Читать книгу Das Zeichen für Regen - Jana Volkmann - Страница 12
Оглавление8. Kyōto. Heute.
Über Nacht war endlich der Regen gekommen. Es war, als habe ganz Kyōto darauf gewartet. Der Sommer war bislang unnatürlich trocken gewesen; heiß war es schon lange, aber nun erst setzte der Regen ein, der für diese Region so typisch und von dem Irene lange verschont geblieben war. Die Hitze sollte erst nach dem Regen kommen, so war es immer, das war der Sommer, von dem Timo ihr erzählt hatte: »Es regnet vier, fünf, vielleicht sechs Wochen lang. Der Regen scheint gar kein Ende zu nehmen. Und genau dann, wenn du dich damit abgefunden hast, dann hört der Regen auf, und es wird so unerträglich heiß, dass du glaubst, deine Haarspitzen müssten in Flammen aufgehen.« Irenes japanischer Sommer war ganz anders, die Jahreszeiten, auf die man in Kyōto einen solchen Wert legte, dass man sie mit allerhand Ritualen begrüßte und verabschiedete, diese Jahreszeiten stimmten scheinbar nicht mehr, seit sie hier war.
Als Irene zu Hause angekommen war, hatte sie sich sofort ins Bett gelegt. Sie war aus den Kleidern gestiegen und hatte sie auf dem Fußboden liegen lassen, nicht einmal die Zähne hatte sie sich mehr geputzt. Es war ein erholsamer, tiefer Schlaf gewesen, der sie nur widerwillig losließ, als das Klopfen des Regens an der Fensterscheibe begann.
In ihrem Halbschlaf hatte Irene sich vorgestellt, wie sie in ihrem alten Kinderzimmer lag, nur, dass das Kinderzimmer in diesem halben Traum im Erdgeschoss lag und nicht unter dem Dach. Nicht wie ihr richtiges Kinderzimmer. Sie hatte sich vorgestellt, wie jemand draußen stand und an ihr Fenster klopfte, ganz beständig, sacht, und ihr fiel ein, dass sie ihren Besuch durchs Fenster einlassen musste, weil dieses Haus keine Türen hatte. In ihrem Traum stand sie auf, schob die Vorhänge zur Seite und sah nach, erschrak vor dem, was dort im dunklen Garten stand, so sehr, dass es sie aus dem Schlaf riss, und sie vergaß noch im selben Moment, was ihr eine solche Angst gemacht hatte.
Es war noch immer heiß in ihrer Wohnung. Draußen ging kein Wind. Die Nässe kroch durch jede Ritze zu ihr hinein; sie fühlte sie auf der Haut, strampelte sich von ihrer Decke los und lag da, atemlos, auf dem feuchten Laken. Sie war wach, aber ihr Körper mochte sich noch nicht bewegen. Es kostete sie einige Anstrengung, in die Küche zu gehen, ein Glas Wasser zu trinken, noch mehr Nässe, sie stellte sich unter die Dusche, obwohl es viel zu früh war, um zur Arbeit zu gehen, und sie fühlte, wie sie von außen aufweichte. Hinterher war ihre Haut an den Fingerspitzen und an den Zehen ganz aufgequollen und faltig. Es war fünf Uhr früh. Die Stadt schlief noch, der Regen prasselte noch, und es fühlte sich falsch an, plötzlich, so allein zu sein. Irene wäre gern zu jemandem ins Bett gekrochen, zurück unter die Decke, hätte denjenigen geweckt, gestreichelt, sanft, so lange, bis er mit ihr schlief, sich an ihr wach machte, nur, um hinterher in einen neuen Schlaf zu versinken, einen zufriedenen, schweren Schlaf. Es war lang her, dass sie zuletzt über Nacht bei jemandem geblieben war. Das war noch in Deutschland gewesen. Diese eigentümliche Art von Wärme, die es nur unter einer Bettdecke gibt, unter der schon jemand anderes liegt, konnte sie sich kaum ins Gedächtnis rufen. Nur dass es sie gab, das wusste sie noch, und auch, dass diese Art von Wärme hier in ihrer Wohnung in Kyōto unvorstellbar war. Es blieb ihr nichts als wach zu bleiben, und um nicht an die vergangene Nacht zu denken, nahm sie Timos Buch, »Die andere Seite des Mondes«, und setzte sich damit an den Tisch, aber lesen konnte sie nicht. So sah sie die Buchstaben an und die Illustration auf dem Cover, die Fotos, die im Inneren abgebildet waren, strich mit den Fingerspitzen über die Seiten und lauschte dem Takt des Regens, bis es an der Zeit war zu gehen. Irene wollte vor den anderen dort sein. Dann könnte sie sich ein Stockwerk wünschen, auf dem sie heute arbeiten würde, und ihren Namen als erste in die Liste eintragen lassen.
»Ich nehme den zehnten Stock und fange an bei 1001«, erklärte Irene in ihrem auswendig gelernten Japanisch. »Okay«, sagte die Person mit der Liste, Yoshiko Mizuguchi. Irene fand sich nicht besonders klug. Dass sie bei diesem Spiel mitmachte, gefiel ihr nicht. Sie wusste doch, dass der Mann schon vor Tagen abgereist war. Sie wusste doch, dass hinter dem Spiegel nichts sein konnte. Sie fragte sich, was dem Mann einfiel, so etwas zu behaupten und wie er dazu käme, solche Forderungen an eine zu stellen, die er nicht kennt und die bis zu der Nacht zuvor ernsthafte Zweifel an seiner Existenz gehegt hatte, und zwar aus gutem Grund – aber sie konnte sich nicht richtig ärgern über ihn und seine Befehle. Und auch nicht über dieses Gefühl, das ihr verriet, dass sie tun würde, was er gesagt hatte. Dass sie sich hinterher schämen würde, weil er sich über sie lustig gemacht hatte. Und dass Scham immerhin besser war als gar nichts.
Von den acht Zimmern, die vor dem Raum des Mannes an der Reihe waren, waren drei noch von den Gästen belegt und eines stand die letzte Nacht leer. So war sie eher bei Zimmer 1009 angelangt, als sie gedacht hatte, und instinktiv verlangsamte sie ihr Tempo, schon als sie den Rollwagen mit ihrem Putzzeug auf die Tür zuschob. Als wolle sie den Moment noch hinauszögern, in dem sie den Spiegel herumdrehen und nichts finden würde. Das Zimmer war nun von einem Paar belegt. Die beiden waren erst am vergangenen Abend angekommen und hatten sicher noch nicht viel Zeit im Hotel verbracht; es gab kaum etwas zu tun, und das, was zu tun war, erledigte Irene mit doppelter Gründlichkeit und halb so zügig, wie sie es hätte tun können, wenn sie ihre ganz auf die Arbeit eingestellten Arme nicht immer wieder zu Langsamkeit ermahnt hätte.
Sie schloss die Gardinen. Es war keineswegs so, dass irgendwer von außen ins Hotel Kikka hätte hineinschauen könnte, erst recht nicht auf dieser Höhe. Da war nur der Bahnhofsvorplatz, gleich dahinter der Kyōto Tower. Keine Häuserreihe in Sicht, und schon gar nicht auf dieser Höhe. Stattdessen konnte man bis zu den Bergen sehen, die heute grau und schemenhaft am Horizont herumstanden und ein wenig attraktives Bild abgaben. Dennoch war Irene, als würde sie beobachtet.
Im Spiegel sah sie ein müdes Gesicht, und müde Arme hoben ihn von der Wand. Auf der Rückseite des Spiegels klebte ein Briefumschlag. Irenes Fingerspitzen zogen ihn behutsam ab. In dem Moment, als sie die Schrift auf dem Umschlag sah, hörten die Geräusche aus den Nebenzimmern auf, das Hotel verschwand aus ihrer Wahrnehmung, schrumpfte zusammen auf diesen einen Raum. Die Stadt hinter den Vorhängen hörte auf, sich zu bewegen. Die Schrift war ihre eigene.