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II Der Kommissar mag keine Ironie

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Meine Meinung, Herr Assessor, wenn ich mir erlauben darf, sie Ihnen auseinanderzusetzen, ist die folgende …«

Der Kommissar verstummte, blickte ins Leere, als verfolgte er den Flug einer Fliege. Aber es war keine Fliege, die er in der heißen Luft betrachtete, sondern das Gesicht des kleinen Doktors und vor allem dessen freudig funkelnde Augen.

»Nur zu. Ich bin ganz Ohr, Herr Kommissar.«

»Entschuldigen Sie, aber ich frage mich, ob für manche Ohren …«

Der Assessor hatte verstanden. Es war nicht das erste Mal, seit man am Tatort war, dass der Kommissar, bestimmt ein braver Mann, aber einer von der feierlichen, anstrengenden Sorte, auf die Anwesenheit des kleinen Doktors anspielte.

Der Assessor und der Arzt kannten sich, weil sie öfter zusammen Bridge spielten. Sie waren beide noch jung. Und doch, auch der Staatsanwalt war ein wenig erstaunt über Dollents Gebaren.

Etwa zehn Mann waren in der Maison-Basse und im Garten. Der Gendarm von Esnandes, der neben der grüngestrichenen Gartentür stand, hinderte die Neugierigen daran, hereinzukommen, was ihn keine Mühe kostete, denn es waren kaum mehr als die mit der Untersuchung betrauten Herren. Es war sehr heiß. Nirgends auch nur ein bisschen Schatten; alle bewegten sich wie in Zeitlupe.

Bis auf den kleinen Doktor, den man noch nie so lebhaft erlebt hatte.

»Ich sagte also, Herr Assessor … Sobald wir die Identität des Opfers kennen, werden wir …«

Dollent beherrschte sich. Auch wenn es schwer war. Zu gern hätte er gesagt:

»Denkste!«

Sie taten sich alle schwer, der eine wie der andere. Sie verstanden nichts und würden nie etwas verstehen.

Es war das erste Mal, dass er Zeuge einer solchen Untersuchung wurde. Er mochte keine Kriminalromane und las auch nicht die Berichte über Verbrechen in der Zeitung.

Und nun plötzlich hatte er so etwas wie eine Erleuchtung. Alle um ihn herum tappten im Dunkeln, und er hätte ihnen am liebsten ins Gesicht gelacht und zum Beispiel dem dicken Inspektor, der unter der Couch nach Fingerabdrücken suchte, gesagt:

»Seien Sie nicht kindisch, Inspektor. In Ihrem Alter, noch dazu als Familienvater, kriecht man doch nicht auf dem Boden herum …«

Gewiss, er hatte selber noch nichts gefunden, aber er war sicher, dass er die Lösung des Geheimnisses finden würde. Er grübelte unentwegt, stellte alle möglichen Überlegungen an.

»Wenn dieser Mann, dieser Drouin, mich ein erstes Mal angerufen hat … Wenn er mich ein zweites Mal aus Rochefort angerufen hat …«

Schon amüsant, von lauter Fachleuten umgeben zu sein und sich zu sagen:

»Ich allein weiß, wo der Mann, den sie unbedingt fassen wollen, in diesem Augenblick ist!«

Denn er hatte Drouin zu verstehen gegeben, dass seine Personenbeschreibung überallhin gemeldet worden war. Folglich würde der sich nicht vom Fleck rühren. Er war nicht so dumm, sich auf dem Bahnhof oder an einer Bushaltestelle schnappen zu lassen. Er würde wohl auch nicht in einem Hotel absteigen, und der kleine Doktor malte sich aus, wie Drouin durch die heißen Straßen von Rochefort irrte, sich ins kühle Dunkel kleiner Bistros schlich und darauf wartete, dass es dämmerte.

»Meiner Meinung nach«, verkündete der Assessor, »haben wir es hier mit einem Eifersuchtsverbrechen zu tun. Zwei Männer und eine Frau. Die uralte Geschichte von den beiden Hähnen und der Henne. Vermutlich lebten sie alle drei hier, aber das Opfer hatte sich wohl versteckt? Haben Sie sein Foto über Bildfunk nach Paris geschickt, Kommissar?«

»Wir werden noch heute Abend erfahren, wer es ist.«

Zum Glück hatte der kleine Doktor keine vollständige Autopsie vornehmen müssen, bei dieser Hitze wäre das nicht angenehm gewesen. Man hatte den Mann ausgezogen – ein ungewöhnlich kräftiger Mann, der am linken Unterarm eine Tätowierung hatte: eine barbusige Frau.

Die interessanteste Feststellung war, dass der Tod am Abend zuvor zwischen zehn und zwölf Uhr eingetreten war. Ein Messerstich mitten ins Herz hatte den Unbekannten getötet, aber vorher war er noch mit den Fäusten bearbeitet worden.

Das ließ vermuten, dass der Mann nicht überrumpelt worden war. Soweit man das beurteilen konnte, hatte es einen Kampf gegeben. Die Gegner hatten zunächst mit nackten Fäusten gekämpft. Dann hatte einer von ihnen ein Messer ergriffen.

Die Szene hatte sich in der Küche abgespielt, denn im Schlafzimmer hätte sie Spuren hinterlassen. Außerdem hatte man zwischen den kleinen roten Fliesen winzige Glassplitter gefunden.

Drouin hatte also, ehe er ging, nicht nur die Leiche begraben, sondern auch sorgfältig aufgeräumt. Dann dieser Anruf! Man musste immer wieder darauf zurückkommen.

Es ist nicht gerade üblich, wenn man jemanden getötet und begraben hat, einen Arzt zu rufen.

»Nun, Herr Bürgermeister, Sie wissen absolut nichts über die Bewohner dieses Hauses? Sie kennen Ihre Gemeindekinder also nicht?«

»Was soll ich dazu sagen? Mit dem Papierkram befasst sich der Lehrer, ich unterschreibe nur. Der Mann hat sich unter dem Namen Drouin angemeldet, während die Frau sich gar nicht angemeldet hat. Ich habe angenommen, sie seien nicht verheiratet, und habe deshalb nicht darauf bestanden. Solche Sachen gehen uns nichts an.«

Die Augen des kleinen Doktors funkelten immer noch. Er wusste, so einfach war es nun auch wieder nicht. Und genauso verbissen, wie er beim Bridge war, stellte er weiter Überlegungen an, und sobald er wieder am toten Punkt angelangt war, begann er von vorn.

Er sah Drouin vor sich mit seiner grauen Hose, dem gelben Pullover, dem kurzen Bart des surrealistischen Malers. Und im Haus mit der Pfeife, denn er rauchte Pfeife, und da er groß war, musste er sich bücken, wenn er durch die niedrige Tür ging.

Die junge Frau war immer nur halb angezogen, und ihr sonnengebräunter Körper glich einer saftigen Frucht.

Er ertappte sich dabei, wie er vor sich hin murmelte:

»Gut, gut!«

Er versuchte sich ihr Leben vorzustellen, wie sie sich hier im Haus bewegten, und es schien ihm, sobald ihm das gelänge, würde er alles verstehen.

»Sie waren nur zu zweit … Das steht fest … Auch wenn der Assessor von einer Ehe zu dritt faselt … Die Atmosphäre im Haus war die Atmosphäre eines Ehepaars mitten in den Flitterwochen, das an nichts anderes denkt als an Liebe.

Sie war nicht der Typ Frau, die sich von einem tätowierten Kerl wie dem, dessen Leiche unter einem Laken auf dem Tisch lag, umarmen lässt.«

Dollent zuckte zusammen. Eine Stimme, die eines Polizisten, sagte:

»Das hier habe ich gerade gefunden, Herr Kommissar …«

Fast hätte der Arzt es ihm entrissen. Es war eine winzige Tüte mit einem weißen Pulver darin. Schon hatte der Arzt seinen Finger mit Spucke befeuchtet, ihn in das Pulver getaucht und sich ein wenig davon auf die Zunge getan.

Der Kommissar sah ihm missmutig dabei zu, die Stirn mehr denn je gerunzelt.

»Es gibt hier noch etwas anderes, das gefunden werden muss«, erklärte Dollent dann gebieterisch, als ob man ihn mit der Leitung der Untersuchung betraut hätte. »Aber zunächst einmal möchte ich wissen, wo Sie das Tütchen gefunden haben.«

»Das ist ja das Merkwürdige. Es war ganz hinten im Schrank versteckt, zwischen der Unterwäsche der Dame.«

»Dann werden Sie unter den persönlichen Dingen des Mannes vermutlich eine kleine Schachtel finden, auf dem der Name eines Medikaments steht.«

Der Inspektor blickte seinen Chef an: Sollte er tun, was man ihm sagte?

Der Kommissar zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen:

»Was soll ich da machen? Er befiehlt, und niemand protestiert … Suchen Sie, wenn Sie wollen!«

Bei jenen, die an solchen Ermittlungen beteiligt sind, findet man etwas von der gleichen krankhaften Freude, die die Leute auf Auktionen dazu treibt, in alten Sachen zu wühlen und die Schubfächer von Schränken oder Kommoden zu öffnen.

Man dringt plötzlich mit vollem Recht in das Leben eines Hauses ein, bemüht sich, hinter seine Geheimnisse zu kommen. Der tapsigste Polizist beginnt in feiner Damenwäsche zu stöbern, und bis hin zur Korrespondenz gibt es nichts, in das er nicht seine Nase stecken dürfte.

So stellte man fest, dass, auch wenn die junge Frau (von der man nichts wusste, nicht einmal den Namen) meist nur spärlich bekleidet war, sie doch ziemlich viele Kleider besaß, die zwar nicht luxuriös, aber von guter Qualität und sehr geschmackvoll waren.

Drouin dagegen besaß fast nichts, sofern er nicht einen Koffer mitgenommen hatte, was unwahrscheinlich war, da er zu Fuß nach La Rochelle hatte gehen müssen. Die graue Hose war bestimmt seine einzige, im Schrank hing keine andere, dagegen fand man einen verwaschenen gelben Rollkragenpullover in einem Schrank mit schmutziger Wäsche. Man hatte auch seine Sandalen gefunden, was vermuten ließ, dass er mit seinem einzigen Paar festen Schuhen weggegangen war.

Er war ein gebildeter junger Mann, das zeigten die Bücher in den Regalen.

»Ich wette …«, sagte der kleine Doktor plötzlich.

Während die Polizisten das Oberste zuunterst kehrten, um die kleine Schachtel zu finden, hatte er nachgedacht und auf einen Tontopf gestarrt, der fast ein Pfund Tabak enthielt.

»Suchen Sie in dem Tabak … Es würde mich wundern, wenn …«

Von da an betrachtete man ihn nicht nur neugierig, sondern auch respektvoll. Der Inspektor, der die Hand in den Tabaktopf steckte, zog sie nämlich nicht leer wieder heraus. Er hatte eine kleine Schachtel in der Hand. Ohne hinzusehen, nannte Dollent den Namen des Medikaments.

»Sie muss halb voll sein«, fuhr er fort.

Er entdeckte eine völlig neue Form der Zufriedenheit. Um nichts in der Welt hätte er noch gewünscht, dass man ihn am Mittag nicht angerufen hätte. Er jubilierte und betrachtete verstohlen den mürrischen Kommissar und den Assessor, der sich als Mann von Welt gab.

»Sie können sicher sein, in dieser Schachtel ist nichts weiter als doppeltkohlensaures Natron.«

Um der Wahrheit Genüge zu tun, muss hinzugefügt werden, dass der Assessor noch einige Augenblicke später ganz baff war, während der Kommissar halblaut zu sagen wagte:

»Man darf nicht vergessen, dass er vor uns hier gewesen ist und fast eine Stunde allein im Haus war, das hat er ja selbst zugegeben.«

»Wollen Sie damit etwa andeuten, ich …«

»Natürlich nicht. Trotzdem … Hm …«

Das Telefon klingelte. Ein Gespräch aus Paris.

Es musste fünf Uhr nachmittags sein. Inzwischen hatten es sich alle bequem gemacht, und die Männer hatten, bis auf den Assessor und seinen Schreiber, die Jacke ausgezogen. Niemand dachte mehr daran, dass auf dem Küchentisch eine Leiche lag.

Ein Polizist hatte zu den Aperitifflaschen hingeschielt, denn er war sehr durstig, aber er hatte nicht gewagt, sich etwas einzuschenken, und der Bürgermeister von Esnandes hatte gesagt:

»Ich werde ein paar Flaschen Weißwein von zu Hause holen lassen …«

Der Gendarm hatte sich auf den Weg gemacht. Die Flaschen standen entkorkt auf dem Tisch im Wohnzimmer. Der schwitzende Schreiber hielt immer wieder im Schreiben inne, um einen Schluck zu trinken.

Der Kommissar, der lange mit Paris telefoniert und sich dabei Notizen gemacht hatte, erstattete dem Assessor Bericht.

»Wie ich es mir gedacht habe. Der Mann ist sofort identifiziert worden. Ich hätte sogar geschworen, dass er mir gar nicht so unbekannt ist. Es ist Jo, der Boxer.«

Den anderen sagte der Name nichts.

»Ein übles Subjekt, verkehrt vor allem in den Bars an der Place des Ternes. Ein halbes Dutzend Vorstrafen … Das letzte Mal ist er vor drei Monaten aus dem Gefängnis in Poissy entlassen worden.«

»Vor drei Monaten«, wiederholte der Arzt, als wollte er sich diese Zahl gut einprägen.

»Was nützt Ihnen das schon?«, schien der strenge Blick des Kommissars zu sagen.

Und der Kommissar fuhr fort:

»Sie haben ja gehört, dass ich gefragt habe, ob man Jo in der letzten Zeit in Paris gesehen hat. Da er keine Aufenthaltserlaubnis hatte, hätte er gar nicht dort sein dürfen. Dennoch ist er mehrmals gesehen worden, erst letzte Woche bei der Étoile …«

»Also hat er sich nicht hier versteckt«, sagte der kleine Doktor befriedigt.

»Ich habe nie behauptet, er hätte sich hier versteckt.«

»Aber Sie haben es gedacht!«

»Es ist doch ganz unwichtig, was …«

»Messieurs! Messieurs! Wir wollen uns doch nicht streiten«, fiel der Assessor ein. »Man könnte glauben, Kommissar und Arzt würden sich gleich die Köpfe einschlagen.«

»Wenn dieser Herr mich weiter provoziert …«

»Aber das tue ich doch gar nicht! Ich schwöre.«

»Fahren Sie fort, Kommissar … Also, Jo, der Boxer, war kürzlich in Paris. Er ist wahrscheinlich mit dem Zug hergekommen. Was wollte er hier?«

Und der unverbesserliche Doktor konnte nicht umhin zu sagen:

»Das ist eben die Frage. Bestimmt ist er nicht hergekommen, um Messerstiche einzustecken und hinter einer Hecke verbuddelt zu werden …«

»Nehmen wir an, er sei der Frau wegen gekommen«, riskierte der Assessor zu sagen, der an seiner Idee festhielt.

Nein! Das war nicht der Grund gewesen. Der kleine Doktor spürte das. Es war zugleich einfacher und komplizierter. Er würde dahinterkommen. Er würde vielleicht einige Zeit dafür brauchen, aber er war sicher, er würde dahinterkommen.

»Weshalb ist er das letzte Mal verurteilt worden?«, fragte er.

»Wenn ich nicht ständig unterbrochen worden wäre, hätte ich es längst gesagt … Der Wirt eines Nachtlokals in der Rue Fontaine ist ermordet worden.«

»Wann war das?«

»Vor zwei Jahren. Raubmord … Mehrere Männer, man hat nie herausbekommen, wie viele genau, haben sich an dem Abend in dem Lokal einschließen lassen. Sie hatten es auf die Kasse abgesehen … Als bloß noch der Wirt im Lokal war, haben sie sich auf ihn gestürzt. Er hat sich gewehrt. Schüsse sind gefallen … Nur Jo, der Boxer, ist gefasst worden. Er ist lediglich als Mittäter verurteilt worden, denn die Fingerabdrücke, die man auf dem im Lokal zurückgelassenen Revolver gefunden hat, waren nicht von ihm.«

Da geschah etwas Unerwartetes. Der kleine Doktor zog seine Jacke wieder an. Er wirkte sehr zufrieden und freundlich. Man hätte glauben können, dass nie von einem Mord oder von einem Mörder die Rede gewesen sei, dass er nur gekommen sei, um reizenden Patienten oder Freunden einen Besuch abzustatten.

Er reichte allen die Hand und sagte mit entwaffnendem Lächeln:

»Nun, Messieurs, wenn Sie mich nicht mehr brauchen, werde ich mich wieder um meine Kranken kümmern.«

Aber er hielt mit seinem kleinen knatternden Auto nicht vor seinem Haus an, obwohl man von der Straße aus sah, dass im Wartezimmer lauter erschöpfte Patienten saßen.

Der Spürsinn des kleinen Doktors

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