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Das ist doch der Kinderarzt Dr. Weynbrand

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Es war bekannt, dass jüdische Professoren von ihren Lehrstühlen vertrieben, jüdische Richter aus den Gerichten verwiesen wurden, ihnen die Ausübung der Berufe unter Strafandrohung verboten wurde. Die Praxen jüdischer Anwälte und Ärzte wurden geschlossen, wenn sie nicht vorher von arischen Kollegen übernommen worden waren. Viele der jüdischen Wissenschaftler, Ärzte, Architekten und Künstler waren ins Ausland emigriert zu einer Zeit, als die Emigration noch möglich war. Doch das hatte sich bald zum Entsetzen der Juden geändert, für die die deutsche Reichsgrenze hermetisch abgeriegelt war. Für sie gab es keine Ausreiseerlaubnis. Der Fluchtweg unter Einsatz des Lebens und Zurücklassung des Eigentums war ihnen abgeschnitten. Für sie waren ganz andere Maßnahmen vorgesehen.

Das Stadtbild hatte sich seit der Reichskristallnacht drastisch und nachhaltig zum grausamen Erschrecken verändert. Die zerschlagenen Schaufenster wurden verbrettert und mit dem Judenstern oder dem Wort “Jude” beschmiert. Erst mit der Übernahme durch einen Arier bekamen die Fenster neue Scheiben. Die Synagoge verblieb im geschändeten Zustand und bot das Dauerbild trauriger Verwahrlosung. Den Juden war das Abhalten des Gottesdienstes untersagt. Die antisemitischen Gesetze und Erlasse betrafen alle Familien. Es musste der arische Nachweis von denen erbracht werden, die als Beamte im Staatsdienst standen. Dazu zählten Professoren, Lehrer, Busfahrer, wie auch die Priester und Pastöre. Gab es bei den Vorfahren jüdisches Blut, dann halbierte sich der jüdische Blutanteil von Generation zu Generation, vorausgesetzt, dass in den Folgegenerationen keine jüdische Auffrischung erfolgte. So war jemand ein Vierteljude, wenn Großvater ein Jude oder Großmutter eine Jüdin war. Für den Vierteljuden gab es im Staatsdienst keine Anstellung.

Auch wenn Eckhard Hieronymus arisch “rein” war, so war seine Frau, Luise Agnes, eine Halbjüdin, weil ihre Mutter, Elisabeth Hartmann, eine getaufte Jüdin war, die mit dem Mädchennamen Sara Elisa Kornblum hieß. An der Seite ihres Mannes, dem Pastor Eduard Hartmann, seit fünf Jahren im Ruhestand, war sie eine treue Ehefrau, eine gute Mutter, Großmutter und Christin, die den Gottesdienst regelmäßig besuchte und das Leben und Werk des Apostels Paulus bewunderte. Eckhard Hieronymus nahm den Nachweis mit der arischen Asymptote ernst.

Bei der Militanz und den antisemitischen Ausschreitungen bereitete ihm diese Anordnung Kopfzerbrechen in Bezug auf seine Frau und seine Kinder. Er beschrieb diesen Nachweis Luise Agnes gegenüber als die arische Asymptote und das geforderte Muss als eine eklatante Verletzung menschlicher Grundwerte und Grundrechte, weil in dieser Anordnung die Beschneidung der Freiheit des Menschen in seiner persönlichen Entscheidung liege. Er nannte sie die gemeine Angelrute des gestiefelten Deutschen oder das gefährliche Netz des deutschen Pickels. Wussten doch beide von Fällen behördlicher Einmischung in das familiäre Leben, wo dem arischen Mann, wenn er seine berufliche Stellung behalten wolle, angeraten wurde, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen.

Nun war Luise Agnes nur eine Halbjüdin, und das arische “Defizit” war ihrem Gesicht, der feinen Nase mit dem leicht gebogenen Nasensteg, dem gekräuselten dunklen Haar und den tiefbraunen Augen anzusehen. Eckhard Hieronymus machte sich deshalb Sorgen um die Familie, weil er es bei dem Rassenwahn nur für eine Frage der Zeit hielt, dass er von Braunhemden oder den Gestapoleuten in den schwarzen Ledermänteln besucht würde, um ihn auf die beruflichen Konsequenzen hinzuweisen, deren Ursache das Zusammenleben mit einer Halbjüdin als Ehefrau ist.

Doch trennen wollte er sich von Luise Agnes nicht, die er über alles liebte, die eine so liebevolle Mutter der gemeinsamen Kinder Anna Friederike und Paul Gerhard war. Sorgen machte er sich auch um seine Kinder, wenn sie von ihren Schulkameraden auf die arischen Nachweise angesprochen würden, was sie bislang noch nicht wurden. Anna Friederike besuchte das Ursulinengymnasium, war in der Oberprima und zählte zu den Besten. Paul Gerhard ging zum städtischen Humboldtgymnasium und war in der Obersekunda beim besseren Durchschnitt. Beide waren groß gewachsen und hatten die mütterlichen Gesichtszüge, Paul Gerhard das dunkle gekräuselte Haar dazu. So war es auch für sie eine Frage der Zeit, auf ihre Herkunft angesprochen zu werden, besonders dann, wenn Dinge wie Missgunst und Neid bei den Mitschülern aufkamen, denn die Dorfbrunners waren nicht nur aufgeweckt und intelligent, sondern auch gut aussehende junge Menschen.

Die Schikanen mehrten sich: Juden hatten den gelben Judenstern auf den Straßen zu tragen. Ihnen war der Besuch von Konzerten, Theatern und öffentlicher Versammlungen sowie öffentlicher Toiletten untersagt. Arische Bürger hatten alles Jüdische zu meiden. Sie durften sich nicht auf offener Straße mit ihnen unterhalten, sie weder in ihre Häuser einladen noch von ihnen eingeladen werden. Den Juden wurden die privaten Fahrzeuge mit Wagenpapieren und Führerschein abgenommen. Sie wurden Fußgänger, die vom Bürgersteig wegtraten, wenn ein Deutscher in Uniform entgegenkam, egal ob es ein alter, gehbehinderter Mann am Krückstock oder eine Mutter mit ihren Kindern war, die an beiden Händen schwere Taschen trug.

Es war ein trauriger Anblick, wenn Eckhard Hieronymus mit Frau und Kindern oder allein durch die Straßen ging, in die Augen der Angst und Verzweiflung jener Menschen mit den blassen, verhärmten Gesichtern und dem gelben Stern über ihrer Brust sah. Er sah Kinderaugen von unbeschreiblicher Traurigkeit, die ihm das Herz zerrissen, weil er nicht aufschreien konnte, wie er hätte aufschreien sollen. Hinzu kamen die Fragen der Kinder, wenn sie aus der Stadt zurückgekehrt waren, die immer bohrender wurden. Sie waren so berechtigt, wie das Abschweifen im Antwortgeben oder das stumme Achselzucken unberechtigt waren.

Es war die Zeit der fürchterlichen Erkenntnis, dass es in Deutschland nach dem ersten Krieg, wo sich die Menschen nach dem inneren und äusseren Frieden sehnten, so etwas gab, dass es Menschen gab, denen die fundamentalen Menschenrechte abgesprochen wurden, nur weil sie Juden waren. Als ob das ein kriminelles Vergehen war. Der gestiefelte Deutsche in Uniform hatte sich zu einem gefürchteten Monster ausgewachsen. Dieses Monster hatte sich von den Maßstäben der deutschen Kultur weit entfernt; es wurde von den arischen Mitbürgern, die den Mut noch hatten, den Verstand zu gebrauchen, zutiefst abgelehnt. Auch sie fürchteten sich vor seiner barbarischen Brutalität, weil sie von Monat zu Monat unsicherer wurden, dass auch sie eines Tages von ihm ergriffen würden.

Was sie auf den Straßen sahen und hinter verschlossenen Türen hörten, war entsetzlich. Gute Menschen und bewährte Freunde, die den Beweis erbracht hatten, ein Freund und Helfer in der Not zu sein, gingen nun mit dem Judenstern, wurden bespuckt und misshandelt, und man durfte ihnen nicht helfen. Das System entschied über wertes und unwertes Leben. Menschen, vor allem Kinder, die wegen geistiger Behinderungen in Heimen zusammengefasst wurden, bekamen im Rahmen des Euthanasieprogramms die tödliche Injektion. Geisteskranke in Sanatorien und psychiatrischen Abteilungen, denen die Unheilbarkeit testiert wurde, wurden auf die gleiche Weise “erledigt”. Die euthanasische Tötungsmaschine kam erst unter dem Druck der immer stärker gewordenen Proteste vonseiten der Kirchen zum Stillstand.

Es war an einem Mittwochmorgen. Eckhard Hieronymus Dorfbrunner war auf dem Wege zum Domkapitel, wo ihn Bischof Rothmann für elf Uhr zu einem Gespräch gebeten hatte. Die Frühlingssonne strahlte über den Platz. Die erste Wärme tat gut nach einem strengen Winter, der durch die Knappheit an Brennmaterial die Kälte in die Wohnstuben brachte, wo die Menschen Jacken und Mäntel überzogen, wenn sie sich zu Gesprächen oder Lesungen trafen oder sich zu den Mahlzeiten an die Tische setzten.

Die kleine Turmglocke hatte den Schlag getan, der das Ende der ersten Hälfte der elften Stunde angab, als Eckhard Hieronymus über den Platz ging. Er sah einen älteren Herrn im schwarzen Mantel auf sich zukommen, der den Davidstern links in Höhe des obersten Mantelknopfes trug. Der Gang war schwer, fast schlürfend, das Gesicht blass, von Falten durchzogen mit schlaffen Tänensäcken unter den Augen. Der Herr sah zu Boden, kurz bevor sie im Abstand von gut drei Metern aneinander vorübergingen. Eckhard Hieronymus, dem der Herr mit dem Tragenmüssen des Judensterns so leid tat, dass er Gott um Vergebung dieser deutschen Schande bat, war sich beim Anblick des vertrauerten Gesichtes nicht klar, ob es Dr. Weynbrand war, der Kinderarzt, der seine beiden Kinder, einmal beim Scharlach von Anna Friederike und das andere Mal bei Gräserallergie mit asthmatischen Anfällen von Paul Gerhard, erfolgreich behandelt hatte.

Als sie auf einer Linie waren, der eine in die eine Richtung, der andere in die entgegengesetzte Richtung ging, grüßte Eckhard Hieronymus den älteren Herrn, der mit dem Blick zum Boden zurückgrüßte. An der weichen Stimme, die aufgrund der diskriminierenden Ereignisse angebrochen war, erkannte er den Kinderarzt Dr. Weynbrand wieder. Sie sahen einander ins Gesicht und gaben sich die Hand, wissend, dass sie verbotene Dinge taten. “Ïch freue mich, dass wir uns noch einmal sehen”, begann Eckhard Hieronymus, worauf Dr. Weynbrand erwiderte, dass es wohl das letzte Mal sein werde. “Wie meinen Sie das?”, fragte Eckhard Hieronymus. “Wir haben die Mitteilung bekommen, dass wir unsere Sachen packen sollen und uns in fünf Tagen auf dem Bahnhofsplatz einzufinden haben. Von dort werden wir mit unseren Kindern und Kindeskindern abtransportiert. Wohin wir gebracht werden, genau wissen wir es nicht. Doch haben wir alle ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Man wird uns wohl mit Stumpf und Stiel ausrotten.”

Eckhard Hieronymus war fassungslos. Er versuchte ein passendes Wort zu finden und fand es nicht. Verquert und unpassend, er wusste es wohl, das Gefühl der Übelkeit stieg in ihm auf, als er dem Kinderarzt in das alt gewordene, sorgenzerfurchte Gesicht mit den trüben dunklen Augen sah: “Soll das heißen, dass Sie und die andern jüdischen Mitbürger Breslau verlassen?” “Ja, das heißt es; wir können uns hier nur noch verabschieden. Mehr können wir füreinander nicht mehr tun.” Dr. Weynbrand wunderte sich über das erstaunte Verhalten von Superintendent Dorfbrunner. Da gab er noch ein wenig Nachhilfe zur letzten Orientierung, wie weit es mit den Juden gekommen ist: “Bekommen Sie denn nicht mit, dass seit Wochen die Juden aus allen Ecken Schlesiens und wahrscheinlich aus dem ganzen Reich zusammengetrieben und in verschlossenen Güterwaggons nach Osten transportiert werden. Es wird wohl das besetzte Polen sein, wo wir hingebracht und den Gerüchten zufolge in irgendwelche Lager gestopft und zu Tode behandelt werden.”

Eckhard Hieronymus befiel die Scham. Er schaute herunter auf die abgelaufenen Schuhe mit den ungleichfarbigen Schnürsenkeln des früher stets makellos gekleideten Kinderarztes, den die Kinder liebten, weil er immer lustig war, einen Scherz für sie auf Lager hatte und ihnen Süßigkeiten gab, als diese in den Geschäften nicht mehr zu kaufen waren. “Das tut mir sehr leid, Dr. Weynbrand, was Sie da sagen. Es ist für mich unfassbar.” “Für mich ist es auch schwer vorstellbar, dass Menschen mit Kultur so etwas fertigbringen. Was für mich dabei so schmerzhaft ist, ist die Tatsache, dass die Menschen, die davon wissen, sich in Schweigen hüllen und es geschehen lassen, als wäre das in Ordnung. Ich darf ihnen sagen, dass Sie der Erste sind, der mich als Jude mit dem gelben Stern grüßt. Dafür danke ich ihnen. Die vielen Männer und Frauen, die über viele Jahre mit ihren Kindern in die Praxis kamen, gehen an mir vorüber, als würden sie mich nicht kennen. Dabei gab es schwerkranke Kinder unter ihnen, denen ich mit viel Mühe das Leben rettete.”

“Das tut mir alles so leid”, wiederholte sich Eckhard Hieronymus, weil er das Ausmaß der Tragödie zu ahnen begann und sich scheute, es in Worte zu fassen, was sich düster in seinem Kopf zusammenballte. “Herr Dorfbrunner”, fügte Dr. Weynbrand hinzu, “was für mich unbegreiflich ist, ist die Konsequenz, dass sich die Deutschen mit einer Schuld beladen, an denen viele Generationen noch zu tragen haben. Denn, wenn die Achtung vor dem Leben verloren geht, dann geht auch die Selbstachtung verloren, die nur solange da ist, wie der Mensch die Schöpfung mit der gehörigen Portion Gottesfurcht achtet. Da spielt es keine Rolle, ob jemand ein Christ ist oder nicht. Sie tun mir leid, wenn Sie den Menschen die Nächstenliebe predigen und zugleich wissen, dass die Menschen wegblicken und schweigen, was mit uns Juden passiert. Und das wissen Sie so gut, wie ich es weiß , dass wir Juden für Deutschland gearbeitet, gekämpft, gelitten und geopfert haben, so wie es alle Deutschen taten. Wir haben die deutsche Sprache und Kultur geliebt, haben unseren Beitrag zur deutschen Kultur geleistet, die in der Welt mit an der Spitze steht. Warum das nun mit uns passieren muss, bleibt eine unermessliche Tragik, die erst in ferner Zukunft, wenn überhaupt, begriffen werden wird. Denn das Opfer, das wir Juden für Deutschland zu bringen haben und bringen werden, das auch unser Deutschland war, ist so beispiellos, wie die Forderung nach einem solchen Opfer und das im höchsten Maße grausame System, wie wir umzubringen sind, beispiellos in der Geschichte der Menschheit ist.”

Eckhard Hieronymus schwieg, spürte, wie die Worte hammerschlagartig auf das Hirn einschlugen, hob seinen Blick von den abgelaufenen Schuhen mit den ungleichfarbigen Schnürsenkeln langsam nach oben, fuhr die Mantelknöpfe von unten nach oben ab, sah auf den gelben Judenstern und schließlich in das blasse, sorgenzerknitterte Gesicht mit den schlaff herabhängenden Tränensäcken und die von unendlicher Trauer getrübten Augen. Er wiederholte sich abermals (und sollte es unendliche Male später weiter tun), als er mit leiser Stimme sagte: “Das tut mir alles so leid.” Ihm zitterte die Hand, die er dem Kinderarzt zum Abschied reichte, der in fünf Tagen mit so vielen anderen Juden in den Osten zur “Judenlösung” abtransportiert würde. “Möge Sie Gott segnen und ihnen und den vielen, die mit ihnen gehen, in der größten Not beistehen. Ich werde für Sie beten”, nach einer Pause, das Unbegreifliche zu begreifen, was er nicht begreifen konnte, sagte er weiter: “beten werde ich für Sie mein ganzes Leben lang.”

Dr. Weynbrand bedankte sich für diese Worte, und während sie sich die Hände gaben, wobei Eckhard Hieronymus die Magerkeit der anderen Hand in seiner fühlte und auf sich als unbeschreibliches Mahnmal einwirken ließ. Da schloss der Kinderarzt die letzte Begegnung mit den Davidversen aus dem 56. Psalm: “Ich will Gottes Wort rühmen, rühmen will ich des Herren Wort. Auf Gott hoffe ich und fürchte mich vor den Menschen nicht, denn sie können meiner Seele nichts tun.” Dafür bedankte sich Eckhard Hieronymus. Er verneigte sich vor dem Kinderarzt, der ihm, weil er etwas kürzer war, schräg nach oben ins Gesicht sah. Sie lösten die Hände und gingen auseinander, der eine in eine ungewisse Zukunft voller Schrecken, der andere in die Gewissheit des Todes.

Eckhard Hieronymus hatte sich um einige Minuten verspätet. Bischof Rothmann wartete auf ihn. Er saß hinter seinem Schreibtisch, als Eckhard Hieronymus an die Tür klopfte und nach dem “Herein!” den großen Raum betrat. Der Bischof war alt, sein Gesicht schmal geworden, das von Sorgenfalten durchzogen war. Er stand nicht mehr weit vor der Pensionierung. Er erhob sich und begrüßte Eckhard Hieronymus in einer herzlichen Weise, wie er es immer tat, wenn sie zusammen kamen. “Setzen wir uns wieder in die Ecke!”, sagte er mit leicht erregter Stimme und wies auf den niedrigen Klubtisch mit den vier Polsterstühlen hin, die auf der anderen Seite des Raumes, dem Schreibtisch gegenüber, standen.

Der Bischof sah Eckhard Hieronymus länger als sonst an, weil ihm die innere Unruhe auffiel, in der sich Superintendent Dorfbrunner befand beziehungsweise bewegte. “Geht es ihnen nicht gut, lieber Kollege Dorfbrunner?”, fragte er nach einer Weile des anschauenden Schweigens. Eckhard Hieronymus sah auf seine Hände, die auf den Schenkeln ruhten, und bemerkte das feine Zittern der Finger, das er nicht unter Kontrolle brachte. “Herr Bischof”, antwortete er auf die Frage, “ich muss mich entschuldigen”, der Bischof unterbrach ihn, “Sie brauchen sich doch nicht entschuldigen, lieber Kollege!” “Doch für meine Aufregung muss ich mich entschuldigen, weil sie hier fehl am Platz ist, wenn Sie mit mir sprechen wollen.” Der Bischof sah ihn fragend mit einem milden Lächeln an, um Eckhard Hieronymus zu beruhigen, ihn innerlich zu stärken, ihm wieder auf die Beine zu helfen. “Was ist denn passiert, lieber Dorfbrunner?” Eckhard Hieronymus erzählte von der Begegnung mit dem Kinderarzt Dr. Weynbrand auf dem Domplatz, der von den Judentransporten in den Osten und davon sprach, dass er sich mit den Kindern und Kindeskindern und den noch verbliebenen Breslauer Juden in fünf Tagen auf dem Bahnhofsplatz einzufinden habe, wo sie mit dem Handgepäck der letzten Habe in Güterwagen verladen und in den Osten gebracht werden.

Der Bischof machte ein ernstes Gesicht, weil auch er gegen die Unmenschlichkeit der Nazis war, aber dagegen nichts tun konnte und auch nichts tat. “Ës ist eine fürchterliche und zutiefst bedauerliche Geschichte”, setzte der Bischof dazwischen, “ich begreife nicht, dass Menschen dazu fähig sind, anderen Menschen so ein Leid zuzufügen. Wo ist die deutsche Kultur hingeraten, dass so etwas möglich ist?”

Dieser Frage setzte Eckhard Hieronymus die zweite Frage hinzu: “Wo ist das Christentum, wo sind die Christen, wo ist die Hilfe, das Helfenwollen, wenn Menschen in größter Not sind? Es sind doch unsere Nachbarn, unsere Nächsten, Menschen, mit denen wir über Generationen friedlich zusammen lebten, die ihren Beitrag zum Zusammenleben und zur deutschen Kultur gebracht haben, die nun auf die grausamste Weise misshandelt und in Lager irgendwo im Osten, Dr. Weynbrand sprach von Lagern im besetzten Polen, gebracht und mit größter Wahrscheinlichkeit umgebracht werden. Warum schweigen die Christen, warum schweigen wir, anstatt unseren Nächsten zu helfen, gegen die Unmenschlichkeit zu protestieren, das System des Bösen vor uns und der Welt mutig an den Pranger zu stellen? Müssen wir uns nicht schämen, wenn wir da schweigend zusehen oder einfach wegsehen?”

Nun war die Blässe auch auf dem Gesicht des Bischofs, der in ein längeres Schweigen verfiel, als gäbe es auf die Fragen keine Antwort, zumindest solange keine, wie er der Bischof von Breslau war. Dann setzte er vorsichtig, ja mit größter Zurückhaltung an: “Lieber Dorfbrunner, ich verstehe ihre Gewissensnot gut, denn auch ich leide seit Monaten unter dieser Not. Aber sagen Sie, was können wir als Kirchenmänner gegen diese Barbarei und für die armen Menschen tun, die nun in den Osten geschafft und, wie Sie schon andeuteten, mit großer Wahrscheinlichkeit umgebracht werden und dabei einen qualvollen Tod erleiden. Auch ich habe die armen Kinder vor Augen und ihre Schreie im Ohr, wenn sie von ihren Müttern getrennt und vor deren Augen getötet werden. Sagen Sie, was können wir dagegen tun, diese Barbarei zu stoppen? Fällt ihnen dazu etwas ein?”

“Zumindest sollten wir als Kirchenmänner nicht wegsehen, was vor unseren Augen geschieht, und auch nicht schweigen zu dem, was wir da sehen. Darum sind wir doch Kirchenmänner geworden”, fuhr Eckhard Hieronymus fort, “um aus dem Glauben an Gott das Böse anzuprangern. Denn nur mit der Kraft des Glaubens können wir doch vor der Gemeinde stehen und ihr das Wort Gottes verkünden. Wir selbst müssen doch glaubwürdig vor Gott wie vor uns und vor der Gemeinde sein. Wir dürfen da keine Angst haben, müssen vielmehr die Furcht vor der Welt überwinden.

Wie sagt doch Paulus im Römerbrief (14. Kapitel): “Darum schaffet, dass nicht verlästert werde, was ihr Gutes habt. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott gefällig und den Menschen wert. Darum lasset uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Auferbauung untereinander.” Nehmen wir uns diesen Apostel als Vorbild, sprechen wir vor der Gemeinde die Wahrheit, beten wir für die Menschen in Not aufrichtig und mit ganzem Herzen. Tun wir das, was wir tun können und als Kirchenmänner tun sollen.” Darauf sagte der Bischof: “Dann sitzen auch wir in den Kellern der Gestapo, werden von den Nazis auf deren Weise verhört und mundtot gemacht. Wer uns in unsere Stellungen folgen wird, werden dann Leute sein, die vom Reichsbischof vorgeschlagen werden. Dann haben sie Prediger mit dem Parteiabzeichen gleich auf den Kanzeln. Damit wäre der Gemeinde nicht gedient. Dazu kommt, dass ich mich nicht mehr stark genug fühle, um den Kampf mit den Nazis aufzunehmen beziehungsweise durchzustehen. Ich bin erschöpft und stehe vor dem Ruhestand.”


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