Читать книгу Die esoterische Botschaft der Märchen - Manfred Ehmer - Страница 6
ОглавлениеDie esoterische Botschaft
der Märchen
Das Märchen als Einweihungsweg
Es war einmal – dieser formelhafte Märchenbeginn, uns allen aus unserer Kinderzeit bekannt, weist nicht nur auf eine imaginäre Zeit, sondern auch auf ein räumliches Anderswo hin. Das Märchen – einerlei ob erzählt oder vorgelesen – stellt doch immer eine Zauberwelt dar, ein Parallel-Universum der Magie und des Wunderbaren, das „neben“ unserem normalen Alltags-Bewusstsein liegt, das wir jedoch kraft der uns angeborenen Fähigkeit der Imagination jederzeit betreten können. Märchen sind wie Träume vielleicht Erinnerungen an die eigentliche Heimat unseres Geistes, die im Übersinnlich-Überirdischen liegt. Was das Wesen eines Märchens ausmacht, hat der Dichter Novalis (1772–1800) einmal so ausgedrückt: „In einem echten Märchen muss alles wunderbar – geheimnisvoll und unzusammenhängend sein – alles belebt. Jedes auf eine andre Art. Die Natur muss auf eine wunderliche Art mit der ganzen Geisterwelt vermischt sein.“1
Unter einem Märchen – das Wort kommt vom mittelhochdeutschen maere, d.h. Kunde – verstehen wir eine phantasievoll ausgeschmückte kurze Erzählung, die in einer Welt spielt, in der die üblichen Naturgesetze ihre Wirkung eingebüßt haben und stattdessen das Wunder vorwaltet. Der Unterschied zu Sagen und Legenden besteht darin, dass letztere stets auf einen historischen Kern zurückgehen; die Helden des Märchens jedoch entbehren jeder historischen Identität, sie tragen meist nur Allerweltsnamen, zum Beispiel Hans, und ein „König“ ist bloß ein König, aber keine historisch bestimmbare Gestalt. Allgegenwärtig ist im Märchen die Magie; die handelnden Personen erleben wunderbare Geschehnisse und kommen mit zaubermächtigen Helfern oder Hilfsmitteln an ihr Ziel.
Dabei zeigt sich die ganze Natur als beseelt: Tiere und Pflanzen sprechen mit Menschen und verkehren mit ihnen wie auf gleicher Ebene; auch naturgeistige Wesen wie Nymphen, Feen, Elfen, Riesen und Zwerge, Erbstücke wohl aus längst vergangenen Zeiten des Heidentums, treiben ihr Unwesen oder greifen auf heilsame Weise in das Geschehen ein. Im allgemeinen ist die Grenzlinie zwischen der Natur und der Geisterwelt recht dünn gezogen, und beide Bereiche scheinen bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander überzugehen. Ein Beispiel für sprechende Pflanzen findet sich in dem Märchen ALICE HINTER DEN SPIEGELN: „'O du Feuerlilie', sagte Alice, denn eine solche wuchs da und schaukelte anmutig im Wind, 'wenn du doch nur reden könntest!' 'Wir können schon', sagte die Feuerlilie, 'solange jemand da ist, mit dem es sich lohnt'. Alice war so überrascht, dass es ihr die Stimme verschlug; ihr war, als sollte sie gar keine Luft mehr bekommen. Schließlich, als die Feuerlilie immer nur weiter vor sich hin schaukelte, sprach sie die Blume zaghaft aufs Neue an, fast im Flüsterton: 'Können denn alle Blumen reden?' 'So gut wie du schon lange', sagte die Feuerlilie, 'und außerdem noch sehr viel lauter.'“2
Vielleicht können wir ja tatsächlich mit Pflanzen sprechen und sie mit uns, wenn nicht in einem wörtlichen, so doch in einem übertragenen Sinne. Der Pflanzengeist ist esoterisch jedenfalls eine Realität, und auf der entsprechenden Bewusstseins-Ebene können wir mit ihm in Kontakt treten. Kindern wie Naturvölkern ist dies selbstverständlich, und deshalb sind diese auch in der Lage, die Welt „mit Märchenaugen“ zu sehen. So bemerkte schon Hermann Grimm im Vorwort zu den von den Gebrüdern Grimm gesammelten KINDER- UND HAUSMÄRCHEN: „Es liegt in den Kindern aller Zeiten und aller Völker ein gemeinsames Verhalten der Natur gegenüber: sie sehen alles als gleichmäßig belebt an. Wälder und Berge, Feuer und Sterne, Flüsse und Quellen, Regen und Wind reden und hegen guten und bösen Willen und mischen ihn in die menschlichen Schicksale. Es gab eine Zeit aber, wo nicht nur die europäische Kinderwelt, sondern die Nationen selbst so dachten. Wie die germanischen Völker in diesem Zustande der Kindheit in Glauben, Sprache und Überlieferung sich verhalten, war Jakobs Studium…“3
Im Märchen herrscht eine andere Logik als unsere gewohnte, lineare und dreidimensionale Logik. Eine ältere Schicht des menschlichen Bewusstseins scheint dem Märchen zugrunde zu liegen, vielleicht das eher träumende, vorrationale, von Magie durchwobene Bewusstsein der kleinen Kinder oder der archaischen Naturvölker. Der Tübinger Vorgeschichtsforscher Otto Huth sieht in den Volksmärchen, besonders denen der Gebrüder Grimm, „eine altertümliche, sakrale Dichtform, die eine prähistorische Kulturperiode widerspiegelt“4 – nämlich die vorgeschichtliche Megalithkultur. Als letztlich religiöses Überlieferungsgut seien sie vom Ursprung her keineswegs Kindermärchen, sondern erst später dazu geworden, da das Märchenalter des Kindes in etwa dem Bewusstseinszustand des Neolithikums – der Jungsteinzeit – entspreche.
Die Märchen entspringen den Tiefen der Volksseele, und sie wurden generationenlang mündlich weitergegeben, von Erzählern, die oft erstaunlich viele Märchen auch mit allen Einzelheiten in ihrem Gedächtnis bewahrten. In den vorindustriellen Gesellschaften erzählte man die Märchen in den wenigen Mußestunden, die der hart arbeitenden Bevölkerung blieben, an langen Winterabenden etwa, wenn die Feldarbeit ruhte und die Bewohner zu ungewohnter Muße zwang. Gewählt wurden dazu immer die Stätten der Gemeinschaft, die Küchen der Bauernkaten, die Spinnstuben, im Orient die Kaffeehäuser. Aus den Berufen der im Märchen auftretenden Personen sieht man, dass die Geschichte in einer Zeit spielt, die lange vor der Industrialisierung lag, denn Berufe wie Müller, Fischer, Schmied, Viehhirt sind ja heute fast schon ausgestorben. Auch wird in den Märchen meist eine feudale Ordnung gezeigt, mit Königen, Prinzessinnen, Rittern usw., die heute längst durch eine demokratische und egalitäre Ordnung überwunden wurde. Man mag sich fragen, ob es so etwas wie „moderne Märchen“ überhaupt geben kann; oder sollte man vielleicht die mit Technik so reich gesegneten Geschichten der Science Fiction als „moderne Märchen“ bezeichnen?
Märchen entstammen immer einer alten Zeit („Es war einmal“), und sie scheinen – wie gesagt – einer sehr urtümlichen Schicht des menschlichen Bewusstseins zu entspringen. Und vielleicht liegt gerade darin ihre Zeitlosigkeit? Das Märchen zeigt Archetypisches auf, das in seiner Überzeitlichkeit ewig aktuell bleibt und auch uns Heutige anzusprechen vermag. Ein Märchen kann noch so alt, aber niemals veraltet sein, denn seine Zauberwelt bleibt immer gegenwärtig. So erweist es sich als Träger einer überzeitlichen, esoterischen Botschaft. Nach Britta Verhagen stammen die Märchen „aus einer neolithischen Mysterienreligion. Der Mittelpunkt jeder Mysterienreligion ist ein Kult, der den Mysten durch eine Reihe von Einweihungen und 'Stufen', durch feierliches und geheimnisvolles Erleben in jene Tiefe zu führen sucht, wo die wahre 'Religio' wirksam wird und die unmittelbare Berührung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Mensch und Gott als erschütternde Realität erlebt wird.“5
Der Weg des Märchenhelden ist immer ein Einweihungsweg. Mag das Einweihungsgut nun der Megalithkultur entspringen, mag es seine Wurzeln im Indogermanischen, im Kelten- und Germanentum oder im Schamanismus haben, es bleibt einerlei. Es besteht auch eine seltsame Verbindung zwischen der mythischen Märchenwelt und der Gnosis, einer orientalischen Mysterienreligion der späten Antike, die auf ältere geschichtliche Wurzeln zurückgehen mag. Man könnte sie vielleicht auf eine „Ur-Gnosis“ zurückführen, die noch nicht dualistisch, sondern rein kosmisch ausgerichtet war und mit der europäischen Megalithkultur auf rätselhafte Weise in Verbindung stand. Gnostische Motive gibt es in Märchen genug: der Kampf von Gut gegen Böse, von Licht und Finsternis, das Motiv der Selbsterkenntnis und der Erlösung.
Als weiteres Urmotiv kommt das Suchen und Finden, das Begehen des Weges, das Unterwegs-Sein hinzu. Dem Aufbruch aus der gewohnten Umgebung folgt ein gefahrvoller Weg mit vielen Prüfungen und Fährnissen, bis sich am Ende alles wieder zum Guten fügt. Das Auf-dem-Weg-sein gehört aber auch zu den Grundtatbeständen der Esoterik. Deshalb besteht eine Wahlverwandtschaft zwischen Märchen und Esoterik; denn in beiden geht es um den Weg, der durch das Beschreiten erst entsteht und immer schon das Ziel ist. Weg und Ziel sind im Grunde eins; und sie liegen in uns selbst. Christa M. Siegert schreibt hierzu in ihrem sehr lesenswerten Buch GEHEIME BOTSCHAFT IM MÄRCHEN: „Die Märchen sollten in den Herzen den geheimnisvollen, inneren Schöpfungsauftrag wach halten und den Befreiungsweg der Seele in schlichten Bildern widerspiegeln. Mit ihren Symbolen sollten sie die Sehnsucht der Seele nach dem Reich des Geistes beleben und sie zur Heimkehr ermutigen. Viele alte Märchen haben ein tiefes Mysterienwissen in ihren Bilderteppich wie leuchtende Perlen hineingewebt.“6
In dem vorliegenden Buch möchte ich nun versuchen, die geheime esoterische Botschaft der Märchen aufzuzeigen – weniger in den bekannten Volksmärchen, sondern eher in den großen Kunstmärchen des 20. Jahrhunderts, auch in der Fantasy-Literatur von J. R. R. Tolkien bis Michael Ende. Ich möchte den Leser einladen, mir auf verschlungenen Pfaden durch den labyrinthischen Irrgarten mythischer Märchenwelten zu folgen, eine Entdeckungsreise durch Raum und Zeit, durch Zauberwelten und Parallel-Universen, voller Gefahren und Überraschungen. Auf diesem Weg durchs Labyrinth wird sich die Esoterik, das esoterische Urwissen, als Ariadnefaden erweisen. Aber was ist denn eigentlich „Esoterik“?
Esoterik – der Weg nach Innen
Zahlreichen Märchen, Mythen, Heldenlegenden, Heiligengeschichten, Sagen sowie vielen Stoffen der Weltliteratur liegt eine Esoterik zugrunde, die meist unerkannt unter der Oberfläche schlummert; denn sie wird sozusagen „zwischen den Zeilen“ zum Ausdruck gebracht. Die Esoterik ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie hat keinen Stifter oder Begründer; als zeitloses Geisteswissen wurde sie von den Weisen und Sehern der Urzeit geschaut, und seitdem überdauert sie alle Zeitalter als die Geheimlehre aller Religionen.
Was ist „Esoterik“? Als Esoteriker wurden früher die Träger eines geheimen Priester- oder Einweihungswissens bezeichnet; in der Mysterienschule des Pythagoras bezeichnete man die zum „Inneren Kreis“ Gehörigen als „Esoteriker“. Im Griechischen heißt esoterika wörtlich „die inneren Dinge“; dies entspricht auch dem berühmten Satz des Novalis „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“. Er steht in seiner Fragmenten-Sammlung BLÜTENSTAUB, die in der von Friedrich Schlegel herausgegebenen Zeitschrift Athenäum veröffentlicht wurde. Dort heißt es: „Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. – Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und die Zukunft. Die Außenwelt ist nur die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich.“7
Der „Weg nach Innen“ wird also in der Esoterik beschritten. Dies bedeutet jedoch nicht Abkapselung von der Welt; denn Innen und Außen sind im Grunde genommen eins. Ein anderes Fragment von Novalis verdeutlicht diesen Gedanken: „Platos Ideen: Bewohner der Denkkraft, des innern Himmels. Jede Hineinsteigung, Blick ins Innre, ist zugleich Aufsteigung, Himmelfahrt, Blick nach dem wahrhaft Äußern.“8 Dem Satz „Wie Innen, so Außen“ muss der hermetische Satz „Wie Oben, so unten“ hinzugefügt werden; so erst ergibt sich das Koordinatensystem des esoterischen Weltbildes. Das esoterische Weltbild gibt Auskunft über Struktur und Aufbau des Universums, über Herkunft, Weg und Ziel des Menschen sowie über die Zusammensetzung des Menschen aus Körper, Geist und Seele.
Was die Esoterik – oder Hermetik – über den Menschen lehrt, kann sich als wertvolle Deutungshilfe bei der Betrachtung von Mythen und Märchen erweisen. Der Mensch, so behauptet die Esoterik, ist im Besitz eines unsterblichen Geistes und daher wahrhaft ein König; nur weiß er nicht, dass er ein König ist, da ihm die Selbsterkenntnis fehlt. Ihm fehlt das Bewusstsein seines Ursprunges und seiner wahren Menschennatur; im Besitz dieses Wissens wird der Mensch zu seiner wahren Königswürde erwachen und danach trachten, in seine geistige Urheimat wieder zurückzukehren. Demnach besteht der Seelenweg des Menschen in der Sicht der Esoterik nur aus zwei Abschnitten: Involution und Evolution – Abstieg in die materielle Welt und Aufstieg zum Geist. Dieser Aufstieg zum Geist ist ein evolutionärer Welten-Wanderungs-Weg, durch viele Seinszustände und Verkörperungen hindurch, wobei jede Existenz auf diesem Weg eine unschätzbar wertvolle Lernerfahrung darstellt.
Der Sinn des esoterischen Weges ist also Heimkehr, Rückkehr zum Ursprung. Sehr schön hat dies Christa Siegert in ihrem Buch GEHEIME BOTSCHAFT IM MÄRCHEN ausgedrückt: „Die Menschenseele lebte einst im Königreich des Geistes. Sie sank hinab aus der geistigen Dimension in die zeiträumliche Dimension der Materie. Sie verirrt sich in der Sinnenwelt mit ihren ständig wechselnden Gegenkräften und Erscheinungen, wird von den Mächten der Täuschung festgehalten und in die Irre geführt und lernt unter häufigem Wiedervergessen ihre harten Lektionen. Am Tiefpunkt ihres Abstiegs wird die Menschenseele vom Licht der göttlichen Botschaft getroffen, vom Auftrag, wieder heimzukehren ins Königreich des Geistes. Und dann macht sich die Seele auf den Heimweg, quer durch alle Anschläge und Heimsuchungen der dunklen Kräfte, beschirmt von den lichten Kräften, durch vielfache Läuterung und Prüfung, bis das Ziel der Seelenreise, die Wiederverbindung mit dem Geist, die 'königliche Hochzeit' verwirklicht ist.“9 Die Esoterik liegt als Geheimlehre und Geheimtradition spirituellen Wissens allen Religionen zugrunde, und die Mysterienschulungen früherer Zeitalter dienten dem Ziel, dem Menschen zur Selbsterkenntnis zu verhelfen und ihn für seinen Weg zurück zu seinem Ursprung auszurüsten. Dieser Weg ist ein „Weg nach Innen“; denn nirgendwo sonst als in uns wohnt jener ewige Geistfunke, der uns mit dem „Königreich des Geistes“ verbindet.
Das gnostische Perlenlied
In poetischer Form finden wir das esoterische Urwissen ausgedrückt in dem so genannten GNOSTISCHEN PERLENLIED, einer Dichtung aus der ausgehenden Antike aus manichäisch-mandäischem Umfeld, die in einer durchaus märchenhaften Form die Geschichte eines Prinzen erzählt, der in ein fremdes Land zog und dort seine wahre Heimat vergaß, bis ihn ein Sendschreiben wieder an seinen eigentlichen Auftrag erinnerte. Dieser Prinz, das ist jeder einzelne von uns, das Wesen des Menschen überhaupt. Es handelt sich bei diesem Text tatsächlich um ein Lied; es ist eine Perle gnostischer Poesie, und deshalb habe ich hier eine deutsche Übersetzung ausgewählt, die den lyrischen Charakter des in syrischer Sprache geschriebenen Originals beibehält. Der „Prinz“ erzählt:
Im Königreich des Vaters, da ruht ich lange ZeitAls ein ganz kleines Kindlein, in Reichtum, Seligkeit.
Noch konnte ich nicht sprechen, schickt man mich hinaus,
Mit prächtigen Geschenken aus meinem Vaterhaus,
Aus meinem Reich des Aufgangs, aus meinem Kinderglück, Die lieben Eltern gaben mir manches schöne Stück Von ihren reichen Schätzen, von Gold und Edelstein,
Von indischen Karfunkeln, Perlen, schimmernd rein,
Von strahlenden Demanten und kostbarem Geschmeid.
So wurde denn der Ranzen allmählich schwer und breit.
Doch mir schien er zum Wandern noch immer leicht genug. Jedoch die Prachtgewandung, die ich bis dahin trug,
Die sie für mich gefertigt in liebendem Verein,
Die mich in meiner Kindheit umstrahlt im hehrstem Schein, Die meinem Maß entsprechend bis dahin mich umhüllt,
Die taten sie zur Seite und sprachen ernst und mild:
Jetzt ziehst du in die Fremde. Ägypten heißt das Land,
Wohin von deinen Eltern du jetzo wirst entsandt.
Präg tief in deine Seele den Auftrag, der dir wird,
Dass du ihn stets bedenkend erfüllest unbeirrt.
Dort gibt es einen Brunnen, davor ein Drache wacht,
Und eine Perle ruht dort tief in dem Brunnenschacht.
Kannst du die Perle heben und kehrst mit ihr zurück,
Dann findest du zu Hause dein altes Kinderglück;
Dann findest du den Mantel, die Königsherrlichkeit, Herrschend mit deinem Bruder allhier die ganze Zeit.
So sprachen sie und gaben mir zwei Geleiter mit,
Die mich behüten sollten bei jedem Schritt und Tritt.
Ich war ja noch ein Kindlein, der Weg war rau und schwer, Rings drohten viel Gefahren – da braucht ich sie gar sehr. An Maishans Hafenplätzen zog ich vorbei im Flug, Durchwanderte auch Babel, betrat die Stadt Sarbug Und kam dann nach Ägypten an den ersehnten Ort.
Die beiden Weggefährten verließen mich alldort.
Da sah ich auch dem Drachen schon in sein Angesicht Und blieb verlassen, harrend und wartend, ob mir nicht Es doch vielleicht gelänge, dem Untier, wenn es schlief,
Die Perle zu entreißen, die ruht im Brunnen tief.
So ward ich fremd und einsam in einem fremden Land,
Bis ich an dieser Stelle den Weggenossen fand.
Ein freigeborner Jüngling, voll Liebenswürdigkeit,
Ein Reis von meinem Stamme, der war mir hilfsbereit,
Der kam zu mir und wurde mein allerbester Freund.
Was ich erwarb, genoss er gar treu mit mir vereint.
Ich warnt ihn vor den fremden Ägyptern, ihrem Schmutz, Und sann dann für uns beide zu finden rechten Schutz, Dass man mich nicht verfolge, dass es nicht werde kund, Dass ich die Perle suche auf tiefen Brunnens Grund.
So tat ich um die Schultern ägyptisches Gewand,
Dass man mich nicht erkenne in diesem fremden Land. Doch währt' es nicht zu lange, so ward ich doch erkannt. Sie haben ihre Listen sie alle angewandt.
Da ich von ihrer Speise, die sie mir boten, aß,
Da war's, dass ich die Eltern und auch mein Ziel vergaß. Dass ich vergaß die Perle, um die man mich gesandt,
Dass ich sie heimwärts bringe aus dem Ägypterland.
Ich diente ihren Herrschern und lag in tiefem Bann.
Das hatte mir die Speise und ihre List getan.
Doch meine Eltern wussten sogleich was mir geschehn,Und ließen einen Aufruf durchs ganze Reich ergehn,
Es möchten alle Großen zu Hof sich finden ein,
Die Fürsten und Vasallen des lieben Vaters mein.
Sie kamen und berieten mit sorglichem Bedacht,
Wie ich zu retten wäre aus der Ägypter Macht,
Und schrieben einen Brief mir, mit Siegeln wohl versehn,Darauf die Unterschriften von allen Großen stehn:
Der Herr des Reichs, dein Vater, er aller Herrscher Zier,
Die Königin des Aufgangs, die Mutter, und nach ihr Dein Bruder, unser Zweiter: dir ins Ägyptenland Als unsrem lieben Sohne sei unser Gruß entsandt!
Erwach aus deinem Schlafe und höre unser Wort:
Gedenke deiner Herkunft, wirf alle Fesseln fort!
Sieh, welchen Herrn du frohnest im Ägyptenland;
Gedenke doch der Perle, der wir dich entsandt,
Gedenke deines Mantels, der Weltenherrscherzier,
Die du zurückgelassen in unserm Reiche hier,
Dass du sie einst besitzest, kehrst du zu uns zurück,
An deines Bruders Seite in ungetrübten Glück.
So ward der Brief versiegelt von meines Vaters Hand,
Von königlichen Zeichen beschützt an dich entsandt.
Dem König aller Vögel, dem Adler gleich im Flug,
Blieb er verschont von Babel, dem Bösen von Sarbug,
Und ließ sich zu mir nieder und ward vor mir zum Wort. Von seinem Heimatrauschen schwang aller Schlummer fort. Ich nahm ihn auf und küsste sein Siegel tief bewegt;
Denn was sie mir da schrieben, das war mir eingeprägt Seit je in meine Seele, da ich mich jetzt entsann,
Dass ich, ein Königssprössling, ein großes Werk begann, Dass ich die Perle suchte, die ruht auf tiefstem Grund,
Das hatt‘ ich ganz vergessen; jetzt war's mir wieder kund. Den Drachen, der als Hüter zischend den Born umschlang, Begann ich einzuwiegen, indem ich Lieder sang Und zauberstarke Namen, den trauten Vater rief,
Die Mutter, meinen Bruder, bis dass der Drache schlief.
Da raubte ich die Perle und floh das fremde Land.
Auch ließ ich den Ägyptern das unreine Gewand.
Der Heimat galt mein Pilgern, dem Licht des Aufgangs zu Nahm ich den Weg zum Vater. Geleiter warst mir du,
Mein Brief, mein treuer Mahner, auf dessen Seidengrund In wohlbedachten Zügen die Heimatsbotschaft stund.
Du warst mein lieber Leiter, du warst mein heller Stern,
Du mahntest mich zur Eile nach meiner Heimat fern.
So zog ich rasch des Weges, seitab vom Land Sarbug,
Und auch vorbei an Babel trug mich der Reise Flug Nach Maishans Hafenplätzen, dem großen Handelsort.
Da traf ich zwei Gesandte von meinen Eltern dort.
Die brachten mir den Mantel der Königsherrlichkeit Den ich zurückgelassen, das lichte Sternenkleid.10
Soweit das GNOSTISCHE PERLENLIED; es ist der Form nach ein Märchen, dem Inhalt nach reinste Gnosis. Der „Prinz“ ist die unsterbliche Geistseele des Menschen, das „Königreich des Vaters“ das Paradies in der geistigen Lichtwelt. Das Königsgewand, das er trug, soll den spirituellen Lichtkörper darstellen; diesen muss er einstweilen ablegen, wenn er nach „Ägypten“ – in die niedere, von den Archonten beherrschte Materiewelt – ausgesandt wird. Sein Auftrag: die Perle aus dem Brunnengrund zu heben, bedeutet: die verborgenen göttlichen Lichtfunken aus ihren materiellen Verschalungen zu befreien: der Mensch als Erlöser der Natur.
Der Prinz hat die Kleider der Ägypter angelegt, also einen dichteren irdischen Leib angenommen. Sobald er aber von der Speise der Ägypter gegessen hatte, vergaß er seinen Auftrag. Der Erlöser bedarf nun selbst der Erlösung. Da kommt jedoch der Brief aus der geistigen Lichtwelt, der den Prinzen an seine wahre Urheimat und seinen Auftrag erinnert. Der Brief bedeutet die geistigen Lehren der Gnosis, das Urwissen der Esoterik. Er verhilft dem Prinzen zu echter Selbsterkenntnis und ermöglicht es ihm, seinen Auftrag auszuführen. Nun kehrt er in sein Königreich zurück und bekommt wieder sein „Sternenkleid“, seinen göttlichen Lichtleib.