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1. Im Reich der Borgonen
ОглавлениеTrübe, staubverzerrte Luft hinderte die einzige Lichtquelle daran, auch nur einige reale Konturen in der Dunkelheit sichtbar werden zu lassen. Naila Elisar setzte einen Fuß aus der Fahrkabine heraus auf den grauen Untergrund und sofort wirbelte Staub auf. Ali Snitz bekam kaum Luft, hustete schwer und schützte seine Atemwege mit einem Tuch, das er sich vors Gesicht band. Kaum hatten beide die Kabine verlassen, schloss sich die Tür von selbst und das Gerät verschwand irgendwo über ihnen in der Dunkelheit. Beide schauten ihm etwas irritiert hinterher. Elisar dachte daran, sie zurück zu holen und sich erst einmal die entsprechende Ausrüstung für diese Art von Expedition zu besorgen. Aber als plötzlich, vermutlich durch einen Sensor, einige Lichterketten und das Belüftungssystem in einem endlos erscheinenden Gang aktiviert wurden, hatte sie ihr Vorhaben bereits wieder vergessen. Dieser Beleuchtungseffekt und die frische, kühle Brise aus den Ventilatoren jagte ihr einen leichten Schauer über den Rücken. Was für Dimensionen taten sich da vor ihren Augen auf? Unentdeckte Räume, nahezu im Zentrum von Subworld, von denen sie bisher nie etwas geahnt hatte, erschienen ihr wie eine Scheinwelt in einem verdrängten Alptraum. Snitz versuchte den Sub-Navigator auf die neue Situation einzustellen, hatte aber noch Probleme die unbekannten Zeichen und Räume auf dem Display den Gegebenheiten zuzuordnen.
Nur wenige Schritte vor ihnen auf dem Boden lag ein Körper, der von seiner Masse und seinen Konturen her aussah wie eine lebensfähige Kreatur. Differenzierte menschliche Physognomie war allerdings nicht zu erkennen. Er sah eher aus wie eine menschenähnliche Maschine aus zusammengewürfelten Körperkomponenten. Das vordere Antlitz bestand aus einer groben Gesichtsnachbildung in Form einer Stahlmaske ohne irgendwelche Hautstellen oder Öffnungen. Alles war bedeckt von einer samtenen Staubschicht. Ali Snitz versetzte dem schlummernden Wesen einen Tritt und der linke Arm der Kreatur begann sofort zu zucken.
„Diese altertümlichen Serviceroboter haben einen äußerst robusten Energiespeicher, der vielleicht noch funktionieren könnte“, bemerkte er.
„Wir sollten nichts anrühren, Snitz, bevor wir nicht genau wissen wo wir uns befinden und mit was für einer Anlage wir es hier zu tun haben“ , gab Elisar zu bedenken.
„Von der vermutlich ersten Generation dieser „Borgonen“ haben wir absolut nichts zu befürchten. Sie waren eigentlich nur als Unterhaltungsmonster gedacht und sind heute wahrscheinlich der Stolz eines jeden Technologie-Museums auf der Oberfläche“, behauptete Snitz und zerrte mit aller Kraft an dem zuckenden Arm des nachgebildeten Wesens, um die verunreinigten Kontakte der inneren Mechanik wieder anzuregen.
„Trotzdem, Finger weg von diesem Ding“, warnte Elisar.
Der Roboter versuchte sich mit Hilfe seines Arms aufzurichten, scheiterte aber immer wieder daran, sein Gleichgewicht zu halten. Nach einigen vergeblichen Versuchen stand er plötzlich aufrecht vor ihnen. Das unförmige Monstrum balancierte seinen viel zu kleinen Kopf auf den klobigen Schulterelementen herum, als ob es sich von seiner eigenen Vollständigkeit überzeugen wollte.
„Ist das nicht ein Prachtexemplar von einem Robot? Ein Koloss, der direkt aus den Alpträumen meiner Kindheit entsprungen sein könnte“ , erheiterte sich Snitz.
Bald darauf schien sich der Borgone vollständig wiedergefunden zu haben. Er machte einen sehr mutigen Sprung vorwärts und als das seinem inneren Zusammenhalt nicht schadete, konnten seine Schaltkreise nur noch seine Vollkommenheit bestätigen. Sogleich drehte er sich um die eigene Achse und schien ein klares Ziel vor sich zu haben.
„Ich finde, er hat uns genug unterhalten“, sagte Elisar. „Siehst du eine Möglichkeit ihn wieder zu deaktivieren?“
Snitz sprang ihm nach. Der Robot machte sich an einer Klappe in der Wand zu schaffen, ein Tor rollte sich aus und ein Fahrzeug kam zum Vorschein, dass sofort in Aktion trat und beträchtlichen Lärm verursachte. Der stumme Borgone schwang sich mit einer erstaunlichen Leichtigkeit auf den Sitz, bediente ausnahmslos fast alle Hebel, Schalter und Knöpfe gleichzeitig und das Gerät begann Staub aufzuwirbeln und aufzusaugen, eine Menge Schaum zu produzieren und angenehme Düfte in die Luft zu blasen. Ehe Snitz so recht wusste, wie er das Putzmobil stoppen konnte, war das Gefährt auch schon in einem Nebengang verschwunden.
„Was hast du vor, Snitz?“
„Ich werde ihn fragen, ob er zufällig seine Gebrauchsanweisung dabei hat“, antwortete Snitz gut gelaunt.
„Wir sind hier nicht im Ovalon, Snitz. Bevor wir nicht wissen was Lassalle uns mit dieser Anlage hier verschwiegen hat, kann jede Tölpelei böse Folgen haben“, mahnte Elisar.
„Wir wissen jetzt zumindest, dass hier großen Wert auf Reinheit gelegt wurde. Wer immer das hier errichtet hat, der hasste Schmutz, der wollte sich isolieren, der brauchte für sein gestörtes Immunsystem vielleicht eine keimfreie Umgebung“, schlussfolgerte er.
„Du willst damit sagen, wir haben hier höchstwahrscheinlich den dunklen Teil einer gespaltenen und sich voneinander abgrenzenden Gesellschaft vor uns. Hier verkehrte also eine Art Elite, die einen bestimmten Lebensstandart gewohnt war“, brachte Elisar Snitz Kommentar auf den Punkt.
Snitz verzichtete auf weitere Bemerkungen und beide lauschten in die Dunkelheit hinein. Die Geräusche des Putzmobils entfernten sich immer weiter von seinem Ausgangspunkt, bis sie fast nicht mehr zu hören waren. Aber völlige Stille trat nicht ein. Es gab noch andere, sehr seltsame Geräusche, die aus der unmittelbaren Umgebung zu kommen schienen. Elisar entdeckte im Hauptgang, neben einem Spalt in der Wand, die Nummer 031 und Snitz fand diese Nummer auf dem Display des Sub-Navigators wieder.
„Die Nummer 031 ist das Zentrallager des US Sicherheitsdienstes, was das auch immer zu bedeuten hat“, sagte Snitz und Elisar hielt ihr Ohr dicht an die Wand, um den ungewöhnlichen Tönen auf die Spur zu kommen, die hinter diesen Raumelementen immer schriller wahrzunehmen waren.
Dieses Stöhnen hört sich an, als ob sich einige Robots recht intensiv betätigen würden, dachte Elisar und fand den Gedanken dann doch in diesem Zusammenhang ziemlich absurd. Immer neue ungewöhnliche Zwischentöne kamen hinzu. Es krachte, schrammte, schabte und knackte bald an jeder Ecke hinter den Wänden. Snitz entdeckte einen Mechanismus, mit dem man eins der Wandelemente aufklappen konnte und legte ein vergittertes Fenster frei. Beide mussten sich auf ihre Zehenspitzen stellen, um einen Blick ins Innere werfen zu können. Sie schreckten augenblicklich zusammen. Eine ganze Halle war angefüllt mit stählernen Borgonenleibern, die alle versuchten, sich auf ihre verstaubten, baufälligen Beine zu erheben. Weil sie sich in der Enge des Lagers gegenseitig behinderten, gelang es immer nur wenigen einen festen Standpunkt einzunehmen und nicht gleich wieder umgestoßen zu werden. Komische Szenen spielten sich dort unter spärlicher Beleuchtung ab, wenn diese Kolosse mit ihrem unendlichen Gleichmut immer wieder die selben Bewegungen ausführten und immer wieder niedergeworfen wurden, weil sie dem Körperteil eines Kollegen im Weg standen.
„Haben wir diese unbeholfenen Kerle aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt?“, fragte Elisar.
„Es wird wohl so sein, aber ich kann dir noch nicht sagen, was das genau zu bedeuten hat, wenn sich der Sicherheitsdienst selbständig aktiviert“, erwiderte Snitz und kontaktierte den Sub-Navigator.
Wie von Zauberhand verschwanden plötzlich auf beiden Seiten des Ganges die Wände und die beiden standen mitten im Zentrum einer Invasion. Die meisten Borgonen hatten ihre Verschrottung offenbar erfolgreich aus ihren algorithmischen Speichern verdrängt und erinnerten sich an die Aufgaben, die ihr ursprüngliches Programm vorsah. Die Borgonen-Horde ignorierte die beiden Eindringlinge dabei völlig. Elisar und Snitz konnten sich nur dicht an eine Wand quetschen und dem Treiben staubschluckend zusehen. Vier bis sechs von ihnen bildeten eine Einheit und marschierten diszipliniert zu irgendeinem Einsatzort, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Der Sub-Navigator, an den sich Snitz klammerte, zeigte eine Vielzahl von nummerierten Orten und Räumen an, die sich alle in der unmittelbaren Umgebung des Hauptkorridors befanden. Ein Rest Borgonen bemühte sich im Zentrallager weiter darum auf die Beine zu kommen, allerdings oft vergeblich.
Nachdem der große Aufmarsch der Borgonen-Horden nachgelassen hatte und sich nur noch stark beeinträchtigte Nachzügler über den Hauptkorridor quälten, wagte Snitz einen Blick in den angrenzenden Netzwerk Kontrollraum 030. Diese Abteilung öffnete sich vor ihnen zu einer abgestuften, halbrunden Arena, mit einer vielzahl an Monitoren und variablen Drehsitzelementen vor einer ungewöhnlich detailreichen Netzkarte. Die gesamte Anlage war tot und menschenleer.
„Dieser Lageplan an der Wand sollte dir bekannt vorkommen“, erklärte Snitz und versuchte die grob strukturierten Darstellungen der Tafel zu interpretieren.
„Nehmen wir einmal an, diese breite Hauptlinie dort ist die große Transvertikale, mit der sechseckigen Bibliothek der Unikate hier unten rechts. Dann könnte dieser mit Dioden überladene Ring unser zentraler Trichter mit der Treppe von Sola sein.“
„Du hast recht. Dann wäre diese Strecke dort in der Mitte die sich im Osten verzweigende Transareale, mit Arenatherme und den Bereichen der Skriptorien“, versuchte Elisar die Interpretation der Sinnbilder zu vervollständigen. Beide mussten erkennen, dass Subworld in diesem Kontrollraum bis ins kleinste Detail kartiert und abgebildet wurde. Die nächste Abteilung Nummer „029 Strukturanalyse“ bestätigte, wie total die Überwachung gewesen sein musste. Eine ganze Wand dieses Raumes bestand aus über hundert Monitoren, die alle, von Teleinsec 1 bis Teleinsec 100, durchnumeriert waren. Elisar hätte ihre Wut auf Arthur Lassalle am Liebsten gleich an einem Borgonen ausgelassen, wenn das irgendetwas geändert hätte.
„Niemand hat bisher etwas von diesem Wahnsinn bemerkt, oder ist dir jemals irgendetwas aufgefallen?“, fuhr sie Snitz an.
„Es gab Ahnungen und vereinzelte Hinweise, die uns hätten misstrauisch machen müssen, aber sie wurden von uns nicht ernst genommen.“
„Du meinst den Tec-Spion des Tudjo Tamas.“
„Exakt, dieses winzige Ding könnte so ein mobiles, ferngesteuertes Kameraauge gewesen sein, um heimlich Bild- und Toninhalte für dieses Laboratorium anzufertigen und zu übertragen. Und dieses Studio hier diente ihnen dazu, alle Tec-Spione zu dirigieren.“
„Mit Wissen von Arthur Lassalle. Schade, dass seine frühen Musterknaben künstlicher Intelligenz zum Schweigen verurteilt sind. Mich würde die ganze Wahrheit interessieren“, klagte Elisar voller Zorn.
Die Abteilung 029, die Steuerungszentrale der Reporter-Drohnen ging über in Bereiche der Abteilung 028 Strukturanalyse. Dieser Raum war angefüllt mit stationären Eingabegeräten, die ohne Zweifel mit einem Rechenzentrum verbunden sein mussten, was sich dann auch sogleich bestätigte. Der angrenzende Raum mit der Nummer 027 war mit über dreißig glänzenden, schwarzen Quadern bestückt, die der Sub-Navigator als zentrale Datenbasis auswies.
„Das war keine einfache Überwachungszentrale. Auf dieser seltsamen „Intensiv-Station“ hier haben Kommunikationsalytiker an einer geheimen Langzeitstudie gearbeitet und womöglich unsere Kulturtechniken ausgeforscht“, vermutete Elisar, als sie die lange Reihe der Fachabteilungen, Gen-Datenbanken und Forschungslabore mit ihren Massen an Reagenzgläsern, Ultraschallbädern und Destillierapparaten abschritt, die von 026 bis 010 durchnummeriert waren.
„Aber warum? Und aus welchem Grund wurden all die Einrichtungen plötzlich stillgelegt?“
„Sogar unser Blut haben sie ausgeforscht“, behauptete Snitz als er einen Datenträger entdeckte auf dem „Blutbild AB-P 546 789“ zu lesen war.
„Sehr wissbegierig diese Anlage.“
Auf dem Hauptkorridor bemerkte Naila Elisar, ganz weit hinter einigen marschierend umherirrenden Borgonen, die Fahrkabine, die sich aus der Dunkelheit herabgesenkt hatte. Die Tür öffnete sich und es entstieg ihr Oreade, die Rudin hinter sich her zog. Angesichts der unwirklichen Licht- und Raumdimensionen, die sich vor ihr auftaten und dieser sich im Gleichklang bewegenden, bizarren Stahlmonster, stutzte Oreade und taumelte einige Schritte zurück. Diese Schrecksekunde nutzte Rudin um sich selbständig zu machen. Er rannte laut jauchzend auf den ersten greifbaren Borgonen zu und brachte ihn mit einem präzisen Kniestoß zu Fall. Scheppernd brach der Gigant in sich zusammen. Dann fiel dieser kleine Raufbold über ihn her, trennte dem Borgonen mit bloßen Händen seine Gesichtsmaske vom Kopf ab und verknüpfte heraushängende Drähte und Schaltkreise, ohne auch nur einmal zu zögern, neu. Dies geschah alles in nur wenigen Augenblicken, noch ehe Elisar eingreifen konnte. Beiden Frauen gelang es nur mühsam dem rasenden Rudin sein Opfer zu entreißen. Es war zu spät. Sie blieben nicht mehr unbemerkt. Alle Borgonen richteten plötzlich ihre Köpfe und Sinne nach ihnen aus und man konnte spüren, wie ihre Sensoren menschliche Muster zu analysieren begannen. Der kleine Racker hatte erreicht was er wollte. Er spielte sein Spiel mit ihnen.
„Bist du verrückt Oreade. Du bringst Rudin sofort zurück. Ich hatte gehofft, du würdest ihm seine Grenzen aufzeigen. Aber das war wohl wieder mal ein Irrtum“, zürnte Elisar.
„Du weißt doch, dass er jede verschlossene Tür zu öffnen versucht und da dachte ich mir, ich behalte ihn besser in meiner Nähe. Er ist doch noch ein Kind“, verteidigte sich Oreade.
„Mir scheint, seine Intelligenz ist viel weiter entwickelt, als wir uns das bisher vorstellen konnten. Sobald wie möglich werden wir diesem kleinen Wüstling unter die Schädeldecke schauen. Seine Späße sind nicht mehr lustig“, drohte Elisar. Oreade nahm sich ihre Worte zu Herzen und zog Rudin an sich.
„Rudin ist diesen abscheulichen Typen sicher schon einmal begegnet. Er wollte euch zeigen, wie man mit ihnen umgehen muß. Er kennt sicher viele ihrer Rollen. Warum sollte er uns in Gefahr bringen wollen, das ist doch absurd?“, behauptete Oreade mit Unschuldsaugen.
Die Borgonen des Sicherheitsdienstes rückten jetzt immer näher an sie heran. Weitere Stahlköpfe kamen hinzu. Sie schienen sich verabredet zu haben, aber Snitz experimentierte immer noch in aller Ruhe mit dem Sub-Navigator herum. Elisar drehte sich um und musste feststellen, dass die Fahrkabine nicht mehr da war. Der erste Borgone streckte schon seine Stahlklaue nach Snitz aus und berührte, erstmal noch ganz sanft, seine Schulter.
„Roboter dürfen niemals Menschen angreifen, dieses Gesetz ist ihnen eingebrannt, das können sie nicht umgehen. Ihre minimale künstliche Intelligenz reicht aus, um ihre bewusstlosen Schaltkreise zu kontrollieren“, behauptete Snitz. Er schob in aller Ruhe den Stahlfinger beiseite und hoffte damit das Problem aus der Welt geschafft zu haben.
„Trotzdem, in den frühen Jahren dieser Automaten hat man schon mit sehr primitiven, neuronalen Scylertypen experimentiert, die einigen von ihnen einen freiwilligen Handlungsablauf gestatteten. Sie sollten schon damals eine Situation selbständig beurteilen können. Darum traue ich ihnen nicht, wir müssen hier so schnell wie möglich verschwinden. Ich habe das Gefühl, es könnte unangenehm werden“, gab Elisar zu bedenken. Immer mehr Borgonen drängten sich an die kleine Gruppe heran. Sie balancierten seltsam skurril mit ihren Köpfen, als ob sie einen stummen Dialog untereinander führen würden. Dann begannen sich verschiedene Teile ihrer Körper zu verändern. Brustbereiche öffneten sich und dünne Schlauchenden fielen heraus. An den Metallhänden erschienen seltsam gebogene Klemmen und Zangen. Direkt neben Elisar zeigte sich aus einem Borgonenfinger heraus eine Nadel.
„Mir reichts jetzt“, kreischte Elisar und sprang auf. Snitz reagierte ähnlich. Er hatte einen möglichen Fluchtweg gefunden. Ein rot blinkender Pfeil auf dem Display des Sub-Navigators schien ihnen den Weg dorthin weisen zu wollen.
„Sie sind eingeschnappt und jetzt wollen sie uns zeigen, wie künstlich Intelligent sie wirklich sind. Folgt mir und verhaltet euch dabei völlig normal“, empfahl er der kleinen Gruppe.
„Was heißt hier normal? Sollen wir uns von den Stahlköpfen höflich verabschieden oder so tun, als gäbe es sie nicht? “, fragte Elisar und gab Oreade einen Schubs, weil Rudin ihr im Gesicht klebte und mit ihr turteln wollte.
Der große Flur lag, von feinsten Staubfasern verhangen, im trüben Lichtschatten der stellenweise verbogenen Wandelemente und verlor sich im Dunst der unreinen Lichtquellen. Die kleine Gruppe folgte Snitz ins Ungewisse. Sofort formierten sich die Borgonen zu einer Marschkolonne, die nur einem Befehl zu gehorchen schien. Im Stechschritt, der durch die Gänge hallte, nahmen sie die Verfolgung auf. Snitz fand alles so vor, wie es der Sub-Navigator anzeigte. Flure kreuzten sich und führten in beiden Richtungen ins Endlose. Köpfe, Arme und Beine von Borgonen lagen umher, als ob hier vor langer Zeit ein Kampf stattgefunden hatte. Als sie an der Büro-Abteilung 01 vorbeigehetzt waren, bog Snitz in eine Sackgasse ein. Ein schwarzes Wandelement mit der Nummer Null-Null, versperrte ihnen den weiteren Weg. An dieser Stahlwand endete abrupt ihre Flucht.
„Hier irgendwo muss sich der Haupteingang befinden“, behauptete Snitz und suchte hastig nach etwas Greifbarem. Auf den ersten Blick war nichts zu erkennen, was einen Öffnungsmechanismus hätte andeuten können. Auf dem Boden befand sich ein Halbkreis aus Metallplatten, der vor der schwarzen Wand endete. Die erste Reihe der Borgonenhorde marschierte bereits um die Ecke, als Oreade ein winziges Kreiselement auf dem schwarzen Untergrund entdeckte, dass fast nur zu ertasten war. Rudin begann sofort damit zu spielen, oder was auch immer seine Fingerbewegungen zu bedeuten hatten. Eine Mauer aus Borgonen schritt donnernd und unaufhaltsam auf sie zu. Elisar und Snitz blieb fast das Herz stehen. Sie blickten hilflos der Masse an Metall entgegen, die sie gleich zu zerquetschen drohte. Einen allerletzten Meter schoss die Truppe noch voran, dann zischte es. Snitz glaubte einen Blitz gesehen zu haben. Ein Stoß ging durch die Mannschaft der Robots und die Disziplin war augenblicklich dahin. Alles torkelte durcheinander. Die Borgonen schienen wieder so ahnungslos zu sein wie vorher und jeder Metallkopf versuchte sich wieder an sein individuelles Programm zu erinnern. Rudin kicherte und der Rest atmete auf.
„Anscheinend befinden wir uns innerhalb des Rings in einer Tabuzone“, rätselte Elisar. „Man hat also damit gerechnet, dass diese Monster auch mal absurden Befehlen gehorchen würden.
„Trotzdem bleibt uns der Haupteingang verschlossen“, bedauerte Snitz und suchte weiter nach einer Möglichkeit, die Pforte zu öffnen. Das Kreiselement, dass Oreade entdeckt hatte, schien jetzt in der Mitte zu leuchten. Was konnte das bedeuten? Im selben Moment wurde es laut am anderen Ende des Ganges und das Reinigungsmobil bog eilig wie immer um die Ecke. Der synthetische Saubermann benutzte einen Fernbedienungsschlüssel um ihnen das Tor zu öffnen. Rudin hatte sich erlaubt, mit einigen flinken Fingerbewegungen den stählernen Hausmeister zu benachrichtigen und Oreade zeigte sogleich, wie stolz sie auf ihn war.
Die Torflügel schoben sich nun ineinander und verschwanden in der Wand. Dahinter vervollständigte sich der Kreis auf dem Boden und bildete so etwas wie eine Schleuse. Ein Schrankelement mit weißen Kleidungsstücken und anderen Assessoires glitt aus einer Nische heraus.
„Wenn wir uns für die kommenden unbekannten Räume eine fremde Haut überstreifen müssen, ist damit zu rechnen, dass wir gefährlichen Stoffen begegnen, die wir nicht kennen und denen wir wehrlos ausgeliefert wären. Sind wir nicht besser beraten, wenn wir erst einmal umkehren?“, riet Snitz. Elisar wollte nichts davon wissen. Sie zog unverdrossen ein Kleidungsstück aus dem Schrank. Dabei sprang ihr sofort ein Schriftzug ins Auge, der das ganze Rückenteil des Anzugs ausfüllte: Pfafner-Organon.
„Das ist ja interessant. Zu Pfafner-Organon gehören die Trion-Labs, für die Arthur Lassalle in Scientropoli gearbeitet haben soll. Wusstet ihr das? Pfafner-Organon, auch genannt P.O. ist eine der sechzehn großen Denkfabriken, die den Lebensraum auf der Erde umgestalten. Ich habe einiges über diesen mächtigen Menschenverwerter in Erfahrung bringen können und jetzt kommen wir vielleicht der Realität ein wenig näher. Lasst uns das Risiko eingehen. Ich möchte nicht mit der halben Wahrheit nach Subworld zurückkehren und nur Ratlosigkeit verbreiten. Das könnte falsch verstanden werden“, antwortete Elisar.
„Nun denn, unser Leben ist sowieso nichts mehr wert, wenn sie uns erst einmal entdeckt haben“, murrte Snitz und griff sich ein Haarnetz in dem er nur mit Mühe seine ganze Haarfülle unterbringen konnte. Oreade hatte unterdessen Gefallen an der weißen Bekleidungskollektion gefunden und probierte bereits das dritte Teil aus, was ihr aber immer noch nicht so recht zusagte.
„Probier du das Naila, ich wirke darin wie aufgeblasen. Damit kann ich mich nicht sehen lassen“, bemerkte sie und hielt schon das nächste Stück an ihren Körper an. Rudin war unterdessen völlig im Schrank verschwunden und tauchte nun wieder in einer Montur auf, die alle amüsierte. Er trug eine dicke Schutzbrille mit dunklen Gläsern und einen offenen weißen Kittel, der unendlich über den Boden schleifte.
„Wenn uns hier jemand sehen würde, der könnte uns für die dilettantischen Ärzte aus der neuen INet-Comedy Serie von „NatTV“ halten“, fand Elisar und sicherte gerade deshalb trotzig den Verschluss ihres Anzugs. Neben absoluter Verblüffung prägten Unsicherheit und Angst ihren momentanen seelischen Zustand, gegen den sie sich zu wehren versuchte. Das Andenken an Arthur Lassalle hinterließ bei ihr völlige Ratlosigkeit. Sie empfand nur noch Wut und Enttäuschung, wenn sie über seine hehren Worte nachdachte, die sich nun als rücksichtslose Heuchelei herausstellten. Und sie bekam Bauchschmerzen, bei dem Gedanken, dass immer noch ein winziger Rest von mitleidigen Gefühlen sie zwang, diesen Widerspruch auszuhalten.
Die Mannschaft war nun gut verpackt und mit dem Schließen des Schrankelements öffnete sich die Schleuse in einen dunklen, leeren, unübersichtlichen Gang hinein. Es roch nach Äther und Chlor, nach Schweiß und Urin und nach faulendem Blut. Oreade wusste plötzlich, wie man diese kleinen grünen Lappen mit den weißen Schlaufen verwenden musste, die überall in den Taschen der Schutzanzüge steckten. Man band sie sich vors Gesicht, um nicht kotzen zu müssen. Das hatte sie irgendwo schon einmal gesehen.