Читать книгу Vitus' Biene - Ines Mandeau - Страница 5
1. Marillenbäumchen
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Unerbittlich naht Vitus’ Geburtstag. Was kann ich einem Mann schenken, der augenscheinlich alles hat und auf Nachfrage hin stets beteuert, er brauche nichts? Mit Dingen wie Krawatten und Parfums, Büchern, iPods und generell mit Apparaten jeglicher Art, ist er kaum zu beglücken und auch Urlaubsreisen, Restaurantbesuche und derlei öffentliche Veranstaltungen sind ihm eher Pein als Vergnügen. Und sonst? Was wäre denn ein akzeptables Präsent anlässlich eines Ehrfurcht gebietenden, siebenundsechzigsten Geburtstages?
Mir will partout nichts einfallen und das ist ein jämmerlicher Befund, ein blamables Zeugnis meiner Kompetenz, weil ich nach über drei Jahrzehnten Lebensgemeinschaft eigentlich wissen sollte, was mein getreuer Gefährte sich insgeheim wünscht. Seit Wochen streife ich durch die Stadt und studiere die Schaufensterauslagen im Hinblick auf eine gelungene Überraschung für Vitus, aber ich mühe mich vergebens, nicht eine Sache in den mit Sachen reich bestückten Vitrinen spricht mich an. Je näher der Feiertermin rückt, desto nervöser werde ich angesichts meines offenkundigen Versagens, etwas Hübsches zu beschaffen, du liebe Güte, was ist daran schon kompliziert!
Am ersten Samstag im März, vier Tage vor der Party, stehe ich immer noch mit leeren Händen da. Während ich eilig die morgendliche Hausarbeit erledige, beschließe ich, die unbestimmte Sucherei nach einem passenden Geschenk an ein Ende zu bringen. Jawohl, heute schreite ich zur Tat und kaufe etwas, irgendetwas für den Jubilar, um in dieser leidigen Geschichte zu einem Schlusspunkt zu gelangen und meine innere Ruhe zu finden. Gleich vormittags breche ich auf, die Füße eingepackt in Wollsocken und ausgetretenen Turnschuhen für den Fall, dass die Shoppingmission einen längeren Marsch durch die Stadt erfordert, und beflügelt von dem entschiedenen Vorhaben, nicht ohne Beute in die Wohnung zurückzukehren.
Das nächstgelegene Geschäft, in dem ich fündig werden könnte, ist Carrefour, ein Supermarkt in Fontvieille, wo wir unsere Güter des täglichen Bedarfs besorgen, im Wirtschaftsbuch kurz GTB genannt. GTB klingt ziemlich unspektakulär für meinen feierlichen Vorsatz, aber Carrefour ist das Lieblingsgeschäft von Vitus, der hier mit Hingabe und Begeisterung jene Zutaten auswählt, die er zum Kochen benötigt. Schlimmstenfalls, so das Kalkül, kann ich ein paar käuflich erwerbbare Spezereien und Gustostückerl zu einem gefälligen Paket zusammenstellen. Das ist zwar nicht besonders originell, erhielte jedoch sicheren Zuspruch, da Vitus einen jeden Gaumenschmaus zu schätzen weiß.
An den Samstagen ist der Laden noch verstopfter als gewöhnlich mit Menschen und den stählern blitzenden Einkaufswägen, deren Körbe so großzügig bemessen sind, dass nebst den Bergen von Produkten je ein oder zwei Kinder darin Platz haben. In einem solchen Kampfrollator sind die Sprösslinge gut aufgehoben und gehen nicht verloren in dem Gewimmel und Getümmel, das zwischen den Regalreihen und Verkaufstruhen aufgeführt wird wie ein furioser Bühnenakt in Endlosschleife. Die beengten Verhältnisse in diesem Tempel der Genüsse wirken auf empfindsame Gemüter schnell beklemmend und können leicht den Fluchtreflex auslösen, was ich an Touristen des Öfteren beobachte, die mit entsetzten Mienen auf der Schwelle kehrtmachen und lieber mit hungrigen Mägen das Weite suchen, als sich vorzuwühlen zur Theke mit dem begehrten pan bagnat, dem mediterranen Mega-Sandwich.
Hier im Ladeninneren ist es nun mal so bestellt wie allerorts im kleinen Fürstentum: Eine Unmenge an Menschen hat sich mit äußerst begrenztem Territorium zu begnügen. Als mehrjährige Residentin bin ich mit den Maßstäben im Zwergenstaat vertraut und nehme den Wirbel ohne Wimpernzucken hin gleich den meisten Einheimischen. Wenn das Gedränge im Carrefour dennoch beginnt, meine Nerven zu strapazieren, dann drossle ich das Tempo, halte mich an den Rändern der Trampelpfade und lasse sie vorbeirauschen, die hetzenden Leute mit dem Tunnelröhrenblick.
Momentan bewege ich mich denn auch im Modus einer Landschildkröte durch das überlaufene Konsumparadies. Ich tripple hautnah an den mannshohen Regalaufbauten entlang, wobei meine Augen das Warenangebot von oben nach unten, von links nach rechts abscannen, als würden sie den Inhalt einer Exceltabelle von Zelle zu Zelle und Spalte zu Spalte kontrollieren; dabei den einen oder anderen interessanten Artikel vormerken und ihn im Geiste abspeichern für einen möglichen Kauf. Ernstlich zugreifen werde ich erst, wenn sämtliche Alternativen erwogen sind und ich somit für eine optimale Entscheidung gerüstet bin.
Als ich im Exotensegment bei den produits du monde fündig zu werden hoffe und konzentriert einen nächsten Schritt zur Seite setze, stößt mein Fußknöchel hart an eine Holzpalette, auf der eine Charge Zimmerpflanzen in Kunststoffkübeln angeliefert worden ist. Ich gerate ins Schlingern und wäre fast in den grünen Wald hineingekippt, doch mit knapper Not balanciere ich meinen taumelnden Körper ins Lot, fasse mich und bin erleichtert, dass die Unachtsamkeit keine bösen Folgen hat, und außerdem ein bisschen stolz, trotz meines Alters so reaktionsflink zu sein, einen halben Sturz abfangen zu können.
Während ich den verrutschten Riemen des Schulterbeutels zurechtrücke und am zerknautschten Blazerärmel zupfe, fällt mein Blick auf ein buntes Schildchen, das aus dem dichten Blätterwerk herausleuchtet. Nanu, was ist denn da im Busche? Ich beuge mich vor und lese: apricotier nain – Marillenbaum, genauer: ein Zwergmarillenbaum. Tatsächlich, zwischen den Yuccalanzen und Palmenwedel, den gummigen Fici und fleischigen Philodendren, lugen dürre Zweige hervor, die einem kaum kniehohen Stamm entwachsen und von winzigen schwellenden Knospen übersät sind. Ein paar wenige davon sind bereits „aufgegangen“, wie mein Vater, der zahlreiche Obstbäume um seinen Bauernhof gepflanzt hat und auf diesem Feld bewandert ist, zu sagen pflegt, wenn sich die Knospen zu Blüten öffnen.
Ich gehe in die Hocke, um die delikate Entdeckung unter die Lupe zu nehmen. Die weißen, rosa angehauchten Kronblätter schimmern samtig und scheinen so weich und verletzlich, dass ich mich frage, wie sich aus diesem dünnen zarten Nichts des gros fruits entwickeln sollen, fette Früchte, und das schon im Juli, in fünf Monaten? Schwer zu glauben, aber auf dem Plastikkärtchen, das dem Stamm umgehängt ist, steht es versprochen, Ernte im Juli, heißt es da.
Und plötzlich fällt mir unser Marillenbaum ein. Ächzend richte ich mich auf und knicke dabei wieder halb um, als ein vorbeistürmender Einkaufspanzer mit einem quiekenden Knirps im Ausguck mein Hinterteil streift und mein krummes Gestell in bedrohliche Schieflage versetzt. Erschrocken stammle ich eine Entschuldigung für die Karambolage, doch der energische Shopper steuert seinem anvisierten Ziel, einer Gefriertruhe mit Sonderangeboten, ungerührt entgegen, als hätte er die Frauengestalt, die sich aus dem botanischen Dickicht schälte, gar nicht bemerkt. Dem Mann sei vergeben, er ist gestraft genug, samstags einsam seinen Einkaufswagen zu schieben statt mit den Kumpels Fußbälle auf dem Sportplatz zu kicken.
Ich stehe still wie angewurzelt und schaue in die Zimmerpflanzen. Schließlich haben sie mich aus der Bahn geworfen und nicht etwa ein flotter Athlet vom Typ Wochenendpapa. Mein Blick sucht die schlichten kleinen Blütenbecher mitten unter all der prallen Subtropenopulenz, und vor dem inneren Auge entspringt deutlich und lebhaft jener Marillenbaum, den Vitus und ich vor zwei Sommern im Parc Paysager entdeckt haben, dem gärtnerischen Juwel im Herzen von Fontvieille.
Hier, im westlichsten Bezirk Monacos, sind – im Gegensatz zur übrigen Stadt aus kahlem Beton – provenzalisch aufgeputzte Wohnanlagen charakteristisch und verleihen dem Viertel ein eigenes Flair. Die pastellfarbenen Gebäudekörper ähneln Waldorfspielklötzen in Riesenproportionen, die lose und lässig ineinander verschachtelt den annähernd birnenförmigen Park umranden. In einem dieser Klötze wohnen wir, einem Quader mit fünf strahlenförmig angeordneten Seitenflügeln, der auf den poetischen Namen Étoile de Mer getauft worden war, Seestern, und das Gefühl, von einem Seestern behaust zu werden, war seinerzeit das Zünglein an der Waage für den Entschluss, vom geschäftigen Monte Carlo in das ruhigere Fontvieille umzusiedeln. Gegenüber des Hauptaufgangs befindet sich eben jener Parc Paysager, ein Landschaftsgarten von exquisiter Mannigfaltigkeit, ein Kaleidoskop an Farben und Formen so kunterbunt und artenreich, wie ich es in meinem kühnsten kindlichen Märchenkosmos nicht prächtiger hätte ausmalen können. Nie und nirgends, scheint mir, habe ich einen schöneren, von Menschenhand gestalteten Park gesehen als diesen.
Dort entdeckten Vitus und ich im ersten Sommer nach unserem Einzug jenen Marillenbaum, der mir nun so hell und groß im Sinne schwebt. Seine Zweige trugen reife Früchte in Massen und wir fragten uns, ob wir davon welche abbekämen? Wir schlichen uns an, versuchten den dicken Stamm zu schütteln, vergeblich, nicht eine der verlockenden Kugeln wollte sich lösen und uns entgegen kollern. Alle hingen sie zu hoch, um mit gestreckten Armen an sie zu gelangen. „Wir müssen warten, bis sie von selbst herunterpurzeln“, sagte ich, die kundige Bauerstochter.
„Ich könnte sterben für Marillen“, schmachtete Vitus, der Gourmand.
„Besser nicht“, lachte ich und lenkte den potentiellen Märtyrer zurück zum gepflasterten, mit marmornen Randsteinen gesäumten Fußgängerweg, der in Mäandern durch das Gelände führt und die Flaneure abhalten soll, den Rasen zu betreten oder sich, in welcher Absicht auch immer, ins Gebüsch zu schlagen.
Fortan gingen wir in jenem Juli so ziemlich jeden Tag zum Marillenbaum, um nachzusehen, ob von seiner sonnengoldenen Last etwas zu Boden gefallen war. Wir waren nicht die Einzigen, die Gusto hatten auf die Leckerlis: Ständig begegneten uns Spaziergänger, die ebenso beiläufig und rein zufällig wie wir mit gesenkten Köpfen ein paar Runden unter der Laubkrone kreisten. Hin und wieder bückte sich Einer, und hin und wieder waren es Vitus und ich. Die aufgelesenen Früchte schmeckten himmlisch.
Indem ich die grauen Zweiglein inmitten des Blattgewuchers der Supermarkt-Topfpflanzen betrachte, plätschert der Speichel in meinem Mund und die Lippen schmatzen, und mit einem Male bin ich sicher, absolut sicher: Dieser Marillenzwerg ist mein Geburtstagspräsent für Vitus. Flugs packe ich den Kübel, damit mir niemand zuvorkommt und das rare Angebot vor der Nase wegschnappt. Dann sichte ich eine Steige mit Thymianstöcken und rieche sie sogar, da die knackigen Duftbomber, wie ich umgehend feststelle, von einem aufmerksamen Regalbetreuer mit Wasser besprenkelt worden sind. Ich beschließe, kurz vor der Party am Mittwoch einige dieser Kräutertöpfe zu kaufen.
Alles zusammen werde ich in die bauchige Amphore aus Terrakotta einsetzen, die unsere italienischen Vormieter ohne Befüllung in der Loggia des Appartements zurückgelassen hatten, weil es zu umständlich gewesen war, das mächtige Gefäß einem Umzug zu unterziehen. Es ist wirklich groß und dick und wird dem Bäumchen und den Kräutern genügend Raum bieten für eine gesunde Wurzelbildung. Ich muss allerdings einen Haufen Gartenerde auftreiben, diese in die Wohnung schaffen und dort verborgen halten bis Dienstagnacht. Wenn Vitus schläft, werde ich meine Geschenke pflanzen – heimlich und leise, einem Heinzelmännchen gleich.