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1.2. der Transfer

Liebe Carole,

Im Sommer 1970 schloss ich ein Master in Mathematik und Physik und ein Diplom für das höhere Lehramt erfolgreich ab. In den darauf folgenden Ferien brachte ich mir noch das Zehnfinger-System für die Schreibmaschine bei. An der Universität hatte ich das System Adler angewendet: zweimal mit dem Finger kreisen und dann zielstrebig auf die Taste! Am 13. September 1970 wurde ich vor meinen Eltern und einigen Mitbrüdern in die Mission entsandt. Als Zeichen der Aussendung erhielt ich ein Kreuz. Das machte man damals so. Es sollte vermutlich einen sachkundigen Einführungskurs in Missionsarbeit und Entwicklungshilfe ersetzen. Zwei Tage später flog ich nach Westafrika und war beeindruckt von der Grösse der Sahara, über die man mehr als drei Stunden düst.

Der Touristenboom hatte noch nicht begonnen, es flog dorthin nur, wer dies tatsächlich musste. Der Abschied von der Heimat tat mir nicht weh, wollte ich doch einen Jugendtraum verwirklichen. Das Aussteigen aus dem Flugzeug in unserem Gastland, das ich wie das Betreten eines Treibhauses empfand, ist mir noch in Erinnerung. Ich kam ja schliesslich in den Tropen an. Das erste Abendessen war recht herzlich, doch das Zimmer, das man mir zuwies, war düster und muffig, Waschbecken und Dusche fleckig, der blosse Zementboden gewöhnungsbedürftig. Die Leintücher waren feucht und ich sah zum ersten Mal ein Moskito-Netz, dessen Gebrauch man mir in der Folge erklärte. Ich erlebte das frühe Einbrechen der Nacht. Die Geräusche, die zu mir drangen, konnte ich nicht zuordnen.

Am folgenden Tag machte ich mit einem Mitbruder einen Rundgang in meiner neuen Hauptstadt, unter anderem zeigte er mir den Markt. Spätestens nach diesem Gang durch die Stadt hätte ich den Rückflug in die Heimat angetreten, wenn mir jemand ein Flugbillet in die Hand gedrückt hätte. Ich war an diesem Tag erstmals unmittelbar und mit allen Sinnen wahrnehmbaren Problemen aller Art begegnet: Dreck auf Trottoirs und Strassen, dreckiges Abwasser auf der Strasse, Krüppel, die sich zu ebener Erde in diesem Dreck fortbewegten oder an einem dicken Stock humpelten. Rollstühle waren rostig, das Blechgestell einfach mit einem schmutzigen Kissen versehen, es gab viele Bettler. Vielen Leuten war die Armut anzusehen. Die Gerüche, vor allem auf dem Markt, befremdeten mich zusätzlich.

Ich war ja kein Tourist. Ich konnte diese neue Welt nicht von der exotischen Seite her sehen. Ich war gekommen, um zu helfen. Die Probleme betrafen mich, da ich glaubte, sie irgendwie alle lösen zu müssen. Zu mir selbst sagte ich, dass diese neue Welt und ihre Probleme eine Nummer zu gross seien.

Ich erinnerte mich an die Bemerkung eines meiner ehemaligen Schüler: „Sie Herr ... gehen nach Afrika, das ist etwa so, wie wenn eine Kuh einen Baum hinauf spaziert.“ Er meinte wohl meine Konstitution oder meine Einfühlsamkeit. Ein sympathischer, junger Mitbruder stellte die Prognose, dass ich sowieso an Weihnachten zurück sei. Er kannte mich aus unserer gemeinsamen Studentenzeit.

Die Welt, die ich so nach wenigen Flugstunden betrat, war mir überhaupt vollkommen neu: ich kannte keine Pflanze, der Boden war anders, die Mitmenschen schwarz, das Klima sehr ungewohnt. Wir trugen andere Kleider, assen und tranken anders, die Matratze war verschwitzt.

Glücklicherweise gab es dann im Physik-Labor eine Invasion von Termiten. Das Labor verdiente seinen Namen - aus europäischer Sicht betrachtet - überhaupt nicht. Es war ein gewöhnliches Schulzimmer mit einem zusätzlichen Waschbecken und zwei oder drei Schränken. Der Direktor beauftragte mich, das Übel zu bekämpfen. Einiger Schüler sollten mir dabei helfen.

Die Termiten waren durch einen Riss im Zementboden in die Rückseite der Schränke eingedrungen. Die angefressenen Schränke, sowie das spärliche Labor-Material mussten gereinigt werden und der Termiten-Eingang mit Zement geschlossen werden.

Nicht die Arbeit mit Hammer, Meissel und Zement u.a.m. war wichtig für mich. Wichtig war, eine erste Gelegenheit zu haben, mit ein paar Schülern in Kontakt zu treten und mit ihnen eine konkrete Aufgabe zu lösen. Damit war ein erster Schritt in eine ganz neue Welt getan.

Tag für Tag wurde ich mit neuen Situationen konfrontiert. So konnte ich auf praktische Art erfahren, dass ich Lösungen finden konnte. Auf diese Weise wurde der erste globale Eindruck meines absoluten Unvermögens nach und nach gemindert. Natürlich gab es prekäre Seiten, wie die Infrastruktur unserer Stadt. Die medizinische Versorgung war rudimentär, es gab Jahre ohne einen einzigen Arzt in der ganzen Stadt. Dabei hatte das Regionalspital ein Einzugsgebiet von weit über hunderttausend Menschen. Wir hatten zwar eine sehr kompetente Krankenschwester, aber sie konnte im Notfall weder operieren noch Wunden nähen. Trinkwasser im Sinne europäischer Normen gab es erst ein Dutzend Jahre später. Solche prekären Situationen waren nicht aus der Welt zu schaffen. Wir waren immerhin eine Tagesreise von der Zivilisation der Hauptstadt entfernt. Das fördert schon das Bewusstsein, auf Gott angewiesen zu sein!

Ich traf damals auf acht Mitbrüder, sieben aus meiner Heimat und einen Spanier. Man hatte mir etliche Male gesagt, dass ein Bruder, der in eine neue Kommunität kommt, ein bis zwei Jahre dem Leben der Gemeinschaft schweigend zuschauen möge. Erst danach solle er seine eventuell kritischen Bemerkungen oder Vorschläge anbringen. In meinem Fall war es noch krasser. Als Jüngster war ich das Greenhorn in einem doppelten Sinn. Alle Mitbrüder waren mindestens ein Dutzend Jahre älter als ich. Besonders ins Gewicht viel, dass alle schon „mehrere Jahre Afrika gemacht hatten“, wie der Ausdruck so schön lautete! Die Erfahrensten blickten schon auf zwölf Jahre „Afrika“ zurück.

So konnte mich der Vize-Direktor bei Tisch auffordern, wenn ich schon stünde, könnte ich ihm ein Bier bringen. Ich stand aber nicht!

Später habe ich dann gelernt, dass kein Mensch alle Probleme lösen kann und muss, sondern bloss jene, denen er in seinem „Einzugsbereich“ begegnet. Mit dem Beginn des Unterrichts fand ich einen guten Zugang zu meiner neuen Umgebung. Unter den Mitbrüdern entdeckte ich keinen eigentlichen Freund, der Altersunterschied war wie gesagt zu gross. So freute ich mich über die Kontakte mit den Schülern. Bei ihnen war der Altersunterschied ziemlich klein, denn der Eintritt der Schüler in das Schulsystem verzögerte sich oft, besonders wenn sie aus Dörfern kamen. Deshalb zog ich damals bei weitem den Montag und nicht das Wochenende vor! Natürlich habe ich nach freundschaftlichen Beziehungen gesucht, indem ich besonders begabte Schüler zu fördern und durch sie das Leben in unserem Gastland zu verstehen versuchte. So war ich ebenfalls auf die Schüler angewiesen.

Die Schule an der ich fortan arbeitete war noch im Aufbau, so war die Kreativität in vielen Bereichen gefordert. Bei einem Problem konnte man ja nicht einfach per Telefon einen einschlägigen Fachmann bestellen. Es war eine junge Kirche, die ich antraf. Und zwar in einem doppelten Sinn. In der Gegend hatte die Mission vor weniger als 60 Jahren begonnen und die meisten Gläubigen waren jung. Fast alle Priester waren eher traditionalistisch eingestellt, man könnte sagen, dass sie nicht sehr vom 2. vatikanischen Konzil begeistert und beeinflusst waren. Der „Vorteil“ war, dass man leicht mit Bischöfen zusammentraf, oder ein Kardinal machte gerade eine Pause bei uns auf seinem Weg nach Süden.

In Liebe Dein L. Theodor

der andere Revolutionaer

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