Читать книгу Wenn Liebe Winterschlaf hält - Marcel Pallasch - Страница 4
Der 1. Oktober
ОглавлениеDieser Sonntag begann wie so viele andere zuvor. Ich war schon gegen 8:30 Uhr wach. Nach mehrmaligem Hin- und Herdrehen, in der Hoffnung wieder einschlafen zu können, entschied ich mich dafür aufzustehen. Ich entschloss mich in die Küche zu gehen und mich dem minimal am Morgen anfallenden Haushalt zu widmen, sowie später das Frühstück vorzubereiten. Beim Verlassen des Schlafzimmers lehnte ich die Tür leicht an, so dass unsere Katzen noch hindurchgehen konnten. Ich begab mich in die gegenüberliegende Küche und allein der Anblick der Unordnung im grellen Tageslicht sorgte bei mir für ein innerliches Aufbrausen.
Das dreckige Geschirr stapelte sich auf der Arbeitsplatte. Die Teller mit den Resten des Kartoffelpürees, welches wir am Abend zuvor gesessen hatten, erregten nicht nur meine Aufmerksamkeit, sondern auch mich und trieben meinen Puls in die Höhe.
Schon mehrmals hatte ich meinem Mann gesagt, dass er die Teller, vor allem bei stärkehaltigen Speisen, gründlich abspülen sollte, um ein Antrocknen zu vermeiden. Auch vergaß er, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.
Mehr oder weniger leise, begann ich die Teller und den übrigen Abwasch mit einem Selbstgespräch zu bewältigen. In diesem Moment achtete ich nicht darauf und nahm auch keine Rücksicht auf meinen schlafenden Mann, wie hoch meine Lautstärke war.
„So ein Trottel. Jeder weiß doch, dass Kartoffelpüree an der Luft trocknet und nur mit viel Kraft vom Teller geht. Er muss doch wissen, dass die Spülmaschine es dann auch nicht schafft, die Teller sauber zu kriegen und ich dann wieder nachspülen muss“.
Je höher sich der Schaum im Spülbecken auftürmte, umso mehr schäumte ich. Vor Wut.
„Es ist doch keine große Sache, einfachen und logischen Anweisungen Folge zu leisten“.
Noch bevor der Abwasch vollständig bewältigt war, verfiel ich in einen Zustand, in dem ich von allem und jedem genervt war.
Nachdem ich mit dem Abwasch fertig war, wollte ich das Geschirrtuch, welches über meiner linken Schulter lag, auf den Küchentisch werfen. In diesem Moment erblickte ich das Geschenk, welches unser Kater mir hinterlassen hatte. Es war Erbrochenes, verteilt vom Rande des Küchentisches, über den Fußboden bis hin zum Mülleimer.
Und wer es noch nicht weiß, hier eine kleine Lektion zum Erbrechen von Katzen: Wenn eine Katze sich übergeben muss, dann tut sie dies nicht einmal, sondern zweimal und den zweiten Haufen Erbrochenes muss man, wie zu Ostern die bunten Eier, suchen.
In Rage und mit Küchenrolle und feuchten Putztüchern, bewaffnet begab ich mich auf die Suche. Nach nur wenigen Schritten in Richtung Wohnzimmer wurde ich mitten im Flur fündig. Mit einem Lautstarken „Dieses Mistvieh“ ließ ich meiner Wut freien Lauf, denn ich trat mit meinem rechten Hausschuh mitten in den Haufen hinein. Ich begann das Erbrochene mit Küchentüchern aufzunehmen und die Stelle am Fußboden, sowie meinen Schuh, mit einigen feuchten Putztüchern abzuwischen. Bis zu diesem Zeitpunkt schlief Robert tief und fest. Erst durch meinen Aufschrei wurde er geweckt und raffte sich aus dem Bett.
„Was ist denn los?“, fragte er mit müder Stimme und rieb sich dabei die Augen.
„Was los ist, fragst du? Dein Kater hatte mal wieder Futterneid verspürt, sein Fressen hinunter geschlungen und es dann überall hin gekotzt“.
„Jetzt mach dir nichts draus, das ist nur Erbrochenes und lässt sich schnell weg machen“.
„Ja, schnell. Genauso schnell wie das angetrocknete Kartoffelpüree auf den Tellern, welche ich heute Morgen schrubben durfte“, erwiderte ich aufgebracht.
„Jetzt mach‘ doch einfach den Dreck weg und rege dich doch nicht so auf. Du musst auch aus Allem einen Staatsakt machen.“
Voller Wut ging ich zurück in die Küche, öffnete den Mülleimer und warf alles hinein. Danach widmete ich mich der Zubereitung des Frühstücks. Während des Essens schwiegen wir uns an und sprachen nur das Nötigste. Wir räumten gemeinsam den Esstisch ab und erledigten gemeinsam die Hausarbeit. Viele Worte vielen im Verlauf dieser Zeit nicht.
Leider wurde meine Laune im Verlauf des Tages nur minimal besser. Am Nachmittag gingen wir spazieren und ich begann mich über banale Sachen aufzuregen. Rückblickend war es so, als wollte meine damalige Persönlichkeit keinen schönen Moment ohne völlige Kontrolle der Situation genießen.
Ich regte mich über einen Hundebesitzer auf, der seinem Rottweiler gestattete sein Geschäft mitten auf dem Fußweg zu verrichten und es nicht für nötig hielt es zu beseitigen. Auch eine Gruppe fröhlich lachender Kinder auf ihren Fahrrädern erzürnte mich, denn sie fuhren ohne Rücksicht auf Passanten nebeneinander auf dem Gehweg. Wodurch ihnen die Fußgänger ausweichen mussten. Ich empfand es als unerhört und regte mich über die Erziehung der Kinder auf.
„Also früher hätte es so etwas nicht gegeben. Manche Mütter und ihr antiautoritärer Erziehungsstil. Die Straße ist breit und diese Bälger groß genug, um dort zu fahren.“
„Es sind Kinder und keine Teenager. Denise, reg‘ dich nicht ständig auf. Geh‘ doch einfach lächelnd zur Seite und genieße den Tag.“
Trotz meiner mürrischen Art verbrachten wir noch einige Stunden an der frischen Luft und streiften durch die Gegend. Am schlimmsten reagierte ich, als Robert einen anderen Weg einschlagen wollte. Er wollte zum Schlossteich, was nicht dem von mir geplanten Weg entsprach. Mit vielen Worten versuchte ich ihn davon abzubringen. Was mir schlussendlich auch gelang. Im Nachhinein wäre es jedoch schön gewesen die herbstlichen Bäume zu sehen und den Ort zu besuchen, an dem unsere Hochzeitsfotos entstanden waren.
Der Abend brach an. Ich stand in der Küche und kochte das Abendessen, Robert entspannte vor dem Fernseher, als ich mich an etwas erinnerte, was ich ihm schon vor Tagen erzählen wollte. Ich rief ihn zu mir in die Küche. Da die Tür der Küche und die zum Wohnzimmer angelehnt waren, hörte Robert mein Rufen nicht. Erst beim zweiten Mal, welches deutlich lauter als das Erste war, reagierte er und kam in die Küche. Ich berichtete ihm von den Methoden eines konkurrierenden Unternehmens, um uns einen Kunden abzuwerben. Außerdem erzählte ich ihm von den Entwürfen, welche den Kunden überzeugen sollten das Unternehmen zu wechseln. Die Musterarbeiten wirkten im Gegensatz zu den meinen absolut lächerlich. Ich brüstete mich mit meiner Genialität. Robert saß am Küchentisch und schaute aus dem Fenster. Dieses Verhalten, das hinausblicken aus dem Fenster, sowie sein Schweigen signalisierte mir sein Desinteresse und entfachte wieder meine Wut.
Ich blaffte ihn an: „Du hörst mir doch gar nicht richtig zu! Wenn ich ignoriert werden will, kann ich auch mit den Katzen sprechen.“
„Doch das tue ich. Ich höre mit den Ohren und nicht mit den Augen.“
„Es ist ziemlich unhöflich, wenn man bei einem Gespräch dem anderen nicht in die Augen schaut. Hat dir deine Mutter den gar nichts beigebracht?“
Robert blickte zu mir herüber und schaute mich mit Tränen in den Augen an.
„Wann hört das auf? Dir kann man es nie recht machen. Du bist heute wieder so verletzend mir gegenüber und merkst es nicht mal.“
Ich nahm einen Schluck Wasser und hielt kurz inne. Dann setzte mich zu ihm. In seinen Augen sah ich, dass er unendlich unter meiner aufbrausenden Art litt. Das war ein Anblick, den ich nicht ertragen konnte. Meine ganze Wut über sein Verhalten und die stümperhafte Arbeit unseres Konkurrenten war von jetzt auf gleich verflogen.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich in letzter Zeit leicht reizbar und sehr wütend bin. Es ist nur so, dass ich sehr viel Stress auf der Arbeit habe.“
„Ja, die Arbeit. Deine ständige Ausrede für alles“, sagte er und stützte seinen Kopf auf seine Hand.
„Ich weiß, dass es gerade nicht so gut zwischen uns ist und ich möchte nicht, dass du unglücklich bist.“
Die darauffolgenden Worte kann ich mir bis heute nicht erklären. Rückblickend hätte ich in diesem Moment erst Denken und dann Sprechen sollen. Leider war es stets meine Art, dass zu sagen was ich dachte, ohne darüber vorher nachzudenken und mögliche Konsequenzen zu bedenken. Mit ruhiger Stimme sagte ich: „Es ist vielleicht besser, wenn wir uns trennen. Ich stehe dir im Weg und verletzte dich andauernd. Du hast etwas Besseres verdient, als so eine Furie in deinem Leben. Ich kann und will dir das nicht mehr zumuten. Vor allem möchte ich, dass du glücklich bist und dich nicht Fragen musst, wann mein nächster Ausbruch stattfindet. Es ist eine schöner Spruch, dass man das was man liebt, gehen lassen soll, wenn es die Liebe erdrückt oder verletzt.“
Ich zog meinen Ehering vom Finger und legte ihn zwischen uns auf den Tisch. Jetzt begannen auch bei mir die Tränen in den Augen empor zu steigen. Mir wurde klar, dass ich ihn liebte und gleichzeitig ständig verletzte. Eine seltsame Mischung aus Emotionen, welche dauerhaft nur jedem von uns Schaden würde.
„Wenn du dich nur ändern könntest! Und ich meine nicht nur für ein paar Tage, sondern auf Dauer. Wo ist die Denise, in die ich mich verliebt habe? Wo ist die Denise, die ich geheiratet habe?“, sagte Robert und die Tränen liefen über sein Gesicht.
„Ich weiß es nicht. Doch wenn es dir so schlecht mit mir geht, dann solltest du gehen. Es wäre ohne mich besser für dich.“
„Jeden Tag habe ich die Hoffnung, dass wenn ich aufwache du wieder so wie früher bist. So kann es nicht mehr weitergehen. Wir sollten morgen jeder für sich den Tag angehen. Vielleicht merkst du so, was du an mir hast.“
In dieser Nacht schlief Robert das erste Mal im Gästezimmer. Die Nacht ohne ihn war so kalt und ich hatte Schwierigkeiten überhaupt Schlaf zu finden.
Am nächsten Morgen erwachte ich wie gerädert. Ich hatte kaum schlafen können. Immer wieder war ich aufgewacht und dachte über meine Worte und die idiotische Aktion mit meinem Ehering nach. Auch hatte ich das Bedürfnis zu Robert zu gehen und mich neben ihn zu legen. Doch davon hielt mich mein falscher Stolz und meine Arroganz ab.
Ich stand auf und mein erster Weg führte mich ins Gästezimmer. Mit dem Drang mich zu entschuldigen öffnete ich die Tür. Das Schlafsofa war leer und das Bettzeug lag ordentlich zusammengelegt darauf. Ich sah in die Küche und suchte nach einem Zeichen oder einer Nachricht von ihm. Es war eigentlich immer so, dass er einen Zettel für mich hinterließ, wenn er das Haus früher verlassen musste. Jedoch war Robert ohne eine Nachricht gegangen. Mit gesenktem Kopf machte ich mir eine Tasse Kaffee und begann die morgendliche Routine. Dabei dachte ich nur an unseren Streit, meine Worte und meine Dummheit von gestern. Bevor ich aus dem Haus ging, legte ich meinen Ehering wieder an.
Mit tiefer Traurigkeit in mir ging ich zur Arbeit. Den ganzen Tag dachte ich darüber nach was am gestrigen Abend passiert war. In mir kam der Gedanke auf, dass Robert mich nicht einfach so verlassen würde. Doch als der Tag sich dem Ende neigte, ereilten mich Zweifel und auch die Angst, ihn endgültig vertrieben zu haben. Diese Besorgnis stieg ins Unermessliche. Gegen 22 Uhr verließ ich meinen Arbeitsplatz und machte mich verzweifelt an den Heimweg. Robert hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht bei mir gemeldet oder auf eine meiner Nachrichten reagiert.
Ich saß allein auf dem Sofa. Die Katzen lagen auf ihren Stammplätzen und schliefen. Um mich herum war es still. Ich hatte keinen Hunger, verspürte Kraftlosigkeit und fühle mich einsamer als jemals zuvor in meinem Leben. Je mehr Zeit verging, desto trauriger wurde ich. In mir verbreiteten sich Schmerz und die Angst, ihn für immer verloren zu haben. Tränen rannen aus meinen Augen. Voller Verzweiflung zündete ich Kerzen an, in der Hoffnung, dass meine Gebete, dass mein Mann wieder nach Hause kommen möge, erhört würden. Übermüdet und immer noch in Tränen legte ich mich kurz nach Mitternacht ins Bett. An Einschlafen war nicht zu denken. Jedes Mal, wenn im Treppenhaus das Licht anging, ich Schritte oder Stimmen oder gar einen Schlüssel klappern hörte, sah ich zur Wohnungstür. Doch niemand kam herein. Erst gegen 3 Uhr nachts, nach quälenden langen Stunden, ging die Tür zur Wohnung endlich auf und Robert trat herein. Schwach auf den Beinen, vor Sorge um ihn und unsere Ehe, ging ich auf ihn zu und fiel Robert in die Arme. Unter Tränen sagte ich, dass mir alles so schrecklich Leid täte und ich ohne ihn nicht leben könnte. Robert hielt mich fest in seinen Armen und sagte mir, dass es für ihn nicht leicht gewesen war, mich all die Stunden allein im Ungewissen zu lassen. Er sagte auch, dass es seiner Ansicht nach jedoch nötig gewesen sei, damit ich realisieren könnte, was ich an ihm und an unserer Ehe habe. Ich fühlte mich in diesem Moment einfach geliebt und glücklicher als in den Monaten zu vor.
Überwältigt von unseren Gefühlen schliefen wir miteinander. Das letzte Mal lag einige Wochen zurück. Ich gab mich ihm völlig hin und genoss jede seiner Berührungen, jeden Moment als wäre es unser letztes Mal. Robert war gefühlvoll, zärtlich und sinnlich. In dieser Nacht war ich mir sicher, dass unsere Liebe diesen Streit überstehen und uns noch stärker machen würde. Außerdem dachte ich, dass ich nun wieder die Denise wäre, die ich bis zum 30. November 2013 war. Genau die, in die sich Robert über beide Ohren verliebt hatte und die ihm das geben konnte, was er verdiente: Liebe, Zuneigung, Harmonie und das Wissen, stets mein Mann, der große Held in meinen Augen sein.
Ab dieser Nacht schlief Robert wieder in unserem Bett. Diese eine Nacht ohne ihn neben mir fühlte sich so falsch und leer an. Die Nächte, in denen Robert auf Geschäftsreise war und ich allein in unserem Bett schlief, waren nie so quälend wie diese eine, in der er im Zimmer nebenan geschlafen hatte. In den darauffolgenden Tagen war ich die glücklichste Frau der Welt und war davon überzeugt, dass ich wieder ich war und das für immer.
Leider hielt meine zurückgeglaubte liebevolle Art nicht lange an. Meine wahre Persönlichkeit hatte sich nur für wenige Tage aus den Fängen der Unterdrückung befreit. Nur einige Tage später erhielt die beherrschende Art wieder Einzug in meine Persönlichkeit. Ich war wieder wie zuvor. Bestimmend, rechthaberisch und alles völlig unter Kontrolle haltend.