Читать книгу Aus den Akten der Agence O - Georges Simenon - Страница 4
III Wo Torrence eine Entdeckung macht und eine junge Dame plötzlich so gesprächig wird, wie es sich ein Detektiv nur wünschen kann
ОглавлениеMaman, sei bitte so gut und behalte die Mademoiselle im Auge, während ich mich umziehe«, sagt Émile. »Und pass auf, dass Sie nicht rausgeht oder mit jemandem spricht, mit wem auch immer …«
Es ist eine gemütliche Wohnung am Boulevard Raspail und so bürgerlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Émiles Mutter ist so klein, wie er groß ist, und mit Sicherheit war ihr jetzt ergrautes Haar niemals rot.
Als ob es das Natürlichste auf der Welt wäre, hat er ihr seine Waffe in die Hand gedrückt. Sie verhält sich, als hätte sie es gar nicht bemerkt. Sie lächelt ihre Besucherin an und behandelt sie mit äußerster Höflichkeit, ohne auch nur einen Funken Ironie.
»Nehmen Sie bitte Platz, Mademoiselle. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? So, Sie sind also eine Freundin von Émile …«
Fünf Minuten später ist er fertig, küsst seine Mutter auf beide Wangen, nimmt ihr die Waffe wieder ab und steckt sie in die Tasche.
»Wenn Sie bereit sind, können wir gehen«, sagt er.
Wenig später betreten sie das Pélican in der Rue de Clichy, wo zwischen den Tischen bereits einige Paare zu den Klängen einer kubanischen Band tanzen. Émile hat seine Schüchternheit nicht abgelegt, dennoch bestellt er das Essen wie ein Connaisseur.
»Würden Sie den Herrn dort drüben bitte zu mir herüberbitten?«, fragt er den Kellner.
Der Herr ist Torrence, der, ebenfalls im Smoking, mit übermäßig gestärkter Hemdbrust und knallrotem Kopf an einem kleinen Tisch auf der anderen Seite der Tanzfläche sitzt.
»Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, Mademoiselle«, sagt Émile und steht auf, ohne sie jedoch aus den Augen zu lassen. Er und Torrence bleiben ein paar Schritte von ihr entfernt stehen.
»Ich habe deine Anweisungen befolgt«, berichtet ihm Torrence. »Ich habe mit den besseren Hotels angefangen, die nicht zu luxuriös wirkten. Ich habe allen Portiers das Bild unserer Mademoiselle gezeigt …
Im sechsten Hotel, dem Majestic in der Avenue Friedland, haben sie recht überrascht reagiert.
›Ich dachte, sie wäre oben in ihrem Zimmer‹, hat der Mann an der Rezeption gesagt.
Er hat oben angerufen.
›Komisch!‹, hat er gesagt. ›Jetzt merke ich gerade, dass ihr Bruder auch ausgegangen ist. Er müsste aber jede Minute zurückkommen.‹«
Und Torrence fährt fort:
»Ich habe ihn gebeten, das gesamte Personal des Stockwerks zu versammeln. Das Paar hat sich als Dolly und James Morrison aus Philadelphia eingetragen. Die Frau wohnt in Zimmer 45, der junge Mann in Zimmer 47. Dazwischen gibt es eine Verbindungstür. Soweit ich rausfinden konnte, hat James Morrison recht unregelmäßige Gewohnheiten, gestern Nacht hat er nicht im Hotel geschlafen, und seitdem haben sie ihn auch nicht mehr gesehen.«
»Irgendwelches Gepäck?«, fragt Émile.
»Ich habe mich nicht getraut, vor dem ganzen Stab danach zu fragen. Also hab ich Zimmer 43 genommen und ihnen gesagt, ich hätte meinen persönlichen Kammerdiener dabei.«
Mit einem Augenzwinkern gibt Torrence zu erkennen, dass der besagte Diener kein anderer ist als der struppige Barbet und dass dieser im Moment wahrscheinlich damit beschäftigt ist, die benachbarten Zimmer zu durchstöbern.
»Sobald du etwas hörst, lass es mich wissen«, sagt Émile. »Hier oder woanders. Wenn wir das Pélican verlassen, hinterlasse ich eine Nachricht.«
»Entschuldigen Sie, Mademoiselle Morrison«, sagt er, als er an den Tisch zurückkehrt. »Wie Sie sehen konnten, musste ich meinem Chef ein paar Instruktionen geben. Ist der Kaviar wenigstens frisch?«
Sie scheint von dem, was er gerade herausgefunden hat, nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Allerdings reißt sie die Augen auf, als er hinzufügt:
»Torrence verspricht sich ein aufschlussreiches Gespräch mit Ihrem Bruder James heute Abend …«
»Tut er das?«
»In diesem Augenblick hat einer unserer Freunde James im Schlepptau. Torrence wird zu ihnen stoßen, und ich bin überzeugt, dass uns Ihr Bruder bereitwillig einige Erklärungen geben wird …«
Sie sieht auf ihren Teller.
»Armer Jim!«, sagt sie seufzend.
»Es könnte tatsächlich unangenehm für ihn werden. Noch ein wenig Kaviar? Etwas Zitrone?«
»Hören Sie, Monsieur Émile.«
Sie ist nervös und gereizt.
»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so schnell vorankommen … Ich verstehe nicht, wie mein Bruder so unvorsichtig sein konnte und … Aber lassen Sie mich Ihnen zuerst eine Frage stellen. Was haben Sie eigentlich mit diesem Fall zu tun?«
»Eine der größten Versicherungsgesellschaften, die schon seit Langem zu unserer Kundschaft gehört, hat uns beauftragt, den Schmuck zurückzuholen, der bei den dreizehn Einbrüchen der vergangenen Monate entwendet wurde.«
»Das ist alles?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine, dass Sie, da Sie nicht zur Polizei gehören, auch nicht verpflichtet sind, ihr den Täter auszuliefern, oder?«
Weder die Paare, die an ihrem Tisch vorbeitanzen, noch die anderen, die an ihren Tischen sitzen, können den Inhalt dieses Gesprächs erahnen, das mit gespitzten Lippen fortgeführt wird.
»Mein Bruder ist ein Dummkopf«, sagt die junge Frau. »Ich war sicher, dass er uns früher oder später in eine solche Situation bringen würde. Erst heute Morgen. Ich musste es selbst in die Hand nehmen, das markierte Taschentuch zurückzubekommen.«
»Wie wär’s mit einem Tanz?«, fragt Émile, sehr zur Überraschung seiner Begleiterin.
Aber noch überraschender ist die Tatsache, dass er ein ganz ausgezeichneter Tänzer ist. Sie setzen ihre Unterhaltung auf der Tanzfläche fort, die in orangerotes Scheinwerferlicht getaucht ist, und das Mädchen hat das Gefühl, dass ihr Begleiter sie beharrlicher an sich drückt, als es die Umstände erfordern.
»Sie waren gar nicht so sehr auf dem Holzweg, Monsieur Émile, als Sie vorhin von Glatzenteddy geredet haben. Sie dachten, dass Sie seine Vorgehensweise hinter den Einbrüchen erkannt hätten, und das hat auch einen guten Grund. Ich bin Glatzenteddys Tochter. James ist mein Zwillingsbruder. Bis jetzt hat uns unser Vater immer aus seinen Geschäften rausgehalten.«
Sie setzen sich wieder an ihren Tisch, und der Kellner serviert ihnen Champagner.
»Es ist nicht wichtig, wo wir gelebt haben. Aber Sie müssen wissen, dass Jim und ich wie Kinder aus sehr gutem Hause aufgewachsen sind und gelebt haben. Vor Kurzem ist unser Vater in den Staaten verhaftet worden. Das war das erste Mal, dass die Polizei es geschafft hat, ihn zu schnappen. Und das auch nur durch eine seltsame Folge von Zufällen. Jim und ich dachten, wenn wir nur genug Geld zusammenkriegen würden, könnten wir ihn vielleicht aus dem Gefängnis holen. Also sind wir nach Paris gekommen und …«
»Und sind in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten«, beendet Émile ihren Satz.
Sie lächelt schwach.
»Sie sehen ja, dass wir im Grunde nicht damit durchgekommen sind. Jim musste ja bei dem letzten Einbruch sein Taschentuch verlieren. Ich habe Sie durchs Schaufenster gesehen. Ich wollte …«
Ihre Augen sind feucht geworden. Ihre Lippen zittern ein bisschen, und sie trinkt einen Schluck Champagner.
»Ich nehme es Ihnen ja gar nicht übel«, fährt sie fort. »Jeder von uns macht schließlich nur seine Arbeit, richtig? Was mir Angst macht, ist der Gedanke, dass Jim ins Gefängnis kommt. Er ist ein so sensibler Junge. Als wir noch Kinder waren, war ich immer die Stärkere von uns beiden, und er war mehr wie ein Mädchen. Wie bitte?«
»Nichts. Ich habe nichts gesagt.«
»Deswegen habe ich Ihnen vorhin die Frage nach der Polizei gestellt. Selbst wenn man ihn wirklich verhaften würde, könnte Jim Ihnen gar nicht sagen, wo die Juwelen sind, denn es war meine Aufgabe, sie zu verstecken. Wenn Sie mir versprechen, ihn laufen zu lassen, gebe ich sie Ihnen zurück. Sie haben Ihren Auftrag erfüllt, und ich verspreche Ihnen, dass Jim und ich noch heute Nacht das Land verlassen …«
Sie hat ihre Hand über den Tisch gestreckt und berührt Émiles.
»Seien Sie nett«, flüstert sie mit einem einnehmenden schiefen Lächeln.
Er zieht seine Hand nicht weg. Er ist verlegen, und wie immer in solchen Situationen fängt er an, langsam und gründlich seine Brille zu putzen.
»Sind die Juwelen im Majestic?«, fragt er, nachdem er sich geräuspert hat.
»Sie reden nicht um den heißen Brei herum, was? Wenn ich Ihnen antworte, woher soll ich dann wissen, dass Sie Ihr Versprechen halten?«
»Verzeihung, aber bis jetzt habe ich noch nichts versprochen.«
»Lehnen Sie also ab? Glauben Sie, dass Sie Jim zum Reden bringen? Sie kennen ihn nicht. Er ist dickköpfiger und sturer als eine Frau und … Wie spät ist es eigentlich?«
»Halb zwölf …«
Aber, aber! Warum wirkt es, als steigerte sich dadurch ihre Nervosität? Könnte es der Zeitpunkt sein, zu dem ihr Bruder James ins Majestic zurückkommen sollte, oder …
»Noch ein Tanz?«, fragt er.
»Nein danke. Ich bin langsam ein bisschen müde. Abgesehen davon, dass ich mir Sorgen um meinen Bruder mache und dass … Schenken Sie mir noch ein Glas Champagner ein?«
Ihre Hand zittert nervös. Émile hält die Flasche in der Hand und beugt sich über den Tisch. Das Letzte, was er sieht, sind ihre Augen, denen er jetzt sehr nahe ist, und es scheint, als funkelten sie ironisch.
Er hat keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Genau in diesem Moment ist der Raum stockdunkel. Man kann die Kellner herumhuschen hören. Paare stoßen zusammen und lachen.
»Bewegen Sie sich nicht, Mesdames, Messieurs. Nur einen Moment Geduld, bitte. Eine Sicherung ist rausgesprungen …«
Émile versucht, seine Begleiterin festzuhalten, aber seine Hände greifen ins Leere. Er steht auf und geht geradeaus in Richtung der Tür und der Treppe, aber die Leute versperren ihm den Weg, und als er sie zur Seite schieben will, protestieren sie.
»Was glaubt der denn, wo er hinläuft?«
»Was für ein Rüpel!«
Die Lichter gehen wieder an. Dolly ist nirgendwo zu sehen. Aber heißt sie denn überhaupt Dolly? Oder Denise? Oder ganz anders? Émile geht nach unten zur Garderobe.
»Haben Sie vielleicht eine junge Frau gesehen, die …«
»Die, die gerade nach draußen gegangen ist, weil ihr nicht gut war? Ich wollte ihr ihren Mantel geben, aber sie hat gesagt, dass sie nur kurz Luft schnappen will.«
Natürlich auch draußen keine Spur von Denise-Dolly. Émile steht ohne Hut und im Smoking auf dem leer gefegten Gehweg unter der Leuchtreklame des Casino de Paris, als ein Taxi vorfährt. Torrence steigt aus.
»Wo ist er hin?«, fragt Torrence.
Émile runzelt die Stirn. Er fragt sich, ob Torrence …
»Hast du ihn entwischen lassen, Chef? Stell dir vor, was wir rausgefunden haben, als wir das Gepäck durchsucht haben: Bruder und Schwester sind ein und dieselbe Person! Offensichtlich ein Mann!«
»Oder eine Frau«, entgegnet Émile.
»Auf jeden Fall eine ziemlich heiße Sache.«
»Das kommt davon, wenn man Zurückhaltung übt«, seufzt der rothaarige junge Mann. »Während sie sich im Hotel umgezogen hat, hab ich die meiste Zeit hinter einem Paravent gestanden. So hatte sie die Gelegenheit, eine Nachricht zu schreiben. Als wir im Pélican ankamen, muss sie dem Maître oder einem der Kellner den Zettel zugesteckt haben, vermutlich mit einem dicken Schein.
Bitte machen Sie um Punkt halb zwölf für einen Moment alle Lichter aus.
Und zu dem Zeitpunkt hat sie mich auch gebeten, ihr noch etwas Champagner einzuschenken, damit ich eine Flasche in der Hand hatte.«
Torrence sagt nichts. Vielleicht macht es ihn gar nicht so unglücklich, zu sehen, dass selbst sein merkwürdiger Chef auf so einen simplen Trick hereinfallen kann. Nach langem Zögern traut er sich zu fragen:
»Bist du sicher, dass sie dir nichts aus den Taschen geklaut hat?«