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Joachim von Dengern, alias Krause

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Während sich Dr. Wilhelm Clusius in seiner ganzen Art nicht sonderlich von anderen leitenden Polizeibeamten der Großstädte unterschied und seine erfolgreiche Laufbahn weniger irgendwelchen hervorstechenden Eigenschaften, als mustergültiger Pflichttreue, tadelloser Lebensführung und außerordentlichem Taktgefühl, bewiesen in peinlichen, in den vornehmsten Kreisen spielenden Affären, verdankte, glich Krause in keiner Weise den üblichen Kriminalunterbeamten, die man Detektive zu nennen pflegt. Und seine Karriere, seine Lebensgeschichte und sein Werdegang waren wohl ganz außerordentlicher Art. Aber sogar die wenigen Eingeweihten wussten von ihm nicht viel mehr, als dass Krause gar nicht Krause hieß, sondern dies nur ein von ihm angenommener Name sei, und dass es ihm nicht an der Wiege gesungen worden war, dereinst höchstpersönlich, nicht vom grünen Tisch aus, sondern mittelst Einsetzung aller Kräfte Verbrechern nachjagen musste. Genaues wusste im Roten Rathaus am Alexanderplatz eigentlich nur Dr. Clusius und weil er es wusste, so schätzte er diesen, mitunter höchst widerwärtigen Krause, sehr. Ganz tief im Inneren brachte er ihm eine Hochachtung und Bewunderung entgegen wie keinem anderen Menschen aus seinem Wirkungs- und Bekanntenkreis.

Krause war ein unglücklicher Mensch und hatte einen Knacks weg, von dem er sich nicht erholen konnte. Er hieß in Wirklichkeit Joachim von Dengern, entstammte einer wenig begüterten, aber um so vornehmeren Familie, hatte sein Einjährigenjahr2 bei den Gardekürassieren abgedient, war Reserveleutnant geworden und nach Erlangung des juristischen Doktordiploms und später des Referendarexamens in die Kanzlei eines der berühmtesten Berliner Rechtsanwälte, des Justizrates Rodenbach, eingetreten. Man war jung, hatte in Pommern einen Bruder Gutsbesitzer, der durch Heirat klotzig reich geworden war. Man lebte also ein bisschen, gab für nette kleine Mädchen mehr Geld aus, als man eigentlich durfte, pumpte von Zeit zu Zeit den um zehn Jahre älteren Bruder kräftig an, kam oft etwas verkatert und zu spät in das Büro oder zu Gericht. Kurzum, man lebte nicht schlechter als tausend andere junge Referendare, die ›von‹ sind, als nette, lustige Kerle gelten und gut daran tun, sich die Hörner abzustoßen, bevor es unter das Joch der Ehe und Würden geht.

Bis sich eines Tages Furchtbares und Unerwartetes ereignete. Justizrat Rodenbach hatte in einer Prozessangelegenheit von einem Klienten ein Depot von etlichen Millionen Mark in barem Geld erhalten. Diesen Betrag legte er in Gegenwart seines jungen Gehilfen, Dr. Joachim von Dengern, in den eisernen Kassenschrank, wobei er sagte, dass es eigentlich recht unvorsichtig sei, solche Summen zu behalten, umso mehr als der Kassenschrank veraltet sei und einem halbwegs gewiegten Einbrecher wenig Widerstand entgegensetzen wurde. Einer Bemerkung, der Joachim von Dengern pflichtschuldig beistimmte, nicht ohne zu denken, dass es gerade jetzt, da die Mittellosigkeit wieder einmal erheblich war, sehr schön wäre, einen Teil des Geldes zu besitzen. An diesem Tag gab es vielerlei Arbeit, manche, die nach Ansicht des Referendars hätte liegen bleiben können, nach der Ansicht des Justizrates aber unbedingt erledigt werden sollte. Joachim von Dengern musste tüchtig Überstunden machen und befand sich, nachdem der Justizrat sich ins königliche Opernhaus begeben und auch die anderen, weniger intensiv beschäftigten Herren fortgegangen waren, noch eine Stunde oder mehr allein im Büro. Er nahm daher, wie immer in solchen Fällen, die zweiten Büroschlüssel mit sich, nachdem er alle Türen ordentlich versperrt hatte, während der alte Bürodiener August, der schon frühmorgens zu kommen pflegte, die anderen Schlüssel besaß. Auch der Justizrat hatte natürlich Schlüssel bei sich.

Am anderen Tag fand Joachim von Dengern, als er nach durchzechter Nacht etwas bleich und zitterig den Dienst antrat, das Büro in chaotischem Zustand an. Furchtbares hatte sich ereignet! Der Kassenschrank war mittelst primitiver Instrumente aufgebrochen und seines kostbaren Inhaltes beraubt worden.

Dr. Clusius, damals noch gewöhnlicher Kriminalkommissar, führte die Untersuchung und wusste nach knapp einer Stunde genau Bescheid. Nur der Referendar Joachim von Dengern konnte der Täter sein! Er allein hatte von den Millionen im Kassenschrank gewusst, er war allein im Büro zurückgeblieben, er wusste genau, wo im Vorzimmer auf einem verstaubten Aktenschrank ein Werkzeugkasten stand, mittelst dessen Inhalt, wie einwandfrei nachgewiesen werden konnte, das Herausbrechen der Schlosszunge erfolgt war.

Außerdem: Dengern war verschuldet, hatte auf einen neuen Pumpversuch von seinem Bruder einen deutlich abwinkenden Brief erhalten, er führte überhaupt einen sogenannten liederlichen Lebenswandel. Kurzum, seine Verhaftung war gerechtfertigt. Wie sehr gerechtfertigt, erwies sich, als man ihn einer Leibesuntersuchung unterzog und in der Innentasche seines Stadtpelzes ein Bündel von Hunderttausendmarkscheinen fand. Unschwer wurde denn auch festgestellt, dass diese Tausendmarkscheine mit jenen übereinstimmten, die Justizrat Rodenbach am Tage vorher als Depot erhalten hatte.

Vergebens beteuerte Joachim von Dengern vor dem Untersuchungsrichter und später vor den Geschworenen, dass er keine Ahnung habe, wie die Tausender in seinen Pelz gekommen seien. Vergebens schrie er immer wieder: »Ich bin unschuldig!«

Das von Dr. Clusius erbrachte Beweismaterial war zu stark und Dengern wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein wenig hart, aber eines aufrechten, charakterfesten Mannes durchaus würdig, hatte sich in dieser Zeit der ältere Bruder Joachims angenommen, der auf einen jammervollen Brief, in dem Joachim bei dem Angedenken an seine verstorbenen Eltern und bei seiner Mannesehre seine Unschuld beschwor, nur die kernigen, lapidaren Worte zu erwidern wusste: »Belästigen Sie mich nicht mehr mit Zuschriften, die ich nur mit Ekel in die Hand nehmen kann. Ich habe keinen Bruder mehr! Mein Bruder ist an dem Tage gestorben, da er meinen Namen mit Schmach bedeckte!«

In den drei langen Zuchthausjahren, ein Jahr wurde ihm seiner guten Führung wegen geschenkt, klebte Joachim Dengern Tüten, band Gebetbücher ein und lernte, Ösen in Schuhoberteile zu machen. Und nebenbei dachte er am Tag bei der Arbeit und in der Nacht, wenn das Zuchthaus von den wüsten Träumen der gefesselten Menschen erdröhnte, nach. Immer dachte er an ein und dasselbe: Wie werde ich meine Unschuld erweisen, wie baue ich Tatsachen, Vermutungen, winzige Geschehnisse so auf und zusammen, dass sie dereinst meine Zeugen werden?

Im Kopfe setzte er, Papier erhielt er für solch alberne Dinge nicht, die Schrift zusammen, mit der er die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen sich beantragen wollte. Diese Schrift wurde immer umfangreicher. Es wurden schließlich hundert Seiten Maschinenschrift, die er jederzeit auswendig aufsagen konnte.

Als die drei Jahre um waren, hatte Joachim Dengern die Freiheit wieder, ein paar hundert ersparte Mark und allerlei wertvolle Gegenstände von früher, die er sofort verkaufte.

Nun entwickelte er eine Tätigkeit, die allein in ihrer Schilderung einen Roman bilden könnte. Er vertiefte sich in das Privatleben seines früheren Chefs, des Justizrates Rodenbach, wühlte sich Jahre zurück, umschlich die Frau, die Kinder, das Hausgesinde des Rechtsanwaltes, ermittelte, wohin der Trödler den altmodischen Kassenschrank verkauft hatte, den er nach der Affäre vom Justizrat billig bekommen hatte.

Er freundete sich mit dem kleinen Kaufmann an, der den Kassenschrank nun besaß, setzte sich durch Bestechung und List in den Besitz des Stemmeisens, mit dem damals die Schlosszunge herausgebrochen worden war. Er verkleidete sich als Botengänger, spielte die Rolle eines Versicherungsagenten auf Leben und Feuer. Dadurch lernte er die reizende Lolotte vom Elysiumtheater kennen. Er machte ihr einen Heiratsantrag, der angenommen wurde, spürte ihren Juwelen und deren Quellen nach, mietete mit dem Rest seiner Habe eine alte Kartenlegerin, die zu Lolotte gehen und ihr bestimmte Dinge prophezeien, aber auch bestimmte Angaben dabei entlocken musste.

Als er gerade noch fünf Mark besaß, erschien er eines Tages kreidebleich mit tausend Falten und Fältchen im Gesicht, grau in grau anzusehen, vor dem zum Chef der Kriminalpolizei aufgerückten Dr. Clusius. Er warf ihm ein Bündel mit hundertfünfzig Seiten Maschinenschrift auf den Tisch und schrie keuchend: »Verhaften Sie sofort den alten Schurken Rodenbach, der mich ins Zuchthaus stecken ließ, um seine eigenen Unterschlagungen zu verdecken.«

Danach fiel er in Ohnmacht.

Justizrat Rodenbach erschoss sich, bevor man ihm Handschellen anlegen konnte. Wenige Wochen später wurde im Schwurgerichtssaal in Moabit die Satzschrift des Joachim Dengern vorgelesen, durch hundert Zeugen auf ihre Wahrheit bestätigt. Das Ergebnis war, dass Joachim Dengern wieder Dr. Joachim von Dengern, von den Zuhörern bejubelt, von Zeitungen gepriesen und am meisten von Dr. Clusius bewundert wurde.

Außerdem erhielt er vom Staat, der sich an den Erben des Justizrates schadlos hielt, ein ganz ansehnliches Vermögen als Entschädigung für die unschuldig verbüßte Zuchthausstrafe und von seinem Bruder eine Depesche mit herzlicher Gratulation, die unerwidert blieb.

Joachim von Dengern aber war ein anderer geworden. Er zog sich in einen Vorort zurück, wurde menschenscheu, mied jedes Zusammentreffen mit früheren Freunden, trank viel und hastig, verbrauchte langsam, aber sicher sein Geld, bis er eines Tages durch Zufall in einem Weinrestaurant mit Dr. Clusius zusammenstieß.

Dieser, voll Beschämung über das seinerzeitige, so verhängnisvolle Irren, bat Dengern, ihm Gesellschaft zu leisten. Er erkannte den bedenklichen Gemütszustand des nun schon sechsunddreißigjährigen Mannes und sagte plötzlich, einer Eingebung folgend, wie sie mitunter auch ganz gewöhnliche Menschen überfällt: »Kommen Sie zu uns! Arbeiten Sie im Dienste der Polizei und der Gerechtigkeit! Sie haben ja bewiesen, dass in Ihnen der genialste Detektiv steckt, den es inklusive des Fatzkes Sherlock Holmes auf der Welt gibt!«

Und da war, zum ersten Mal seit vielen Jahren, ein Lächeln über das abgearbeitete Gesicht Dengerns geflogen und er hatte die dargebotene Hand mit festem Druck umklammert.

Seither war Dr. Joachim von Dengern unter dem Namen Krause als Vertragsbeamter im Dienste der Berliner Polizei tätig, und zwar mit einem Erfolg, der die kühnsten Erwartungen des Dr. Clusius und des Polizeipräsidenten übertraf. Seit fünf Jahren wurden ihm die schwierigsten, kniffligsten Fälle anvertraut, und soweit menschlichem Können keine Grenzen gesetzt waren, blieb ihm der Erfolg treu.

Die sensationelle Ermordung der Fürstin H. durch die eigene Tochter, die internationalen Banknotenfälschungen, bei denen es sich um Milliardenwerte handelte, die Eruierung der ›Grünen Brüder‹, unter welchem Namen eine internationale Einbrecherbande durch viele Jahre ungestört ihr Handwerk betreiben konnte … Diese und hundert andere Affären waren es, von denen die Eingeweihten flüsterten, wenn der Vertragsbeamte Krause grau in grau durch die Korridore des Polizeipräsidiums schritt.

Und dieser Krause wollte nun losgehen, um ein düsteres, aufregendes Massenverbrechen, das bald die Sensation ganz Deutschlands bilden sollte, aufzuklären.

Der Frauenmörder

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