Читать книгу Der Schrei der Zypressen. Ein Provence-Umwelt-Krimi - Heinz-Joachim Simon - Страница 8
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Die Verschwörung der ehrbaren Bürger
„Was soll das?“, schrie ich zu den Dächern hoch. „Wenn ihr nicht aufhört, knalle ich euch vom Dach!“
Wieder dieses Lachen. Dann hörten wir oben schnelle Schritte. Das Lachen entfernte sich von uns. Meine Drohung hatte wohl gewirkt.
„War das ein böser Scherz oder ein Anschlag?“, rätselte ich.
„Es ist doch nichts passiert“, beruhigte mich Mario.
Wir klopften uns den Staub von den Kleidern. Vorsichtig stießen wir uns von der Hauswand ab. Nichts passierte. Als wir an der Töpferei vorbeigingen, trat uns jemand aus dem Dunkel des Hauseingangs entgegen, der wie ein alter Indianer aussah. Schulterlanges, weißes Haar, gegerbte Haut und ein etwas tumbes Gesicht.
„Ha, ha“, gellte er mit Schaum vor dem Mund.
Ich griff vorsichtshalber zur Smith & Wesson.
„Der Tod geht um in Châteauromain. Die apokalyptischen Reiter sind unterwegs. Feuerstürme werden über das Land rasen. Das Meer wird zurückkommen. Die Luft wird voller Schwefel sein und die Vögel werden tot vom Himmel fallen.“
Er war sehr einfallsreich in seinen unheilvollen Erwartungen.
„Das ist Umo, der Dorftrottel von Châteauromain“, klärte mich Mario auf. „Er ist harmlos. Ein Idiot eben.“
„War er es, der uns die Grüße vom Dach geschickt hat?“
„Möglich. Aber das wäre das erste Mal, dass er aggressiv ist. Vielleicht haben sich auch nur ein paar Ziegel gelöst.“
„Gleich zweimal?“, gab ich skeptisch zurück. „Und das höhnische Lachen habe ich wohl geträumt?“
„Der Tod ist gekommen nach Châteauromain. So steht es geschrieben.“
„Kannst du überhaupt lesen?“, fragte Mario und drückte ihn beiseite. „Geh nach Hause, Umo. Sei brav.“
„Pierre Claudel war der erste und es wird weitere Tote geben. Die Apokalypse des Johannes rast heran!“, kreischte der Idiot.
„Hast du uns mit Dachziegeln beworfen?“, fragte ich ihn.
Umo schüttelte den Kopf.
„Umo sieht alles. Umo ist überall. Die apokalyptischen Reiter stehen vor der Stadt. Ihr werdet es noch begreifen. Umo hat recht.“
„Ja doch, Umo. Wir haben verstanden. Nun geh schlafen und stör nicht die Menschen, die morgen arbeiten müssen.“
„Umo hat recht“, wiederholte er eigensinnig.
Wir gingen weiter und zu Marios Haus hoch. Der Idiot kreischte uns noch etwas hinterher, was ich jedoch nicht verstand.
Zu Hause öffnete Mario eine Flasche Rotwein. Nach den Ereignissen waren wir zu aufgewühlt, um gleich schlafen zu gehen. Wir setzten uns auf die Terrasse und sahen den Sternen zu, wie sie uns anmorsten. Leider kannten wir uns nicht in deren Morsealphabet aus.
„So ein friedlicher Ort – und nun das!“, sagte ich, während ich mich abmühte, die Sternzeichen zu entziffern.
„Fitzgerald sagte einmal, dass ihm die kleinen Städte immer unheimlich sind, weil sich unter deren friedlicher Oberfläche gefährliche Untiefen befänden“, erwiderte Mario.
Er war wie ich ein großer Fitzgerald-Fan. Kratz an einem Italiener und du findest einen Bauern oder einen Poeten.
„Cui bono? So geheimnisvoll scheint mir das hier alles nicht zu sein. Dieser Pierre Claudel war der Sprecher der Gegner des Resortprojektes. Irgendjemand gefiel nicht, dass er ein guter Organisator war. Also haben sie dem Haupträdelsführer das Licht ausgeblasen, um die anderen einzuschüchtern. Schlag den Kopf ab und du hast gesiegt. Eigentlich ganz einfach.“
„Ganz einfach? Du spinnst wohl. Übrigens, wenn die jetzt glauben, dass die Gegner aufgeben, haben sie sich gründlich getäuscht.“
„Mag sein. Aber eigentlich geht uns das alles nichts an.“
„Ich weiß nicht“, brummte Mario ärgerlich. „Schließlich sind wir jetzt auch Bürger von Châteauromain. Und außerdem: Es ist auch dein Haus. Was steht an der Tür?“
„Das ist doch nicht dein Ernst“, wehrte ich ab.
„Aber ja doch. Es ist unser Haus.“
Er war unverbesserlich. Was sollte man dazu sagen.
„Dann werde ich dir die Hälfte des Kauf- und Renovierungspreises überweisen.“
„Tu, was du nicht lassen kannst. Und überleg mal: Was meinst du, was deine Ismene denken wird, wenn du dich da raushältst?“
Wo er recht hatte, hatte er recht. Ich brachte als Antwort nur ein Grummeln zustande. Es klingelte an der Tür.
„Nanu? Jetzt noch ein Besucher?“, wunderte sich Mario und ging ins Haus und kam nach einer Weile mit Gaston Claudel wieder, dem Vater des Toten.
Der alte Mann lächelte mir gequält zu. Mario wies auf einen der Stühle und goss für Claudel ein Glas Wein ein.
„Entschuldigt, dass ich jetzt noch störe. Aber ich sah, dass im Haus noch Licht brennt.“
„Sie haben Glück gehabt, wir wollten gerade zu Bett gehen“, erwiderte Mario.
„Er war ein guter Junge“, wiederholte Claudel in weinerlichem Ton das, was er bereits im Bistro gesagt hatte.
„Das war er sicher“, versuchte Mario ihn zu beruhigen.
„Ich vertraue der Polizei nicht. Dejus ist ohnehin auf Seiten des Bürgermeisters und außerdem ist er dumm. Und die Gendarmerie in Aix wird es sich leicht machen. Sie werden auch nicht herausbekommen, wer meinen Sohn getötet hat. Sie werden so tun, aber es wird nichts dabei herauskommen. Ich weiß es.“
„Einen Mord kann man nicht so ohne weiteres unter den Teppich kehren!“, widersprach Mario.
„Doch, doch. Sie wissen ja noch nicht, wie es bei uns so läuft. Es ist nicht in Cesares Interesse, dass aus dem Fall eine große Sache wird. Es könnte die Investoren verschrecken. Der Präfekt ist Kreones Freund und dieser wird der Gendarmerie schon zu verstehen geben, dass man sich nicht zu sehr anstrengt. Bestimmt hat der Tod meines Sohnes mit dem Resort zu tun. Er war ihnen unbequem und da haben sie jemanden beauftragt ihn umzulegen.“
„Das sind alles wilde Vermutungen“, wehrte ich ab. Ich ahnte, wieso Claudel hier war.
„Ich möchte wissen, wer dahinter steckt. Sie sind doch Detektive. Ich möchte, dass Sie die Sache übernehmen!“, stieß er hervor und sah uns eindringlich an. Na also, meine Vermutung hatte nicht getrogen.
„Was übernehmen?“, tat ich ahnungslos.
„Den Mörder jagen und ihn …?“
„Umbringen? Wir sind keine Killer.“
„Aber das Nachforschen ist doch Ihr Beruf.“
„Wir sind im Urlaub. Wir würden auch nicht viel erreichen. Dieses Terrain ist uns fremd. Wenn jemand Erfolg haben will, muss er von hier sein.“
Ich war fest entschlossen, den Auftrag abzulehnen. Châteauromain war nicht unser Jagdrevier.
„Ich bezahle Sie, bezahle Sie gut. Ich habe nicht nur die Küferei, sondern auch einen guten Weinberg bei Lourmarin. An Geld fehlt es mir nicht, ich will wissen, wer meinen Sohn ermordet hat. Ich will, dass Sie den Mörder überführen.“
„Sie würden Ihr Geld zum Fenster rausschmeißen. Überlassen Sie das der Polizei. Für uns ist die Provence Terra incognita.“
„Was für ein Terra?“, fragte er wild. „Gerade weil Sie nicht von hier sind, werden Sie unbefangen ermitteln. Gibt es nicht auch bei euch Detektiven so etwas wie ein Berufsethos?“, setzte er hinzu und sah uns mit listiger Miene an. Er war eben ein Provenzale und die sind bekannt für ihre Bauernschläue. Plötzlich war alles Verschwommene aus seinen Augen verschwunden und er blickte so wach, als ginge es um den Preis für seine Weinfässer.
„Der Bürgermeister ist schon jetzt nicht besonders gut auf uns zu sprechen. Wir sind Fremde. Wenn wir uns um den Fall kümmern würden, gäbe es mit Sicherheit böses Blut. Wenn Sie schon einen Privatermittler einschalten wollen, dann nehmen Sie sich einen von hier. Vielleicht gibt es in Aix ein Detektivbüro“, versuchte ich ihn von seiner Idee abzubringen.
„Nein. Ich will Sie. Man hat mir erzählt, dass Sie ein internationales Detektivbüro haben. Sie sind also Profis. Sie werden sich nicht durch Kreone oder durch die Polizei einschüchtern lassen. Ich würde es Ihnen bis an mein Lebensende danken. Der Tod meines Sohnes darf nicht ungesühnt bleiben.“
Mario ließ sich schließlich breitschlagen und ich schickte ihm in Gedanken die Medusa an den Hals.
„Gut. Wir werden es versuchen. Aber machen Sie uns keine Vorwürfe, wenn nicht viel dabei herauskommt. Peter hat recht. Wir sind nicht von hier, das erschwert unsere Arbeit. Jeder Tag, den wir ermitteln, kostet Geld, und wir sind nicht billig. Vielleicht wird es eine völlig sinnlose Ausgabe.“
„Das ist mein Risiko. Ich vertraue Ihnen“, sagte er mit fester Stimme.
Mario stand auf und zuckte mir gegenüber entschuldigend mit den Achseln. Er holte die Vertragspapiere und erklärte ihm die Modalitäten. Claudel unterschrieb, ohne den Vertragstext gelesen zu haben.
„Nun ist mir wohler. Es ist kein großer Trost. Aber ich habe etwas unternommen. Er war ein guter Junge.“
Er wiederholte dies noch ein paarmal. Wir achteten seinen Schmerz und hörten ihm zu. Er erzählte, wie der junge Claudel in der Schule gewesen war, welche Auszeichnungen er erhalten und welch großartige Zukunft vor ihm gelegen hätte.
„Er hat so schwierige Dinge gelesen wie die Sachen von Descartes. Selbst Platon und Sokrates kannte er, Voltaire, Diderot und wie sie alle heißen. Ich war deswegen manchmal böse auf ihn. Was sollte ihm das nützen? Er sollte Küfer oder Weinbauer werden. Was braucht einer wie wir von den ollen Philosophen zu wissen? Er hatte ein großes Herz. Er hat sich immer auf die Seite der Benachteiligten geschlagen. Mein Junge hat die bekämpft, die mit der Natur rücksichtslos umgehen. Und jetzt liegt er tot in einer Kiste und ich muss den Sohn begraben. Es ist nicht recht, dass der Vater den Sohn beerdigt.“
Er schniefte und auch ich wurde schwach. Claudel hatte recht. Es gab so etwas wie eine Berufsehre. Das war zwar nicht in einem Dokument festgehalten, das man sich an die Wand hängte. Es war in uns drin. Wir legten nicht die Hand aufs Herz und stimmten ‚Freude, schöner Götterfunken‘ an, aber wir sagten zu, ihm zu helfen.
Als er endlich gegangen war, brauchte ich etwas Stärkeres als Wein. Ich ging zu meinem Koffer und nahm den silbernen Flakon heraus, den mir mein alter Freund Rainer aus Sao Paulo geschenkt hatte. Ich goss Mario einen tüchtigen Schluck Glenmorangie ein und war auch bei mir nicht schüchtern.
„Noch sauer?“, fragte Mario.
„Nein. Du hast recht. Wenn unser Beruf zu etwas taugen soll, dann können wir uns nicht verweigern. Wir sollten ihm aber nicht unsere üblichen Honorare in Rechnung stellen, sondern nur die Unkosten.“
„Da sind wir ja einer Meinung. Ein guter Stoff!“, lobte er meinen Whisky. „Ja. So weich wie der Popo einer Siebzehnjährigen. Es gibt nicht viele Whiskys, die noch besser sind.“
Wir tranken ihn bedacht in kleinen Schlucken, verwöhnten unsere Kehlen und tasteten uns langsam in den Fall hinein.
„Wem der Tod des jungen Claudel nützt, wissen wir“, sagte Mario, während er das Glas gedankenvoll in seinen großen Händen drehte.
„Auf den ersten Blick jemandem, der den Widerstand gegen das Resortprojekt brechen will“, stimmte ich zu. „Aber wäre das nicht zu einfach?“
„Einfach? Nein. Wie ist es zu beweisen, dass jemand gesagt hat: Tu es. Leg den Pierre Claudel um.“
„Trotzdem. Wir müssen bei denen ansetzen, die Claudel als Feind angesehen haben, diese Bande von Investoren und all die, die auf Seiten der Befürworter stehen.“
„Das sind eine Menge.“
„Wir sollten einmal tüchtig auf den Busch klopfen und sehen, was dann passiert.“
„Du willst ihn aufschrecken, aus der Deckung locken?“
„Richtig. Machen wir ein wenig Wind. Der alte Claudel wird schon dafür sorgen, dass morgen jeder in der Stadt weiß, dass er uns beauftragt hat.“
„Der Bürgermeister wird Gift und Galle spucken und uns seinen Dejus auf den Hals schicken.“
„Ich bekomme jetzt schon Angst.“
Wir lachten. Ich spürte, dass ich langsam betrunken wurde.
„Lass uns schlafen gehen. Dieser erste Tag in Châteauromain hatte es in sich.“
Ich machte mich in den zweiten Stock auf, wo Mario ein Lager für mich vorbereitet hatte. Ein richtiges Bett wollten wir in Aix kaufen. Es roch auch hier streng nach Farbe. Ich träumte wieder einmal in Afghanistan zu sein. Es war immer der gleiche Traum. Die Taliban kamen auf ihren Motorrädern wie junge Hunde auf mich zu und die Kugeln aus ihren Kalaschnikows zwitscherten mir um die Ohren. Ein Bellen weckte mich. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es nichts mit meinem Traum zu tun hatte. Doch da war noch etwas anderes. Vom Dach her hörte ich seltsame Geräusche.
Ich stand auf und nahm die Smith & Wesson und ging ans Fenster und horchte nach oben. Kein Zweifel. Jemand war auf dem Dach. War es der, der uns mit Dachziegeln bepflastert hatte? Oder Umo, der angeblich so harmlose Dorftrottel? Ich beschloss, den ‚Fiddler on the roof‘ zu ignorieren.
„Verschwinde oder ich knalle dir ein paar blaue Bohnen aufs Fell!“, schrie ich hoch.
Es knackte noch eine Weile oben auf dem Dach. Schließlich war es wieder still. Meine Drohung schien gewirkt zu haben. Ich schloss das Fenster und ging wieder ins Bett. Schnell vergaß ich den nächtlichen Besuch. Meine Gedanken kreisten um Ismene. Es waren sehr angenehme Gedanken. Leider wurde ich nicht mit entsprechenden Träumen belohnt. Als ich am Morgen erwachte, bellte immer noch der Hund.
Gleich nach dem Frühstück fuhren wir los. Aix-en-Provence hat sich den Charme des Ancien Regime bewahrt. Wer zum ersten Mal den Cours Mirabeau erblickt, kommt sich vor, als würde er in einen Kreuzgang hineinsehen. Wenn die Sonnenstrahlen golden durch die Blätter der Platanen fallen, bekommt man eine Vorstellung, welche Bäume im Himmel stehen. Leider hat noch niemand berichtet, was dort oben so wächst. Wer dazu das Glück hat, aus einem der vielen Cafés das ewig junge Lied ‚La vie en rose‘ von Edith Piaf zu hören, kann nach dieser Stadt süchtig werden.
Wir saßen erschöpft von den Einkäufen auf der Terrasse des Bastide du Cours, gegenüber den schönen Adelspalästen aus dem 18. Jahrhundert. Wir waren mit uns zufrieden, denn wir hatten nicht nur einen alten Bauernschrank erstanden, einen Tisch und Stühle aus der Zeit des alten Mirabeau, sondern auch ein Bett.
Glücklich hielten wir der Sonne unsere Gesichter entgegen, tranken einen leichten Roséwein und stillten den Hunger mit frischen Austern. Das Restaurant war gut besucht. Die roten Korbstühle standen so eng, dass man nicht verhindern konnte, die Gespräche am Nebentisch mitzubekommen. Und was wir mitbekamen, war besser als das Abhörprotokoll eines Geheimdienstes. Ich erkannte die selbstbewusste Stimme sofort. Hinter uns saß der Bürgermeister von Châteauromain. Vorsichtig drehte ich mich um. Er wandte mir glücklicherweise den Rücken zu. Ein Kreuz wie ein andalusischer Stier. Ihm gegenüber saß ein elegant gekleideter Mann. Schwarzer Anzug, straff zurückgekämmtes Haar, fleischiges Gesicht, etwas übergewichtig. Er sah nach Geld, Macht und einem guten Leben aus. Seine Miene signalisierte, dass er hochkonzentriert zuhörte.
„Mach dir keine Sorgen, Damien!“, polterte Cesare Kreone. „Wir haben alles unter Kontrolle. An unseren Plänen wird sich nichts ändern. Der Tote ist bald vergessen. Dejus tut, was ich sage. Die Gendarmerie National hat mein Freund in der Tasche.“
„Hoffentlich. Was wir nicht gebrauchen können, ist weiterer Wirbel.“
„Keine Bange. Es wird alles im Sande verlaufen.“
„Du hast doch nichts damit zu tun, Cesare?“
Die Stimme verriet nicht nur Misstrauen, sondern auch eine kleine Drohung.
„Gewiss nicht. Nein, ich habe damit nichts zu tun. Es ist einfach ein verdammtes Glück, dass es passiert ist.“
„Glück? Das muss sich erst noch herausstellen. Hast du eine Vermutung, wer es gewesen sein kann?“
„Nein. Vielleicht jemand, der Angst hat, dass das Projekt noch kippt? Einige der Weinbauern, die uns das Land verkaufen wollen, sind hoch verschuldet. Ohne den Landverkauf haben sie bald den Gerichtsvollzieher im Haus.“
„Verstehe. Wie sieht es mit dem Land aus, das der Töpfer besitzt? Wir brauchen sein Grundstück zur Abrundung für den Golfplatz.“
„Er ziert sich noch. Aber ich bin sicher, dass er verkaufen wird. Er will nur den Preis hochtreiben. Er ist ein Querkopf. Weil alle, die bei uns was zu sagen haben, dafür sind, spielt er den Projektgegner. Aber er wird nachgeben.“
„Das sollte er bald, sonst verzögert sich die Fertigstellung. Und wenn dies die Investoren erfahren, könnten einige noch abspringen. Ein Projekt in dieser Größenordnung ist bisher nur in Italien bei Siena von der TUI angepackt worden und die haben auch so ihre Schwierigkeiten. Aber bei uns haben viele den Topf gefüllt und wenn nur einer zweifelt, dass er nicht mehr herausbekommt, als er investiert hat und deswegen abspringt, werden ihm andere folgen.“
„Ich weiß um die Problematik“, wehrte der Bürgermeister ab. „Saval, unseren Westentaschen-Picasso, kenne ich seit der Kindheit. Er ist eitel, egoistisch und verlogen. Ich werde ihn damit ködern, dass wir mitten im Resort eine Skulpturengruppe von ihm aufstellen. Er hält sich für einen großen Künstler.“
„Gut. Wenn er eitel ist, könnte dies klappen. Wie steht es mit deiner Aufstellung als Kandidat für das Parlament?“
„Bestens. Fontaine, der Präfekt, ist auf meiner Seite. Auch der Parteivorsitzende hat signalisiert, dass es auf mich hinauslaufen wird.“
„Die Gegner unseres Projektes werden dich bestimmt nicht wählen.“
„Ich weiß. Aber die meisten von ihnen hätten mich ohnehin nicht gewählt.“
„Wenn sich die Gegnerschaft zu einer Kampagne auswächst, kann dich das die Mitte der Wählerschaft kosten.“
„Ach was. Ich habe alles im Griff. In den nächsten Tagen werde ich den Spatenstich für die Gemeindehalle verkünden. Man wird erkennen, dass ich Châteauromain den Fortschritt bringe. Zum Teufel mit den Grünen.“
„Kümmere dich um die Kirche. Wenn der Pater dafür ist, hast du die ganzen Weiber als Wählerinnen.“
„Das wird schwierig. Pater Valoise ist einer von den Umweltbewegten.“
„Kümmere dich!“, wiederholte der mit Damien Angesprochene. „Versprich ihm einen neuen Dachstuhl oder eine Glocke, was weiß ich.“
„Glocken hat unsere Kirche genug“, knurrte Kreone unwillig. „Aber ich könnte ihm das Pfarrhaus renovieren und außerdem für seine Tageskrippe einen ständigen Raum im Gemeindehaus versprechen.“
„Na also. Was ist mit diesem Céline? Wir brauchen sein Land für die Luxusbungalows. Von seinem Grundstück hat man die beste Sicht ins Tal. Die Bungalows werden uns wie Baguettes aus den Händen gerissen werden.“
„Mein Schwager ist ein Volltrottel. Aber auch hier kommt uns das Glück zu Hilfe. Er hat Krebs. Der wird innerhalb der nächsten Monate krepieren. Mein Sohn ist mit seiner Tochter verlobt. Wenn der Alte erst mal tot ist, werde ich den Jungen schon dazu bringen, dass er seine Zukünftige davon überzeugt, den Weinberg zu verkaufen. Ich kriege das schon hin.“
Sie lachten beide. Mario warf mir einen bezeichnenden Blick zu.
„Aber weitere solch unangenehmer … Überraschungen können wir nicht gebrauchen. Das ist schlechte Publicity!“, warnte Damien. Scheinbar traute er den Beteuerungen des Bürgermeisters doch nicht so ganz.
„Wenn dieser Capitaine Salignac, von dem du mir erzählt hast, den Mörder schnappt und seine Motive werden mit uns in Verbindung gebracht, haben wir den Super-GAU.“
„Ich habe dir doch gesagt, dass der Präfekt mein Freund ist und dieser Salignac ist sein Cousin. Mach dir also keine Sorgen.“
„Ich hoffe nur, dass du da nicht mit drin steckst. Wenn das Resort nicht gebaut wird, bleiben wir auf viel wertlosem Land sitzen.“
„Es wird gebaut. Ich will schließlich als Kandidat aufgestellt werden. Wir können bereits nächste Woche mit dem Spatenstich für das Hotel anfangen.“
„Gut. Dann wären wir im Plan“, stellte Damien sichtlich erleichtert fest.
„Warum habt ihr eigentlich eine deutsche Baugesellschaft genommen? Ausgerechnet Deutsche – warum?“
„Wir haben bei denen ein schönes Aktienpaket. Wenn alles klappt, übernehmen wir bald den ganzen Laden. Du könntest dein Geld für deinen Weinberg auch in deren Aktien anlegen. Dies als kleiner Bonus meinerseits. Die Aktie wird demnächst wie eine Rakete hochgehen.“
„Gut. Ich werde meiner Bank sofort Anweisungen geben.“
Sie lachten beide, standen auf und schüttelten sich die Hand. Ein feines Pärchen. Damien winkte dem Kellner zu und zahlte. Das Trinkgeld musste, nach dessen Gesicht zu urteilen, mehr als reichlich ausgefallen sein. Sie gingen an uns vorbei über den Cours Mirabeau. Immer noch lachend stieg Damien in einen grauen Bentley. Kreone winkte ihm nach und ging zu seinem Jeep Cherokee.
„Das ist vielleicht eine Bande! Durch und durch korrupt“, knurrte Mario.
„Wenigstens wissen wir jetzt, dass Kreone nicht hinter dem Mord steckt.“
„Sagt er.“
„Ja. Sagt er!“, gab ich zu.
„Wo setzen wir an?“
„Wenn wir Kreones Beteuerungen erst einmal ernst nehmen, müssen wir diejenigen unter die Lupe nehmen, die Angst haben, dass das Resort doch nicht gebaut wird.“
„Das sind eine Menge wohlbeleumdeter Bürger. Bäcker, Apotheker, Coiffeur, Restaurantbesitzer, Autohändler, Optiker und die Weinbauern.“
„Den Töpfer nicht zu vergessen. Wir müssen ihre Alibis überprüfen. Das ist dein Metier. Gute alte Polizeiarbeit.“
„Mir verpasst du also die Schwerstarbeit und was tust du?“
„Ich werde heute Abend an der Versammlung der Projektgegner teilnehmen. Vielleicht hat einer von denen einen Verdacht.“
„Ach so. Du willst das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und um Ismene balzen.“
Er lachte und ich kam mir wie ein Clown vor, der die Pointe des Witzes nicht richtig rübergebracht hatte.
Am späten Nachmittag waren wir wieder in Châteauromain. Es sah immer noch so idyllisch aus wie auf den Postkarten, die man so gern nach Deutschland schickt. Dabei wohnte hier ein Mörder und es war nicht auszuschließen, dass er noch einmal morden würde.