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Kapitel 2
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Tobias ist gegangen. Dass er mir sofort geglaubt hat, wir hätten es gestern Nacht getrieben, musste ich einfach ausnutzen, um ihn ein bisschen zu ärgern, was er mir zum Glück nicht krummgenommen hat. So konnte er mir wenigstens für einen kurzen Moment die Leere aus meinem Herzen vertreiben, die ich seit der Trennung von meinem Freund empfinde. Und, Scheiße, Tobias hat mich in diesem Moment an ihn erinnert, als er mich so verwirrt angesehen hat, die schokobraunen Haare vom Schlafen zerzaust und der Blick noch etwas müde.
Seufzend drehe ich mich auf die Seite und vergrabe mein Gesicht in dem Kissen, auf dem Tobias geschlafen hat. Atme seinen Geruch ein, der noch schwach an dem Stoff haftet. Schon wieder muss ich an meinen Ex denken. An den Tag vor zwei Jahren, an dem wir uns kennen gelernt haben. Gott, wie sehr er mich bei unserer ersten Begegnung in seinen Bann gezogen hat. Die Wärme in seinem Blick, das schüchterne Lächeln auf seinen Lippen. Unser erster Kuss. Es tut immer noch weh, an ihn zu denken, auch wenn die Trennung bald zwei Monate zurückliegt. Trotzdem ist er mir immer noch nah, obwohl ich derjenige gewesen bin, der Schluss gemacht hat. Aber so ging es einfach nicht mehr weiter. Ich durfte ihn nicht noch mehr verletzen.
Mit einem Seufzen schlage ich die Decke zurück und schwinge meine Beine aus dem Bett. Langsam sollte ich wirklich aufstehen. Es ist sicher schon spät, was mir mein Magen nun ebenfalls bestätigt. Das Frühstück ist längst überfällig. Schnell ziehe ich mir eine Jogginghose und ein T-Shirt über, dann begebe ich mich in die Küche. Doch die Gedanken an meinen Ex schwirren immer noch in meinem Kopf umher, ohne dass ich es verhindern kann.
Niklas hat am Morgen nach unserem One-Night-Stand, der nun schon so lange zurückliegt, ähnlich erschrocken reagiert wie Tobias vorhin. Nicht, weil er den Sex vermutlich bereute, denn ich glaube kaum, dass er so etwas Spontanes zum ersten Mal getan hatte. Sondern wegen der Tatsache, in einem fremden Bett erwacht zu sein. Vermutlich überraschte es ihn, dass ich ihn mit zu mir nach Hause nahm, statt ihn in einem billigen Hotel zu ficken. Glücklicherweise konnte ich ihm damals noch seine Handynummer entlocken, bevor er Hals über Kopf das Haus verließ. Dass ich ihn wiedersehen wollte, stand für mich fest.
Meine Schwägerin Maria steht am Herd und rührt in einem Topf, aus dem es herrlich nach Milchreis duftet. Der Tisch ist bereits gedeckt, obwohl sich noch nicht alle Mitglieder der Familie versammelt haben. Michael muss sicher noch mit Lara im Bad sein, denn sie weigert sich stets, allein ihre Zähne zu putzen, sodass mein Bruder immer mit ihr diskutieren muss.
Ich setze mich dem beinahe dreijährigen Jungen gegenüber an den Küchentisch, schnappe mir ein Brötchen aus dem Brotkorb und bestreiche es dick mit Nutella. Felix lacht mich an, wartet dabei geduldig auf sein Frühstück.
»Kevin, was hast du denn mit Tobi angestellt?«, will Maria von mir wissen. Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll. »Der arme Junge ist Hals über Kopf von hier geflüchtet, ohne auch nur einen Bissen zu essen.« Sie füllt eine Portion von dem Milchreis in ein Schälchen und stellt es vor ihrem Sohn ab, der erwartungsvoll zum Löffel greift, ehe sie sich ebenfalls an den Tisch setzt. Ich zucke bloß mit den Schultern und beiße in mein Brötchen.
»Ich war ausnahmsweise ganz brav heute Nacht. Hab ihn nicht angerührt«, beteuere ich mit unschuldigem Augenaufschlag. Maria verdreht die Augen.
»Anscheinend hast du es deinem unwiderstehlichen Charme zu verdanken, dass die Männer alle Reißaus vor dir nehmen«, neckt sie mich frech. Ich weiß ja, dass sie es nicht böse meint, doch mein Herz zieht sich bei ihren Worten trotzdem zusammen. Eher bin ich es wohl, der die Männer von sich stößt. Aber ist es nicht besser, einen Schlussstrich zu ziehen, als sich immer weiter zu verletzen?
»Sag mal, wann suchst du dir endlich eine neue Bleibe? Du willst doch nicht ewig in unserem Gästezimmer hausen, oder?«, meint Maria nachdenklich. »Ist doch auch nicht so schön, wenn du deine Bekanntschaften immer in ein fremdes Haus mitbringen musst.«
»Ich bringe doch keine Bekanntschaften mehr mit.« Ich seufze schwer. Seit nunmehr fast zwei Monaten lebe ich wieder bei meinem Bruder, weil ich es nach dem Streit mit Niklas nicht mehr in der WG ausgehalten habe. Ich konnte seine Tränen nicht länger ertragen, weil ich es war, der ihm das Herz gebrochen hat. Es war einfach zu viel für mich. Auch mein eigener Schmerz war unerträglich. Genau aus diesem Grund habe ich mich bisher von Männern ferngehalten – bis Tobias gestern hier aufgetaucht ist.
»Liebe Maria. Sag bloß, dir gefällt meine Kinderbetreuung nicht mehr? Immerhin kannst du so ohne Weiteres nachmittags arbeiten gehen, ohne einen Babysitter zu organisieren. Bis Felix in den Kindergarten kommt, dauert es noch ein halbes Jahr«, erwidere ich kauend. Nachdem ich mein Brötchen verputzt habe, lecke ich mir das Nutella aus den Mundwinkeln.
»Natürlich ist es schön, dass du auf die Kleinen aufpasst. Aber ich mache mir Sorgen um dich. Willst du dich denn nicht wieder mit Niklas vertragen? Seit zwei Monaten läufst du hier mit einer Trauermiene durch die Gegend, wenn du glaubst, keiner würde zusehen. Glaub nicht, dass es uns nicht aufgefallen ist.« Sie legt ihre Hand auf meine, doch ich lasse diese Berührung nur kurz zu. Mich mit ihm vertragen? Wie gern würde ich es tun. Doch das kann ich nicht. Ich habe ihn verletzt und er ist ohne mich einfach viel besser dran.
»Oder du versuchst, jemand Neues kennenzulernen«, ertönt die Stimme meines Bruders von der Tür. Er betritt die Küche, streicht Felix kurz über den Kopf und setzt sich dann mir gegenüber. Lara kommt ebenfalls herein und zieht einen der Küchenstühle mit voller Wucht zurück, sodass die Stuhlbeine auf den Fliesen quietschen.
»Wie wär’s denn mit Tobi? Er ist echt ein lieber Kerl«, fragt er mich, das stürmische Verhalten seiner Tochter ignorierend. Da hat Michael recht. Ich habe mich gestern in seiner Gegenwart sehr wohl gefühlt. Vielleicht sollte ich wirklich einen Schlussstrich ziehen und neu beginnen? Mit Tobias könnte ich mir etwas Längerfristiges durchaus vorstellen, sollte er ebenfalls Interesse haben. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, doch die Anziehungskraft zwischen uns habe ich deutlich gespürt. Er ist echt sympathisch, sieht gut aus und hat eine angenehm ruhige Art. Auch wenn er gestern alles andere als ruhig war nach dem ganzen Alkohol.
»Du könntest ihn ja mal anrufen«, schlägt mir mein Bruder zwinkernd vor. Ich nicke nachdenklich. Vielleicht sollte ich das tun …