Читать книгу Religion und Strafe - I. M. Rahimov - Страница 6

Оглавление

EINFÜHRUNG

Religion

Durch die sämtlichen heiligen Schriften zieht sich wie ein roter Faden die Belehrung des Allerhöchsten: „Oh, Volk! Besprich den Gegenstand und du wirst die Wahrheit erfahren!“ Dieses Gebot hat einen Bezug nicht nur zu wissenschaftlichen Problemen, sondern auch dazu, was uns Herr Gott nahebringen will, was er von den Menschen gefordert hat, an die die Schriften gerichtet sind. Deshalb müssen sowohl die Atheisten als auch die aufrichtig Gläubigen ebenso wie die Zweifelnden all die heiligen Schriften in- und auswendig kennen und nicht davor zurückschrecken, über umstrittene und mitunter unverständliche Stellen in den göttlichen Botschaften zu diskutieren. Mit so einem Herangehen können sich leider jene Religionsvertreter nicht ganz anfreunden, die in den tieferen Sinn vieler Gottesgebote nicht eindringen und die Erörterung solcher Fragen vermeiden, die den Menschen gewisse Schwierigkeiten bereiten. Das von uns untersuchte Strafproblem gehört gerade zu jenen Themen, bei denen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Religion die Ansichten und Herangehen in manchen Punkten auseinandergehen. Den rechtlichen und philosophischen Aspekten der Strafe gilt bekanntlich seit alters her großes Augenmerk. Leider lässt sich das Gleiche über das Verständnis dieses historischen Phänomens durch den Allerhöchsten in seinen Botschaften (im Alten und Neuen Testament sowie im Koran) nicht sagen. Eben das hat uns dazu veranlasst, die Institution Strafe in den Weltreligionen zu erforschen.

***

Gott, die heiligen Schriften und die Propheten (Moses, Jesus, Mohammed) waren schon immer Gegenstand verschiedener Erklärungen. In ausländischen Studien wird betont, dass in modernen Westgesellschaften erst vor kurzem sichere Prognosen über das Absterben von Religion im öffentlichen Leben gemacht wurden. Inzwischen hat sich jedoch die Situation offensichtlich und weitgehend überraschend gewandelt: die Religion nimmt heute einen wichtigen Platz sowohl innerhalb des Staates als auch auf internationaler Ebene. Deswegen halten wir die Erforschung des Phänomens Strafe unter dem Gesichtspunkt dessen Verständnisses in der Religion für hochaktuell. Aber jeder Forscher muss zuallererst die eigene Einstellung zu Gott, zu heiligen Schriften und zu Propheten klären, über die laut den Vertretern aller Religionen der Allerhöchste in verschiedenen Stufen der historischen Menschheitsentwicklung seine Anleitungen und Gebote an die Menschen geschickt hat. Manche haben bekanntlich sogar versucht, die Existenz Gottes „wissenschaftlich“, mit mathematischen Methoden zu beweisen. Die anderen wiederum leugnen Vorhandensein von Gott: beim sorgfältigen Studium der Bibel und des Korans haben sie dort Widersprüche gefunden und sind nun bemüht, zu beweisen, dass die heiligen Schriften von Menschen stammen. Dennoch bewahrt die Religion ihre Bedeutung bis heute und erfreut die Herzen von Millionen Menschen, die sich nicht nur durch Hautfarbe und physiologische Besonderheiten unterscheiden, sondern auch eine völlig unterschiedliche Entwicklungsgeschichte haben.

Der Mensch ist überhaupt seiner Natur nach religiös. Wenn etwa behauptet wird, dass irgendwelches Volk keine Religion habe, ist damit das Fehlen der richtigen, z.B. monotheistischen Religion oder solcher Religionen gemeint, die nicht auf heiligen Schriften beruhen, jedoch als Weltreligionen anerkannt sind. Die Völker des Altertums beteten die Naturgewalten an: das Feuer, den Wind, den Schnee, den Regen, Donner und Blitz. Dabei stellten sie sich vor, dass hinter jedem dieser Ereignisse jeweils ein Geist steckt. Die Ursprungsquelle solcher Gewalten sahen sie im Himmel und versuchten die eigenen Schicksale zu kontrollieren, indem sie die himmlischen Geister anbeteten und ihnen Opfer darbrachten. Auch heute appellieren die europäischen Christen unbewusst an den Himmel mit den Worten: „Unser himmlischer Vater!“ und die Muslims mit „Oh Allah im Himmel!“

Zur Zeit der Sowjetmacht, als versucht wurde, aus uns gottlose Atheisten zu machen, als es verboten gewesen, die Namen des Herren und seiner Propheten laut auszusprechen, und wir natürlich keine Möglichkeit hatten die heiligen Schriften kennenzulernen, dennoch spürten wir, ohne den Allerhöchsten mit dem äußeren oder inneren Blick zu begreifen, dass es eine unsichtbare Kraft gäbe, von der alle stets irgendwelche Hilfe in der Not erwarten, bei der sie wegen irgendwelcher Sünden um die Vergebung bitten sowie inständig darum bitten, jenen zu bestrafen, der sich Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit gegenüber den anderen erlaubt.

Die Theologen erklären, Gott sei für das menschliche Verständnis unzugänglich und befinde sich in einer anderen, immateriellen Welt; zugleich aber existieren wird im göttlichen Bewusstsein und im Gottes Gedanken. Im Koran heißt es: „Wir waren niemals abwesend.“ (Sure 7, Vers 7) oder: „Er weiß wohl, was in den Herzen ist.“ (Sure 11, Vers 5). Die unbedingte und ständige Existenz des Herren ergibt sich auch aus dem Spruch vom Apostel Paulus: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir …“ (Apg 17,28).

D.V. SHCHedrovitskiy schreibt: „Unabhängig davon, ob man von der inneren oder von der äußeren Seite zur Erkenntnis Gottes gelangt, stellt sich heraus, dass Er für die Ihn anrufende Menschenseele wahrhaftig nah und „zugänglich“ sei. Konkreter ausgedrückt: Gott ist überhaupt das Allernächste, was ein Mensch durch Erkenntnis begreifen und wonach er streben kann, eigentlich eine Quelle des Lebens und der Erkenntnis als solcher“3.

Xenophanes hat bereits im 6. Jh. v. Chr. über Gott geschrieben: „Er bleibt stets an ein und demselben Ort, völlig bewegungslos; für ihn ziemt es sich nicht, an verschiedenen Orten zu verschiedener Zeit aufzutauchen. Aber er erschüttert mühelos alles Seiendes kraft seiner Vernunft. Überall sieht er, überall denkt er, überall hört er“4. Wenn es dem aber so ist, auf welche Weise hält er dann die Verbindung zu unserer Welt und zu den Menschen aufrecht? Auf welche Weise leitet er unsere Taten und lenkt unsere Handlungen? Auf welche Weise tröstet er uns und bietet uns geistliche Unterstützung? Warum verhindert Gott nicht Gewalt und Verbrechen seitens von Menschen, die er doch selber erschaffen hat? Was rät er uns im Kampf gegen derartige Erscheinungen? Wo findet man Antworten auf diese Fragen? Sind die Religion und die moderne Wissenschaft imstande, Antworten auf solche Fragen zu geben?

Die führenden Repräsentanten aller Religionen haben sich stets als Ziel gesetzt, zu beweisen, dass die Religion imstande sei, nicht nur die Herausforderung seitens der menschlichen Vernunft anzunehmen, sondern vielmehr die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der obengenannten und vieler anderer Fragen, die sich aus den heiligen Schriften ergeben, zu widerlegen. Zugleich aber ist die Wissenschaft heute so ungemein mächtig, dass die Theologen sich nicht mehr leisten können, die weltlichen Kenntnisse leichthin von der Hand zu weisen, wie sie das im Mittelalter getan haben. Während viele Sachen, die vom Allerhöchsten in heiligen Schriften geheiligt wurden, sich weder beweisen noch widerlegen lassen, hat man für manche Vermutungen, die insbesondere im Koran beschrieben sind, in verschiedenen Entwicklungsperioden der Menschheit wissenschaftliche Beweise gefunden. Das ist ein Zeugnis für die Existenz Gottes sowie für die göttliche Herkunft dieser Botschaften, „sonst würden sowohl die Thora als auch das Evangelium und der Koran in den Regalen verstauben und so viele Herzen nicht erobern können“5.

***

2. Eine der besonders intensiv diskutierten Fragen ist wohl die Zugehörigkeit der heiligen Schriften zum Allerhöchsten. Dabei ist dieser Streit nicht heute, sondern in den Zeiten von Voltaire und Spinoza entstanden, die wegen ihrer Ansichten gegenüber der Religion von Geistlichen und Christen hart kritisiert wurden. Selbstverständlich wurde sowohl die Hebräische Bibel ebenso wie das Evangelium und der Koran durch Herrn Gott vorbereitet und über die aus der menschlichen Mitte auserwählten Propheten übermittelt. Das heißt jedoch keineswegs, dass sie die Autoren dieser heiliger Schriften sind, denn ein Mensch ist wohl kaum fähig, so etwas zu schaffen.

Der Papst Benedikt XVI. (Amtszeit von 2005 bis 2013) hat die Frage, was die göttliche Schrift bedeute, wie folgt beantwortet: „das ist ein Text, der von Gott herabgekommen ist, sowie die Macht, welche die Menschen lenkt“. Falls jedoch selbiger Gott der endgültige und einzige Urheber der Botschaften ist, warum gibt es dann in diesen Büchern so viele Widersprüche und Unstimmigkeiten. Warum sind alle heiligen Schriften so wirr und irre verfasst und der Koran gar in Verse, die für einen einfachen und ungebildeten Menschen schwer verständlich sind? Wenn sie doch für die einfachen Sterblichen bestimmt sind, dann müssen sie ganz klar und deutlich dargelegt sein, denn nur wenige Menschen verfügen Moskau, 2005. S. 56. über glänzenden Verstand und tiefe Kenntnisse. Selbst einem Menschen, der die göttlichen Botschaften wenig kennt, fällt auf, das Herr Gott neben seiner Barmherzigkeit, Tugendhaftigkeit und Gerechtigkeit sich in diesen Büchern (insbesondere in der Hebräischen Bibel) als grausam und manchmal auch als erbarmungslos zeigt.1 Das ist gerade ein Grund für die Zweifel an der göttlichen Herkunft der heiligen Schriften. Es ist erstaunlich, dass trotz der Entwicklung von Wissenschaft im weitesten Sinne, der es gelungen ist, zahlreiche Geheimnisse der Natur und der irdischen Lebewesen zu enträtseln, der menschliche Verstand immer noch keine Beweise liefern konnte, die die Zugehörigkeit dieser Bücher zum Allerhöchsten widerlegen würden. Es gibt eine simple und überaus wichtige Wahrheit, die darin besteht, dass der Herr der einzige Gott sei. Wenn es mehrere Götter, mehrere gleiche Kräfte, mehrere Gründer und Verwalter des Universums geben würde, dann könnten sich deren Gesetze nicht in voller Harmonie miteinander befinden.

Im Heiligen Koran erinnert uns der Allerhöchste: „Und euer Gott ist ein Einiger Gott; es ist kein Gott außer Ihm, dem Gnädigen, dem Barmherzigen“ (Sure 2, Vers 163). Dabei ist die Existenz von drei verwandten, sich jedoch voneinander unterscheidenden Religionen auf Wunsch von Herr Gott notwendig zum Vollbringen ausschließlich guter Taten durch jede von ihnen. Im Koran ist zu lesen: „Einem jeden von euch haben Wir eine klare Satzung und einen deutlichen Weg vorgeschrieben. Und hätte Allah gewollt, Er hätte euch alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht, doch Er wünscht euch auf die Probe zu stellen durch das, was Er euch gegeben. Wetteifert darum miteinander in guten Werken. Zu Allah ist euer aller Heimkehr; dann wird Er euch aufklären über das, worüber ihr uneinig wart.“ (Sure 5, Vers 48). Aus diesem Gebot des Allerhöchsten kann man schließen, dass jeder Glaube eine eigene Heilige Schrift habe – das Wort Gottes, der unangefochtene Autorität genießt; je genauer und ergebener die Gläubigen dieser Religion ihm folgen, desto besser für sie und für alle, die sie umgeben6. Es ist wichtig im Gedächtnis zu behalten, dass die Befolgung der Gottesgebote, die in seinen Heiligen Schriften enthalten sind, nicht im Interesse des Allerhöchsten, sondern im Interesse von Menschen notwendig ist, „weil die Gottheit über eine vollkommene Natur verfügt und deshalb durch die menschlichen Handlungen weder etwas verliert noch etwas erwirbt“7.

***

3. Verschiedene Vertreter monotheistischer Religionen wollten in verschiedenen historischen Zeiträumen wissen, welche von heiligen Schriften, die der Einzige Gott geschickt hat, auf den moralischsten Positionen stehen. Diese Frage ist natürlich schwer zu beantworten. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sie nicht ansprechen sollte. Wenden wir uns den Botschaften zu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Hebräische Bibel); „Die Gläubigen sind ja Brüder“ (Koran). Der Apostel Paulus hat seinen Nachfolgern eingeflößt: „Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!“. Im Koran ist zu lesen: „Wehre (das Böse) mit dem ab, was das Beste ist. Und siehe, wenn Feindschaft zwischen dir und einem anderen war, so wird der wie ein warmherziger Freund werden.“ (Sure 41, Vers 34).

Viele Christen und Juden sind damit nicht einverstanden, dass deren Gott ist jener, den die Muslims anbeten. Der Koran unterscheidet sich von der Bibel nicht nur inhaltlich, sondern auch nach seiner Herkunft. Die Hebräische Bibel (Altes Testament) ist eine wahre Fundgrube von Gattungen, wie R. Reit richtig gemerkt hat. Sie schließt ein sowohl die kosmische Mythologie des Seins, als auch eine Gesetzessammlung, das Levitikus-Ritual, eine mehrbändige Geschichte des antiken Israel mit zahlreichen blutigen Kriegen auf Geheiß von Gott Jahwe sowie Leben und Wirken jüdischer Propheten. Sowohl die Hebräische Bibel als auch das Evangelium sind ein Ergebnis jahrelanger Arbeit Dutzender von Autoren, Der Koran hingegen entstand innerhalb von 20 Jahren dank einem einzigen Menschen. Im Koran verlangt Allah eine Versöhnung christlicher und jüdischer Religionen.

***

4. Der Allerhöchste schickt immer wieder zu den Menschen einen aus deren Mitte Auserwählten, dessen Mission darin besteht, Herrn Gott – den Einzigen und Unteilbaren – zu verkünden sowie bringt über diese Propheten jene Ordnung ins Leben der Gesellschaft, die in seinen heiligen Schriften festgelegt ist. Es wäre jedoch falsch, die Propheten für Gesetzgeber, d.h. für Autoren der Heiligen Schrift zu halten. Deren Aufgabe ist es, die Gottesgebote den Menschen nahe zu bringen.

5. Mohammed hat vieles mit dem Moses gemeinsam. Beide waren empört über Ungerechtigkeit: Moses über den Umgang der Ägypter mit den Juden, Mohammed über den Umgang reicher Araber mit den armen. Beide haben aus Protest ihre Stimme erhoben. Christus und Mohammed haben auch als Propheten vieles gemeinsam: beide waren recht friedlich gestimmt und riefen zur religiösen Toleranz auf. „Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.“ Jesus hat das Kommen des Reiches Gottes angekündigt. Der Tag des Jüngsten Gerichts sei schon nah: eine Zeit, wo die Sünder Reue zeigen und sich in ihrem Glauben an den einzigen echten Gott bestärken müssten. Den gleichen Gedanken versuchte auch Mohammed den Hörern nahe bringen: er forderte Ergebenheit, welche die traditionellen Bande durcheinander bringt: „O die ihr glaubt, wahrlich, unter euren Frauen und Kindern sind welche, die euch feind sind, so hütet euch vor ihnen.“ (Koran. Sure 64, Vers 14). „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.“ (Мt 10,35-38)

Strafe

Aus der Vielfältigkeit dieses Phänomens ergibt sich auch die Vielfalt von Herangehensweisen an das Verständnis der Strafe in verschiedenen Aspekten. Zu einer dieser Richtungen gehört der Ansatz, der auf religiösen (göttlichen) Grundlagen der Strafe beruht.8 Wie V.S. Solovyov zu Recht festgestellt hat: “das Abgesondertsein der politisch-rechtlichen Normen und Institutionen von den religiösen ist ein relativ spätes Faktum, während ursprünglich diese beiden Gebiete sich miteinander verschmolzen“.9 Ein solcher Ansatz erscheint überaus wichtig zu sein, weil im Verlauf der jahrhundertealten Religionsgeschichte „viele derer Vorschriften neben anderen nichtinstitutionellen Normen als faktische Regulatoren von gesellschaftlichen Beziehungen fungieren. Mehr noch: sie haben weitgehend in die geltenden Gesetze Eingang gefunden“10. Deshalb wurde die Frage nach den religiösen (göttlichen) Ursprüngen des Strafphänomens in den Untersuchungen zum Wesen der Strafe wiederholt aufgerollt.

In den heiligen Schriften wird – wenn auch etwas verschwommen – darauf hingewiesen, dass in der Natur eine moralische Ordnung vorhanden ist. Diese Ordnung wurde vom Allerhöchsten geschaffen. Damit sie aber unverrückbar bestehen bleibt, ist ein extra Instrument notwendig, das dafür sorgen würde. Als einer dieser Mechanismen wirkt die Strafe, welche vom Schöpfer in den Schriften festgelegt wurde. Deshalb darf die Bedeutung theologischer Haltungen in Bezug auf die Entstehung und Evolution der Strafidee auf keinen Fall unbeachtet bleiben, weil diese Haltungen mit den Volksanschauungen über dieses historische Phänomen eng verbunden sind. Wie V.G. Grafskij zu Recht behauptet: „Die Religion hat einen großen Einfluss auf die Institution Kriminalstrafe ausgeübt, denn bereits in der Urgesellschaft die Strafen mit den religiösen Erlaubnissen und Verboten eng verbunden waren.“11. Die Ursprünge der Bestrafungslehre entdeckt man mit Sicherheit in der Religion; auch die ersten Versuche, das Wesen und die Grundlagen des genannten Begriffes zu bestimmen, findet man gerade in den religiösen Glaubensvorstellungen und Quellen. Beim Studium der Bibel und des Korans – dieser großartigen und einmaligen Bücher in der Menschheitsgeschichte – finden wir in geballter Form Ideen, die das Wesen der Anschauungen der Menschen im Altertum über Leben und Tod, Mord und Verbrechen, die Geißel Gottes und die Blutrache offenbaren.

Wenn Herr Gott auf natürliche Weise menschliches Bewusstsein zur moralischen Aufklärung und Vervollkommnung lenkt, so müssen Wesen und Zweck der Strafe unabhängig vom langsamen oder sprungartigen Entwicklungsprozess sich in Richtung der Milderung ändern. Die Geschichte des abrahamitischen Gottes und Religionen zeugt davon, dass die Einstellung des Allerhöchsten zur Frage über die Strafe, deren Wesen und Zweck mit jeder Gottesbotschaft sich verändert hat. Wenn Er etwa in der Hebräischen Bibel die Strafe nur als Vergeltung sieht, wandelt der Herr in der Lehre von Jesus Christus (d.h. im Neuen Testament) überraschend seine Einstellung zu diesem Mittel der Einwirkung auf die Menschen und verkündet ein anderes, völlig entgegengesetztes Gebot: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand“ (Mt 5,38-42).

Im 6. Jh. n. Chr. verkündet der Allerhöchste im Koran über den Propheten Mohammed die Rückkehr zur Vergeltung als Wesen der Strafe. Jedoch im Gegensatz zur Hebräischen Bibel und dem Christentum findet man hier keine Extreme von der Art „Auge um Auge“ oder „Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halt auch die andere hin.“ Herr Gott legt die Goldene Regel fest, derzufolge Vergebung möglich sei, falls dies sowohl für den Straftäter selbst als auch für das Gemeinwohl sinnvoll sei. Damit beginnt die nächste Etappe der Idee Gottes über die Evolution der Strafe. In diesen drei Religionen sehen wir unterschiedliches Herangehen des Allerhöchsten gegenüber dem Phänomen Strafe und deren Anwendung. Zugleich aber muss man vermerken, dass, dass in allen heiligen Schriften die Grundprinzipien der Strafe – Begriffe, Ziele, Arten und der Charakter – für Herrn Gott grundsätzlich unverändert bleiben.

Abschließend möchte ich die Besonderheit dieser Arbeit für mich unterstreichen. Während nämlich meine vorherigen Bücher über strafrechtliche und philosophische Fragestellungen in meinem Kopf entstanden sind, so kommt die vorliegende Arbeit von der Tiefe meines Herzens.

Um das Verstehen des Untersuchungsgegenstandes zu erleichtern, wurde von uns folgende Darlegungsweise gewählt, was als sinnvoll erscheint. Zuerst sollen die Entstehung, die Evolution und das Wesen der Strafe nach dem Verständnis des Allerhöchsten in seinen heiligen Schriften behandelt werden. An zweiter Stelle wenden wir uns den Besonderheiten dieses Phänomens aus der Sicht der wichtigsten Postulate von Weltreligionen zu. Und schließlich wird es nützlich sein, als Drittes diese historische Institution in jenen Religionen zu betrachten, die nicht auf göttlichen Schriften, sondern auf Lehren beruhen, die weltweit anerkannt wurden.

3 SHCHedrovitskiy D.V. Leuchtender Koran. Blick eines Bibelforschers. (Siyayushchiy Koran. Vzglyad biblista.). Moskau, 2016. S. 123.

4 КM еI а1. (1983). S. 169-1670.

5 Alekperov S. Das große Paradoxon oder zwei Handschriften im Koran.

6 SHCHedrovitskiy D.V. Leuchtender Koran. Der Blick eines Bibelforschers. S.123.

7 Recht und Religion in fachübergreifender Auslegung / Hrsg. A.B. Didkin. Moskau, 2019. S. 17-18.

8 Siehe z.B.: Christliche Lehre über Verbrechen und Strafe: (Gemeinschaftsmonografie) /Arkadij Avakovich Ter-Akopov u.a.; wiss. Red.: Kharabet K.V., Tolkachenko А.А. 2009; Bachinin V.A. Sekuläre Kriminologie und biblische Konzeption der Kriminalität // Kriminologie: gestern, heute und morgen: Schriften des Sankt Petersburger Kriminologischen Klubs. Sankt Petersburg, 2008., Nr.2 (15). S. 165-166.

9 Solovyov V.S. Ein Prediger in der Wüste: Predigten über das Recht (Ausgewählte Schriften). Moskau, 2014. S.172.

10 Nikonov V.А. Kriminalstrafe. Die Suche nach der Wahrheit. (Ugolovnoe nakazanie. Poisk istiny.). Tjumen. S.16.

11 Grafskij V.G. Die allgemeine Geschichte von Recht und Staat. Moskau, 2001. S.41.

Religion und Strafe

Подняться наверх