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ОглавлениеSTEFANA SABIN UND HELMUT ORTNER
Kirche, Staat und die Privatsphäre
Eine Vorrede
Demokratien sehen die Trennung von Staat und Kirche vor und garantieren zugleich die Freiheit der Religionsausübung; sie erkennen die religiöse Vielfalt an und bemühen sich – nicht zuletzt durch staatliche Maßnahmen – den gesellschaftlichen Zusammenhalt über religiöse Grenzen hinweg zu erhalten und zu schützen.
Hierzulande darf niemand wegen seines Glaubens diskriminiert werden. Deutschland versteht sich als eine pluralistische, also multiethnische und multireligiöse Gesellschaft. Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige müssen miteinander auskommen. Alle dürfen glauben, niemand muss. Religionsfreiheit bedeutet Glaubensfreiheit ebenso wie die Freiheit, nicht zu glauben. Auch deshalb ist der Glaube – welcher auch immer! – keine öffentliche Angelegenheit, sondern gehört zur Privatsphäre, die ihrerseits geschützt ist. Schon Jesus hatte die Privatheit gepredigt: »Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu.« (Matthäus 6 : 5 – 6. Einheitsübersetzung)
Die aufklärerische Säkularisierung hatte den Glauben zur Privatsache gemacht und die Kirche aus öffentlichen Angelegenheiten weitgehend hinausgedrängt. Aber die erst vor kurzem geführte Debatte um die Einbeziehung christlicher Werte in die Europäische Verfassung zeigt, wie gefährdet die säkulare Gesellschaft ist. Auch in demokratischen Ländern fordern Religionsgemeinschaften wieder mehr politischen und gesellschaftlichen Einfluss, zum Beispiel auf die Gesundheits-, Schul- und Medienpolitik, und Streit flackert auf, wenn es um das Tragen des traditionellen muslimischen Kopftuchs oder das Einhalten von religiösen Ritualen wie der Beschneidung geht. Solche Auseinandersetzungen zeigen immer wieder, wie instabil die säkulare Realität der Gesellschaft tatsächlich ist.
So schließen bundesdeutsche Politiker jeder Couleur ihren Amtseid regelmäßig mit der bewährten Formel »So wahr mir Gott helfe« ab. In den Niederungen des politischen Alltags mag eine Dosis göttlicher Eingebung mitunter durchaus hilfreich sein – nach der Verfassung wäre es genauso möglich, den Eid ohne religiöse Beteuerung zu leisten: »Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.« Punkt. Ohne »So wahr mir Gott helfe«.
Auch in deutschen Gerichtssälen wird viel geschworen unter Berufung auf Gott. Diese Beschwörungsformeln sind ein Hinweis auf die Stabilität alltäglicher Verhaltensmuster, zu denen der Gottesbezug wie selbstverständlich dazugehört – und das obwohl die Kirchen leer bleiben!
Während kirchlich gebundene und organisierte Religiosität ihre Bedeutung als gesellschaftliche Bindekraft verloren hat, ist das Sinnstiftungsangebot im postmodernen Supermarkt der Religionen gut sortiert. Und dieser Supermarkt ist inzwischen global. Vielleicht auch als Reaktion auf das bewusste, manchmal geradezu aggressive Auftreten religiöser Gruppen ist immer öfter von einer Zivilreligion die Rede und wird das christliche Abendland als Legitimation für die Dominanz der beiden großen christlichen Kirchen beschworen. Damit wird aber der Unterschied zwischen kultureller und religiöser Tradition rhetorisch verwischt und die Verfassungsstaatlichkeit als Nebenprodukt beider minimiert. Und so wird die Kirchensteuer weiterhin für selbstverständlich gehalten.
Gerade die immer wieder neu verhandelte Verpflichtung des deutschen Staates, die christlichen Kirchen für Enteignungen, die über zweihundert Jahre zurückliegen, zu entschädigen, erregt die säkularen Gemüter und disqualifiziert das deutsche Modell der Trennung von Staat und Kirche als eine »hinkende Trennung«, wie der Theologe Ulrich Schulz schon Anfang des 20. Jahrhunderts fand. Tatsächlich hinkt diese Trennung heute mehr denn je. Anders als die soziologischen Klassiker der Moderne meinten, ist die Macht der Religion und ihrer Institutionen zwar beschränkt, aber nicht gebrochen. So wird heute weniger von Säkularisierung als vielmehr von einer Renaissance der Religionen gesprochen. Galt die moderne Gesellschaft als säkular, so ist die postmoderne Gesellschaft zu einer postsäkularen mutiert!
Denn nicht nur genießen in Deutschland, anders als im laizistischen Frankreich, die christlichen Kirchen durch völkerrechtliche Konkordate und Kirchenverträge geschützte Sonderrechte – ihre Einflussnahme ist umso beharrlicher, je mehr ihre reale gesellschaftliche Bedeutung abzunehmen scheint. Es geht um Deutungshoheit, nicht zuletzt um finanzielle Privilegien. Ob kirchliche Feiertage, Sonntagsarbeit oder Religionsunterricht, ob Sexualmoral, Schwangerenberatung oder Sterbehilfe – die Kirchen wollen bei Themen, die für heutige Lebensverhältnisse relevant sind, mitentscheiden, und die Politik hört ihnen verlegen zu und scheint zu resignieren, statt ihren Einfluss gemäß der Verfassung einzudämmen.
Zwar wird im Namen der Religion das Miteinander propagiert, aber tatsächlich findet eine rabiate Auseinandersetzung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, auch zwischen Gläubigen und Andersgläubigen statt. Witze, Karikaturen, Bücher, in denen religiöse Praktiken hinterfragt oder auch nur beschrieben werden, gelten oft schon als Beleidigungen, und eine parallele Rechtsprechung, die sich auf religiöse Traditionen beruft, ist auf dem Vormarsch. Dabei bleiben gerade jene Stimmen stumm, die den schwer erkämpften Säkularismus verteidigen sollten.
Vielleicht führt die »Wiederkehr der Götter«, wie Friedrich Wilhelm Graf die neue Religiosität nennt, zur Etablierung einer Volksreligion, die nach ähnlichen Ritualen der Eventisierung funktioniert wie die Politik. Vorerst aber wird die Verschränkung von Politik und Religion immer unübersichtlicher, und das Spannungsverhältnis von Politik und Religion ist zu einem zentralen Thema öffentlicher Auseinandersetzung geworden. Welche Sprengkraft Religion in sich birgt, zeigen die radikalen Bewegungen, die im Namen einer Religion Gesellschaften und ganze Staaten destabilisieren. So stellt sich die Frage nach der Trennung von Staat und Kirche immer neu – und mit immer größerer Dringlichkeit. Die integrationsbedingte Pluralisierung der religiösen Geographie hat die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Staat und Kirche in eine noch deutlichere Schieflage gebracht, und das nicht nur hierzulande. Die Demokratien sind gefordert, sich gewissermaßen religionspolitisch neu zu orientieren.
Es geht nicht um die Austreibung Gottes, nur darum, die Errungenschaften der Aufklärung zu verteidigen, damit die Privatsache Gott nicht in die öffentliche Politik zurückkehrt.
Die Essays in diesem Band wollen die realexistierende Säkularisierung überprüfen und die Interessenkonflikte beschreiben, denen Demokratien heute ausgesetzt sind. Zwar geht es dabei vor allem um die deutsche Lage, aber Ausblicke auf die USA, den Balkan und Israel zeigen, wie brisant das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, Religion und Politik auch woanders ist. Keineswegs antireligiös, plädiert dieser Band für den säkularen religionspluralistischen Staat.