Читать книгу Butler Parker Staffel 13 – Kriminalroman - Günter Dönges - Страница 9

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Butler Parker hatte das Gefühl, daß die beiden Männer ihn nicht schätzten. Er gewann sogar den Eindruck, daß sie etwas gegen ihn hatten.

Sie benahmen sich äußerst unzivilisiert und drückten ihre Mißachtung aus. Der erste Mann – er mochte fünfundzwanzig sein – wollte ihm einen Holzknüppel über den Kopf ziehen. Der zweite Mann – er war etwa dreißig – hielt ein Messer in der Hand und ließ erkennen, daß er nicht nur Parkers schwarzen Zweireiher aufzuschlitzen gedachte.

»Ihr Benehmen entbehrt jeder Form«, tadelte Josuah Parker höflich, während er mit seinem Universal-Regenschirm den Holzknüppel parierte. Der junge Mann, schlank, drahtig und recht gepflegt aussehend, stöhnte.

Er hatte mit dieser Gegenwehr nicht gerechnet und ließ den Prügel fallen. Anschließend griff er nach der Stirn und zählte die bunten Sterne, die er vor seinem geistigen Auge Sah. Er war vom bleigefütterten Bambusgriff des Regenschirmes getroffen worden und entschied sich notgedrungen für eine gewisse Neutralität...

Der zweite Mann, untersetzt, massig und mit dem quadratischen Kopf eines jungen Stiers, hatte sich einen Moment irritieren lassen. Er schaute zu seinem stöhnenden Partner hinüber und merkte Sekunden später, daß er sich den Luxus der Neugierde besser nicht geleistet hätte.

Butler Parker, der um seinen schwarzen Zweireiher fürchtete, langte herzhaft zu. Er wollte diese unerfreuliche Begegnung so schnell wie möglich hinter sich bringen. Der Massige stöhnte, als der Bambusgriff von Parkers Regenschirm sich auf sein Handgelenk legte. Das Messer wirbelte durch die Luft und landete anschließend klirrend auf den Steinen der Feldmauer.

Die beiden Männer, deren Gesichter Josuah Parker wegen der Dunkelheit nicht erkennen konnte, nahmen übel und hatten keine Lust mehr, sich mit diesem korrekt aussehenden Mann weiter zu beschäftigen. Sie stiegen mehr oder weniger sportlich über die niedrige Steinmauer und verschwanden im Eiltempo.

Butler Parker war an einer Verfolgung nicht interessiert. Sie hätte seiner Ansicht nach doch nichts eingebracht. Er war fremd hier und wäre gewiß auch nur in eine Falle gelaufen. Er drehte sich um und schlenderte zurück zum Weg, den er erst vor wenigen Minuten verlassen hatte.

Dann aber blieb er stehen.

Warum war er überfallen worden? So fragte er sich. Hatten die beiden Männer es nur auf seine Brieftasche abgesehen? Das konnte eigentlich nicht der Fall gewesen sein. Er, Josuah Parker, hatte doch ganz spontan den Fußgängerpfad verlassen, um durch das Wäldchen hinunter zum See zu gehen. Verfolgt hatten sie ihn nicht. Er mußte ihnen ganz zufällig in die Arme gelaufen sein.

Hatten sie ihn daran hindern wollen, ans Ufer zu gelangen? Was hatten die beiden Männer zu verbergen? Warum waren sie derart massiv geworden? Ein Holzknüppel und ein Messer waren Mittel, die der Verhältnismäßigkeit nicht entsprachen.

Butler Parker fand, daß er geradezu verpflichtet war, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Er schritt also gemessen zurück zur Steinmauer und lauschte in die Dunkelheit. Er brauchte nicht lange zu horchen. Schon sehr bald nahm er Geräusche wahr, die er im ersten Moment nicht genau zu identifizieren vermochte. Falls ihn nicht alles täuschte, wurde unten am See irgend etwas verladen.

Nun konnte der Butler überhaupt nicht mehr widerstehen.

Er setzte sich wieder in Bewegung und ging ein gutes Stück über den schmalen Pfad nach unten. Dann aber verließ er ihn und benutzte eine Weide, an die sich das Wäldchen anschloß. Er hatte die ersten Bäume noch nicht ganz erreicht, als ein schwarzer Schatten ihn überfiel. Er bewegte sich flach über dem Boden und entwickelte ein beachtliches Tempo. Es konnte sich eigentlich nur um einen Hund handeln, den man auf ihn angesetzt hatte.

Angst vor Hunden kannte der Butler aber nicht. Er wußte natürlich eine Menge über Dressur und konnte sich vorstellen, daß dieser Vierbeiner auf den Mann dressiert war. Josuah Parker blieb stehen und sah den Dingen und dem Hund mit einiger Gelassenheit entgegen. Insgeheim gratulierte er sich zu seinem Entschluß, nicht zurück zum Bootshafen gegangen zu sein. Hier schienen sich immerhin einige aufregende Dinge abzuzeichnen.

*

Die Dogge war so groß wie ein gut geratenes Kalb.

Sie hatte den Butler fast erreicht und schien sich darauf zu freuen, ihre Fangzähne gebrauchen zu können. Vielleicht war sie ein wenig irritiert, weil das vermeintliche Opfer nicht Hals-über-Kopf weglief. Der Dogge hätte eine kleine Hatz wahrscheinlich mehr Spaß gemacht. Aber nein, das Opfer blieb unbeweglich und offensichtlich ohne Angst stehen. Der ausgezeichnete Geruchssinn lieferte der Dogge keinen Angstschweiß.

Und dann passierte es ...

Der riesige Vierbeiner röhrte lustvoll und setzte zum letzten und entscheidenden Sprung an. Doch in diesem Augenblick spannte Josuah Parker blitzschnell seinen Universal-Regenschirm auf.

Die Dogge stutzte. Sie sah sich einem Hindernis gegenüber, das sie nicht kannte. Sie verzichtete erst mal auf den geplanten Sprung und ging mit sich zu Rate. Sie wollte nichts überhasten und sich auf Dinge einlassen, deren Tragweite sie nicht abzuschätzen vermochte. Sie knurrte drohend, um sich selbst ein wenig Mut zu machen.

Doch dann war dieses schwarze Hindernis plötzlich nicht mehr zu sehen. Das Opfer war erneut gegen den helleren Hintergrund des Himmels zu erkennen. Die Dogge hätte sich am liebsten die Augen gerieben, doch das ließ sich schlecht machen. Sie peilte das Opfer erneut an und nahm Maß.

Bevor sie sich abdrücken konnte, hörte sie die ruhige Stimme des Gegners, auf den man sie gehetzt hatte. Diese Stimme redete der Dogge ein, sie sei ein lieber Hund und ein wahrer Prachtkerl dazu. Der Vierbeiner empfand diese Töne als äußerst angenehm und ließ sich nur zu gern ein wenig schmeicheln. Lobpreisungen dieser Art bekam sie selten genug zu hören.

Aber dann siegte das Pflichtgefühl. Die Dogge ignorierte die Sirenenklänge und machte sich absprungbereit. Sie wollte endlich zur Tat schreiten und etwas für ihr tägliches Futter tun.

Leider spannte sich das Hindernis in diesem Moment wieder auf. Das Opfer verschwand hinter einem Vorhang aus totaler Schwärze. Die Dogge schluckte und kroch einen halben Meter zurück. Sie fühlte sich überhaupt nicht wohl unter dem glatten Fell und hätte sich am liebsten abgesetzt.

Das große, runde und schwarze Etwas bewegte sich nun auf den Vierbeiner zu. Die Dogge winselte und kroch automatisch weiter zurück. Sie wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. Gefahrenmomente dieses Ausmaßes kannte sie nicht.

Josuah Parker hatte bereits erkannt, daß der Kampfeswille des Vierbeiners gebrochen war. Er zog den Schirm zusammen und spannte ihn blitzschnell erneut auf. Gleichzeitig rückte er dem Tier noch näher auf den Leib. Die Dogge winselte, erhob sich und entdeckte plötzlich zu ihrer Erleichterung ein Karnickel, das in der Nähe fasziniert zugeschaut hatte. Die Dogge entschied sich augenblicklich für dieses neue Opfer und hechtete in Richtung Langohr.

Doch das Karnickel war ein alter Kämpe, der die Tücken des Lebens in freier Natur kannte. Es rannte zuerst in Richtung Zick, dann in Richtung Zack. Die Dogge war überhaupt nicht in der Lage, diesen plötzlichen Richtungsänderungen zu folgen. Sie schoß jedesmal weit über das Ziel hinaus. Dann fegte das Karnickel auf die Steinmauer zu, wo es genügend Durchschlüpfe gab.

Parker gestattete sich ein amüsiertes Lächeln und ging ungehindert weiter zu dem kleinen Wald. Um die Dogge kümmerte er sich nicht weiter. Sie befaßte sich intensiv mit der Steinmauer und schnüffelte nach dem Karnickel. Zwischendurch schielte der große Vierbeiner nach diesem seltsamen Exemplar von einem Menschen, ohne sich aber weiter darum zu kümmern.

Parker hatte die ersten Bäume erreicht und lauschte.

Ein starker Motor röhrte auf. Es handelte sich einwandfrei um den Diesel eines Lastwagens. Dann knallten Türen, und kurz nacheinander heulten zwei kleinere Motoren auf. Von irgendwoher kam ein schriller Pfiff, worauf die Dogge in Sicht kam. Wie ein schwarzer Schatten rannte der Vierbeiner nicht weit von Parker entfernt in den Wald zurück, aus dem er gekommen war.

Josuah Parker schritt gemessen weiter und erreichte bald darauf eine Lichtung. Im Mondlicht entdeckte er, daß der Rasen von schweren Reifen förmlich umgepflügt worden war. In der Luft hing noch der aufdringliche Geruch von Auspuffgasen.

Lange hielt Parker sich auf dieser Lichtung nicht auf. Seine innere Alarmanlage hatte sich gemeldet. Er wußte, daß er beobachtet wurde. Um nicht ins Fadenkreuz einer Schußwaffe zu geraten, begab er sich zurück in den Schutz der Bäume, ohne dabei auch nur eine Spur seiner Gemessenheit aufzugeben. Ein Butler Parker benahm sich in allen Lebenslagen stets korrekt.

*

Er genoß den Komfort des Hausbootes.

Josuah Parker hatte sich für ein großes, behäbiges Boot entschieden, auf dem er durch die Norfolk Broads gleiten wollte. Nach langer Zeit hatte Butler Parker sich tatsächlich Urlaub genommen. Er wollte sich für wenigstens zwei Wochen von einer gewissen Lady Simpson erholen, in deren Diensten er als Butler stand.

Die recht abenteuerlich gestimmte Lady war grollend zurück in London geblieben und tyrannisierte wahrscheinlich ihre Sekretärin und Gesellschafterin Kathy Porter. Lady Agatha wäre liebend gern mit in die Broads gekommen und hätte mit Vergnügen an diesen Urlaubswochen teilgenommen, doch Butler Parker war hart geblieben. Aus Erfahrung wußte er nur zu gut, daß seine Herrin auf Gauner und Gangster wie ein Magnet wirkte. Wo immer sie sich auch aufhielt, ein Kriminalfall war niemals fern. Und falls sich wirklich mal keiner anbot, dann sorgte die unternehmungslustige Lady dafür, daß es kurz über lang zu peinlichen Verwicklungen kam.

Nein, Josuah Parker war sich bis vor einer halben Stunde vollkommen sicher gewesen, daß geruhsame Tage auf ihn warteten. Dieser Eindruck war nach dem Zwischenfall oben am See geschwunden. Die Dinge nahmen eine Entwicklung, die er in diesem Fall nicht sonderlich schätzte.

Das gemietete Hausboot lag an einem Flüßchen, dessen Name ihm schon wieder entfallen war. Es gehörte zu einem Labyrinth von Wasserläufen, die von Buschwerk, Schilf und kleinen Waldstücken gesäumt wurden. Hier draußen inmitten der idyllischen Landschaft gab es winzig kleine und verträumt aussehende Dörfer und Marktflecken, Schlösser, Burgen und große Naturschutzgebiete. Parker fühlte sich wohl in den Broads, jenem Landstrich nordöstlich von London, der über Norwich oder Yarmouth zu erreichen ist. Hier konnte er fischen und sich erholen.

Drei Tage lang hatte er diesen Dingen nach Herzenslust frönen können, doch nun schienen die Dinge ihre Wendung genommen zu haben. Menschen, die ihn hatten niederknüppeln wollen und die eine Dogge auf ihn gehetzt hatten, mußten einfach noch mal in Erscheinung treten. Sie würden sich gewiß dafür interessieren, wer ihnen da über den Weg gelaufen war. Parker rechnete fest mit ihrem Erscheinen und hatte sich bereits darauf vorbereitet.

Er befand sich unter Deck und beobachtete von einem Fenster aus den langen Bootssteg, der hinüber zum Gasthof führte. Dort hatte er vor seiner kleinen Wanderung zu Abend gegessen, dort würde man sich wahrscheinlich auch nach ihm erkundigen.

An die Wasserseite dachte Parker fast zu spät.

Doch ein feines Glucksen erregte seine Aufmerksamkeit. Zuerst dachte er an einen Fisch, der vielleicht nach einer Mücke schnappte. Als das Glucksen sich jedoch noch einige Male wiederholte, wechselte Parker seinen Standort und kontrollierte die Flußseite.

Diese Kontrolle zahlte sich voll aus.

Er entdeckte ein Schlauchboot, in dem zwei Männer hockten. Sie hatten sich geduckt und paddelten dicht am Schilfgürtel entlang auf sein Hausboot zu. Instinktiv wußte Parker, daß diese beiden nächtlichen Sportler mit jenen Männern identisch waren, die ihn überfallen hatten.

Butler Parker hatte nichts dagegen, daß sie an Bord kamen, obwohl sie sich keineswegs anmeldeten, wie es die Höflichkeit erfordert hätte. Wie Diebe kletterten sie über die Reling und stahlen sich zum Decksalon hinüber. Sie brauchten etwa zwei Minuten, bis sie die Tür geknackt hatten und traten dann ein. Parker stand gleich neben der Tür und wartete höflich ab. Er wollte die beiden Besucher nicht unnötig erschrecken.

»Wollen wir uns den Typ nicht erst mal kaufen?« fragte eine nicht gerade angenehm klingende Stimme. Sie schien jeden Morgen mit Glasscherben gepflegt zu werden. Soweit Parker es erkennen konnte, gehörte sie dem untersetzten Mann mit dem Kopf eines junges Stiers.

»Gute Idee«, fand der andere Mann und lachte leise, ein wenig hechelnd auf. »Knall ihm eins vor den Schädel! Wir haben noch was gut, Pete.«

»Ich laß dir was übrig«, versprach der Stierschädel. »Nimm dir Zeit, Rob. Nur nichts überstürzen.«

Parker war nicht zu erkennen.

Sein schwarzer Zweireiher verschmolz mit dem dunklen Holz der Vertäfelung. Der Mann, der Pete hieß und ihm eins »vor den Schädel« schlagen sollte, kam arglos zurück und lief direkt in den Regenschirm hinein. Diesmal hatte der Butler die Spitze seiner Mehrzweckwaffe eingesetzt. Die untere Eisenzwinge bohrte sich wie eine Degenspitze in die Magenpartie des Schlägers.

Pete wurde völlig überrascht.

Er produzierte einige sehr undeutliche Laute, fiel auf die Knie und kippte dann zur Seite. Dabei fiel so etwas wie ein Totschläger aus seiner Hand. Pete war derart beeindruckt, daß er auf dem Boden blieb und sich nicht rührte.

»War was?« rief Rob. Der zweite Schläger hatte gar nicht mitbekommen, was seinem Partner passiert war. Als er keine Antwort erhielt, wandte er sich um und schaltete offensichtlich auf Vorsicht. Auf Zehenspitzen pirschte er zur Kabinentür und sah sich plötzlich Josuah Parker gegenüber.

Der Butler grüßte sehr höflich.

Er liftete seine schwarze Melone und besorgte das derart schwungvoll, daß die Wölbung seiner Kopfbedeckung die Stirn des Schlägers berührte. Diese Wölbung war mit solidem Stahlblech ausgefüttert und entsprechend hart. Rob knickste, wollte nach seiner Stirn fassen und entschied sich dann im letzten Moment dafür, vor Parker niederzuknien. Sekunden später lag er neben seinem Partner Pete und beteiligte sich an dem Nickerchen.

Josuah Parker nahm eine Sichtung der Tascheninhalte vor und legte seine Beute auf den Kabinentisch. Anschließend trug er die beiden Männer nacheinander zurück zu ihrem Schlauchboot. Dabei zeigte sich, wie stark und durchtrainiert Parker war. Da er nicht beobachtet wurde, leistete er sich den Luxus, seine Körperkräfte ungeniert einzusetzen.

Nachdem die beiden Schläger im Schlauchboot lagen, löste Parker die Leine und versetzte dem Wasserfahrzeug mit dem Bambusgriff seines Universal-Regenschirms einen energischen Stoß. Das Schlauchboot setzte sich zögernd in Bewegung, wurde von der leichten Strömung erfaßt und dann abgetrieben. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis es in der Dunkelheit verschwunden war.

Parker ging zurück in die Deckkabine. Er wollte sich jetzt die Brieftaschen der beiden Schläger in aller Ruhe ansehen. Zu seiner ehrlichen Überraschung aber waren diese beiden Gegenstände im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr greifbar.

Man hatte sie in der Zwischenzeit abgeholt.

Josuah Parker kam zu dem zwingenden Schluß, daß man ihn doch noch hereingelegt hatte.

*

Schon früh am anderen Morgen war er wieder auf den Beinen.

Butler Parker lustwandelte hinauf zum Wäldchen. Er interessierte sich für die bewußte Waldlichtung, aber auch für eine gewisse Dogge. Seiner bescheidenen Ansicht nach mußte der mächtige Vierbeiner hier aus der Gegend stammen.

Vom kleinen Fluß her trieben Nebelschleier, die von der aufgehenden Sonne bereits geschluckt wurden. Die Vögel tirilierten fast aufdringlich und steckten akustisch ihre Reviere ab. Karnickel hoppelten über die Felder und kümmerten sich kaum um den Morgenwanderer. Instinktiv spürten sie, daß dieser schwarzgekleidete Mann für sie keine Gefahr bedeutete.

Parker konnte sich vorstellen, daß er auch weiterhin beobachtet wurde. Er mußte wieder an die verschwundenen Brieftaschen denken. Gehörte der Dieb zu den beiden Schlägern, die er auf dem kleinen Fluß abgesetzt hatte? Falls das der Fall war, so hatte der Mann eine bemerkenswerte Zurückhaltung gezeigt und darauf verzichtet, klärend einzugreifen. Oder arbeitete dieser Mann gegen die Schläger? Warum hatte er dann nicht seine Hilfe angeboten und gemeinsame Sache mit Josuah Parker gemacht?

Der Butler hatte die Lichtung erreicht und wollte sich noch mal den tiefen Reifenabdrücken widmen. Doch er wurde erneut überrascht. Von den Reifenabdrücken im weichen Waldboden war nichts mehr zu sehen! Sie schienen nie vorhanden gewesen zu sein.

Parker entdeckte wenig später, daß man sie geschickt gelöscht hatte. Wahrscheinlich waren dazu Rechen und Reisigbüsche verwendet worden. An der Tatsache aber änderte sich nichts. Er konnte nicht herausfinden, um welche Wagen es sich in der Nacht gehandelt hatte. Er war weiterhin auf das angewiesen, was er gehört hatte. Beweiskräftig war das allerdings nicht.

Er schritt in seiner unnachahmlich gemessenen Art über den schmalen Weg, der von der Lichtung aus weiter hinunter zum kleinen See führte. Dabei interessierte Josuah Parker sich vor allen Dingen für die Zweige und Äste in etwa zwei bis drei Meter Höhe. Er wurde nicht enttäuscht.

Immer wieder entdeckten seine Augen geknickte Zweige und vertrocknete, zusammengerollte Blätter. Ein Zweifel war ausgeschlossen. Hier auf dem Weg mußte ein Lastwagen mit hohen Aufbauten bewegt worden sein. Nur die Kanten dieses Aufbaus könnten Ast- und Blattwerk zerstört haben. Der Diesel, den er in der vergangenen Nacht gehört hatte, mußte also diesen nicht gerade kleinen LKW angetrieben haben.

Parker erreichte eine asphaltierte Straße, die hinunter zur Uferstraße führte. Die Asphaltdecke war ebenfalls gereinigt worden. Dennoch fand der Butler Erdschollen und Dreckspuren, die aus den tiefen Stollen der LKW-Reifen gefallen waren. Sie verloren sich allerdings unten auf der eigentlichen Durchgangsstraße.

Der Butler hielt es für sinnlos, der Uferstraße zu folgen. Mit weiteren Spuren, war hier gewiß nicht mehr zu rechnen. Der nächtliche Zwischenfall war wohl kaum noch aufzuklären, falls gewisse Personen von sich aus nicht aktiv wurden. Parker hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, sich an die örtliche Polizei zu wenden, doch er hielt diesen Gedanken inzwischen für nicht besonders gut. Herausfordern konnte er die beiden Schläger oder den Dieb der Brieftaschen nur dadurch, daß er nichts unternahm. Diese Handlungsweise machte ihn interessant und nicht ausrechenbar. Ein normaler Tourist hätte schließlich sofort Alarm geschlagen und für das Erscheinen zumindest eines Streifenwagens gesorgt.

Parker wandte sich um und blieb auf der Uferstraße. Zurück in die Waldlichtung wollte er nicht mehr. Er ging um eine Biegung herum und sah sich plötzlich einem Vierbeiner gegenüber, der ihm nicht ganz unbekannt war.

Die riesige Dogge hatte den Butler natürlich auch bereits erkannt und wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie knurrte und grollte zwar erst mal sicherheitshalber, doch ohne viel Nachdruck.

»Still, Lord«, sagte die junge Dame, die die Dogge führte. Sie lächelte Parker gewinnend an. »Sie brauchen keine Angst zu haben, Lord ist vollkommen harmlos.«

»Hoffentlich weiß das auch Ihr Begleiter«, meinte Josuah Parker und liftete höflich seine schwarze Melone. »Könnte es sein, daß ich bereits das Vergnügen mit der Dogge hatte?«

»Wann sollte denn das gewesen sein?« fragte die junge Dame. Sie mochte etwa fünfundzwanzig sein, war mittelgroß, ein wenig vollschlank und sah recht nett aus.

»In der vergangenen Nacht, wenn ich nicht sehr irre.«

»Ausgeschlossen, Sir. Dann befindet Lord sich in seinem Zwinger.«

»Mein Name ist übrigens Parker, Josuah Parker.«

»Maud Robson«, antwortete die junge Dame.

»Sie haben den einmaligen Vorzug, hier in dieser schönen Gegend zu wohnen?«

»Leider nicht«, gab sie zurück, naiv und freundlich. »Meine Familie macht hier Urlaub. Wir wohnen droben auf der Farm.«

»Ein ruhiges Fleckchen Erde.«

»Sie machen auch Urlaub, Sir?«

»Ich erschließe mir die Geheimnisse dieser Landschaft«, bekannte der Butler.

»Geheimnisse?« Sie sah ihn lächelnd an.

»Geheimnisse«, bestätigte der Butler. »In der vergangenen Nacht stieß ich zum Beispiel auf seltsame Geräusche dort oben im Wäldchen. Sie müssen Sie auf der Farm ja ebenfalls gehört haben.«

»Da ... davon weiß ich nichts.« Das Thema behagte ihr nicht. Sie preßte die Lippen zusammen, beschäftigte sich mit der Dogge und murmelte dann einen flüchtigen Gruß. Wenig später schlenderte sie mit dem Vierbeiner weiter.

Josuah Parker kannte jetzt sein nächstes Ziel. Er brauchte etwa fünf Minuten, bis er die Farm vor sich sah. Es handelte sich um ein kleines Bauernhaus aus Bruchsteinen, eine recht große Holzscheune und um eine Remise, in der landwirtschaftliches Gerät stand. Auffallend war, daß das Grundstück frisch verdrahtet worden war. Der Stacheldraht war noch nicht mal angerostet und glänzte in der Morgensonne.

Josuah Parker schritt an der Frontseite der Farm entlang und begab sich dann hinüber ins Unterholz des Uferwäldchens. Vorher aber spähte er aufmerksam nach allen Seiten, als fürchte er, beobachtet zu werden. Er stellte sich neben einen Baumstamm und sorgte dafür, daß man ihn mit einiger Mühe noch durchaus ausmachen konnte. In Sachen psychologischer Kriegsführung kannte Butler Parker sich schließlich gut aus.

*

Sie hatten keine besonders guten Nerven.

Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Parker sie hörte. Sie mußten einen weiten Bogen beschrieben haben und pirschten sich an ihn heran. Sie wollten ihn von der Uferseite her überraschen, doch sie benahmen sich im Grund wie Elefanten im Porzellanladen. Unter ihren Schuhen knackten kleine Äste und raschelte das trockene Laub.

Butler Parker verließ den Baumstamm und ging zurück zur Durchgangsstraße. Das Rascheln und Knacken im Uferwäldchen wurde sofort lauter. Die Indianer auf dem Kriegspfad fürchteten wahrscheinlich um ihre Beute.

Parker überquerte die Straße und ging auf das verdrahtete Tor der Farm zu, hakte es auf und betrat sehr ungeniert das gesicherte Grundstück. Gemessen lustwandelte er zum eigentlichen Farmhaus und klopfte mit dem Bambusgriff seines Regenschirms an die Tür. Als ihm nicht sofort geöffnet wurde, schritt Parker zur Scheune und versuchte, die kleine Tür im großen Tor zu öffnen. Sie war fest verschlossen. Parker suchte und fand im Tor einen Spalt und schaute ungeniert ins Innere.

Er entdeckte einen Lieferwagen mit Kastenaufbau. Es war ein solider Bedford, der schon einige Lasten zu schleppen vermochte. Und wenn ihn nicht alles täuschte, stand dahinter noch ein kleinerer Lastwagen, dessen Marke jedoch nicht zu identifizieren war. Handelte es sich um die beiden kleineren Wagen, die er in der vergangenen Nacht gehört hatte?

»Faß, Lord!« hörte Parker in diesem Moment eine wütende Stimme. »Los, faß schon!«

Josuah Parker wandte sich um und entdeckte die beiden Männer, die ihn auf dem Hausboot besucht hatten. Er hatte sich also nicht getäuscht. Sie hatten versucht, sich durch den Wald an ihn heranzupirschen, standen nun auf dem verdrahteten Grundstück und hetzten die mächtige Dogge erneut auf ihn.

Die Dogge hatte das Kommando zwar gehört, doch sie konnte sich nicht entschließen, den Butler anzufallen. Lord, wie die Dogge hieß, schielte ein wenig verlegen auf den Regenschirm des Butlers und kratzte sich dann mit dem linken Vorderlauf am Ohr.

»Sollte ich Ihren Unmut erregt haben?« wunderte sich Parker und lüftete die schwarze Melone. Er sah sich Pete und Rob, wie sie ja hießen, recht interessiert an.

Sie schleppten diesmal keine Waffen mit sich herum, das heißt, sie zeigten sie ihm wahrscheinlich nicht. Sie passierten inzwischen die Dogge und rückten langsam auf Parker zu. Die junge Dame namens Maud Robson verschwand gerade hastig im Farmhaus. Sie wollte mit der geplanten Unterhaltung offensichtlich nichts zu tun haben.

»Was haben Sie hier zu suchen?« Es war der untersetzte Pete, der den Butler anfuhr. Er schob gereizt seinen eckigen Stierkopf vor.

»Ihre Frage ist schnell und umfassend beantwortet«, gab der Butler höflich zurück. »Mich gelüstet nach frischer Milch, wenn ich es so ausdrücken darf. Wie Ihnen inzwischen ja bekannt ist, liegt mein Hausboot unten am Fluß!«

»Woher sollen wir denn das wissen?« wunderte sich Rob gespielt und tat ahnungslos.

»Aber nicht doch, meine Herren!« Parker schüttelte verweisend den Kopf. »Ich mußte Sie in der vergangenen Nacht leider an die sprichwörtliche frische Luft setzen. Erinnern Sie sich wirklich nicht mehr? Darf ich bei dieser Gelegenheit übrigens erfahren, wo Sie mit dem Schlauchboot landeten?«

»Wovon reden Sie eigentlich?« Der untersetzte Pete war plötzlich noch ahnungsloser als Rob. »Schlauchboot?«

»Sie müssen uns verwechseln«, behauptete Rob unverfroren. »Wir haben kein Schlauchboot. Sagen Sie, wer sind Sie eigentlich?«

»Mein Name ist Parker, Josuah Parker«, stellte der Butler sich vor. »Ich habe den Vorzug und die Ehre, dem Beruf eines Butlers nachgehen zu dürfen.«

»Sie sind ein Butler?« staunte Pete. »Das heißt, so sehen Sie tatsächlich aus.«

»In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit der Aufklärung großer und auch kleinerer Kriminalfälle«, stellte der Butler sich weiter vor. »Ich möchte nichts berufen oder gar übertreiben, doch mir scheint, daß sich hier hoffnungsfrohe Ansätze abzeichnen.«

»Wie war das?« Rob war nicht ganz mitgekommen. Die Diktion des Butlers überforderte ihn.

»Mich dünkt, daß ich einem veritablen Verbrechen auf der Spur bin«, erläuterte der Butler gemessen. »Sie bewohnen diese Farm?«

»Nur zeitweise. Wir haben sie für unsere Ferien gemietet«, erwiderte Pete. »Sie sind einem Verbrechen auf der Spur, Mister Parker?«

»In der Tat!« Parker nickte steif und leugnete nicht seine vornehme Zurückhaltung. »In der vergangenen Nacht bin ich von zwei Männern angegriffen worden, die meine bescheidene Wenigkeit niederknüppeln wollten. Dann hetzte man eine Dogge auf mich und belästigte mich anschließend auf meinem Hausboot. Sie müssen zugeben, meine Herren, daß so etwas stutzig werden läßt.«

»Wir sind das aber nicht gewesen, Mister Parker.« Rob zwinkerte seinem Partner Pete blitzschnell zu. Dieses Zwinkern sollte andeuten, daß man diesen Butler auf keinen Fall ernst nehmen konnte.

»Nun gut, meine Herren, diese Erklärung nehme ich zur Kenntnis«, sagte Parker feierlich.

»Sie sind also Amateurkriminalist, Mister Parker«, schickte Pete voraus. Der Untersetzte mit dem Stierkopf gab sich friedlich und fast schon amüsiert. »Was vermuten Sie denn hinter diesem Überfall? Ich bin sicher, daß Sie sich bereits eine Theorie zurechtgelegt haben.«

»So was tun Kriminalisten doch immer«, fügte der gepflegte Rob aufmunternd hinzu.

»Ich möchte Sie auf keinen Fall langweilen«, antwortete Parker.

»Nee, tun Sie überhaupt nicht.« Rob schüttelte den Kopf.

»Bestimmt nicht«, setzte Pete hinzu.

»Nun denn, meine Herren, man wollte mich offensichtlich daran hindern, eine ganz bestimmte Lichtung dort oben im Wäldchen zu betreten.«

»Aber warum denn, Mister Parker?« Pete sah den Butler ernst an.

»Weil dort eindeutig einige Lastwagen bewegt wurden«, antwortete Josuah Parker. »Falls mein Gehör mich nicht trog, handelte es sich zunächst um einen schweren LKW, dann um zwei kleinere Lieferwagen. Sie werden begreifen, daß sich meiner bescheidenen Wenigkeit zumindest eine Frage stellte.«

»Nämlich?« Rob lächelte nicht mehr.

»Was geschah auf der Waldlichtung?« Parker lüftete grüßend seine schwarze Melone und schritt gemessen zur Straße zurück, ohne sich weiter um die verdutzten und ratlosen Männer zu kümmern.

*

»So was gibt’s doch gar nicht«, sagte Pete und schaute dem davonschreitenden Butler nach. »War das nun Naivität, oder ist der Bursche nur raffiniert?«

»Naivität«, entschied Rob und grinste. »Solche Typen kennt man doch. Die haben ’ne Menge Krimis gelesen und machen jetzt auf Amateurdetektiv.«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht.« Pete war noch nicht überzeugt. »Vergiß nicht, wie er uns auf dem Hausboot reingelegt hat. Das war schon mächtig profihaft.«

»Stimmt auch wieder.« Rob erinnerte sich nicht gern an die nächtliche Fahrt auf dem Fluß. Das Schlauchboot war erst drei Meilen weiter flußab auf einer kleinen Insel gestrandet. Sie beide hatten eine nicht gerade erfreuliche Nacht hinter sich.

»Und dann die Geschichte oben am Wäldchen«, erinnerte Pete weiter. »Mit seinem komischen Regenschirm hat er uns verdammt fertiggemacht, Rob. Nee, das ist kein Amateur.«

»Sondern?«

»Ein Spitzel, der auf Trotteligkeit macht, Rob. Der Bursche hat es faustdick hinter den Ohren. Wir sollten den Boß anrufen und uns absichern.«

»Kann nicht schaden.« Rob nickte. »Aber ich werde mir den Burschen so oder so noch mal kaufen.«

»Wir«, korrigierte Pete grimmig. »Den werden wir uns gemeinsam vornehmen.«

Sie sahen, wie Parker um die Straßenbiegung verschwand. Rob und Pete gingen zum Farmhaus hinüber, wo Maud Robson sie erwartete. Sie stand am Fenster und hatte den Butler ebenfalls beobachtet.

»Was hältst du von dem Kerl?« erkundigte sich Pete bei seiner Schwester Maud.

»Der Mann ist mir unheimlich«, bekannte Maud Robson. »Mit dem werden wir noch viel Ärger bekommen.«

»Oder er mit uns.« Rob winkte ab. »Wir sind ja schließlich keine Anfänger, Maud.«

»Haltet mal für ’nen Moment die Klappe!« Pete Robson ging ans Wandtelefon und wählte die Nummer der ländlichen Vermittlung. Er ließ sich ein Gespräch nach London geben und brauchte nur wenige Minuten zu warten, bis der Gesprächsteilnehmer sich meldete.

»Hier Pete«, schickte er voraus. »Hören Sie, Boß, hier schleicht ’ne komische Type rum, aus der wir nicht ganz schlau werden. Wie bitte? Ja, er ist angeblich Amateurdetektiv. Natürlich haben wir ihm auf den Zahn gefühlt. Er sieht aus wie’n Butler und will auch einer sein. Parker nennt er sich. Nee, gemerkt im Endeffekt hat er nichts. Schön, machen wir, Boß. Wir lassen ihn nicht aus den Augen. Ja, sonst läuft alles wie geschmiert, Ende!«

Er legte auf und wandte sich zu seiner Schwester und Rob um.

»Wir sollen ihn unauffällig beobachten und beschäftigen«, sagte er dann. »Auch gegen ’ne kleine Abreibung hat der Boß nichts einzuwenden. Damit dürfte ja alles klar sein.«

»Wann befassen wir uns mit diesem Parker?« wollte Rob unternehmungslustig wissen.

»In der kommenden Nacht.« Pete hatte bereits bestimmte Vorstellungen und grinste. »Noch mal lassen wir uns nicht reinlegen.«

»Nehmt die Sache nur nicht auf die leichte Schulter«, warnte Maud Robson. Sie sah ihren Bruder Pete und dann Rob eindringlich an. »Mein Gefühl sagt mir, daß der Mann gefährlich ist. Ihr hättet mal sehen sollen, wie Lord sich benommen hat.«

»Wie denn?« fragte Pete.

»Ich kann’s nur schwer beschreiben«, antwortete Maud. »Vor Hunden hat der Bursche überhaupt keine Angst. Und Lord hätte ihm am liebsten die Hände geleckt. Ihr wißt doch, wie scharf Lord ist. Normalerweise geht er jeden Fremden an.«

Lord fühlte sich angesprochen und hatte wohl auch mitbekommen, daß seine Fähigkeiten in Zweifel gezogen wurden. Er knurrte. Seine Nackenhaare sträubten sich, er blickte scharf zur Tür hinüber.

»Sie haben mich doch tatsächlich abgelenkt«, war von dorther plötzlich höflich und gemessen zu vernehmen. »Kann man bei Ihnen frische Milch erstehen, wenn ich meine Frage wiederholen darf?«

»Faß!« Pete Robson explodierte fast vor Wut und Überraschung. Er stierte auf Josuah Parker, der noch mal zurückgekehrt war und in der angelehnten Tür stand. Er hatte sich völlig geräuschlos genähert. Er lüftete gerade höflich seine schwarze Melone.

»Faß!« Mauds Kommando fiel auch nicht gerade zurückhaltend aus.

»Faß, Lord!« Nun schaltete sich auch Rob ein. Er deutete sicherheitshalber auf Parker, damit die Dogge auch genau wußte, auf wen sie sich stürzen sollte. Lord knurrte noch lauter und röhrte jetzt, was wohl einem Bellen entsprach, doch die Dogge dachte nicht im Traum daran, sich noch mal mit diesem unheimlichen Zweibeiner zu befassen. Sie blieb sitzen und ... kratzte sich wieder verlegen am Ohr.

*

Lady Agatha Simpson war eine bemerkenswerte Frau.

Groß und majestätisch wirkend, erinnerte sie an eine Bühnenheroine längst vergangener Tage. Ihre Bewegungen waren wirksam und besonders ausdrucksvoll. Eine Frau wie Lady Agatha konnte man nicht übersehen. Ihre Stimme trug übrigens dazu bei. Sie war baritonal gefärbt, mitunter erinnerte sie sogar an das Grollen eines tiefen Basses.

Agatha Simpson trug mit Vorliebe bequeme und ausgebeulte Tweed-Kostüme, große Schuhe, die an kleine Flußkähne erinnerten, und dazu Hüte, die ihre Stilverwandtschaft zu Südwestern der Seefahrt nicht verleugnen könnten.

Die Lady, mit dem Blut- und Geldadel der Insel eng verschwistert und verschwägert, war seit vielen Jahren Witwe, immens reich und konnte sich jede Exaltiertheit leisten, was sie auch ausgiebig tat. Vor kurzem hatte sie beschlossen, sechzig Jahre alt zu bleiben. Sie war erstaunlich rüstig und dynamisch, betätigte sich noch sportlich und jagte seit Jahren große und kleine Gangster. Sie war Amateurdetektivin aus Leidenschaft und gab sich diesem Hobby schrankenlos hin.

Agatha Simpson saß an diesem Morgen am Steuer eines ihrer Wagen und hatte London längst hinter sich gelassen. Sie befand sich auf dem Weg nach Cambridge. Aus einer Laune heraus wollte sie dort eine Freundin besuchen, die sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte.

Kathy Porter, die neben ihr saß, glaubte der älteren Dame kein Wort. Kathy war die Sekretärin und Gesellschafterin Lady Simpsons, wurde von ihr aber wie ein Kind behandelt. Sie wußte, daß dieser Ausflug nur ein Vorwand war, um in Parkers Nähe zu gelangen. Lady Agatha hielt die Untätigkeit in ihrer Londoner Stadtwohnung nicht aus. Sie wollte sich vorsichtig an ihren Butler heranpirschen und hoffte wahrscheinlich auf einen neuen Fall.

»Sie sind so schweigsam, Kindchen?« wunderte sich die Detektivin.

»Ich ... ich genieße die Fahrt, Mylady«, behauptete Kathy und suchte nach zusätzlichem Halt im Wagen. Agatha Simpsons Fahrstil war nämlich mehr als ungewöhnlich und eigenwillig. Er war beinahe kriminell zu nennen. Die resolute Dame schien sämtliche Verkehrsregeln vergessen zu haben. Sie provozierte die Verkehrsteilnehmer am laufenden Band, nahm das aber überhaupt nicht wahr. Zudem fuhr Lady Simpson nicht gerade langsam. Es war ihr sportlicher Ehrgeiz, Cambridge so schnell wie möglich zu erreichen.

»Wenn diese Burschen doch nur fahren könnten«, seufzte Lady Simpson und betätigte nachdrücklich die Hupe. »Sehen Sie sich diesen Weihnachtsmann mal an, Kindchen! Das ist doch ein Skandal! Dieser Mann hat seinen Führerschein wohl über den Versandhandel bezogen!«

»Do ... do .... dort hinten kommt eine Kurve, Mylady«, stotterte Kathy Porter. Hastig vergewisserte sie sich, daß der Sicherheitsgurt auch besonders fest saß.

»Kurventechnik ist alles«, stellte Agatha Simpson fest und überholte den Morris. Sie jagte derart dicht an dem Fahrzeug vorbei, daß sich die Bleche fast berührten. Der Fahrer des Morris’ zuckte zusammen und riß seinen Wagen noch weiter zur Seite. Bruchteile von Sekunden später zerpfügte er das Fahrbahnbankett und trat dann entnervt auf die Bremse. Er stierte dem Rover nach, wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und war noch nicht mal in der Lage, auch nur einen Fluch oder eine Verwünschung auszustoßen. Er legte seine Stirn auf das Lenkrad und heulte wie ein hungriger Wolf.

Lady Agatha schaute in den Rückspiegel, obwohl ein Blick auf die Kurve vielleicht angebrachter gewesen wäre.

»Haben Sie das gesehen?« erkundigte sie sich bei Kathy Porter und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Dieser Anfänger kann sich noch nicht mal auf der Straße halten. Solchen Leuten sollte man den Führerschein abnehmen. Finden Sie nicht auch, Kindchen?«

»Die Kurve«, stieß Kathy Porter angstvoll hervor.

»Nun werde ich Ihnen mal zeigen, wie schwingend und elegant man sich durch Kurven tragen lassen muß«, erklärte die Dame am Steuer. »Man muß vor allen Dingen das Gas stehen lassen, verstehen Sie?«

Und sie ließ es stehen!

Der Rover fegte in die Kurve hinein, die von Agatha Simpson schamlos geschnitten wurde. Das Heck brach ein wenig aus, doch das scherte die Fahrerin nicht. Sie schlingerte in den Kurvenmittelpunkt, riß den schweren Wagen weiter herum und rasierte einen Begrenzungspfahl ab. Dann sah sie sich einem entgegenkommenden Fahrzeug gegenüber.

Es handelte sich um einen Traktor.

Der Fahrer verlor sofort die Nerven und verzichtete auf jede Konfrontation. Dank seiner direkten Lenkung brachte er den Traktor blitzschnell von der Straße, durchfuhr den erfreulicherweise nicht tiefen Graben und erklomm anschließend die steile Böschung.

Agatha Simpson winkte dem Mann fröhlich zu und demonstrierte weiterhin ihre erstaunliche und einzigartige Kurventechnik.

Ein Radfahrer stieg sicherheitshalber ab, das heißt, er hechtete aus dem Sattel und landete im Gras der Böschung, ein Fußgänger reagierte geistesgegenwärtig und stellte sich hinter einen dicken Baum, und ein junger Motorradfahrer benutzte einen Waldweg, den er gar nicht befahren wollte.

Dieser junge Motorradfahrer war nicht allein.

Er bildete die Spitze eines Rudels von jungen Leuten, die an Rocker erinnerten. Sie folgten ihm blindlings und preschten mit donnernden Motoren ins Unterholz. Da einige von ihnen auf Geländefahrten nicht spezialisiert waren, rutschten sie auf dem weichen und feuchten Waldboden aus und suchten anschließend nach Pilzen. So sah es wenigstens aus.

»Schwingen, Kindchen«, sagte Lady Simpson zufrieden, als die Kurve geschafft war. »Schwingen, Kathy. Das ist das ganze Geheimnis!«

»Na ... natürlich«, keuchte die Gesellschafterin, und war einer Ohnmacht nahe. »Kö ... könnte man nicht eine kleine Pause einlegen, Mylady? Dort hinter der Scheune?«

Kathy Porter war Realistin.

Sie konnte sich lebhaft vorstellen, daß zumindest die Motorradfahrer die Verfolgung aufnehmen würden. Da war es vielleicht angebracht, erst mal von der Straße zu verschwinden und in Deckung zu gehen.

*

Es waren sechs Motorradfahrer, die heranbrausten.

Es handelte sich um die ungewollten Pilzsucher, die nach dem Rover Ausschau hielten. Die Fahrer, in Leder gekleidet und mit schweren Jethelmen auf dem Kopf, erschienen als Rudel und waren sicher nicht besonders guter Laune.

Kathy Porter war heilfroh, daß sie zusammen mit Lady Agatha hinter der Scheune stand. So waren sie von der Straße aus nicht zu sehen und kamen vielleicht noch mal ohne Ärger davon.

»Mir kommt da gerade eine Idee«, ließ die ältere Dame sich vernehmen. »Müssen wir unbedingt diese belanglose Freundin besuchen, Kindchen?«

»Sie wollen zurück nach London, Mylady?« Kathy ahnte, wohin der Hase laufen sollte.

»Papperlapapp«, fuhr ihre Gesprächspartnerin sie an. »Was sollen wir in London, Kindchen? Nein, nein, wir sollten weiter nach Norwich fahren.«

»Beginnen dort nicht die Norfolk Broads, Mylady«, erkundigte sich Kathy gespielt harmlos.

»Gut nachgedacht.« Agatha Simpson nickte. »Stellen Sie sich mal Mister Parkers Überraschung vor, wenn wir plötzlich auftauchen.«

»Mister Parker ist mit einem Hausboot unterwegs, Mylady.«

»So ein Kahn wird sich ja schließlich finden lassen«, lautete die entschlossene Antwort. »Ich bin mit Ihrem Vorschlag einverstanden, Kindchen. Überraschen wir also Mister Parker!«

»Ich habe diesen Vorschlag aber nicht gemacht, Mylady«, protestierte Kathy Porter.

»Klammern Sie sich gefälligst nicht an Kleinigkeiten«, tadelte die Detektivin. »Wir werden ihm nur einen kurzen Besuch abstatten und dann zurückfahren. Kommen Sie!«

Lady Agatha zitterte wieder mal vor Aktivität. Sie marschierte auf den Rover zu.

»Soll ich Sie jetzt nicht ablösen, Mylady?« fragte Kathy schüchtern.

»Besser nicht«, lautete die Antwort. »Sie sind immer noch etwas unsicher am Steuer, Kindchen. Ihnen fehlt meine Erfahrung. Ich werde mich schon melden, wenn ich tauschen möchte.«

»Mylady!« Kathy hatte mehr gesehen als Agatha Simpson. Sie deutete zur Straße hinüber, wo die sechs Motorradfahrer wieder auftauchten. Sie hatten jetzt einen wesentlich besseren Blickwinkel und erspähten den Rover, der sie von der Straße abgedrängt hatte. Die Motorradfahrer bremsten, hielten an und beratschlagten miteinander.

Sie sahen unheimlich aus in ihrer schwarzen Lederkleidung, drohend und gefährlich. Es schien sich um moderne Racheengel zu handeln.

»Was ist denn, Kindchen?« Agatha Simpson hatte sich umgedreht und beobachtete die Motorradfahrer.

»Vielleicht sollte man ganz schnell losfahren, Mylady«, empfahl Kathy Porter nervös.

»Wegen dieser Lümmel da drüben?« Die Detektivin sah ihre Gesellschafterin erstaunt an.

»Wegen dieser Lümmel, Mylady.« Kathy öffnete die Fahrertür und wartete ungeduldig darauf, daß Agatha Simpson endlich einstieg. Mit etwas Glück konnten sie es vielleicht noch schaffen, die nächste Ortschaft zu erreichen ...

Doch es war bereits zu spät.

Die sechs Motorradfahrer fuhren langsam von der Straße herunter und näherten sich der Scheune. Als sie auf der Wiese waren, fächerten sie auseinander und bildeten eine Art Halbkreis.

Der Anführer der Gruppe hielt dicht vor Agatha Simpson an. Sein Gesicht war hinter der getönten Scheibe seines Helmvisiers nicht zu erkennen. Er stellte den Motor ab, kippte die Maschine auf den Ständer und näherte sich mit schleppenden, drohenden Schritten.

»Brauchen wir ’ne kleine Nachhilfestunde, altes Mädchen?« fragte er mehr als salopp.

»Richtig«, gab Agatha Simpson mit dunkel gefärbter Baßstimme zurück. »Wie hätten Sie’s denn gern, junger Mann?«

Der junge Mann mochte etwas über zwanzig Jahre alt sein, ging hart an ihr vorbei, rempelte sie aber nicht an. Er näherte sich dem linken Vorderrad des Rover und hielt plötzlich ein blitzendes Schnappmesser in der lederbehandschuhten Hand.

Seine Absicht, den Reifen zu zerstechen, war unverkennbar.

*

»Jetzt platzt mir aber der Kragen!«

Pete Robson übernahm die Rolle der Dogge und stürzte sich auf den Butler. Er hatte die feste Absicht, diesem komischen und aufdringlichen Mann eine Abreibung zu verpassen. Zudem fürchtete er, daß der Butler Teile der telefonischen Unterhaltung gehört hatte, Es galt also, diesen Mann in die Schranken zu weisen.

Parker besaß erstaunlich gute Nerven, scharfe Augen und ein Gefühl für Zeitabläufe. Er blieb solange in der nur halb weit geöffneten Tür stehen, bis Pete ihn fast erreicht hatte. Als der Untersetzte allerdings den letzten Sprung tat, zog Josuah Parker höflich die Tür zu und sich zurück.

Pete Robson knallte mit voller Wucht gegen die solide Türfüllung und verstauchte sich die rechte Schulter und das rechte Knie. Er rutschte zu Boden und stöhnte.

Der schlanke, drahtige Rob war dicht hinter ihm, riß die Tür auf und zog gleichzeitig seine Schußwaffe. Es handelte sich um eine belgische Automatik Kaliber 7.65. Natürlich wollte er den Butler nicht niederschießen. Er wollte ihn nur nachdrücklich auffordern, doch noch mal zurückzukommen.

Er hatte fest mit einem flüchtenden Butler gerechnet, der auf dem schnellsten Weg die Straße erreichen wollte. Daher auch seine Überraschung, als er knapp hinter der Tür mit dem Butler zusammenstieß. Parker hatte sich nur wenige Zentimeter wegbewegt und grüßte jetzt überaus höflich.

Die stahlblechgefütterte Rundung seiner schwarzen Melone legte sich dabei leider auf die Stirn des jungen Mannes. Rob schnaufte erregt, verdrehte die Augen, seufzte dann fast wohlig auf und taumelte zurück. Er stolperte über Pete, der gerade aufstehen wollte, und schlug der Länge nach zu Boden. Dabei berührte die Hinterpartie seines Schädels den an sich recht staubigen Fußboden. Während das beeindruckende Dröhnen noch zu hören war, wurde Rob bereits ohnmächtig.

Pete hingegen hatte sich ein wenig erholt.

Er robbte über den Boden zu einem Stuhl, drückte sich hoch und riß dann die Sitzgelegenheit schwungvoll in die Höhe. Er gedachte, sie als Wurf- oder Schlaginstrument zu benutzen.

»Falls mich nicht alles täuscht, scheinen Sie ein wenig gereizt zu sein«, stellte Josuah Parker gemessen fest. »Man sollte nie im Zorn handeln, wenn ich mir diesen bescheidenen Hinweis erlauben darf.«

»Jetzt mach ich dich fertig!« Pete ging vorsichtig auf sein Opfer zu. Der Stuhl in seiner Hand sah äußerst bedrohlich aus. Pete war ein Mann, der mit solch einem Gegenstand bestimmt umzugehen wußte.

»Möchten Sie meine Entschuldigung schriftlich haben?« Parker griff nach einer der vielen Westentaschen und holte einen völlig normal aussehenden Kugelschreiber hervor. »Den Text können selbstverständlich Sie bestimmen.«

»Ich werde mit dem Stuhl schreiben!« Pete holte noch etwas weiter aus, als habe er die Absicht, Butler Parker ungespitzt in den Fußboden zu schlagen. Er wußte nichts von Parkers Vorliebe für Hilfsmittel und Tricks. Er war völlig ahnungslos.

Parker hatte inzwischen eingesehen, daß sein Gegenüber mit Argumenten nicht mehr zu stoppen war. Daher drückte er auf den Halteclip des Kugelschreibers und wartete in aller Ruhe ab.

Aus der Spitze des Kugelschreibers zischte ein feiner Strahl hervor. Ein Treibgas beförderte ein an sich völlig harmloses Reizmittel in das Gesicht des aufgebrachten und wütenden Mannes. Es traf natürlich auch die Augen von Pete, der unmittelbar darauf eine gewisse Schwäche an den Tag legte. Er brüllte, ließ den Stuhl fallen und rieb sich die schmerzenden Augen.

»Möglichst nicht reiben, wenn ich Ihnen diesen Rat erteilen darf«, ließ der Butler sich vernehmen. »Spülen Sie die Augen mit klarem Wasser aus! Sie werden ehrlich überrascht sein, wie wohl das tut. Miß Robson, vielleicht sollten Sie das übernehmen, ja?«

Maud Robson hatte überhaupt nicht mitbekommen, was passiert war. Sie sah nur, wie ihr Bruder litt. Sie langte nach seinem Arm und handelte sich einen Jagdhieb ein. Sie wurde gegen eine Art Küchenschrank geschleudert und keifte daraufhin ihren Bruder an. Von ihrer schüchternen Sanftheit war längst nichts mehr zu sehen oder zu hören.

Parker hatte das untrügliche Gefühl, auf die Dauer wohl doch zu stören. Er empfahl sich und verließ das Farmhaus. Hier auf dem Gelände gab es ja noch so viel zu sehen ...

*

Obwohl sehr reich, hatte Agatha Simpson etwas gegen Verschwendung. So wollte sie nicht einsehen, daß der Autoreifen zerstochen werden sollte.

»Tun Sie es lieber nicht, junger Mann«, warnte sie den Racheengel in der Ledermontur, der gerade lässig und langsam in die Knie ging.

»Halt die Klappe«, gab er zurück, ohne sich nach der Detektivin umzuwenden. Und genau das hätte er wohl doch besser getan. Schon im eigenen Interesse, wie sich zeigen sollte. Agatha Simpson verfügte nämlich über eine Waffe, die mehr als ungewöhnlich war.

Die Lady war in vielen Dingen altmodisch und hielt überhaupt nichts von modernen Handtaschen, wie sie angeboten werden. Sie war ihrem Pompadour treu geblieben, einem perlbestickten Handbeutel, dessen Schlaufe am Gelenk getragen wurde.

Diesen Pompadour schleuderte sie äußerst geschickt auf den jungen Mann, der sich gerade mit dem Reifen befassen wollte. Im Pompadour befand sich ein echtes Hufeisen, das nur flüchtig mit dünnem Schaumgummi umwickelt worden war, um nachhaltige Verletzungen auszuschließen.

Eine Granate hätte nicht explosiver wirken können.

Der Pompadour klatschte gegen den Jethelm des Motorradfahrers. Der junge Mann hatte das deutliche Gefühl, von einem auskeilenden Pferd getreten worden zu sein. Er kippte nach vorn, landete im Gras und blieb benommen liegen.

Die fünf übrigen Racheengel brauchten einige Zeit, bis sie ihre Überraschung verdaut hatten. Mit solch einer Reaktion hatten sie nicht gerechnet. Sie starrten auf ihren Rudelführer, der sich endlich ein wenig bewegte und mit den Beinen scharrte.

Dann rückten sie vor und wollten der älteren Dame zu nahe treten. Sie glaubten an einen glücklichen Zufall, was ihren Anführer betraf. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß diese Frau auch weiterhin gefährlich sein würde, holten Kabelstücke aus den Westen ihrer Monturen und gedachten, Lady Simpson damit zu überwältigen.

Sie hätten sich besser andere Dinge einfallen lassen!

Agatha Simpson war sehr kriegerisch.

Sie trat dem ersten jungen Mann bedenkenlos gegen das Schienbein. Der Getroffene heulte auf und hüpfte auf einem Bein herum.

Der zweite Angreifer wich zurück, fintierte und schlug dann hart zu. Er hatte Kathy Porter überhaupt nicht einkalkuliert und hielt die langbeinige, schüchtern wirkende Schönheit für ein ängstliches Reh, mit dem man sich später zur Erheiterung noch anderweitig befassen konnte.

Kathy Porter mochte zwar wie ein ängstliches Reh aussehen, doch sie kannte sich in den Künsten von Judo und Karate recht gut aus. Sie sprang fast aus dem Stand hoch und touchierte mit ihrem linken, vorschnellenden Fuß die Nase des Angreifers. Die verformte sich daraufhin und blieb ein wenig schief stehen.

Der junge Mann ließ sein Kabelende zu Boden fallen und beschäftigte sich nur noch mit seinem Gesichtserker. Lady Simpson nutzte die Gelegenheit, das Kabelende an sich zu nehmen. Sie wollte nicht ganz waffenlos sein.

Kathy befaßte sich inzwischen mit zwei weiteren Angreifern, die die Visiere ihrer Jethelme noch geschlossen hielten. Sie bedauerten das wenig später sehr, denn sie rangen verzweifelt nach Luft und krümmten sich. Kathy hatte mit dem linken Ellbogen zugelangt und ihre Magenpartien bearbeitet.

Den fünften jungen Mann nahm sich die Detektivin selbst vor.

Sie klatschte ihm das Kabelende um den Helm und zertrümmerte das Visier. Der junge Mann ließ ein Messer fallen, das er zwischenzeitlich gezogen hatte, duckte sich und ergriff die Flucht. Das Grauen saß ihm offensichtlich im Nacken. Mit solch einer Reaktion hatte er nicht gerechnet.

»Wir sollten jetzt aber wirklich weiterfahren, Mylady«, mahnte Kathy Porter, die völlig entspannt und ruhig atmete. Von Anstrengung war ihr nichts anzumerken.

»Schon, Kindchen?« bedauerte die Detektivin, die allerdings ein wenig schnaufte. »Ich möchte diesen Subjekten erst noch ein paar Manieren beibringen.«

»Ihr Pompadour, Mylady.« Kathy Porter reichte den Handbeutel. Der Rudelführer war aufgestanden, nahm den Jethelm ab und massierte sich den Hinterkopf.

»Ist noch was?« erkundigte sich Agatha Simpson grimmig bei ihm. »Sie brauchen es nur zu sagen, junger Mann. Ich bin gerade in der richtigen Stimmung.«

»Von was für ’nem Stern kommen Sie eigentlich?« erkundigte sich der Anführer der Rocker.

»Hoffentlich war die Frage eine Beleidigung«, gab Lady Simpson kriegerisch zurück. Sie schwang schon wieder den Pompadour und rüstete sich zum nächsten Wurf.

»Schon gut, Lady, schon gut«, sagte der junge Mann schleunigst. »Sie sind ganz in Ordnung, aber Sie sollten mal Fahrstunden nehmen.«

»Aus meinen Augen«, erregte sich die Detektivin. »Beeilen Sie sich, sonst vergesse ich mich nur zu gern!«

Der junge Mann grinste verlegen und ging zu seinen Freunden hinüber, die sich mehr oder weniger von ihren kleinen Niederlagen erholt hatten. Sie standen verlegen herum, waren noch nicht topfit und wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Sie tuschelten leise miteinander, räumten dann das Feld, trotteten zurück zu ihren schweren Maschinen, schwangen sich in die Sättel und röhrten los.

»Das hätte böse enden können, Mylady«, sagte Kathy Porter erleichtert.

»Papperlapapp, Kindchen«, meinte Lady Agatha optimistisch wie immer. »Mit solchen Knaben werde ich noch alle Tage fertig. Man muß ihnen nur klarmachen, wo ihre Grenzen liegen.«

Kathy wollte die gute Laune der Lady nutzen und bugsierte Agatha Simpson in Richtung Beifahrersitz, doch sie hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

»Was soll denn das, Kathy?« empörte sich Lady Agatha grimmig. »Natürlich werde ich fahren! Sie sind dem Verkehr doch gar nicht gewachsen. Ich denke, wir werden Mister Parker in gut einer Stunde sehen. Ich werde mich beeilen und schneller fahren als sonst.«

Kathy Porter schickte ein stilles Stoßgebet zum Himmel und empfahl sich sämtlichen Göttern. Sie ahnte, was auf sie zukam.

*

Natürlich hatte Butler Parker nicht den Diebstahl der beiden Brieftaschen vergessen.

Waren Sie von Miß Robson in Sicherheit gebracht worden, als er die beiden Gauner und Schläger Pete und Rob ins Schlauchboot gesetzt hatte? Oder gab es da einen Unbekannten, den es noch aufzuspüren galt?

Josuah Parker hielt es für richtig, diesen Unbekannten erst mal als Tatsache einzukalkulieren. Dadurch wurde seine Wachsamkeit automatisch geschärft.

Er befand sich auf dem gemieteten Hausboot und dachte mit Vergnügen an die Szenen im Farmhaus. Parker kannte sich mit Ganoven und Gangstern aller Schattierungen aus. Er wußte diese Menschen genau einzuordnen. Pete Robson, dessen Schwester Maud und Rob waren seiner Einschätzung nach sogenannte Leichtgewichte. Sie bildeten stets eine Art Fußvolk und wußten in der Regel kaum, für wen sie tatsächlich ihre Haut zu Markte trugen. Sie begnügten sich mit Kleingeld und brauchten klare Befehle, um tätig zu werden. Pete, Rob und Maud waren sicher nicht besonders gefährlich, aber man durfte sie auf der anderen Seite auch nicht unterschätzen.

Butler Parker hatte sich ein Omelett zu Gemüte geführt, mixte einen Drink und gestattete sich eine seiner speziell für ihn gefertigten Zigarren. Er konnte diese ungewöhnlich schwarzen Torpedos praktisch nur in der Abgeschiedenheit rauchen, denn sie produzierten Rauchschwaden umwerfenden Charakters. Sie waren geeignet, vor Kraft und Gesundheit strotzende Mitmenschen in tiefe Ohnmacht zu schicken.

Als er aufs Achterdeck trat, um sich unter das Sonnensegel zu setzen, brauchte er Insekten nicht zu befürchten. Einige neugierige Mücken und Bremsen kurvten zwar im Tiefflug heran, da sie frisches Blut witterten, doch als sie nur die verwehten Schwaden der Zigarre witterten, gerieten sie bereits in gelinde Panik und drehten ab. Sie verschwanden im Taumelflug in Richtung Schilf, um sich dort von ihrem tödlichen Schreck erst mal zu erholen.

Parker legte sich entspannt in einen Deckstuhl und schloß die Augen.

Er hatte sich die beiden kleineren Lieferwagen in der Scheune der Farm angesehen. Ihm war aufgefallen, daß die Ladeflächen beider Fahrzeuge recht intensiv nach Spirituosen gerochen hatten. Mehr war nicht festzustellen gewesen. Er fragte sich, was dieser Geruch besagte.

Hatte man ihn wegen dieses aufdringlichen Geruchs daran hindern wollen, die Wagen zu besichtigen? Hatte er es, so fragte sich Parker, vielleicht mit Schwarzbrennern zu tun?

Wurde auf der Farm Brandy oder Whisky hergestellt? Handelte es sich um den Umschlagplatz von gewerbsmäßigen Schmugglern? Bis zur Nordseeküste war es von den Norfolk Broads ja nicht weit.

Parker richtete sich etwas auf.

Von der Flußseite waren Geräusche von Ruderblättern zu vernehmen. Er entdeckte einen Kahn, in dem ein Urlauber saß. Es handelte sich um einen etwa fünfundvierzigjährigen Mann, der ein wenig provinziell wirkte. Er war groß, hager und trug eine altmodische Brille. Sein Anzug stammte mit letzter Sicherheit von der Stange, war viel zu knapp und sah total zerknittert aus.

Ein besonders geschickter Sportler war der Mann gerade nicht. Er kam mit den Ruderblättern nicht zurecht, peitschte das Wasser und kollidierte derart ungeschickt mit dem Hausboot, daß man schon fast wieder von Geschicklichkeit sprechen konnte.

»Darf ich mir erlauben, Ihnen meine bescheidene Hilfe anzubieten?« fragte Josuah Parker höflich.

»Ich... ich komme mit dem Boot nicht zurecht«, entschuldigte sich der Wassersportler. »Es ist wohl doch etwas zu schwer.«

Während der Mann noch redete, stieß er mit dem Kahn noch mal nachdrücklich gegen die Bordwand des Hausbootes, verlor das Gleichgewicht und landete im aufspritzenden Wasser des kleinen, träge fließenden Flüßchens.

Parker bot dem Taucher den Bambusgriff seines Universal-Regenschirms als Rettungsanker. Sein Hilfsangebot wurde liebend gern angenommen.

*

»John Bartlett«, stellte der Mann sich vor. Er nahm seine altmodische Brille von der Nase und putzte sie umständlich. Er nickte dankbar, als Butler Parker ihm ein Handtuch reichte.

»Sie genießen normalerweise die Schönheiten dieser Landschaft?« erkundigte sich Parker.

»Ich bin Schriftsteller«, sagte John Bartlett. »Das heißt, um genau zu sein, ich schreibe noch an meinem ersten Roman.«

»Ein durchaus löbliches Unterfangen«,, meinte der Butler. »Welchem Thema haben Sie sich verschrieben, wenn man diese Frage stellen darf?«

»Ich arbeite an einem Sachbuch über die großen Entdeckungen innerhalb der Naturwissenschaften.«

»Ein ungemein komplexes Thema, wenn ich so sagen darf, Mister Bartlett.«

»Inzwischen lebe ich von den Zinsen eines kleinen Vermögens«, erzählte der nasse Wassersportler weiter. »Meine verstorbene Tante hinterließ mir überraschenderweise Wertpapiere.«

»Eine vorausschauende Tante«, fand Josuah Parker. »Darf man erfahren, Mister Bartlett, wie weit Sie inzwischen mit Ihrem Sachbuch gekommen sind?«

»Ich befinde mich noch im Stadium der Vorstudien.«

»Gehört dazu auch meine bescheidene Wenigkeit?«

»Wie... wie darf ich das verstehen?«

»Ihr Unglücksfall und der Sturz ins Wasser waren recht gut«, erwiderte der Butler gemessen. »Die letzte schauspielerische Feinheit vermißte ich allerdings. Sie sollten, wenn ich mir diesen Rat erlauben darf, noch ein wenig üben.«

John Bartlett sah den Butler für ein paar Sekunden prüfend an. Dann grinste der hagere Mann plötzlich.

»Sie haben mich durchschaut, nicht wahr?« fragte er.

»Sie wollten Kontakt aufnehmen«, meinte Parker. »Ich darf annehmen, daß Sie dafür bestimmte Gründe ins Feld führen können.«

»Ich bin Privatdetektiv«, behauptete John Bartlett jetzt. Seine Stimme klang fester. »Mein Büro ist in Leeds. Ich bin da einer tollen Sache auf der Spur.«

»Sie scheinen großes Vertrauen zu meiner bescheidenen Wenigkeit zu haben, Mister Bartlett.«

»Ich weiß inzwischen, daß Sie tatsächlich ein echter Butler sind. Sie stehen in Diensten der Lady Agatha Simpson.«

»Das entspricht den Tatsachen.«

»Ein sehr guter Name.« John Bartlett nickte. »Auch Sie, Mister Parker, sind nicht gerade unbekannt. Ich habe mich bei Kollegen in London erkundigt.«

»Sie sind, wie Sie sich ausdrückten, einer tollen Sache auf der Spur?«

»Richtig«, wiederholte John Bartlett. »Es geht um Hochprozentiges, unter uns gesagt.«

»Was kann man sich darunter vorstellen?« erkundigte sich Josuah Parker gespielt ahnungslos.

»Trinkbares«, kam die Antwort. »Vor allen Dingen Whisky. Sie wissen vielleicht, wie teuer er hier auf der Insel ist. Falls man ihn ins Land schmuggelt, kann man ein Vermögen machen.«

»Das leuchtet mir in der Tat ein, Mister Bartlett«, entgegnete der Butler. »Die Küste ist ja nahe, wenn ich nicht sehr irre.«

»Nicht wahr?« John Bartlett nickte. »Ich darf hoffen, daß Sie mein Inkognito wahren werden?«

»Sie dürfen dessen versichert sein«, gab Parker zurück.

»Sie sind zufällig nicht auch hinter diesen Alkoholschmugglern her?« fühlte Mr. Bartlett jetzt weiter vor.

»Keineswegs«, versicherte Josuah Parker würdevoll. »Wie Sie sehen, gebe ich mich dem sprichwörtlich süßen Nichtstun hin.«

»Vielleicht eine Kriegslist oder Tarnung, Mister Parker?« John Bartlett zwinkerte dem Butler vertraulich zu.

»Weder Kriegslist noch Tarnung«, antwortete Parker.

»Entschuldigen Sie, Mister Parker, aber ich habe Sie dort drüben auf der Farm gesehen.«

»Reizende Leute«, meinte Parker. »Leider verfügen Sie nicht über Frischmilch. Können Sie mir vielleicht eine gute Adresse geben, Mister Bartlett?«

»Waren Sie nicht auch in der Scheune, Mister Parker?« John Bartlett schien darauf zu pfeifen, daß seine Neugier deutlich wurde.

»Richtig«, bestätigte Parker. »Als Stadtmensch interessiert man sich immer für landwirtschaftliche Dinge.«

»Und was haben Sie in der Scheune gefunden, Mister Parker?«

»Zwei Lieferwagen«, sagte Butler Parker gespielt arglos. »Sie interessieren sich für die jungen Urlauber auf der Farm?«

»Ganz sicher nicht«, behauptete John Bartlett. »Ich bin hinter echten Profis her.«

»Die das Schmuggelboot von der Küste aus flußaufwärts ins Land schaffen?«

»Richtig, Mister Parker. Ich nehme an, daß der Whisky auf Hausbooten und Kabinenkreuzern transportiert wird.«

»Solch eine Möglichkeit bietet sich in der Tat an«, fand Josuah Parker. »Nehmen die zuständigen Behörden denn keine Kontrollen vor?«

»Nur Stichproben, Mister Parker. Die Broads sind eine bevorzugte Ferienregion. Man möchte den Tourismus nicht unnötig stören.«

»Gestatten Sie mir eine Frage?«

»Nur zu, Mister Parker.« John Bartlett nickte aufmunternd.

»Sie sind Privatdetektiv, Mister Bartlett. Für wen arbeiten Sie eigentlich? Wahrscheinlich doch nicht für den Zoll oder für die Polizei, wie ich vermute?«

»Natürlich nicht, Mister Parker, natürlich nicht.« John Bartlett schmunzelte.« Ich arbeite für den Verband schottischer Whiskyhersteller. Sie wollen sich verständlicherweise den Inlandmarkt nicht verderben lassen.«

»Das leuchtet mir zutiefst ein, Mister Bartlett.« Parker schluckte diese Aussage, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

»Wir werden uns also nicht ins Gehege kommen, Mister Parker?« fragte John Bartlett.

»Sie dürfen versichert sein, Mister Bartlett, daß ich nur als Privatmann und Urlauber in den Broads bin«, erwiderte Josuah Parker. »Schmuggel dieser Art interessiert mich nicht.«

»Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen, Mister Parker.«

»Darf man erfahren, warum es zu dieser Fallbewegung kommt, Mister Bartlett?«

»Ich möchte mit Ihnen nicht in Konkurrenz treten, Mister Parker. Ich glaube, Sie sind mir um Längen voraus, wenn es um die Aufdeckung von Verbrechen geht. Wie gesagt, ich habe mich bei Freunden in London erkundigt. Ihr Ruf ist ausgezeichnet.«

»Sie schmeicheln einem alten, müden und relativ verbrauchten Mann«, bekannte Josuah Parker.

*

»Eine Straßensperre, Mylady.«

Kathy Porter deutete aufgeregt auf die beiden quer stehenden Streifenwagen, die die Straße blockierten. Einige Polizeibeamte hatten zu beiden Seiten der Fahrzeuge Posten bezogen und winkten die passierenden Wagen an die Seite.

»Eine Unverschämtheit«, stieß die ältere Dame grimmig hervor. »Was maßen die Herren sich eigentlich an?«

»Mylady, Sie sollten vielleicht etwas langsamer fahren«, warnte Kathy Porter.

»Der Wagen hat erstklassige Bremsen«, erinnerte sich Lady Agatha. »Haben Sie sich nicht so!«

»Die Streifenbeamten könnten das Tempo mißverstehen, Mylady.«

»Papperlapapp, Kindchen!« Agatha Simpson war fest entschlossen, die Warnung ihrer Gesellschafterin zu ignorieren. Sie minderte das Tempo um keinen Deut und rauschte in voller Fahrt auf die Sperre zu.

Kathy Porter sah deutlich, daß die Beamten bereits unruhig und nervös wurden. Sie winkten aufgeregt mit ihren Signalkellen und trillerten bereits auf ihren Pfeifen.

»Jetzt werden Sie erleben, was Bremsen sind, Kindchen!« Agatha Simpson hatte Maß genommen und trat voll aufs Bremspedal. Dabei ereignete sich leider eine kleine Panne, ein Mißgeschick, wenn man so will. Lady Simpsons Füße befanden sich in reichlich großen Schuhen. Sie liebte es, bequem zu gehen. Gewiß, ein Teil der Schuhsohle erwischte durchaus das Bremspedal, doch der Rand der Sohle verirrte sich leider aufs Gaspedal.

Der Motor war stärker als die Bremse...

Der Rover machte einen wahren Hechtsprung nach vorn und stürzte sich förmlich auf den links stehenden Streifenwagen. Kathy Porter stemmte sich ab und nahm schützend die Arme vors Gesicht. Bruchteile von Sekunden später donnerte die Stoßstange des Rover bereits in die Flanke des Polizeifahrzeugs.

Glas splitterte, Blech kreischte unwillig und gequält. Durch den Rover ging ein harter Ruck, dann stand er endlich.

»Was war denn das?« wunderte sich die resolute Dame, die in ihrem Sicherheitsgurt hing.

»Nicht die Bremse, Mylady«, sagte Kathy und nahm erleichtert die Arme herunter.

»Ich werde mich beim Herstellerwerk beschweren«‚ zürnte die Dame am Steuer. »Wie kann man nur Autos mit so schlechten Bremsen bauen? Erinnern Sie mich daran, Kindchen, daß der Brief noch heute rausgeht!«

Kathy nickte nur und sah mit gemischten Gefühlen dem Polizeioffizier entgegen, der stramm und energisch sich dem Rover näherte. Kathy fürchtete weitere Verwicklungen. Sie kannte das wilde Temperament Agatha Simpsons nur zu gut.

Die Lady hatte bereits die Tür geöffnet und funkelte den Polizeioffizier grimmig an.

»Was denken Sie sich eigentlich?« grollte sie. »Wie kommen Sie dazu, mich derart zu irritieren?«

Der Polizeioffizier, ein straffer Fünfziger, durch und durch militärisch, mit grimmigem Gesicht und kühlen Augen schnappte unwillkürlich nach Luft. Er hatte eigentlich vor, die Fahrerin nachdrücklich zur Ordnung zu rufen.

»Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren«, raunzte die ältere Dame weiter. »Wie können Ihre Leute mich durch Winken auffordern, schneller zu fahren? Sammeln Sie etwa Strafmandate, um befördert zu werden? Man hört in der Beziehung die wildesten Gerüchte. Wie heißen Sie eigentlich? Ich bestehe darauf, daß Sie mir Ihren Rang und Ihren Namen nennen«

»Chiefconstable Higgins, Madam.«

»Lady Simpson«, stellte die energische Dame sich vor. »Mister Higgins, ich muß mich doch sehr wundern!«

»Mylady, ich ...« Der Polizeioffizier Wollte die Dinge klarstellen und endlich zu seiner Strafpredigt kommen, doch er kannte Agatha Simpson nicht.

»Sie haben Ihre Leute schlecht unter Kontrolle«, fauchte die Detektivin. »So etwas läßt Rückschlüsse auf Sie zu, Mister Higgins.«

Der Polizeioffizier lief blutrot an.

»Erlauben Sie, daß auch ich endlich etwas sagen kann, Mylady?«

»Das tun Sie doch die ganze Zeit, Sie lassen mich ja kaum zu Wort kommen!« Agatha Simpson sah ihn strafend an. »Sie benehmen sich einer Frau gegenüber fast schon rüpelhaft. Warum fordern Sie disziplinierte Autofahrer eigentlich dazu auf, in diese Sperre hineinzufahren. Sie können von Glück sagen, daß ich eine so ausgezeichnete Fahrerin bin, sonst hätte ich Ihren Streifenwagen noch angefahren.«

»Sie haben ihn angefahren, Mylady!« Der Polizeioffizier keuchte fast. »Und wir haben diese Straßensperre errichtet, um Gangster zu stellen.«

»Ich verbitte mir den eindeutigen Ausdruck Ihrer Augen«, grollte seine Kontrahentin sofort wieder los. »Unterlassen Sie diese Anzüglichkeiten!«

»Ich habe Sie ja gar nicht angesehen«, verteidigte sich Higgins.

»Und das gestehen Sie sogar noch schamlos ein? Sie reden mit einer Dame, ohne Sie auch nur eines Blickes zu würdigen! Woher stammen eigentlich Ihre Manieren, Mister Higgins?«

Der Polizeioffizier taumelte und litt offensichtlich an Gleichgewichtsstörungen. Sein puterrotes Gesicht verfärbte sich. Ein graues Weiß herrschte langsam vor. Er sah Lady Simpson mit einem leicht irren Blick an.

»Natürlich habe ich Sie angesehen.« Seine Stimme klang schwach.

»Also doch, aber eben erst stritten Sie es noch ab, Mister Higgins.« Agatha Simpson verabreichte ihm einen gereizten Blick. »Aber übergehen wir das. Hinter welchen Gangstern sind Sie her?«

»Straßenraub«, lautete die matte Antwort. »Ein Sattelschlepper ist geraubt und geplündert worden.«

»Was Sie nicht sagen, mein Lieber!« Agatha Simpson bedachte ihre Gesellschafterin mit einem schnellen Seitenblick. »Wann ist das passiert?«

»Vor anderthalb Stunden, Mylady.«

»Und da stehen Sie jetzt noch herum?« Lady Simpson schüttelte verweisend den Kopf. »Eine Schnecke ist gegen Sie ja eine Sprinterin, Mister Higgins.«

»Mylady, ich muß doch sehr bitten.« Ein gewisses Schluchzen war in der Stimme des Polizeioffiziers zu vernehmen.

»Gut, bitten Sie, junger Mann! Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was gestohlen wurde? Mit anderen Worten, damit Sie’s auch mitbekommen, Mister Higgins, was befand sich in diesem Sattelschlepper?«

»Whisky«, murmelte Higgins und wischte sich fahrig über die schweißnasse Stirn. »Bitte, Mylady, fahren Sie weiter, bitte!«

»Und wer ersetzt mir den Schaden an meinem Rover?« wollte die alte Dame wissen.

»Mylady, ich bin sicher, daß ich mich gleich vergessen werde«, bekannte Mr. Higgins. Sein Blick deutete auf einen baldigen Amoklauf hin.

»Sie haben schwache Nerven, Mister Higgins«, fand Agatha Simpson. »Auch Ihr Blutdruck scheint nicht optimal zu sein. Gehen Sie schleunigst zu einem Arzt, und räumen Sie endlich diese tückische Falle dort weg.«

Die Lady setzte zurück und löste sich gewaltsam vom lädierten Streifenwagen. Sie beschrieb mit dem Rover einen knappen Bogen, kratzte und schrammte am Heck des Wagens vorbei und fuhr dann recht verwegen .durch die schmale Gasse, die die beiden Wagen bildeten.

Der Polizeioffizier hielt beide Hände vor sein Gesicht und taumelte zur Böschung hinüber. Er ließ sich in den Rasen fallen und suchte dort wahrscheinlich nach seinem Gleichgewicht. Er benahm sich allerdings recht merkwürdig. Er legte sich auf den Bauch und trommelte mit seinen Fäusten auf den Rasen. Dabei strampelte er mit den Beinen in der Luft herum.

»Merkwürdig«, kommentierte Agatha Simpson, die auch einen Blick in den Rückspiegel geworfen hatte wie Kathy Porter. »Der Mann benimmt sich ja wie ein Kind! Und dabei habe ich mich doch wirklich höflich und zuvorkommend mit ihm unterhalten, oder?«

»Natürlich, Mylady«, gab Kathy Porter zurück. »Er konnte von Glück sagen, daß Sie nicht zornig geworden sind.«

»Eben«, schloß Lady Agatha zufrieden. »Aber ich habe mich immer unter Kontrolle, Kindchen. Was sagen Sie zu dem Whiskyraub? Eine gute Fee scheint uns in diese Gegend gebracht zu haben. Ich fühle mich sehr wohl, Kindchen. Der Tag scheint noch recht anregend zu werden.«

*

Butler Parker räumte das Feld.

Er tat es sicher nicht aus Angst vor den beiden Gaunern Pete und Rob. Er wollte einfach von der Bildfläche verschwinden, um die allgemeine Unruhe nicht noch zu vergrößern. Die Whiskyschmuggler, falls sie es waren, sollten sich wieder sorglos bewegen können.

Josuah Parker stand vor dem Ruder im Kommandostand und bugsierte das an sich recht große Boot von der Anlegestelle. Er besorgte das mit Sachverstand und Routine. In technischen Dingen kannte der Butler sich bestens aus.

Wie ein Tourist sah er allerdings nicht aus.

Er trug seinen schwarzen Zweireiher, ein weißes Hemd mit Eckkragen und eine schwarze Krawatte. Auf seinem Kopf saß die feierlich anzusehende Melone, neben ihm hing der Universal-Regenschirm, von dem er sich kaum trennte.

Parker scherte sich keinen Deut um die mehr oder weniger amüsierten Blicke der Urlauber auf dem Bootssteg. Als er sie passierte, lüftete er feierlich seine Kopfbedeckung und deutete eine knappe, aber höfliche Verbeugung an. Er entdeckte unter den Zuschauern auch John Bartlett, der ihm diskret und unauffällig winkte. Wahrscheinlich war auch der Detektiv aus Leeds froh, daß sein möglicher Konkurrent im übertragenen Sinn die Segel gesetzt hatte.

Besonders schnell war das Hausboot nicht.

Es handelte sich um einen umgebauten Kabinenkreuzer vom Typ Radiant Light, der von einem Dieselmotor getrieben wurde. Die ursprünglichen Aufbauten waren irgendwann mal entfernt und durch einen etwas kastenförmigen Aufbau ersetzt worden. Schnittig und elegant wirkte dieses Wasserfahrzeug gewiß nicht, doch es bot immerhin jene Bequemlichkeiten, die Parker schätzte.

Das Hausboot hatte die Mitte des Flüßchens erreicht. Butler Parker ließ die Schraube etwas schneller drehen und schipperte flußaufwärts. Er kam in die Nähe der Farmweiden und entdeckte auch hier liebe Bekannte.

Pete Robson, seine Schwester Maud und auch Rob standen am Ufer, doch sie winkten ihm nicht zu. Sie starrten ihn recht finster an und hegten sichtlich Groll gegen ihn. Die Dogge, die neben ihnen stand, bellte andeutungsweise.

Parker begrüßte die Gruppe zurückhaltend, aber nicht unhöflich. Sein Gruß wurde jedoch nicht beantwortet. Die drei jungen Leute samt Dogge schienen ein wenig nachtragend zu sein. Parker nahm noch etwas mehr Fahrt auf und lief auf die erste Flußbiegung zu. Es dauerte nicht lange, bis die kleine Ortschaft hinter ihm lag.

Die Landschaft wurde womöglich noch freundlicher und idyllischer. Parker passierte eine noch intakte Windmühle, deren Flügel sich im leichten Wind drehten. Er sah grasendes Vieh auf den saftigen Weiden und trabende Pferde auf einer weiten Koppel. Im Schilf duckten sich einige Wildenten ab, und vor dem blauen Himmel zeichnete sich für einen Moment tatsächlich ein Reiher ab, der langsam davonstrich.

Parker war mit sich und der Welt zufrieden.

Mit seiner Herrin war auf keinen Fall zu rechnen. Damit brauchte er auch nicht zu befürchten, wieder mal in einen Kriminalfall hineingezogen zu werden. Whiskyschmuggler interessierten den Butler nicht. Er fühlte sich schließlich nicht als der verlängerte Arm der geltenden Gesetze. Die kleine Auseinandersetzung mit dem Trio hatte er zudem als eine nette Abwechslung betrachtet, über die kein weiteres Wort mehr zu verlieren war.

Wenn nur nicht dieser Privatdetektiv John Bartlett gewesen wäre!

Josuah Parker hatte es nicht besonders gern, wenn man ihn belog oder gar für einen ausgemachten Trottel hielt. John Bartlett hatte ihn nach Strich und Faden beschwindelt und versucht, ihm einen besonders dicken Bären aufzubinden. Natürlich war dieser Mr. Bartlett kein Privatdetektiv und natürlich arbeitete er auch nicht für den Verband schottischer Whiskyhersteller, falls es diese Vereinigung überhaupt gab. Solch eine Institution hätte sich niemals an einen Privatdetektiv gewendet, sondern nur mit den zuständigen Zollbehörden zusammengearbeitet. Zudem gab es wohl keinen Privatdetektiv, der so schnell und rückhaltlos seine Karten auf den Tisch gelegt hätte.

Warum also hatte dieser John Bartlett versucht, ihm auf den Zahn zu fühlen? Welche Interessen vertrat dieser Mann? Für wen arbeitete er tatsächlich? Arbeitete er mit dem Trio Hand in Hand, oder war er ein Konkurrent dieser Gruppe?

Parker wurde abgelenkt.

Hinter seinem Hausboot tauchte ein kleines, recht schnelles Motorboot auf, das ihn bald einholte. Am Steuer saß eine attraktive junge Frau, die ihm lachend zuwinkte. Sie trug einen knappen Bikini, der kaum noch etwas verhüllte.

Die junge Frau am Steuer des Motorbootes wurde von Parkers Aussehen fast magnetisch angezogen. Sie kurvte ein, minderte die Geschwindigkeit des Bootes und schob sich nahe an das Hausboot heran. Dazu winkte sie erneut und lachte.

Josuah Parker lüftete seine schwarze Melone.

Er war ganz sicher kein Frauenfeind. Er schätzte harmonische Linien und Formen. Und was sich seinen Blicken darbot, war Perfektion. Die junge Frau hätte es fast sogar mit Kathy Porter aufnehmen können, der Sekretärin und Gesellschafterin der Lady Agatha Simpson.

Die Wassersportlerin rief dem Butler etwas zu und deutete hinter sich ins Boot. Parker konnte natürlich nichts verstehen, dazu war der Lärm des Außenbordmotors zu stark. Er verließ also den Ruderstand und trat an die Brüstung.

Das Motorboot hatte sich inzwischen dem Tempo des Hausbootes angepaßt. Die junge Frau, vielleicht dreiundzwanzig Jahre alt, formte ihre Hände zu einem Trichter und rief dem Butler erneut etwas zu. Dann deutete sie nochmal hinter sich ins Boot und bückte sich.

In Bruchteilen von Sekunden flog ein eiförmig aussehender Gegenstand auf den Butler zu, der eine peinliche Ähnlichkeit mit einer Handgranate hatte.

Und das ließ den Butler nun doch ein wenig stutzig werden.

*

»Wir werden abkürzen«, entschied Agatha Simpson. Sie hielt jäh an und griff entschlossen nach dem Atlas mit den Straßenkarten.

»Wohin wollen wir denn, Mylady?« fragte Kathy Porter, die unruhig wurde.

»Sie waren schon wesentlich konzentrierter, Kindchen«, tadelte die ältere Dame. »Haben Sie vergessen, daß wir Mister Parker überraschen wollen?«

»Aber wir wissen doch nicht, wo er sich mit seinem Boot aufhält, Mylady.«

»Aber ich kenne die Gesellschaft, bei der er das Boot gemietet hat.« Agatha Simpson schmunzelte. »Ich habe zufällig mitbekommen, wie Mister Parker mit dem Manager der Gesellschaft am Telefon verhandelte.«

Kathy Porter wußte sich darauf einen Reim zu machen.

Von Zufall konnte sicher keine Rede sein. Agatha Simpson schien Josuah Parker ein wenig nachspioniert zu haben. Sie hatte wahrscheinlich von Anfang an geplant, ihrem Butler zu folgen. Zuzutrauen war ihr das ohne weiteres.

»Ich möchte wissen, warum Sie plötzlich lächeln, Kindchen.« Die Detektivin sah ihre Gesellschafterin streng an. »Es war wirklich nur ein Zufall.«

»Natürlich, Mylady.«

»Sie glauben mir nicht?« Empörung zeichnete sich auf dem Gesicht der älteren Dame ab.

»Und wo ist der Sitz der Feriengesellschaft?« fragte Kathy, ohne auf die Bemerkung näher einzugehen.

»In East Dereham, meine Liebe. Wir können also eine Menge Zeit sparen, wenn wir die richtige Abkürzung wählen.«

Kathy enthielt sich erneut jeden Kommentars. Sie schaute gelassen zu, als die Lady Straßenpläne studierte und in Eifer geriet. Es war ohnehin sinnlos, Agatha Simpson raten zu wollen, auf der Hauptstraße zu bleiben. Wenn die Detektivin sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann ließ sie sich nicht mehr beirren.

»Sehr gut«, murmelte Lady Agatha inzwischen. Sie benutzte ihr Lorgnon, um die Zeichen auf der Karte besser zu erkennen. Die Stielbrille stammte, was ihre Form anbetraf, aus der Zeit weit vor der Jahrhundertwende und hing an einer soliden Silberkette um ihren Hals. »Sehr schön, wir fahren also in den dritten Feldweg links, dann wieder rechts und später geradeaus. Sehr einfach, überhaupt nicht zu verfehlen.«

»Darf ich auch mal sehen, Mylady?« bat Kathy.

»Sie trauen mir wohl nicht mehr zu, eine Straßenkarte zu lesen, wie?« grollte Agatha Simpson und schlug den Atlas zu. »Ich habe die Abkürzung genau im Kopf, Kindchen. Sie wissen doch, daß ich ein fotografisches Gedächtnis habe.«

Kathy Porter nickte ergeben.

Dieses fotografische Gedächtnis war ihr nur zu bekannt. Ein neues Abenteuer wartete also auf sie. Kathy Porter wußte im vorhinein, daß wieder mal mit einer außerfahrplanmäßigen Abwechslung zu rechnen war.

Die ältere Dame mit dem fotografischen Gedächtnis ließ den Rover inzwischen wieder anrollen und jagte los. Sie machte einen animierten und zufriedenen Eindruck. Sie schien sich auf die Zeitersparnis bereits zu freuen.

Kathy Porter sagte im Verlauf der nächsten halben Stunde kaum ein Wort. Sie bekam zwar mit, daß die Herrin erst die vierte Abzweigung links benutzte, aber was machte das schon. Dafür bog sie schließlich nicht nach rechts ab. Kathy Porter genoß die Schönheit der Landschaft und hatte ein gutes Gefühl. Je mehr Lady Simpson sich verfuhr, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, nicht in einen neuen Kriminalfall verwickelt zu werden.

»Jetzt müßte East Dereham aber langsam auftauchen«, meinte die Detektivin nach knapp einer Stunde. »Oder sollten Sie mir die falsche Richtung angegeben haben, Kindchen?«

»Ich habe überhaupt nichts gesagt«, verteidigte sich Kathy Porter und lächelte. Mit solch einer Anschuldigung hatte sie die ganze Zeit schon gerechnet.

»Aber gedacht, Kindchen, aber gedacht.« Agatha Simpsons Stimme grollte.

»Das allerdings, Mylady.«

»Und was meinen Sie, Kathy?«

»Wir wären besser auf der Hauptstraße geblieben, Mylady.«

»Papperlapapp, Kindchen. Das hätte uns einen halben Tag gekostet. Man muß den Mut zum Risiko haben. Wissen Sie was, ich werde dort den Feldweg nehmen.«

»Er sieht sehr schmal aus, Mylady.«

»Dafür ist er aber gut geschottert.« Agatha Simpson ließ sich auf keine Diskussion ein, riß den schweren Rover in die enge Kurve und gab wieder Vollgas. Der Wagen tanzte über die Schlaglöcher hinweg und näherte sich einem kleinen Wäldchen. Die Lady genoß diese Querfeldeinfahrt und trat wenig später verblüfft auf die Bremse, als der Weg sich stark absenkte.

»Komisch«, fand sie. »Ich möchte nur wissen, was die Straßenbauer sich so denken.«

»Der Weg scheint zu einer Sackgasse zu werden, Mylady.«

»Unsinn, Kindchen. Die Streckenführung ist nur ein wenig eigenwillig.«

Agatha Simpson hatte schon wieder zu ihrem Optimismus zurückgefunden und ließ den Rover über die Steilstrecke nach unten rollen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie in einem stillgelegten Steinbruch landeten.

Um sie herum stiegen die Wände steil hoch. Ein Kranz von Bäumen und Sträuchern umgab den riesigen Kessel, in dem die Luft vor Hitze flimmerte. Lady Simpson ließ den Rover ausrollen und zog ein grimmiges Gesicht.

»Das ist doch eine Frechheit«, empörte sie sich. »Ich werde mich bei der Straßenbauverwaltung beschweren. Merken Sie sich das vor, Kathy! Hier hat doch jeder Richtungshinweis gefehlt.«

»Vielleicht haben wir ihn nur übersehen, Mylady.«

»Sie vielleicht, aber nicht ich. Kindchen! Ich habe doch Augen im Kopf. Nein, nein, man hat uns absichtlich in die Irre geführt.« Während sie noch redete, stieß sie den Rover zurück und wollte wenden. Sie hatte diese Wendung noch nicht ganz ausgeführt, als sie wieder scharf bremste.

»Sehen Sie doch mal dort hinüber«, forderte sie Kathy auf. »Schauen Sie doch, Kindchen! Was sehen Sie?«

»Eine Art Höhle, Mylady.«

»Genauer, Kathy, genauer.«

»Da scheint ein Lastwagen zu stehen, Mylady!« Kathy spürte, daß ihr der Mund trocken wurde. Sie wußte schlagartig, was das zu bedeuten hatte.

»Die Rückfront eines Sattelschleppers, Kindchen!« Agatha Simpsons Stimme vibrierte vor Triumph und Erregung. »Ich habe doch gleich gewußt, daß wir auf dem richtigen Weg sind.«

»Das scheint den beiden Männern dort aber gar nicht zu passen, Mylady.« Kathy Porter dämpfte unwillkürlich ihre Stimme. Sie deutete verstohlen nach rechts. Sie machte auf zwei abenteuerlich aussehende Männer aufmerksam, die Maschinenpistolen trugen und um einige mannshohe Felsbrocken herumkamen.

*

»Nein, ist es denn zu glauben!«

Agatha Simpson war aus dem Rover gestiegen und sah die beiden jungen Männer geradezu begeistert an. Sie schlug vor Aufregung in die Hände und benahm sich wie ein jugendlicher Fan, der seinen Lieblingsdarsteller sieht.

Die beiden Männer mit den Maschinenpistolen gerieten daraufhin ein wenig aus dem Konzept. Solch eine Begrüßung hatten sie mit Sicherheit nicht erwartet. Sie kamen sich albern vor und senkten erst mal die Waffen.

»Sie drehen einen Kriminalfilm, nicht wahr?« Lady Simpson strahlte die Waffenträger an. »Sagen Sie mir, wer die Hauptrolle spielt!«

»Irrtum, Madam, wir drehen keinen Kriminalfilm«, sagte der jüngere der beiden Männer, der wie ein Choleriker aussah.

»Wir drehen einen Abenteuerfilm«, fiel der zweite Mann seinem Partner schnell in die Rede. »Und die Hauptrolle spielt Richard Burton.«

»Was Sie nicht sagen!« Agatha Simpson verdrehte genießerisch die Augen und schien überhaupt nicht zu merken, wie sehr man sie auf den Arm nahm.

»Mister Burton hat aber heute seinen drehfreien Tag«, redete der zweite Mann weiter, während sein Partner verächtlich und gereizt sein Gesicht verzog. Er sah die ältere Dame mißtrauisch an.

»Wie sind Sie hierher in den Steinbruch gekommen?« wollte er dann wissen.

»Mylady haben sich verfahren«, schaltete sich Kathy Porter ein.

»Papperlapapp, Kindchen«, erwiderte die Detektivin. »Ich habe ja gleich geahnt, daß wir auf dem richtigen Weg sind.«

Sie stand vor den beiden Bewaffneten und bemerkte nicht, daß Kathy Porter hinter ihr die Arme in einer hilflosen Geste ausbreitete. Diese Bewegung sollte den Waffenträgern anzeigen, daß man ihrer Herrin mit Logik nicht zu kommen brauchte.

»Sind die Waffen echt?« erkundigte sich Agatha Simpson bei dem jungen Mann, der ihr die Geschichte mit Richard Burton aufgebunden hatte. Während sie noch fragte, langte sie äußerst schnell nach der Maschinenpistole und trat dem Mann dabei gekonnt gegen das Schienbein.

Der Mann verbeugte sich, jedoch nicht aus Dankbarkeit oder Höflichkeit. Er stöhnte und schaute anschließend in den Lauf seiner Waffe.

Der zweite Mann fuhr herum und bedrohte Lady Simpson.

»Lassen Sie das Ding fallen«, verlangte er wütend. »Tun Sie’s ganz schnell, oder ich säge Sie auseinander!«

»Dann haben Sie vier Hälften«, versprach Agatha Simpson. Der Ton ihrer Stimme war sehr ironisch und kühl.

»Vier Hälften?« Der Gereizte hatte noch nicht ganz verstanden.

»Meine beiden Hälften, junger Mann, und die Ihres Freundes. Ich werde auch abdrücken.«

»Sie wird es tun«, rief Kathy Porter nervös dazwischen. Sie hatte hinter dem Rover Deckung bezogen und konnte von der Maschinenpistole nicht erwischt werden.

»Ich mach’ keine Scherze«, drohte der Choleriker, während sein Partner aus zusammengekniffenen Augen auf die Detektivin schaute.

»Ich ebenfalls nicht, Sie Lümmel. Werfen Sie die Waffe weg, aber etwas plötzlich!«

»Sie haben wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank, wie?« Der Gereizte zersprang fast vor Wut, doch er riskierte nicht, auf Agatha Simpson zu schießen.

»Tu, was sie sagt«, verlangte der bedrohte Gangster nervös von seinem Partner. Dazu zwinkerte er ihm noch zu. Wahrscheinlich wollte er es später mit einem Trick versuchen.

»Okay«, sagte der Choleriker, der verstanden hatte. »Wir stecken auf, Lady. Aber das werden Sie noch bereuen.«

»Sie reden zuviel, junger Mann.« Agatha Simpson glitzerte den Gangster warnend an, der daraufhin seine Maschinenpistole auf dem Boden ablegte.

Kathy Porter kam um den Rover herum und wollte die Waffe aufheben. Sie sah es dem Mann an der Nasenspitze an, daß er damit gerechnet hatte, benahm sich absichtlich ungeschickt und geriet somit in die Schußlinie der Lady.

Das nutzte der Choleriker. Und nicht nur er. Auch sein Partner hatte mitbekommen, daß die Detektivin zu ihrer Begleiterin hinüberschaute. Er reagierte sofort.

Kathy Porter ließ sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen. Als der Gereizte blitzschnell nach seiner Maschinenpistole greifen wollte, geriet sein Kinn gegen Kathy Porters vorschnellenden Fuß. Da dieser Fuß in einem flachen, soliden Straßenschuh steckte, erwies sich diese Berührung als äußerst strapaziös für den Unterkiefer. Der Choleriker stöhnte, fiel auf die Knie und rollte dann haltlos zur Seite.

Der Entwaffnete warf sich auf Agatha Simpson und bereute es Bruchteile von Sekunden später.

Agatha Simpson war eine erstklassige Sportlerin, Versiert in vielen Techniken und Disziplinen. Einen ihr zugedachten Fausthieb blockte sie mit dem Kolben der Maschinenwaffe ab, worauf sich die Finger des Angreifers kurzfristig verformten. Dann bohrte die ältere Dame dem Angreifer noch den Lauf der Waffe gegen die rechten Rippen. Der Mann verfärbte sich und brabbelte Worte, die die Lady beim besten Willen nicht verstand. Bevor sie rückfragen konnte, lag er bereits auf dem Boden und schloß die Augen.

»Diese Jugend hat kein Stehvermögen mehr«, stellte die Detektivin fest und schüttelte fast vorwurfsvoll den Kopf. »Denken Sie nur an die Motorradfahrer, die waren auch nicht viel besser. Aber kommen Sie, Kindchen, sehen wir uns den Lastwagen an. Ich hoffe, wir stoßen auf einen passablen Whisky.«

»Mylady, wir sollten vielleicht schleunigst das Feld räumen«, schlug Kathy Porter vor.

»Natürlich, meine Liebe, natürlich. Aber wir werden den Lastwagen auf jeden Fall mitnehmen.«

»Und ... und wer soll ihn fahren, Mylady?« Kathy Porter brach wieder mal der Angstschweiß aus.

»Ich natürlich, Kindchen«, verkündete Agatha Simpson. »Solch eine Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen. Einen Lastwagen wollte ich schon immer mal fahren.«

*

Gegen Eierhandgranaten hatte Josuah Parker etwas. Er mochte sie nicht. Ihre Splitterwirkung war zu groß und meist tödlich. Als sie durch die Luft auf ihn zusegelte, reagierte er automatisch.

Er benutzte seine schwarze Melone als Tennisschläger, griff blitzschnell nach der Kopfbedeckung und schlug mit der stahlblechgefütterten Wölbung nach dem lebensbedrohenden Sprengkörper, traf ihn haargenau und beförderte ihn auf diese Weise zurück ins Motorboot.

Ein glücklicher Zufall half natürlich mit. Die Eierhandgranate landete hinter dem Fahrersitz und verrollte sich dort.

Die Attraktive im Bikini hatte die Abwehrszene entgeistert beobachtet und mitbekommen, wo der Sprengkörper schließlich gelandet war. Sie fuhr herum und starrte in das Boot. Sie wußte augenscheinlich nicht, wie sie sich verhalten sollte.

»Vielleicht ist es ratsam, ins Wasser zu springen«, rief der Butler ihr höflich zu.

Die junge Frau starrte wieder den Butler an und ... hechtete dann in die aufspritzenden Fluten. Dabei berührte ihr rechter Fuß das Gasgestänge. Das Motorboot machte einen wilden Satz nach vorn und raste los. Weit kam es allerdings nicht.

Plötzlich blieb es stehen und platzte auseinander. Eine schwarze Rauchwolke schoß gen Himmel, eine dumpfe Detonation war zu vernehmen. Wrackteile wirbelten durch die Luft und landeten klatschend im Wasser.

Josuah Parker hatte sein Hausboot sicherheitshalber abgedreht und ging hinter der Brüstung in Deckung. Um das explodierte Motorboot kümmerte er sich nicht weiter. Ihm ging es um die Schönheit im Bikini. Er hoffte, daß sie von den Wrackteilen nicht erwischt wurde.

Sie tauchte gerade auf, schnappte nach Luft und tauchte wieder weg. Sie schwamm in Richtung Schilfgürtel und wollte sich in Sicherheit bringen. An einer Unterhaltung mit dem Butler war sie eindeutig nicht interessiert.

Josuah Parker gab Vollgas und wollte der Bikini-Dame den Weg abschneiden, doch sie war bedeutend schneller. Sie lag jetzt förmlich auf dem Wasser und kraulte gekonnt, erreichte das Schilf und schlug sich einen Fluchtweg durch das Dickicht.

Butler Parker hätte seinen Universal-Regenschirm als Wurfspeer verwenden können. Er hätte auch seine schwarze Melone als Wurfgeschoß einsetzen können, doch er verzichtete darauf. Er wollte die junge Frau nicht unnötig gefährden. Ihm war klar, daß er sie ohnehin früher oder später noch mal wiedersehen würde.

Sie verschwand bereits im Schilf und war Sekunden später nicht mehr zu sehen. Parker drehte erneut bei, wendete das Hausboot und hörte dann zu seiner Überraschung einen schrill sirrenden Außenborder, der sich der hinteren Flußbiegung näherte.

Dann war das kleine wendige Boot bereits zu sehen. Es raste um die Biegung und hielt genau auf Parkers Hausboot zu. Erst jetzt schien der Sportsmann am Steuer zu merken, daß nicht das Hausboot, sondern das Motorboot in die Luft geflogen war. Der Mann kurbelte am Steuerrad herum, legte sein kleines Boot in eine verwegene Kurve und jagte zurück zur Biegung.

Parker hatte bereits genug gesehen.

Mr. John Bartlett saß am Steuer, und das konnte kaum ein Zufall sein.

Butler Parker kümmerte sich nicht weiter um John Bartlett, der ohnehin bereits verschwunden war. Eine Verfolgung wäre sinnlos gewesen. Parker ignorierte auch die Bikini-Schönheit, die sich tief im Schilfgürtel verkrochen hatte. Er ging wieder auf den alten Kurs und schipperte weiter, als sei nichts passiert.

Natürlich war ihm klar, daß es um mehr ging als nur um Schmuggel. Mord stand im Drehbuch, das die Gegenseite schrieb. Josuah Parker war fest entschlossen, diese mörderische Herausforderung anzunehmen. Gegner, die mit Eierhandgranaten nach ihm warfen, mußten seiner bescheidenen Ansicht nach so schnell wie möglich aus dem Verkehr gezogen werden.

*

Der große Sattelschlepper füllte die Höhle fast aus. Er war mit sehr viel Fingerspitzengefühl in dieses Versteck hineinbugsiert worden.

Die Absicht der Straßenräuber war es gewesen, den Eingang zu tarnen. Agatha Simpson und Kathy Porter fanden rechts vom Sattelschlepper roh zusammengeschlagene Gestelle, die mit Tarnmatten bedeckt waren. Die beiden Männer waren wahrscheinlich im letzten Moment daran gehindert worden, diese Gestelle aufzurichten.

Hinter einer Baubaracke stand ein Gabelstapler, auf dessen Ladehörnern ein dicker Felsklotz lag. Wozu dieser Gabelstapler dienen sollte, war der älteren Dame sofort klar.

»Sie wollten den Zugang zum Steinbruch blockieren«, sagte sie zu der langbeinigen Kathy Porter. »Sehr geschickt, diese Lümmel, Kindchen. Wer würde schon in diesem Steinbruch nach dem verschwundenen Sattelschlepper suchen?«

»Sie wollen ihn tatsächlich hinüber zur Straße bringen, Mylady?« erkundigte sich Kathy sicherheitshalber noch mal.

»Natürlich, Kindchen. Ich möchte diesen Mister Higgins überraschen. Ich freue mich schon jetzt auf sein dummes Gesicht.«

»Solch ein Sattelschlepper ist nicht leicht zu fahren, Mylady.«

»Für einen Laien ganz sicher nicht, meine Liebe.« Agatha Simpson nickte zustimmend. »Aber ich bin ja schließlich technisch versiert. Ich habe mir sagen lassen, daß man solche Sattelschlepper wie einen normalen Personenwagen bewegen kann.«

Agatha Simpson war an diesem Thema nicht weiter interessiert. Sie widmete sich der zweiteiligen Ladetür und studierte die aufgerissene Plombe. Zusammen mit Kathy Porter öffnete sie einen Flügel der Tür und nickte dann wohlwollend.

»Whisky, Kindchen, nichts als Whisky! Wie denken Sie darüber, ob man sich nicht ein Fläschchen ausleihen könnte?«

Die Antwort wartete die ältere Dame nicht ab. Sie griff nach einem bereits aufgerissenen Karton, der vorn stand, und schlug den Deckel hoch. Sie durchstöberte den Karton und holte eine Flasche hervor.

»Sehr schön«, lobte sie und begutachtete das Etikett auf der Flasche. »Zwölf Jahre alt, Kindchen. Bei den herrschenden Preisen ist der Sattelschlepper ein Vermögen wert.«

Lady Agatha nahm eine kleine Kostprobe. Sie wollte sich vergewissern, ob der Flascheninhalt auch dem Etikett entsprach. Ungeniert und fachmännisch zugleich setzte sie die Flasche an ihren Mund und genehmigte sich einen ausgiebigen Schluck.

»Annehmbar«, fand sie und leckte sich die Lippen. »Möchten Sie auch mal, meine Liebe?«

»Lieber nicht, Mylady.« Kathy war und blieb nervös. Sie sah von der Höhle aus in den Steinbruch und sorgte sich. Gewiß, die beiden jungen Männer waren von ihr fachmännisch gefesselt worden und stellten keine Gefahr mehr dar, doch mit der Rückkehr der eigentlichen Gangster war zu rechnen.

Agatha Simpson scherte das nicht.

Nach einer zweiten und dritten Kostprobe war sie in der richtigen Stimmung, den Sattelschlepper aus der großen Kaverne zu fahren. Sie zwängte sich nach vorn zum Fahrerhaus und stieg ein. Kathys Blutdruck stieg empfindlich an, als der schwere Diesel wenig später losröhrte. Sie brachte sich schleunigst in Sicherheit und wartete auf ein kleines Wunder. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie die Lady das riesige Gefährt bewegen würde.

Nun, der Whisky beflügelte Agatha Simpson...

Ein scharfer Ruck ging durch den Sattelschlepper, als Lady Agatha die Bremsen löste und ziemlich ungeniert Vollgas gab. Der Lastwagen hüpfte und vibrierte und jagte dann in wilder Fahrt aus der Höhle.

Ganz ohne Schrammen ging die Rückwärtsfahrt zwar nicht ab, doch bevor Kathy Porter sich noch weiter sorgen konnte, stand der lange Sattelschlepper im Freien. Kein Profi hätte ihn schneller aus der Kaverne herausgebracht. Die Schrammen am Aufbau des Lastwagens zählten da überhaupt nicht.

»Fahren Sie hinter mir her, Kindchen«, rief Agatha Simpson ihr vom Fahrerhaus zu. »Ich werde das Tempo bestimmen.«

Kathy Porter hätte mit ihrer Lady gern noch über Details gesprochen, doch Agatha Simpson stieß den Sattelschlepper weiter zurück, wendete und brauste dann voller Optimismus los.

Kathy lief zum Rover hinüber, auf dessen Rückseite sich die beiden jungen Männer befanden. Sie waren inzwischen zu sich gekommen und sahen sie finster an.

Kathy setzte sich ans Steuer und mußte sich beeilen, um nicht den Anschluß zu verlieren.

Es hing gewiß nicht mit dem genossenen Whisky zusammen, daß der schwere Lastwagen sich in Schlangenlinien bewegte. Agatha Simpson mußte sich erst mal mit den Kräften der Lenkung vertraut machen. In einer Art Walzerrhythmus raste sie mit dem Sattelschlepper durch die Gegend und ließ eine mächtige Staubwolke hinter sich. Kathy Porter mußte notgedrungen das Tempo des Rovers drosseln, um überhaupt etwas zu sehen.

Davon ahnte die Detektivin nichts.

Sie hatte sich inzwischen zurechtgefunden, steuerte die Landstraße an und fühlte sich ausgezeichnet. Ihre Augen funkelten vor Freude und Lust. Sie erfüllte sich eine Art Kindheitstraum und hätte am liebsten laut gesungen.

Der Lastwagen ließ sich übrigens erstaunlich leicht fahren. Lady Agatha hatte sich das schwerer vorgestellt. Sie freute sich auf das Gesicht eines gewissen Mr. Higgins. Dieser Mann suchte seit Stunden verzweifelt nach dem verschwundenen Sattelschlepper mit Whisky, den sie ihm jetzt mit ein paar anzüglichen Bemerkungen servieren wollte.

Lady Agatha freute sich aber auch auf ihren Butler. Ganz allein und ohne seine Hilfe löste sie hier einen Kriminalfall, während er Urlaub machte. Das würde ihm zeigen, daß eine Lady Agatha auch allein zurecht kam.

Agatha Simpsons Euphorie wurde ein wenig gebremst.

Von der Landstraße, die bereits zu sehen war, bogen zwei Wagen ab und kamen auf sie zu. Es handelte sich um zwei kleinere Lieferfahrzeuge mit Kastenaufbauten. Sie bremsten kurz ab und ... stellten sich dann quer. Sie blockierten die geschotterte Zufahrtsstraße und wollten den Sattelschlepper offensichtlich aufhalten.

Die Fahrer der beiden Lieferwagen hatten sicher keine Ahnung, wer am Steuer des Sattelschleppers saß, sonst hätten sie bestimmt vorsorglich die Flucht ergriffen.

*

Butler Parker war mit seinem Hausboot vor Anker gegangen.

Er hatte sich einen kleinen See ausgesucht und das Boot gleich hinter dem Zufluß des Flüßchens ins Schilf gedrückt. Um es zu entdecken, mußte man schon recht gut aufpassen und sich umsehen.

Nach dem Zwischenfall mit der Eierhandgranate stand es für ihn fest, daß er zum Gegenangriff überging. Bisher hatte er sich passiv verhalten, nun wollte er aktiv werden.

Der Butler sortierte seine Verteidigungsmittel und verschaffte sich einen Überblick.

Um den Inhalt seines schwarzen Spezialkoffers brauchte Parker sich nicht zu kümmern, er war ihm nur zu vertraut. Enthalten war eine Anzahl von Überraschungen, die der Butler nach Lage der Dinge einsetzen konnte. Im Augenblick interessierte Parker sich mehr für die Signalpistole, die mit zur Ausstattung des Hausbootes gehörte. Und da waren ein Anlegehaken, eine Angelausrüstung, recht schwere Fender und schließlich noch einige Plastikeimer, alles Dinge, die man zweckentfremden konnte.

Josuah Parker wurde abgelenkt.

Vom Seeufer her hörte er den Lärm schwerer Motorräder. Sehen konnte Parker allerdings nichts, dazu stand das Schilf zu hoch. Als die Motoren plötzlich abgestellt wurden, erhöhte sich seine Wachsamkeit. Er hatte das Gefühl, als sei er aufgespürt worden. Parker ging unter Deck, um kein Ziel zu bieten. Von einem der Kabinenfenster aus beobachtete er das Schilf.

Er konnte sich gut vorstellen, daß dieser John Bartlett einen weiteren Versuch unternahm, ihn aus dem Weg zu räumen. Nachdem die Eierhandgranate versagt hatte, versuchte der angebliche Privatdetektiv es wohl mit einer anderen Methode.

Parker brauchte nicht lange zu warten.

Plötzlich bewegte sich das Schilf. Halme brachen und gerieten unter Wasser. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er die ersten Angreifer entdeckte. Es handelte sich um junge Männer, die recht seltsam, ja gefährlich aussahen. Sie trugen nur ihre slipartigen Unterhosen und waren sonst nackt. Ihre Gesichter waren allerdings nicht zu erkennen. Sie verbargen sich hinter supermodernen Jethelmen.

Es handelte sich um sechs Angreifer, die durch das schlammige Wasser wateten und nicht recht vorankamen. Die starken Schilfhalme boten ein Hindernis, das nicht so leicht zu überwinden war. Die sechs jungen Männer ruderten mit ihren Armen in der Luft herum und arbeiteten sich fast wütend vor.

Parker ging an Deck und lüftete höflich seine schwarze Melone.

»Ich erlaube mir, Ihnen einen guten Tag zu wünschen«, schickte er erst mal höflich voraus. »Sind Sie möglicherweise vom Weg abgekommen?«

Sie antworteten nicht und mühten sich ab, noch schneller an das Hausboot heranzukommen, doch der Schlamm hielt ihre Füße und Beine fest. Aus dem geplanten Sturmangriff wurde nicht viel.

»Hegen die Herren etwa einen Groll auf meine bescheidene Wenigkeit?« fragte Parker weiter.

Sie antworteten nicht.

»Hoffentlich ist Ihnen bewußt, daß es hier Aale und Blutegel gibt«, warnte Josuah Parker die jungen Männer. »Sie lieben die Schlamm- und Schilfregion dieses Sees.«

Der Hinweis hemmte den Schwung der sechs jungen Männer, die bereits bis zum Bauch im Wasser standen. Aale erinnerten sie wahrscheinlich an Schlangen, und die mochte man gewiß nicht. Die Aussicht, von einem Blutegel an einer besonders empfindlichen und exponierten Körperstelle erwischt zu werden, behagte ihnen überhaupt nicht.

Die sechs jungen Männer riefen sich Worte zu, die Parker vom Hausboot aus nicht verstand. Sie gingen offensichtlich mit sich zu Rate und diskutierten intensiv ihre Möglichkeiten.

»Ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen«, ließ Parker sich wieder vernehmen und deutete mit der Spitze seines Universal-Regenschirms auf ein besonders verfilztes Schilfstück. »Mir scheint jedoch, daß ich dort gerade eine kleine Wasserschlange gesehen habe, die nicht unbedingt giftig sein muß!«

Das reichte vollkommen.

Die sechs jungen Männer stammten eindeutig aus einer Großstadt und kannten sich mit der Fauna hier draußen auf dem Land nicht aus. Die Wasserschlange, die selbstverständlich nicht existierte, löste Panik aus. Alle flüchteten zurück an Land und entwickelten dabei eine erstaunliche Schnelligkeit. Hemmender Schlamm oder sperriges Schilf schienen überhaupt nicht mehr zu existieren.

Parker wartete, bis die Angreifer verschwunden waren. Dann holte er den kleinen Anker ein und ließ den Diesel anspringen. Er hielt es für sicherer, seine Gegner erst mal zu verwirren. Für das, was er plante, brauchte er keine Zuschauer oder gar Störenfriede.

*

Lady Simpson stutzte nur für Sekundenbruchteile, als sie die beiden quergestellten Kastenlieferwagen wahrnahm. Dann aber preßte sie ihre Lippen fest zusammen und gab Vollgas. Sie war nicht die Frau, die sich aufhalten ließ. Schon gar nicht von solch einem windigen Straßenhindernis.

Die Fahrer der beiden querstehenden Lieferwagen fielen fast aus den Fahrerhäusern und retteten sich hinauf auf die weite Wiese. Mit einem Rammversuch hatten sie ganz sicher nicht gerechnet.

Agatha Simpson donnerte mit dem schweren Sattelschlepper auf die improvisierte Straßensperre zu, um sich im letzten Augenblick die Sache doch ein wenig anders zu überlegen. Sie wollte nicht in diesem Hindernis stecken bleiben, sondern den entführten Lastwagen einem gewissen Chiefconstable Higgins präsentieren. Die Gefahr, mit einem Plattfuß liegenzubleiben, war ihr doch zu groß.

Sie mißbrauchte den Sattelschlepper also prompt als Geländewagen und bremste kaum ab, als sie hinaus auf die Wiese raste. Der Sattelschlepper hüpfte wenig elegant durch den erfreulicherweise nicht gerade tiefen Graben, legte sich gefährlich auf die Seite und richtete sich unwillig wieder auf. Da Lady Simpson aber Vollgas gab, röhrte der Lastzug weiter und erreichte wieder einigermaßen flachen Boden.

Die Wiese war nicht gerade bretteben. Sie wies Wellen auf, kleine Hügel und auch einige Dränagegräben. Das alles nahm die ältere Dame jedoch kaum wahr. Sie saß grimmig und entschlossen im Fahrersessel, der recht gut gefedert war, kurbelte am Steuer herum und hetzte erst mal zwei Männer, die Schußwaffen gezogen hatten.

Sie kamen gar nicht mehr dazu, einen gezielten Schuß auf die Fahrerin abzugeben. Der Sattelschlepper fauchte hinter ihnen her und trieb sie in ein Dickicht, in das sie entsetzt und kopfüber hineinpurzelten. Bevor sie sich hervorgearbeitet hatten, war der Lastzug schon weit weg und rasierte gerade einen Weidenzaun ab.

Die beiden hinteren Ladetüren mußten nicht sachgerecht geschlossen worden sein.

Die rechte Tür hatte sich bereits weit geöffnet und gab einigen Whiskykisten Gelegenheit, ins Gras zu fallen. Sie ließen nicht lange auf sich warten, plumpsten nacheinander auf den Boden und verstreuten ihren Inhalt weit um sich. Die Wiese verwandelte sich in eine Flaschenhalde. Es roch plötzlich penetrant nach dem teuren Getränk.

Agatha Simpson hinterließ eine deutliche Spur bis hinüber zur Straße, doch sie wußte nichts davon. Sie schaute kurz in den Rückspiegel und vermißte den Rover. Sie bremste ab, beschrieb einen leichten Bogen und nickte dann zufrieden. Der Rover hatte die Straße inzwischen erreicht und schien auf sie zu warten. Die Lady kurvte parallel zur Straße erst mal zurück zum geschotterten Feldweg und von dort aus zum Rover.

Die resolute Fahrerin beugte sich weit aus dem Fenster der Kabine.

»Ein wunderschöner Wagen«, sagte sie begeistert. »Hoffentlich können Sie mir folgen, meine Liebe. Ich werde jetzt etwas schneller fahren. Ich glaube nämlich, man will uns verfolgen.«

Lady Simpsons Vermutung erwies sich als richtig. Die Männer wären aus dem Dickicht zurück zu den beiden Kastenlieferwagen gerannt und fuhren gerade los. Es war klar, daß sie den Sattelschlepper um jeden Preis einholen und stoppen wollten.

Kathy Porter kam nicht mehr dazu, der Lady eine Warnung zuzurufen. Agatha Simpson fuhr bereits an. Und wie sie das tat! Der schwere Lastwagen machte einen Satz nach vorn und verlor dadurch einige Kartons mit Whiskyflaschen. Kathy konnte ihnen gerade noch aus weichen, bevor die Flaschen auf der Straße landeten. Dann mußte auch sie Vollgas geben, um den Anschluß nicht zu verpassen.

*

Die Szene sah harmlos und verspielt aus.

Selbst ein mißtrauischer Beobachter hätte wohl kaum Verdacht geschöpft und sich höchstens noch amüsiert. Da waren zwei improvisierte Flöße, die mit je drei jungen Männern besetzt waren. Sie ruderten mit langen Bohnenstangen und Brettern ihre Wasserfahrzeuge über den See und hielten auf Parkers Hausboot zu.

Die sechs jungen Männer hatten diesmal auf ihre Jethelme verzichtet und wirkten völlig unbeschwert und normal. Sie lachten, riefen durcheinander und waren bester Stimmung. Daß sie Parkers Hausboot angriffen, war überhaupt nicht zu vermuten.

Der Butler wußte es natürlich besser.

Seit dem ersten Angriff war eine Stunde verstrichen. Parker hatte das Hausboot in eine kleine Bucht bugsiert und sich eigentlich recht sicher gefühlt.

Er stand auf dem Vorderdeck und beobachtete die heranpaddelnden Männer. Rechneten sie denn nicht damit, daß er den Diesel anwarf und versuchte, seine Angreifer zu rammen? Sie benahmen sich mehr als leichtsinnig und schienen sich ihrer Sache sicher zu sein.

Plötzlich kam Parker ein böser Verdacht. War das alles nur ein raffiniertes Ablenkungsmanöver? Wollte man seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die beiden Flöße lenken? Parker wandte sich um und verschwand hinter dem Kabinenaufbau. Von hier aus beobachtete er den nahen Schilfgürtel der kleinen Bucht.

Dort war nichts zu sehen. Seine Phantasie war wohl doch größer als die seiner Gegner. Er wollte sich schon wieder abwenden und sich mit den sechs jungen Männern befassen, als er eine seltsame Beobachtung machte.

Vom Schilfgürtel hatte sich eine Art Treibinsel gelöst, was an sich nichts Besonderes war, denn auf dem kleinen See gab es viele davon. Diese Treibinsel aber hatte für sein Gefühl zu große Fahrt aufgenommen und trieb direkt auf das Hausboot zu.

Damit war alles klar.

Unter dieser kleinen Treibinsel mußte sich zumindest ein weiterer Gegner befinden.

Parker tat natürlich so, als habe er überhaupt keinen Verdacht geschöpft. Er ging zurück an die gegenüberliegende Reling und beobachtete weiter die lärmenden Männer, die sich bis auf etwa dreißig Meter genähert hatten. Parker wußte bereits, wie er diese Treibinsel zerstören konnte.

Er langte nach einem der kleinen, aber soliden und schweren Fender. Es handelte sich dabei um eine Art Anlegepolster. Sie sollten verhindern, daß das Hausboot beim Festmachen zu hart gegen einen Kai oder Bootssteg stieß. Der Fender war rund und erinnerte an eine etwas aus der Form geratene Riesenwurst. Er bestand aus einem Geflecht aus dickem Manilahanf, der mit geteertem Werg gefüllt war.

In Parkers Händen wurde dieser Fender zu einer Art sprengstofflosen Bombe.

Er wirbelte den Fender am Halteseil wie ein Lasso um seinen Kopf und schien sich auf die beiden Flöße konzentrieren zu wollen. Dann aber, ohne jede Vorwarnung, wechselte der Butler die Richtung, eilte zur uferseitigen Reling und ließ das Halteseil los.

Der Fender, der viel Schwung aufgenommen hatte, sirrte durch die Luft, stieg steil zum Himmel empor, erreichte den Gipfelpunkt seiner Flugkurve und jagte dann auf sein Ziel zu.

Die Treibinsel schien das Verhängnis zu ahnen, das aus der Luft kam. Sie wurde recht schnell und wollte seitlich ausweichen. Der Fender jedoch war schneller und krachte bereits auf die Treibinsel.

Das Ergebnis war frappierend.

Der Fender schlug die kleine Insel auseinander, Holzstücke wirbelten durch die Luft, eine Gummimatratze war plötzlich zu sehen und ein gurgelndes und wasserspuckendes Etwas, das wie ein Korken hoch aus dem Wasser schoß und dann wie wild um sich schlug. Bruchteile von Sekunden später hustete dieses Etwas nicht mehr. Es blieb still und regungslos auf dem Wasser liegen und schickte sich an, langsam wegzusacken.

Dagegen hatte Josuah Parker aus Gründen der Menschlichkeit einiges einzuwenden. Dieses Etwas war nämlich die Bikinischönheit, die wohl ohnmächtig geworden war.

*

Mr. Higgins, der Einsatzleiter der uniformierten Polizei, saß in einem Hubschrauber seiner Dienststelle und kontrollierte die Straßensperren.

Der Mann stand noch immer unter einem leichten Schock. Obwohl wirklich einige Zeit verstrichen war, mußte er immer wieder an diese seltsame Lady denken, die er inzwischen als Lady Agatha Simpson hatte identifizieren lassen. Anhand der Wagenkennzeichen des Rovers war das dank des Polizeiapparates nicht schwer gewesen.

Diese Dame hatte ihn gründlich genervt. Irgendwie war der Chiefconstable heilfroh, im Hubschrauber zu sitzen. Hier oben brauchte er eine weitere Begegnung mit dieser Furie nicht zu fürchten. Verrückte Furie, so nannte er insgeheim Lady Simpson.

Higgins überlegte sich, welche Maßnahmen er gegen diese Frau einleiten sollte. Wenn er es recht bedachte, kam eine Menge zusammen. Sie hatte Sachbeschädigung an einem Streifenwagen verursacht, sich den Anordnungen der Polizei widersetzt und ihn beleidigt. Für eine saftige Anklage mußte das wohl reichen.

Der Pilot des Hubschraubers deutete plötzlich nach unten und ging tiefer. Higgins beugte sich vor, um besser sehen zu können. Er entdeckte auf einer schmalen Landstraße einen geradezu riesigen Sattelschlepper, der mit verbotswidriger Geschwindigkeit durch die Gegend donnerte.

Der Pilot schwenkte den Hubschrauber zur Seite, damit sein Fluggast die Aufschrift auf dem langen, kastenförmigen Aufbau besser lesen konnte. Higgins zuckte förmlich zusammen, als er sie entzifferte. Der Sattelschlepper war genau das Fahrzeug, nach dem seine Leute und er schon seit einigen Stunden fahndeten.

Der Hubschrauber schwenkte weiter herum und gab den Blick frei auf zwei kleinere Lieferwagen, die dem Sattelschlepper offensichtlich folgten. Der Pilot ging so tief, wie es sich eben nur einrichten ließ.

Higgins hatte längst bemerkt, daß die beiden hinteren Ladetüren des Sattelschleppers geöffnet waren. Aus dem Innern des Lastwagens wurden gerade Flaschen auf die Fahrbahn geworfen. Sie platzten auf dem Asphalt auseinander und zersplitterten. Sie hinterließen eine deutliche Spur von mehr oder weniger großen Glasscherben.

In diese Scherben jagten die beiden Lieferwagen prompt hinein. Die Reifen platzten. Die Wagen schlingerten, kamen aus dem Kurs, wurden zurück auf die Fahrbahn gezwungen und landeten doch kurz nacheinander im Straßengraben.

Während Higgins dieses Spiel fasziniert betrachtete, gab der Pilot bereits eine Lage- und Standortmeldung an die suchenden Streifenwagen und Straßensperren durch. Er setzte sich über den Sattelschlepper und nahm ein Stockwerk höher an der wilden Fahrt weiter teil.

Der schwere Lastwagen wurde offensichtlich von einem verwegenen Fahrer gesteuert. Die Kurventechnik des Chauffeurs war nicht nur waghalsig, sie grenzte schon an Artistik. Frappierend war die Tatsache, daß der Sattelschlepper keineswegs immer auf der Straße blieb. Der Fahrer schien Abkürzungen aller Art zu lieben. Einmal wählte er eine Wiese, um eine Kurve besonders gekonnt zu schneiden, dann wieder durchbrach er einen Weidenzaun, um schließlich in einer Feldscheune zu verschwinden, die keinen besonders soliden Eindruck machte.

Chiefconstable Higgins dachte im ersten Moment, der Sattelschlepper solle versteckt werden. Ein paar Augenblicke später aber mußte er seine Ansicht erheblich ändern.

Die Feldscheune geriet in unkontrollierte Bewegung. Unter ihr schien der Boden von einem starken Erdbeben bewegt zu werden. Die Feldscheune schüttelte sich, wurde angehoben und brach dann auseinander. Sekunden später wirbelten Balken, Bretter und Dachschindeln durch die Luft. Plötzlich erschien der Sattelschlepper wieder.

Er rumpelte aus den Trümmern der in sich zusammenstürzenden Scheune hervor, nahm ein Tor mit und zerlegte es auf den nächsten Metern in seine Bestandteile. Ein wenig angeschlagen und zerbeult rollte der Sattelschlepper weiter und hielt Kurs zurück auf die Straße.

Higgins geriet in zusätzliche Unruhe, als er die Straße überblickte. Hinter einem kleinen Waldstück kamen zwei Streifenwagen seines Einsatzkommandos hervor. Sie hielten direkt auf den Sattelschlepper zu.

Eine Katastrophe schien unabwendbar.

*

Mit dem Anlegehaken fischte Butler Parker nach der im Wasser treibenden Schönheit. Es war wirklich nicht seine Absicht, daß dieser Haken sich ausgerechnet im Oberteil des Bikinis verfing. Als Josuah Parker die junge Frau vorsichtig und langsam ans Hausboot heranzog, platzten die spaghettidünnen Träger, worauf die Schönheit sich im »Oben-ohne-Look« präsentierte.

Parker versuchte es erneut und schob den Enterhaken unter den mehr als knappen Slip. Diesmal klappte das Rettungsmanöver. Der Slip hielt stand und beförderte seine Trägerin an die Bordwand. Parker beugte sich vor und zog die junge Frau an Deck.

Sie war zwar noch immer bewußtlos, doch das war nicht weiter gefährlich. Ihre Brust hob und senkte sich. Es war bestimmt nur eine Frage von Sekunden, bis sie wieder zu sich kam. Parker trug seinen Überraschungsgast unter Deck und legte ihn in eine Koje. Als er wieder hinaufging, verschloß er sicherheitshalber die Tür der Kabine. Er wollte keinen Zweifrontenkrieg führen.

Die beiden improvisierten Flöße waren inzwischen recht nahe herangekommen. Die sechs jungen Männer lärmten nicht mehr fröhlich herum. Sie hatten natürlich mitbekommen, daß Parker die Treibinsel nachdrücklich zerstört hatte.

Verbissen und kraftvoll stakten und paddelten sie auf das Hausboot zu. Sie wollten es jetzt wissen. Vielleicht war ihnen auch aufgegangen, daß dieser Butler für sie keine leichte Nuß war.

Darin sollten sie sich nicht getäuscht haben!

Josuah Parker hielt nichts von einem Handgemenge an Deck. Seiner Ansicht nach mußten diese Piraten auf Distanz bekämpft werden. Er bemühte einen zweiten Fender und ließ ihn schwungvoll über dem Kopf kreisen.

Die Besatzung des linken Floßes ahnte, was da auf sie zukam. Sie versuchte es mit einem Zickzack-Kurs, um Parker am genauen Zielen zu hindern, doch sie erreichten nichts. Als Parker sein Wurfgeschoß losließ, war die Sache bereits geritzt.

Krachend schlug der Fender ein.

Das leichte, improvisierte Floß brach prompt auseinander. Die drei Wassersportler landeten im Wasser und mußten sich neu orientieren. Inzwischen füllte Parker einen Wassereimer, an dessen Henkel sich ein langer Strick befand.

Dieses Geschoß war eigentlich noch wirkungsvoller als der Fender. Es war schwerer. Als es auf dem zweiten Floß einschlug, schien eine Granate explodiert zu sein. Die Bretter wirbelten durch die Luft, die drei jungen Männer klatschten ins Wasser.

Parker schritt ohne Hast zum Ruderstand und ließ den Diesel anspringen. Dann gab er Gas und tuckerte majestätisch davon. Er passierte die im Wasser treibenden Jünglinge und grüßte überaus höflich. Ein Mann wie Parker legte eben Wert auf Formen.

Flüche und Drohungen folgten ihm. Parker hörte bei dieser Gelegenheit völlig neue Wortschöpfungen. Die Wut und Enttäuschung der »Piraten« mußte demnach außerordentlich sein.

Das Hausboot durchmaß den kleinen See und bog dann in das Flüßchen ein. Parker änderte die Richtung. Er dieselte flußabwärts und nahm Kurs auf jene Uferpartie, an der die Farm lag. Laut Karte verästelte das Flüßchen sich später in eine Art Delta. Nach Parkers Berechnung mußte es dort hervorragende Versteckmöglichkeiten geben.

Er schaute noch mal zurück.

Die sechs jungen Männer schwammen gerade auf den Schilfgürtel zu und sahen gar nicht mehr gefährlich aus. Parker war ehrlich froh, daß diese Konfrontation derart harmlos ausgegangen war. Er brauchte sich jetzt nur noch um seinen Gast in der Kabine zu kümmern.

Die Bikini-Dame war bereits wieder zu sich gekommen und sah ihn wütend an. Sie saß in der Koje und hatte eine Decke um ihre Schulter gelegt. Parker blieb an der Kabinentür stehen und lüftete höflich seine schwarze Melone.

»Ich konstatiere mit Vergnügen und Genugtuung, Madam, daß es Ihnen wieder leidlich zu gehen scheint«, sagte er. »Darf und muß ich unterstellen, daß Sie etwas gegen meine bescheidene Person haben?«

»Wie kommen Sie denn darauf?« Sie riß sich zusammen und schaltete auf Erstaunen um.

»Sollte ich nicht an eine gewisse Eierhandgranate erinnern, Madam?«

»Eierhandgranate? Wovon reden Sie eigentlich?« Sie tat ahnungslos, doch sie war eine schlechte Schauspielerin.

»Versuchten Sie nicht, mich mit einer Eierhandgranate zu bedenken, Madam? Können Sie sich vielleicht vage daran erinnern, daß Sie dabei Ihr Motorboot verloren?«

»Sie ... Sie sind verrückt!«

»Möglicherweise läßt mein Erinnerungsvermögen deutlich nach«, räumte Josuah Parker höflich ein. »Aber warum, so frage ich mich, greift Mister John Bartlett zu solch groben Mitteln?«

»Ich kenne keinen Mister Bartlett«, sagte sie. Im gleichen Moment merkte sie auch schon, daß sie in die mehr als einfache Falle getappt war.

Parker hatte »Bondlett« gesagt, sie aber kannte den richtigen Namen »Bartlett« sehr genau. Sie ärgerte sich und biß sich auf die Unterlippe.

»Das kann jedem passieren, Madam«, tröstete Parker sie. »Entschuldigen Sie diese kleine List! Mister Bartlett scheint zu befürchten, daß ich seine Kreise störe, nicht wahr?«

»Ich sage überhaupt nichts mehr«, antwortete sie.

»Mister John Bartlett ist auf keinen Fall ein Privatdetektiv aus Leeds, der für den Verband schottischer Whiskyhersteller ermittelt«, redete Parker dafür gemessen weiter. »Die Frage ist nur, ob er mit oder gegen das Trio Pete, Maud und Rob arbeitet. Sie wissen doch, jene jungen Leute, die zwei Kastenlieferwagen in der Scheune ihrer gemieteten Farm stehen haben.«

Doch die Bikinidame antwortete nicht.

»Um Whiskyschmuggel geht es auf keinen Fall«, stellte Parker weiter fest. »Schmuggler pflegen kaum mit Eierhandgranaten zu arbeiten.«

Sie senkte den Kopf und sagte nichts.

»Logischerweise muß es also um andere Dinge gehen«, führte der Butler weiter aus. »Ich möchte eine Vermutung äußern, wenn Sie gestatten, Madam. Meiner sehr bescheidenen Meinung nach scheint es sich um Whisky zu handeln, den man gestohlen hat.«

»Wie kommen Sie denn darauf?« fragte sie, ihr Schweigen durchbrechend.

»Man las in letzter Zeit mehrfach davon«, sagte Josuah Parker. »Spezialisierte Gangster entführen Whiskytransporter, schaffen die Lastwagen an irgendeine einsame Stelle, laden die Whiskykartons um und schaffen die begehrte Beute auf Umwegen nach London. Der Profit ist beachtlich.«

»Sie phantasieren sich da was zusammen.«

»Diesen Vorwurf muß ich in der Tat hinnehmen«, gestand Butler Parker. »Noch fehlen mir die Beweise, aber vielleicht ändert sich das bereits in den nächsten Stunden.«

»Oder auch nicht!« Eine Stimme hinter Parker widersprach kurz und knapp. Bevor der Butler allerdings darauf eingehen konnte, mußte er bereits einen harten Schlag gegen den Hals hinnehmen. Er ging in die Knie und fiel dann der Länge nach in die Kabine.

Und es war schon erstaunlich. Selbst dieses Niedergehen zelebrierte der Butler mit Vornehmheit und Würde. Haltung War bei ihm oberstes Gebot.

*

Higgins war tief erschüttert und zugleich auch beeindruckt.

Er stand seitlich vor dem Sattelschlepper und sah auf Lady Agatha Simpson, die munter und freudig aus dem Fahrerhaus kletterte. Ihr Hut, der ein wenig an einen Südwester erinnerte, saß unternehmungslustig schief auf dem Köpf. Ihre Augen funkelten animiert.

»Ein Geschenk für Sie, Mister Higgins«, sagte sie. »Sie brauchen sich erst gar nicht zu bedanken, junger Mann. Die Sache hat mir großen Spaß gemacht.«

»My ... My ... Mylady«, stotterte der hohe Polizeioffizier. Zu mehr reichte es bei ihm im Augenblick nicht.

»Sie stottern ja schon wieder«, tadelte die ältere Dame. »Bei Gelegenheit sollten Sie endlich mal was dagegen tun, junger Mann.«

»Ich... ich verlange eine Erklärung.« Higgins riß sich zusammen und war endlich bereit das zu glauben, was er gerade gesehen hatte. Nein, er litt nicht an einer Verwirrung seiner Sinne. Lady Agatha Simpson war aus dem schweren Sattelschlepper gestiegen und schritt nun auf ihren stämmigen Beinen zurück zur geöffneten Ladefläche. Higgins folgte automatisch, einige Männer seines Einsatzkommandos im Schlepptau.

Sekunden später sah Higgins sich Kathy Porter gegenüber. Sie sprang gerade aus dem Sattelschlepper und nickte der Detektivin zu.

»Zeigen Sie ihm die beiden Lümmel«, befahl Lady Simpson ihrer Gesellschafterin.

»Sie liegen dort hinter den Whiskykartons«, antwortete Kathy Porter.

»Ich verlange endlich eine Erklärung!« Higgins hatte es geschafft, sich wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Mylady hat den gestohlenen Sattelschlepper entdeckt und dazu noch zwei der mutmaßlichen Räuber festgenommen«, sagte Myladys Gesellschafterin freundlich.

»Das verstehe ich nicht.« Higgins schluckte.

»Natürlich nicht«, grollte Agatha Simpson. »Genauso habe ich Sie auch eingeschätzt.«

Kathy Porter war daran gelegen, daß die Dinge nicht auf die Spitze getrieben wurden. Sie berichtete kurz, was sich zugetragen hatte.

»Der Sattelschlepper stand in einer Steinbruchhöhle«, stellte Mr. Higgins kopfschüttelnd fest. »Wieso haben Sie ihn gefunden?«

»Weil ich schneller nach East Dereham kommen wollte, junger Mann«, schaltete die resolute Dame sich wieder ein. »Ich benutzte eine Abkürzung.«

»Aber weshalb ausgerechnet den Steinbruch?« Higgins schaltete innerlich auf Mißtrauen um.

»Weil wir uns etwas verfahren haben«, erklärte Kathy Porter und lächelte.

»Verfahren, meine Liebe?« Lady Simpson war mit dieser Feststellung nicht einverstanden. »Davon kann doch überhaupt keine Rede sein. Setzen Sie gefälligst keine Gerüchte in die Welt, Kindchen! Natürlich war das mein Jagdinstinkt. Aber so etwas werden Sie nie verstehen, Mister Higgins! Wollen Sie die beiden Subjekte nicht endlich festnehmen?«

Einige Männer des Chiefconstable stiegen auf die Ladefläche und holten die jungen Männer heraus, die von Kathy Porter sach- und fachgerecht verschnürt worden waren. Sie machten einen leicht angeschlagenen Eindruck. Die wilde Fahrt des Sattelschleppers war ihnen nicht gut bekommen.

»Haben Sie wenigstens die beiden kleinen Lieferwagen gestellt?« wollte Agatha Simpson inzwischen von Higgins wissen. »Ich kann ja schließlich nicht alles allein machen, oder?«

»Sie ... sie werden verfolgt, Mylady. Das heißt, sie sind inzwischen auch gestellt worden.«

»Auch die Insassen, junger Mann?«

»Lei... leider nein«, gab Higgins unsicher zurück.

»Sie bekleckern sich nicht gerade mit Ruhm, Mister Higgins«, grollte die Detektivin. »Muß ich Ihnen diesen Fall denn auf einem silbernen Tablett servieren? Sie machen sich diese Sache sehr einfach.«

Higgins senkte den Blick.

Er wehrte sich innerlich dagegen, doch er schaffte es nicht. Unter den Augen der Lady fühlte er sich wie ein kleines Kind, das gescholten wird.

*

Butler Parker genierte sich ein wenig.

Er war wieder zu sich gekommen und schalt sich einen ausgemachten Narren. Er hatte sich übertölpeln lassen, und das ärgerte ihn gründlich. Im Moment war er an Händen und Füßen gefesselt und befand sich in der hinteren Kabine des Hausbootes.

Das Wasserfahrzeug bewegte sich, doch wohin die Reise ging, konnte Parker nicht feststellen. Die Vorhänge vor den Kabinenfenstern waren zugezogen worden.

Es hatte also doch nicht ausgereicht, die Treibinsel und die beiden Flöße zu zerstören. Der Gegenseite war es dennoch gelungen, das Hausboot aufzubringen. Nun hatte er, Josuah Parker, die Suppe auszulöffeln, die er sich da eingebrockt hatte. Parker war sich klar darüber, daß es sich keineswegs um eine wohlschmeckende Suppe handelte. Man hätte schließlich bereits versucht, ihn mittels einer Handgranate ins Jenseits zu befördern.

Als Parker sich gerade mit den Stricken befassen wollte, die seine Hand- und Fußgelenke stramm zusammenhielten, hörte er Schritte auf dem Niedergang. Wenig später öffnete sich die schmale Schiebetür, und ein Bekannter trat ein.

Es handelte sich um den angeblichen Privatdetektiv aus Leeds, Mr. John Bartlett. Der Mann grinste.

»So sieht man sich wieder«, sagte er und nickte.

»Sie sehen einen zerknirschten alten, müden und relativ verbrauchten Mann vor sich«, erwiderte Josuah Parker.

»Sie brauchen sich bald nicht mehr zu ärgern«, versprach der Mann, der sich John Bartlett nannte.

»Sie haben die feste Absicht, meine bescheidene Wenigkeit für immer mundtot zu machen, wie ich unterstellen darf?«

»Sie sagen es verdammt kompliziert, Parker, aber im Endeffekt stimmt das schon.«

»Sie fürchten um Ihre Geschäfte, Mister Bartlett?«

»Ein Schnüffler wie Sie, Mister Parker, sollte immer möglichst schnell von der Bildfläche verschwinden.«

»Sie versuchten es bereits mit einer Eierhandgranate.«

»Richtig«, bestätigte Bartlett. »Ich wußte doch gleich, daß Sie nicht als Urlauber hierher in die Broads gekommen sind.«

»Was aber durchaus den Tatsachen entspricht.«

»Mir können Sie nichts vormachen, Parker.« Bartlett lachte leise auf. »Diese angebliche Ferientour war doch nichts als Tarnung. Sie sind von Anfang an hinter uns hergewesen.«

»Sie befassen sich mit dem Raub und Diebstahl von Whiskytransportern, oder sollte ich mich irren?«

»Sie irren sich nicht, Parker, aber ich lasse mir meine Kreise nicht stören.«

»Dazu steht zuviel auf dem Spiel, nicht wahr?«

»Der Verdienst ist bestens.« Bartlett nickte bestätigend. »So billig wie jetzt kaufe ich nie wieder ein.«

»Darf ich mir erlauben, Sie als das Haupt der Bande zu bezeichnen, Mister Bartlett?«

»Sie dürfen, Parker, Sie dürfen!« Bartlett lächelte amüsiert.

»Das Trio Pete, Maud und Rob von der Ferienfarm gehört zu Ihrer Organisation?«

»Das wissen Sie doch längst, Parker.«

»Darf ich weiter davon ausgehen, daß Sie die Brieftaschen der Herren Pete und Rob sicherstellten?«

»Auch das, Parker. Ich gebe zu, Sie haben mir ein paar miese Stunden beschert. Ein Gegner wie Sie, Parker, löst immer Alarm aus.«

»Ich möchte Ihre Geduld nicht unnötig strapazieren«, schickte Josuah Parker voraus. »Arbeiten auch die sechs jungen Wassersportler für Sie?«

»Aber nein, Parker, wo denken Sie hin?« John Bartlett schüttelte den Kopf. »Das sind harmlose Burschen, die ich nur vor meinen Karren gespannt habe. Sie wollten Ihnen nur eine Abreibung verpassen.«

»Ich erkenne die Zusammenhänge nicht, Mister Bartlett.«

»Sie glauben wahrscheinlich immer noch, Sie hätten meine Freundin belästigt.«

»Die junge Dame im Bikini?«

»Richtig, Parker. Sie hat den Typen eine Schauergeschichte aufgetischt und Sie als alten Lüstling hingestellt. Wie diese Dummköpfe darauf hereingefallen sind, haben Sie ja erlebt.«

»Ich habe es mit ungewöhnlich geschickten Gegnern zu tun, Mister Bartlett.«

»Strengen Sie sich gar nicht erst an, Parker! Das ganze Herumgeschmeichele nutzt überhaupt nichts. Sie sind ’ne echte Gefahr für mich, also werde ich Sie abräumen müssen.«

»Welche Todesart haben Sie für meine bescheidene Wenigkeit vorgesehen?«

»Irgendwo im Flußlabyrinth wird sich schon was für Sie finden, Parker.«

»Mein geplanter Tod deutet daraufhin, daß Ihre bisherigen Geschäfte ausgezeichnet floriert haben müssen, Mister Bartlett.«

»Kann man wohl sagen, Parker.«

»Ich begreife letzte Details und Zusammenhänge.« Parker war an weiteren Informationen gelegen. »Sie haben die gestohlenen Lastzüge in die Nähe der Broads gebracht, um die Whiskyladungen dann auf Ferienbooten wegzuschaffen, nicht wahr?«

»Okay«, bestätigte John Bartlett und lächelte überlegen. »Ihnen gegenüber brauche ich daraus ja kein Geheimnis zu machen. Sie werden doch nichts mehr ausplaudern.«

»Haben die Transportgesellschaften denn auf die bisher erfolgten Lastwagenentführungen nicht reagiert?« wunderte sich Parker jetzt betont und absichtlich.

»Natürlich haben sie, Parker. Sie benutzen dauernd neue Routen, aber ich weiß eben, welche! Da genau liegt der Hase im Pfeffer.«

»Demnach haben Sie bereits mehrere Transporte abfangen können?«

»Schon sieben«, lautete die Antwort.

»Sie müssen meiner bescheidenen Ansicht nach so etwas wie ein Patentrezept für ein gewisses Problem gefunden haben, Mister Bartlett. Dafür schon jetzt und im vorhinein meine ehrliche Anerkennung.«

»Welches Problem meinen Sie?« John Bartlett war für Schmeicheleien doch empfänglich. Er sah den Butler neugierig an.

»Nun, Mister Bartlett, wo bleiben die Lastwagen? In der bewußten Nacht, als die Dogge auf meine bescheidene Wenigkeit gehetzt wurde, wurde ja wohl ein Lastwagen ausgeladen. Wo, so frage ich mich fast verzweifelt, wo blieb er?«

»Das können Sie sich also nicht vorstellen, wie?«

»Sie sehen mich ratlos, Mister Bartlett.«

»Dann bleiben Sie’s!« Bartlett lachte leise. »Sie haben etwa noch eine halbe Stunde, um über diese Frage nachzudenken. Vielleicht schaffen Sie’s bis dahin.«

Nachdem Bartlett gegangen war, dachte Parker allerdings nicht im Traum daran, sich mit diesem Problem zu befassen. Er hatte ganz andere Sorgen.

*

Agatha Simpson genoß den Flug.

Sie saß neben dem Piloten des Hubschraubers und ließ die freundliche Landschaft auf sich wirken. Sie hatte darauf bestanden, daß Mr. Higgins sie und Kathy Porter zurück zum Rover brachte. Der Chiefconstable war darauf nur zu gern eingegangen. Er wollte die eigenwillige Frau so schnell wie möglich wieder loswerden. Sie war ihm unheimlich und hatte sein bis dahin festes Weltbild gehörig ins Wanken gebracht.

Hinter dem Piloten und Lady Simpson saßen Kathy Porter und Mr. Higgins. Kathy Porter dachte über die Dinge nach, die der Chiefconstable ihnen noch vor dem Abflug mitgeteilt hatte.

Die beiden Gangster aus dem Steinbruch waren identifiziert worden. Dank ihrer Fingerabdrücke war das eine Sache von knapp einer Stunde gewesen. Sie gehörten einer Bande an, die in London unter dem Namen »Die Ratten« tätig gewesen waren.

Sie waren seinerzeit aus der Untersuchungshaft ausgebrochen und untergetaucht. Ihren Chef hatte man nie fassen können, ja, selbst sein Name war unbekannt. Die »Ratten« hatten sich vor anderthalb Jahren auf groß angelegte Diebstähle spezialisiert und Kaufhauslager und Magazine leergeräumt. Kathy Porter konnte sich gut vorstellen, wie glücklich und zufrieden der Chiefconstable jetzt war. Zwei dieser »Ratten« waren ihm von Agatha Simpson freundlichst überreicht worden.

Daß es neben dem Chef dieser Organisation noch weitere »Ratten« geben mußte, war Higgins klar. Er durfte jetzt aber hoffen, diese Gangster zur Strecke zu bringen, die auf den Raub von Whisky umgestiegen waren.

Die Fahrer der beiden Lieferwagen hatte man nicht mehr erwischen können. Sie waren wie vom Erdboden verschwunden und hatten die Kastenlieferwagen auf der Straße zurückgelassen. Leider besagten die Wagenkennzeichen überhaupt nichts. Sie waren gestohlen und gefälscht und stammten aus Leeds.

»Ich habe doch noch einen Wunsch bei Ihnen gut, nicht wahr?« Lady Simpson wandte sich zu Higgins um, der aus seinen Gedanken hochschreckte wie Kathy Porter. Er nickte automatisch und ahnte sicher nicht, was da auf ihn zukam.

Kathy Porter hingegen hegte Schlimmstes. Sie schluckte bereits im vorhinein vor Aufregung und ahnte, was kommen würde.

»Und Sie halten Ihr Wort, Mister Higgins?« wollte Agatha Simpson wissen.

»Natürlich, Mylady«, erwiderte der Chiefconstable leichtsinnig. Er war der älteren Dame ehrlich dankbar. Sie hatte ihm endlich einen ersten, durchschlagenden Erfolg gegen die Lastwagenräuber beschert.

»Ich würde gern mal den Hubschrauber fliegen«, sagte die Lady, die Katze aus dem Sack lassend.

»Du lieber Himmel«, murmelte Kathy Porter bestürzt und schaute nach unten. Ihrer Schätzung nach schwebten sie etwa dreihundert Meter hoch durch die Luft.

»Mylady, ich fürchte, ein Hubschrauber ist kein Auto«, antwortete Higgins inzwischen. Er dachte an die artistischen Fahrkünste der Detektivin und spürte, wie sein Blutdruck rapide anstieg.

»Papperlapapp, Mister Higgins«, entgegnete Lady Simpson. »Fragen Sie Miß Porter! Ich gelte als technisch begabt.«

»Mylady, man sollte vielleicht...« Weiter kam Kathy erst gar nicht. Agatha Simpson schickte einen grimmigen Blick auf die Reise. Dann lächelte sie aber auch schon wieder gewinnend und musterte Higgins.

»Ich habe mir alles genau angesehen«, sagte sie zu ihm. »Für mich ist das ein Kinderspiel!«

Da der Hubschrauber Doppelsteuerung hatte, entschloß Higgins sich leichtsinnigerweise zu einer großen Geste. Wie gesagt, die ältere Dame hatte ihn in seinen Ermittlungen ein wirklich gutes Stück vorangebracht.

Er beugte sich vor und sprach über die Bordsprechanlage mit dem Polizeipiloten. Der Mann grinste und war ahnungslos. Was sollte schon passieren? Er hatte nichts dagegen, daß die Dame sich freute. Er war einverstanden.

Lady Agatha Simpson rückte sich zurecht wie eine Glucke auf dem Nest. Dann langte sie herzhaft nach dem kompliziert aussehenden Steuerknüppel und betätigte sich als Hubschrauberpilotin. Sie war fest entschlossen, sämtliche Möglichkeiten dieser Luftkutsche auszutesten.

*

Anzustrengen brauchte Parker sich wirklich nicht.

Das Durchtrennen der hinderlichen Stricke an Hand- und Fußgelenken war nur eine Frage von knapp einer Minute. Ein Mann wie er verfügte selbstverständlich über die erforderlichen Hilfsmittel.

Parker hatte seine Beine angewinkelt und mit den Fingerspitzen den linken Schuhabsatz zur Seite gedreht. Dadurch war eine messerscharfe Stahlkante freigeworden, für die die Fesseln überhaupt kein Problem waren. Josuah Parker hatte sich diese Patentabsätze in seiner Bastelstube angefertigt. Im Hohlraum der beiden Schuhabsätze befanden sich noch weitere Utensilien, die er im Augenblick jedoch nicht brauchte.

Parker rieb sich die Handgelenke, brachte den drehbaren Absatz wieder in Ordnung und löste seine Fußfessel. Er stand auf und schob den Vorhang vor einem der Kabinenfenster zur Seite.

Er hatte richtig vermutet.

Das Hausboot befand sich bereits im Labyrinth des Flüßchens, genauer gesagt, in einem schmalen Seitenarm, dessen Ufer nicht zu erkennen waren. Hier breitete sich fast so etwas wie eine Schilfwildnis aus. Einen geeigneteren Platz für einen Mord konnte man sich kaum vorstellen. Wer hier ins Schilf gesteckt wurde, den würde man nur durch einen Zufall entdecken. John Bartlett schien darauf setzen zu wollen.

Die Schiebetür der Kabine war natürlich abgeschlossen worden. Bartlett mußte das automatisch getan haben. Mißtrauisch war er gewiß nicht gewesen, sonst hätte er nämlich Parkers Taschen geleert.

Josuah Parker holte seinen Schlüsselbund aus der Tasche und entschied sich für einen der vielen Spezialschlüssel. Es dauerte genau viereinhalb Sekunden, bis das einfache Schloß willig nachgab. Parker setzte sich die schwarze Melone auf, legte sich den Bambusgriff seines Universal-Regenschirms über den linken Unterarm und begab sich über den Niedergang nach oben.

Nein, sie hatten wirklich nicht mit ihm gerechnet.

Am Ruder des Hausbootes stand John Bartlett. Er rauchte eine Zigarette und hatte eine entspannte Haltung angenommen. Er unterhielt sieh mit der Bikinischönheit, die wahrscheinlich auf dem vorderen Kabinendach lag und sich sonnte. Von dorther kamen nämlich undeutliche Antworten.

»... erst mal ’ne kleine Pause einlegen, Joane«, sagte Bartlett gerade wie auf ein Stichwort. »Nach Parkers Verschwinden wird’s ’nen ziemlichen Wirbel geben.«

Die Antwort der Frau hörte Parker nicht. Er pirschte sich vorsichtig an Bartlett heran.

»Klar machen wir später weiter«, antwortete Bartlett gerade. »Bei dem Verbindungsmann in Edinburgh wär’s doch Wahnsinn, die Sache abzublasen.«

Parker hätte gern noch mehr über diesen Verbindungsmann gehört, doch er sah sich plötzlich der Bikinischönheit gegenüber, die keinen mehr trug. Sie lag tatsächlich auf dem vorderen Kabinendach und hatte sich aufgerichtet. Nackt, wie sie war, starrte sie den Butler entgeistert an und zeigte sich unfähig, einen Warnschrei auszustoßen.

John Bartlett merkte, daß hinter seinem Rücken etwas nicht stimmte. Er federte herum und reagierte wie ein Profi. Er sah Parker und hechtete sofort auf ihn.

Butler Parker wartete höflich, bis der Mann fast waagerecht in der Luft lag. Erst dann trat er zur Seite und ließ den Segelflieger passieren. Bartlett versuchte zwar im letzten Moment noch seinen Kurs zu korrigieren, doch das erwies sich als unmöglich. Ihm fehlten das Seiten- und Querruder. Er schoß also schnurgerade weiter und landete krachend vor dem Niedergang auf den Decksplanken.

Die nackte Schönheit hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung erholt. Sie verwandelte sich in eine wilde Raubkatze und attackierte den Butler, der sich ein wenig genierte. Gegen eine nackte Frau kämpfte er ja nicht alle Tage.

»Nicht doch, Madam«, sagte er höflich und piekte mit der Spitze seines Regenschirms gegen ihren flachen Leib. »Müssen Sie sich denn unbedingt echauffieren?«

Sie keuchte, wich zur Seite aus und griff erneut an. Es zeigte sich, daß sie etwas von Judo verstand. Sie wollte einen ihrer Griffe anwenden, aber da war der verflixte Regenschirm, der wie ein Degen wirkte und sie auf Distanz hielt.

»Sie benehmen sich meiner bescheidenen Ansicht nach undamenhaft«, fand Parker würdevoll. »Sehen Sie doch bitte ein, daß Sie dieses Spiel verloren haben.«

Sie dachte nicht im Traum daran.

Aus der wilden Raubkatze wurde eine wahre Furie. Sie schlug den Regenschirm zur Seite und unterlief ihn gleichzeitig. Sekundenbruchteile später war sie dicht vor Parker und wollte einen raffinierten Griff anbringen.

Josuah Parker hätte sie wirklich leicht außer Gefecht setzen können, doch es widerstrebte ihm, einer Frau weh zu tun. Er brachte es einfach nicht fertig, obwohl er es doch mit einem weiblichen Wesen zu tun hatte, das ihm eine Eierhandgranate hatte an den Kopf werfen wollen.

Parker kitzelte seine Gegnerin.

Er spannte seine Hände um ihre schmale Taille und fand auf Anhieb genau die Zonen, die bei ihr einen unwiderstehlichen Lachreiz auslösten. Die nackte Schönheit kicherte, wand sich, vergaß ihren Griff, lachte, schnaufte und wurde dann von einem Lachkrampf erfaßt. Sie ließ ihre Hände sinken, krümmte sich und war völlig wehrlos. Noch nie zuvor hatte Parker seinen Gegner derart leicht aus dem Konzept bringen können ...

Leider fiel in diesem Moment ein Schuß.

Die nackte Schöne schrie auf, faßte an ihre linke Schulter und taumelte zurück. Parker drehte sich um und entdeckte Bartlett, der inzwischen wieder zu sich gekommen war. Er hielt einen Revolver in der Hand und wollte seinen nächsten Schuß abfeuern und diesmal genauer treffen.

Parker duckte sich hinter der geschlossenen Reling des Ruderstandes ab und zuckte mit keiner Wimper, als das Geschoß dicht neben ihm einschlug und ein gezacktes Loch ins leichte Holz riß.

Er hörte das Stöhnen der getroffenen Frau und kürzte das Verfahren ab. Er griff nach einem seiner vielen Kugelschreiber und verdrehte die Hälften gegeneinander. Dann warf er das völlig normal aussehende Schreibgerät über die Reling nach unten.

Einen Augenblick später schoß eine dichte Nebelwolke hoch. Der Inhalt des Patentkugelschreibers hatte sich entzündet und für eine Reizwolke gesorgt.

Parker hörte das wilde, schier verzweifelte Husten von John Bartlett, der mitten in dieser Reizzone stand. Dann hörte er ein hartes Aufklatschen im Wasser und das Brechen von Schilfrohr.

John Bartlett war über Bord gesprungen und hatte die Flucht ergriffen!

*

Butler Parker hatte die junge Frau ärztlich versorgt und in eine der Kojen gelegt.

Die Verletzung an ihrer linken Schulter war ernst zu nehmen. Sie mußte so schnell wie möglich von einem Facharzt behandelt werden. Parker hatte sich nicht damit aufgehalten, nach John Bartlett zu suchen, was im Schilfwald ohnehin ein großes Risiko gewesen wäre. Er tuckerte mit seinem gemieteten Hausboot zurück zu dem kleinen Fluß, um dann auf dem schnellsten Weg nach Wroxham zu kommen. Von dieser Stadt aus konnte er einen Notarzt alarmieren.

Parker wurde abgelenkt.

Hinter einem Waldstück tauchte plötzlich ein riesiges Insekt auf. Es kam knapp über die Baumwipfel, schien sie fast zu berühren, legte sich dann in eine Art Steilkurve und zog fast senkrecht hoch gen Himmel.

Ein Hubschrauber!

Parker minderte unwillkürlich die Geschwindigkeit seines Hausbootes und schaute fasziniert zu. Der Pilot dieses Helikopters mußte ein wahrer Meisterflieger sein. Er schwenkte den Hubschrauber gekonnt durch die Luft und schien dabei eine Art Riesenwalzer tanzen zu wollen. Daraus wurde aber wenig später schon so etwas wie ein angedeuteter Rock ’n’ Roll, der dann in einen Charleston überging.

Der Pilot mußte nun seinerseits auf das Hausboot aufmerksam geworden sein.

Er stellte die Tanzbewegungen ein und näherte sich mit die Luft peitschenden Rotoren dem Flüßchen. Im ersten Moment dachte Josuah Parker an einen Tieffliegerangriff. An Bord des Helikopters konnten sich ja durchaus Freunde des geflüchteten John Bartlett befinden.

Parker machte sich bereit, notfalls schleunigst den Kopf einzuziehen.

Dann war der Hubschrauber auch schon heran.

Er berührte mit seinen Landekufen fast die Schilfspitzen und rasierte einige vorwitzige Stengel sogar gnadenlos ab. Dann tat das Luftfahrzeug einen wilden Satz zur Seite, drehte sich auf der Stelle und schien sich nicht entschließen zu können, welche Richtung es nehmen sollte.

Die peitschenden Rotoren wirbelten Wasserfahnen hoch, die vom Wind auf das Hausboot getrieben wurden. Der Hubschrauber nickte, als begrüße er das Hausboot, stellte sich fast auf den langen Gitterschwanz mit dem kreisenden Stabilisator und fegte davon.

Josuah Parker war ein wenig verwirrt. Er wußte nicht, was er von dieser Begegnung halten sollte. Sie war tatsächlich mehr als ungewöhnlich. Er gewann immer mehr den Eindruck, daß zwei sich feindlich gesonnene Piloten darum kämpften, wer den Helikopter nun eigentlich fliegen sollte.

Plötzlich war das schreckliche Ding schon wieder da. Jetzt mähte es wirklich radikal eine Schneise durch das Schilf und wollte ganz eindeutig auf dem Wasser aufsetzen. Parker wirbelte das Ruder herum und umschiffte in letzter Sekunde den Hubschrauber.

Dabei machte Josuah Parker eine Entdeckung, die ihm fast den Atem raubte, an die er einfach nicht glauben wollte. Wenn ihn nicht alles getäuscht hatte, so befand sich eine gewisse Lady Agatha Simpson an Bord des Helikopters. Er glaubte, seine Herrin deutlich erkannt zu haben.

Der Hubschrauber rasierte eine zweite Gasse durch das Schilf und entschwand dann Parkers Blicken. Der Butler redete sich ein, es könne sich nur um eine Halluzination gehandelt haben, schipperte aber unruhig weiter und... sah dann das Luftfahrzeug, das auf einer Landzunge niedergegangen war.

Parker sah angestrengt hinüber und holte tief Luft. Nein, es hatte sich keineswegs um eine Täuschung gehandelt. Aus der Plexiglaskanzel stieg eine stattlich aussehende Frau, deren Ähnlichkeit mit Lady Agatha unverkennbar war.

Parker gestattete sich in Anbetracht der Krisensituation einen leisen Stoßseufzer.

*

»Ich hoffe, Mister Parker, Sie freuen sich.« Agatha Simpson stand vor ihrem Butler und musterte ihn aufmerksam.

»Mylady sehen meine bescheidene Wenigkeit überrascht und irritiert.«

»Das möchte ich mir auch ausgebeten haben, Mister Parker. Sehen Sie doch mal nach dem Piloten! Diesem Anfänger scheint es schlecht geworden zu sein.«

»Gehe ich recht in der Annahme, Mylady, daß Mylady den Hubschrauber pilotierten?«

»Was dachten Sie denn, Mister Parker?« Lady Agatha nickte. »So etwas hat mich schon immer gereizt. Sie wissen doch, wie gut ich mit einem Sportflugzeug umgehen kann.«

An dieser Behauptung stimmte nur die Tatsache, daß die ehrgeizige Dame tatsächlich einen Pilotenschein für kleinere Sportmaschinen besaß. Gut beherrschte sie ein Flugzeug aber nicht. Parker hatte einige Male notgedrungen mit ihr fliegen müssen. Diese Ausflüge in die Luft waren für ihn zu einem unvergeßlichen Abenteuer geworden.

»Die beiden Herren dort scheinen ein wenig luftkrank geworden zu sein.« Parker deutete auf zwei Männer, die erschöpft und apathisch neben einer Landekufe des Hubschraubers saßen und auf den Boden stierten.

»Der Pilot und Mister Higgins«, erläuterte Lady Simpson. Der verächtliche Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Mister Higgins, Mylady?«

»Der Chiefconstable eines Einsatzkommandos, Mister Parker. Richtig, Sie wissen ja noch gar nicht, daß ich einen einmaligen Kriminalfall entdeckt und gelöst habe.«

Parker wurde erneut abgelenkt.

Kathy Porter stieg aus dem Hubschrauber. Sie war derart mitgenommen, daß sie Parker noch nicht mal zuwinken konnte. Sie erinnerte an eine müde Frau. Auch sie schien den Flug nicht besonders genossen zu haben. Sie taumelte und vermochte sich kaum auf den Beinen zu halten. Sie ließ sich neben dem Piloten und Mr. Higgins ins Gras gleiten.

»Hören Sie mir überhaupt zu, Mister Parker?« grollte die Detektivin.

»Mylady entdeckten und lösten einen einmaligen Kriminalfall, wenn ich recht verstanden habe.«

»Hören Sie genau zu, Mister Parker!« Lady Simpson holte tief Luft und berichtete dann von ihren Erlebnissen. Sie schmückte sie nach allen Regeln der Kunst aus und nahm sich Zeit.

Parker wurde es sehr schnell klar, daß er auf denselben Fall gestoßen war. Der Zufall hatte hier wieder mal kräftig zugelangt. Agatha Simpson und er hatten den Fall von zwei verschiedenen Seiten aus ohne jede Verabredung aufgerollt.

»Das kommt davon, wenn man Urlaub macht«, schloß die Lady triumphierend. »Sie haben sich, einen besonders interessanten Fall durch die Nase gehen lassen, Mister Parker.«

»Mylady werden möglicherweise anders urteilen, sobald ich von meinen bescheidenen Erlebnissen berichte.«

»Was wollen Sie schon groß erlebt haben!«

Josuah Parker genierte sich nicht länger und erzählte nun ebenfalls. Als er geendet hatte, sah seine Herrin ihn aus schmalen Augen an. Wahrscheinlich paßte es ihr gar nicht, daß sie diesen Fall wieder mal mit ihrem Butler teilen mußte.

»Nun ja, ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn«, sagte sie schließlich mißmutig. »Es ist aber wieder mal typisch für Sie! Den Hauptgangster lassen Sie einfach entwischen. Mir wäre das bestimmt nicht passiert.«

»Mit letzter Sicherheit nicht, Mylady«, gab Josuah Parker gemessen zurück. »Mir ist durchaus bewußt, daß ich mir Myladys Unmut zugezogen haben dürfte.«

»Man muß auch verzeihen können.« Die ältere Dame gab sich großmütig. »Dann werde ich eben den Rest des Falles übernehmen, Mister Parker. Diese Oberratte kann sich auf einiges gefaßt machen. Sie ahnt überhaupt nicht, was da noch auf sie zukommt.«

»Vielleicht gibt es im Moment andere Sorgen, Mylady«, sagte Josuah Parker und deutete auf einen schmalen Feldweg, der sich durch die weiten Wiesen schlängelte. Er meinte eine Gruppe von Motorradfahrern, die in voller Fahrt heranpreschten.

Parker ahnte, um welche Männer es sich da handelte. Es mußten jene Wassersportler sein, deren Behelfsflöße er zerschmettert hatte. Parker machte sich auf eine lebhafte Diskussion gefaßt.

*

Sie waren blitzschnell heran und stiegen von ihren schweren Maschinen. Sie trugen wieder ihre unheimlich aussehenden Jethelme und die Lederbekleidung. Sie formierten sich und marschierten dann schweigend auf den Butler zu.

Doch dann blieben sie jäh stehen und beratschlagten. Parker schaute zum Hubschrauber hinüber, auf dem das Reizwort »Polizei« stand.

Agatha Simpson benahm sich nach Parkers Meinung mehr als ungewöhnlich. Sie winkte den jungen Männern zu und stampfte ihnen dann entgegen. Parker, um die alte Dame besorgt, folgte ihr. Er hatte seinen »Universal-Regenschirm« entsichert, das heißt, er war bereit, aus ihm die gefürchteten »Giftpfeile« zu verschießen.

Der Schirmstock war nämlich nichts anderes als eine Art modernes Blasrohr. Mittels komprimierter Kohlensäure konnte er kleine, stricknadellange und bunt gefiederte Pfeile verschießen, deren Spitzen präpariert waren. Das »Pfeilgift« sorgte für einen kurzfristigen, aber tiefen Schlaf.

»Sie haben die Type leidet zu früh erwischt«, sagte der Wortführer der sechs jungen Männer. Er schob sein Visier hoch und sah Josuah Parker grimmig an.

»Von wem reden Sie eigentlich?« wollte Agatha Simpson wissen. Sie wandte sich halb zu Parker um.

»Von dem alten Knacker da«, lautete die Antwort. »Wissen Sie etwa nicht, daß er harmlosen Frauen nachstellt und sie vergewaltigen will?«

»Mister Parker, was höre ich da von Ihnen?« Lady Simpson schmunzelte.

»Die Herren dürften falsch informiert worden sein«, stellte der Butler richtig.

»Mann, tun Sie bloß nicht so!« Der Sprecher der Motorradfahrer wurde ärgerlich. »Haben Sie die junge Frau nicht an Bord gelockt? Wollten Sie sie nicht aufs Kreuz legen?«

»Von wem, wenn ich höflich fragen darf, stammen Ihre Informationen?« erkundigte sich Josuah Parker.

»Von wem wohl? Von der jungen Frau!«

»Sie liegt in der Kabine des Hausbootes da drüben. Und sie wurde von ihrem Komplizen angeschossen.«

»Ich glaube, ich muß Ihnen da eine Illusion nehmen«, sagte Lady Agatha. »Die hilflose, junge Frau, für die Sie sich einsetzten, ist eine durchtriebene Gangsterin, so reizvoll und unschuldig sie auch aussieht.«

»Und die Type da neben Ihnen?«

»Das ist mein Butler, Mister Josuah Parker.«

Die jungen Männer waren sehr enttäuscht, denn sie hatten sich auf eine abwechslungsreiche Prügelei gefreut.

»Sie könnten mir einen Gefallen tun«, ließ Lady Simpson sich vernehmen. »Haben Sie Lust, drei weitere Gangster einzufangen?«

Die sechs jungen Männer blühten förmlich auf. Der Tag schien für sie gerettet zu sein. Sie nickten wie gleichgeschaltet.

»Mein Butler wird Ihnen erklären, was zu tun ist«, redete Agatha Simpson weiter. »Worauf warten Sie noch, Mister Parker? Sie sehen doch, daß die jungen Männer endlich aktiv werden wollen.«

»Sehr wohl, Mylady.« Parker faßte sich erstaunlich kurz und beschrieb den Motorradfahrern die Farm, die von dem Trio Pete, Maud und Rob gemietet worden war.

»Ich möchte Sie aber eindringlich warnen«, schloß er. »Rechnen Sie mit Schußwaffen und Gegenwehr.«

Sie hörten gar nicht mehr hin. Sie saßen bereits auf ihren Feuerstühlen und fegten zurück über den schmalen Feldweg. Es dauerte nur knapp anderthalb Minuten, bis sie auf der Straße verschwunden waren.

»Ich habe einen entscheidenden Fehler gemacht«, sagte Lady Simpson. Sie hatte den jungen Männern nachgeschaut und drehte sich nun zu Parker um.

»Mylady sehen mich betroffen.«

»Ich hätte mitfahren sollen«, sagte die Detektivin nachdenklich. »Ein Motorrad von dieser Größe wollte ich schon immer mal fahren.«

*

»Dieser Higgins hat doch keine Manieren.« Agatha Simpson sah dem davonfliegenden Hubschrauber nach. »Er hätte sich wenigstens verabschieden können.«

»Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, Mylady, daß Mister Higgins förmlich geflohen ist«, konstatierte der Butler.

»Und ich weiß auch warum«, ließ Kathy Porter sich vernehmen.

»Nämlich, meine Liebe?« Agatha Simpson wollte es genau wissen.

»Er hat bestimmt Angst, Sie könnten noch mal fliegen wollen, Mylady.«

»Papperlapapp, Kindchen. Wollen Sie etwa abstreiten, ich wäre mit diesem Ding nicht fertig geworden?«

»Das schon, Mylady, aber Ihre Flugtechnik ist Mister Higgins und seinem Piloten nicht bekommen.«

»Nun ja, ich habe mich etwas mit dem Piloten gestritten«, bekannte die ältere Dame. »Aber ich war stärker. Er sah das schnell ein.«

»Nachdem Sie ihm Ihren Pompadour um die Ohren geschlagen haben, Mylady«, sagte Kathy Porter.

»Es gab Mißverständnisse an Bord des Helikopters?« erkundigte sich Josuah Parker.

»Es war eine Art Zweikampf«, gab die kriegerische Dame zu und nickte. »Er wollte mich daran hindern, den Hubschrauber zu fliegen. Das konnte ich nicht zulassen.«

Parker malte sich aus, was sich da in der Luft abgespielt hatte. Er war heilfroh, wieder an Bord des Hausbootes zu sein. Hier auf dem Wasser konnte kaum etwas passieren.

Er hatte wieder Kurs auf den kleinen Ort genommen, von wo aus die Flußfahrt begonnen hatte. Die Bikinischönheit befand sich im Hubschrauber und wurde von Higgins ins nächste Krankenhaus gebracht. Für den Butler war dieses Intermezzo eigentlich schon beendet. Was jetzt noch zu tun war, erledigte die Polizei. Auch die Festnahme dieses John Bartlett war nur noch eine Frage der Zeit.

Parker geriet keineswegs in Panik, als Agatha Simpson sich für den Ruderstand zu interessieren begann. Schnell war das Hausboot nicht. Die unternehmungslustige Dame konnte damit auf keinen Fall ein Rennen veranstalten.

»Mylady werden noch heute zurück nach London fahren?« fragte er jedoch sicherheitshalber. Er dachte an seinen Urlaub.

»Das steht noch nicht fest, Mister Parker«, erwiderte sie. »Da ist ja noch diese Oberratte Bartlett.«

»Die Polizei wird ihn sehr schnell finden.«

»Machen Sie sich doch nichts vor, Mister Parker. Der Mann wird untertauchen.«

»Aber keine Whiskytransporter mehr entführen und ausplündern.«

»Er wird versuchen, Sie umzubringen.«

»Mylady rechnen mit dem Rachedurst dieses Mannes?«

»Natürlich! Mich wird er ebenfalls umbringen wollen. Aber das nur am Rande gesagt.«

»Unter diesen Umständen werde ich mir erlauben, Mylady zurück nach London zu geleiten.«

»Unsinn, Mister Parker! Einen Dreck werden Sie tun!« Sie sah ihn empört und ein wenig gereizt an. »Eine ›Ratte‹ kann mich nicht in Panik versetzen. Wir werden uns diesem Subjekt sogar anbieten.«

»Das Hausboot ist recht klein, Mylady, wenn ich darauf respektvoll verweisen darf.«

»Ich brauche keinen Luxus oder Komfort, Mister Parker. Ich werde Ihre Koje nehmen.«

»Wie Mylady wünschen. Und wo wollen Mylady sich der Oberratte anbieten?«

»Das werde ich Ihnen schon rechtzeitig sagen. Und jetzt werde ich mal das Ruder in die Hand nehmen. Ich habe den Eindruck, daß Sie mit dem Boot überhaupt nicht zurechtkommen.«

Josuah Parker unterdrückte einen leichten Seufzer und räumte den Ruderstand. Lady Simpson rückte sich ihren südwesterähnlichen Hut zurecht und gab selbstverständlich sofort Vollgas. Sie schien sich auf einer Korvette zu befinden, die ein getauchtes U-Boot jagt. Grimmig und entschlossen wirkte sie. Sie war wieder mal in ihrem Element.

Die Lady schaffte es mit der linken Hand, einen Anglersteg, einen festgemachten Kahn und dann das Ufer zu rammen. Einmal in Aktion, war eine Agatha Simpson nicht mehr zu bremsen.

*

»Ich bringe gute Nachrichten«, schickte Mr. Higgins voraus und sah die Detektivin abschätzend an. »Der Fall ist erledigt und beendet, Mylady.«

»Was Sie nicht sagen, Mister Higgins. Sie haben diese Oberratte erwischt?«

»Das nun gerade nicht«, räumte der Chiefconstable ein. »Er befindet sich noch auf freiem Fuß, aber seine Festnahme ist nur eine Frage der Zeit.«

»Ein Begriff, den man wie Gummi dehnen kann.« Sie sah ihn verächtlich an.

»Konnte das Trio festgenommen werden?« Parker sorgte für Ablenkung.

»Pete und Maud Robson und auch Rob Dayrins«, bestätigte Mr. Higgins. »Die jungen Motorradfahrer erwischten sie auf der Landstraße in Richtung Norwich.«

»Gab es Komplikationen, Sir?«

»Keine. Bevor sie überhaupt begriffen, was los war, wurden sie bereits entwaffnet. Ein paar Minuten später waren dann auch noch zwei Streifenwagen meines Einsatzkommandos zur Stelle.«

»Das Trio gehört also auch zu jener Organisation, die sich die ›Ratten‹ nennt?«

»Richtig, Mister Parker. Sie sorgten für das Umladen des Whiskys in der Scheune.«

»Und wo blieben die gestohlenen Sattelschlepper und Lastwagen?« wollte Lady Simpson wissen. Sie wies gnädig auf eine Sitzbank in der Kabine des festgemachten Hausbootes.

»Sie wurden zerschnitten«, erklärte Higgins. »Und zwar in genau dem Steinbruch, in den Sie sich verfahren, äh, den Sie aufgespürt haben, Mylady.«

»Zerschnitten, Sir?« Parker fragte schnell, damit seine Herrin nicht ungnädig werden konnte. Sie hätte niemals zugegeben, sich verfahren zu haben.

»Mit Schneidbrennern«, erklärte der Chiefconstable. »Die gestohlenen Sattelschlepper wurden in handlichen Schrott zerschnitten und dann nach Norwich geschafft. Richtig, Sie wissen ja nicht, daß der Name Bartlett echt und richtig ist. John Bartlett betreibt in Norwich eine Schrottgroßhandlung. Unauffälliger und sicherer konnten die Wagen nicht verschwinden.«

»Da hat er sich wirklich was einfallen lassen«, gab die ältere Dame zu. »Aber so etwas hatte ich mir schon gedacht.«

»Natürlich, Mylady«, meinte Higgins geschmeidig. »Seine Begleiterin, Joane Lorndale, führte uns auf eine weitere Spur.«

»Ich weiß schon, was jetzt kommt«, behauptete die Detektivin.

»Ja, bitte«, fragte Higgins listig.

»Ich stehle grundsätzlich keine Pointen«, raunzte Lady Agatha. »Reden Sie schon weiter, ich will Ihnen nicht den Spaß nehmen.«

»Miß Joane Lorndale ist mit einem Mann liiert, der in Edinburgh Disponent ist.«

»Wie ich’s mir gedacht habe«, fiel Agatha Simpson ihm ins Wort.

»Dieser Mann heißt Walt Matters«, berichtete Higgins weiter. »Matters arbeitet in einer privaten Vermittlungszentrale für Fernfahrer. Er wußte also aus erster Hand, wann welcher Wagen was wohin brachte.«

»Hat Ihnen das diese Joane Lorndale verraten?« Parker sah den Chiefconstable fragend an.

»Sie legte ein umfassendes Geständnis ab, Mister Parker. Die Schulterverletzung muß sie zur Vernunft gebracht haben. Es geht ihr übrigens schon wieder halbwegs gut.«

»Keine Nebensächlichkeiten, Mister Higgins«, schaltete die Lady sich barsch ein. »Haben Sie diesen Matters festnehmen können?«

»Leider nicht, Mylady. Ich nehme an, daß Bartlett ihn telefonisch gewarnt hat. Kurz vor dem Eintreffen meiner Kollegen in Edinburgh, ich meine, bevor sie ihn festnehmen konnten, hatte er seinen Arbeitsplatz verlassen.«

»Typisch.« Lady Agatha schüttelte den Kopf. »Mir wäre das nicht passiert.«

»Damit wären Bartlett und Matters noch frei«, faßte Parker zusammen.

»Und sie sind äußerst gefährlich«, warnte Higgins.

»Das hört sich gut an«, fand Lady Simpson. »Sie wissen mehr über diese beiden Subjekte?«

»Inzwischen schon, nämlich durch die diversen Geständnisse. Bartlett soll ein Gangster sein, der sofort schießt. Nun, Sie brauchen sich hier draußen ja nicht zu fürchten, denke ich. Bartlett wird sich hüten, hier noch mal aufzutauchen.«

*

Sie war schon eine bemerkenswerte Frau.

Agatha Simpson wollte sich unbedingt noch vor Einbruch der Dunkelheit den Campingplatz jenseits der Flußschleife aus nächster Nähe ansehen. Sie wurde von Kathy Porter begleitet, die die ältere Dame nicht aus den Augen ließ. Josuah Parker hatte sehr darum gebeten. Er fürchtete nämlich, daß Mylady wieder mal versuchen würde, aktiv zu werden.

Parker war an Bord des Hausbootes geblieben, um es für eventuelle nächtliche Besuche zu präparieren. Auch er rechnete mit dem Wiederauftauchen von John Bartlett. Der Mann war zu einem gehetzten Wild geworden, nach dem intensiv gefahndet wurde. Bartlett befand sich seiner Schätzung nach noch in dieser Region. Er würde versuchen, den Sperrkreis der Polizei zu durchbrechen und brauchte dazu ein sicheres Transportmittel.

Der Butler hatte sich in die Situation des Gangsters versetzt. Bartlett brauchte nur das Hausboot zu kapern, und schon war er in Sicherheit. Dazu gehörte allerdings, daß er die Mieter dieses Bootes in seine Gewalt brachte und sie als eine Art Geisel benutzte.

Ähnlich dachte auch Lady Agatha Simpson.

Ihrer Ansicht nach gab es für einen gesuchten Gangster kein besseres Versteck als einen Campingplatz. Hier konnte er sich ungeniert und frei bewegen. Die Detektivin hoffte sehnlichst, von Bartlett gestellt zu werden. Ließ ein Mann wie er sich solch eine einmalige Gelegenheit entgehen?

»Besorgen Sie mir ein Vanilleeis, meine Liebe«, bat Lady Agatha ihre Gesellschafterin. »Ich werde hier auf Sie warten.«

»Vanilleeis, Mylady?«

»Nun gehen Sie schon, Kindchen. Ich werde mich nicht von der Stelle rühren, wenn Sie das meinen.«

Kathy Porter mußte notgedrungen gehen. Doch sie wandte sich immer wieder nach Lady Agatha um, die auf einer Bank Platz genommen hatte. Dann versperrten einige Steilwandzelte Kathys Sicht. Sie lief los, um das Vanilleeis so schnell wie möglich zu bekommen.

Lady Simpson stand bereits wieder auf ihren Beinen und marschierte zum Restaurant des Campingplatzes. Sie wußte natürlich nicht, wie Bartlett aussah, doch das erhöhte ihrer Ansicht nach nur den Reiz dieser Sache.

Sie hatte das flachgedeckte Restaurant – es handelte sich um einen schmucklosen Holzbau – noch nicht ganz erreicht, als ein recht provinziell aussehender, hagerer Mann auf sie zukam, der eine altmodische Brille trug.

Sie wußte sofort, daß sie Bartlett vor sich hatte.

Der Anzug sah zerknittert aus, mußte klatschnaß gewesen sein und war am Leib des Mannes getrocknet. Wie ein Gangster sah dieser Mann ganz gewiß nicht aus.

»Lady Simpson, nicht wahr?« fragte der Zerknitterte höflich.

»Mister John Bartlett, oder?« fragte die Detektivin zurück.

»Richtig«, bestätigte Bartlett. »In meiner Hosentasche steckt ein durchgeladener und entsicherter Revolver. Das nur am Rande.«

»Was wollen Sie von mir, Bartlett?« Sie sah ihn neugierig an. »Ihre Tarnung ist perfekt.«

»Sie werden mit mir rüber zum Hausboot gehen, ist das klar?«

»Und falls nicht?«

»Werde ich schießen!«

»Und die Campingleute werden über Sie herfallen!«

»Aber niemals.« Bartlett lächelte spöttisch. »Sie sagten doch gerade, daß meine Tarnung perfekt sei.«

»Wie haben Sie mich erkannt? Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Freunde in London haben mich da aufgeklärt. Wo ein Parker ist, ist auch eine Lady Simpson. Und umgekehrt. Ich weiß Bescheid.«

»Wir sollen Sie also durch den Sperrkreis der Polizei schleusen?«

»Sollen? – Werden!«

»Sie rechnen sich auch weiterhin Chancen aus, Bartlett?«

»Klar doch. Ich habe mein Geld im Ausland. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen.«

»Und was ist mit Matters? Treibt der sich auch hier in der Gegend herum?«

»Worauf Sie sich verlassen können. Den nehmen wir unterwegs auf.«

»Das nehme ich Ihnen nicht ab, Sie Lümmel. Sie werden ihn hängenlassen, wie ich Sie einschätze.«

»Sie sind ’n guter Menschenkenner, Mylady. Matters soll sehen, wo er bleibt. Soll er sich in Dereham die Füße in den Bauch stehen. Aber Schluß jetzt mit der Rederei! Marschieren Sie los! Rüber zum Hausboot! Und denken Sie daran, daß ich gnadenlos schießen werde. Das ist keine leere Drohung.«

»Ja, was ist denn das?«

Entrüstung und Empörung lagen in der Stimme der Lady. Sie deutete auf die Zelte, zwischen denen eine »Blitzerin« erschien. Die junge Frau sah ausgesprochen attraktiv aus, was man ohne jede Behinderung feststellen konnte.

Sie trug nur einen Slip, sonst nichts. Sie rannte an den Zelten vorüber und hielt genau auf Bartlett und Agatha Simpson zu. Hinter ihr rotteten sich Menschenmassen zusammen, die diesen Lauf kommentierten und auch sichtlich genossen.

Bartlett wäre kein Mann gewesen, wenn er nicht einen Blick riskiert hätte. Er ließ sich prompt für einen Moment ablenken. Und als ihm aufging, daß man ihn hereingelegt hatte, war es bereits zu spät.

Agatha Simpson machte kurzen Prozeß mit ihm.

Sie donnerte ihm ihren Pompadour gegen die Schläfe und trat ihm mit ihrem derben Schuh gegen die Kniescheibe. Daraufhin verlor Bartlett nicht nur jede Orientierung, sondern auch das Gleichgewicht. Er wollte noch blitzschnell nach seiner Schußwaffe greifen, doch das gestattete die resolute Dame ihm nicht. Sie drückte ihm den »Glücksbringer« im Pompadour noch mal nachdrücklich auf die Stirn. Das Hufeisen im Handbeutel erwischte den Nasenrücken und ließ ihn hörbar knirschen.

John Bartlett kniete nieder, verbeugte sich vor der älteren Dame in einer Geste der Unterwerfung und Demut, schnaufte und verlor dann sein Bewußtsein.

»Ziehen Sie sich was über, Kindchen«, rief Lady Simpson dann ihrer Gesellschafterin Kathy Porter zu. »Die Männer bekommen Stielaugen, die Frauen Zustände. Von den lieben Kleinen mal ganz zu schweigen.«

Agatha Simpson behandelte Bartlett recht roh.

Sie zerrte ihm das Jackett von den Schultern und warf es Kathy Porter zu, die sich das Kleidungsstück um ihre nackten Schultern legte.

»Jetzt erst ist der Fall beendet«, stellte die Detektivin dann zufrieden fest. »Matters ist kein Problem mehr, den kann die Polizei abholen, Verständigen Sie Mister Parker, meine Liebe! Er wird sich hoffentlich schwarz ärgern, daß er diesen Schlußakt nicht mitbekommen hat.«

»Darf ich mir die Kühnheit nehmen, Mylady zu widersprechen?« war Parkers Stimme in diesem Moment zu vernehmen. Agatha Simpson wandte sich um und sah Parker vor sich. Er lüftete gerade seine schwarze Melone.

»Sie?« fragte die Lady überflüssigerweise.

»In der Tat, Mylady«, gab der Butler würdevoll zurück. »Ich war so frei, den Damen zu folgen, zumal ich Komplikationen erwartete.«

»Aber Bartlett ist von mir erwischt worden. Das wollen wir doch mal klarstellen.«

»Gewiß, Mylady. Wenn es erlaubt ist, werde ich den Herrn jetzt in Gewahrsam bringen.«

»Schaffen Sie ihn mir aus den Augen, Mister Parker!« Lady Agatha übersah souverän die ständig sich vermehrende Gruppe der neugierigen Zuschauer, die noch immer daran herumrätselten, was hier wohl passiert sein mochte. »Übrigens, ich habe mir die Sache überlegt. Ich werde auch ein paar Tage Ferien machen.«

»Ein guter Gedanke, wenn ich es so ausdrücken darf.«

»Auf dem Hausboot«, fügte die ältere Dame hinzu.

»Es steht zu Myladys Verfügung«, meinte Parker. Er kümmerte sich nicht weiter um den ohnmächtigen Bartlett. Er hatte zwei uniformierte Polizisten gesehen, die sich im Eilschritt näherten.

»Ich werde vielleicht sogar kochen«, verhieß die Lady.

»Miß Porter wird sich gewiß freuen, Mylady.«

»Sie etwa nicht?« Die Stimme grollte schon wieder.

»Meine bescheidene Wenigkeit wird sich an den Kochkünsten kaum delektieren können«, sagte Josuah Parker gemessen. »Nach meinem Ferienplan reise ich bereits morgen weiter nach Schottland.«

»Sie ... fahren nach Schottland, Mister Parker?«

»Es soll dort einsame, stille und fischreiche Seen geben, Mylady. Ohne Mylady vorgreifen zu wollen, möchte ich doch annehmen und fast unterstellen, daß Mylady solch eine Einsamkeit strikt ablehnen wird.«

»Aber wo denken Sie hin, Mister Parker!« Agatha Simpson war völlig anderer Meinung. »Ich liebe die Einsamkeit. Kathy und ich werden selbstverständlich mitkommen. Zudem kann man einen Mann wie Sie doch nicht allein lassen!«

»Wie Mylady meinen.« Parker verschluckte einen tiefen Seufzer und deutete eine Verbeugung an. Seine Selbstbeherrschung war grenzenlos.

*

Parker befand sich auf dem Heck seines Hausbootes und holte die Angel ein.

Sein Traum von Urlaub und Einsamkeit war ausgeträumt. Er ahnte, was ihn erwartete. Eine Lady Simpson ließ sich nicht abschütteln. Und mit Sicherheit schaffte sie es auch, droben in Schottland einen neuen Kriminalfall zu finden. Wo sie auftauchte, gab es stets Komplikationen, Wirbel und Aktivität.

Sie war zur Zeit unterwegs, um, wie sie sich ausgedrückt hatte, ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. Parker genoß die ruhigen Viertelstunden und überlegte krampfhaft, ob es für ihn nicht doch noch einen Ausweg aus diesem Dilemma gab.

Er zuckte mit keiner Wimper, als er schräg hinter sich eine Bewegung verspürte, dann ein leises, scharrendes Geräusch. Er wandte sich um und ... sah sich einem Froschmann gegenüber, der eine Preßluftharpune auf ihn richtete.

Diese Situation war eindeutig und bedrohlich. Die Auseinandersetzung mit den »Ratten« schien also doch noch nicht überstanden zu sein. Parker ließ sich aber nichts anmerken.

Er lüftete höflich seine schwarze Melone.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?« erkundigte er sich.

Der Froschmann streifte sich die Gesichtsmaske hoch und schaute sich nach allen Seiten um.

»Ich muß mich verschwommen haben«, sagte er irritiert. »Oder geht’s hier nach Yarmouth?«

»Hinter der nächsten Flußbiegung sollten Sie nach links abschwimmen«, erwiderte Josuah Parker gemessen.

»Vielen Dank«, meinte der Froschmann und wollte sich wieder zurück ins Wasser gleiten lassen.

»Einen Moment noch«, rief Parker, dem blitzschnell eine Idee gekommen war.

»Ja, was ist?« Der Froschmann zog sich noch mal an der Bordwand hoch.

»Könnten Sie mir Ihre Ausrüstung verkaufen?« erkundigte sich Parker. »Dafür überlasse ich Ihnen das Hausboot. Es ist für drei Wochen gebucht und kostet Sie keinen Cent.«

»Tut mir leid«, sagte der Froschmann. »Ich bin verabredet.«

Er nickte Parker noch mal zu und verschwand dann fast geräuschlos unter Wasser. Parker starrte auf die Strudel und wußte, daß ihm damit die letzte Absetzmöglichkeit genommen war.

Auf dem Bootssteg erschienen nämlich Kathy Porter und Lady Agatha Simpson. Josuah Parker machte sich auf sein nächstes Abenteuer gefaßt! Ob die Ferien mit den »Ratten« noch übertroffen wurden?

Butler Parker Staffel 13 – Kriminalroman

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