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Jonah

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Ich erinnerte mich daran, wie Ben in seinen letzten Tagen vor seinem Tod stets wiederholte: »Je fester du versuchst, die Zeit festzuhalten, Jonah, desto schneller verfliegt sie.« Damals dachte ich, er meinte damit seine eigene verbleibende Zeit, die er noch auf Erden hatte. Mittlerweile wusste ich, er meinte damit das Leben im Allgemeinen.

Mir schien, als wäre es gestern gewesen, als ich meine Tochter das erste Mal in meinen Armen halten durfte. Sie war so schrecklich winzig und ich hatte panische Angst, sie fallen zu lassen oder irgendetwas anderes falsch zu machen. Doch wenn ich Gracey jetzt mit ihrem Welpen draußen im Garten spielen sah, war ich jedes Mal erstaunt, wie unglaublich groß sie in den letzten Jahren geworden ist.

Vier Jahre alt würde sie in den nächsten Wochen bereits werden und ich wusste absolut nicht, wie das so schnell passieren konnte. Gerade noch lernte sie zu laufen, sprach ihre ersten Worte und jetzt? Kaum zu fassen, wie schnell sie mittlerweile rennen und sogar Fahrradfahren konnte. Sie brauchte nicht einmal mehr die zwei kleinen Stützräder, die ich ihr noch vor einigen Monaten dran montiert hatte.

Gracey war ein richtiger kleiner Wirbelwind geworden. Sie tanzte und sang gerne, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, genauso wie ihre Mom früher. Überhaupt schien sie immer mehr das Ebenbild ihrer Mutter zu werden und das machte mich trotz allem sehr stolz. Auch wenn Emilia und ich nach wie vor nicht das beste Verhältnis zueinander hatten, so wünschte ich meiner Kleinen keine andere Mutter. Aus dem einfachen Grund, weil es keine bessere für sie gab.

Emilia tat alles für unsere Tochter, kämpfte und boxte sich allein durch, ohne die Hilfe ihrer Eltern in Illinois ständig in Anspruch nehmen zu müssen. Es war schwer für sie gewesen, genauso wie ich damals schon gesagt hatte. Doch sie schaffte es trotzdem. Vielleicht sogar um es mir zu beweisen. Um Recht zu behalten. Und ich gönnte es ihr aus tiefstem Herzen. Denn nur so war sie das perfekte Vorbild für Gracey und ich musste mir keine Sorgen darum machen, was für ein Mensch und was für eine Frau meine Tochter später einmal werden würde. Emilia tat instinktiv immer das Richtige. Sie war die perfekte Mutter für Gracey und das Schlimme daran war, sie brauchte mich dazu kaum.

Ich war ohnehin zu selten da, hatte zu selten Zeit, um mich einmischen zu können, geschweige denn zu dürfen. Es würde alles nur unnötig kompliziert machen, wenn ich es versuchen würde, also tat ich nur das, was ich am besten konnte und was unserer Tochter und ihrer Entwicklung nicht schaden würde: Ich war ihr Dad, so gut ich konnte und schenkte ihr meine wenige, freie Zeit, so lange und so oft es mir möglich war.

Gracey verstand mittlerweile, dass ihre Mom und ihr Dad nicht wie die der anderen Kinder waren. Zum einen lebten sie nicht zusammen, zum anderen sahen die anderen Kids ihren Vater nicht ständig im Fernsehen oder hörten seine Stimme im Radio. Meine Tochter wusste, was ich beruflich machte, zumindest verstand sie zu einem gewissen Teil, weswegen ich dauernd unterwegs war. Emilia zeigte ihr oft Auftritte oder auch Interviews von mir, damit sie immer wusste, wo ich war und damit sie die Verbindung zu mir nicht verlor, egal wie lange ich sie einmal nicht sehen konnte. Dafür war ich ihr unendlich dankbar und wusste es sehr zu schätzen, dass sie das für mich und auch für Gracey tat. Mir war durchaus bewusst, was für ein Glück ich mit meiner Ex-Freundin hatte. Jede andere Frau hätte mir wahrscheinlich längst jegliches Sorgerecht für meine Tochter entzogen und würde sich gut von mir bezahlen lassen, ohne dass ich mein Kind je zu Gesicht bekam. Emilia aber war nun mal anders und das Wohl unserer Tochter war ihr wichtig, wichtiger als ihr eigenes. Sie wusste, Gracey brauchte ihren Dad, egal wie selten er auch da war. Wichtig war für sie nur, dass ich sie liebte. Und das tat ich, ich liebte meine Tochter mehr als alles andere auf dieser Welt.

»Mr. Reeves? Miss Parker lässt fragen, ob Sie Thanksgiving bei Ihrer Mutter sein werden.« Sally, meine Haushälterin und treue Seele, stand plötzlich mit dem Telefon in der Hand vor mir und sah mich mit wissendem Schmunzeln an.

Seitdem Emilia vor knapp drei Jahren zurück nach Illinois gezogen war, stand mein Haus die meiste Zeit leer. Ich hatte also keine andere Wahl, als mir jemanden zu suchen, der hin und wieder nach dem Rechten schaute und die wichtigsten Aufgaben übernahm. Und wenn ich einmal zu Hause war, dann kam Sally trotzdem häufig vorbei, damit ich nicht ganz so allein in diesem großen Haus war. Mittlerweile war sie mir deswegen nicht nur ans Herz gewachsen, sondern war auch längst zu einer guten Freundin geworden.

»Ist Annabelle etwa gerade am Telefon?«, fragte ich und erhielt als Antwort ein stummes Nicken, weswegen ich aufstand und ihr das Telefon abnahm. »Danke, ich mach das schon.«

Mit einem weiteren Nicken und einem noch breiteren Lächeln verschwand Sally zurück ins Haus.

»Zu beschäftigt, um selbst mit mir zu telefonieren, Parker?«, trällerte ich in den Hörer und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Ich dachte eher, dass du wahrscheinlich keine Zeit hast. Außerdem wollte ich nur wissen, ob…«

»Ob ich Thanksgiving bei meiner Mutter in Underwood bin, schon klar«, unterbrach ich sie, da ich längst ahnte, was sie eigentlich von mir wissen wollte.

»Und? Bist du?« Annie schien kurz angebunden, wie so oft in letzter Zeit.

»Schon möglich«, entgegnete ich knapp, mein Grinsen verflog.

»Würdest du dann bitte ein paar Blumen bei Ben und meinen Eltern niederlegen? Für mich?« Da war sie! Die Frage, die ich bereits erwartet hatte.

»Wieso tust du es nicht selbst?«, fragte ich enttäuscht und seufzte schwer.

»Ich bleibe in Boston dieses Jahr.« Natürlich! Was sonst?!

»Also genau wie das Jahr zuvor. Und davor… Was ist so schwer daran, Annie? Du warst schließlich schon etliche Male an ihrem Grab.«

»Es ist aber ausgerechnet Thanksgiving.«

»Ganz genau, Schneewittchen! Es ist Thanksgiving. Also schwing deinen hübschen Hintern rüber nach Underwood und leg gefälligst selbst Blumen nieder. Ich werde es jedenfalls nicht wieder für dich tun.«

Ein verächtliches Schnauben ging durch die Leitung. »Erstens, nenn mich nicht immer Schneewittchen. Meine Haare sind schon eine Weile nicht mehr so dunkel wie noch vor drei Jahren. Zweitens, ich bin bereits bei Freunden zum Essen eingeladen. Da kann ich nicht einfach absagen.«

Was für eine lahme Ausrede war das denn bitte? Hatte sie nichts Besseres auf Lager, was sie mir als vermeintlichen Grund auftischen konnte? Das war ja beinahe beleidigend! Außerdem… wen wollte sie damit eigentlich verarschen, wenn nicht sich selbst? Mich sicher nicht.

Wütend zog ich meine Augenbrauen zusammen. »Das hast du die letzten zwei Jahre auch schon behauptet und genau deshalb mache ich dieses Theater nicht mehr mit! An Thanksgiving sollte man bei seiner Familie sein, nicht bei irgendwelchen Bekannten aus der Uni. Deswegen fahre ich jedes verdammte Jahr zu meiner Mutter, das ist dir klar, oder?«

Annie seufzte leise. »Meine Freunde sind jetzt meine Familie, Jonah. Ich hab sonst keine andere mehr, falls du es vergessen haben solltest.«

»Schwachsinn!«, fuhr ich sie aufgebracht an. »Meine Mom und ich sind mehr Familie für dich als diese Leute vom College, die du kaum kennst. Und deine wahre Familie ist und bleibt für immer in Underwood…«

Stille am anderen Ende der Leitung. Ich hörte sie jetzt nicht einmal mehr atmen. Dabei war ich sicher, ich war nicht zu weit gegangen, Annie verstand sehr wohl, was ich ihr damit sagen wollte und tief im Inneren wusste sie auch, dass ich absolut Recht damit hatte.

Einige Sekunden verstrichen und ich dachte schon, sie hatte aufgelegt. Doch als ich sie im nächsten Moment schwer durchatmen hörte, wusste ich, sie würde mir und dem Thema einfach ausweichen. So wie sie es immer tat, wenn es ihr zu viel wurde.

»Ich fürchte, ich muss jetzt los, Jonah. Die Bibliothek schließt schon in zwei Stunden und ich muss noch unbedingt etwas für zwei Hausarbeiten recherchieren, die ich noch vor dem Wochenende abgeben muss, also…«

»Annabelle Parker, wenn du jetzt einfach auflegst, bevor wir dieses Thema ausdiskutiert haben, werde ich dich höchstpersönlich…«

»Ich wollte nur wissen, ob du in Underwood sein wirst und ob du für mich Blumen niederlegen könntest. Wenn du es nicht tust, auch gut. Ich muss jetzt nämlich wirklich los! Grüß deine Mutter von mir, wenn du bei ihr bist. Und… ein schönes Thanksgiving euch beiden«, unterbrach sie mich eingeschnappt und legte tatsächlich danach auf, noch ehe ich etwas darauf erwidern oder antworten konnte. Ich konnte mich nicht einmal mehr von ihr verabschieden, so schnell wie sie mich abgewimmelt hatte. Dabei wusste ich durchaus, dass sie mich nicht einmal anlog. Annie würde sogar ganz sicher jetzt noch zur Bibliothek gehen und für ihre Hausarbeiten recherchieren. Nur hätte sie das auch genauso gut noch in zehn Minuten machen können, statt mir einfach das Wort abzuschneiden und das Telefonat ohne Vorwarnung zu beenden.

Das würde sie schon bald bereuen! Denn hätte sie mich aussprechen lassen, wüsste sie nun, dass ich ihr die Sache mit Underwood an Thanksgiving dieses Jahr auf keinen Fall durchgehen lassen würde. Annabelle war selbst Schuld und würde sich noch wundern, wenn ich plötzlich vor ihr stehen und sie entführen würde…

Zwei Jahre zuvor

»Nächster Stopp – Boston!« Beth grinste breit und zwinkerte mir auffordernd zu, als sie die nächste Stadt verkündete, in der wir einen Gig hatten. Dabei wusste sie genau, mich musste sie nicht daran erinnern, dass wir diesmal tatsächlich ausgerechnet in Boston landen würden – in der Stadt, in der sich Annie seit knapp einem Jahr vor mir versteckt hielt.

Seit dem Abend in Underwood damals – und vor allem seit dem, was im Baumhaus passiert war –, hatten wir uns nicht mehr getroffen. Scheiße nochmal, wir hatten nicht einmal miteinander gesprochen, weil sie noch immer all meine Nachrichten und Anrufe konsequent ignorierte.

Ich wusste zwar, sie wollte und brauchte Zeit. Doch ein verdammtes ganzes Jahr? Langsam hatte ich wirklich genug darauf zu warten, bis sie sich endlich wieder bereit dazu fühlte, mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich hatte es satt, auf irgendein Zeichen von ihr zu warten, das mir sagte, dass wir es von neuem versuchen könnten. Nicht nur unsere Freundschaft, wohlgemerkt. Annie wusste genau, ich wollte schon lange mehr als das und diesmal würde ich keinen Rückzieher machen, ich würde nicht davon laufen oder wie ein Feigling den Schwanz einziehen. Diesmal nicht!

Ich wollte alles, das ganze Paket – Annabelle Parker all inclusive. Und daraus machte ich seit über einem Jahr auch keinen Hehl. Nicht Beth und den Jungs aus der Band gegenüber und auch nicht meiner Mutter, die scheinbar ohnehin seit meiner Jugend darauf wartete, dass ich dieses Mädchen eines Tages zu meiner Frau machte.

Egal was damals zwischen Annabelle und mir passiert war, egal was für Fehler ich begangen hatte – das alles war nun schon ewig viele Jahre her. Die Vergangenheit war nicht mehr zu ändern, die Zukunft jedoch schon. Selbst wenn einiges von meinem Verhalten damals sicher nicht und vielleicht sogar niemals zu entschuldigen war, so würde ich nun den Rest meines Lebens alles dafür geben, um Annie zu zeigen, wie wichtig und wertvoll sie für mich ist.

Und heute Abend… da hat die Funkstille zwischen uns endlich ein Ende. Ob sie wollte oder nicht, ob sie bereit war oder nicht – ich würde da sein! Sobald wir mit unserem neuen Tourbus in Boston ankamen, würde ich mich auf den Weg zu ihr machen und sie für ein paar Stunden entführen.

Mein Plan stand bereits seit Wochen, seitdem ich wusste, dass wir ein Konzert in Boston geben würden. Ich hatte Annie in meinen tausenden Nachrichten zuvor bewusst nichts davon geschrieben. Ich wollte sie überraschen, wollte ihre Reaktion sehen, wenn ich nach einem Jahr plötzlich vor ihr stand. Früher konnte sie mir in dieser Hinsicht nämlich nichts vormachen, ich konnte allein an ihrem Blick, an ihren Augen ablesen, was sie wirklich dachte und fühlte. Ich hoffte, so würde es auch heute noch sein…

Nachdem Fred, unser Fahrer, den Tourbus auf einem abgezäunten Parkplatz eines Luxushotels in der Bostoner Innenstadt abgestellt hatte, verlor ich keine Zeit und machte mich auf die Suche nach meiner besten Freundin.

Beth und die Jungs zogen weiter, einige von ihnen ins Hotel, um nach zwei Wochen Tour endlich wieder in richtigen Betten, statt nur im Bus schlafen zu können. Cole und Jason aber zogen heute Abend durch die Clubs, um sich auszutoben. Mir war das nur recht. So hatte ich meine Ruhe, um Annie zu finden und niemand stellte dumme Fragen, auf die sie ohnehin die Antworten längst kannten.

Mit Basecap und Sonnenbrille verkleidet, um nicht sofort von Fans erkannt zu werden, zog ich durch die Dämmerung zum Campus von Annies College. Ich wusste, sie lebte dort in der Nähe in einem der Wohnheime mit ein oder zwei Mädchen zusammen. Wo oder in welchem genau, hatte ich jedoch keinen Schimmer. Den brauchte ich allerdings auch gar nicht, denn ich hatte einen Lockvogel, der Annie bereits vor Stunden geschrieben hatte, sie solle gegen zwanzig Uhr draußen vor ihrem Wohnheim auf sie warten: Beth.

Meine Managerin und gute Freundin hatte nach wie vor Kontakt zu Annabelle und hatte ihr unter einem Vorwand eine Nachricht geschrieben, sie wäre heute in der Nähe von Boston und sie würde sich freuen, wenn sie sich sehen und einen Kaffee trinken gehen würden. Nur dass statt Beth jetzt ich hier stand und Annie bereits von weitem vor ihrem Wohnheim beobachten konnte, wie sie ungeduldig und scheinbar auch nervös auf ihrem Handy herumtippte.

Nach einem Jahr sah sie kaum verändert aus. Die Haare, noch immer so dunkel, dass sie mich an Schneewittchen erinnerten, trug sie zu einem losen und etwas unordentlichen Dutt zusammengebunden. Dazu einen für ihre Figur viel zu übergroßen Sweater mit der Aufschrift Harvard Medical School, der mich unweigerlich stolz lächeln ließ.

Annabelle hatte es geschafft. Sie studierte in Harvard, das, wovon sie schon als kleines Mädchen geträumt hatte. Zwar hatte sich ihr Fachgebiet verändert, doch welche Rolle spielte das schon? Statt Chirurgin zu werden, wollte sie Menschen auf andere Weise helfen. Sie wollte in die Forschung – Molekulare Biomedizin. Damit Krebs und andere tragische oder gar tödliche Krankheiten irgendwann vielleicht vollständig heilbar waren.

Ein Stipendium ermöglichte ihr das alles, was sie vorher nie zu glauben wagte. Zwar hatte ich ihr damals angeboten, alles zu bezahlen, wenn es nötig gewesen wäre, doch selbstverständlich lehnte sie ab und tat alles dafür, um in das Stipendienprogramm aufgenommen zu werden. Jetzt war sie seit etwas mehr als einem halben Jahr dabei und offenbar mächtig stolz darauf. Genauso wie ich.

»Der Harvard-Schriftzug steht dir, Sommersprosse. Nur der Pullover dazu ist ein paar Nummern zu groß, fürchte ich.« Grinsend blieb ich direkt vor ihr stehen und zog die dämliche Sonnenbrille ab, nachdem ich mich unbemerkt und leise an sie herangeschlichen hatte.

Annies Kopf schoss nach oben und ihre Augen weiteten sich vor Schock, als sie mich erkannte. »Jonah?«

Ich lachte. »Wie er leibt und lebt.«

»Was zum Teufel machst du hier?«, fragte sie fassungslos und musterte mich einen Moment, um sich zu vergewissern, dass ich tatsächlich gerade vor ihr stand.

»Ich freue mich auch, dich wiederzusehen«, entgegnete ich schmunzelnd und schob mir vor lauter ungewohnter Nervosität die Hände in die Hosentaschen.

Annie runzelte die Stirn und starrte mich einige Sekunden lang nur sprachlos an. Bis ihr scheinbar etwas bewusst wurde, weswegen sie schwer und tief seufzte. »Lass mich raten, Beth wird nicht kommen, hab ich Recht? Das hatte sie auch gar nicht vor.«

Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern. »Tja, wenn du nie auf meine Anrufe und Nachrichten reagierst… Was hätte ich sonst tun sollen, deiner Meinung nach?«

»Es irgendwann vielleicht einfach aufgeben?«, schoss sie augenblicklich schlagfertig zurück.

»Niemals! Du kennst mich.« Erneut setzte ich mir das breite Grinsen auf und zwinkerte ihr zu. Statt mich über ihre Reaktion, mich nach über einem Jahr endlich wiederzusehen, aufzuregen, freute ich mich einfach nur bei ihr sein zu können. Denn erst jetzt merkte ich so richtig, wie sehr ich sie eigentlich vermisst hatte und wie unsagbar stark meine Sehnsucht und mein Verlangen nach ihr waren.

Annie sah wahnsinnig gut aus. Selbst in diesem eher locker-chaotischen Collegelook. Ich wollte sie auf der Stelle küssen, wollte sie in meine Arme ziehen und nicht mehr loslassen. Doch das alles tat ich nicht. Ich wusste, ich musste aufpassen und vorsichtig mit dem sein, was ich nun tat oder sagte. Auf keinen Fall wollte ich sie für ein weiteres Jahr verlieren. Das sah Annie aber offenbar anders.

»Wieso bist du hier, Jonah? Es hat einen Grund, warum ich mich nicht bei dir melde.«

Mit angespanntem Kiefer biss ich die Zähne zusammen. »Der Grund ist mir langsam aber sicher egal, Annie. Es ist jetzt über ein Jahr her, du hattest genug Zeit und Abstand zu mir.«

Meine Freundin kniff die Augen leicht zusammen. »Nur weil du das so empfindest, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch so sehe.«

»Beth tut es aber. Und die Jungs ebenso. Meine Mutter erst recht«, knurrte ich ungeduldig, doch Annabelle runzelte abermals die Stirn.

»Du… Was?!« Verwirrt starrte sie mich an. Vielleicht auch ein wenig entsetzt. Möglicherweise sogar verärgert. Ihr schien es nicht recht, dass ich mit meinen Freunden und auch mit meiner Mutter über sie und meine Gefühle zu ihr sprach. Selbst schuld! Sie war es, die sich nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet hatte. Sie ließ mich zappeln und das sogar ganz bewusst. Jetzt musste sie eben die Konsequenzen daraus tragen.

»Ist auch egal, ob du protestierst oder dich wehrst, ich werde dich jetzt einfach für ein paar Stunden entführen und danach werden wir sehen, ob du noch mehr Zeit und Abstand brauchst. Einverstanden?«, versuchte ich dennoch etwas einzulenken, damit sie sich mir gegenüber nicht wieder verschloss oder gar abhaute und mich hier stehen ließ wie einen Idioten.

Annie atmete tief durch und sah dann unentschlossen an sich hinunter. »Ich bin davon ausgegangen Beth zu treffen. Wie du siehst, habe ich mich nicht großartig herausgeputzt, um ausgerechnet mit dir irgendwo hinzugehen, also…«

»Für das, was ich vorhabe, reicht es allemal.« Grinsend sah ich sie erwartungsvoll an, bevor ich einfach nach ihrer Hand griff und sie hinter mir herzog.

»Was?! Jonah! Stopp! Nein, ich kann doch nicht…« Unsicher sah sie sich nach allen Seiten um, während sie neben mir her stolperte. Dennoch ließ sie meine Hand nicht los, sondern folgte mir, statt sich von mir loszureißen.

Erst als wir bereits kurz vor unserem Ziel waren, das Gott sei Dank nur wenige Gehminuten vom Campus entfernt lag, wunderte sie sich. »Wo zum Henker gehen wir hin? Du kennst dich doch in dieser Stadt gar nicht aus.«

Schulterzuckend sah ich zu ihr rüber und lächelte zufrieden. »Muss ich auch nicht. Wir gehen einfach zurück zum Bus.«

»Zum Bus? Was denn für ein Bus?«

»Unser neuer, schicker Tourbus natürlich! Beth und Mark sind im Hotel, soweit ich weiß. Die brauchten mal eine Nacht für sich allein, schätze ich. Und die anderen sind unterwegs.« Ich versuchte wirklich mir das anzügliche Grinsen zu verkneifen. Es gelang mir nur leider nicht, als ich ihrem nervösen Blick begegnete.

»Also werden wir dort ganz allein sein?«

Schnell schleuste ich sie mit meinem VIP-Ausweis am Parkplatzwächter vorbei und deutete nickend zu unserem neuen Tourbus. »Und ob wir allein sein werden! Hast du etwa Angst davor, Schneewittchen?«

Annie klappte unweigerlich der Mund auf, als sie vor dem riesigen, schwarzen Bus stand, auf dem eine silbergraue Aufschrift meinen Namen zeichnete. »Scheiße, ist das beeindruckend! Warum hattet ihr das Teil nicht schon, als ich noch mit auf Tour war? Das ist ja der helle Wahnsinn!«

Ich lachte amüsiert. »Warte erst, bis du es von Innen siehst.«

Mit einer speziellen Chipkarte, die den Bus entriegelte, öffnete ich die Tür und ließ Annabelle neugierig die wenigen Stufen hinauf gehen. Drinnen war es komfortabel und überraschend geräumig. Im Gang in der Mitte hatte man genug Platz, während sich an beiden Seiten mehrere bequeme Sitzecken aus feinstem Leder reihten. Dazu auf der linken Seite eine Art Küche, auf die Beth bestanden hatte und natürlich die ersten ebenso geräumigen Schlafkabinen.

Annie staunte nicht schlecht, als ich ihr zeigte, wo die Jungs tagtäglich schliefen. Noch mehr staunte sie aber über die zwei winzigen Räume am hinteren Ende des Busses. Wir nannten sie: Die Suites. Weil sie einem kleinen Schlafzimmer gleichkamen. Beth und Mark bekamen die linke Suite, ich die rechte. Denn darin hatte ich selbst während der Fahrt zum nächsten Gig meine Ruhe und konnte sogar hin und wieder an einigen Songs schreiben, was für unsere Zukunft unabdingbar war.

Als ich Annabelle bat sich zu setzen, nachdem wir wieder zurück im vorderen Teil des Busses waren und neben einer der Sitzecken standen, drehte sie sich zu mir um und sah mich eindringlich an. Ihr Blick spiegelte Unsicherheit und noch etwas anderes, das ich nicht zu deuten vermochte.

»Was machen wir hier, Jonah? Ich meine, wieso bist du gekommen?« Statt sich zu setzen, kam sie mir etwas näher und betrachtete mein Gesicht mit solch einer Sorgfalt und Konzentration, dass ich unweigerlich schwer schlucken musste. War sie wütend, dass ich gekommen war? War sie erleichtert? In diesem Moment glaubte ich, es war beides zugleich.

»Wir haben hier morgen einen Gig, das hab ich doch schon erzählt, oder etwa nicht?«

»Du weißt genau, was ich meine«, bohrte Annie jedoch weiter und wirkte dabei mit jeder weiteren Sekunde, die wir so nah beieinander standen, immer ungeduldiger und nervöser.

»Ich wollte dich sehen, Annabelle. Ich musste einfach!«, sagte ich mit heiser Stimme und spürte, wie mein Widerstand gegen das, was richtig wäre im Vergleich zu dem, was ich in diesem Moment wirklich wollte, immer stärker zu bröckeln begann. Dafür war sie mir einfach zu nah und ihre Lippen zu einladend, als dass ich mich noch länger zurückhalten könnte, wenn sie nicht endlich etwas Abstand zwischen uns brachte.

Annie tat mir den Gefallen jedoch nicht. Stattdessen hörte ich sie plötzlich schwer und langsam atmen, als sie ihre Hände an meine Brust legte und mich verzweifelt ansah. »Das hättest du besser nicht tun sollen, Jonah.«

»Warum nicht? Weil es so für dich einfacher war, mich zu vergessen?«, fragte ich verbittert.

Annie schüttelte den Kopf und lächelte kapitulierend. »Weil es einfacher war, das hier nicht zu tun«, hauchte sie plötzlich gegen meine Lippen und küsste mich. Zuerst ganz vorsichtig und sanft, doch als sie merkte, dass ich mich genauso sehr danach gesehnt hatte wie sie, wurde der Kuss immer inniger und tiefer.

Erlösend stöhnte ich in ihren Mund hinein, als sie ihn erwartungsvoll für mich öffnete und ich ihren zierlichen Körper an mich presste. Verdammt, es fühlte sich unbeschreiblich an. Unbeschreiblich gut. Und so verflucht richtig! Als wären ihre Lippen nur für meine gedacht und ihr Körper gehörte zu meinem.

Mit nur einer schnellen Handbewegung öffnete Annie den unordentlichen Dutt und ließ ihre langen Haare offen über ihre Schultern fallen, als sie sich für einen kurzen Moment von mir löste. Ihr Blick war dunkel und voller Lust, so sehr, dass es mich wahnsinnig machte.

In diesem Augenblick war uns beiden vollkommen egal, wo wir waren oder ob uns jemand dabei erwischen konnte, es war uns egal, wie es dazu gekommen war oder was danach aus uns werden würde. Es zählten nur der Moment und das, wonach wir uns sehnten. Und genau das… nahmen wir uns. Wie zwei hungrige Wölfe auf Beutejagd.

Breathe Free

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