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In der Dunkelheit fasste ich nach Roberts Hand und fand sie.

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Am Ende des Flurs leuchtete der Mond durch ein Fenster herein.

Ich ließ Roberts Hand los und ging vorsichtig ein paar Schritte vorwärts.

Beinahe lautlos schritt ich voran und erreichte schließlich die Biegung.

Das Mondlicht schien mir ins Gesicht.

Ich sah um die Ecke, wo der Flur in einem Erker endete, in dem sich eine antike Sitzgruppe befand. Durch die hohen, viergeteilten Fenster konnte man hinaus in die Nacht blicken.

Draußen heulte der Wind durch die Mauern von Gilford Castle.

Baumkronen wurden heftig hin- und herbewegt.

Ich hatte wieder dieses besondere Gefühl ...

Das Gefühl, nicht allein zu sein und beobachtet zu werden ...

Sie musste hier irgendwo sein. Das Unbehagen in meiner Magengegend wurde immer stärker. Die Bedrohung musste irgendwo ganz in der Nähe lauern. Irgendwo, zwischen den eigenartigen Schatten, die das Mondlicht warf ...

Aus den Augenwinkeln heraus nahm ich eine Bewegung war.

Einer dieser schattenhaften Umrisse hatte sich bewegt ...

Mein Blick wandte sich einem bestimmten Punkt zu, der vollkommen im Dunkeln lag. Die verwinkelte Architektur dieses Gebäudes bildete dort eine Nische.

Und dann ...

Das Erste, was ich von ihr sah, war der unglaublich intensive Blick ihrer Augen. Ein Blick, der einen schaudern lassen konnte. Hass flackerte in ihnen, gepaart mit unendlicher Verzweiflung und ...

Schmerz!

Zweifellos hatte man Joanne einst sehr wehgetan.

Reglos stand sie da und verursachte keinen Laut. Das fahle Mondlicht ließ ihr blondes Haar beinahe weiß erscheinen. Ihr hübsches Gesicht mit den hohen Wangenknochen.

"Rache!"

Die Gedankenstimme drang wie ein eisiger Hauch in mein Inneres ein. Eine innere Kälte erfüllte mich. Und für einen Moment konnte ich den abgrundtiefen Hass, den maßlosen Wunsch nach Vergeltung und den Schmerz, den man ihr zugefügt hatte, beinahe nachempfinden ...

Ihr Leben ist zerstört worden – und deswegen zerstört sie jetzt ihrerseits die Leben anderer!, ging es mir durch den Kopf.

"Wie scharfsinnig!", kam es von der schauderhaften Gedankenstimme zurück und es schien so, als hätte sie mir geradezu geantwortet.

Der Gedanke gefiel mir nicht, wie tief sie in mein Inneres eindringen konnte ...

Meine Gedanken schienen für sie ein offenes Buch zu sein.

Eine Gänsehaut überzog meine Unterarme bei diesem Gedanken.

"Patti!", hörte ich hinter mir Roberts Stimme.

Ich fühlte, wie seine Hände meine Schultern umfassten. Ein angenehmes Gefühl, das mir zumindest die Illusion von Sicherheit gab, obwohl ich in meinem tiefsten Inneren natürlich wusste, dass es nichts gab, was einer von uns diesem geheimnisvollen Wesen aus finsterer Vergangenheit entgegenzusetzen hatte.

Ein Schatten aus dem Reich der Toten, der in der Sphäre der Lebenden als unbarmherziger Racheengel zuschlug ... Wahllos, blindlings und von Hass verzehrt.

"Joanne!", flüsterte ich ihren Namen.

Die Antwort war nichts weiter als ein schauderhaftes Lachen, das einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. Ihr Mund öffnete sich dabei weit und zwei Reihen makellos blitzender Zähne kamen dabei zum Vorschein, die ihr etwas Raubtierhaftes gaben.

Und dann wandte sich ihr Blick Robert Clayton zu.

Sie streckte die Hand aus und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn.

"Ihr habt mich eine Hexe genannt, Sir Henry!", meldete sich ihre Gedankenstimme, ohne dass ihr Mund sich dabei bewegte.

Ihre vollen Lippen pressten sich jetzt fest aufeinander und bildeten einen schmalen Strich. "Eure Furcht war es, die mich genau dazu gemacht hat, Sir Henry! Zu einer Hexe!"

Sie lachte erneut auf und dann trat sie einen Schritt zurück.

Joanne berührte die Wand. Der Umhang, den sie trug, schien sich mit der Substanz des Mauerwerks zu vermischen. Sie trat weiter zurück und dabei schien es so, als würde der massive Stein, aus dem dieses uralte Gemäuer erbaut war, für sie nicht das geringste Hindernis bedeuten. Joanne wurde transparent, drang in das Mauerwerk ein und wirkte einen Augenblick lang noch wie ein an die Wand projiziertes Dia.

"Ihr könnt dem Fluch Eurer Tat nicht entkommen, Sir Henry!", rief ihre Gedankenstimme jetzt wie aus weiter Ferne. "Nicht in diesem und nicht in einem anderen Leben ..." Die letzten Worte waren kaum noch zu verstehen und verhallten auf eigenartige Weise.

Dann war Joanne verschwunden.

Und im selben Moment ging überall auf Gilford Castle das Licht wieder an.

Mitternachts-Thriller Sammelband 4001 - Vier Romane um Liebe und Geheimnis Juli 2019

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