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Fahndung nach einem Star
ОглавлениеBei Kießling stand nicht etwa nur ein Stammtisch weniger Schauspieler, sondern das ganze Lokal, äußerlich kaum anders als eine Kutscherkneipe aussehend, war ein Treffpunkt von Bühne und Film. In einem langen, sich durch die Tiefe des Hauses ziehenden Raum stand ein Gewirr von zerschnitzelten, verbrauchten Holztischen und Stühlen, die so eng gestellt waren, daß der servierende Kellner sich kaum hindurchzwängen konnte.
Dieser Kellner, allgemein Julius gerufen und nur mit ›Du‹ angesprochen, war eine Spezialität des Kießlingschen Hauses. Schon recht ältlich, mit dünnem Haar, das nur spärlich einen bleichen Schädel bedeckte, mit vorquellenden blaßblauen Fischaugen und einem stets offenstehenden Mund, vergaß er alles, verkannte jeden, verrechnete sich stets, trödelte immer, verschüttete Soßen, servierte Kaffees mit Fußbädern – kurz, dieser alte Trinker schien zu allem anderen geeignet, nur nicht zum Kellnerberuf …
Die Schauspieler aber, die in jedem andern Lokal über den zehnten Teil der Schwupper, die sich Julius zuschulden kommen ließ, in Tobsucht geraten wären, liebten ihren Julius, sahen ihm alles nach, eine unerschöpfliche Quelle der Erheiterung war er ihnen. Sie wären sehr enttäuscht gewesen, wenn Julius einmal eine Bestellung glatt erledigt hätte.
Und wie sie Julius hinnahmen, so ertrugen sie das unzureichende, überfüllte, laute, stets vollgequalmte Lokal, das mäßige Essen – glücklich, einmal ganz unter sich sitzen zu können, nicht unter den Blicken von soundso viel Verehrern, die jeden Bissen mit schwärmerischem Blick in den Mund verfolgten, vor denen sie die auf der Bühne angenommene Rolle immer weiterspielen mußten.
Hier konnten sie sich gehenlassen, der makellose Held wurde zu einem nervösen Menschen, der Schwupper machte, genau wie der Julius.
»Also denn, Doktor!« sagte Babendererde und reichte dem Arzt zwei Finger. »Bis nachher!«
»Belitten?« fragte Doktor Altpeter lachend. »O Gerd, Gerd, was bist du doch für ein Kindskopf!«
Aber der Schauspieler war schon im rauchigen Gedränge verschwunden, sah suchend von einem Tischchen zum andern, rief hier ein Wort, sah dort starr vorbei – man hatte so viele Feinde, aber alles nur der reine Neid! – und entdeckte schließlich seinen Produktionschef an einem Holztischchen im Winkel.
Hensel, ein großer, starkknochiger Mann mit rotblühendem Gesicht, saß mit Regisseur Meindorff zusammen; beide hatten die Köpfe zueinander gesteckt und sprachen eifrig miteinander.
»’n Abend, Hensel! ’n Abend, Meindorff!« sagte Babendererde. »Darf ich mich ransetzen?«
»Wenn Sie können!« antwortete Hensel. »Julius, bring einen Stuhl für Herrn Babendererde!«
»Laß nur, Julius!« rief der Schauspieler. »Den Stuhl besorg’ ich mir lieber selbst, sonst stehe ich noch morgen früh. Bring mir lieber ein Bier, Pilsener sagen wir …«
»Was soll ich nun bringen?« fragte Julius. »Bier oder einen Stuhl?«
»Ich sage es dir zum zweiten Mal: Ein Bier, du echter Sohn des Bacchus!« Und Babendererde machte sich auf die Suche nach einem freien Stuhl. Er fand ihn, nur von einem Handtäschchen belegt, neben seiner Kollegin Marielen. Einen Augenblick sahen die beiden sich an. Dann sagte Babendererde und faßte den Stuhl an der Lehne: »Ist doch frei, Marielen?«
»Tut mir leid, Babendererde«, antwortete die Marielen und hielt den Stuhl am Bein, »ich erwarte noch jemanden.«
»Bis dahin werde ich mir erlauben, den Stuhl zu benutzen.« Und Babendererde zog stärker.
»Hast du wieder Kräfte?« fragte die Marielen sehr süß und hielt den Stuhl fester. »Als du vorhin in mein Fenster steigen wolltest, sah es schwach damit aus, wie?«
»Auch bei Kießling gibt es Eier«, sagte Babendererde halblaut. »Wie wäre es, wenn ich dich jetzt ein bißchen mit Eiern eindeckte, Marielen?«
»Die Rache des Steckengebliebenen, nicht wahr?« lächelte sie. »Irgendwer von der Presse wird schon im Lokal sein, um davon zu berichten.«
»Komm, Schatz«, sagte Babendererde und löste unwiderstehlich die Hand der Marielen vom Stuhlbein. »Ein Sieg für den Abend muß dir genügen. Oder willst du mit mir zu Hensel und doch noch einmal versuchen, eine Filmrolle zu kriegen? Das wäre ein Sieg, Marielen! Besser noch als ein faules Ei!«
Die Marielen wurde blaß, aber sie bezwang sich.
»Danke!« sagte sie kühl. »Film ist mehr was für Schauspieler, die umschmeißen, nicht wahr? Eine Filmszene kann immer noch mal gedreht werden – wenn man aber vor zwölfhundert Menschen umgeschmissen hat, ist das peinlich, was, Babendererde?«
Sie sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, und jetzt war die Reihe zu erblassen an Babendererde. Er beugte sich ganz nahe zu der Schauspielerin.
»Wir haben noch eine Rechnung miteinander, Marielen!« flüsterte er ihr ins Gesicht.
»Hast du jetzt mit Rechnungen zu tun? Du willst also Buchhalter werden?« fragte die Marielen zurück und wich und wankte nicht. »Sicher sehr richtig von dir, da’s mit der Schauspielerei nicht mehr geht.« Sie lächelte jetzt wieder. »Aber wenn ich auch nicht so gut wie du rechnen kann, Babendererde, ich zahl’ dir deinen Dünkel noch mal heim, wenn du am wenigsten daran denkst.«
»Vorläufig danke ich dir herzlich für deinen Stuhl«, antwortete Babendererde und richtete sich auf. »Habe ich dir übrigens schon erzählt, daß ich eine wirklich große Schauspielerin entdeckt habe? Ich mache jetzt Kontrakt mit Hensel für ihren ersten Film. Singen kann die! Und jung ist sie! Wirklich jung – erinnerst du dich noch daran, wie das war, Marielen? In der nächsten Spielzeit wird sie meine Partnerin.«
Damit nickte er ihr freundlich zu, jetzt ganz sicher, sich voll gerächt zu haben.
Hensel und Meindorff saßen noch immer mit gesenkten Köpfen zusammen, als hätten sie nicht einen Augenblick hochgesehen. Aber Meindorff fragte doch gleich mit der unersättlichen Neugier der Theatermenschen: »Hast du was mit der Marielen, Babendererde?«
»Nichts!« antwortete der Schauspieler. »Ist schon alles wieder glatt. Wir haben uns eben verglichen.«
»Ist es denn wahr«, wurde er weiter gefragt, »daß sie dir einen Possen gespielt hat und daß du heute abend umgeschmissen hast?«
»Das erzählt sie wohl allen Leuten? Kein Wort davon ist wahr! Ich habe mich ein bißchen erkältet, plötzlich konnte ich nicht singen, das ist alles!« Und müde dieses fruchtlosen Geschwätzes: »Haben Sie gehört, Hensel? Ich habe einen Knödel im Halse, ich kann morgen unmöglich filmen. Und die nächsten Tage auch nicht!«
Einen Augenblick herrschte ein recht betretenes Stillschweigen. Dann sagte Meindorff begütigend. »Nun, nun, Babendererde, so tragisch darfst du es auch nicht nehmen! Wir wissen alle, die Marielen ist ein Biest …«
»Ich habe dir doch schon eben gesagt, Meindorff«, rief Babendererde wütend, »daß die Marielen nichts mit der Sache zu tun hat! Ich habe einen Luftröhrenkatarrh …«
»Ich an deiner Stelle«, meinte Meindorff ungerührt, »würde heute einmal zeitig ins Bett gehen und mich gründlich ausschlafen. Morgen früh nimmst du dann auf nüchternen Magen ein paar rohe Eier …«
»Der Teufel hole die rohen Eier!« rief Babendererde, dem seit heute abend schon das Wort Ei unausstehlich war. »Ich …«
»Einmal Rührei mit Bratkartoffeln!« ließ sich die Stimme des Kellners Julius vernehmen. »Für Sie, nicht wahr, Herr Babendererde, das stimmt doch?« Er sah mit halboffenem Mund, ungewiß lächelnd, von einem zum anderen.
»Wer …«, fragte Babendererde, zitternd vor Wut, und hatte den Arm des Kellners mit der Rühreischüssel gefaßt, »wer hat Ihnen gesagt, Sie sollten mir Rührei bringen? Die Marielen, was?«
»Setzen Sie sich jetzt hin, Babendererde!« unterbrach Hensel gebieterisch. »Regen Sie sich nicht so auf! Sie kennen doch unseren trottelhaften Julius. Nicht wahr, Julius, du bist ein Trottel?«
»Manche von den Gästen sagen es«, antwortete Julius, stolz lächelnd. »Manche meinen aber auch, ich tu’ nur so und bin extraschlau. Und das muß wahr sein: ich habe mich noch nie zu meinen Ungunsten verrechnet. Immer nur zu meinen Gunsten!«
»Ab mit dir, Julius!« befahl Hensel. »Und bringe endlich das Bier! Du kannst gleich drei bringen.«
»Und was mache ich mit dem Rührei?« fragte Julius unentschlossen.
»Iß es selber und schreib’s mir auf die Rechnung! Und nun bring uns wirklich was zu trinken!«
»Sofort!« erwiderte Julius strahlend. »Und ich dank’ auch schön für das Rührei. Ich werd’s gleich essen, solange es noch warm ist.«
»Von dem bekommen wir nie unser Bier«, meinte der Regisseur. »Ich werde selbst was von der Theke holen.« Und er verschwand.
Einen Augenblick sahen sich Produktionschef und Schauspieler schweigend an. Dann fragte Babendererde ungeduldig: »Also, wie ist es mit meinem Urlaub, Hensel? Sie sehen selbst, ich bin ein bißchen parterre.«
»Es ist Ihnen also Ernst damit?« fragte Hensel. »Aber Sie wissen doch selbst, Babendererde, es ist ganz unmöglich! Wir müssen in spätestens vierzehn Tagen mit den Aufnahmen fertig sein, sonst kriege ich eins auf den Deckel. Außerdem ist das Atelier hinterher gar nicht frei.«
»Ich kann aber nicht filmen«, sagte Babendererde hartnäckig.
Hensel versuchte es mit Überredung und Schmeichelei. »Hören Sie, Gerd, Sie werden mich doch nicht sitzenlassen? Sie wissen, der Film muß fertig werden! Von mir aus gäbe ich Ihnen gern vier Wochen Urlaub. Ich seh’ ja ein, daß Sie überarbeitet sind! Aber reißen Sie sich noch einmal zusammen, Babendererde! Ich will sehen, daß ich Ihre Aufnahmen auf die nächsten sechs Tage zusammendränge; wenn’s geht, auch auf fünf! Sie haben noch nie einen Menschen im Stich gelassen, Babendererde, dafür sind Sie doch bekannt! Sie sind der zuverlässigste Mensch im ganzen Film!«
Aber Babendererde blieb düster, keiner Schmeichelei war er zugänglich.
»Ich kann nicht singen, und ich kann auch nicht mehr spielen«, murmelte er. »Mir ist da etwas passiert …«
»Ach, denken Sie doch nicht mehr an heute abend! So was kann jedem mal passieren! Das machen Sie morgen dreimal gut! Sie werden der Marielen doch nicht den Gefallen tun und schlappmachen?!«
»Was Sie nur immer mit der Marielen haben! Die Marielen hat gar nichts damit zu tun, das ödet mich schon an! Nein, mir ist ganz was anderes passiert, ich darf nicht mehr singen, bis …« Er brach kurz ab. »Aber das versteh’ ich allein. Jedenfalls komme ich morgen nicht.«
Der Produktionschef sah besorgt auf seinen Mimen. »Sie spinnen doch nicht, Babendererde? Sie fangen doch nicht an zu spinnen?!«
Und zu Meindorff, der mit drei Gläsern Bier ankam: »Der Babendererde will partout nicht filmen! Läßt sich zureden wie ’ne kranke Kuh, hilft aber nichts. Kann man das denn überhaupt so einrichten, daß er drei, vier Tage frei ist?«
»Zehn Tage!« sagte Babendererde. »Vierzehn Tage!«
»Vierzehn Tage! Du mußt wahnsinnig sein! In vierzehn Tagen haben wir ausgedreht, oder wir sind erschossen, Hensel, du, ich, wir alle! Dann ist’s mit den Aufträgen vorbei! Nun trink erst mal, Babendererde, guter alter Flimmerstern, dann wird dir schon anders. Saazer Urstoff, aus den reinen böhmischen Wassern gebraut, eins der herrlichsten Getränke in dieser durstmachenden Welt! Prost!«
»Und ich kann doch nicht filmen!« sagte Babendererde hartnäckig und setzte das Glas ab.
Die beiden wollten gerade wieder in Protest ausbrechen, als Julius an ihrem Tisch stand.
»Ihr Bier, meine Herren!« sagte er strahlend. »Herr Direktor hat drei bestellt und Herr Babendererde zweimal eins. Und für Herrn Meindorff habe ich auch noch gleich eins mitgebracht, macht sechs Schultheiß dunkel, zwei vierzig, zwei fünfundsiebzig, drei fünf, drei achtzig – wer zahlt von den Herren?«
Sie starrten ihn entgeistert an. Dann brachen sie in ein unbändiges Gelächter aus; auch Babendererde lachte mit.
»Verschwinde, du Wurm!« rief Meindorff. »Du vertrottelst immer mehr! Siehst du nicht, daß du uns schon drei Glas gebracht hast, gerade eben? Und nun kassierst du auch schon! Hebe dich von uns, Julius, und sieh zu, daß du nicht auch deinen letzten Funken Verstand vertrinkst!«
Mit starren Fischaugen stand Julius, ein Bild des Jammers. »Ich habe wirklich schon Bier gebracht …« murmelte er. »Der hat recht. Ich seh’s ja stehen. Jetzt hat’s aber bei mir geklingelt! Nun wird’s duster. Nun trink’ ich auch keinen Tropfen mehr! – Aber was mach’ ich mit dem Schultheiß?«
Sie sahen ihn am Serviertisch die sechs Gläser absetzen. Julius warf einen scheuen Blick, der nichts sah, um sich, hob ein Glas zum Munde, und: »Das Bier, das du getrunken hast, das bracht’st du mir, das schenkt’ ich dir …« summte Meindorff.
Babendererde zog ein Gesicht, sagte dann aber ganz friedlich: »Wenn Sie nur wollen, läßt es sich ganz gut einrichten. Schieben Sie meine Aufnahmen an den Schluß, erledigen Sie alles, aber auch alles andere vorher. Ich werde irgendwohin fahren, wo ich für Sie erreichbar bin. Nicht weit weg. Ich bin kein Spielverderber!«
Die beiden anderen wechselten einen raschen Blick. Erst zuckte Meindorff mit den Achseln, dann nickte er unmerklich.
»Wohin wollen Sie denn fahren?« fragte Hensel.
»Ich weiß noch nicht recht. Ich hab’ an Lübeck gedacht, das heißt, ich meine natürlich Travemünde.«
»Nein, Lübeck!« riefen Produktionschef und Regisseur fast gleichzeitig. »Das ist beinahe eine Idee, Babendererde! Wenn Sie wirklich nach Lübeck fahren, läßt sich vielleicht darüber reden!«
»Warum denn so plötzlich?« fragte Babendererde mißtrauisch. »Wollen Sie etwa in Lübeck Außenaufnahmen drehen?«
»Keine Idee, Sie sollen nicht gestört werden! Aber haben Sie schon mal von der Lena Christobal gehört?«
»Idiot!« sagte Babendererde bloß. »Wer hat nicht schon von der Christobal gehört? Aber die spielt doch seit netto zehn, zwölf Jahren nicht mehr!«
»Seit zwanzig Jahren!« verbesserte Meindorff. »Seit sie geheiratet hat, irgendeinen Dänen oder Schweden …«
»Einen Holländer!« meinte Hensel.
»Na ja, jedenfalls was Ausländisches. Seitdem hat sie keinen Fuß mehr auf die Bühne gesetzt.«
»Und was ist mit der? Was hat die Christobal mit Lübeck zu tun?«
»Sie muß da irgendwo hausen, in oder bei Lübeck, nicht unter ihrem Bühnennamen natürlich, sondern unter ihrem Frauennamen. Den müssen Sie irgendwie rauskriegen!«
»Ich?« fragte Babendererde. »Wozu soll das denn gut sein?«
»Na, Mensch, Babendererde, heute haben Sie aber eine ungewöhnlich lange Leitung. In vier Wochen wollen wir doch mit ›Mutterglück‹ ins Atelier, und die Mutterrolle ist noch immer nicht besetzt!«
»Und dabei habt ihr an die Christobal gedacht?«
»Richtig! Köpfchen, Meindorff, der Junge hat wirklich Köpfchen, er begreift alles im Nu! Wo er das nur her hat!«
»Ja, Babendererde, die Christobal ist die einzige Frau in Deutschland, von der die Rolle wirklich ganz groß gespielt werden kann! Mit der Christobal in der Hauptrolle wird ›Mutterglück‹ der Schlager der Spielzeit!«
»Aber ich denke, sie spielt nicht mehr! Und sie hat doch noch nie gefilmt!«
»Doch hat sie gefilmt, zwei-, dreimal; im Stummfilm natürlich! Und sie war hinreißend, sage ich dir! Sogar dem Kameramann sind die Tränen bei der Aufnahme runtergelaufen, die Linse an seinem Apparat war ganz beschlagen!«
»So ’ne Tränentute zieht doch heute nicht mehr!« sagte Babendererde, gar nicht überzeugt.
»Tränentute! Haben Sie das gehört, Hensel? Der hat ’ne Ahnung, was? Die Christobal, mein Lieber, ist eine ganz große Dame, une vraie grande dame alter, bester Schule! So was kennt ihr Jungens gar nicht mehr! Das ist ja ihr Unglück, für sie gibt’s heute kaum noch Partner! Du könntest gerade noch gehen, wenn du dich sehr anstrengtest, Babendererde!«
»Wenn Sie die rumkriegten«, sagte nun auch Hensel, »das wäre großartig! Ich lasse Ihnen Zeit dafür, ich werde es hier schon so einrichten. Auf ein paar Tage, die wir später fertig werden, kommt’s schließlich nicht an.«
»Ach nee …«
»Du mußt natürlich schlau sein«, fing Meindorff wieder an. »Sie soll nie Besuch empfangen, sie wohnt ganz abgeschlossen, auf irgendeiner Klitsche oder in einer Villa, draußen oder auch in Lübeck – das wirst du schon rauskriegen …«
»Und ihr wißt nicht mal den Namen?«
»Keine Ahnung! Der verehrte ausländische Gatte soll übrigens verstorben sein, das erleichtert dir deine Aufgabe! Mensch, wenn du die kriegtest! Eine Stimme hat die Frau – ganz dunkel! Wenn die in der ›Gioconda‹ sagte: ›Ich habe keine Hände mehr …‹, es war als striche dir einer mit ’nem Stück Samt den nackten Buckel lang!«
»Du wirst ja wirklich lyrisch, Meindorff! Und bis wann soll ich das schaffen! In vier Wochen wollt ihr schon ins Atelier …«
»Von vier Wochen kann keine Rede sein! Es ist natürlich ein bißchen eilig, wie immer beim Film. Eigentlich brandeilig. In zwei Wochen spätestens muß der Vertrag gemacht sein …«
»In zwei Wochen – ihr seid ja verdreht! Ich hab’ auch noch andere Sachen in Lübeck!«
»Was hast du denn für andere Sachen in Lübeck, Kindchen? Was kann man in Lübeck schon für andere Sachen haben?! Nein, Babendererde, entweder bringst du uns den Kram in vierzehn Tagen in Ordnung, oder du kommst morgen zum Filmen!«
»Ich könnte ja ruppig sein«, sagte Babendererde, »euern Auftrag ablehnen und doch nicht filmen. Zugestanden habt ihr mir, daß es sich gut einrichten läßt!«
»Ohne Zeugen, Liebling! Wird von uns bestritten.«
»Aber ich will nicht so sein. Ich nehme den Auftrag an, schon um die Christobal kennenzulernen. Ich hab’ schon viel von ihr gehört! – Und wie ist das mit den Spesen, Hensel?«
»Vertrauensspesen, mein Lieber, sparen Sie an nichts! Sie dürfen sich jeden Tag gerne einmal sattessen. Gehen Sie ins Schabbelhaus oder in die Schiffergesellschaft. Im Schabbelhaus ist die Seezunge gut und der Rotspon noch besser. Und der Christobal sagen Sie, sie kann verdienen, was sie will – in gewissen Grenzen natürlich! Schließlich ist es ein Risiko mit ihr. Zwanzig Jahre nicht auf der Bühne gewesen – vielleicht ist sie eine Mumie! Also sagen Sie ihr, sie kriegt ’ne anständige Gage …«
Als Babendererde, jetzt ganz vergnügt vor sich hinsummend, an den Ausgang von Kießling kam, hielt ihn Doktor Altpeter fest. »Nun, Urlaub bekommen?«
»Jawohl, Doktor!« sagte Babendererde vergnügt. »Vierzehn Tage Erholungsurlaub …«
»Sehr gut! Ausgezeichnet!«
»… nach Lübeck!«
»Du mußt wahnsinnig sein! Ich habe dir doch gesagt, dies dumme kleine Mädchen …«
»Irrtum, Doktor! Nicht des dummen kleinen Mädchens wegen fahre ich, sondern im Auftrag. Als Ägyptologe!«
»Ägyptologe …?«
»Ja, wenn man Mumien ausgräbt, ist man doch Ägyptologe! Oder nicht? Ich soll die Christobal ausgraben, aber sag’s noch nicht weiter, für den Film ›Mutterglück‹. In vier Wochen gehen wir ins Atelier.«
»Die Christobal? Großartig! Niemand Besseres – in ihrem Fach die Spitze! Mensch, Babendererde, das hättest du hören sollen, wenn sie in der ›Gioconda‹ sagte: ›Ich habe keine Hände mehr …‹«
»Ja, Doktor, dann war dir so, als striche dir jemand mit einem Stück Samt den nackten Buckel runter!«
»Genau! Aber ganz genau!« rief der Doktor begeistert. »Woher hast du das, Babendererde, du kannst sie doch nicht mehr gesehen haben? Damals hast du Knabe ja noch ein Sabberlätzchen unter dem Kinn getragen …!«
»Doktor, du weißt doch alles vom Theater: Wie heißt die Christobal mit ihrem Frauennamen?«
»Natürlich weiß ich das! Sie hat geheiratet, warte mal, das war ein Grieche – glaube ich, Kopopopoulos oder so was! Nein, im Augenblick ist es mir doch entfallen – aber ich habe zu Haus sicher eine Notiz. Soll ich sie dir raussuchen? Ich rufe dich dann morgen an …«
»Aber zeitig, Doktor, ich will schon um zehn starten!«
»Um zehn? Du willst doch um elf zu Professor Eicken?«
»Na, vielleicht gehe ich auch erst noch zum Professor. Jedenfalls ruf zeitig an! Und komm nicht persönlich – beim Packen kann ich keinen Zuschauer vertragen. Gute Nacht, Doktor!«
»Gute Nacht, Gerd!«
Der Doktor nahm sich die Brille von der Nase und sah blinzelnd nach der Tür, durch die Babendererde verschwunden war. Also ich würde nur stören? Ich glaube, ich glaube, ich muß dich morgen früh doch stören, Babendererde. Ich trau’ dir nicht …