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ОглавлениеAngela Lehnert
Trauerrede für Anna Blume
Köln, am 25. 6. 2008
Liebe Anna-Mutter, lieber Bernd, liebe Freunde,
wir nehmen heute Abschied von Anna Blume.
Von Anna als Tochter und Schwester, von Anna als Freundin und Geliebte, von Anna, dem besonderen, einzigartigen Wesen mit seinen so besonderen Wesensmerkmalen. Es ist ein schrecklicher Abschied für uns, die wir sie so über alles geliebt haben.
Ich möchte einen Blick werfen auf Annas Denken, das so viel ihres Fühlens enthält. Die großen Themen ihres philosophischen Denkens sind die Leiblichkeit, das Erkenntnisvermögen, der Tod. Die sogenannte »Neue Phänomenologie« des Philosophen Hermann Schmitz, der sich Anna mit ihrer Dissertation genähert hat, bietet ungewöhnliche und in unserer Zeit des Psychologismus unerwartete Antworten auf diese alten und ewig neuen philosophischen Fragen. Schmitz definiert den von ihm so genannten »Leib« als Gesamtheit aller spürbaren Phänomene – in Abgrenzung zu unserem Begriff des Körpers oder auch der Psyche. Der Leib ist die Summe unseres leiblichen und seelischen Fühlens. Nach Schmitz folgt dieser Leib zwei Grundtendenzen: der »Engung« und der »Weitung«.
Engung und Weitung – diese beiden Grundtendenzen sind in vielerlei Hinsicht charakteristisch für Annas Fühlen und Denken. Engung – wie oft hat sie sie erfahren in ihren zahlreichen ausgeprägten Ängsten – Existenzängsten zu ihrem eigenen Fortkommen, Ängsten vor dem Alleinsein und Verlassenwerden, Ängsten vor dem Tod. Wir alle, die mit ihr gelebt haben, wissen von zahlreichen Situationen, wo wir ihre Ängste lindern, trösten und philosophisch widerlegen mussten, um ihr Herz zu beruhigen. Doch auch Weitung, die einheitsauflösende, in die Weite und ins Chaos tendierende Grundbestrebung des leiblichen Fühlens, bildet eine Grundkoordinate in Annas Leben und Fühlen. Sie ging auf in dem was sie tat, und sie liebte alles, was den Blick weitet. Sie liebte den Wind auf der Haut, sie liebte ihr schnelles Fahrrad, und sie liebte es, sich im Licht zu bewegen. Anna liebte auch von ganzem Herzen, und sie liebte oft so sehr, dass sie Gefahr lief, sich selbst zu verlieren. Bei Hermann Schmitz heißt es, die Einheit des Leibes sei für den Menschen nur zu erreichen durch eine »grausame« Unterdrückung der Tendenz zur Weitung. Diese Einheit zu erreichen, mit sich selbst eins und ruhig zu sein, das war eines der großen Themen von Anna. Betrachten wir etwa die von ihr so geliebte Musik von Johann Sebastian Bach, finden wir hier eine maximale Disziplin auseinanderstrebender und sich wiedervereinigender Stimmen, gebannt von der Hand des Kompositeurs, der die Stimmen zur Harmonie zu führen weiß. Dies hat Anna bewundert, weil sie es selbst suchte in ihrem Leben. Die sakrale Musik, auch die von Pergolesi, liebte sie freilich auch aufgrund des Trostversprechens, das diese enthält. Der spirituelle jenseitige Trost, den die christlichen Religionen versprechen, war Anna in dieser Musik zugänglich.
Betrachtet man Annas Leben, finden sich viele Motive, die mit ihren Denkinhalten korrespondieren. So war Anna Künstlerkind, aufgewachsen in einer umgebauten Fabrik in Köln-Ehrenfeld, die die Eltern als Atelier nutzen und in einer Nachbarschaft von Arbeiterkindern, gegen die sie sich schon früh behaupten musste. Sie lernte zeichnen und, wie sie es oft nannte, »sehen«. Andere, Nicht-Kunstbeeinflusste, könnten »nicht richtig gucken«, sagte sie oft. Anna konnte es und beeindruckte uns mit perfektem Retuschieren der elterlichen Fotos und mit akkuraten Zeichnungen auf kleinsten Papierfetzen. Anna, das Künstlerkind, hat sich im engen Austausch mit ihren kunstschaffenden Eltern und deren Kritikern auch der Kunstphilosophie zugewandt und unter anderem Kunststudenten in Hamburg die Philosophie näher gebracht. Dieser Brückenschlag war auch Rückbezug zu dem sie stark prägenden künstlerischen Elternhaus.
Des Weiteren: Anna war Zwillingskind. Sie lebte von ihrem ersten Lebensmoment an das »wir«. »Wir haben Geburtstag« pflegte sie am Morgen des 15. September zu sagen, nur eine von ihren vielen selbstverständlichen Arten, stets die Zweiheit als Einheit zu denken. Ihre Suche nach Einheit in allen Beziehungen ihres Lebens, und auch besonders ihren Liebesbeziehungen, spiegelt u. a. ihre frühe Erfahrung der Einheit mit ihrer Zwillingsschwester wider.
Und: Anna war unter Vermeidung geschlechtsspezifischer Erziehung aufgewachsen, sie war quasi »feministisch« erzogen, als Ergebnis des Bewusstseins ihrer vom Denken der 68er geprägten Eltern. Die Geschlechterrollen blieben so zwar immer ein Thema für sie, jedoch aus dem Blickwinkel derer, die über diese Fragen bereits hinaus sind. Die feministische Philosophie hinterließ demnach nur flüchtige Spuren in ihrem Denken, und ihr Leben war von einer selbstverständlichen Aneignung einer unabhängig von Geschlecht definierten Mensch-Auffassung. Es zog sie zu denen, die ihre Geschlechtsrolle authentisch und unverstellt zu leben wussten; an Frauen liebte sie besonders das echt Weibliche, Volle, Feminine; Männer respektierte sie als Gleichgesinnte. Und natürlich hatte sie immer größte Freude an Männersportarten wie Fußball oder an ein paar Kölsch.
Anna wählte Hamburg mit seinem maritimen Flair, der Elbe und dem Hafen als Wahlheimat. Hier hat sie gearbeitet, sehr viel und immerzu gearbeitet, sich mit unermüdlichem Fleiß ihren philosophischen Studien, ihrer Magisterarbeit, ihrer Dissertation und schließlich ihrer Habilitation sowie Buchprojekten und Vorträgen gewidmet. Lehraufträge an der Universität Lüneburg ermöglichten es ihr, die Neue Phänomenologie und andere philosophische Fragestellungen mit ihren Studenten zu teilen. Sie ruhte nie – immerzu waren Computer, Handy und die neuen Welten des Internet präsent, in denen sie sich vielgestaltig zu bewegen wusste.
In Hamburg ist Anna über die Jahre eine Wahlfamilie gewachsen – Menschen, mit denen sie ihre Ziele und Träume geteilt hat, mit denen sie studiert, gearbeitet, gewohnt hat. Ihre Wahlfamilie hat ihr in allen Schattierungen Liebe entgegengebracht und wurde von ihr selbst begeistert und hingebungsvoll geliebt. Familienwerte und Pflichten galten ihr ebenso wie in einer biologischen Familie. Anna hat immer alles, was sie hatte, geteilt. »Wir sind doch eine Familie«, sagte sie immer, wenn es Schwierigkeiten, Nöte oder Streit gab. Dass jede alles, was sie hatte, in die Familie einbrachte, ist ihr und damit auch uns immer selbstverständlich gewesen. Das galt natürlich und erst recht auch in den Zeiten ihrer Krankheit und des Sterbens, die uns alle, vor allem aber Birgit Bossert, Ewgenia Tsanana und Sabine Fuchs vor große Herausforderungen an seelische und körperliche Kräfte gestellt hat.
Ebenso liebte Anna aber ihre Heimat Köln und war ihrer Geburtsfamilie, die sie ihr ganzes Leben materiell und immateriell unterstützt hat, tief verbunden. Von hier bezog sie immer wieder geistige Impulse, Kritik, Diskussion, Unterstützung. Hierher zog sie sich zurück, wenn es ernstere Schwierigkeiten gab, hier traf sie ihre über alles geliebte »Omma«. Annas Familie, Anna und Bernd und ihre Schwester Hedwig, haben sie in den letzten Wochen ihres Lebens aufopfernd gepflegt und ihr Heimkommen in einer unvergleichlichen Art begleitet.
Annas letzter Wunsch ist es, dass ihre Wahlfamilie noch stärker als bisher mit ihrer Geburtsfamilie zusammenwächst. Dies zeigt uns wieder Annas immerwährendes Streben nach Einheit und Harmonie, das Streben nach Versöhnung ihrer Gegenwart mit ihrer Vergangenheit und ihres Lebensortes mit ihrem Abstammungsort.
»Reflexives Selbstwissen und Todeswissen sind eins, gewissermaßen gleichursprünglich«, schreibt Anna in ihrer Dissertation. So war ihr das eigene Ende immer Thema und zutiefst bewusst. Dennoch traf sie ihre schwere Krankheit und die Gewissheit des eigenen Todes mit voller Härte und nahm ihr zeitweilig alle Hoffnung. Sie wollte so viel, sie wollte leben. Ihr philosophisches Werk will fortgeführt werden, sie ist zur Professorin berufen worden. Sie hat in der Liebe endlich eine Heimat gefunden und will mit der neuen Liebe ab jetzt gemeinsam das Leben gestalten. Dass all dies nicht mehr möglich sein würde, war für Anna schlimmer als die Tatsache ihrer grausamen Schmerzen, die sie mit Pragmatismus und Disziplin ertragen hat.
Wie Anna ihr Schicksal angenommen hat, wie bodenständig und bis zum letzten Moment konstruktiv sie ihre, wie sie wusste, tödliche Krankheit betrachtet hat, hat uns erneut gezeigt, von welch geistiger Kraft und Disziplin sie war. Hier stehen wir vor der Größe ihres Geistes und der Stärke ihres Willens, die ihr bis zum Schluss eigen war. Wenn es so ist, dass jeder Mensch nicht nur ein ihm eigenes typisches Geborenwerden und Leben, sondern auch einen eigenen spezifischen Tod hat, so haben wir aus Annas Tod gelernt, was wir schon wussten, dass sie ein bewunderungswürdiger Mensch von großen Gaben war.
Lassen wir zum Schluss sie selbst sprechen. Mit Schmitz argumentiert sie, dass wir leiblich immer schon über uns selbst hinausreichen, was die Tatsache relativiert, dass der Körper sterblich ist. »Der Leib bildet die unhintergehbare Perspektive meiner selbst im Ganzen und in all seinen Teilen, jetzt und möglicherweise immerdar, über den körperlichen Tod und das Ende der Zeitlichkeit hinaus«, schreibt sie. So lebt ihr Fühlen und Denken in uns allen weiter, wird uns immerdar begleiten, aufwühlen und trösten. Wir werden nie ohne Anna sein.
Anna sei damit auch recht gegeben, wenn sie bemerkt: »Nur für die anderen ist das Faktum meines Todes erfahrbar. Mich selbst geht es nichts an.«