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ОглавлениеChristoph Jamme
Vorwort
Die Philosophin Anna Blume, an die der vorliegende Band erinnern will, hat sich Zeit ihres (leider viel zu kurzen) Lebens mit einer Frage beschäftigt, die auch heute noch sowohl in der phänomenologischen Philosophie als auch in der Ästhetik von größter Relevanz ist: Es geht um »leib-relevante« Aspekte von Raum und Zeit in der zeitgenössischen Kunst. Drei Aspekte dieses Themas waren ihr hier wichtig. Einmal geht es um die phänomenologischen Ansätze der Bestimmung der Leiblichkeit – von Husserl über Merleau-Ponty bis hin zu Hermann Schmitz. Dann werden Raum und Zeit als wesentliche Konstituenten leibmenschlicher Orientierung diskutiert. Und schließlich sollte das in den ersten beiden Teilen theoretisch Erarbeitete an Interpretationen ausgewählter Werke der zeitgenössischen bildenden Kunst überprüft werden. Im Mittelpunkt stehen hier Franz Erhard Walther und Santiago Sierra. Diese drei Teile sollten das Kernstück ihrer geplanten Habilitationsschrift ausmachen, die dann aber leider unvollendet geblieben ist. Allerdings hat Anna Blume zu Lebzeiten noch einige Texte veröffentlichen können, die die Stoßrichtung ihrer geplanten Hauptarbeit zu verdeutlichen vermögen. Der vielleicht wichtigste Text ist ihr Aufsatz über das »Phänomen Cézanne«, der viele ihrer zentralen Themen bündelt und zugleich ein Teilabschnitt der geplanten Habilitationsschrift sein sollte (veröffentlicht wurde er 2008 in der Festschrift zum achtzigsten Geburtstag von Hermann Schmitz, wiederabgedruckt im vorliegenden Band). In diesem Aufsatz versucht sie – ausgehend von den Deutungen von Merleau-Ponty und Boehm sowie der Neuen Phänomenologie –, die Landschaftsbilder wie die berühmte Sainte-Victoire mit Hilfe phänomenologischer Begriffe wie »Primordialität« und »Situativität« in ihren Aspekten »Ganzheitlichkeit«, »Bedeutsamkeit« und »chaotische Mannigfaltigkeit« zu entschlüsseln. Es ist sehr innovativ, wie sie den Begriff der »Situation« von Schmitz her aufnimmt und für eine Interpretation der Bilder Cézannes fruchtbar zu machen sucht. Spannend war auch ihr Vortrag an der FH Detmold, wo es ihr darum ging, eine Theorie der Leib-Räumlichkeit zu entwickeln und für Architekturfragen fruchtbar zu machen. Auch hier zeigte sich wieder der Ursprung ihres Theorieansatzes, nämlich eine grundsätzlich »situativ« ansetzende Phänomenologie zu begründen. Wichtige Forschungsfragen berührt auch ihr gemeinsam mit Christoph Demmerling verfasster Beitrag »Gefühle als Atmosphären?«. Hier analysiert sie die gefühlstheoretischen Überlegungen der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz und arbeitet erneut die Prädimensionalität des leiblichen Raums heraus. Auch die religiöse Dimension war ihr nicht fremd. In dem Text »Was bleibt von Gott? Ein schwarzes Quadrat?« versucht Anna Blume am Bildbeispiel des »Schwarzen Quadrats« von Kasimir Malewitsch, unter Zuhilfenahme diesbezüglicher Einsichten von Noemi Smolik und Jeannot Simmen, Bazon Brocks generelle Diagnose einer immanenten Religiosität im Projekt der »frühen Moderne« zu verifizieren. Im Weiteren deutet sie das Synagogenprojekt des spanischen Künstlers Santiago Sierra von 2006 und das seit 2002 bekannt gemachte Projekt »Venice Tube« des deutschen Künstlers Gregor Schneider als aktuelle Versuche einer provokanten künstlerischen Grenzüberschreitung und Auseinandersetzung mit der Gefühlssphäre des Religiösen.
Immer wieder werden in den hier präsentierten Texten ihre drei philosophischen Eckpfeiler deutlich: Raum, Zeit und Subjektivität. Ihre primäre Frage zielte zunächst auf Leiblichkeit, also zum Beispiel auf die Frage, ob und wie spezifisch unanschauliche Verspürungen (vergl. insbesondere den Leibbegriff von Hermann Schmitz) überhaupt Bild werden können. Es ging ihr immer um die Frage, wie Künstler auf ihre Weise eben über die Herstellung von Bildern die Phänomenalität von »Selbst« und »Welt« artikulieren.
Ergänzt werden die philosophischen Texte von Aufsätzen (wie dem von H. Schmitz) sowie von Erinnerungen der Familie und des Freundeskreises.