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1. Kapitel

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§ 242 Diebstahl

(1) Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Fremden rechtswidrig zueignet, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.

§ 243 Besonders schwerer Fall des Diebstahls

(1) In besonders schweren Fällen wird der Diebstahl mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter…

4. aus einer Kirche oder einem anderen der Religionsausübung dienenden Gebäude oder Raum eine Sache stiehlt, die dem Gottesdienst gewidmet ist oder der religiösen Verehrung dient.

(Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland, Stand 08.05.2015)

Nicht ein einziger Platz ist frei, der Saal scheint zu bersten. Selbst auf die Gänge haben sie sich gesetzt. Kein Wunder, hier geht es um was! Angeklagt ist ein altes Mütterchen namens Alisha Yücksel. Der Tatbestand ist eher geringfügig. Diebstahl, eigentlich nicht der Rede wert, Routine. Hier kommt nun aber noch hinzu, dass es sich um eine Wiederholungstat handelt. Und erschwerend - um den Diebstahl einer Kirchenkollekte. Außerdem ist es die letzte große Verhandlung vor dem Showdown. Vorn thront der Prozessvorsitzende, der ehrwürdige Doktor Hunscha. Der Staatsanwalt hat sein Plädoyer beendet, das Strafmaß gefordert und nimmt nun hinter seinem Tisch Platz. Ohne eine Miene zu verziehen, anscheinend völlig emotionslos, nickt Hunscha ihm zu, fährt sich mit seiner Hand über die Halbglatze, rückt seine Brille zurecht und macht sich mit seiner markanten, tief rauchigen Stimme bemerkbar: „So, Herr Verteidiger und nun Sie!“ Betont langsam erhebt dieser sich und wirft dabei noch einmal einen flüchtigen Blick auf das Mütterchen. Die sitzt da und grinst. Ungeheuerlich! Dabei hatte er ihr doch eindrücklich aufgetragen, ein ernstes Gesicht aufzulegen, ab und zu verlegen am Kopftuch zu zupfen und vor allem den Blick eines reuigen Hundes durchscheinen zu lassen. Aber das Mütterchen grinst, so wie alle anderen im Saal, mit Ausnahme Hunschers. Falk Koch holt noch einmal tief Luft, dann beginnt er: „Werter Herr Vorsitzender, werter Herr Staatsanwalt. Wir haben die Ausführungen der Staatsanwaltschaft gehört. Sicherlich trifft hier Paragraph 243 Absatz 1 Punkt vier zu. Doch wollen wir ernsthaft von besonders schwerem Diebstahl ausgehen? Bei einem Schaden von knapp zwanzig Euro? Schauen wir uns diese Frau und ihre Beweggründe etwas genauer an. Vor uns sitzt eine alte, gebrechliche Frau mit eingefallenem Gesicht. Ihre Hände zittern. Sie ist, offen gesagt, fast sowas wie das ganze Gegenteil von Herrn Staatsanwalt.“ Nach einem winzigen Moment der Stille bricht im Gerichtssaal ein schallendes Gelächter aus, einige der Zuschauer klopfen sich vor Begeisterung auf die Knie oder nutzen die Bänke als Klangkörper. Selbst das Mütterchen prustet sich ins wackelnde Fäustchen. „Ruhe, verdammt noch mal!“, donnert Hunscha. Das Gejohle verstummt abrupt. „Herr Koch, ich danke für Ihre gewitzte Einlage, würde mich aber freuen, wenn wir wieder mit Ernst bei der Sache wären. Wir haben eine Verhandlung zu führen. Also bitte!“ „Verzeihung, Herr Vorsitzender. Kommen wir zum Tatbestand.“ Er zeigt auf, dass die geringfügige Rente seiner Mandantin kaum ein Auskommen möglich macht, was natürlich keine Straftat rechtfertigt. Nach Abzug der Fixkosten verbliebe ihr nicht viel. Der Geburtstag ihres Enkels hat sie in den Klingelbeutel greifen lassen. Sie, die ansonsten eine streng gläubige Christin sei. Warum hätte sie auch sonst an dem Gottesdienst teilnehmen sollen? Wieder erschallt das Gelächter ringsum. Diesmal aber nur kurz. Hunscha braucht nichts weiter zu sagen. Es genügt, nur einen Blick durch die Runde gleiten zu lassen. Gewiss, man hatte Frau Yücksel schon dreimal wegen Diebstahls in Supermärkten mit einer Geldstrafe bedacht. Aber auch hier waren die Schäden eher geringfügig, und auch bei diesen Fällen lag eine außergewöhnliche finanzielle Belastung der Angeklagten vor. In epischer Breite baut er ein Mitleidskonstrukt auf und kommt nach ausschweifenden Argumentationen zu dem Schluss: „Deshalb kann ich die Freiheitsstrafe von vier Monaten, wie sie die Staatsanwaltschaft fordert, nicht nachvollziehen. Ich bitte das hohe Gericht um eine entsprechende Bewährungsstrafe. Und auch wenn der Herr Staatsanwalt es vielleicht vergessen hat, es gibt im 243er auch noch die Ziffer 2, die die Verfahrensweise bei Geringfügigkeit relativiert.“ So, das war es. Ein kurzer Blick auf die Uhr, drei Minuten noch. Hunscha würde kaum Zeit haben, auf die Ausführungen reagieren zu können. Falk hatte richtig kalkuliert. In diesem Moment schaute der Vorsitzende auf seine Armbanduhr und ließ seine höchst richterliche Stimme ertönen: „So, Herrschaften. Das war es für heute. Dank des umfangreichen Wortschwalls Ihres Kollegen sind wir heute ja ein reichliches Stück weitergekommen … Aber genug der Ironie. Nach Lage der Dinge sehen wir uns am Mittwoch zur letzten Veranstaltung vor der finalen Examensprüfung. Und damit Sie bis dahin nicht aus der Übung kommen, überlegen Sie, wie das Gericht in diesem Fall entschieden hätte. Machen Sie sich Notizen! Einen von Ihnen wird es treffen, der mir dann seine Urteilsverkündung und vor allem die Begründung in allen Einzelheiten darlegen darf. Auf Wiedersehen.“ Auch das noch! Als wenn man, so kurz vor der entscheidenden Prüfung, nicht schon genug zum „Büffeln“ hatte. Hunscha eben! Unter leichtem Murren schickt sich die angehende Anwalts- und Richterschaft an den gemieteten Saal der Kammer zu verlassen. Mütterchen Yücksel reißt sich das Tuch vom Kopf, schüttelt ihre schwarzbraune Mähne. Ihr Gastauftritt ist beendet. Gott sei Dank muss ich als Rechtsanwaltsgehilfin kein Examen ablegen! Auch ihr Verteidiger ist gerade im Begriff, sich der Ausgangstür zuzuwenden, als ein Brummen Hunschas ihn zum Umdrehen bewegt. „Falk! Kommen Sie bitte mal zu mir.“ Wieder lag Koch mit seiner Vermutung richtig, dass nun eine „Generalpredigt“ folgen würde. Der Doktor hatte ein Faible für Namen und deren Herkunft. Und so verwunderte es auch nicht, dass er mit diesem Wissen seinen Vortrag begann: „Herr Koch, Sie wissen, was Ihr Vorname für eine Bedeutung hat?“ „Ich denke, Sie werden es mir gleich erläutern.“ Hunscha überhört die kleine Provokation und fährt fort: „Falk kommt aus dem Germanischen, abgeleitet vom Vogel Falke, dem Schlauen, dem Sinnbild für Stärke und Klugheit. Nun, Ihre Stärke vermag ich nicht zu beurteilen, Ihre Klugheit schon. Nur heute war davon nicht allzu viel zu verspüren. Sie wissen, ich kannte Ihren Vater. Man kann sogar sagen, ich war mit ihm befreundet. Er war ein verdammt guter Anwalt. Sie könnten das auch sein! Sie sind ihm in vielen Dingen sehr ähnlich. Nur eins hätte er nie gemacht - ihm anvertraute Fälle auf die leichte Schulter zu nehmen. Auch wenn das hier kein richtiger Prozess war, ändert das nichts an der Tatsache, dass Sie in keiner Weise richtig vorbereitet waren. Was meinen Sie wohl, wie das Gericht nach Ihren Ausführungen wohl entschieden hätte?“ Mit hängendem Kopf antwortet der Anwalt in spe: „Ich denke, dass ich den Prozess verloren hätte.“ „Sehr richtig! Aber, ob nun verloren oder gewonnen, darum geht es nicht. In erster Linie geht es bei jeder Verhandlung um menschliche Schicksale und um die Umsetzung und Verwirklichung unseres deutschen Rechts. Dafür tragen Sie als Anwalt, egal für welche Seite Sie plädieren, immer die Verantwortung. Vergessen Sie das nie! Sie wissen, ich hege große Sympathie für Sie. Was Ihre Leistungen im Studium betraf, sind Sie der Beste dieses Studienjahrgangs gewesen, haben Ihr Referendariat erfolgreich abgeschlossen. Um Ihr zweites Examen und das womöglich folgende Richteramt mache ich mir keinerlei Sorgen. Ich weiß, dass Sie mit auswendig gelernten Paragraphen nur so um sich schmeißen können, aber das alleine wird Ihnen keinen Erfolg bescheren. Werden Sie endlich erwachsen und zwar, bevor man Sie auf die Menschheit loslässt! Ich gebe zu, dass das nicht einfach ist. Ihr Vater war auch ein Hitzkopf, aber, wie schon erwähnt, ein verdammt guter Jurist. Und Sie sind auf dem Weg dahin.“ Hunscha hatte gesagt, was er sagen wollte und dem Delinquenten rutschte nur ein leises, unverständliches Grummeln über die Lippen. Der Vorsitzende nickt ihm freundschaftlich zu und wechselt das Thema: „Haben Sie sich nun endlich Gedanken gemacht, wohin die Reise gehen soll?“ „Ich denke, ich entscheide mich für das Strafrecht.“ „Staatsanwaltschaft …?“ Koch wiegt mit dem Kopf: „Ich denke eher nicht.“ „Sie hätten auch die Kanzlei Ihres Vaters weiterführen können.“ „Das war es ja gerade, was ich nicht wollte. Erstens liegt mir Wirtschaftsrecht nicht, und zweitens hätte ich immer im Schatten meines Vaters gestanden.“ „Ja, das kann ich irgendwo verstehen. Trotzdem hätten Sie einen besseren Start gehabt. Das Werben um eigene Mandanten ist eine harte Herausforderung. Ein Messingschild an der Tür füllt noch keine Kanzlei.“ „Nun, mein Traum ist es immer gewesen, meinen eigenen Weg zu machen.“ „Traum? Ist das der richtige Ansatzpunkt?“ „Nennen Sie es Konsequenz oder Willen. Eine eigene Kanzlei bedeutet Unabhängigkeit. Vaters Räumlichkeiten sind ja vorhanden. Er hatte kurz vor seinem Tod den Flachbau gekauft. Was mir fehlt, ist einzig die Zulassung.“ „Die Zulassung bekommen Sie, das ist, denke ich, so gut wie sicher. Trotzdem wird es ein steiniger Weg werden.“ Hunscha sollte Recht behalten. Wie immer! Gute fünf Jahre sind seit diesem Gespräch vergangen. Fünf lange Jahre! Koch gießt sich den Rest Kaffee ein, diesen Rest, der schon so lange steht, dass seine Farbe den von Teer angenommen hat und dessen Geschmack eher einer Bitterfrucht als jenem aromatischen Genussmittel nahekommt. Er schaltet die Kaffeemaschine ab und geht mit seiner Tasse zur Fensterbank. Im Vorbeigehen streift sein Blick den Kalender. Heute ist Dienstag, der 12. Januar 2016. Die neben dem Kalendarium hängende Uhr signalisiert ihm, dass er noch eine halbe Stunde durchhalten muss. Heute bis 18.00 Uhr Sprechstunde verkündet das Schild, das draußen an der Eingangstür zur Kanzlei um Klienten wirbt. Dreißig Minuten, in denen noch ein potentieller Ratsuchender auftauchen könnte. Eigentlich waren da auch noch die vier Akten der Wirtschaftsprüfung eines ortsansässigen Gewerbetreibenden, die noch mit dem Betriebsergebnis verglichen werden müssten. Aber dafür war ja Morgen auch noch Zeit. Termin war eh erst nächste Woche. Falk Koch verspürte nicht die geringste Lust dazu, aber von irgendetwas musste man ja schließlich leben. Aber bitte nicht heute, nicht in den letzten dreißig Minuten! Stattdessen setzt er sich auf die Fensterbank und schaut hinaus. Vis-à-vis die Gleisanlagen, die in den Bahnhof Strausberg-Vorstadt führen, nur getrennt durch den tanzenden Flockenfall des winterlichen Niederschlags. Nun ist er also doch noch eingetroffen, der Winter. Er gibt mächtig an mit seiner weißen Pracht. Völlig verlassen steht sie da, die alte, schon nostalgisch anmutende Wasserpumpe, die einst zum Befüllen der Dampfloks diente und allmählich wandelt sich ihre Farbe, vom abblätternden Schwarz ins Weiß der dünnen Schneedecke. Ein Güterzug, der nur heutiger Technik gehorcht, donnert an dem Relikt vorbei. Die Zeiten ändern sich und doch - manches bleibt. So zum Beispiel die Fensterbank im einstigen Arbeitszimmer seines Vaters. Wie oft hatte er in seiner Kindheit hier gesessen, hinter ihm, der Vater am Schreibtisch, mit Zahlen jonglierend, er aus dem Fenster sehend, so wie jetzt. Jetzt gerade. Der Vater fehlte … Damals florierte die Kanzlei, Mandanten bettelten quasi um einen Termin. Und heute? Koch muss sich eingestehen, dass auch in den letzten zwanzig Minuten niemand seine Anwesenheit einfordern wird. Erst recht nicht bei diesem Wetter. Außerdem verspürt er ein unangenehmes Hungergefühl, welches sich durch ein unwirsches Magenknurren bemerkbar macht. Dagegen gibt es eigentlich nur eine Abhilfe. Er stellt die Kaffeetasse in die Spüle, wirft sich seine Jacke über, verschließt die Räumlichkeiten und betritt die winterliche Straße. Der seit einiger Zeit einsetzende Neuschnee bleibt liegen, türmt sich nun schon auf drei Zentimeter. Diese Pracht hätte man mal zum Heiligenabend haben müssen! Aber nein, da waren es ja sinnigerweise fünfzehn Grad plus, so dass man die Weihnachtsgans im Freien auf dem Holzkohlegrill hätte brutzeln können. Und von wegen Weihnachtsgans. Seit vor gut sechs Jahren, zwei Monate nach dem Tod seines Vaters, seine Beziehung in die Brüche ging, gab es weder Gans noch Baum. Koch lebte alleine, konzentrierte sich ausschließlich auf sein Studium und verbrachte die heiligen Abende im nahegelegenen Bistro, bei Döner und dauerblickender Plastikdeko. Und genau dahin führte ihn auch jetzt sein Weg, keine fünfhundert Meter entfernt, fast gegenüber vom Bahnhof Strausberg. Der Wind bläst ihm kalt entgegen, Wassertropfen rinnen übers Gesicht. Vielleicht sollte er doch mal in Betracht ziehen, einen dicken Mantel aus dem Kleiderschrank zu nehmen, anstatt mit seiner dünnen Lieblingslederjacke modische statt praktische Akzente zu setzen. Auf Höhe des Bahnhofsgeländes überquert eine unübersehbare, wuselige Gruppe von Passanten die Straße, hin zu den Parkplätzen, einem Befreiungsschlag gleich, ihrem wohl verdienten Feierabend zustrebend. Ein gewohntes Bild, das sich zu jeder Jahreszeit ergibt. Einmal, alle sechzig Minuten, sobald der „Polenexpress“ eingefahren ist. „Polenexpress“ - so bezeichnen die Berliner die Regionalbahn RB 26, die die Hauptstadt mit dem polnischen Kostrzyn verbindet, um die „Gastarbeiter“ heran und wieder wegzukarren. Da dieser Zug, im Gegensatz zur S-Bahn, nonstop ab Berlin-Lichtenberg durchfährt und das erste Mal in Strausberg zum Stehen kommt, dafür nur knapp die Hälfte Fahrzeit benötigt, ist er bis zu dieser Station permanent überfüllt. Auch Koch hatte in seiner Studienzeit die Erfahrung machen müssen, Tag für Tag, dichtgedrängt, durchgerüttelt, üble Ausdünstungsgerüche ertragend, zur Universität zu fahren. Schließlich hatte er sich dafür entschieden, lieber eine Stunde früher aufzustehen, um die S-Bahn zu nehmen. Lieber stetiges Anhalten, als wie eine Ölsardine jede Ausprägung von Körperhygiene ertragen zu müssen. Im Gegensatz zur Bahn ist hier auf der Straße die Luft rein. Es ist zwar kalt, nass und ungemütlich, aber die Luft ist frisch. Als er den Eingang zum Bistro erreicht hat, klopft er sich die Winterpracht von den Sachen, drückt die Türklinke und tritt, laut „Merhaba“ rufend, ein. Der Gastraum ist leer, das „einzige Lebenszeichen“ ist der von der Decke hängende Fernseher, welcher während der gesamten Öffnungszeit permanent den Nachrichtensender NTV durchrattert, von Yasar Yücksel keine Spur. „Hallo Lieblingstürke“, ruft Koch lauter. Nur das Klappern von Geschirr ist aus dem angrenzenden Küchentrakt vernehmbar. Von dort aus erfolgt auch die Antwort: „Hallo Rechtsverdreher. Merhaba. Komme gleich.“ „Mach hinne, ich habe Hunger.“ „Hab heute lecker Fisch im Angebot!“, raunt es zurück. „Nee nee, lass mal gut sein. Mach wie immer!“ Jetzt erst kommt der Kopf des Freundes zum Vorschein: „Dönerplatte ohne Gemüse?!“ Falk nickt: „Genau, ohne Grünzeug. Hätte Gott oder Allah gewollt, dass ich als Karnickel auf die Welt komme, hätte er es auch so eingefädelt.“ Während Yasar sich mit dem überdimensionalen Messer an dem Spieß zu schaffen macht, nimmt Koch Platz und ruft ihm belustigt zu: „Wo ist eigentlich Alisha? Wenn die schneidet, habe ich immer mehr auf dem Teller!“ „Du hast gerade Grund, dich zu beschweren!“, kommt es zurück: „Sie ist zum Handelscenter. Uns sind die Tomaten ausgegangen.“ Der Junganwalt lacht: „Wie sich die Zeiten doch ändern. Ein türkisches Bistro ohne Tomaten!“ Ja, wie sich die Zeiten doch ändern! Aus der damals unscheinbaren Alisha ist unterdessen eine attraktive Frau geworden, die halbtags als Rechtsanwaltsgehilfin in Kochs Kanzlei arbeitete. Halbtags, mehr war nicht drin. Der Mangel an zahlungskräftigen Mandanten gab nicht mehr her. Den Rest des Tages und am Abend ging sie dann ihrem Vater im Bistro zur Hand. Ja, sie war eine richtige Augenweide. Der gesamte Kiez und auch Falk konnten nicht verstehen, wieso sie mit ihren achtundzwanzig Jahren noch immer keinen Partner gefunden hatte. Sie war nicht nur hübsch, sie war ausgeglichen, fröhlich und stets zum Scherzen aufgelegt. Manchmal wirkte sie etwas unnahbar und geheimnisvoll. Oft genug hatte Koch in Erwägung gezogen ihr den Hof zu machen, hatte aber jegliche Versuche unterlassen, trauerte wohl insgeheim seiner vor sieben Jahren verflossenen Liebe hinterher. Was er natürlich niemals zugeben würde, auch nicht vor sich selbst. Stattdessen durchbohrte er seine Angestellte lieber mit Blicken, wenn er sich sicher war, dass sie es nicht bemerkte. Registrierte sie es dennoch, lächelte sie, was ihm wiederum die Schamröte ins Gesicht trieb. Hatte sie insgeheim ebenfalls Gefühle für ihn? Er war sich nicht sicher. Oder war es einfach ein ähnliches Schicksal, das beide verband? 1988 war Yasar zusammen mit seiner damals hochschwangeren Frau aus der Türkei nach Deutschland umgesiedelt, versprach sich hier ein besseres Leben, fernab von der miserablen Situation in seinem Heimatland. Dann der einschneidende Schicksalsschlag. Seine Frau starb bei der Geburt Alisha. Trotz der schwierigen Situation schaffte er es, das kleine schreiende Bündel ins Erwachsensein zu führen. Kochs Mutter starb, als er sieben war. Der Krebs raffte sie einfach so dahin, ohne Vorwarnung, ohne Erbarmen, von einem Tag zum anderen. Er wusste also nur zu gut, was es bedeutete, wenn der weibliche Part einer Familie fehlte.

Yücksel unterbricht seine Gedanken, als er mit Schwung und einem: „Guten Appetit! Im Halse soll es dir steckenbleiben …“ den Teller auf den Tisch stellte, sich einen Stuhl heranzieht und zu ihm setzt. Gerade in diesem Moment öffnet sich die Eingangstür und Alisha, völlig durchnässt, mit zwei prall gefüllten Einkaufstüten erscheint: „Man, ist das ein scheiß Wetter!“ „Hättest du ein paar Kinder in die Welt gesetzt und einen passenden Mann dazu, dann wäre der höchst wahrscheinlich Einkaufen gegangen und du wärst nicht mit weißem Pulverschnee überzogen!“ Alisha war der eigenartige Humor ihres Vaters nur zu gut bekannt, aber doch bitte nicht, wenn Er anwesend war! „Baba!“, protestierte sie lautstark. Und er? Er grinste. Peinlich! Schnellstens schickt sie sich an, mit ihren Tüten im Küchentrakt zu verschwinden, hört aber noch im Gehen, wie sich der Vater lachend an seinen einzigen Gast wendet: „Und was ist mit dir? Willst du sie nicht heiraten? Sie ist doch ohnehin schon den ganzen Vormittag bei dir. Du weißt, ich bin Traditionalist. Ich gebe dir ein Kamel, wenn du sie nimmst!“ „Baba!“, schallt es von der Küche und diesmal sehr energisch. Falk lacht: „Ich gebe ja zu, dein Angebot klingt verlockend. Ich muss dennoch ablehnen.“ Yücksel erwidert verwundert: „Erzähle mir nicht, dass sie dir nicht gefällt.“ „Doch. Aber…“ „Und kochen kann sie auch!“ „Alles gut, Yasar. Tolles Angebot. Bleibt nur die Frage, wie ich das Kamel ohne Flaschenzug in meine Zweiraumwohnung bekomme.“ Gerade will der Türke eine Lösung für dieses Problem präsentieren, als ein neuer Gast das Terrain betritt. Mit einem: „Guten Tag, Efendi Bruno. Ein Bier, wie immer?“, springt Yasar auf, eilt zum Kühlschrank, um das Gewünschte an den Tisch zu bringen. „Jetzt hat er ein anderes Opfer gefunden“, denkt sich Koch grinsend und macht sich daran, endlich seine Dönerplatte zu verspeisen. Ob sich Alisha in nächster Zeit zeigen würde, war fraglich.

Der Junge aus der Vorstadt

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