Читать книгу Gewaltlosigkeit und Klassenkampf - Herbert Meißner - Страница 6
ОглавлениеVorbemerkung
In den antikapitalistischen oder auch kapitalismuskritischen Strömungen und Gruppierungen, die in ihrer Gesamtheit das linke Spektrum politischen Denkens repräsentieren, wird viel nachgedacht über Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung und über die Wege zu einer neuen Gesellschaft. Dabei besteht Einmütigkeit darüber, dass dies harter politischer Auseinandersetzungen bedarf. Zugleich wird vielfach Gewaltlosigkeit angemahnt. Aber im Raum stehen viele Fragen. Sind diese Auseinandersetzungen noch Klassenkampf? Ist Klassenkampf mit Gewaltlosigkeit vereinbar? Kann Gewaltlosigkeit erfolgreich sein gegenüber einer administrativ, polizeilich und militärisch hochgerüsteten Staatsmaschinerie mit Gewaltmonopol? Welche Unterschiede gibt es bei diesen Vorgängen in verschiedenen Ländern und sogar Kontinenten? Wie steht es heute um die Behauptung von Karl Marx: »Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.« [➚1]? In welcher Beziehung steht die heutige Forderung nach Gewaltlosigkeit zu dieser marxschen These? Welche Lehren aus der Geschichte sind beim weiteren Vorgehen in diesen Prozessen zu berücksichtigen?
Über diese und ähnliche Fragen wurden die nachstehenden Überlegungen angestellt. Sie enthalten nicht die Lösung der Probleme, sondern deren Beschreibung. Vermutlich wird nicht jeder Satz und jede Aussage akzeptiert werden. Es ist sogar zweifelhaft, ob dies für einen Autor wünschenswert sein kann, würde doch dann jede weitere Diskussion überflüssig. Aber dass die Problemstellung und Problembeschreibung als sinnvoll anerkannt werden, ist allerdings zu hoffen. Diese Überlegungen öffentlich zu machen, soll zum Mitdenken und Weiterdenken anregen und damit vielleicht nicht nutzlos sein.
↑1Karl Marx, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23, S. 779