Читать книгу Malekh - Herbert Weyand - Страница 4
Kapitel 3
ОглавлениеEr schlug die Augen auf. Etwas war anders. Klar, der erste Adventssonntag. Aber, das war es nicht. Irgendwer war im Haus, der nicht hierher gehörte. Er schüttelte die Ahnung, mehr war es nicht, ab und ging ins Badezimmer.
»Sakekadey. Da bist du ja, du Penner.« Malekh saß am Tisch, als er in die Küche kam. Sie sah aus, wie … na ja, damals.
Hubert stand einige Sekunden erstarrt, während die Erinnerung einsetzte. Richtig. Einhundert Tage seines Lebens. Die Bekloppte war wieder da.
»Verschwinde«, sagte er barsch. »Du bist kein Engel, sondern eine Betrügerin. Von hundert Tagen war die Rede, nicht von vier Jahren.«
»Stell dich nicht so an. Wenn ich nicht so großzügig wäre, müssten es fünf Jahre sein. Du kannst nicht rechnen.« Sie lächelte zuckersüß. Malekh trug dasselbe Kleid, wie beim letzten Mal. »Ich freue mich übrigens, dich zu sehen.«
»Ich nicht«, brummte er. Er war sauer darüber, dass sie und ihre Helfer ihm die Begegnung, faktisch aus dem Gehirn gelöscht hatten.
»Schade«, meinte sie, keineswegs enttäuscht. »Wir haben bis zum Heiligen Abend Zeit.«
»Wo wirst du wohnen?«, fragte er.
»Hier.« Ihre Handbewegung umfasste das gesamte Haus.
»Du bist bekloppt.« Er schüttelte vehement den Kopf. »Das schminke dir ab.« Außerdem brauchte er vorrangig eine Tasse Kaffee und Ruhe.
Sie beobachtete wortlos, wie er das Frühstück richtete. Erst nach der zweiten Schnitte Brot mit Erdbeermarmelade, und das dritte Glas Milch fragte sie: »Geht es dir gut?«
Er nickte. »Falls du mir die Erinnerung gelassen hättest, wahrscheinlich besser.«
»Ich sehe, was ich tun kann.« Sie sah ihn mitleidig an.
»Ich bin nicht behindert«, fauchte er und sprang auf. »Du bekommst das Gästezimmer ... unter Protest. Einige Regeln«, er baute sich vor ihr auf. »Du ziehst dir vernünftige Klamotten an und läufst nicht halb nackt hier herum. Ich will meine Ruhe. Du bist also unsichtbar. Wir können zusammenarbeiten, wenn du mir meine Erinnerung lässt ... ansonsten scher dich zum Teufel.« Er wischte imaginäre Haare aus dem Gesicht.
»Den musst du aus dem Spiel lassen.« Ihr Gesicht bekam einen ernsten Ausdruck. »Nur, weil du nichts von mir wusstest, hast du die Begegnung mit ihm ungeschoren überstanden. Du besitzt nicht die Möglichkeiten, ihm gegenüberzutreten.« Sie stand langsam auf und war sich durchaus der Wirkung ihrer Bewegungen bewusst.
*
»Bist du verrückt?«, schrie Hubert, als er den Schlag bekam. »Hast du noch alle Tassen im Schrank.« Er flog von der Tür durch die Wand neben dem Kamin. Wütend sprang er auf, schüttelte die Erde ab und erstarrte. Er stierte mit irrem Gesichtsausdruck auf Malekh, die ihn mit gleichem Mienenspiel beobachtete. Tatsächlich stand er einen halben Meter im Hügel und wagte nicht, sich umzudrehen. Zwischen seinen Schulterblättern zog Spannung auf, in Erwartung eines Monsters, das ihn packte. Steifbeinig schob er den Dreck beiseite und trat zwei Schritte in die Kate zurück. »Was ist hinter mir?«, fragte er, unfähig sich umzusehen.
»Ein Loch«, flüsterte sie, wobei der Schalk in ihren Augen glimmte. »Ein tiefes, großes schwarzes Loch«, fuhr sie mit hohler Stimme fort.
»Hör auf mit dem Stuss.« Er sah mittlerweile auf die Bescherung, eine Öffnung in den Berg. Das Licht reichte circa einen Meter in den mannhohen Gang. Dahinter lag Dunkelheit. »Und jetzt?«, wollte er wissen.
»Wir laufen weg?«, fragte sie ironisch. Malekh drückte ihn zur Seite. Sie trug Jeans, die er ihr besorgt hatte und ein weites kariertes Hemd, das ihm gehörte. Sie bot einen höchst erfreulichen Anblick. Anfassen war jedoch verboten. Vorhin wollte er sie lediglich beiseiteschieben. Das Ergebnis davon schauten sie gerade gemeinsam an. »Ich gehe da hinein.«
»Warte. Ich hole eine Taschenlampe.«
Hubert verdaute Malekhs neuerliches Erscheinen nur langsam. Er stand fast in der gleichen Situation, wie am Heiligen Abend des vergangenen Jahres. Sie brach in sein Leben ein und er besaß nicht die Möglichkeiten, etwas entgegenzusetzen. Mehr als Wut und Resignation blieben ihm nicht.
Deshalb setzte er ihre Idee, zur Kate zu gehen, sofort um. Auf dem kurzen Weg dorthin wollte er seine Gedanken ordnen. Er mochte nicht daran denken, wie alles wieder über ihm hereinbrach. Das Gefühl der Ohnmacht, die Gewissheit verrückt zu werden und die Freude, Malekh wiederzusehen. Er spürte wieder das Flirren von Elektrizität in der Luft, wie so häufig in den letzten Monaten.
Jetzt leuchtete er den fast fünf Meter langen Gang aus. Das Licht verlor sich dahinter in der Ferne.
Hubert war darauf gefasst, jeden Moment von einem Monster gepackt zu werden. »Verdammte Kacke. Ich gehe keinen Schritt weiter.« Voller Ekel drückte er Spinnweben, so dick und dicht, wie eine Wolldecke, beiseite.« Er wollte nicht hinter Malekh zurückstehen und folgte mit hochstehenden Härchen auf dem Körper. Die blöde Kuh hat es viel einfacher als ich, ging ihm durch den Kopf. Sie ist ein Engel und ihr kann nichts geschehen. Sein Vorwärtsgang wurde abrupt gestoppt, denn er lief auf seine Begleiterin auf. Er sprang zurück, um nicht wieder einen Schlag zu bekommen. »Was ist los?«, flüsterte er.
»Eine Türe.« Dicke grob gezimmerte Bohlen versperrten den weiteren Weg.
»Gut«, sagte er erleichtert. »Lass uns umkehren.« Angst fraß an ihm.
»Du Weichei.« Sie kicherte. »Natürlich gehen wir weiter.«
Trotz aller Bedenken huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Sie war ein Kind auf Abenteuertour und riss ihn mit. Dabei missachtete sie jede Sicherheitsregel, sofern es eine gab.
Malekh hantierte an dem schweren Riegel, der auf der linken Seite in der Wand des Ganges anschlug. Der Schieber rutschte leicht zurück und die Tür schwang wie von Geisterhand auf. Sie sahen in einen weiteren Gang, der jedoch nach wenigen Metern an einer Treppe endete. Die Stufen bestanden aus trockenem Lehmboden und zogen sich, so weit das Licht reichte, in die Tiefe.
»Da gehen wir aber jetzt nicht runter«, meinte Hubert besorgt. Trotzdem folgte er. Dabei fuhr er mit den Händen durch die Haare und durchs Gesicht, um imaginäre oder tatsächliche Krabbeltierchen zu entfernen. Im Treppenabgang hingen weder Spinn- noch Staubweben. Die Umgebung wirkte klinisch rein. Hubert fuhr mit den Fingern über die Wände, die eine, ihm unbekannte Glasur bedeckte. In regelmäßigen Abständen stützten unbehandelte, schenkeldicke Baumstämme Decke und Tunnelwandung. Die Treppe verlief in einen sanften Bogen. Noch vier Stufen und sie ständen auf dem Boden.
Malekh stockte kurz und machte die wenigen Schritte nach unten. Gleißende Helligkeit brach über sie herein.
»Verdammt. Mach das Licht aus. Es brennt mir das Gehirn aus dem Kopf.« Hubert schrie und presste die Hand auf die Augenlider. Doch er merkte schon, wie die Lichtfülle nachließ.
»Das ist ein Ding.« Malekh zeigte nach vorn, in ein kuppelartiges Gewölbe, dessen bogenförmige Decke, etwa fünfzehn Meter in der Höhe, auf einem Punkt zusammenlief.
Am Fuß der Stufe folgten Tischreihen dem kreisförmigen Verlauf der Außenwand. Sie liefen in einer Spirale zur Mitte, unterbrochen von schnurgeraden Gängen zur gegenüberliegenden Wand. Dadurch entstand ein strahlenförmiges geometrisches Muster.
In der Mitte thronte ein Rührwerk für das, was immer hier hergestellt werden mochte. Nicht aus glänzendem Edelstahl, sondern ein riesiger emaillierter Topf mit gusseisernen Knethaken. Über Walzen liefen breite Lederbänder, die von großen Schwungrädern angetrieben, die Kraft in das Rührwerk transformierten. Am Boden des Behältnisses wurde der Teig, wie bei Spritzgebäck aus einem Fleischwolf, herausgedrückt. Die Stränge liefen auf schmale Gummibänder zu den Arbeitsplätzen, die sich endlos durch die Halle zogen. Die Anlage wurde von Menschenkraft, oder waren es Engel?, angetrieben. An jedem Band stand ein Fahrrad ähnliches Gestell. Anstatt des Hinterrades lief ein Treibriemen auf ein Getriebe und trieb das Gebäck an den Arbeitern vorbei.
Welch eine Plackerei, dachte Hubert und sah die armen schwitzenden Leiber vor seinem inneren Auge.
Rundum, in den Wänden, deuteten bogenförmige Einschnitte auf weitere Zu- oder Ausgänge. Hubert zählte sechzehn. Über allem hing der Ring mit den Lichtquellen. Wie bei einer umgedrehten Hochzeitstorte, stuften in drei Etagen hunderte Leuchter.
»Die verlorene Weihnachtsbäckerei«, flüsterte Malekh.
»Die Weihnachtsbäckerei habe ich mir stimmungsvoller vorgestellt«, murmelte er.
»Klar. Du hast ja auch keine Ahnung, was für eine scheiß eintönige Arbeit, es ist, hier monatelang dieselben Muster aus dem Teig zu stechen.« Malekhs Handbewegung in den Raum drückte aus, was sie von ihm hielt.
»Eben deshalb.« Die Frau ging ihm auf den Keks. Sie raubte ihm jede romantische Vorstellung vom Weihnachtsfest. Vor ihnen lag eine vorsintflutliche Massenproduktionsanlage. Der dezente Geruch von Anis, Zimt und anderen Gewürzen lag noch in der Luft. Obwohl, wer weiß, wie lange, an diesem Ort nichts mehr hergestellt wurde. Er schritt nach unten und strich mit den Fingern über den Tisch, der am nächsten stand. Er trug einen ratlosen Ausdruck im Gesicht. »Malekh. Sag mir bitte, dass ich träume.« Seine Augen ruhten riesengroß auf ihr.
»Stell dich nicht so an. Was kann bedeutender für dich sein, als mir zu begegnen. Bei einem Engel bleibst du relativ cool ... und jetzt willst du aussteigen?« Sie schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Irgendwo wird ein Büro sein. Vielleicht finden wir das Rezept. Dann bist du zumindest mich los.«
»Eine verlockende Vorstellung.« Er grinste. »Eine Frage: Du sprachst von der verlorenen Weihnachtsbäckerei?«
»Klar. Aufgegeben, geschlossen ... verstehst du?«
Er nickte. »Dann los. Weißt du, wie wir ins Büro kommen?«
»Keine Ahnung. Wir müssen suchen. Gib mir deine Hand.« Sie führte ihn nach links vom Eingang und zeigte auf die Einlässe in der Wand. »Mit einem müssen wir anfangen.«
»Wir nehmen die Treppe dort.« Er zeigte auf eine schmale Stiege, die neben einem Stollen zu einer Plattform führte. Er sah Malekh unsicher an. »Weißt du, was du tust?« Sie fühlte sich an wie ein Mensch. Doch er sagte nichts. Möglicherweise bekam er wieder einen Schlag.
»Natürlich nicht du Blödmann. Ich bin zum ersten Mal in einer solchen Bäckerei.« Sie besaß tatsächlich nicht den Schimmer einer Ahnung. Was sie Hubert bisher verschwieg, verschweigen musste, war, dass das Engeldasein keine lustige Angelegenheit war. Sie lebte in einer Gemeinschaft mit festen unauslegbaren Regeln. Ihr Dasein beschränkte sich auf einen kleinen Bereich, in dem sie das ausführte, was ihr aufgetragen wurde. Ihre Aufgabe umfasste die Zuarbeit aller Aspekte zur Organisation des Weihnachtsfestes. Ein öder Job, weil seit Jahrhunderten dokumentiert. Man konnte nichts falsch machen. Um der Langeweile zu entkommen, las sie Geschichten über gefallene Engel, die seit einiger Zeit kursierten. Sie wurde erwischt. In der anschließenden Krisensitzung diskutierte der Ausschuss für Werteeinhaltung, eine angemessene Maßregelung. Sie wurde mit der schlimmsten Strafe bedacht, die vorstellbar war. Sie musste einhundert Tage, wie ein gefallener Engel auf der Erde leben. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Plätzchenproduktion unrund lief, weil die Rezepte ausgingen. Ihre Bereichsleiterin setzte noch einen darauf, in dem sie ihr auftrug, das verschollene Plätzchenrezept zu suchen. Als besonderen Zusatz ihrer Maßregelung musste sie einen Menschen finden, der diese Aufgabe, mit ihrer Anleitung und Begleitung, übernahm. Für die Vorbereitung bekam sie drei Tage Zeit. Bei der Planung unterlief ihr der Fehler, der sie mit Hubert zusammenbrachte. An und für sich sollte zu diesem Zeitpunkt die tatsächliche Zielperson mit ihrem Dackel Edgar dort vorbeikommen. Eine Frau namens Claudia Plum, die aufgrund ihrer Tätigkeit bei der Kriminalpolizei, eine wirkliche Hilfe gewesen wäre. Wenn es nicht so blöd wäre, würde sie an einen Schutzengel glauben, der ihr half.
Hubert entpuppte sich als wahrer Glücksfall. Der Typ saß wahrhaftig auf der Bäckerei und wusste es nicht. Unwillkürlich kicherte sie und warf einen Blick auf ihn. Natürlich, der Schisser stand starr und steif neben ihr.
Der Trick, den sie, vor denen, die über sie richteten, anwandte, war einfach genial. Mit Grausen dachte sie an diesen Moment. Das Strafmaß erschreckte sie. Doch, noch während sie dem Tribunal gegenübersaß, suchte sie einen Ausweg. Sie strebte nicht danach, die Sicherheit ihres Bereiches zu verlassen. Über gefallene Engel zu lesen war etwas anderes. Einhundert Tage. Wer wusste, was in dieser Zeit geschehen konnte? Jetzt verbrachte sie einen Monat mit der Suche nach dem Rezept. Und das streckte sich über drei Jahre. Die restliche Zeit lebte sie ihr Leben. Die Engel wollten ihr daraus einen Strick drehen. Egal.
Sie unterbrach den Gedankengang und orientierte sich. Die Treppe führte unentwegt nach oben. Unmerklich rückten sie mit der Bewegung nach innen. Also stiegen sie an der Außenwand entlang.
»Wir scheinen da zu sein«, flüsterte sie mit belegter Stimme.
»Das ist Wahnsinn«, stöhnte Hubert, der bisher schwieg. »Ich krieg es nicht in meinen Kopf.«
Vor ihnen lag ein breiter Gang, der circa fünfzig Meter in den Berg reichte. Rechts und links sahen sie altmodische Türen mit aufgebrachten Kassetten. Wahrscheinlich die Administration.
»Ich gehe keinen Schritt weiter, bevor ich nicht weiß, was geschieht.« Ihm wuchs eine steile Falte auf der Stirn. Er setzte sich auf den Boden, der mit einem Material belegt war, das er nicht kannte. Dazu ließ er ihre Hand los und erschreckte sie damit mehr, als wie sie, vorhin, ihn.
»Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung.« Sie sah auf ihn hinunter, mit verwundertem Ausdruck in den Augen. Die Verbindung der Hände gab ihr Sicherheit. Dessen wurde sie sich bewusst. »Weißt du, wie lange diese Bäckerei verschollen ist?«, fragte er rhetorisch.
»Seit ich denken kann.«
»Vier, fünf Jahre?« Er schmunzelte. Sie übertrieb immer so.
»Du bist ein Arschloch«, fauchte sie. »Wir sind in eine üble Sache gestolpert, wenn in dem, was erzählt wird, ein Körnchen Wahrheit liegt. Dazu muss ich dir noch etwas erklären.« Sie sah auf ihn hinunter. »So ein Betrieb ist nicht leicht zu organisieren ...«, sie reichte ihm wieder die Hand und zog ihn hoch, »vor allem nicht, wenn Urian beteiligt ist.«
»Verdammt. Was hat der Teufel damit zu tun?« Er fasste sie bei den Schultern ungeachtet der möglichen Folgen.
»Hier wird mit Feuer gearbeitet. Im unteren Drittel dieser Anlage stehen die Backöfen. Damit haben wir nichts zu tun.« Sie stieß mit dem Finger gegen seine Brust. »Das rührt alles von dem Streit damals.«
»Was für ein Streit?« Das Weib machte ihn wahnsinnig.
»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die sich gezankt haben.« Sie versuchte einen treuherzigen Augenaufschlag, um ihn abzulenken.
Hubert ließ sie stehen und strebte auf die schwere Bohlentüre zu, die sich von den anderen unterschied. Sie lag fast am Ende des Ganges. Er fasste den klobigen Griff und sie schwang lautlos auf. Ein Archiv. Zumindest ließen das die unzähligen Papiere in den Regalen vermuten.
Der Tisch in der Mitte bestand aus zwei Hälften eines dicken Eichenstamms. Sieben mal vier Meter maß die schmucklose, doch edle, Arbeitsplatte, deren Oberfläche einen glatten Schliff auswies. Speckige Stellen zeigten mehrere Arbeitsplätze um die riesige Platte.
Neben Pergamenten, Lederrollen, Papyrus und Materialien, die er nicht kannte, fand er über die gesamte Fläche verteilt, zeitgenössisches Papier. Dicht beschrieben, in unterschiedlichen Stilen von Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Hubert konnte das beurteilen, weil er nach seinem Maschinenbaustudium noch Geschichte belegte. Das Ambiente passte nicht. Angeblich befand er sich in einem seit ewigen Zeiten verschollenen Komplex. Und dann … Papier, das maximal sechzig Jahre auf dem Markt war. Die Situation wuchs ihm über den Kopf. Sein Leben veränderte sich stündlich, ohne, dass er Einfluss darauf nehmen konnte. Vielleicht gaben die Texte Aufschluss darüber, was insgesamt geschah. Die Schriftstücke und Zeichnungen lagen nicht chronologisch geordnet. Teils in lateinischer Sprache, so viel konnte er ausmachen, teils in unbekannter Schrift verfasst. Doch er wusste, dass sie nichts finden würden. Die Informationen, die er während des Jahres sammelte, stimmten in einem überein: Die Bäckerei wurde aufgrund einer fehlenden Zutat geschlossen. Dennoch ... vielleicht wurde etwas Wichtiges übersehen?
»Das ist engelisch.« Sie sah über die Schulter und tippte auf ein Blatt mit Krakeln und Kreisen. Es sah aus, wie ein Stück Papier, auf dem jemand in Langeweile herumgemalt hatte. »Aber das Plätzchenrezept ist nicht dabei.«
Sie sagte es so bestimmt, dass er nicht daran zweifelte. Ihm lagen einige Fragen auf den Lippen, die er sich verkniff. Was …, wenn sich herausstellte, dass sie lediglich auf der Jagd nach einem Haschrezept waren?
»Du sprachst vorhin von Urian. Der heizt also, klassisch der Teufel, die Öfen?« Hubert lehnte gegen die Arbeitsplatte und musterte die Wände, an denen Bilder hingen, die Szenen aus dem Backalltag dieser Anlage zeigten. Insgesamt wirkte der Raum, mit schweren Ledermöbeln, die zu Gesprächen oder zum Studieren einluden, gemütlich.
»Ich musste ein Synonym finden, das du verstehst.« Sie lächelte fast entschuldigend. »Stelle dir vor, ich hätte mich als Abgesandte eines Unternehmens vorgestellt, die Industriespionage verhindern soll … hättest du mir geglaubt?«
Hubert machte eine wegwerfende Handbewegung und stieß sich ab. »Auf jeden Fall wäre es glaubwürdiger als ein Engel.« Er verließ den Raum. »Ich will jetzt hier heraus.« Die blöde Zicke machte immer neue Fässer auf, um ihn zu verwirren. In den vergangenen dreieinhalb Wochen klebte sie wie eine Klette an ihm. Sie konnte arbeiten. Das gestand er ihr zu. Durch seine Gedanken zogen flüchtige Bilder, wie sie in den Stadtarchiven wühlte und relativ schnell feststellte, dass hier nichts zu holen war. »Warte.« Er überlegte und ging zurück. »Zeichne mir einen Querschnitt des Hügels, damit ich eine Vorstellung bekomme.«
»Das bringt dir …«. Sein Gesichtsausdruck ließ sie stocken. »Also gut.« Sie fand einen Stift und zeichnete einen Kreis, den sie mit fünf waagerechten Linien unterteilte. »Im unteren Segment liegen die Backöfen.« Sie unterbrach, als sie seine Skepsis bemerkte. »Ich weiß. Nach deinem Verständnis sollten sie woanders liegen. Doch ich kann es nicht ändern.« Sie fuhr den Außenkreis entlang. »Die Hülle besteht aus mehreren Wänden. Hierüber erfolgt die Wärmeableitung, bis in den Kamin, der sich dort befindet.« Sie flachte die obere Kuppel ab und kräuselte Linien, die wohl Rauch bedeuteten.
»Und das Feuer holt ihr aus der Erde?«, fragte er höhnisch.
»Genau. Du verstehst schnell.« Sie musterte ihn arglos. Doch die Augen funkelten.
»Jetzt wirst du mir erklären, dass zum Beispiel, die erloschenen Vulkane in der Eifel, Weihnachtsbäckereien waren.« Er starrte sie fassungslos an, weil sie ihn für so blöd hielt.
»Woher weißt du das?« Mit einem Blick erkannte sie die Provokation. »Falls du die Maare meinst, muss ich dir recht geben.«
»Du hast einen Schatten.« Er stürmte aus dem Raum. »Wie komme ich hier raus?«
»Gut. Wir sehen die Papiere später durch.«
*