Читать книгу Traumtänzer - M. A. Audren - Страница 6
ОглавлениеIn Elgin war es selten richtig warm. Aber, dass sie barfuß bis zu den Schenkeln im Schnee stand und ihr halb gefrorene Wassertropfen ins Genick träufelten, war doch eher ungewöhnlich. Vor allem, weil das voraussetzen würde, dass sie draußen im Freien war und es in den letzten paar Stunden geschneit hatte. Da den ganzen Tag die Sonne schien und Ellie sich gerade eben ins Bett gelegt hatte, war das eher unwahrscheinlich. Um sie herum standen schmale, weiße Bäume, deren Spitzen so weit in den Himmel ragten, dass sie die Kronen mit bloßem Auge nicht erkennen konnte und als eine Windböe ihr mehrere handvoll Schnee von einem Ast ins Gesicht trieb, beschloss Ellie, nie wieder mit diesem verdammten Traumfänger ins Bett zu gehen. Auf den zweiten Blick schienen die Bäume nichts anderes als gewöhnliche Birken zu sein, was ihre bloße Anwesenheit aber nicht besser machte. Anstatt den zum Wetter passenden, nackten Ästen, trugen die Bäume reichlich Blattschmuck aus reinem Silber. Ellie kniff sich in die Nase, schloss die Augen und zählte bis zehn. Bei 45 waren die Bäume noch immer da. Langsam dämmerten ihr ein paar Erinnerungen der vergangenen Nacht wieder - hatte sie da nicht auch schon so einen Schwachsinn geträumt? Wenn das noch so ein Klartraum war, in dem sie mehrmals fast abkratzen würde, könnte das ja eine schöne Nacht werden.Vom herumstehen und erfrieren würde ihre Situation auf jeden Fall nicht besser, also setzte sie sich leise fluchend in Bewegung. Bedeutend langsamer, als in der Nacht davor, da sie bei jedem Schritt erst einmal ihre Füße aus dem Schnee bekommen musste. Der Wald selbst machte die Navigation nicht leichter, die Bäume standen unnatürlich dicht aneinander, sie musste sich immer wieder zwischen den schmalen Stämmen hindurch quetschen oder einen Umweg machen, wenn sie nicht durch passte. Nach wenigen Minuten musste sie schon das erste Mal einhalten. Die Luft war bissig kalt auf ihren Wangen und ihr Atem hinterließ schon eisige Tropfen auf ihren Augenbrauen und Stirnfransen. Ellie hob den Kopf und versuchte, etwas in der Ferne zu erkennen, doch so weit sie sehen konnte, war alles in weiß gehüllt. In anderen Fällen wäre das vielleicht szenisch, oder sogar romantisch gewesen, in diesem Fall war es jedoch viel zu hell. Besonders in Verbindung mit den silbernen Blättern reflektierte und strahlte es von jeder Oberfläche und nach wenigen Sekunden des Spähens fühlte sie ein schmerzhaftes Stechen in ihren Augen. Kurzerhand senkte sie den Blick wieder und stapfte weiter durch die schier endlose Schneedecke. Auch wenn die Kälte unerbittlich an ihren Knochen zerrte und sie begann, Angst um ihre Zehen zu haben, war dieser Wald gar nicht so furchteinflössend.Trotz der dichten Bepflanzung war es taghell und in der Ferne konnte sie Vogelzwitschern und die üblichen Geräusche wilder Natur ausmachen. Vages Rauschen erinnerte sie an einen fernen Fluss und irgendwo über ihr schien ein Specht seinen Spaß mit den Borkenkäferraupen zu haben. Das einzige Geräusch, das nicht so ganz ins Gesamtbild passte, war das merkwürdige Rascheln vor ihr. Es klang ein bisschen wie ein Tier, das sich im Unterbusch bewegte, aber neben den Bäumen gab es keine sichtbare Vegetation - nicht einmal die vage Form von Büschen oder Sträuchern unter der Schneedecke - und wenn sie sich nicht irrte kam es aus den Baumkronen. Wieder blieb sie kurz stehen, kniff die Augen zusammen und versuchte, einen Blick nach oben zu erhaschen. Vielleicht gab es hier Affen? Zu dieser Jahreszeit war es wohl kaum ein Eichhörnchen. Dass das in einem magischen Wald mit silbernen Blättern vielleicht kein Thema war, entfiel Ellie in diesem Moment. Auch wenn es kein Eichhörnchen war, irgendetwas kletterte da definitiv in den Bäumen herum. Sie konnte nur eine schemenhafte Gestalt ausmachen. Weißes Fell - oder Stoff? - das hervorragend mit der Umgebung verschmolz. Es fiel ihr schwer, die Entfernung auszumachen, von der Größe ganz zu schweigen und die Bewegungen waren so zaghaft und desorientiert, dass ihr beim besten Willen nichts einfiel, auf das die Beschreibung passen könnte. Es war kein Alb. Das jähe Erschaudern aus jener Nacht blieb aus, ebenso der brennende Schmerz, der sich in ihr Herz gegraben hatte, als die Monster sie verfolgten. Vielmehr fühlte sie sich zu dem Wesen hingezogen. Der Wind schien es nicht von sich zu stoßen, sondern wie eine sanfte Melodie durch die Baumkrone zu ihr zu tragen. »Hallo?« Ihre Stimme verhallte, ehe Ellie sie stoppen konnte - und das Wesen hielt inne. Dann bewegte es sich: Zuerst vorsichtig, geradezu irritiert, dann immer schneller, direkt auf sie zu. Das beunruhigte sie nun doch etwas. Um wegzulaufen war es zu spät, es sei denn der Schnee löste sich urplötzlich in Luft auf. Ellie warf einen Blick über die Schulter - genau in ihrem Rücken war einer der weißen Birkenstämme. Er hatte keine Äste, die tief genug für sie wären, sich in Sicherheit ziehen stand also außer Frage. Da, was auch immer da auch sie zu kam, ebenfalls behände schien, hätte es ihr ohnehin kaum genutzt. Trotzdem spielte sie mit dem Gedanken, sich an den Baum zu krallen - auch wenn es nur war, um ihre Füße aus dem Schnee zu kommen.»Ellie?« Jetzt war es an ihr zu erstarren. Sie wagte es kaum aufzublicken, während ihr Körper sich wie von selbst fester gegen das harte Holz drückte. Ein fruchtloser Versuch ein wenig mehr Abstand zwischen sie und dieses Ding, das ihren Namen kannte, zu bringen. Mit jedem Meter, dem es ihr näher kam wurden seine Umrisse klarer, seine Gliedmaßen deutlicher und Erleichterung machte ihr das Herz leicht. Menschliche Hände hangelten sich gewandt durch das dichte Astwerk. Ein schlanker Körper, der in weiße Stoffbahnen gewickelt war und nackte Füße, die sich an das raue Holz klammerten. Er war nur noch wenige Meter über Ellie, nahe genug um endlich ein Gesicht auszumachen - sie konnte nichts anderes tun, als ihn entsetzt anzustarren. »Ich hatte gehofft, dich wiederzusehen!« Blondes, lockiges Haar, ein unnatürlich symmetrisches Gesicht, Augen voller Universen … das war der Irre aus dem letzten Traum. Sein Lächeln schien den Wald um ihn zu erleuchten, die silbrigen Blätter in seiner Gegenwart von innen heraus zu strahlen und wo immer seine Haut das Holz berührte, schmolz der Schnee spurlos dahin. Mit einem eleganten Schwung ließ er sich von dem niedrigsten Ast fallen und landete punktgenau vor Ellie, deren Herz ebenfalls einen Satz machte. »Das Traummännchen.« Gab sie schließlich wenig intelligent von sich. Der Neuankömmling verzog tadelnd das Gesicht.»Traumtänzer.«»Wo hast du die Glühbirnen gelassen?«»Rem und Bel sind Feen. Oder zumindest Sandmännchen, so viel Respekt muss bitte sein.« Seine Tadel war nur halbherzig und seine Mundwinkel zogen sich augenblicklich wieder nach oben. »Sie sind im Dorf, ich bin sicher, sie werden sich freuen, dich zu sehen! Willst du oh, das ist gar nicht gut.« Seine Augen wanderten suchend über Ellies Körper und sie fühlte wie ihr das Blut in die Wangen stieg - zuerst aus Scham, dann aus Wut über eben diese. Ihr Tanktop war von dem feuchten Graupel ganz durchnässt und ihre Shorts bedeckten kaum ihre Oberschenkel. Traum hin oder her, es gab keinen Grund, sie so ungeniert anzustarren. Als sie den Mund öffnete, um ihn zurecht zu stutzen, blieb Layans Blick schließlich an ihren Füßen hängen, die zitternd aus der weißen Schneewehe ragten. »Ohne Schuhe wirst du dir noch etwas abfrieren, wir müssen dich schnell ins Warme bringen.« Oh.»Du bist auch barfuß: Habt ihr große Traumtänzer vor gar nichts Angst?« »Hast du schon genauer hin geschaut?« Ellie war nicht unbedingt erpicht darauf, irgendjemandes Füße zu inspizieren aber ihre Neugierde gewann schließlich die Überhand und sie warf einen schnellen Blick nach unten. Erst nach mehrmaligen Blinzeln, war sie überzeugt, nicht zu halluzinieren. Es waren ganz normale Füße, doch wo ihre Zehen durch die Kälte einen knallenden Rot-Ton angenommen hatten, schien seine Haut vollkommen unberührt - und sie standen auf saftigem Grün. Layan bewegte einen Fuß und wo auch immer seine Haut streifte, schien der Schnee einfach dahinzuschmelzen. Als er ihre geweiteten Augen sah, zwinkerte der Blonde ihr zu. »Wir funktionieren ein wenig anders.« Um seine Worte zu unterstreichen bückte er sich und schnipste mit den Fingern - bunte Funken stoben davon, rote und orangene Lichter zischten über den weißen Schnee, rasten um Ellies Füße und berührten sie mit feurigen Blitzstößen. Zurück ließen sie eine behagliche Wärme, die sich schnell ausbreitete und bis in ihre Zehenspitzen kitzelte. »Das ist nur erste Hilfe.« Bevor Ellie verarbeiten konnte, was passierte, hatte er sie gepackt und auf seinen Rücken gehievt.»Was hast du vor?«»Dich aus dieser Kälte bringen, natürlich. Keine Sorge, außerhalb des Waldes ist es schön warm, wir haben dich im Nu wieder aufgetaut.« Kurz überlegte Ellie, zu protestieren. Sie war durchaus in der Lage, selbst zu laufen, Kälte hin oder her. Ein Blick zurück zu dem gefrorenen Boden hielt sie jedoch zurück. Wenn ihr hier die Zehen abfroren war, abgesehen von ihrem Stolz, niemandem geholfen. Und auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, die Nähe des Traumtänzers hatte etwas Beruhigendes an sich. Sein Rücken war warm, sein Hände weich und stetig, das zusätzliche Gewicht auf seinem Rücken schien er kaum wahrzunehmen. Er bewegte sich leichtfüßig durch die Schneeschicht, wandte sich problemlos zwischen den Bäumen hindurch als folgte er einem unsichtbaren Pfad, den nur er selbst kannte. Die silbernen Blätter rauschten geradezu an ihnen vorbei und ehe Ellies Füße wieder kalt wurden, hatten sie den Wald hinter sich gelassen.Layan hatte nicht übertrieben. Die Baumgrenze war noch nicht einmal außer Sicht als die Gegend spürbar wärmer, und der graue Winterhimmel über ihnen durch wolkenloses Blau ersetzt wurde. Ein wildes Kribbeln machte sich in Ellies Fußsohlen breit und sie drehte ihr Gesicht begierig Richtung Sonne. Die Strahlen schmolzen die letzte Kälte aus ihren Knochen und ein angenehmes Seufzen schlüpfte zwischen ihren Lippen hindurch. Der plötzliche Wetterumschwung war Willkommen, aber keinen Deut weniger wunderlich, als alles andere an diesem Ort. Keine zwei Minuten von dem im tiefsten Winter liegenden Wald, gingen sie nun über ein goldenes Weizenfeld. Selbst auf ihrer erhöhten Position kitzelten die langen Ähren ihre Beine und die Schritte des Tänzers wurden durch das dichte Gras langsamer. Der Anblick des schier endlosen Feldes erinnerte sie an ihre Flucht aus Lacrimosa - an jenen Moment in dem sie das Höhlensystem hinter sich gelassen hatte und in die Freiheit der Ebenen trat, die nun ebenfalls vor ihr zu liegen schienen. Sie legte den Kopf suchend in den Nacken, doch so sehr sie sich abmühte: Sie konnte nur eine Sonne sehen.»Wo ist die andere?«»Wie bitte?« Er verdrehte den Kopf, doch plötzlich schien sein Gesicht viel zu nahe, und die Wärme der Sonne zu intensiv. Ellie versuchte, ihren Kopf abzuwenden und möglichst nonchalant weiter in den Himmel zu starren. Layan folgte ihrem Blick. »Oh, natürlich: Es ist Nacht. Die purpurne Sonne, die du gesehen hast, geht erst Morgens auf. Ich würde sagen, wir haben noch zwei bis drei Stunden? Du bist aber auch immer spät dran.« Den letzten Teil überhörte sie schon. Es erschien ihr etwas merkwürdig das ganze ‘Nacht’ zu nennen, wenn immer noch eine riesige Sonne mitten am Firmament prangte und ihr den Schweiß ins Gesicht trieb, aber Ellie wurde langsam mit dem Gedanken vertraut, dass ihr Unterbewusstsein voller Paradoxe war. Der Kerl, der sie gerade auf Händen trug, war wohl das beste Beispiel. Gestern war er noch wie ein Irrer in einer fliegenden Stadt vor ein paar Monstern davon gerannt, als wäre es sein täglich Brot, heute kletterte er im tiefsten Winter auf irgendwelchen Bäumen herum.»Dieser Wald wo genau waren wir da?«»Foraoise? Oh, das nichts besonderes. Ein kleiner Wald, den es noch gar nicht so lange gibt. Hin und wieder sammeln wir dort Kräuter oder beschaffen Holz.« Abermals drehte Layan seinen Kopf, brachte sein Gesicht viel zu nah an ihres - so nahe, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren konnte.»Du kannst mich übrigens runter lassen, ich kann sehr gut selbst laufen.« Er blieb abrupt stehen und gab einen überraschten Laut von sich. Dann ging er leicht in die Hocke und Ellie rutschte hastig von seinem Rücken. Sie landete auf weicher Erde. Die Grashalme waren von der Sonne gewärmt und der Weizen reichte ihr nun fast bis zur Hüfte. »Danke,« Fügte sie dann noch schnell hinzu, ehe sie ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Gespräch lenken konnte. »Ein normaler Wald … Aber was ist dann mit dem Schnee?«»Der Schnee? Es ist Winter, da liegt nun mal Schnee.« Unverständnis blitzte in seinen Augen auf.»Im Winter?« Ja, in Elgin war gerade Winter, wenngleich bisher ein milder. Aber normalerweise bedeutete Winter Schnee, vereiste Flüsse und gewaltig gewalttätige Eiszapfen. Nicht strahlenden Sonnenschein, barfuß durch Felder ziehen und schüchternen Schnee, der lokalisiert in genau einem Wald landete und keinen Zentimeter unter den Bäumen hervor kroch. »Unsere Winter sehen ein wenig anders aus.« Sie deutete um sich und ließ eine Hand durch den herbstlichen Weizen neben ihr streifen. Layan musterte zuerst das Feld, dann Ellie Gesicht, das bestimmt aussah wie ein einziges Fragezeichen. Er zog ebenfalls einige Sekunden die Stirn krause, ehe ihm ein Licht aufging und er vage Richtung Himmel deutete.»Vielleicht ist nicht der Wald die Ausnahme?« Wenn er jetzt auch noch anfing in Rätseln zu sprechen, platzte ihr der Kragen. Layan schien den Gedanken zu bemerken und packte sie vorsichtig am Handgelenk. »Mach dir keinen Kopf. Aber jetzt wo du schon einmal hier bist, muss ich dir Lancars zeigen!« Das war keine Antwort auf ihre Frage. Es war nicht einmal ein besonders eleganter Versuch, einer Frage auszuweichen. Aber wieso versuchte sie auch, aus dem ganzen hier Sinn zu machen? Schließlich war das hier immer noch ein Traum - zumindest da war sie sich sicher. …zu etwa sechzig Prozent. Es fühlte sich noch immer alles etwas zu real an. Für gewöhnlich träumte sie von der Arbeit, von Jahre vergangenen Prüfungen oder sinnlosem Zeug wie tanzenden Elefanten. Nie war ihr dabei etwas so nahe gegangen, hatte sich so in ihre Haut, in ihr Bewusstsein, in ihr Herz gegraben. Dass heute nichts versuchte, sie umzubringen war ein großes Plus. Kurzerhand beschloss sie, einfach mitzuspielen. Schaden konnte es nicht, sie erwischte sich sogar bei einem kurzen Aufleben von Aufregung. Ein verzauberter Wald, magische Fremde und eine Welt voller Wunder.»Lancars ist … ?«»Das Dorf da vorne.« Er deutete vor sie und begann, sie sanft in selbige Richtung zu ziehen. In der Ferne konnte Ellie ein paar vage Silhouetten ausmachen, die wohl Gebäude sein mochten. »Eine kleine Siedlung von Traumtänzern in der ich auch lebe.«»Wir kennen uns keine zwei Tage und du bringst mich schon mit zu dir nach Hause? Besonders wählerisch bist du ja nicht.« Anstatt zurückzuziehen, schenkte Layan ihr ein spitzbübisches Lächeln.»Vielleicht bin ich sogar sehr wählerisch und lasse gute Chancen nur ungern verstreichen?« Seine Augen schienen noch mehr zu funkeln als sonst und Ellie spürte, wie ihre Wangen wieder warm wurden. Sie verfluchte ihren Körper für den offenkundigen Verrat und zog flugs ihre Hand aus dem Griff des Tänzers. Mit ein, zwei Schritten war sie vor ihm und übernahm die Führung in die Fremde.»Dann bemühst du dich besser, ich bin nämlich sehr schwer zu überzeugen.«»Ich hab da noch den ein oder anderen Trick im Ärmel. Vielleicht bist du ja der Typ für Überraschungen.« Ein paar Hände schnellte an Ellies Schläfen vorbei und bedeckte ihre Augen, sie gab ein erschrockenes Keuchen von sich, während Layan kicherte. »Du willst dir doch nicht die Überraschung verderben?« Es war schwierig, nicht zu stolpern, wenn man plötzlich nichts mehr sehen konnte trotzdem ging sie einfach weiter, als wäre nichts. Sie konnte nur einen Fuß vor den anderen setzen und hoffen, dass Layan sie bremsen würde, bevor sie in einer Pfütze Treibsand verschwand. Nicht nur das, sie kam sich auch ausgesprochen dämlich vor.»Einfach geradeaus,« flüsterte es viel zu nahe an ihrem Ohr. »Du wirst es fühlen, wenn wir am Ziel sind.« Im Augenblick fühlte sie hauptsächlich die Nähe des Traumtänzers in ihrem Rücken. Ellie versuchte, ihn auszublenden, konzentrierte sich auf ihren eigenen Atem und jeden Schritt, den sie tat. Die Sonnenstrahlen, die ihr in der Nase kitzelten und den Geruch wilder Wiesenblumen, der sie nach und nach umgab. Sie hörte Vogelgezwitscher und das Rauschen von Laub im Wind. Weit über ihr ertönte ein harmonisches Summen und eine Art Flügelflattern, das immer näher zu kommen schien. Ob das Dorf noch weit war? Noch war es nicht zu spät, sich loszureißen und dabei ein wenig Stolz zu behalten. Layan schien ihr Zögern zu spüren und drückte sie mit seinen Schultern vorsichtig weiter.»Geduld, nur noch ein bisschen.« Der Weg wurde etwas steiler: Der Untergrund veränderte sich, wurde gleichmäßiger, weicher und sie spürte nasses Moos unter den Zehen als sie die Spitze des vermeintlichen Hügels erreichte.»Wenn das hier eine Bergwanderung wird, brauche ich meine Augen wi-« Layan nahm seine Hände weg. Mitten im Schritt erstarb Ellies Bewegung, jedes Wort in ihrem Hals war purem Erstaunen gewichen und der Tänzer trat mit einem selbstgefälligen Lachen neben sie. Sie stand vor den Toren eines Dorfes - und um sie die Feen. Bestimmt ein dutzend bunte Lichter, die den Himmel über den dicht stehenden Hütten füllten, hastig durcheinander schwirrten, die Luft erfüllt vom Surren ihrer Stimmen. Wie ein Rausch rasten hunderte neue Eindrücke auf sie ein, sausten um ihren Kopf und vernebelten ihr die Sinne als ihr Blick zwischen den bunten Häusern hin und her huschte. Die Fassaden waren so farbenfroh, dass sie das Dorf erleuchteten und überall zierten verschlungene Schnitzereien die Wände. Die niedrigen Dächer waren aus bunten Stoffen gewebt und ersetzten das Bild einer Zivilisation durch den Gedanken an ein heimeliges Bettenlager. Zwischen den Gebäuden schlangen sich schmale Trampelpfade, gesäumt von allerlei Tontöpfen und merkwürdigem Werkzeug, dessen Nutzen Ellie nicht kannte. Saftiges Unkraut hatte sich seinen Weg zwischen den vereinzelten Trittplaten, die hier und dort lagen, gebahnt und große Teile der Gebäude waren verwuchert bis zur beinahe Unkenntlichkeit. Zwischen all den Pflanzen, hölzernen Stuck und rasenden Feen strahlte dieser Ort etwas absolut Magisches aus - Ruhe und Entzücken ergriff Ellie, ein Gefühl von Vertrautheit, gehüllt in funkelnde Magie. Sie blickte zurück: Hinter ihnen lagen die sanften Eindrücke eines Pfades, nicht von Hand sondern von der Zeit geschaffen. Das Dorf lag wirklich auf einem leichten Hügel, doch der Anstieg war kaum der Rede wert und in der Distanz konnte sie die Spitzen des weißen Waldes sehen.»Layan, wer ist deine Freundin?« Sie wurde von einer hellen Stimme unterbrochen und während Layan, wenig subtil, fluchte, drehte Ellie sich nach deren Quelle um - die sich als kleines Mädchen entpuppte. Himmelblaue Augen blitzten unter einem braunen Pony hervor und musterten die Rothaarige mit strahlender Neugierde. Hinter ihr standen noch einige andere Kinder - sie mochten kaum 12 Jahre alt sein - allesamt in dieselben eigentümlichen, weißen Roben gekleidet, wie auch Layan sie trug. Eines der anderen Mädchen schnappte geräuschvoll nach Luft.»Ist sie ein MENSCH!?«»Was? Nein! Schwachsinn! Sie ist doch kein Mensch.« Layan schob sich hastig vor Ellie, die ihn ihrerseits irritiert musterte. Das hätte ihm nicht einmal ein Säugling abgekauft. »Das ist Elli- äh …yara. Elliyara, ja. Sie kommt aus einem anderen Dorf jenseits der Flüsse und ist zu Besuch hier.« ‘Elliyara’ schaffte es nicht, Einwände zu erheben, denn Layan bedeutete ihr mit einem unsanften Kniff in den Unterarm, das zu unterlassen.»Wer würde dich schon besuchen?«, murrte aus aus der letzten Reihe, was den Tänzer zu protestierenden Ausrufen bewegte.»Ich habe viele Freunde und - «»Vielleicht hat Palyk ihn doch Zwangs-verlobt. Meine Mutter sagt-«»Du weißt doch nicht mal, wie verloben funktioniert, Eshi!«»Hat Layan dich gekidnappt?« Schrie ein Junge von der Seite, das letzte Wort zog er dabei in die Länge, als hätte er es gerade erst gelernt und war stolz, es gleich verwenden zu können.»Also gut, ihr habt euren Spaß gehabt. Jetzt trollt euch, ihr Plagegeister!« Unter lautem Geschrei und Gekicher taten die Kinder wie ihnen geheißen und Layan bugsierte Ellie hinter ein nahes Gebäude.»Was sollte das jetzt? Elliyara? Gekidnappt?«»Ich musste improvisieren! Ellie ist nun mal kein Traumtänzer-Name!«»Der Teil ist mir klar, aber wozu der ganze Humbug? Wieso - «»Das … das ist etwas schwierig zu erklären. Vielleicht sollten wir das nicht auf offener Straße machen, kommst du mit?« Dem flehenden Blick konnte sie nur schwer standhalten, also seufzte ‘Elliyara’ ergeben, während der Tänzer sie vor sich durch die fremden Gassen scheuchte.»Was ist das für eine Pflanze?« Neugierig starrte Ellie das kleine Wesen an. Dunkelgrüne Blätter wickelten sich wie ein Turban um eine tiefviolette Blüte, deren Mitte ein heimeliges, oranges Leuchten von sich gab. Bis jetzt hatte sie im Dorf der Traumtänzer - Lancars - zwei Dinge gelernt. Zum ersten: Ihr Name kam nicht von irgendwo. All diese ‘Traumtänzer’ bewegten sich in wiegenden Schritten, schwebten anmutig von einem Ort zum nächsten wie Tänzer. Im Vergleich dazu bewegte sie sich wie ein betrunkener Elefant durch die engen Gassen.»Uuuh … eine Grüne?« Zum zweiten: Sie hatten keine Ahnung von Botanik. Kaum waren sie an etwaigen Tänzern vorbei in eine unscheinbare Hütte geflüchtet, hatte Layan begonnen, hektisch in verschiedenen Kisten zu wühlen. Ellie indes beschloss, dass sie gar nicht so genau wissen wollte, was er denn nun vor hatte und besah die Inneneinrichtung mit milder Begeisterung.Die Einrichtung war schlicht, einige grob gezimmerte Regale, ein Raumteiler, dahinter einige Kisten, deren Inhalt der Traumtänzer in diesem Moment kunstvoll auf dem Boden verteilte - wobei letzterer aus reiner Erde bestand. Die Mauern waren ohne Fundament auf den Grund gestellt worden und während Ellie sich noch wunderte, wie die Gebäude stabil sein konnten, fiel etwas anderes in ihren Blick. Durch den natürlichen Untergrund hatten sich zahlreiche Pflanzen ihren Weg ins Innere gebahnt und keine von ihnen hatte sie je zuvor gesehen. Sie wandte sich kurzerhand von der leuchtenden Blume ab, um sich einer kleineren Pflanze direkt daneben zu widmen. Einer Lilie nicht unähnlich, ragten Ihre Blüten direkt aus dem Boden und schimmerten in hellem Blau mit spiralförmigen Blütenständen. Ihr Sinnieren, wie die hiesige Flora zustande kam, wurde von einem triumphalen Schrei unterbrochen. Sie wandte sich nach Layan um, der mit einigen Stoffen über dem Arm hinter dem Raumteiler hervor wankte.»Hier, wirf’ das über!« Sie musterte das Stoffding mit wachsender Verwirrung und einem steigenden Maß an Unmut.»Was zur Hölle ist das und wieso?« Genauer betrachtet waren es mehrere Stoffbahnen, rein weiße Baumwolle mit detaillierten Stickereien und allerlei Gold-glänzenden Symbolen entlang der Ränder. Schon auf den ersten Blick war Ellie sicher, sie würde eine schriftliche Anleitung brauchen, um die fremdartige Kleidung anzulegen. Ihre Jeans war ihr wesentlich sympathischer.»Kleidung einer Traumtänzerin.« Für einen Augenblick schien Layan in Erklärungsnot zu kommen und seiner Worte nicht ganz Herr zu werden. »Hör zu, die Situation in Lancars ist im Moment … ein wenig angespannt. Du könntest es doch einfach auf sich beruhen lassen, und wir sehen uns das Dorf an?« Es war nur ein Traum. Ein Traum mit einer sehr verwirrenden Geschichte, den sie auch genießen konnte, ohne nachzubohren.»Das könnte ich natürlich tun.« …aber dann wäre sie nicht Ellie. »Ich könnte aber auch genau hier stehen bleiben und dich so lange löchern, bis du mit der Sprache herausrückst.« Er schien kurz mit sich zu hadern. Dem stummen Gebet in seinem Blick nach zu urteilen, hatte er keinen Zweifel daran, dass Ellie die Drohung wahr machen würde.»Das hier … ist ein Traum, ja?« Allein, dass er das so unverblümt fragen konnte, ließ sämtliche Alarmglocken in ihrem Kopf schrillen.»Layan, was willst du mir sagen?«»Hast du jemals in Betracht gezogen - rein hypothetisch natürlich dass das hier kein Traum sein könnte?« Ellie konnte die Augen nicht von ihm lösen. Sie stolperte einen Schritt zurück und stieß gegen eine Holztruhe, auf die sie sich sofort fallen ließ. Ja. Ja, das hatte sie.»Du willst mir erklären, dass, das hier,« sie machte eine vage Geste, die sowohl das Dorf, als auch den Tänzer selbst umfassen sollte. »Alles echt ist? Und ich hier bin? Und ich nicht bloß zu viel fern geguckt habe?«»Du kannst es fühlen, nicht?« Er wirkte etwas verunsichert, doch es war soviel Hoffnung in seinem Blick - so viel Intensität, dass sie nur nicken konnte. »Dieser Ort hier, die Traumwelt, wie sie oft schon genannt wurde - sie ist echt. Du bist wirklich hier. Dein Körper ruht friedlich in deinem Bett, du bist also im großen und ganzen sicher, aber dein Geist befindet sich in Lancars.«»Im großen und ganzen?« Ein recht wichtiges Detail um es einfach so in einem Nebensatz zu verstecken.»Deine Seele ist hier und damit verwundbar, aber keine Sorge. Wir sind nicht in Lacrimosa, hier droht dir keine Gefahr.«»Das macht nicht besonders viel Sinn.«»Das tun wenige Dinge. Aber die Traumwelt existiert - wenn auch auf einer anderen Ebene als deine Welt. Es ist nicht so komplex wie man glauben würde … aber schwer in Worte zu fassen.« Der Tänzer seufzte schwer. Umständlich setzte er sich neben sie und starrte auf seine Handflächen. »Die Sache ist die … seit der Wandler sich erhoben hat, werden die Menschen hier immer seltener. Tatsächlich haben wir seit über 20 Jahren keinen mehr in unserer Welt gesehen.« Trauer huschte über sein Gesicht, doch ein kurzes Räuspern und er fasste sich wieder. »Fürs Erste sollten wir vorsichtig sein, nur für den Fall der Fälle. Wir geben dich als Tänzerin aus, da ist nichts dabei, und ich kann dir in Ruhe das Dorf zeigen, bevor du aufwachst! Früher gehörte es zur guten Sitte, Besucher herumzuführen und damit will ich nicht brechen.« Seine Worte schienen aufrichtig, doch irgendetwas passte nicht. Ellie wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr etwas vorenthielt. Irgendetwas an der Art, wie er gesagt hatte, sie sei nur im Geiste hier. Nichtsdestotrotz fiel es ihr leicht ihm zu glauben. Vermutlich weil ihr Instinkt die Wahrheit schon kannte, lange bevor ihr Kopf es wahrhaben wollte.»Okay … überzeugt bin ich nicht, aber okay. Du hast bereits gestern von diesem Wandler gesprochen, wer oder was ist das? Einer der Alben?« Sie schien einen empfindlichen Nerv getroffen zu haben, denn Layan zuckte merklich zusammen.»Er … das ist unwichtig. Hör zu, Ellie.« Er hob seinen Blick, sah ihr direkt in die Augen. »Kaum ein Mensch schafft es noch hierher, lass uns die wenige Zeit, die wir haben, nicht vergeuden!« Sein Ausdruck war beinahe flehend und trotz dem Unwohlsein in ihrer Brust konnte sie einfach nicht verneinen. Wenngleich sie nicht verstand, warum sie sich unbedingt umsehen sollte … es musste etwas dahinter stecken. Ihre Neugierde gewann wider ihrer Vernunft überhand.»Na gut. Ich gebe vor eine Tänzerin zu sein, auch wenn ich mich im Gegensatz zu euch eher bewege wie ein Steintroll.«»Ab und an gibt es auch Traumtänzer, die nicht tanzen können, es wird sich also keiner daran stören, wenn du ein paar Krüge umstößt.« Sie schubste den nun kichernden Jungen unsanft zur Seite und verschwand mit den Stoffbahnen hinter dem Raumteiler. Trotz ihrer Fremdartigkeit hatte sie das Gewand bald angelegt - auch wenn sie sich ziemlich sicher war, irgendetwas falsch gewickelt zu haben. Die Kleidung war schlicht gehalten, weiß mit farbigen Säumen und bunten Stickereien, die sich wie ein Gemälde über die luftige Kleidung zogen. Zumindest waren sie bequem und tatsächlich erinnerten sie Ellie an die Gewänder der Mädchen von vorhin.»Und?«»Perfekt!« Der begeisterte Blick war ihr eher unangenehm, doch Layan schien das nicht zu bemerken. Die düstere Aura von zuvor war gänzlich verschwunden, zurück blieb nur neuer Elan mit dem er die Rothaarige schwungvoll zur Tür hinaus zog. »Es gibt einen Ort, den du unbedingt sehen solltest!« Ellie musste ihm dringend abgewöhnen, sie ständig durch die Gegend zu schleifen. Aber vielleicht war das ihre Gelegenheit auf ein paar mehr Antworten. Die Frage, wer dieser Wandler war, brannte immer noch auf ihrer Zunge - und sie verstand nicht, was das alles mit ihr zu tun hatte. Wieso war sie hier, wenn es seit zwei Dekaden keine Menschen mehr in dieser Traumwelt gab? Jetzt wo sie dem Tänzer schon versprochen hatte, sich herumführen zu lassen, konnte sie auch gleich herausfinden was sie hierher gebracht hatte - und was er ihr verschwieg. Bei dem Gedanken musste sie schmunzeln und betrachtete Lancars mit neuen Augen.Die Siedlung schien recht spärlich bewohnt, trotzdem kreuzten immer wieder andere Traumtänzer ihren Weg. Sie gingen ihren Aktivitäten mit wiegenden Schritten nach, grüßten Layan mit kurzen Gesten und musterten Ellie mit neugierigen Blicken. Von so nahem erinnerten die Häuser noch mehr an ein zu groß geratenes Bettenlager - heimelig und behaglich. Allerlei Pflanzen und buntes Tongeschirr säumten den Weg und immer wieder sausten bunte Feen nur knapp über ihre Köpfe hinweg. Eine Tänzerin schien mit einer der Feen zu streiten, während ein anderer neben ihr Brotlaibe in einem der Tongeschirre stapelte und den beiden Vorbeigehenden dabei ein freundliches Nicken zukommen ließ. Wie in einem normalen Dorf … nur magischer.»Wohin gehen wir?« Wider besseren Wissens war ihr Plan den Tänzer auszufragen in die Ferne gerutscht und sie spürte einen Funken Aufregung, als Layan auf ein steinernes Gebäude am Rand der Siedlung deutete.»Siehst du den Tempel? Er enthält die wichtigsten Artefakte unserer Welt.« Verunsicherung trat in Ellies Blick, doch der Blonde bemerkte es kaum und schritt weiter zielstrebig auf das alte Gebäude zu. Alles in Lancars hatte eine ganz magische, geradezu erhabene, Ausstrahlung, doch die konnte sie ertragen. Der Tempel hingegen … er hatte eine besondere Aura. Was es auch war, es ließ Ellie Respekt verspüren, ihren Atem langsamer werden und Feuer ihre Adern füllen. Sie interpretierte das Gefühl als ein Verlangen, diesem Ort so fernzubleiben wie nur möglich.»Diese Statue … was stellt sie dar?« Sie hoffte, der Tänzer würde inne halten und tatsächlich - er kam dermaßen abrupt zu stehen, dass sie beinahe ins Schleudern kamen und warf Ellie ein Lächeln zu, das ihr die Röte ins Gesicht schießen ließ.»Ich wusste doch, dass du Lancars sehen willst!« Er war ganz klar eine Frohnatur. Sofort zog er sie etwas näher zu der Statue die den Vorplatz des Tempels schmückte und sie musste den Kopf in den Nacken legen, um seinem Blick zu folgen. »Das hier ist die Göttin - Lisanna, die Rast.« Das Abbild der Frau schien tatsächlich alles andere als menschlich. Auf den ersten Blick war sie nur unglaublich schön, doch sobald Ellie versuchte, ihr Gesicht zu mustern, die feinen Konturen ihrer Lippen und das schimmernde Glänzen ihrer Augen zu erfassen, entzog sie sich wie magisch ihrem Blick und das Bild vor ihr verschwamm. Auch der Stein schien seine Beschaffenheit zu ändern, der Stoff der sich über ihre Brust spannte schien weich wie Seide, der goldene Gürtel reflektierte die Sonne wie tausend Kristalle und der alabasterfarbene Marmor ihrer Haut strahlte von innen - er verströmte Wärme, Licht und wohltuende Energie, die das Feuer aus dem Tempel hinter der Statue verbarg und die Schwere von Ellies Brust nahm. Leuchtete eigentlich alles in dieser Welt?»Ihr glaubt an Gott?« Für eine Welt aus Träumen hatte das etwas abstrakt menschliches an sich.»Die Götter - drei genau genommen. Aber sie haben diese Welt schon lange verlassen. Sie sind die Schöpfer von allem was du hier siehst, und auch von eurer - der menschlichen Welt.«»Wenn sie so göttlich sind, warum haben sie euch verlassen?« Das galt auch in menschlichen Kreisen als Streitfrage, umso absurder schien die Selbstverständlichkeit mit der Layan ihr das alles erzählte.»Weil sie ebenso menschlich wie göttlich waren.« Der Tänzer legte seine Hand an den weißen Stein, kurz wirkte er weit entfernt. »Mavis - der Träumer. Er war der Gott, der unsere Welt geschaffen hat - der Schöpfer der Traumtänzer. Doch er verlor sein Herz an Lisanna - «»Und?« Der Tänzer räusperte sich, nahm eilig seine Hand zurück und trat einen Schritt beiseite.»Er stand nicht allein. Lisanna liebte ihn, doch nicht so wie er es wünschte … vielmehr liebte sie Mavis Bruder: Maleechi, den Gram. Er war derjenige, der einst eure Welt erschuf.« Sie schluckte bei dem Gedanken. Wieso lebte sie genau in der Welt, die von jemandem erschaffen wurde, den man den Gram nannte. »Man sagt, Mavis hätte seinen Bruder aus Eifersucht getötet, ihn in die Welt der Toten verbannt … und sei daraufhin hart bestraft worden. Der Göttin hatte es das Herz gebrochen. Sie bestrafte sich selbst, entsagte ihrer körperlichen Form und wurde zu einem Netz aus göttlicher Macht. Man sagt, sie trenne die beiden Brüder bis zum heutigen Tag.« Ellie wollte fragen, wieso eine Statue von der Göttin erbaut wurde und nicht von Mavis selbst, wo er doch Patron der Träume war, aber Layan wirkte so zerbrechlich in diesem Moment … sie wagte es nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Stattdessen brach der Tänzer selbst nach einigen Momenten die Stille.»Egal, es ist nur eine Geschichte, die man den kleinen Taumlern nachts zum Einschlafen erzählt. Los, lass uns in den Tempel gehen.« Bevor Ellie reagieren konnte, hatte er ihre Hand gepackt und schleifte sie mit sich in Richtung des Gebäudes. Sie hatte nicht einmal Zeit ihr pochendes Herz zu beruhigen, oder sich zu wundern, was ein Taumler sein sollte.Der Eingang zum Tempel war recht schmal und Ellie war drauf und dran, der Achterbahn in ihrem Magen nachzugeben und umzudrehen, als Layan sie schon ins Innere geschoben hatte. Vor ihr erstreckte sich ein erstaunlich geräumiger Raum. Das rege Leben der Straße hinter ihnen wurde von den dicken Steinwänden fast vollkommen verschluckt, sodass sie in Stille traten. Der Raum war weitgehend leer, an den Wänden hingen nur ein paar verlorene Gemälde - erst als tiefer vordrangen, bemerkte Ellie die niedrige Säule vor ihnen. Eine gläserne Karaffe thronte darauf, ein schlichtes Stück ohne jede Verzierungen, in der ein roter Edelstein lag. Er hatte kaum die Größe einer Faust und schien in der dunklen Kammer schwach zu schimmern. Sofort spürte sie wieder das Feuer, eine unbändige Kraft, die sie an sich zog und ihr gleichzeitig tausend Schauer über den Rücken jagte. Das brennende Funkeln des Steins fesselte ihren Blick und erst als Layan sie weiter schob, konnte sie sich wieder von dem Kleinod lösen. Sie waren keinesfalls alleine in dem Tempel. Neben dem Kristall stand ein gebeugter Mann. Er trug die gleiche Kleidung wie Layan und obwohl seine dunkle Haut von tiefen Falten und verschlungenen Tätowierungen überzogen war, strozte er geradezu vor Energie. Er wirkte keineswegs verärgert als er die Eindringlinge bemerkte - vielmehr blitzte Neugierde in seinen grauen Augen auf.»Wer ist deine bezaubernde Freundin, Junge?« Er verbeugte sich in fremdartiger Weise und Layans Lächeln wurde noch strahlender als sonst.»Das ist Elliyara, eine Freundin von weit her. Ellie, das ist mein Großvater, Palyk.« Hastig tat Ellie es dem alten Mann nach und begrüßte ihn mit einer sachten Verbeugung. Jede Bewegung dieses Volkes schien Stück eines Tanzes zu sein, ein Wiegen im Takt einer uralten Melodie und sie kam nicht umhin, sich zu fürchten, jemandem beim kosmischen Walzer auf die Zehen zu treten. Der Mann mit den ergrauten Haaren - Palyk - lächelte jedoch nur sanft und gab keinerlei Zeichen von Verärgerung von sich.»Du wolltest ihr den Seelenstein zeigen, nicht wahr?« Er nickte und der Mann winkte sie kurzerhand näher zu sich.»Sie wollte ihn unbedingt persönlich sehen.« Nur mit Mühe konnte Ellie sich einen Seitenhieb verkneifen.»Natürlich. Du scheinst kaum älter als Layan … auf dich müssen die alten Geschichten wie Märchen wirken.« Vorsichtig nickte sie, gelogen war es nicht. »Traurig. Wie unsere Vergangenheit verkommt oder gar in Vergessenheit gerät, nur weil die Zeit an ihr nagt. Früher gab es viele Wanderer musst du wissen - heute sind es Sagengestalten.« »Großvater kannte die letzte Wanderin persönlich,« flüsterte Layan ihr schnell ins Ohr, bevor Palyk mit einem Schmunzeln fort fuhr. Nicht, dass sie irgendeine Ahnung gehabt hätte, was eine Wanderin war. Alben, Wandler, Wanderin … nicht nur phonetisch, sondern auch inhaltlich verwirrend, wie sie fand.»Kennen ist etwas übertrieben. Aber ja, ich habe sie getroffen. Die Wanderin und ihren Begleiter, als sie vor vielen Jahren hier landeten. In der Nacht als Lacrimosa in den Himmel stieg und sie einen Teil Ihrer Seele zurück ließ.« Er warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Stein und Ellies Neugierde war einmal mehr zügellos.»Wieso schwebt die Stadt? Und wenn dieser Stein Teil einer Seele ist … wieso ließ sie ihn zurück?« Palyk runzelte die Stirn und hastig schaltete Layan sich ein.»Sie ist eine Quin.« Der Alte nickte verständnisvoll, Ellie hingegen blickte verunsichert zu Boden.»Sorge dich nicht, Kind, es ist keine Schande.« Oh, was auch immer es war, sie würde sich später noch ausreichend bei Layan bedanken. Tatsächlich war der Tänzer ein paar Schritte von ihr gewichen, er spürte den anbahnenden Wutanfall wohl schon. »Lacrimosa - ‘die Tränenreiche’ … ich habe erlebt, wie die Stadt fiel. Ein dunkler Tag, der uns in die Schatten stürzte, in denen wir uns noch heute verstecken. Der Wandler - er ist der Albtraum, der uns alle in unseren eigenen Träumen gefangen hält. Seit er Lacrimosa in den Himmel hob, war unsere Welt nie mehr dieselbe.« Seine Erzählung war vage, schien viel Wissen vorauszusetzen, das Ellie nicht ihr Eigen nennen konnte und doch lauschte sie seinen Worte gebannt. »Viele mutmaßen, was geschah, doch keiner weiß eine wahre Antwort. Wir wissen nur, dass die letzte Wanderin und ihr Begleiter eines Abends vor Lancars strandeten - dort, wo uns heute die Kluft vom Rest der Welt trennt. Er trug die bewusstlose Frau auf seinen Schultern und in Händen hielt er, was ihr hier vor euch seht - den Kristall der Wanderin - ihren Seelenstein. Kein Objekt in dieser Welt ist so machtvoll wie dieser kleine Stein. Er ist die Verbindung der Wanderer zu den Wirbeln. Diese unscheinbaren Himmelslichter, die unsere Welt von der Menschenwelt trennen, können dem, der ihre Energie nutzen kann, uneingeschränkte Macht schenken. Kein Wunder, dass der Wandler hinter ihm her ist. Damals - er muss dunkle Magie angewandt haben. Wissen, über das kein Tänzer je verfügen dürfte, geschweige denn es nutzen … und er war kurz davor der Wanderin ihren Stein zu entreißen.Es gibt auch …Vermutungen. Gerüchte, dass er eine dunkle Kopie des Steins genutz hat, um sie zu bekämpfen. Die Wanderin und ihr Gefährte gaben uns den echten Kristall, ließen uns schwören, darauf Acht zu geben und ihn zu beschützen, denn sie würde es nicht mehr können. Wir wohnten dem Tod der letzten Wanderin bei und Lacrimosa erhob sich kaum einen Lidschlag später. Eine Erschütterung so stark, dass sie Berge entzweite und tiefe Kluften durch das Land zog.Bis heute schwebt die Stadt weit im Himmel, wirft ihren dunklen Schatten auf jene, die unter ihr stehen und trägt den Groll ihres dunklen Herrschers auf ihren Schultern über das Land. Der Wandler und die Wanderin … traurig wie ähnlich die beiden Titel einander doch klingen, wo ihre Träger doch das Ende des jeweils anderen bedeuten.«»Wenn der Stein so machtvoll ist … könntet ihr ihn doch im Kampf gegen die Alben nutzen? Oder um die Stadt wieder an ihren Platz zu bringen?«»Wenn wir das nur könnten.« Layans Seufzen klang so qualvoll, dass Ellie ein Ziehen in ihrer eigenen Brust spürte.»Nur ein Wanderer vermag sich der Macht im Kristall zu bedienen.« Auch Palyks Worte waren von Kummer getränkt. »Die letzte Wanderin ist tot und ohne Nachkommen von uns gegangen. Das einzige, was wir tun können, ist den Stein vor dem Wandler zu schützen. Bekommt er ihn, war alles vergebens. Nach ihren Spuren zu suchen bleibt uns als Tänzer verwehrt, die Welt der Menschen steht uns nicht zu.« Für einen Moment wirkte der Alte nachdenklich. »Wenn - «Dann hörten sie die Rufe. Palyk hielt inne, tauschte einen alarmierten Blick mit Layan und einen Herzschlag später packte der Tänzer Ellie an der Hand und zog sie mit sich aus dem Tempel.»Was - «»Streuner. Sie greifen das Dorf an. Wir dürfen nicht im Tempel bleiben, sie würden her gelockt.« Der Tänzer blickte sich hektisch um, während er sie immer tiefer in das Dorf führte, ohne dass Ellie eine Idee hatte, was vor sich ging. Der Ort war wie ausgestorben, nur flüchtige Schatten und aufgebrachte Feen konnte sie erahnen. Keine Spur von dem geschäftigen Treiben, das nur so kurz davor die Straßen erfüllt hatte.»Streuner, meinst du - « Ellies Stimme kippte kurz, dann sah sie ihre Befürchtungen wahr werden. Eine Kreatur mit ledriger Haut kroch aus einer Seitenstraße hervor - und heftete sich sofort an ihre Fersen.»Keine Angst, die Feen kümmern sich darum.« Sie war nicht überzeugt: So schnell ihre Beine sie trugen, stürzten sie zwischen den Häusern hindurch - der Schatten aber würde mühelos Schritt halten. »Wie viele sind es?« Sie blickte panisch hinter sich, als einer der Alben vor ihnen aus der Gasse brach und ihnen den Weg blockierte. »Versteck dich hinter der Palme!« Mit wilden Gesten scheuchte Layan sie hinter eine mannshohe Pflanze am Gassenrand, doch Ellie hatte den Hals voll.»DAS IST EINE AGAVE DU UNKULTIVIERTES STRICHMÄNNCHEN!«»Ich weiß nicht, ob wir gerade Zeit für - « Mit neu entfachter Wut packte Ellie eine der zahlreichen Tonvasen von der Straße und traf den Alb mitten ins Gesicht. Ein verzerrter Schrei durchbrach die Luft, als der Albtraum zu Boden ging und Layan tat unwillkürlich einen Schritt von der Rothaarigen zurück.»Ich bin nicht klein und hilflos und ich werde mich NICHT verstecken!« Für einen Augenblick starrte er zwischen dem Mädchen und dem betäubten Alb, der binnen Sekunden von Feen umzingelt war, hin und her.»Niemand hat jemals behauptet, dass du klein wärst! Du kannst nicht-«»Wie war das? Ich dachte, wir wären hier sicher!« Sie bemerkte kaum, wie der Albtraum in bunte Lichter getaucht wurde und sich nach wenigen Sekunden wortwörtlich in Luft auflöste. Sie hörte auch nicht die Triumph-Schreie hinter ihnen, als auch die letzten der wenigen Alben fielen.»Das sind keine Schatten des Wandlers, nur Streuner-«»Streuner!? So nennt ihr das hier also!« Ellies Hautfarbe begann langsam sich ihren Haaren anzupassen und es war unschwer zu erkennen, dass Layan am liebsten die Flucht ergriffen hätte. »Ich nenne das verrückte Mörder-Monster! Zuerst sagst du, sie würden ihre Stadt nicht verlassen und jetzt das!«»Ellie, einen Augenblick, bitte.«»Weißt du, wohin du dir deinen Augenblick schieben kannst!?« Es war unfair, ihm die Schuld an allem zu geben, aber sie konnte sich nicht helfen. Der fremde Ort, die Ungeheuer, die ganzen Erzählungen von Monstern und fliegenden Städten und Göttern - das alles wurde ihr langsam zu viel. Und am schlimmsten war der Traumtänzer selbst. Er starrte sie an, als täte es ihm furchtbar Leid. Als wäre alles keine Absicht gewesen und als würde er nichts lieber tun, als alle Katastrophen der letzten Nacht rückgängig zu machen - und eben darum konnte sie keinen Moment wirklich wütend auf ihn sein. Stattdessen begnügte Ellie sich damit, gegen ein paar Tonscherben zu treten und sich mit einem wütenden Schnauben auf einen nahen Felsen fallen zu lassen.»Ellie?«»Was?« Sie versuchte möglichst abschreckend zu klingen, doch der Traumtänzer ließ sich davon nicht beeindrucken. Er ging vor ihr in die Hocke und sie vermochte den Blick kaum abzuwenden von den Universen, die in seinen Augen tanzten.»Was passiert ist tut mir Leid. Ja, ich habe versprochen, dass du hier sicher bist und dir ist nichts geschehen.« Sie wollte widersprechen … doch er hatte Recht, außer der zerbrochenen Vase war nichts passiert. Auch die anderen Tänzer hatten kaum die Ruhe verloren. Es gab keine Panik, kein ängstliches Geschrei - von ihr selbst einmal abgesehen. Mit einem Mal fühlte sie sich schrecklich dumm. »Die Alben, die du gerade gesehen hast waren Streuner, solche wie sie alle einst waren. Sie suchen nach Nahrung und da geschieht es öfters mal, das ein paar von ihnen über eine Siedlung stolpern.« Er wand sich etwas, bevor er schließlich die Kraft fand, weiter zu sprechen. »Es sind vor ein paar Jahren einige Dinge passiert,« Als er bemerkte wie sie ihren Mund öffnete hob er sofort seinen Zeigefinger. »Nichts, womit du dich belasten musst. Palyk hat dir alles erzählt, was du wissen musst.«»Es ist nicht deine Aufgabe, mich zu beschützen.«»Genau da liegst du falsch. Als Hüter der Träume steht es quasi in unserer Jobbeschreibung genau das zu tun. Wir verhindern Albträume, vertreiben Alben, die sich in euer Unterbewusstsein einnisten und bekämpfen sie, wenn sie versuchen euch zu schaden - wie gerade eben. Dieser Angriff war ganz normal, nur gewöhnlicherweise bekommt ihr Menschen nichts davon mit. Alben handeln bloß instinktiv, es war nie ein Problem, euch vor ihnen zu schützen.«»War?«»Ich dachte das hätten wir hinter uns - oh.«»Was?« Ellie war der Fragerei langsam müde, doch irgendwie begann sie plötzlich, sich komisch zu fühlen. Ihr Kopf wurde leicht und alles in ihrer Sicht schien verschwommen.»Ich schätze, das war’s mit dem Sightseeing für heute, Ellie. Du wachst auf.«»Was, wie kommst … « Sie hob ihren Arm - nur um zu sehen, wie er langsam verblasste. Layan indes deutete in den Himmel - wo die purpurne Sonne erneut am Horizont erschien.»Keine Panik. Du wirst gleich aufwachen und wieder einen ganz normalen Traum geträumt haben.« Er zwinkerte und sie atmete voll tiefer Erleichterung aus, als die Welt aus ihrem Blick verschwand.