Читать книгу der andere Revolutionaer - L. Theodor Donat - Страница 23
Оглавление1.4. erste Begegnungen mit dem Evangelium
Liebe Carole,
Als ich die in diesem Brief beschriebenen Erlebnisse hatte, war ich seit mehr als 10 Jahren im Ordensleben. So mag der Titel dieses Briefes Deine Freunde einigermassen erstaunen. Ein Eingehen auf die Person Jesu war jedenfalls nicht im Programm des Noviziats. Wie vorgeschrieben – wir bekamen eine Liste der Dinge, die dorthin mitzunehmen waren ‒ hatte ich zwar ein Neues Testament im Gepäck. Einige Texte hatten mich schon früher angesprochen. Aber es war für mich nicht so sehr eine frohe Botschaft, als eine Quelle der Angst vor möglicher Überforderung, wie ich das in der „Christenlehre“, dem Religionsunterricht, erfahren hatte. Nach dem Noviziat war ich durch das naturwissenschaftliche Studium voll in Anspruch genommen. Und die Exerzitien waren eher ideologisch als evangelisch geprägt. Als ideologisch möchte ich Predigten und Vorträge bezeichnen, die sich mit Lehren und Theorien befassen und den direkten Bezug zu den Evangelien verloren haben. So wirken sie systemverstärkend in Bezug auf das Ordensleben.
Ich kann mich an einen Vortrag über den Gehorsam erinnern, gehalten von einem unserer Oberen. Ich sagte mir danach, dass das Ziel des Vortrags, bewusst oder unbewusst, war: „Meine Lieben, ich bin der Chef“. Natürlich stützte er sich auf die Ordensregel, auf den hl. Thomas usw.
Und wir sprachen viel mehr von Gott als von Jesus.
In unserem Gastland fühlte ich mich abhängig von Gott, selbst im materiellen Bereich. Das Klima setzte mir zu, vor allem schlafen konnte ich nicht gut. Das Essen war ungesund, da für uns Europäer das meiste aus Büchsen zubereitet wurde und der Koch weder kompetent war, noch Phantasie hatte. Eine Gelbsucht stärkte das Vertrauen in meine Situation auch nicht. So „brauchte“ ich Gott in meiner damaligen psychologischen und geistigen Verfassung sozusagen als Überlebens-Versicherung. Es waren einige, bisher nicht gemachte, praktische Erfahrungen vonnöten, um den Beginn des Weges zu den Evangelien und damit zu Jesus zu machen. Ich möchte Dir nur von einigen wenigen erzählen.