Arbeit nach, schönen Tag.“
Miele hielt es noch nicht einmal für nötig, seinen Mitarbeitern zum Abschied die Hand zu reichen.
Sie stürmten aus Mieles Büro.
„Was glaubt denn dieses Heinzelmännchen, was wir hier machen. Haben wir bestens ermittelt oder nicht?“ Reitschuster schaute Schaller mit vor Glut sprühenden Augen an.
„Das haben wir. Ich kann deinen Zorn verstehen. Für mich war das blankes Machtgehabe, weil er nichts zu tun hatte während seiner Reha.“ Reitschuster hatte sich immer noch nicht beruhigt und biss sich auf seine Unterlippe. „Ich mach Feierabend. Wir sehen uns morgen, Pfüat di.“
Schaller telefonierte mit Carlo Kreuzleitner und Alois Obermayr. Er brauchte nun etwas Zerstreuung. Sie beschlossen, sich für den Abend im „Mü Mü“ zu treffen, um eine Runde Schafkopf zu spielen. Reitschuster schaute noch kurz ins Büro. E-Mails gab es keine und sein Postfach gähnte vor Leere. Daraufhin fuhr er nach Hause. Er brodelte immer noch vor Wut wegen Miele. Jasmin müsste nun auch bald Feierabend haben. Sie würden zusammen kochen, dazu Rotwein trinken, es sich gut gehen lassen. Als Jasmin Reitschusters Haus betrat, war alles dunkel. Nur im Wohnzimmer glomm noch etwas Glut im Kaminofen. Ihr Verlobter hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Sie hörte das sonore Brummen seiner Atmung. Oje, dann werde ich wohl allein zu Abend essen müssen. Sie kannte ihn schon ganz gut. Es wäre falsch gewesen, ihn zu wecken, da er offensichtlich einen schweren Dienst hatte. Später am Abend schrieb sie ihm einen Zettel. Dann fuhr sie nach Burgau.
Im Anwesen bei Autenried ging es nicht gerade harmonisch zu. Die Männer schraubten, klebten, feilten und sägten bis tief in die Nacht. Alle waren voller Eifer bei der Sache. Laslo spornte seine kleine Truppe immer wieder an. Gegen 02:00 Uhr stellten sie die Arbeiten ein. Sie hatten viel geschafft in dieser Nacht.
Der folgende Tag begann früh für Reitschuster. Er hatte schlecht geschlafen. Diese Auseinandersetzung zehrte doch mehr an seinen Nerven, als er zugeben wollte. Jasmin tat gut daran, sich abzusetzen. Er wäre kein guter Gesellschafter am gestrigen Abend gewesen. Zu seinem Erschrecken musste er feststellen, dass er zugenommen hatte. Das lag wohl daran, dass der Golfklub Schloss Klingenburg in die Winterpause gegangen war. Die Golfrunden mit seinen Freunden Hector und Paul fehlten ihm doch mehr, als er wahrhaben wollte. Er bekam zwar ab und zu Nachricht von Klubmitgliedern, einen Golfurlaub in der Türkei oder in Spanien zu machen, doch diese Angebote ließen ihn kalt.
Sein Handicap war nun 36. Damit hatte er zwei Schläge mehr zur Verfügung pro Spielbahn. Reitschuster entschied sich, an der Kammel zu joggen. Nach einer Weile klingelte sein iPhone. Er nahm es aus der Jogginghose und strich über das Display. Es war Schaller! „Guten Morgen Schaller, auch schon beim Frühsport?“
„Brauche ich Sport? Ich hatte gestern noch ein Treffen mit Kreuzleitner und Obermayr. Die haben von seltsamen Einbrüchen hier in der Umgebung gesprochen. Dabei ging es um Baumaschinen und Werkzeug. Ich möchte der Spur nachgehen, falls du nichts dagegen hast“, fragte er vorsichtig.
„Im Prinzip spricht nichts dagegen. Mit Frau Dr. Springer habe ich alles besprochen“, er überlegte kurz, „nein alles gut so weit. Geh deiner Spur nach, überprüfe alles, danach treffen wir uns im Büro. Sagen wir um elf?“
„Einverstanden! Dann habe ich genügend Zeit für meine Ermittlungen.“ Reitschuster ließ das Handy wieder verschwinden. Nach einer halben Stunde war er wieder zurück. In der Einfahrt stand Jasmins Auto, was ihn total fröhlich stimmte. Sie hatte den Frühstückstisch gedeckt. „Ich bin gerade gekommen.“
„Ohne mich“, grinste er. „Mach dich fertig, Felix Reitschuster.“ Sie überging diese Floskel einfach.
„Ich dusch kurz und zieh mich an.“ Beim Frühstück besprachen sie den Tagesablauf von heute und den vom gestrigen Tag. Sie erzählte von dem Gespräch mit ihrem Chef. Als sie endete, sagte Reitschuster: „Na, das scheint ja ein recht umgänglicher Typ zu sein, den ihr da habt.“
Sie räumten ab. Reitschuster verabschiedete sich mit einem leidenschaftlichen Kuss. „Entschuldige wegen gestern. Diese Querelen mit Miele zehren wahnsinnig an meinen Nerven. Ich mach’s wieder gut. Versprochen!“
Schaller fuhr zur ersten Baufirma. Sie befand sich in einem kleinen Dorf namens Fleinhausen. Herr Lipp, Eigentümer der Lipp Bau GmbH, hieß ihn willkommen.
„Guten Morgen Herr Lipp, mein Name ist Polizeihauptmeister Schaller. Ich möchte Sie zu den Diebstählen befragen, die hier stattgefunden haben.“
„Na dann kommen Sie mit ins Haus. Dort spricht sich’s leichter, als hier in der Kälte“, sagte er freundlich. Lipp mochte etwa fünfzig Jahre alt sein. Er war groß und muskulös. Seine Haut war faltig und grobporig. Bei der Begrüßung gab er Schaller die Hand. Der hat Hände wie Klodeckel, dachte Schaller. Weil seine Hand, in der von Lipp verschwand. Sie nahmen im geschmackvoll eingerichteten Büro Platz.
„Sehen Sie, wir beschäftigen uns mit Tiefbau und speziellen Bohrungen, welche tief durch diverse Gesteinsschichten reichen. Als wir gestern zu einer Baustelle nach Wettenhausen aufbrechen wollten, stellte mein Vorarbeiter Fritz fest, dass ein Kompressor mit Schläuchen fehlt. Ebenso eine große Hilti für Kernbohrungen.“ Damit endete er. Schaller machte sich Notizen. „Sagen Sie, Herr Lipp, haben Sie Fotos von den gestohlenen Gegenständen, Verpackungen oder Prospekte?“
Lipp kratzte sich am Kopf, „also, wenn Sie bis viere warten, oder besser morgen noch einmal wiederkommen, wird das zweite Team wieder hier sein. Ich musste den Auftrag schon erledigen. Wie hätte ich denn sonst da gestanden. Glücklicherweise war die zweite Ausrüstung im Geräteschuppen. Ein Auftrag wurde glücklicherweise storniert. So stand die zweite, identische Ausrüstung zur Verfügung.“
„Das ist verständlich, Herr Lipp. Dann würde ich sagen, dass ich am Nachmittag wieder bei Ihnen reinschaue. Auf Wiedersehen.“ Schaller fuhr zur Inspektion.