Читать книгу Der Duft des Mangobaums - Jan Winter - Страница 5
Die Überfahrt
ОглавлениеZu jedem Abschied sollte Wehmut gehören, doch Alma spürte nichts dergleichen. Ungerührt glitt ihr Blick über die Docks und backsteinernen Lagerhäuser am Ufer des Mersey, während sich Liverpool hinter ihr in der einbrechenden Dämmerung auflöste. Sie empfand Dankbarkeit gegenüber England, weil es ihr in schwierigen Zeiten Arbeit und ein Dach über dem Kopf gewährt, sogar einen Ehemann und einen Sohn geschenkt hatte. Zu einer Heimat aber war es ihr nie geworden.
Fünf Jahre zuvor war sie schon einmal auf einem Schiff zu neuen Ufern aufgebrochen. Damals in Bremerhaven hatte ihr Vater auf der Landungsbrücke gestanden und gewunken, während Alma an der Reling gelehnt und nicht nur ihn, sondern auch ihre Jugend und manchen enttäuschten Traum zurückgelassen hatte. Heute war niemand gekommen, um ihr Lebewohl zu sagen.
Mit der Überfahrt begann ein neuer Abschnitt in Almas Leben. Obwohl sie keine klare Vorstellung davon besaß, was im fernen Osten auf sie zukommen würde, war sie zuversichtlich. Ihr Vater hatte sie von Kindesbeinen an ermutigt, positiv nach vorn zu schauen, und sein Optimismus hatte auf Alma abgefärbt.
Auf der Höhe von New Brighton verstärkte sich das Vibrieren der eisernen Planken unter ihren Füßen: Die Antenor nahm Fahrt auf, stampfte ungeduldig wie ein zu lange eingesperrtes Pferd durch die höher werdende Dünung in Richtung der Irischen See und weiter hinaus in den Ozean. Der eisige Wind hatte den größten Teil der Passagiere längst unter Deck getrieben. Besorgt beugte Alma sich zu Albert hinab, der dick eingemummt neben ihr stand. Während er sonst den ganzen Tag vor sich hin plapperte, hatte er seit dem Ablegen kaum ein Wort gesagt. Spürte er, wie sehr diese Fahrt sein Leben verändern würde?
„Ist dir kalt, mein Schatz?“, fragte sie und drückte ihm einen Kuss auf die gerötete Wange. „Sollen wir hineingehen?“
Albert schüttelte den Kopf und sah sie mit seinen wasserblauen Augen an, ihren eigenen so ähnlich, als schaute sie in einen Spiegel.
„Es schaukelt“, rief er. „Wir fahren über das Meer.“
„Das stimmt. Und weißt du noch, wer auf der anderen Seite des Meeres auf uns wartet?“
„Papa.“
„Richtig. Und er freut sich schon sehr darauf, dich wiederzusehen. Freust du dich auch?“
Albert nickte stumm, aber sein Blick folgte bereits wieder der vom Bug wegspritzenden Gischt weit unter ihnen. Was für eine dumme Frage, dachte Alma. Wie sollte er sich auf jemanden freuen, an den er sich nicht erinnern konnte? Achtzehn Monate waren vergangen, die Hälfte seines jungen Lebens, seit Howard Liverpool verlassen hatte. Es wurde höchste Zeit, dass Albert seinen Vater zurückbekam, und sie ihren Ehemann. Beim Gedanken an Howard kroch Alma die Sehnsucht nach seiner Nähe und Zärtlichkeit unter die Haut. Es war ihr nicht leichtgefallen, ohne ihn auszukommen, doch bald würden sie wieder vereint sein, die einsamen Nächte nur noch eine verblassende Erinnerung.
Alma nahm Albert hoch, um ihn in ihre Kabine zu tragen. Als sie sich zur Tür wandte, fiel ihr Blick auf den letzten an Deck verbliebenen Passagier, einen jungen Asiaten in westlicher Kleidung. Er war ihr schon beim Ablegen des Schiffs aufgefallen, weil er als Einziger an Bord gelächelt hatte. Allen anderen hatte sie den Schmerz des Abschieds in den Gesichtern abgelesen, nur er schien nicht traurig, England zu verlassen. Im Vorübergehen nickte sie ihm zu, doch er war zu tief in Gedanken versunken, um es wahrzunehmen.
In der geheizten Kabine zog Alma den Mantel aus und wickelte den Wollschal von ihrem Kopf, dann befreite sie Albert aus seiner Jacke und zwei Lagen Pullovern. Beim Einschiffen hatte sie gestaunt, wie geräumig ihre Unterkunft war: nicht gerade ein Tanzsaal, aber zumindest konnte sie sich zwischen Bett, Nachttisch, Schrank, Frisierkommode und dem zusätzlich für Albert hineingestellten Kinderbett bewegen, ohne ständig anzustoßen. Sogar ein richtiges Fenster gab es, wo sie bestenfalls ein Bullauge erhofft hatte. Alma sah auf der Suche nach Lichtern hindurch, doch draußen herrschte konturlose Finsternis, als ob die Nacht den Horizont und das Meer verschlungen hätte. Der Blick ins Nichts jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie war in Alberts Alter gewesen, als in einer Nacht wie dieser die Titanic auf einen Eisberg gelaufen und gesunken war.
„Was meinst du? Wirst du dich auf dem Schiff wohl fühlen?“, fragte sie und drehte sich zu Albert um.
„Ja“, sagte er. „Es ist warm hier.“
Seine unschuldige Antwort versetzte Alma einen Stich. Schuldbewusst dachte sie an die feuchte, ungeheizte Kammer im Untergeschoß von Mr Hucknalls Kontor, an die vielen Nächte, in denen sie Albert unter ihre Bettdecke geholt und an sich gepresst hatte, um ihn zu wärmen.
„Mach dir keine Sorgen. Dort, wohin wir fahren, ist es immer warm. Sogar nachts“, sagte sie und strich ihm über die blonden Haare.
„Mama, ich habe Hunger.“
Alma sah auf die Uhr: Viertel nach sechs. Laut Faltblatt mit Deckplan und Informationen zum Bordleben wurde das Dinner erst um acht serviert, also schnitt sie Albert einen Apfel klein, um damit die Zwischenzeit zu überbrücken. Während er verträumt auf einem Scheibchen kaute, streckte sie sich auf dem Bett aus und fragte sich, was sie zum Abendessen anziehen sollte. Früher in Deutschland hatte sie eine große Auswahl an schönen Kleidern besessen, aber das war lange her.
Sie erinnerte sich an ihren ersten Auftritt auf gesellschaftlichem Parkett: Mit siebzehn hatten ihre Eltern sie auf einen Ball mitgenommen, den Carl Warnstedt, Geschäftspartner ihres Vaters, anlässlich seines fünfzigsten Geburtstags veranstaltete. Alma würde nie vergessen, wie sie unter den Augen der versammelten Bremer Oberschicht am Arm ihres Vaters in den Saal des Stadtpalais geschritten war, verunsichert bis in die Knochen, doch mit einem tapferen Lächeln auf dem Gesicht. Ihre schlanke Erscheinung und das nachtblaue Abendkleid sorgten unter den jungen Männern für Aufsehen; Fremde standen buchstäblich Schlange, um ihr vorgestellt zu werden und Komplimente zu machen, bis ihr Vater sich ihrer erbarmte und sie auf die Tanzfläche zog. Alma war eine gute Tänzerin, und in seinen sicheren Armen über das Parkett zu gleiten, beruhigte ihre Nerven. Wenige Tänze reichten aus, um ihre Schüchternheit abzustreifen, und sie wurde Teil des Wirbels aus herausgeputzten, schmuckbehangenen Damen und eleganten, in ihren Fräcken an balzende Pinguine erinnernde Herren. Sie trank ihr erstes Glas Champagner, plauderte, lachte und tanzte ausgelassen, bis das Fest in den Morgenstunden zu Ende ging. Niemand bezweifelte, dass Albert Falkenbergs Tochter ein glänzendes Debut gefeiert hatte.
Alma öffnete die Augen und seufzte. Fast zehn Jahre waren seitdem vergangen; geblieben war nur eine schöne Erinnerung. Und wenn schon, dachte sie, es gibt Wichtigeres im Leben als Bälle und schöne Kleider. Voller Zärtlichkeit blickte sie Albert an, der mit einem Stückchen Apfel in der Hand auf seinem Bett eingenickt war, dann stand sie auf, um sich für das Dinner zurechtzumachen. Als sie sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte, blieb ihr Blick im Spiegel hängen. Sie nutzte den Anlass zu einer kritischen Betrachtung. Alberts Geburt hatte einige Pfunde auf ihrer Figur hinterlassen, glücklicherweise an den richtigen Stellen. Im Vergleich mit vielen Frauen ihres Alters war Alma immer noch schlank, und Howard hatte sie spüren lassen, wie sehr ihm ihre neuen Rundungen gefielen.
Sie entschied sich für das grüne Kleid, ein Geschenk ihrer Eltern zum zwanzigsten Geburtstag. Sie hatte es vor der Abfahrt eigenhändig aufgetrennt und umgenäht, damit sie wieder hineinpasste. Da sie die meisten ihrer guten Stücke als hoffnungslos altmodisch, verschlissen oder zu eng aussortiert hatte, verfügte sie gerade noch über eine Handvoll Kleider, die den Ansprüchen eines formellen Abendessens an Bord genügten. Sie persönlich hätte die zweite Klasse für die Überfahrt als ausreichend empfunden, doch Howard hatte darauf bestanden, dass sie als Frau eines Plantagenbesitzers standesgemäß reiste. War ihm überhaupt bewusst, unter welchen Umständen sie nach seiner Abreise in Liverpool gehaust hatten?
Alma blieb im Eingang des Speisesaals stehen und sah sich um. In dem großen Raum befanden sich knapp zwanzig Tische, jeweils für sechs oder acht Personen gedeckt, dazu eine zentrale Tafel, vermutlich der Kapitänstisch. Von der Decke hingen Kristalllüster, an den tapezierten Wänden prangten zwischen den Fenstern Ölgemälde mit maritimen Themen. Von der Seite näherte sich ein Steward und erkundigte sich nach ihrem Namen. Nachdem sie ihm Auskunft gegeben hatte, warf er einen Blick auf die Liste in seiner Hand und geleitete sie zu den für sie vorgesehenen Plätzen. Sie befanden sich am Rand des Saals und gewährten einen guten Überblick. Ein bereits an ihrem Tisch sitzender Mann erhob sich und zog zwei der gepolsterten Stühle zurück, damit Albert und sie darauf Platz nehmen konnten.
„Vielen Dank“, sagte Alma. „Sie sind sehr aufmerksam.“
„Ich kann nichts dafür. Meine Mutter hat es mir gegen meinen Willen eingebläut“, sagte er mit schwerem schottischen Akzent und deutete eine Verbeugung an. „Walter Dickson. Zu Ihren Diensten.“
„Mrs Howard Dillingham“, stellte Alma sich ihrerseits vor.
„Merkwürdig“, sagte er. Auf seiner Wange prangte ein riesiges Muttermal, das sein Gesicht allerdings eher lustig als abstoßend erscheinen ließ. „Ihre Eltern scheinen Humor zu besitzen, dass sie ihre Tochter Howard tauften.“
„Wie bitte?“, fragte Alma verblüfft. Es entsprach absolut den Gepflogenheiten, dass sie sich mit dem Namen ihres Mannes vorstellte.
„Nur mein üblicher Scherz, um einen Vornamen herauszukitzeln“, erklärte er und brach in Gelächter aus. „Sollten wir gemeinsam im Magen eines Seeungeheuers landen, wären Förmlichkeiten doch gänzlich unangebracht.“
„Na dann. Ich bin Alma“, sagte sie belustigt und streckte ihm die Hand entgegen. „Schön, Sie kennenzulernen, Walter.“
„Das finde ich auch. Und wie heißt du?“, fragte er und beugte sich zu ihrem Sohn hinüber.
„Albert.“
„Ach, dann hat deine Mutter dich sicher nach Prince Albert benannt.“
„Nach meinem Opa“, sagte Albert und kratzte sich am Kopf, ohne Walter anzusehen.
„Das ist genauso gut. Ich freue mich, dass wir auf der Reise zusammen essen werden. Ist es dir auch recht?“
„Ja.“
„Na, dann ist es abgemacht. Es sei denn, deine Mutter möchte mich loswerden“, sagte er und sah zu Alma.
„Möchte sie nicht“, lächelte sie.
Die gute Stimmung erhielt einen merklichen Dämpfer, als der Steward eine ganz in Schwarz gekleidete Frau mittleren Alters zu ihnen an den Tisch setzte. Ihr verkniffenes Gesicht strahlte die Lebensfreude einer seit Jahren in der hintersten Ecke einer Abstellkammer vergessenen Zitrone aus. Sie stellte sich mit knappen Worten als Mrs Masterson aus Fornham All Saints in der Grafschaft West Suffolk vor, bevor sie einen misstrauischen Blick auf Albert warf.
„Wird der Junge etwa jeden Abend mit uns im Speisesaal essen?“, fragte sie.
„Sicher. Wo denn sonst?“, fragte Alma.
„Nun, mit dem Kindermädchen in der Kabine, würde ich vorschlagen. Wie es sich gehört.“
„Bedaure, aber ich reise ohne Kindermädchen.“
Mrs Masterson zog missbilligend eine Braue hoch, wodurch ihr ohnehin nicht sehr regelmäßiges Gesicht vollends das Gleichgewicht verlor und sich zu einem kränklichen Halbmond bog.
„In meinen Augen ist dies nicht zu verantworten, aber das ist schließlich Ihr Problem. Ich für meinen Teil werde mich gleich morgen um einen anderen Tisch bemühen.“
Alma warf ihr einen giftigen Blick zu. Nur zu, meinen Segen hast du, dachte sie: Ich gönne dir einen ruhigen Einzeltisch draußen im kalten Regen auf dem Vordeck.
Um ihren Ärger zu beherrschen, kehrte sie Mrs Masterson den Rücken zu und sah sich im Speisesaal um. Ihr fiel auf, dass sich unter den Passagieren nur wenige Frauen befanden. Den Großteil der Anwesenden machten Männer mittleren Alters aus, deren Selbstsicherheit verriet, dass sie die Passage in die Kolonien nicht zum ersten Mal unternahmen. Für einen jungen Mann auf der Suche nach dem Glück musste die erste Klasse unerschwinglich sein. Auch Howard war in der Zweiten gereist, auf einem der älteren P&O-Liner.
„Wie alt ist Albert?“, riss Walter sie aus ihren Betrachtungen.
„Im nächsten Monat wird er drei“, sagte Alma. „Mögen Sie Kinder?“
„Aber natürlich. Kinder sind etwas Wunderbares“, sagte er mit einem Seitenblick auf Mrs Masterson.
„Dann haben Sie sicher auch welche?“
„Bedauerlicherweise nicht. Ich bin Junggeselle, und daran wird sich wohl auch nichts ändern. Frauen finden mich im Allgemeinen etwas schwierig.“
„Tatsächlich?“, fragte Alma. Auf sie machte er einen sympathischen Eindruck, dazu besaß er gute Manieren und ein angenehmes Äußeres. Obwohl seine Haare bereits ergrauten, schätzte sie ihn erst auf Anfang dreißig, etwa in Howards Alter. Alma empfand ihn durchaus als anziehend; andererseits wusste man nie, welche dunklen Seiten in Männern schlummerten.
„In Ihren Augen mag ich ganz normal wirken“, sagte er und zwinkerte ihr zu, „aber das Leben im Orient hat schon aus manchem Mann einen seltsamen Vogel gemacht.“
„Und in was für eine Art von Vogel hat es Sie verwandelt?“
„In eine Nebelkrähe, fürchte ich.“
„Wie schade. Dabei hatte ich so sehr auf eine Nachtigall gehofft“, sagte Alma. Ihr gefielen Menschen, die sich nicht allzu ernst nahmen.
„Da muss ich Sie leider enttäuschen. Sollte ich Ihnen ein Ständchen bringen, würden Sie die Crew anflehen, mich über Bord zu werfen“, sagte er mit gespieltem Bedauern.
„Oh je, dann verzichte ich lieber darauf“, lachte Alma.
„Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Nach Hong Kong zu schwimmen, wäre mir doch etwas zu mühsam.“
„Dann reisen Sie also nach Hong Kong? Was führt Sie dorthin?“
„Der Dienst. Ich bin Polizeiinspektor und kehre aus dem Heimaturlaub zurück.“
„Polizeiinspektor klingt aufregend.“
„Dachte ich auch, aber das war ein Trugschluss. Den überwiegenden Teil meiner Zeit verbringe ich mit Büroarbeit.“
„Davon kann ich ein Lied singen“, seufzte Alma und dachte zurück an die eintönigen Jahre im Kontor von Hucknall, Springs & Joyce.
„Und wohin geht Ihre Reise, Alma?“
„Nach Malaya. Mein Mann lebt seit anderthalb Jahren dort, und nun folgen Albert und ich nach.“
„Ah, die Straits Settlements. Singapur oder Penang?“
„Weder noch. Howard besitzt eine Gummiplantage in Kedah.“
„In Kedah? Ich habe gehört, es soll eine ziemlich wilde Gegend sein.“
„Das mag sein“, sagte Alma abgelenkt, weil sie Albert hindern musste, aus Langeweile das Blumenbouquet auf dem Tisch zu zerrupfen: „Lass das, mein Schatz. Du machst die schönen Blumen kaputt.“
„Ich mag sie nicht. Sie stinken.“
„Sie stinken nicht, sondern sie duften“, belehrte sie ihn, konnte sich dabei aber kaum ein Lachen verkneifen.
„Sehen Sie, das mag ich an Kindern“, meinte Walter ebenfalls amüsiert. „Sie sagen immer die Wahrheit.“
„Für meinen Geschmack plappern sie nur dummes Zeug“, mischte Mrs Masterson sich ein. „Außerdem zerstören sie alles, wenn man ihnen nicht auf die Finger haut. Wie man es gerade wieder an Ihrem Sohn gesehen hat.“
„Sie haben wohl keine Kinder?“, fragte Alma bissig.
„Nein, und ich habe auch nie das Bedürfnis danach verspürt“, gab sie zurück und bemühte sich, so viel Würde wie möglich in ihre Worte zu legen. Die Würde eines Stockfisches, dachte Alma verächtlich.
„Wenn ich mir die Frage erlauben darf, Mrs Masterson“, sagte Walter mit einem Lächeln und berührte vertraulich ihre Hand. „Sind Sie eigentlich immer so ein Stinkstiefel oder haben Sie heute nur einen schlechten Tag?“
Mit dieser fabelhaften Unverschämtheit hatte Alma nicht gerechnet. Sie verschluckte sich und musste husten, während Mrs Masterson wie von der Tarantel gestochen aufsprang und wortlos den Tisch verließ.
„Das war frech“, kicherte Alma hinter vorgehaltener Hand, als sie wieder Luft bekam.
„Kein bisschen. Es war genau angemessen“, befand Walter. „Ich bin froh, dass wir die alte Schrulle los sind. Schauen Sie mal.“
Er lenkte Almas Blick auf eine ungewöhnlich große Frau, die kerzengrade durch den Speisesaal schritt, ohne nach links oder rechts zu schauen.
„Kennen Sie die Dame?“
„Nein, ich bewundere nur ihren Auftritt. Ich würde jede Wette eingehen, dass sie den größten Teil ihres Lebens in den Kolonien verbracht hat.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Weil sie Selbstsicherheit und Beherrschung ausstrahlt, ohne dabei arrogant zu wirken. Weltreiche werden von Männern aufgebaut, aber Frauen dieses Kalibers braucht man, um sie zu erhalten. Für mich sind sie das wahre Rückgrat des Empires, weder durch wilde Tiere noch bewaffnete Aufstände aus der Ruhe zu bringen.“
Alma betrachtete die Dame genauer. In ihrem konservativen Kleid wirkte sie zeitlos, musste die Vierzig aber bereits hinter sich gelassen haben. Sie war sehr schlank, beinahe hager, mit schmalem Gesicht und einer scharf geschnittenen Nase. Als der Kapitän den Saal betrat und sie entdeckte, eilte er auf sie zu, um ihr mit einem Handkuss seine Aufwartung zu machen. Entweder war die Dame schon zuvor auf der Antenor gereist, oder sie trug einen großen Namen. Auf jeden Fall war sie eine beeindruckende Persönlichkeit, wie Walter es gesagt hatte.
Almas Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, als sich ein älteres Ehepaar zu ihnen setzte und als Mr und Mrs William Bannister vorstellte, Missionare auf dem Weg nach Schanghai. Im Gegensatz zu Mrs Masterson erwiesen sie sich als fröhliche und aufgeschlossene Tischgenossen.
Um Punkt acht Uhr wurde serviert. Alma verzehrte den Lammbraten mit einem Genuss, als hätte sie seit Tagen nichts zu essen bekommen. Scheinbar weckt Seeluft wirklich den Appetit, dachte sie und ließ sich zum Nachtisch eine Portion Apfelstrudel mit Schlagsahne auffüllen. Wer konnte sagen, ob sie in Malaya jemals ähnlich exzellente Kost serviert bekäme?
Walters Worte gingen ihr durch den Kopf: War Kedah so wild, wie er sagte? Alma wusste nur, dass es von einem relativ unabhängigen Sultan regiert wurde und nicht den Föderierten Malaiischen Staaten angehörte. Howard hatte sich in seinen Briefen bedeckt gehalten, was die Lebensumstände auf der Plantage betraf, und sie fragte sich, welche Unannehmlichkeiten dort auf sie lauerten. Was auch immer, eine Wahl hatte sie ohnehin nie gehabt. Sie gehörte zu Howard, gleichgültig, wohin die Stürme des Lebens sie trieben.
In der Nacht träumte Alma von Malaya. Sie lebten in einem ganz aus Holz errichteten Haus, das wie ein verwunschener Palast auf einer von rotblühenden Hecken eingerahmten Lichtung im Wald stand. Alma ging im Dschungel Früchte sammeln, doch sie verlor die Orientierung und fand den Heimweg nicht mehr. Jedes Mal wenn sie glaubte, einen Bach, einen Hügel oder einen besonders hohen Baum wiederzuerkennen, musste sie feststellen, dass sie sich getäuscht hatte. Immer schneller wurden ihre ziellosen Schritte, mit jedem einzelnen wuchs ihre Angst. Als sie stehen blieb, um Luft zu holen, hatte sich eine bedrückende Stille über den Dschungel gelegt: Kein Vogel sang mehr, das Surren und Zirpen der Insekten war verstummt. Nur das Rasseln ihres Atems und das Knacken eines Zweigs unter ihrem Fuß war zu vernehmen, sonst nichts. Alma beschlich das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Sie wirbelte herum und sah ihn, keine zehn Meter entfernt, zum Sprung bereit, seine grünen Augen kalt funkelnd auf sie gerichtet. Alma schrie auf und rannte los, instinktiv, obwohl sie wusste, dass sie ihm nicht entkommen konnte, lief und lief, sprang über Baumwurzeln und kleine Bäche, der Tiger dicht hinter ihr, seiner Beute zu sicher, um ihretwegen Eile zu zeigen. Mit letzter Kraft brach Alma durch ein Gebüsch und fand sich am Ufer eines Flusses wieder. Als sie hineinspringen wollte, sah sie zu ihrem Entsetzen Krokodile von einer Sandbank gleiten und auf sie zu schwimmen. Ihre Flucht war zu Ende, sie saß in der Falle; ihre einzige und letzte Wahl bestand darin, über die Art ihres Todes zu entscheiden. Sie drehte sich herum, geschlagen und bereit für das Unvermeidliche. Der Tiger stieß ein triumphierendes Brüllen aus und sprang.
Alma erwachte, bevor er sie packen und zerreißen konnte, doch die Erinnerung an seine gelben Fangzähne wollte nicht weichen. Selten hatte sie einen Traum so intensiv erlebt wie diesen. Mehrere Minuten vergingen, bis ihr Herzschlag sich beruhigte und sie wieder frei atmen konnte. Was hatte dieser Traum zu bedeuten? Sollte sie ihn als eine Warnung auffassen? Unsinn, dachte sie; ich lebe doch nicht in der griechischen Antike, als die Götter sich noch in die Träume der Menschen schlichen, um ihnen Botschaften zu übermitteln. Der Tiger war ein Symbol für Malaya, Ausdruck ihrer unterbewussten Furcht vor dem Fremden. Nüchtern betrachtet hatte sie allen Grund dazu, denn ihr Wissen über die neue Heimat war verschwindend gering. Sie verließ sich darauf, dass Howard sie beschützen würde, bis sie mit den Zuständen vertraut war. Der Gedanke half ihr, wieder in den Schlaf zu finden.
Am nächsten Morgen wäre Alma beinahe aus dem Bett gefallen. Die Antenor hatte den offenen Atlantik erreicht und pflügte durch schwere See, von einer Seite auf die andere gedrückt, als wäre sie nur ein kleines Fischerboot und nicht ein Dampfer von hundertfünfzig Metern. Durch das Fenster sah Alma schaumbekrönte Wogen auf das Schiff zurollen, bis es sich nach Backbord neigte und das Meer aus ihrem Blickfeld verschwand.
Sie zog sie sich an und weckte Albert. Alma war besorgt, wie es ihm ergehen würde, doch er vertrug den Seegang gut und empfand die Bewegungen des Schiffs als spaßig. Offenbar teilten nicht alle Passagiere seine Einstellung, denn der Speisesaal blieb zu einem guten Drittel leer. Auch Walter fehlte, als sie sich zu den Bannisters setzten und Alma mit großem Appetit ein Frühstück aus Schinken, gebratenen Eiern, Würstchen, Kipper und Brot verspeiste.
Ein Sturm über den Azoren sorgte dafür, dass die Wellen auf dem Atlantik stündlich höher wurden. Bis zum Dinner hatte die Seekrankheit das Kommando an Bord der Antenor übernommen. Alma zählte nicht mehr als sechsundzwanzig Köpfe unter den schwingenden Kronleuchtern des Speisesaals, darunter die Dame am Kapitänstisch, aber auch der allein an einem Tisch sitzende Asiat. Natürlich erschienen auch die unverwüstlichen Missionare, sodass Albert und sie das Dinner in Gesellschaft einnahmen.
Als der Steward zum Abdecken kam, fragte sie ihn, wie lange das schlechte Wetter seiner Meinung nach anhalten würde.
„Das ist schwer zu beantworten, Madam“, sagte er. „Anfang Dezember kann es in diesen Gewässern länger stürmisch bleiben. Sobald wir Gibraltar hinter uns haben, sollte das Meer allerdings ruhiger werden.“
„Wir werden es schon durchstehen“, meinte Alma. „Wissen Sie übrigens, wer die Dame am Kapitänstisch ist? Im dunklen Kleid mit den braunen Haaren?“
„Das ist Lady Swindon, Madam. Die Gemahlin von Major General Sir Malcolm Swindon, VC. Sie gewährt uns die Ehre, bereits zum zweiten Mal an Bord unseres Schiffs zu reisen.“
„Haben Sie vielen Dank“, sagte Alma und wartete, bis er mit den Tellern gegangen, bevor sie sich an die Missionare wandte: „Was mag wohl VC bedeuten?“
„Das wissen Sie nicht?“, rief Mr Bannister. „VC ist die Abkürzung für das Victoria Cross, die höchste Tapferkeitsmedaille des Vereinigten Königreichs. Sind sie denn keine Engländerin?“
„Nein, ich bin Deutsche.“
„Was spielt die Nationalität schon für eine Rolle? Letzten Endes sind wir doch alle Gottes Kinder“, sagte Mrs Bannister. Beinahe hätte Alma ein Amen hinterhergeschickt.
Alma saß mit Albert in der Bibliothek, als der Bordlautsprecher die bevorstehende Ankunft in Marseille verkündete. Sie eilten an Deck und sahen an der Backbordseite die Îles du Frioul vorbeiziehen, karge Felsen im grauen Meer. Auf einer von ihnen entdeckte Alma das Château d’If, in dem Alexandre Dumas seinen Romanhelden Edmond Dantès vierzehn lange Jahre schmoren ließ, bevor er ihm zur Flucht verhalf. Als Jugendliche hatte sie das Schicksal des Grafen von Monte Christo zu Tränen gerührt. Den Ort seines Leidens mit eigenen Augen zu sehen, berührte sie.
Nach Tagen im eisernen Bauch des Schiffs war Alma froh, frische Luft zu atmen. Genüsslich sog sie den Geruch von Salz und Seetang ein, der wie immer Sehnsüchte nach Abenteuern und fernen Horizonten in ihr weckte. Sie blieben im Nieselregen an der Reling stehen, bis die Antenor in den Hafen einlief. Sobald die Leinen festgezurrt waren und die Gangway heruntergelassen wurde, brach auf dem Kai ein heilloses Durcheinander aus: Beamte des Zolls und der französischen Immigration kamen an Bord, Lieferanten brachten sich in Position, um ihre Waren auf das Schiff laden zu lassen, Taxifahrer, Fremdenführer und leichte Mädchen lauerten in Erwartung des bevorstehenden Landgangs auf Kundschaft, dazwischen drängten sich Schaulustige und Taschendiebe. Alma hätte dem Treiben noch stundenlang zuschauen können, doch als der Regen stärker wurde und Albert anfing zu quengeln, beschloss sie, ihn schlafen zu legen und sich im Gesellschaftsraum bei einer Tasse Tee aufzuwärmen.
Da sich die meisten der Passagiere für den Landgang bereithielten, herrschte kaum Betrieb in der Lounge. An einem Tisch saßen drei Männer und spielten Karten, ein gelangweilter Steward wischte den Boden, und etwas abseits hatte Lady Swindon es sich mit einem Magazin in einem Sessel bequem gemacht. Alma wählte einen Platz in ihrer Nähe und lehnte sich zurück, um heißen Tee zu nippen und ihren Gedanken nachzuhängen, bis einer der Kartenspieler, ein dicker Mann mit Schnurrbart, ihre Aufmerksamkeit erregte.
„Euch ist doch bestimmt der Eingeborene aufgefallen, der beim Dinner allein am Tisch sitzt. Wie kann sich so einer die Passage in der ersten Klasse leisten?“, fragte er laut genug, dass Alma jedes Wort verstehen konnte.
„Vielleicht gehört er zu einer der Sultansfamilien“, vermutete einer, der aussah wie ein Frettchen. „Die haben genug Geld, um ihre Leute nach England zu schicken.“
„Es stört mich, dass wir nicht unter uns sind. Warum reist er nicht in der zweiten Klasse, wenn er schon unbedingt nach England musste?“
„Es gibt auf diesem Schiff keine zweite Klasse, Wilbur“, erinnerte ihn der Dritte.
„Dann soll er eben ein anderes Schiff nehmen, verdammt noch mal.“
„Warum regst du dich so auf?“, fragte das Frettchen. „Er bleibt für sich und belästigt niemanden. Ich finde die Malaien ganz in Ordnung, wenn man sie zu nehmen weiß. Aufpassen muss man viel mehr auf die Chinesen, die sind mir zu ehrgeizig.“
„Für mich sind sie alle gleich“, schnaubte der Dicke und trank einen Schluck Bier. „Faul und verschlagen, wie schon Swettenham schrieb.“
Alma horchte auf, als der Name des ehemaligen Gouverneurs fiel. Sie las seit ihrer Abreise in seinem Standardwerk British Malaya, um mehr über das Land zu erfahren.
„Sie sind eben anders als wir“, sagte der Dritte. „Wichtig ist doch nur, dass sie ihren Platz kennen und unsere Autorität nicht anzweifeln.“
„Genau deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass sie sich mit uns mischen. Ihr Platz ist zu unseren Füßen.“
„Entschuldigen Sie bitte, aber da ich nun einmal gezwungen bin, Ihren Ausführungen zu lauschen, würde ich Ihnen gern eine Frage stellen“, sagte Lady Swindon und legte das Magazin beiseite. „Warum glauben Sie, diese Menschen nicht achten zu müssen?“
„Achten?“, lachte er auf. „Wie könnte ich einen Haufen Wilder achten? Bei allem Respekt, Madam, Sie kennen diese Leute nicht.“
„Meinen Sie? Ich bin zufällig in Penang geboren und aufgewachsen“, sagte sie. „Und wenn Sie schon Sir Frank Swettenham zitieren, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass er eine hohe Meinung von den Malaien besitzt. Trotz ihrer unterschiedlichen Arbeitsauffassung sind sie doch unbestreitbar ein Kulturvolk und verdienen unseren Respekt.“
„Sie verwechseln da etwas, Madam. Die sollen uns respektieren und nicht umgekehrt“, warf das Frettchen ein. „Oder wollen Sie gar unsere Vorherrschaft in Malaya in Frage stellen?“
„Nichts liegt mir ferner, doch haben wir damit auch eine Verantwortung für die Einheimischen übernommen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen wir ihre Herzen gewinnen.“
„Wer hat Ihnen denn diesen Unsinn in den Kopf gesetzt?“
„Swettenham selbst. Er wurde nicht müde zu betonen, dass wir Respekt nur von Menschen erwarten dürfen, die wir unsererseits respektieren.“
„Ich verstehe“, lachte der Dicke und blinzelte seinen Kameraden zu. „Sie sind vermutlich eine alte Freundin von ihm, dass sie seine Ansichten so genau kennen?“
„Nun, natürlich war ich zu der Zeit, als Onkel Frank zum Gouverneur der Settlements berufen wurde, noch ein Mädchen. Dennoch hatte er nichts dagegen einzuwenden, dass die kleine Lizzy, wie er mich nannte, bei den Besuchen meiner Eltern in der Residenz den Gesprächen der Erwachsenen zuhörte, solange ich mich still verhielt.“
„Onkel Frank?“, wiederholte das Frettchen ungläubig.
„Ja. Er bat mich, ihn so anzusprechen, außer bei offiziellen Anlässen, versteht sich.“
Alma feixte, als sie die dummen Gesichter der drei sah. Die Art, mit der Lady Swindon die Männer erst belehrt und dann zum Schweigen gebracht hatte, imponierte ihr. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte ihr dafür applaudiert.
* * *
Nachdem Samad einen Blick auf den Speiseplan geworfen hatte, beschloss er, das Abendessen ausfallen zu lassen. Obwohl er an der Küste des Südchinesischen Meeres aufgewachsen war, mochte er keinen Fisch, hatte ihn schon als Kind verabscheut, und bevor er die Schweinsmedaillons aß, würde er lieber hungern. Auch wenn Samad kein vorbildlicher Muslim war und mit seinen Freunden in Edinburgh gelegentlich ein Glas Bier oder Wein zum Essen getrunken hatte, wie es zur britischen Lebensart gehörte, blieb Schweinefleisch für ihn verboten. Er hatte gründlich von der Kultur des Westens gekostet und Teile ihres Gedankenguts in sich aufgenommen, doch in seinen Adern floss für immer malaiisches Blut; die Grenze zur Selbstverleugnung würde er niemals überschreiten. Er kehrte in seine Kabine zurück, um aus dem Anzug in wärmere Kleidung zu wechseln. Nachdem er den größten Teil des Tages in der Bibliothek verbracht hatte, spürte er das Bedürfnis, sich die Beine zu vertreten.
Da seine Mitreisenden sich dem Dinner widmeten, fand Samad das Sonnendeck menschenleer vor. In der Ferne tanzten die Lichter einiger Fischerboote, ansonsten dehnte sich das Meer dunkel und verlassen bis zum Horizont. Langgezogene Wellen wiegten das Schiff sanft auf ihrem Schoß wie eine liebende Mutter, durch die fadenscheinige Wolkendecke blitzten Sterne. Zu seiner Erleichterung hatte es jenseits von Sizilien endlich aufgehört zu regnen.
Bei allem, was Samad an Großbritannien schätzte, dem Fortschritt, der Ordnung oder dem intellektuellen Leben an der Universität, hatte er sich nie an das Wetter gewöhnt; als Kind der Tropen hasste er Nebel und vor allem kalten Nieselregen. Mit Freuden hätte er ihn für einen stürmischen Monsun hergegeben. Samad sehnte sich nach der Fruchtbarkeit Malayas und seinem gleißenden Licht, das die Menschen aufblühen und ihre Seelen lächeln ließ, während die Tage träge an ihnen vorüberzogen. Sein Herz zog ihn zurück in den Schatten von Palmen und Mangobäumen, wo die Dorfbewohner nach dem Abendgebet vor ihren Häusern beisammensaßen und sich im Schein von Petroleumlampen Geschichten von schönen Frauen, tapferen Männern und vergangener Größe erzählten. Dort gehörte er dazu, während er in Großbritannien immer ein Außenseiter geblieben war, ein Fremder, im besten Fall geduldet, doch nie akzeptiert.
Samad dachte an Mariam, seine Verlobte, vor der Abreise nach England noch ein dünnes Mädchen von vierzehn Jahren. Zu schüchtern, um ihm in die Augen zu schauen, obwohl sie wusste, dass sie ihm versprochen war. Vielleicht gerade deshalb. Wie die Tradition es vorsah, hatten ihre Eltern die Verbindung vor langer Zeit verabredet. In wenigen Monaten würde er das Versprechen einlösen und Mariam zur Frau nehmen, mit ihr eine Familie gründen und Kinder haben. Samad hatte in Großbritannien Briefe von ihr erhalten, nicht viele, zudem wenig aufschlussreich und sehr wahrscheinlich unter dem Druck ihrer Eltern geschrieben. Er wusste wenig von ihr und konnte weder einschätzen was für ein Mensch sie war noch ob sie zueinander passen würden.
„Guten Abend, Samad. Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“
Samad erkannte Lady Swindon trotz der Dunkelheit sofort, nicht zuletzt, weil sie ihn um einen halben Kopf überragte. Sie plauderten gelegentlich miteinander, seit sie an einem der stürmischen Tage in der Bibliothek ins Gespräch gekommen waren.
„Sehr gern, Lady Swindon“, antwortete er und beugte den Kopf, um einen Handkuss anzudeuten. „Ich bin erfreut, Sie zu sehen.“
„Wie charmant von Ihnen, aber unter uns völlig unnötig“, lachte sie. „Sind Sie wohlauf? Ich habe Sie im Speisesaal vermisst.“
„Das Menü entsprach nicht meinem Geschmack. Ich werde mir wohl ein Sandwich machen lassen, bevor ich mich in meine Kabine zurückziehe.“
„Vermissen Sie das malaiische Essen?“
„Oh ja. Sobald ich zu Hause bin, werde ich in Satay und Nasi lemak schwelgen.“
„Verständlich. Wissen Sie, was ich jedem meiner Köche gleich am ersten Tag beigebracht habe? Ein gutes Rendang daging zuzubereiten. Dafür verzichte ich gern auf jedes Stew.“
„Sie sprechen wie eine wahre Tochter Malayas, Lady Swindon, ohne respektlos erscheinen zu wollen. Natürlich ist mir bewusst, dass Sie Engländerin sind.“
„Ach was, Sie haben schon recht. Ich habe in vielen Ländern gelebt, aber keines von ihnen liebte ich wie das Land meiner Geburt. Ach Malaya, Land der Freude und des Überflusses“, seufzte sie. „Ich wünschte, ich könnte eines Tages dorthin zurückkehren.“
„Was hindert Sie daran?“
„Die Pflicht, mein Lieber. Ich gehöre an die Seite meines Mannes, und wohin er gehört, entscheidet das Empire. Im Moment ist dies Ceylon, aber es könnte auch Afrika oder Jamaika sein. Wenn es um die Interessen Englands geht, müssen persönliche Bedürfnisse zurückstehen.“
Aus den Augenwinkeln sah Samad einen kleinen Jungen heranspringen, lachend und den Blick über die Schulter gerichtet, bis er ungebremst in Lady Swindon hineinlief.
„Hoppla, wen haben wir denn da?“, rief sie und beugte sich zu dem Jungen hinunter. „Hast du dir weh getan?“
„Nein“, sagte er kleinlaut. „Entschuldigung.“
„Das macht doch nichts.“
Sofort darauf stand die Mutter des Jungen bei ihnen und zog ihn beiseite.
„Verzeihen Sie vielmals, dass mein Sohn Sie angerempelt hat. Wir haben Fangen gespielt. Ich hätte besser auf ihn aufpassen sollen.“
„Aber nein. Lassen Sie ihn ruhig herumtoben, dafür ist die Kindheit doch da. Ich finde es schön, wie Sie sich um ihn kümmern.“
„Danke für Ihr Verständnis“, sagte die Frau und deutete eine Verbeugung an. „Komm, Albert, wir spielen woanders weiter. Pass in Zukunft auf, wohin du läufst.“
„Ja, Mama.“
„Ein entzückender kleiner Bursche“, sagte Lady Swindon.
„Ja, er ist niedlich“, bestätigte Samad und sah den beiden nach. Die Frau war ihm schon aufgefallen, nicht nur wegen ihrer strohblonden Haare. Sie schaute nicht hochnäsig auf ihn herab, wie er es bei vielen anderen Engländerinnen erlebt hatte.
„Was halten Sie von einem Drink in der Bar, Samad? Es braucht schließlich kein Alkohol zu sein.“
„Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, aber ich fürchte, dass ich mich in der Bar nicht willkommen fühlen würde.“
„Die Bar steht allen Gästen offen. Dort etwas zu trinken, ist Ihr gutes Recht. Sie sollten es sich nicht nehmen lassen.“
„Ich stimme Ihnen zu, dennoch ziehe ich es vor, auf Deck zu bleiben.“
„Wie Sie meinen“, sagte sie. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“
„Ich Ihnen auch, Lady Swindon.“
* * *
Die Einfahrt in den Suezkanal markierte nicht nur in geographischer Hinsicht einen Meilenstein ihrer Reise. Zugleich mit Europa ließ die Antenor auch die Kälte und Dunkelheit hinter sich. Die Tage wurden länger, und angesichts des frühlingshaften Klimas schien es schwer vorstellbar, dass sich der Heilige Abend mit großen Schritten näherte. Die Chancen standen jedenfalls schlecht für eine weiße Weihnacht; in der Wüste Ägyptens hätte es dazu nicht weniger als eines Wunders bedurft. Alma würde den Schnee nicht vermissen. Als einer der Mitreisenden, ein alter Orientfahrer, sie warnte, dass jenseits von Dschidda das große Schwitzen beginnen würde, klang es wie Musik in ihren Ohren. Sie hatte schon immer die Wärme des Sommers geliebt und in der kalten Jahreszeit alle Tiere beneidet, die Winterschlaf hielten.
Alma verbrachte den Tag in einem Liegestuhl auf dem Sonnendeck und ließ die Bilder der unwirklichen Welt am Ufer auf sich wirken. Unter dem wolkenlosen Himmel dehnte sich eine Einöde aus Felsen, Geröll und Sand, nur selten unterbrochen von Hütten und Gruppen vertrockneter Palmen, die ihre Köpfe zusammensteckten wie tratschende Weiber. Männer in bodenlangen Gewändern trieben Esel entlang des Kanals, und am Nachmittag entdeckte Albert sogar eine Herde Kamele. Die alttestamentarische Erhabenheit der Landschaft schreckte und beeindruckte Alma gleichermaßen. Sie fragte sich, ob Gott die Wüste erschaffen hatte, damit Menschen sie auf der Suche nach fröhlicheren Gefilden durchqueren mussten.
Die erste Nacht auf dem Roten Meer war so mild und sternenklar, dass Alma sie noch eine Weile genießen wollte, bevor sie sich schlafen legte. Als sie nach dem Dinner mit Albert das Promenadendeck entlang schlenderte, kam ihr eine Idee.
„Was meinst du? Soll ich dir etwas vorspielen?“
„Oh ja“, sagte er, und sie eilten in die Kabine, um die Klarinette zu holen. Auf der Suche nach der geeigneten Bühne für ein privates Konzert entdeckte Alma, dass sie das Achterdeck für sich allein hatten.
„Was möchtest du hören?“, fragte sie, nachdem sie das Instrument zusammengesetzt und gestimmt hatte.
„Greensleeves.“
Alma hatte nichts anderes erwartet. Albert liebte dieses Lied, sie musste es schon mehrere hundert Male für ihn gespielt haben. Sein Gesicht strahlte, als die melancholische Melodie sich über das Geräusch der Schiffsmaschinen legte und einem Schwarm bunter Vögel gleich in die Nacht aufstieg, um sie mit seinen Flügelschlägen zu erfüllen. Früher war Alma gelegentlich vor Publikum aufgetreten, doch kein rauschender Beifall hatte sie so stolz und glücklich gemacht wie das Lächeln ihres Sohnes, wenn sie einfache Stücke und Kinderlieder für ihn spielte.
Als Albert nach einer Weile eingenickt war, von ihren Liedern in den Schlaf getragen, wagte Alma sich an Webers Klarinettenkonzert, Opus 26. Sie hatte es immer noch recht gut im Kopf, scheiterte aber an den Anforderungen des schwierigen Stücks. Früher hatte sie es gemeistert, doch in Liverpool hatte sie kaum Zeit zum Üben gefunden. Um den Abend nicht mit einem Misserfolg zu beenden, spielte sie zum Abschluss Moonglow, ein im Vorjahr in England populäres Lied, das sie gut beherrschte.
Der letzte Ton schwebte noch in der Luft, als Alma ein beifälliges Klatschen vernahm. Hinter ihr stand Lady Swindon.
„Entschuldigen Sie, dass ich Ihrem Konzert ohne Einladung lausche, aber Sie spielen zu schön, um es sich entgehen zu lassen.“
„Es freut mich, wenn es Ihnen gefallen hat, Lady Swindon.“
„Oh, Sie kennen meinen Namen?“
„Ich habe ihn zufällig jemand erwähnen hören“, sagte sie, nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Glücklicherweise verbarg die Dunkelheit auf dem Achterdeck ihr Erröten. „Ich bin Alma.“
„Was für ein schöner Name. Setzen wir uns doch, wenn Sie mögen. Ihr Sohn schläft tief und fest.“
„Sehr gern, Lady Swindon“, sagte sie.
„Sparen Sie sich die Lady und nennen mich einfach Liz“, bat Lady Swindon. „Auf einem Schiff vor der arabischen Küste besteht für zwei Frauen kein Grund zur Förmlichkeit.“
„Da haben Sie recht, Liz.“
„Sie müssen lange geübt haben, um Ihr Instrument so gut zu beherrschen“, stellte Lady Swindon fest.
„In der Tat. Ich spiele, seit ich sieben Jahre alt war. Eine Zeit lang war ich sehr ehrgeizig und wollte mir mit der Klarinette einen Namen machen, doch seit dem Umzug nach England spiele ich nur noch für meinen Sohn und zum eigenen Vergnügen.“
„Wie schade. Ich nehme an, dass Sie auf dem Weg nach Niederländisch-Indien sind?“
„Nein. Wie kommen Sie darauf?“
„Nun, aufgrund Ihres leichten Akzents und der Haarfarbe hielt ich Sie für eine Holländerin. Offensichtlich habe ich mich getäuscht.“
„Ich bin Deutsche, und das Ziel unserer Reise ist Malaya.“
„Sie reisen nach Malaya! Vergeben Sie mir meine Neugier, aber was verschlägt eine Deutsche ausgerechnet dorthin?“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Mögen Sie mir einen Teil davon erzählen?“, fragte Lady Swindon.
Ihr Interesse an ihrer Person überraschte Alma, ohne dass sie es als unangebracht oder gar aufdringlich empfand. Die Frau war ihr sympathisch, und sie begrüßte die Möglichkeit, sich mit ihr zu unterhalten. Um ihre Erinnerungen zu sammeln, lehnte sie sich zurück und ließ den Blick über den endlosen Sternenhimmel schweifen.
„Als Kind lebte ich mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder in einem großen Stadthaus“, begann sie. „Mein Vater war einer der Eigentümer eines Handelshauses in Bremen. Ich wuchs in einer behüteten Welt auf, und im Gegensatz zu vielen anderen Deutschen litten wir selbst nach 1914 keine Not. Der Krieg tobte zu weit entfernt, um meine Kindheit zu trüben, bis mein Bruder sich freiwillig zur Armee meldete. Keine drei Monate später erreichte meine Eltern die Nachricht, dass er gefallen war.“
Alma verstummte. Die Erinnerung an Heinrichs Tod schnürte ihr noch achtzehn Jahre später die Kehle zu. Sie hatte ihren Bruder geliebt, geradezu vergöttert, und würde sein Andenken bis zu ihrem letzten Tag in sich tragen. Lady Swindon warf Alma einen mitfühlenden Blick zu und wartete.
„Entschuldigen Sie bitte, Liz. Eigentlich wollte ich gar nicht von meinem Bruder sprechen, aber es holt mich immer wieder ein.“
„Das ist verständlich. Viele von uns haben in diesem schrecklichen Krieg geliebte Menschen verloren.“
„Ja, so ist es wohl“, sagte Alma und starrte eine Weile ins Leere, bevor sie weitersprach: „Meine Mutter ist nie über Heinrichs Tod hinweggekommen. Wenn überhaupt, fand sie Trost in der Musik, weshalb es ihr wichtig war, dass auch ich ein Instrument beherrschte. Sie müssen wissen, dass sie ausgezeichnet Klavier spielte, bis die Gicht ihr auch diese letzte Freude nahm.“
„Dann spielt sie jetzt nicht mehr?“
„Nein, sie ist tot.“
Alma erzählte Lady Swindon von den schwierigen Nachkriegsjahren in Deutschland, von der Inflation, die ihres Vaters Firma an den Rand des Abgrunds brachte, bevor Warnstedt, Falkenberg & Cie sich wie ein Phönix aus der Asche zu neuer Größe aufschwang und der Familie eine Zeit großen Wohlstands bescherte. Sobald Alma die Schule beendet hatte, begann ihr Vater sie darauf vorzubereiten, in seine Fußstapfen zu treten. Sie sollte eines Tages seinen Anteil der Firma übernehmen, womit er eine ungewöhnliche Offenheit bewies; nicht viele Menschen in Deutschland trauten Frauen zu, Führungspositionen zu übernehmen.
Obwohl Alma täglich in der Firma ihres Vaters erschien, um in Buchhaltung, Vertragsrecht, Personalführung und den Strategien internationalen Handels unterwiesen zu werden, blieb ihr ausreichend Freizeit für die Musik, Privatunterricht in Englisch und die gängigen Vergnügungen einer höheren Tochter. Das Leben meinte es gut mit den Falkenbergs, bis der unselige Oktober 1929 ihr Glück zerstörte.
Der Tod empfing Almas Mutter im Schlaf. Obwohl Minna Falkenberg erst vierundfünfzig Jahre alt war und niemals Anzeichen einer chronischen Krankheit aufgewiesen hatte, lag sie eines Montagmorgens kalt im Bett, sorgfältig zugedeckt und mit geschlossenen Augen. Der ratlose Arzt trug als Todesursache Herzversagen in den Totenschein ein, banaler Abgesang auf ein verloschenes Leben. Die Trauer legte sich wie ein schwarzes Tuch über das für Alma und ihren Vater zu groß gewordene Haus. Vier Tage später wurde ihre Mutter zu den getragenen Klängen einer Trauerkapelle auf dem Osterholzer Friedhof zur letzten Ruhe gebettet. Es bereitete Alma nur schwachen Trost, dass halb Bremen erschienen war, um ihr das Geleit zu geben. Weder sie noch ihr Vater hatten an diesem Tag Interesse an den Zeitungen, die sich gegenseitig mit Schreckensmeldungen über den Zusammenbruch des amerikanischen Aktienmarkts überboten.
Im nächsten Sommer hatte die auf den Schwarzen Donnerstag folgenden Wirtschaftskrise Warnstedt, Falkenberg & Cie in die Knie gezwungen: Die Firma war pleite. Almas Vater verlor Haus, Vermögen und Kreditwürdigkeit. Um Alma vor den Auswirkungen der plötzlichen Verarmung zu schützen, arrangierte er über Beziehungen eine Anstellung als Buchhalterin in Liverpool für sie. Auch England stöhnte unter der Krise, doch sein langjähriger Geschäftsfreund Charles Hucknall schuldete Almas Vater einen Gefallen und sagte zu, ihr Arbeit zu geben, solange seine Firma der Rezession trotzen konnte. Im Januar 1931 schiffte sie sich nach Liverpool ein.
„Der Abschied von Ihrem Vater und der Heimat muss Ihnen schwer gefallen sein“, sagte Lady Swindon.
„Oh ja. Ich wollte nicht gehen, aber mein Vater hatte sich von Freunden Geld geliehen und seine goldene Uhr verkauft, um die Überfahrt zu bezahlen. Er ließ mir keine Wahl.“
„Haben Sie ihn seitdem wiedergesehen?“
„Nein, wir schreiben uns nur regelmäßig. Es war kein Geld da, und außerdem wollte er wegen der Nationalsozialisten nicht, dass ich ihn besuche.“
„Was haben Sie von denen zu befürchten?“
„Mein Vater befürchtet Schlimmes für die Zukunft unseres Landes. Er meint, den Burschen sei nicht zu trauen.“
„Ist Ihr Vater Kommunist?“
„Nein, er glaubt fest an den Kapitalismus“, sagte Alma. „Gleichzeitig ist er aber auch ein Freigeist und hat sich bemüht, seine Ideen an mich weiterzugeben.“
„Ist es ihm gelungen?“
„Ich denke schon“, sagte Alma und dachte mit Wehmut an ihren Vater. Er hatte ihr versprochen, sie eines Tages in Malaya zu besuchen, wenn die Finanzen es erlaubten, aber aus seinen Briefen hatte sie herausgelesen, dass es um seine Gesundheit nicht zum Besten stand. Die Vorstellung, ihn möglicherweise nie wiederzusehen, bedrückte sie.
„Wie ist es Ihnen in England ergangen?“, fragte Lady Swindon.
„Ich war zum ersten Mal ganz auf mich allein gestellt: eine harte, aber lehrreiche Erfahrung. Die Einsamkeit war schwer zu ertragen. Abend für Abend saß ich in meinem Kellerzimmer und fragte mich, wohin mein Weg führen sollte. Wochen vergingen, bis ich bereit war, aus der Isolation auszubrechen und mich wieder unter Menschen zu wagen. Eine Kollegin aus dem Kontor überredete mich, mit ihr auszugehen, und dieser Abend war wie eine Offenbarung für mich. Beim Tanzen fand ich meine Unbeschwertheit wieder und konnte lachen. Plötzlich begriff ich, dass es trotz aller Schicksalsschläge weiterging. Dass unser Leben ein Geschenk Gottes ist und wir die Pflicht haben, das Beste daraus zu machen. Verstehen Sie, was ich meine? Ich war zu jung, um zu verbittern und mich aufzugeben.“
„Ich verstehe Sie sehr gut. Sie sind eine starke Frau, Alma.“
„Mag sein. Bald darauf lernte ich meinen Mann kennen. Natürlich auf einer Tanzveranstaltung“, sagte sie und lachte. „Im nächsten Frühjahr haben Howard und ich geheiratet, und neun Monate später kam unser Sohn zur Welt.“
„Wissen Sie eigentlich, dass am Silvesterabend auf dem Schiff ein Ball gegeben wird? Die Herren an Bord werden sich darum reißen, mit Ihnen tanzen zu dürfen.“
„Ich fürchte, ich werde darauf verzichten müssen. Wer sollte in der Zeit auf Albert aufpassen? Er ist zu klein, um allein in der Kabine zu bleiben.“
„Mein Dienstmädchen kann sich um ihn kümmern. Sie mag Kinder und wird es gern tun.“
„Das kann ich nicht annehmen“, protestierte Alma.
„Und ob Sie können“, entschied Lady Swindon. „Wo befindet sich Ihr Mann jetzt? Wie ich sehe, reisen Sie ohne ihn.“
„Er ist vor anderthalb Jahren vorausgefahren, um eine Kautschukplantage zu übernehmen.“
„Er ist ohne Sie und den Kleinen gefahren?“, fragte Lady Swindon und legte die Stirn missbilligend in Falten.
„Wir haben es gemeinsam so beschlossen“, erklärte Alma, obwohl sie zugeben musste, dass Lady Swindon einen wunden Punkt getroffen hatte. Sie liebte und bewunderte Howard, doch tief in ihrem Herzen fragte sie sich, ob es nicht von mangelndem Verantwortungsbewusstsein zeugte, dass er Albert und sie in Liverpool zurückgelassen hatte. Unsinn, dachte sie dann wieder: Er hatte Einsamkeit und Gefahr auf sich genommen, um ihr in der Fremde ein Heim zu bereiten. Deshalb an ihm zu zweifeln, war mehr als undankbar von ihr. Besser, sie wechselte schnell das Thema, bevor sie erneut ins Grübeln geriet.
„Darf ich Sie etwas fragen, Liz?“
„Selbstverständlich. Worum geht es?“
„Ich habe in Marseille unfreiwillig Ihr Gespräch mit den Herren in der Lounge belauscht. Stimmt es, dass Sie als Kind Sir Frank Swettenham kannten? Ich lese nämlich gerade ein Buch von ihm.“
„Ja, er war ein Bekannter meiner Eltern. Normalerweise kehre ich es nicht heraus, aber wenn es hilft, ein paar Dummköpfe einzuschüchtern, schäme ich mich nicht dafür.“
„Sagen Sie es mir bitte ganz ehrlich. Wie ist Malaya?“
„Oh, da gibt es keinen Grund zum Lügen“, sagte Lady Swindon, und ein schwärmerischer Ausdruck legte sich auf ihre Züge. „Ich habe die wärmsten Erinnerungen an das Land und seine Menschen. Als ich es mit achtzehn verlassen musste, um bei meiner Tante in England zu leben, empfand ich es als Strafe. Beinahe wie die Vertreibung aus dem Paradies.“
„So schön ist es?“
„So schön war es für mich, aber beileibe nicht alle empfinden so“, räumte Lady Swindon ein. „Viele Europäer hassen das Klima, fürchten die ungezähmte Natur oder kommen mit den Einheimischen nicht zurecht. Wo genau werden Sie leben?“
„In Kedah, sechzig Meilen nordöstlich von Penang. Ich habe keine Vorstellung davon, wie es dort sein wird.“
„Vermutlich recht abgeschieden. Das Leben auf einer Plantage birgt für Frauen viele Schwierigkeiten. Zumindest für die falschen Frauen“, sagte Lady Swindon nachdenklich. „Darf ich Ihnen einen Rat geben, Alma?“
„Sehr gern.“
„Begegnen Sie Ihrer neuen Heimat ohne Vorurteile. Öffnen Sie Ihr Herz, und Malaya wird es gewinnen, dessen bin ich sicher.“
Nachdem das Schiff Aden und das Horn von Afrika hinter sich gelassen hatte, nahm es Kurs auf Ceylon, quer über den Indischen Ozean. Zum Weihnachtsfest wurde im Speisesaal ein geschmückter Tannenbaum aufgestellt, vor dem sich nach dem Dinner einige Passagiere versammelten, um unter Mr Bannisters Anleitung Psalmen und besinnliche Lieder zu singen. Obwohl Alma den Auftritt des Weihnachtschores in Anbetracht der tropischen Hitze an Bord lustig fand, ließ sie sich von Lady Swindon überreden, selbst etwas auf der Klarinette vorzutragen. Sie entschied sich für Stille Nacht und O come all ye faithful, zwei einfache, dem Anlass entsprechende Lieder, und machte damit genug Eindruck, um für den nächsten Abend eine Einladung an die Kapitänstafel zu erhalten.
Das Bordleben verlief ruhig in den Tagen vor dem Jahreswechsel. Alma verbrachte die heiße Tageszeit im Schatten eines Sonnensegels auf dem Oberdeck. Schon bald erblühten die ersten Sommersprossen in ihrem Gesicht, und ihre Haut nahm eine gesunde Farbe an, wie früher als Kind, wenn sie mit ihren Eltern auf der Insel Langeoog Urlaub gemacht hatte.
„Sie lernen Malaiisch?“
Alma blickte auf. Neben ihr stand der unbekannte Asiate und lächelte. Bisher war er ihr nur aufgrund seiner dunklen Hautfarbe aufgefallen, ein feingliedriger, beinahe unscheinbarer Mann, doch aus der Nähe betrachtet änderte sich dieser Eindruck. Sie schluckte. Nie zuvor hatte sie solche Augen gesehen: groß, sanft und von der Farbe schmelzender Schokolade. Unwillkürlich klammerte sie sich an den Stuhl, als müsste sie befürchten, in sie eingesogen zu werden. Herr im Himmel, dachte sie, wie kann ein Mann so schöne Augen haben?
„Entschuldigen Sie bitte, falls ich Sie erschreckt habe. Ich sah das Buch“, sagte er in beinahe akzentfreiem Englisch und wies auf J. H. Freeses A Malay Manual in ihrer Hand. „Ich wollte Sie nicht stören.“
„Das tun Sie nicht. Setzen Sie sich doch“, bat sie, immer noch um ihre Fassung ringend. „Mein Name ist Alma.“
„Ich bin Samad“, sagte er und ließ sich neben ihr nieder. „Machen Sie Fortschritte in unserer Sprache?“
„Nicht besonders. Ich werde sie wohl erst richtig lernen, wenn ich vor Ort lebe. Trotzdem kann es sicher nicht schaden, mir im Vorfeld einige Vokabeln und die Grundzüge der Grammatik anzueignen. Sie sind Malaie, nehme ich an?“
„So ist es. Von der Ostküste, genauer gesagt aus Pekan im Sultanat Pahang“, erklärte er. „Meine Mutter legt Wert darauf, dass bei Sonnenaufgang der Schatten der Istana auf mein Geburtshaus fällt.“
„Was ist eine Istana?“
„Der Sultanspalast.“
„Ich verstehe. Arbeitet ihre Mutter dort?“
„Nein, sie ist eine Cousine des Sultans.“
„Oh, dann sind Sie ein Adliger.“
„Gewissermaßen, aber da ich zur weiblichen Linie gehöre, nicht in der Erbfolge. Glücklicherweise“, fügte er hinzu.
„Warum glücklicherweise?“
„Weil die Regierungsgeschäfte mich langweilen würden. Ich habe in Edinburgh Medizin studiert und hoffe nun, einige Jahre in einem englischen Hospital in Penang arbeiten zu dürfen, bevor ich später in meine Heimatstadt zurückkehre.“
„Dann würden wir nicht allzu weit voneinander entfernt leben. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns in Malaya wieder“, sagte sie.
„Das wäre nett.“
„Fände ich auch“, sagte Alma. Tatsächlich gefiel ihr die Vorstellung. Sehr sogar. Ihr kam eine Idee: „Was würden Sie davon halten, meinem Malaiisch etwas auf die Sprünge zu helfen? Sie könnten mir bis zu unserer Ankunft jeden Tag fünf Sätze beibringen.“
„Es wäre mir ein Vergnügen. Beginnen wir doch gleich mit der wichtigsten aller Fragen.“
„Und die wäre?“
„Sudah makan?“
Alma verstand kein Wort und zuckte mit den Schultern.
„Ich habe gefragt, ob sie schon gegessen haben“, erklärte er, und enthüllte beim Lächeln eine Reihe strahlend weißer Zähne.
Wie Lady Swindon es vorhergesagt hatte, erwies sich die Silvesterfeier als voller Erfolg für Alma. Der Speisesaal war schon vor dem Festdinner mit Lampions und bunten Girlanden geschmückt worden, sodass die Stewards und Matrosen nur die Tische hinaustragen mussten, damit der Ball eröffnet werden konnte. Die Herren stürzten sich auf Alma, um mit ihr zu tanzen, von Walter über Mr Bannister bis hin zum Kapitän. Angesichts des Frauenmangels an Bord empfand sie keinen Stolz deshalb; dass Mrs Masterson dennoch fast den gesamten Abend über allein am Rand der Tanzfläche saß und vergeblich darauf wartete, aufgefordert zu werden, erfüllte sie allerdings mit Genugtuung.
Als bester Tänzer an Bord erwies sich der Kapitän, während Walter über das Taktgefühl eines unterdurchschnittlich begabten Herings verfügte; wenn er nicht gerade auf ihren Füßen stand, steuerte er sie zielsicher in die anderen Paare hinein. Als Alma eine Stunde vor Mitternacht eine Pause einlegte, um ein Glas Champagner zu trinken, trat Samad an ihre Seite. Er trug einen englischen Anzug und sah blendend aus.
„Entschuldigen Sie, dass ich mich heranschleiche, während Sie sich eine Atempause gönnen, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, mich gegen meine übermächtigen Konkurrenten durchzusetzen“, sagte er. „Ob Sie mir wohl den nächsten Tanz gewähren würden?“
„Mit dem größten Vergnügen“, sagte sie und stellte das Glas ab. „Wie könnte ich meinem Lehrer diese Bitte abschlagen?“
Obwohl er nicht viele Schritte beherrschte, tanzte Samad gut. Er bewegte sich mit beneidenswerter Geschmeidigkeit. Außerdem fühlte Alma sich wohl in seinen Armen; ihr gefiel seine feste und dennoch respektvolle Art, sie zu halten.
Es gelang ihnen noch, für zwei weitere Tänze zusammenzufinden, bevor zehn Minuten vor dem Jahreswechsel die Musik verstummte und der Kapitän eine kurze Ansprache hielt, in der er seinen Passagieren Glück und Gesundheit für das kommende Jahr des Herren 1936 wünschte. Als um Punkt Mitternacht gejubelt und angestoßen wurde, stieg eine unbändige Vorfreude auf Malaya in Alma auf. Nach Lady Swindons aufmunternden Worten und Samads Freundlichkeit blickte sie voller Zuversicht in die Zukunft und konnte es nicht abwarten, sich jeder möglichen Herausforderung zu stellen. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, löste Samad sich aus der Menge und kam mit erhobenem Glas auf sie zugesteuert.
„Trinken wir darauf, dass sich in meinem Land für Sie alles so entwickelt, wie Sie es sich wünschen“, sagte er. „Mögen Sie glücklich werden in Malaya.“
Lady Swindon, die mit dem Rücken zu ihnen stand, hörte seine Worte und drehte sich herum, um ebenfalls anzustoßen.
„Auf Malaya!“, rief sie. „Auf das gesegnete Land.“
Dann setzte die Musik wieder ein, und Alma tanzte in Samads Armen davon.
Alma schlief nicht gut. Obwohl sie sich erst gegen zwei Uhr morgens von der Gesellschaft verabschiedet hatte, kam sie nicht zur Ruhe; sie konnte nicht sagen, ob durch die Aufregung des Balls oder den Anbruch des neuen Jahres bedingt. Leise zog sie sich wieder an und schlich aus der Kabine, um frische Luft zu schnappen. Aus Erfahrung wusste sie, dass Albert noch mehrere Stunden fest schlafen und sie nicht vermissen würde. Wie um die frühe Uhrzeit erwartet, fand sie sich allein an Deck wieder und nutzte die Gelegenheit, um nach dem Trubel der Nacht ungestört ihren Gedanken nachzugehen. Nach einer Weile, Alma konnte nicht einschätzen, wie viel Zeit vergangen sein mochte, kam eine leichte Brise auf. Über dem Schiffsbug zeichneten sich Spuren von Grau ab, bis der Himmel urplötzlich rot erstrahlte und die Sonne mit Macht über den Horizont heraufkam. Alma erlebte ihren ersten Sonnenaufgang in den Tropen, und die kraftvolle Ursprünglichkeit des Schauspiels berührte sie tief. Wie schön das Leben doch ist, dachte sie.
***
Alma stand neben Lady Swindon an der Reling und beobachtete, wie die Antenor in den Hafen von Colombo einlief. Am Ufer standen Palmen, deren Wedel sich wie zum Gruß in der leichten Brise bewegten. Auf dem Kai erwartete bereits eine unübersehbare Schar dunkelhäutiger Menschen die Ankunft des Schiffes, gesprenkelt mit vereinzelten Europäern in hellen Tropenanzügen. Es war die Stunde des Abschieds.
„Ich bin richtig traurig, dass Sie von Bord gehen“, sagte Alma.
„Mir fällt es auch schwer, Ihnen Lebewohl zu sagen. Eine so angenehme Gesellschaft wie die Ihre habe ich auf meinen vielen Schiffsreisen nur selten erleben dürfen“, gab Lady Swindon zurück. „Ach Alma, Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich Sie darum beneide, dass Sie nach Penang weiterreisen dürfen. Nun bin ich der Insel zum letzten Mal so nahe und darf sie doch nicht wiedersehen.“
„Wie meinen Sie das? Warum zum letzten Mal?“
„Mein Mann ist ein gutes Stück älter als ich und wird in sechs Monaten in den Ruhestand treten. Leider kann er sich nichts anderes vorstellen, als ihn auf seinem Landsitz in Cumberland zu verbringen, während ich zu gern noch einmal auf Penang leben würde. Aber diese Entscheidung trifft nun einmal er, und nicht ich. Daran ist nichts zu ändern.“
„Ich wünsche Ihnen trotzdem, dass Sie die Insel Ihrer Geburt eines Tages wiedersehen werden.“
„Das ist lieb von Ihnen. Ich werde mich jetzt besser zum Ausschiffen bereit machen. Da hinten rückt schon die Kavallerie an“, meinte sie spöttisch und wies auf ein großes schwarzes Auto, das sich, gefolgt von einem Militärlastwagen, den Weg durch die Menge auf dem Kai bahnte. „Alles Gute, und leben Sie wohl.“
„Sie auch, Liz.“
Lady Swindon nickte und verschwand im Bauch des Schiffs. Eine Stunde später sah Alma sie die Gangway hinunterschreiten, an deren Ende sie von einem glatzköpfigen Mann in Uniform empfangen wurde. Bevor sie in den schwarzen Wagen stieg, winkte sie noch einmal zum Deck hinauf. Alma schätzte sich glücklich, diese bemerkenswerte Dame kennengelernt zu haben, und würde sie in guter Erinnerung behalten.
***
Die Antenor glitt wie auf gebohnerten Dielen über das Meer, während Alma an Deck stand und beobachtete, wie sich am Horizont eine bergige Insel aus dem Nachmittagsdunst erhob: Penang kam in Sicht. Nach achttausend Seemeilen und fast fünf Wochen an Bord blieben nur noch wenige Stunden, bis Alma das Ziel ihrer Reise erreichte. Sie fragte sich, was Lady Swindon beim Anblick der von ihr schmerzlich vermissten Insel empfunden hätte. Als die Küste näher kam, konnte sie erste Einzelheiten ausmachen: in Felsen eingebettete, von Palmen beschattete Buchten, kleine Weiler aus hochgiebligen, auf Pfählen stehenden Häusern inmitten von Obstgärten, ein chinesischer Tempel auf einer Klippe über dem Meer, darunter träge in der Brandung dümpelnde Fischerboote. Über allem thronte der von sattem Grün überzogene Penang Hill. Der erste Eindruck mochte sie trügen, doch Alma hatte niemals einen Ort gesehen, der ihrer Vorstellung vom Paradies so nahe gekommen war wie diese vor Fruchtbarkeit berstende Insel. Sie begriff, warum Penang schwärmerisch die Perle des Orients genannt wurde.
„Und? Wie gefällt es Ihnen?“
Alma hatte sich so in den Anblick der Insel vertieft, dass sie Samad nicht bemerkt hatte, als er leise an sie herangetreten war.
„Wunderbar“, sagte sie. „Einfach nur wunderbar. Ich kann es nicht erwarten, an Land zu gehen.“
„Bald wird es soweit sein. Deshalb habe ich Sie auch gesucht“, erklärte er. „Ich wollte mich von Ihnen verabschieden, bevor wir uns nachher im Trubel der Ausschiffung aus den Augen verlieren.“
„Das könnte sicherlich passieren“, sagte sie und wandte sich ihm zu, damit sie ihn ein letztes Mal betrachten konnte. Sein Lächeln und die Schönheit seiner Augen würde sie niemals vergessen. Mein Gott, was denke ich mir da bloß, erschrak sie; benimm dich gefälligst, wie es sich für eine verheiratete Frau gehört.
„Tja, was soll ich sagen?“
„Sie brauchen überhaupt nichts zu sagen. Ich wollte mich nur für die schönen Stunden mit Ihnen bedanken und Ihnen alles Gute für die Zukunft wünschen.“
„Vielen Dank für den Sprachunterricht“, sagte sie, weil ihr nichts Besseres einfiel. Eigentlich hätte sie ihm gern etwas Persönliches zum Abschied gesagt, aber nun brachte sie es nicht fertig. Samad schien ihre Unsicherheit zu spüren.
„Dann werde ich jetzt gehen und meine Sachen packen“, sagte er. „Viel Glück, Alma.“
„Für Sie auch. Ich hoffe, dass wir uns eines Tages wiedersehen“, rief sie ihm hinterher. Er blieb im Aufgang stehen und drehte sich noch einmal zu ihr um.
„Das würde ich mir auch wünschen“, sagte er, dann stieg er die Treppe hinab. Alma wartete ein paar Minuten, dann ging sie in ihre Kabine, um Albert aus seinem Mittagsschlaf zu wecken. Er sollte dabei sein, wenn das Schiff festmachte und sein Vater sie am Kai erwartete. Ihre Habseligkeiten hatte Alma längst in Koffern und Kisten verstaut.
Das Schiff drehte den Bug nach Süden und bog in einen nur wenige Kilometer breiten Kanal zwischen der Insel und dem Festland ein. Hinter einer weiten Rasenfläche und den niedrigen Mauern eines Forts dehnte sich die Inselhauptstadt Georgetown. Ein Zittern lief durch den Rumpf der Antenor, als sie an Fahrt verlor und an den im Hafen ankernden Dschunken, malaiischen Schonern, Lastseglern und Hunderten von kleinen Kähnen vorbei auf die Anlegestelle zuhielt.
Alma kaute auf ihrer Unterlippe, nervös wie ein Mädchen vor seiner Hochzeitsnacht, während sie versuchte, Howard inmitten der Menschenmenge auf dem Swettenham Pier zu entdecken. Wo war er nur? Es konnte unmöglich sein, dass er nicht gekommen war, um sie abzuholen. Dann sah sie ihn. Ein breitkrempiger Hut verdeckte sein Gesicht, und statt des erwarteten Anzugs trug er knielange Hosen und ein helles Hemd. Deshalb hatte sie ihn nicht auf Anhieb erkannt.
„Howard! Howard, hier bin ich“, rief sie und winkte ihm zu, doch ihre Stimme verlor sich im Brummen der Schiffsmaschinen und den Rufen der anderen Passagiere. Sie hob Albert vor ihre Brust und wies mit der freien Hand auf Howard.
„Schau, da unten steht dein Vater. Der Mann mit dem Hut.“
„Ja“, sagte Albert und wirkte dabei eher eingeschüchtert als erfreut. Als die Gangway heruntergelassen wurde und Howard immer noch nicht auf sie aufmerksam geworden war, eilte Alma unter Deck, um so schnell wie möglich die Einreiseformalitäten hinter sich zu bringen.
Nach einer halben Stunde war es soweit: froh, der stickigen Luft im Bauch des Schiffs zu entkommen, lief sie mit Albert an der Hand die Gangway hinunter und auf Howard zu. Im letzten Moment zögerte sie. Statt ihm in die Arme zu sinken, blieb sie beklommen vor ihm stehen.
„Hallo, Alma“, sagte er und küsste sie auf die Stirn. „Schön, dass du hier bist.“
„Mein lieber Howard“, flüsterte sie und strich ihm über die Wange. Er hatte etwas zugenommen und trug die Haare länger. Die größte Veränderung allerdings stellte sein Schnauzbart dar, der ihn verwegen aussehen ließ und Alma gut gefiel.
„Und wen haben wir da? Bist du etwa mein Sohn Albert?“, scherzte Howard und zwinkerte ihm zu. „Wie groß du geworden bist. Hat dir die Fahrt auf dem Schiff gefallen?“
Albert nickte nur und blieb stumm. Alma selbst erging es ähnlich: Gerade weil es so vieles zu sagen gab, wusste sie nicht, wo sie beginnen sollte. Während sie über Belanglosigkeiten wie die Hitze und ein mögliches Unwetter redeten, bestaunte Alma das babylonische Sprachengewirr um sie herum. Ihr schien, als hätten sich alle Rassen der Welt auf dem Kai versammelt: Neben sonnenverbrannten Engländern tummelten sich Inderinnen in Saris, Malaien in weiten buntverzierten Gewändern und elegante chinesische Damen zwischen nur mit Lendenschurzen bekleideten Lastenträgern und alten Weibern in Pyjamas. Frauen und Männer, Reiche und Arme, Menschen unterschiedlichster Hautfarbe und Herkunft mischten sich ungezwungen, während sie ihrer Wege gingen.
Nach einer Weile erschienen zwei Inder mit ihrem Gepäck auf der Gangway. Alma blickte ein letztes Mal zum Schiff hinauf, wo Walter an der Reling lehnte und ihr zum Abschied winkte, dann folgte sie Howard und den Trägern zu seinem Wagen. Ihr blieb der Mund offen stehen, als sie eine schwarze, viertürige Limousine entdeckte.
„Was für ein schönes Auto“, rief sie. „Gehört es etwa dir?“
„Nein. Francis war so gnädig, mir seinen Rover zu borgen. Meine eigene Karre ist in einem so miserablen Zustand, dass ich mich damit kaum bis nach Penang traue“, sagte er mit einem unüberhörbaren Anflug von Bitterkeit. Alma betrachtete sein Profil, während er das Einladen ihrer Koffer und Kisten überwachte: die Kindheitsnarbe an seiner Schläfe, die volle Unterlippe, insgesamt dieselben feinen Züge wie früher, nur waren ein paar Falten hinzugekommen. Sorgenfalten?
„Was ist mit deinen Augen?“, fragte sie. „Hast du Probleme damit?“
„Nein, wie kommst du darauf?“
„Sie sind ganz rot, voller geplatzter Äderchen.“
„Ach, das meinst du“, sagte er und lachte. „Das liegt daran, dass ich gestern mit Freunden einige Flaschen Bier geleert habe. Schließlich muss man die Gelegenheit nutzen, wenn man zur Abwechslung in der Zivilisation ist.“
Alma nickte. In Liverpool hatte Howard überhaupt nicht getrunken, doch vermutlich gehörte Alkohol in den Kolonien zum guten Ton. Sie konnte verstehen, dass er sich nicht abseits stellen wollte.
„Steigt ein, wir fahren“, sagte er und hielt ihr die Tür auf, nachdem er die Träger mit einigen Münzen entlohnt hatte.
„Wie lange werden wir bis zur Plantage brauchen?“
„Da die Straßen schlecht sind, je nach Wetter drei bis vier Stunden. Aber noch nicht heute. Wir werden die Nacht im Eastern & Oriental verbringen und zwei weitere auf dem Penang Hill. Schließlich wollen wir doch unser Wiedersehen feiern. Ich möchte Zeit für dich haben, bevor es zurück an die Arbeit geht.“
„Oh, das ist eine schöne Überraschung“, rief sie und setzte Albert auf die Rückbank, bevor sie selbst einstieg.
Howard warf den Wagen an und bog mit ihnen auf die Uferstraße, an einigen klassizistischen Fassaden vorbei und dann eine von purpurfarben blühenden Jacarandabäumen gesäumte Allee hinauf, bis sie nach wenigen Minuten das Hotel erreichten. Das E&O strahlte eine gediegene Pracht aus, die Alma von einem Hotel in diesem Winkel der Welt nicht erwartet hätte.
„Himmel, ist es schön hier“, rief sie, als sie das großzügige Zimmer mit Blick über das Meer betraten. „Sag mir, dass wir in Malaya glücklich sein werden, Howard.“
„Nun ja, so glücklich man in diesem Land eben sein kann“, sagte er; es war nicht die von Alma erhoffte Antwort. Als sie Albert mit vorgeschobener Unterlippe neben Howard stehen sah, fiel ihr auf, dass er seit ihrer Ankunft kaum ein Wort gesprochen hatte. Plötzlich kam es ihr vor, als hätte ein böser Zauber der Welt ein Stück ihres Glanzes geraubt.
Nach dem Essen spielte die Hauskapelle auf dem Rasen vor dem Hotel. Sie setzten sich an einen Tisch, um der Musik zu lauschen und einen Stengah, Whisky mit Soda, zu trinken. Der ungewohnte Alkohol belebte Alma, und sie hätte gern mit Howard getanzt, doch er hatte sich bei der Arbeit auf der Plantage den Fuß verstaucht. Sie blieben eine Stunde, bis Albert vor Müdigkeit die Augen zufielen, dann zogen sie sich auf ihr Zimmer zurück.
Alma ließ sich Zeit beim Waschen und Zurechtmachen für die Nacht; nachdem sie so lange auf diesen Augenblick gewartet hatte, wollte sie schon die Vorfreude auskosten. Howard lag im Bett und erwartete sie, als sie im Nachthemd hereinkam.
„Ich hatte fast vergessen, wie hübsch du bist.“
„Dann wird es Zeit, dass ich dich daran erinnere“, sagte sie und schlüpfte zu ihm unter das dünne Laken. „Ich habe dich so sehr vermisst.“
„Ich dich auch. Was meinst du?“, fragte Howard und sah vielsagend zu Alberts Bett hinüber. „Können wir…?“
„Aber natürlich“, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn. „Wenn wir leise sind, wird er nichts mitbekommen.“
In dieser Nacht schlief Alma so gut wie lange nicht mehr. Nach dem Frühstück packte sie alles für zwei Tage Nötige in eine Tasche und deponierte den Rest ihres Gepäcks im E&O. Gegen Mittag setzten sie sich in den Rover und bogen vor dem Hotel in westlicher Richtung auf die Straße.
„Was sind das für Bäume?“, fragte Alma und wies auf einen alten, von knorrigen, weiß blühenden Bäumen beschatteten Friedhof.
„Frangipani. Sie riechen gut.“
Bald hatten sie den inneren Stadtbereich verlassen und fuhren an einer Folge von prunkvollen Villen vorbei. Alma vermutete sie im Besitz von wohlhabenden Engländern, doch Howard klärte sie auf, dass chinesische Händler, sogenannte Towkays, in ihnen lebten. Kein Europäer auf der Insel und überhaupt in diesem Teil der Welt konnte sich mit ihrem Reichtum messen, weshalb der Volksmund die Straße „Millionärsreihe“ nannte. Nach einer Fahrt durch beschauliche Dörfer, an Reisfeldern und Kokosplantagen vorbei, erreichten sie Ayer Itam, einen kleinen Ort am Fuße des Penang Hill. Dort ließen sie das Auto stehen, um mit der Standseilbahn den Berg hinaufzufahren. Albert kreischte vor Freude, als sie während des langsamen Aufstiegs eine Horde Affen im Wald entdeckten und kurz darauf noch einen meterlangen, auf einem Felsen in der Sonne dösenden Waran.
Eine halbe Stunde später saßen sie beim Tee auf der Terrasse ihres Bungalows. Alma genoss den weiten Blick bis hinüber aufs Festland, wo die grünen Hügel und Wälder Kedahs wie ein Versprechen auf sie warteten. Was für ein wunderschönes Land, dachte sie. Hier werde ich glücklich sein.
* * *
Der Mann beobachtete fatalistisch den Egel an seiner Wade. Wenn er sich nicht verzählt hatte, musste es der zwölfte sein, der sich seit Sonnenaufgang an seinem Blut labte. Der Mann griff in seine abgewetzte Ledertasche und nahm ein Beutelchen mit Salz heraus, um einige Körner auf den Egel zu streuen. Wenn er das Tier von seinem Bein riss, würde der Kopf darin zurückbleiben und eine Entzündung hervorrufen, doch das Salz sorgte dafür, dass es freiwillig von ihm abließ. Die meisten benutzten glühende Zigaretten, um Egel abzuschütteln, aber der Mann rauchte nicht und hatte deshalb stets Salz dabei, wenn er am Fluss oder in sumpfigen Teilen des Dschungels unterwegs war. Seinen Ekel vor den kleinen Blutsaugern hatte er vor langer Zeit überwunden; sie gehörten zu den Tropen wie die Mücken, die ihn zu Dutzenden umschwirrten, ob es ihm gefiel oder nicht. Wer sich mit kleinen Unannehmlichkeiten wie diesen nicht arrangieren konnte, hatte in Malaya nichts verloren.
Er wischte sich mit dem Ärmel seines Hemds den Schweiß von der Stirn, während er zusah, wie der Egel zu Boden fiel und eine dünne Blutspur aus seiner Wade rann. Obwohl die heißeste Zeit des Tages vorüber war, herrschte unter den Bäumen am Ufer des Sungai Ketil drückende Schwüle. Die von Schweiß und Schlamm durchtränkte Kleidung stank und klebte an seinem Körper, er sehnte sich nach einem Bad und kühlem Bier, doch vor Sonnenuntergang würde er seine Jagd nicht aufgeben. Sein abgrundtiefer Hass auf Krokodile ließ ihn durchhalten. Er respektierte alle gefährlichen Wesen des Dschungels, Tiger und Leoparden ebenso wie Schlangen, Skorpione, giftige Spinnen und Hundertfüßer, nur Krokodile betrachtete er als seine persönlichen Feinde.
Außerdem durfte er nicht zulassen, dass seine Arbeiter in Gefahr gerieten. Als am Vortag eines der Kinder drei Ziegen zum Tränken an den Fluss getrieben hatte, war die Echse aus dem seichten Wasser am Ufer hochgeschnellt, hatte blitzschnell den Hund des Mädchens gepackt und ins tiefe Wasser gezogen. Nun zitterten die Arbeiter vor Angst, und wie er sie kannte, würden schon bald die ersten Geschichten eines Dämons in Krokodilgestalt die Runde machen. Bevor sich derartige Legenden bildeten, musste er einschreiten und zeigen, dass er nach wie vor der alleinige Herrscher der Plantage war und sich weder von Geistern noch realen Krokodilen einschüchtern ließ.
Er hatte beschlossen, dem Tier eine Falle zu stellen, denn er wusste, dass Krokodile gern an Orte zurückkehrten, an denen sie schon einmal Beute gemacht hatten. Im Morgengrauen hatte er eine Ziege als Köder am Ufer angepflockt und sich mit seinem Gewehr, einem großkalibrigen Karabiner, auf die Lauer gelegt. Seither waren neun Stunden vergangen, und nichts hatte sich gerührt. Obwohl das eintönige Warten in der Hitze seine Geduld strapazierte, würde er nicht ruhen, sondern nötigenfalls zurückkehren, Tag für Tag, bis er das Krokodil erlegt hatte. Er trank einen Schluck Wasser aus seiner Flasche, als das Blöken der Ziege seine Aufmerksamkeit erregte. Das Tier sprang aufgeregt umher und zerrte am Strick: ein vielversprechendes Zeichen. Angespannt beobachtete der Mann den träge dahinfließenden Fluss, bis seine Augen an einem feinen Kräuseln der Wasseroberfläche hängenblieben. Er hob den Karabiner und lud durch, bevor er den Lauf in die Richtung des vermuteten Angreifers hielt. An seiner linken Hand fehlten zwei Finger und ein Teil der Handfläche, doch er verfügte über genügend Erfahrung, um sich beim Schießen nicht davon beeinträchtigen zu lassen. Wenn das Krokodil sich sehen ließ, würde er es nicht verfehlen.
Minutenlang passierte nichts, dann sah er nicht weit entfernt ein Augenpaar im Wasser auftauchen. Er schoss sofort, lud durch, schoss noch einmal. Das getroffene Krokodil warf sich herum, peitschte das Wasser mit seinen Schwanzschlägen auf, dann trieb es still auf der Wasseroberfläche. Der Mann legte das Gewehr beiseite und ergriff seinen Parang, ein Messer mit dreißig Zentimeter langer Klinge, bevor er hastig in den Fluss watete. Nachdem er das über drei Meter lange und entsprechend schwere Tier mühsam ans Ufer gezerrt hatte, nahm er das Gewehr, band die Ziege los und entfernte sich vom Fluss. Obwohl er das linke Bein nachzog und bei jedem Schritt die Hüfte verdrehte, brauchte er nur eine knappe halbe Stunde bis zu einem zwei Kilometer entfernten Abschnitt der Plantage, an dem eine Gruppe Arbeiter unter Aufsicht eines Chinesen Schösslinge pflanzte.
„Ah Tong“, rief der Mann ihm zu. „Schnapp dir zwei der Jungs, wir fahren mit dem Lastwagen zum Fluss hinunter.“
Der Chinese, ein etwa vierzigjähriger, sehniger Mann mit langem Zopf, drehte sich zu ihm herum. Seine Nase stand auffallend schief in dem von Aknenarben verunzierten Gesicht.
„Ich habe die Schüsse gehört“, sagte er. „Hast du ihn erwischt?“
„Ja. Komm jetzt, damit wir es hinter uns bringen. Ich brauche ein Bad.“
„Das sehe ich“, sagte der Chinese und grinste. Dabei zog er nur den rechten Mundwinkel hoch, als würde eine Gesichtshälfte lachen, die andere aber ernst bleiben. „Lishaan, Duwarak, ihr kommt mit uns. Die anderen machen weiter, bis ich wieder da bin.“
Zwei der Tamilen lösten sich aus der Gruppe und stiegen auf die Ladefläche des Wagens, während der Mann mit dem seltsamen Gang auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Der Chinese setzte sich hinter das Steuer.
„Dann wollen wir uns mal ansehen, was du zur Strecke gebracht hast“, sagte er und legte den Gang ein.
Das tote Krokodil auf die Ladefläche zu wuchten, war keine leichte Aufgabe für die vier Männer, doch mit Hilfe von Seilen gelang es ihnen schließlich. Diesmal setzte sich der Mann selbst hinter das Lenkrad und fuhr auf holprigen Wegen quer durch die Plantage, bis er die in langen Reihen stehenden Hütten der Arbeiter erreichte. Gemeinsam mit dem Chinesen kletterte er zu den beiden Tamilen auf den Wagen und feuerte aus seinem Gewehr mehrere Schüsse in die Luft. Sofort kamen die Arbeiter aus den Hütten geströmt.
„Hört mir zu“, erhob der Mann seine Stimme auf Tamil und wartete, bis sich die Menge beruhigt hatte. „Ihr könnt wieder gefahrlos zum Fluss gehen. Ich habe die Macht des Krokodils gebrochen. Wer sich mit mir anlegt, wird den Kürzeren ziehen, egal ob Mensch, Tier oder Geist. Ich bin hier, um euch und die Plantage zu beschützen, und solange ich über euch wache, habt ihr nichts zu befürchten.“
Als er die Seitenklappe des Lasters herunterließ und die Leute das Krokodil entdeckten, ging ein Aufschrei der Begeisterung durch die Menge.
„Der Tuan Besar hat uns gerettet. Der große Herr hat das Krokodil getötet“, rief eine junge Frau im Sari und riss die Arme in die Höhe. Männer, Frauen und Kinder redeten durcheinander, bis die laute Stimme eines Manns sie alle übertönte.
„Lang lebe der Tuan Besar! Lang lebe der Tuan Besar!“, schrie er, und immer mehr Stimmen schlossen sich ihm an. Die Leute klatschten, und einige warfen ihre Mützen in die Luft, als der Mann ihnen mit einer Handbewegung dankte und vom Laster stieg. Ohne ein weiteres Wort ging er in die Richtung seines Bungalows davon, ein Bein nachziehend, um endlich sein Bad zu nehmen.