Читать книгу RoboLOVE #3 - Operation: Silver Soul - Martina Andre - Страница 7
Kapitel 1
ОглавлениеNovember 2056, Washington D.C.
Machtspiele
»Montgomery MacIntyre ist auf Leitung zwei, Sir.« Die förmliche Stimme des Holokommunikators schreckte den Präsidenten der Panamerikanischen Allianz unerwartet heftig aus seinen Gedanken. Der plötzliche Tod seines Verteidigungsministers und Schwagers Ashton Ambush hatte Jonathan Junger mehr zugesetzt, als er sich hatte eingestehen wollen. Vor allem der Umstand, dass dessen gesamte Familie ausgelöscht worden war. Darunter seine Schwägerin und seine geliebte Nichte Emma, die wie ein eigenes Kind für ihn gewesen war.
»Dass meine Sicherheitsleute einem so hinterhältigen Attentat nichts entgegenzusetzen hatten, empfinde ich als eine nicht enden wollende Demütigung unserer militärischen Schlagkraft«, erklärte er seinem besten Freund Montgomery MacIntyre via Holokommunikator, der das Konterfei seines Gegenübers äußerst plastisch darstellte. Der Konzernchef der MacIntyre LLC, der größten Produktionsstätte von Kriegsrobotern in der westlichen Welt, sah mit seinem schwarzen Bubikopf aus wie ein zu rasch gealterter Teenager. Seine normalerweise unsteten, dunklen Knopfaugen wirkten merkwürdig kalt, während er Jonathan einen warnenden Blick zuwarf.
»Ich rate dir schon länger, auf menschliche Sicherheitskräfte zu verzichten und stattdessen auf meine Kampfroboter zu setzen«, verkündete er abgeklärt. »Ich kann sie entsprechend programmieren, damit sie sich optisch genauso verhalten wie menschliche Bodyguards. Allerdings sind sie um einiges effizienter. Wenn du dich selbst und die First Lady zuverlässig schützen willst, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als dein Sicherheitskonzept umzustellen. Ich meine, es waren Rebellen, die Teile deiner Familie auf dem Gewissen haben. Cathrin Porter und ihre Leute schlafen nicht. Sie sind überall und verfügen über erstklassige Technik. Anscheinend sind sie deinen Geheimdiensten immer einen Schritt voraus. Sie haben keinerlei Skrupel, wenn es darum geht, uns und unserem Land Schaden zuzufügen«, versicherte ihm MacIntyre gnadenlos.
»Ja, da magst du recht haben. Patricia ist völlig mit den Nerven am Ende«, bestätigte Junger ihm. »Emma war für uns wie eine eigene Tochter. Sie hatte eine glänzende Karriere vor sich. Ich kann noch gar nicht begreifen, dass sie tot ist. Auch Jill und Ashton fehlen uns von Tag zu Tag mehr. Ich habe alles in die Wege geleitet, damit meine Geheimdienste Cathrin Porter und ihren Rebellenabschaum aufspüren und vernichten. Ich werde nicht eher ruhen, bis ich sie gefunden und wir sie bis auf den letzten Mann und die letzte Frau ausgelöscht haben.«
»Ich kann verstehen, was in dir vorgeht«, gab sich MacIntyre mitfühlend. »Vergiss nicht, ich habe Rochelle auf die gleiche Weise verloren. Und auch Emma war ein sehr besonderer Mensch für mich. Sie war eine begabte Robot-Ingenieurin und besaß ein wissenschaftliches Potenzial wie keine andere. Sie wäre mir eine würdige Nachfolgerin gewesen. Ihr zu Ehren habe ich meine ganze Kraft in diesen neuen Robot gesteckt. Du kannst dich darauf verlassen, dass er nicht nur deine Frau schützen, sondern auch Emma und ihre Eltern rächen wird, sobald er die Gelegenheit dazu erhält.«
»Danke, Monty. Ich weiß das sehr zu schätzen. Aber ich bin nicht sicher, ob es der richtige Weg ist, einen solchen Robot in meinen privaten Haushalt aufzunehmen. Noch dazu an Patricias Seite.«
»Cathrin Porter hat wesentliche Kontingente desertierter R8-Robots hinter sich vereinen können«, setzte MacIntyre noch einmal nach. »Diese Frau will den Umsturz, Jonathan! Und sie ist dir verdammt nah auf den Fersen. Ich bin sicher, sie wird alles daransetzen, dich umbringen zu lassen, und auch vor Patricia nicht halt machen. Also, was sagst du?«
In Jungers aalglattem Gesicht zeigten sich begründete Zweifel. »Ich habe einen höllischen Respekt vor deinen Robots. Was machen wir, wenn eine dieser Maschinen durchdreht und Patricia und mich versehentlich tötet, anstatt uns zu schützen? Ich meine, ich selbst habe ein Verbot für Kriegsroboter im häuslichen Umfeld erteilt. Schließlich handelt es sich um die skrupellosesten Killersoldaten, die wir je hervorgebracht haben. Ein unbewaffneter Mensch hat nicht die geringste Chance gegen sie. Wie soll ich Patricia beibringen, dass eines dieser Exemplare ab sofort ihren Alltag bestimmt?«
»Ich habe mir schon gedacht, dass du mit einem solchen Argument daher kommst, und habe ein interessantes Angebot für dich, bei dem du bestimmt nicht nein sagen wirst. Ich habe den neuen Robot speziell für deine Bedürfnisse konstruiert. Es handelt sich um einen weiblichen Robot. Sie ist groß, hat einen fantastischen Körper und neben einem speziellen Kampfmodus, den ich ihr einprogrammiert habe und der auf ihre Rolle als Bodyguard zugeschnitten ist, hat sie noch ein paar spezielle Fähigkeiten, die dich als Mann ebenfalls überzeugen werden. Um es kurz zu machen: Sie ist eine Kanone im Bett und wird dir jeden Wunsch von den Augen ablesen – sobald du mit ihr allein bist, versteht sich. Solange sie auf Patricia aufpassen soll, benimmt sie sich wie eine bestens ausgebildete Gouvernante.«
»Ein weiblicher Robot?« Jonathan Junger grinste zweideutig. »Okay, kannst du mir das Modell mal zeigen?«
»Aber sicher doch«, erklärte MacIntyre souverän und überspielte Junger die 3D-Version seiner neusten Konstruktion direkt auf den Schreibtisch.
Jonathan Junger blieb der Mund offenstehen, während vor seinen Augen ein brünettes Supergirl mit endlosen Beinen, ansehnlichen Brüsten und hüftlangen Haaren in alle Richtungen rotierte. Sie besaß eine schlanke, muskulöse Gestalt und einen äußerst knackigen Po. Ihr Gesicht glich dem einer modernen Nofretete, mit schräg stehenden, bernsteinfarbenen Katzenaugen, einer schmalen Nase und einem umso üppigeren Mund.
Die Vorstellung, dass diese Frau ein maschinengesteuerter Profikiller war, verdrängte Junger geflissentlich und dachte lieber daran, wie sie breitbeinig auf seinen Hüften saß und ihn ritt, bis er den Teufel um Erbarmen anflehte.
»Und?« MacIntyres Stimme brach so unvermittelt in die Stille hinein, dass Junger fast zusammengezuckt wäre. »Entspricht sie deinen Vorstellungen?«
»Mehr als das«, krächzte Junger und leckte sich rasch über die Lippen.
»Nach Rochelles Tod und der erneuten Übernahme von CRU habe ich mir gedacht, dass ich das Escort-Geschäft mit den weiblichen Robots und das der Fighting-Robots miteinander vereine. Und das ist dabei herausgekommen. Also ich finde das Ergebnis absolut überzeugend.«
»Und du bist sicher, dass sie mir nicht an den Kragen geht? Ich meine, immerhin hat Rochelles männliche Version sie das Leben gekostet.«
»Wir haben dazugelernt«, belehrte MacIntyre ihn. »Ich habe einige verlässliche Sicherheitssysteme eingebaut, damit der Robot sich nicht verselbständigen und gegen dich vorgehen kann. Er ist verlässlich darauf programmiert, dich und Patricia zu schützen. Er kann gar nicht anders. Dr. Tanaka und ich haben sie selbst getestet. Also verlass dich drauf!«
»Okay. Ich nehme sie. Schließlich sollst du dir die viele Arbeit nicht umsonst gemacht haben.« Er würde Patricia schon davon überzeugen, dass der Robot harmlos war und er ihn ab und zu selbst für seine »Sporteinheiten« nutzen wollte, wie er die geheimen Zusammentreffen mit weiblichen Mitarbeitern nannte, von denen Patricia allenfalls etwas ahnte. Und im weitesten Sinne war dieser Roboter ebenfalls eine Art Mitarbeiterin, bei der man als Ehefrau noch nicht einmal eifersüchtig sein musste. In der übrigen Zeit würde sie als Bodyguard Patricias Alltag überwachen.
»Hat sie einen Spionagemodus?«, wollte er von Monty wissen. »Ich meine, kann ich ihre Iris-Kamera auf meinen Bildschirm schalten, damit ich jederzeit sehe, was meine Frau zuhause treibt?«
»Selbstverständlich, du kannst sämtliche Informationsdaten in Echtzeit auf deinen Bildschirm updaten.«
»Perfekt.« Jonathan Junger nickte zufrieden. »Hat sie schon einen Namen? Oder muss ich mir selbst einen ausdenken?«
»Dr. Tanaka hat sie Soul getauft. Obwohl sie selbstverständlich kein eigenes Seelenleben besitzt. Aber sie benimmt sich so, als hätte sie eins. Im Grunde unterscheidet sie sich optisch und in ihrem Benehmen nicht von einer menschlichen Frau. Bis auf die Kleinigkeit, dass sie jederzeit willig ist und nicht rumzickt.«
»Jetzt bin ich noch neugieriger als ohnehin schon«, verkündete Junger mit einem vielsagenden Lächeln.
Für Robots der von MacIntyre produzierten Klasse gab es aufgrund der Kosten, die deren Herstellung verursachte, ohnehin nur zwei Einsatzmöglichkeiten: als Soldat auf den Killingfields oder als perfekt menschlich wirkende Escort–Begleitung für gewisse Stunden, die sich nur Multimilliardäre leisten konnten. Beides in einem Robot vereint war nicht neu, weil Rochelle MacIntyre, vor ihrem gewaltsamen Tod durch einen solchen Robot, eine ähnliche Variante mit männlichen Kriegsrobotern angedacht hatte. Doch sie war kläglich gescheitert, weil – nach den bisherigen Ermittlungserkenntnissen – ihr eigener Escort-Robot ihr das Genick gebrochen hatte.
»Ich schlage vor«, riet MacIntyre ihm mit einer gönnerhaften Geste, »du testest den neuen Robot erst mal bei deiner Frau. Wenn Patricia mit ihr zufrieden ist, wird alles in bester Ordnung sein. Sobald der Robot auslieferungsfähig ist, melde ich mich bei dir.«
»Alles klar«, versicherte Jonathan ihm und beendete das Gespräch mit einem zufriedenen Grinsen. Einen Moment saß er noch da und dachte über Montgomery »Monty« MacIntyre nach. Er kannte ihn schon seit der Uni. Studienkollegen hatten über ihn gesagt, nachdem Jonathan ihm zum ersten Mal auf dem Campus des MIT begegnet war: »Er ist ein Piranha in einem Goldfischbecken.« Damals hatte Monty bereits einen Doktor in Robotics in der Tasche gehabt und war der jüngste Inhaber einer aufstrebenden Start-up Firma, die menschenähnliche Robots entwickelte.
Dass die meisten Kommilitonen schlecht über ihn geredet, ja sogar vor dem harmlos daherkommenden jungen Mann gewarnt hatten, hatte Jungers Interesse erst recht geweckt, und es hielt bis heute unvermindert an. Monty MacIntyre war genau jener Unterstützer, den man als erfolgreicher Politiker benötigte, um ganz nach oben zu kommen. Er war genial, er war ehrgeizig und er war unermesslich reich. Was zur Folge hatte, dass die Wahlkampfspenden mehr als großzügig ausfielen. Dass er bei seinen Machenschaften über Leichen ging gehörte nun mal zum Geschäft. Genaugenommen hatte er den Krieg gegen die Panasiatische Front erst möglich gemacht. Ohne ihn und seine verlässlichen Kriegsroboter hätten die Panasiaten und ihre Verbündeten Amerika längst einkassiert. Sie hatten es MacIntyre und seinem Chef-Ingenieur Dr. Tanaka zu verdanken, dass der Kampf um die technische Überlegenheit auf diesem Planeten noch nicht verloren war.
»Hast du den Verstand verloren?« Patricia Junger warf ihre brünette Mähne zurück und bedachte ihren Mann mit einem vernichtenden Blick. »Was soll ich denn mit dieser Super-Barbie im Kampfanzug anfangen? Sag nur, sie bringt am Ende noch ihren eigenen Kleiderrobot mit und wechselt stündlich die Garderobe.«
»Monty hat den Robot absichtlich so konstruiert, damit sie dich in passender Robe zu sämtlichen Anlässen begleiten kann«, versuchte Jonathan Junger ihr seine neuste Errungenschaft schmackhaft zu machen.
»Du meinst wohl eher dich«, erwiderte Patricia empört. »Und ich stehe dann daneben wie ein hässliches Entlein.« Obwohl die First Lady mit ihren 50 Jahren noch immer eine Schönheit war, sprühten ihre grünen Augen vor Zorn. »Oder hast du sie vielmehr für dich selbst konstruieren lassen?« Misstrauisch forschte sie in seinen eng zusammenstehenden Augen, was tatsächlich hinter seinem Ansinnen steckte, einen solchen Robot zu erwerben – obwohl es ihm an Angeboten von menschlichen Frauen garantiert nicht mangelte. Jonathan war das, was Patricias Mutter als einen Dandy bezeichnet hatte. Ein hoch gewachsener, durchtrainierter Mann, der mit seinem vernichtenden Charme beinahe jede Frau um den Finger wickeln konnte. Und obwohl er bereits einige Schönheits-Operationen hinter sich hatte, um seine jugendliche Erscheinung zu erhalten, hatte er auch im fortgeschrittenen Alter noch nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. So einen Mann hast du niemals für dich allein, hatte ihre Mutter sie frühzeitig gewarnt und ihr dringend von einer Hochzeit abgeraten. Erst recht nicht, wenn er dazu ein bedeutender Staatsmann ist, dachte Patricia resigniert. Sie musste wahnsinnig gewesen sein, als sie sich auf seinen Antrag eingelassen hatte und ihm zum Traualtar gefolgt war, der sich schon mach wenigen Jahren als Schlachtbank ihrer eigenen Träume und Hoffnungen erwiesen hatte.
»Was redest du da?!«, fuhr er sie an. »Der Präsident wird seine First Lady wohl kaum gegen einen Robot austauschen! Immerhin habe ich einen Ruf als treusorgender Ehemann zu verlieren.«
»Ach wirklich? Als ob dir das je etwas bedeutet hätte«, bemerkte sie spitz. »Wie war es denn mit Ashton und Jill? Er war dein Verteidigungsminister und hat meine Schwester für einen Escort-Robot sitzen lassen. Hat ihm das etwa geschadet? Soweit ich weiß, hat es weder ihn noch sonst jemanden interessiert. Lediglich Jill wurde jahrelang von den Klatschblättern durch den Kakao gezogen.«
»Was habe ich mit Ashton zu tun? Ich bin für mich selbst verantwortlich. Wir werden solche Robots in Zukunft vermehrt zu unserem eigenen Schutz einsetzen müssen. Menschliche Sicherheitskräfte können mit den Robots der Rebellen nicht mithalten. Warum sollten wir hinter der Technik unsere Feinde hinterherhinken? Zumal wir inzwischen bessere Modelle haben! Schließlich kämpfen wir mit solchen Maschinen erfolgreich gegen die Panasiaten. Als Präsident der Panamerikanischen Allianz sollte ich unseren Robots auch im privaten Bereich vertrauen.«
»Sagt wer?«
»Monty MacIntyre. Er ist der Meinung, wir sollten nicht an unserem persönlichen Schutz sparen und auch in solchen Fragen auf seine Unterstützung vertrauen.«
»Ich habe nachgedacht, Jonathan. Du solltest endlich diesen Krieg beenden. Es kostet Unsummen, ihn zu führen, und der Einzige, der sich dabei dumm und dämlich verdient, ist Monty MacIntyre. Und nun will er dir ausgerechnet einen weiblichen Kriegsroboter als Bodyguard schmackhaft machen. Reicht es nicht, wenn du es permanent mit deinen menschlichen Assistentinnen treibst? Müssen es nun auch noch weibliche Robofighter sein, die dir im Bett die Ehefrau ersetzen?«
»Es geht hier nicht um mich, sondern um dich«, wich er ihr aus. »Es handelt sich um ein neues Modell mit einer speziellen Programmierung, die absolut sicher ist.«
»Was um Himmels Willen soll an einem weiblichen Robot anders sein als an den männlichen Exemplaren? Mit dem Unterschied, dass du sie ungehemmt vögeln kannst…«
Jonathan verdrehte die Augen. Patricia hatten den Braten gerochen, bevor er aus dem Ofen gekommen war. Gereizt ließ er sich in einen der antiken Ledersessel fallen, die neben wertvollen Perserteppichen und Marmortischen den überaus luxuriösen Salon ihres Bungalows schmückten. Die großzügige Bleibe mit verschiedenen Gästeapartments, einem Wellnessbereich im Souterrain mit einem internen Pool und eigenen Sportanlagen in einem separat abgeschirmten Park, ersetzte Patricia schon seit geraumer Zeit das gemeinsame Apartment im Weißen Haus und wurde durch einen speziellen Sicherheitsdienst vor unbefugtem Zutritt geschützt.
»Ich lebe hier ohnehin wie in einer Festung«, beschwerte sie sich und warf ihm einen anklagenden Blick zu. »Sobald ich das Haus verlasse, umkreisen mich acht bis zehn menschliche Agenten, die mir mit ihrer ständigen Gegenwart den letzten Nerv rauben. Und jetzt soll auch noch ein weiblicher Robot als Aufpasserin dazukommen? Ohne mich. Ich streike. Hast du verstanden? Ich will das alles nicht mehr.«
»Was willst du mir damit eigentlich sagen?« Junger starrte sie aufgebracht an. »Die anderen Bodyguards fallen dafür weg. Es wäre nur noch der eine Robot, der dich permanent schützt. Abgesehen davon, dass man menschlichen Bodyguards auch nicht vorurteilsfrei vertrauen kann, ist das Kräfteverhältnis zwischen einem Menschen und einem Robot mehr als nur unbefriedigend«, argumentierte er stur. »Wenn wir bei einem Außentermin von feindlichen Robots angegriffen werden, haben menschliche Leibwächter außer einem Lasergewehr nicht besonders viel zu bieten. Deshalb möchte ich, dass du dem Robot eine Chance gibst«, insistierte er unnachgiebig. »Soul beherrscht sämtliche Waffensysteme und ist, was ihre Sicherheit betrifft, auf Herz und Nieren geprüft. Monty hat mir garantiert, dass sie absolut zuverlässig arbeitet und dabei schlagkräftiger ist als jeder Robot, den er je konstruiert hat.«
»Soul? Oho! Das Monster hat bereits einen Namen! Na, dann gewöhn dich schon mal dran, wenn du sie demnächst in dein Bett befiehlst, um ihr den Hintern zu versohlen, bevor du sie fickst. Nur für den Fall, dass sie dir das übel nimmt und du bei ihr um Gnade winseln musst. Das könnte bei ihren Qualitäten nämlich böse ins Auge gehen.« Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Innerlich kochte Patricia Junger bei der Vorstellung, dass Jonathan tatsächlich die Unverfrorenheit besaß, ihr eine solche Robot-Frau vor die Nase zu setzen und zu behaupten, er würde dabei nicht an sich selbst denken. Es hatte seine Gründe, warum sie nicht mit ihm in der Präsidentenwohnung zusammenlebte, und einer davon war seine Untreue, der zweite sein verkappter Sadismus, den er bei seinen menschlichen Geliebten auslebte und mit dem sie überhaupt nichts anzufangen wusste. Für ihn waren diese Eskapaden lediglich Ausrutscher, die nichts mit ihrer Ehe zu tun hatten, wie er ihr gegenüber stets betonte, falls sie ihn mal wieder auf Abwegen erwischte. Solange es nicht an die Öffentlichkeit drang, empfand er sein Verhalten als nicht weiter dramatisch. Aber Patricia hatte genug von seinen Demütigungen und vor einem halben Jahr beschlossen, sich nicht weiter von ihm schikanieren zu lassen. Um ihre Würde nicht zu verlieren, hatte sie auf getrennte Wohnungen bestanden, weil sie nicht bereit war, so weiterzumachen wie bisher.
»Es ist mir egal, ob du Verständnis für eine solche Entscheidung hast oder nicht«, bekräftigte er schmallippig. »Es geht hier nicht um deine Vorurteile gegenüber Robots oder meinen angeblichen Verfehlungen, sondern um deine Sicherheit. Der Robot wird hierher geliefert und dir zumindest bei öffentlichen Auftritten zur Seite stehen – ob es dir nun gefällt oder nicht.«
»Ich bin nicht eine von deinen devoten Bediensteten«, erinnerte sie ihn. »Ich habe meinen eigenen Kopf. Wenn dir das nicht passt, können wir uns ja scheiden lassen.«
»Du weißt, dass das nicht geht«, bemerkte er kühl. »Ich würde die nächsten Wahlen verlieren und du deinen Status als First Lady. Das wäre äußerst unangenehm für uns beide. Vergiss das nie!«
Er hasste es, auf sie angewiesen zu sein. Bedauerlicherweise konnte er sich eine öffentliche Trennung nicht leisten, weil das seinem Saubermann-Image als Präsident enorm geschadet hätte. »Ich brauche dich, Patricia«, beschwor er sie. »Für mich und für die Zukunft unseres Landes. Überall lauern Rebellen, die nur darauf warten, dass ich stürze. Willst du dafür verantwortlich sein, wenn es mit unserer großen Nation bergab geht?«.
»Oh mein Gott«, spöttelte sie und lächelte schwach, bevor sie voller Verbitterung den letzten Schluck Gin hinunterkippte, den sie sich zur Beruhigung in ein Wasserglas eingeschenkt hatte. »Was ist das nur für ein Land, das von einem Mann regiert wird, der nicht mal seiner eigenen Frau die Treue halten kann?«
»Ich betrüge dich schon lange nicht mehr«, beteuerte er, ohne rot zu werden. »Es gibt keine andere Frau in meinem Leben. Nur dich. Wie oft soll ich das noch herunterbeten?«
»Und um diesen Schwachsinn selbst glauben zu können, entlässt du unsere bisherigen Leibwächter und tauschst sie gegen einen weiblichen Sicherheitsrobot aus, mit dem du ohne schlechtes Gewissen weiter treiben kannst, was du zuvor mit deinen weiblichen Angestellten getrieben hast«, orakelte sie voller Verachtung. »Warum bin ich so sicher, dass Monty dieses erste Exemplar ganz nach deinen Wünschen erschaffen hat? Klein, blond und willig.«
»Vielleicht schaust du sie dir erst einmal an«, erwiderte Jonathan, der sich ertappt fühlte und zugleich triumphierte, weil die Optik des neuen Robots so gar nicht ihrer spitzfindigen Prophezeiungen entsprach. Als es unvermittelt an der Tür läutete und das Sicherheitspersonal die Ankunft eines Liefershuttles der MacIntyre LLC anmeldete, empfand er aufgrund dieser Tatsache eine geradezu diebische Freude.
Patricia stieß einen undefinierbaren Seufzer aus und erhob sich aus ihrem Sessel. Während sie ihm missmutig folgte, strich sie sich das lange brünette Haar zurück, das seit der Beisetzung ihrer Schwester und deren Tochter deutlich an Glanz verloren hatte. Auf dem Weg zur Eingangshalle marschierte sie an einem großen Kristallspiegel vorbei, der noch aus dem letzten Jahrhundert stammte. In dem schwarzen Hosenanzug sehe ich noch abgemagerter aus als ohnehin schon, dachte sie und fühlte sich plötzlich zutiefst erschöpft. Aus dem gleichen Grund hatte sie alle Termine abgesagt. Die Tage nach Jills und Emmas Tod waren grausam gewesen. Ihre jüngere Schwester hatte ihr immer als zuverlässige Vertraute zur Seite gestanden. Auch wenn sie charakterlich sehr unterschiedlich gewesen waren. Jill hatte eindeutig den kapriziöseren Part übernommen und war entschlossener gewesen, was die Beendigung ihrer Ehe betraf. Sie hatte sich sogleich von Ashton getrennt, als herausgekommen war, dass er sie mit einem Robot betrogen hatte. Jill hätte ihr in jedem Fall davon abgeraten, einen weiblichen Robot als Bodyguard zu akzeptieren.
Umso überraschter war sie, als ein herbeigerufener Sicherheitsbeamter die Kiste öffnete und eine maskulin wirkende junge Frau zum Vorschein kam, die eher an eine Kampfsportlerin erinnerte als an eine vollbusige Escort-Begleiterin, die sie in ihrer Empörung erwartet hatte. Dieses Modell hatte ein schönes, ebenmäßigen Gesicht, das keinerlei emotionale Regung zeigte. Schon gar nicht erzeugte es den Eindruck, kokettieren zu wollen oder auch nur ansatzweise zu flirten. Die Augen besaßen eine bernsteinfarbene Iris, deren Leuchten durch die schwarzen, dichten Wimpern noch verstärkt wurde. Ihr dunkles, schulterlanges Haar reichte ihr bis tief in den Rücken. Ein paar helle Strähnen machten es lebhafter in seiner Ausstrahlung.
Genauer betrachtet sah sie aus wie ein Raubtier auf der Jagd und nicht wie ein niedliches Bunny, das bereitwillig auf den Schoss seines Besitzers hüpfte. Zu allem Überfluss trug sie einen enganliegenden schwarzen Kampfanzug, dazu passende, schwarze Combat-Stiefel und war mindestens so groß wie Jonathan, der gut sechs Fuß aufweisen konnte.
Redneck, Patricias schwarzem Cockerspaniel, gefiel der Robot nicht. Er kläffte wie verrückt und knurrte die erschreckend menschlich aussehende Maschine unentwegt an.
»Aus!«, herrschte Jonathan den Hund an, der richtiggehend bösartig wurde und an seinem neuen Feindbild emporsprang, als ob sie einer der Paketroboter wäre, die ab und zu an der Pforte erschienen und an die Redneck sich einfach nicht gewöhnen wollte.
Als der Lieferant von MacIntyre den Robot mit einer knappen Berührung unterhalb des Kinns in Bewegung setzte und die junge Frau ein wenig hölzern über den weißen Marmorboden auf sie zumarschierte, wich Patricia unmerklich zurück. Wobei die Vorstellung, wie Jonathan einen solchen Robot womöglich für seine sexuellen Vorlieben nutzen wollte, haltloses Gelächter in ihr auslöste.
Jonathan, der den holographischen Lieferschein per Iris-Scan unterzeichnet hatte, blickte irritiert auf, nachdem der Bote sich verabschiedet und er den Sicherheitsbeamten ein Zeichen gegeben hatte, dass sie sich hinter die Schleuse in ihren Aufenthaltsraum zurückziehen durften. »Darf ich fragen, was du an der ganzen Sache so lustig findest?«, monierte er und warf Patricia einen verständnislosen Blick zu.
»Ich habe mir gerade vorgestellt, wie sie den Spieß umdreht und dir den Hintern versohlt.« Patricia schaffte es nicht, ein breites Grinsen zu unterdrücken.
»Schön, wenn diese abwegige Überlegung wenigstens zu deiner Erheiterung beiträgt«, erwiderte Jonathan steif. Wie üblich hielt sich sein Humor in Grenzen, vor allem wenn Patricia sich über ihn lustig machte. Er brachte den Hund zum Schweigen, indem er ihn unwirsch am Halsband packte und in einen Nebenraum sperrte, wo sein Bellen in ein Jaulen überging, das nach einer Weile verebbte.
»Was kann denn der Hund dafür, wenn du keinen Spaß verträgst?«, beschwerte sich Patricia und zog ungehalten ihre schmal gezupften Brauen zusammen.
»Das ist kein Spaß«, knurrte er. »Das ist eine ernstzunehmende Angelegenheit. Ich will nicht, dass du so endest, wie deine Schwester oder Emma.«
»Und was machst du, wenn deine Muskel-Tante ähnlich reagiert wie Rochelles Robolover? Sie sieht nicht aus, als ob sie sich durch einen ausgeprägten Beschützerinstinkt auszeichnet. Sie sieht eher aus, als ob sie einem Menschen mit dem kleinen Finger das Genick brechen kann «, orakelte Patricia mit unheilschwangerer Stimme. »Oder hast du diese Killermaschine etwa engagiert, um mich auf möglichst billige Art und Weise loszuwerden?«
»Verdammt nochmal Patricia, lass diesen Blödsinn!«, fuhr er sie an. »Ich habe dir gesagt, warum sie hier ist. Sie wird über dich wachen und das Tag und Nacht. Sonst nichts. Die Programmierung des Robots ist selbsterklärend. Du hast gesehen, wo du sie ein- und ausschalten kannst. Sie ist darauf programmiert, dir zu gehorchen und dir bei was auch immer zu helfen, wenn du es wünscht. Sie wird dich überallhin begleiten, ins Museum, in die Oper oder wenn du dich mit deinen Freundinnen zum Essen verabredest. Wenn du willst, kann sie dir sogar deine Haushälterin ersetzen. Außerdem hat sie eine Programmierung als Personal Trainer. Also falls du joggen oder eine Unterstützung bei deinen Fitnessprogrammen benötigst, wird sie an deiner Seite sein.«
»Für mein Fitnessprogramm benötige ich garantiert keinen weiblichen Robot mit dem Charisma einer russischen Dopingqueen«, insistierte Patricia mit einem finsteren Blick.
»Es reicht«, erwiderte Jonathan mit einem sarkastischen Zug um den Mund. »Wenn du Soul so sehr ablehnst, können wir auch alles beim Alten lassen und ich nehme sie in mein eigenes Sicherheitsprogramm auf. Vielleicht wird sie mich dann in die Oper begleiten und du engagierst deine vorwitzige Haushälterin als deinen neuen Bodyguard. Zumindest ihr Mundwerk schießt schneller als meine Agenten. Vielleicht erledigt sie die Robots der Rebellen mit ihrem Nudelholz, wenn sie dir irgendwo auflauern.«
Patricia kniff verärgert die Lippen zusammen. Jonathan nahm sie nicht ernst. Geschweige denn, dass er sie respektierte. Aber das hatte er ohnehin nie getan. »Nun gut. Ich behalte den Robot. Sollte ich allerdings erfahren, dass Monty MacIntyre für dich ein ähnliches Modell konstruiert hat, mit dem du dich zu allem anderen ungehemmt amüsieren kannst, wird das Konsequenzen haben.«
Jonathan tat, als habe er ihre Drohungen überhört. Demonstrativ schaute er auf sein Holoarmband. »Ich muss los. Um drei habe ich ein Treffen mit dem paneuropäischen Botschafter.«
Nachdem er endlich gegangen war, hätte Patricia am liebsten irgendetwas an die Wand geworfen. Stattdessen stieß sie nur einen lauten Schrei aus wie eine Karatekämpferin, kurz bevor sie einen Basaltblock durchschlägt.
Mrs. Beardle, ihre afroamerikanische Haushälterin, deren Zuverlässigkeit Patricia weitaus mehr als die eines vergleichbaren Robots schätzte, kam alarmiert aus der Küche geeilt – wie immer in einen blütenweißen Kittel gekleidet und mit einem kerzengraden Häubchen auf dem pechschwarzen Haar. »Was ist passiert?«, rief sie bereits im Anmarsch und schaute Patricia verständnislos an, als sie abrupt vor ihr Halt machte.
Patricia war sicher, dass sie ihre Auseinandersetzung mit Jonathan belauscht hatte. Edith, wie sie mit Vornamen hieß, hatte Ohren wie ein Luchs und es gab so gut wie nichts, das ihr entging. Außer Patricia war sie die einzige menschliche Person im Haus und hatte ungefragt das Kommando über die Service-Robots übernommen, die ihr bei allen anfallenden Arbeiten zusätzliche Unterstützung leisteten. Also würde Patricia ihr auch die Verantwortung für Soul übertragen.
»Das!« Patricia deutete widerwillig auf ihre neuste Errungenschaft. »Sie wird ab heute bei uns einziehen und du wirst, wie bei den anderen Robots auch, ihren Dienstplan überwachen.«
Edith hob eine ihrer buschigen Brauen und nickte verblüfft. Offenbar nicht sicher, was sie von ihrer neuen Kollegin halten sollte.
»Sie sieht aus wie ein Monster«, echauffierte sie sich und schaute mit kritischem Blick zu dem viel größeren Robot auf. »Sagen Sie bloß, Ma’am, sie soll zusätzlich im Haushalt eingesetzt werden?« Ihr ansonsten so selbstgefälliger Blick war plötzlich panisch. »Was ist, wenn sie meine Arbeit übernimmt und mich überflüssig macht? Ich habe eine achtköpfige Familie zu ernähren, ich hoffe, Sie vergessen das nicht.«
»Keine Sorge«, beschwichtigte Patricia sie und klopfte ihr beruhigend auf die knochige Schulter. »Darf ich vorstellen? Das ist mein neuer Bodyguard, den der Präsident mir aufs Auge gedrückt hat. Und nein, sie ist garantiert keine Konkurrenz für dich. Eher ist das Gegenteil der Fall. Ich vertraue deinem Instinkt weit mehr, was lauernde Gefahren in diesem Haus und auch außerhalb betrifft, als dieser humorlosen Lady. Sie soll mich lediglich auf Außentermine begleiten, Oper, Theater oder Wohltätigkeitsveranstaltungen und dabei meinen Schutz garantieren. Also eigentlich immer, wenn ich das Haus verlassen muss. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich ihren Fähigkeiten vertrauen kann, oder sie versehentlich eher mich ins Jenseits schickt anstatt potentielle Angreifer.«
»Trägt sie deshalb den Overall eines Soldaten und hat einen Blick drauf wie ein Panther auf der Jagd?«
»Du hast es erkannt, Edith. Sie ist ein Kampfrobot, allerdings mit sämtlichen weiblichen Attributen. Zumindest optisch. Was das charakterlich bedeutet, vermag ich noch nicht zu beurteilen.«
Edith warf Patricia einen besorgten Blick zu. »Heißt es nicht, diese Kriegsroboter sind in privaten Haushalten verboten? Oder macht der Präsident bei Frauen eine Ausnahme?« Ihre Haushälterin umrundete den viel größeren Robot mit einem skeptischen Blick. »Offen gestanden macht sie mir ein bisschen Angst. Obwohl ich ansonsten nicht leicht zu beeindrucken bin.«
»Jonathan hat mir versichert, dass sie ihre Schutzaufgaben besser erfüllt als jeder menschliche Leibwächter. Angeblich ist der Umgang mit ihr ohne Risiko. Trotzdem rate ich zu einer gesunden Vorsicht. Ich möchte, dass du sie im Auge behältst und auch den Hund nicht in ihre Nähe lässt. Er mag sie nicht und wer weiß, vielleicht ist sie bei Redneck nicht so gnädig wie bei ihren Auftraggebern.«
»Wie Sie wünschen, First Lady«, gab Edith mit einem merkwürdigen Blick zurück, in dem geschrieben stand, was Patricia längst dachte: wie seltsam sie die Entscheidung des Präsidenten fand, seiner Frau einen solchen Robot vor die Nase zu setzen.
»Hat sie einen Namen?«
»Soul. Ihr Name ist Soul.«
»Soul?«, Edith rollte eindrucksvoll ihre runden Augen und grinste verhalten. »Mein Gott, wer denkt sich sowas aus? Solche Robots haben garantiert keine Seele. Weiß sie, dass sie so heißt?«
»Das werden wir gleich herausfinden.« Pat seufzte genervt und trat näher an den Robot heran. »Soul«, sagte sie etwas lauter, als es vielleicht üblich gewesen wäre.
Der Robot drehte den Kopf in ihre Richtung und schaute sie durchdringend an. »Womit kann ich dienen, Ma’am?« Ihre Stimme war erstaunlich weich und beinahe erotisch. Was Patricia nicht weiter verwunderte, sondern eher in ihrem Verdacht bestätigte, dass Monty MacIntyre bei der Konstruktion dieses Robots eher an seine männlichen Kunden gedacht hatte.
»Mrs. Beardle bringt dich nun in dein Apartment und wird sich um dein Gepäck kümmern. Folge ihr und bleib dort, bis ich dir etwas anderes befehle!«
»Ich werde Mrs. Beardle in mein Apartment folgen«, wiederholte der Robot seltsam mechanisch.
»An einem flüssigen Konversationsverhalten müssen wir noch arbeiten«, befand Patricia und hob eine Braue, »diese monotonen Wiederholungen machen mich schon jetzt wahnsinnig.«
Edith schien die Sache mit dem neuen Robot nicht geheuer zu sein. Sie wurde immer schneller, während Soul stoisch hinter ihr hermarschierte. Am Ende des Flurs sah es aus, als ob die ansonsten unerschrockene Haushälterin regelrecht die Flucht vor dem neuen Robot ergriff.
Patricia schaute den beiden ratlos hinterher, bis sie in einem der Gästeapartments verschwunden waren. Ein langgezogenen Jaulen holte sie zurück aus ihren Gedanken. Was um Himmels willen sollte sie mit Redneck anstellen, der nun wieder unentwegt an der Tür kratzte, um endlich aus seinem Gefängnis befreit zu werden? Sie konnte ihn unmöglich die ganze Zeit über einsperren, nur weil er mit ihrem neuen Robot nicht klarkam.
Nach einem Moment des Überlegens entließ sie den Hund in den Garten, wo er aufgeregt unter den Trauerweiden auf und ab rannte und nervös alles beschnüffelte, was sich ihm in den Weg stellte. Er war völlig außer sich. Gut, dass er nachts bei ihr vor dem Bett schlief, damit er sie warnen konnte, falls der Robot womöglich in ihrem Schlafzimmer auftauchte. Edith ging abends nach Hause zu ihrer Familie und somit war Redneck das einzige lebendige Wesen, das ihr nachts im Haus Gesellschaft leistete. Bisher hatte sie kein Problem damit gehabt, mit den einfachen Haushaltsrobotern allein im Haus zu sein. Aber bei Soul verhielt es sich anders.
Obwohl ihr neuer Bodyguard eigentlich das Gegenteil bewirken sollte, erschrak Patricia beinahe zu Tode, als Soul wie befürchtet nach Einbruch der Dunkelheit im Salon auftauchte. Patricia hatte es sich in einem Sessel mit einem Glas Gin vor dem offenen Kaminfeuer gemütlich gemacht und entspannte bei einem romantischen Liebesfilm, den sie sich am Nachmittag auf ihr interaktives Heimkinosystem geladen hatte. Edith war kurz zuvor in ihren verdienten Feierabend entschwunden und Patricia hatte beinahe vergessen, dass sie ab sofort unter einer neuen Art von Beobachtung stand.
»Was hast du hier zu suchen?«, fragte Patricia ungewohnt barsch, während sie versucht war aufzuspringen. »Hatte ich nicht gesagt, du sollst in deinem Apartment auf weitere Befehle warten?«
»Ich möchte nachschauen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist, First Lady«, beantwortete Soul ihre Frage mit einem souveränen Blick und nahm Haltung an.
»Alles bestens. Du kannst wieder gehen. Ich komme allein zurecht«, gab Patricia genervt zurück.
Doch der Robot verharrte, als ob er ihren Befehl überhört hätte.
»Nun geh schon, du kannst dich entfernen.«
»Ich habe den Befehl, sie zu schützen«, wiederholte Soul und blieb einfach stehen.
Für einen Moment ergab Patricia sich ihrem Schicksal. Dann beschloss sie aufzustehen und zu sehen, ob der Robot ihr folgen würde, wenn sie sich entfernte. Sie stellte ihr Glas ab und marschierte schnurstracks in Richtung Empfangshalle, wo sich ein Gästebad befand. Als der Robot sich anschickte, sie zur Toilette begleiten zu wollen, blieb sie stehen und hob entschieden die Hand. »Stopp!«, rief sie und machte eine abwehrende Geste. »Du kannst mir überall hin folgen, aber nicht bis aufs Klo. Es gibt Bereiche, bei denen Menschen es vorziehen, allein zu sein.«
»Wie Sie wünschen, Ma’am«, erwiderte Soul in einem gleichgültigen Tonfall.
Patricia, der diese überbordende Fürsorge unheimlich war, verbarrikadierte sich geradezu erleichtert im Bad und setzte sich auf einen Hocker neben der Dusche. Dort grübelte sie darüber nach, wie sie fortan mit diesem störrischen Robot umgehen sollte.
R-956590, wie Souls offizielle Seriennummer lautete, konnte gemäß dem mitgelieferten Manual, dass Patricia nun auf ihrem Holoarmband aufrief, sogar durch Betonwände sehen. Ein eingebauter Infrarotscanner half ihr dabei. Wahrscheinlich war sie auf diese Weise tatsächlich in der Lage, sie trotz geschlossener Türen beim Pinkeln zu beobachten. Was hat mir Jonathan damit nur angetan, dachte Patricia. Wobei es sie nicht wundern würde, wenn ihr Noch-Ehemann die gewonnenen Daten umgehend an seinen Überwachungsdienst weiterleiten ließ.
Unwillig schüttelte sie den Kopf und beschloss, um ihre Ruhe zu haben, zunächst im Bad zu bleiben, wo ebenfalls ein großer Holobildschirm an der Wand für lückenlose Unterhaltung sorgte. Mit einem Sprachbefehl aktivierte sie den Romantikkanal. Sie musste sich ablenken und das funktionierte am besten, wenn sie den bereits angefangenen Liebesfilm bis zum Happy End verfolgte. Während sich das dreidimensionale Bild von neuem vor ihr aufbaute, erschien unvermittelt eine Werbung für einen neuartigen Personal Trainer und Alltagsbegleiter, was auch immer das sein mochte. Obwohl Patricia absolut nicht der Sinn nach einem weiteren Robot stand, horchte sie auf, als der Verkaufsmanager der Firma, ein sympathischer Kerl Ende dreißig, sie über die Vorzüge eines brandneuen Modells informierte. Ein Robot der besonderen Art, wie er ihr anschaulich erklärte. Obwohl der Robot tatsächlich eine Statur hatte wie einer von Montys Robot-Soldaten, entstammte er glücklicherweise nicht dem MacIntyre-Konzern, sondern einem jungen aufstrebenden Start-up Unternehmen, das seine Robots aus einer Produktion im neutralen Singapur bezog und sich auf einen angeblich harmlosen männlichen Begleiter für alle Fälle spezialisiert hatte. Genau wie Soul war der Robot optisch an menschlicher Präzision kaum zu überbieten.
Patricia starrte wie gebannt auf den riesigen, blonden Kerl, dessen jungenhaftes Lächeln sie beinahe noch mehr begeisterte als der nackte Oberkörper mit einer beeindruckenden Brust- und Schultermuskulatur oder der knackige Hintern, der in einer engen Jeans steckte.
»Er wird nicht nur ihre sportlichen Aktivitäten begleiten, sondern ist auch in ihrer Freizeit ein zuverlässiger Beschützer. Er beherrscht die gehobene Konversation und verhilft einer vielbeschäftigten Business-Lady nach Feierabend zur verdienten Entspannung«, erklärte der nicht weniger gutaussehende Moderator der Werbeveranstaltung mit einem einnehmenden Lächeln. Danach zeigte die 3D-Animation besagten Robot mit einer schönen Frau auf einem archaischen Eisbärfell vor einem flackernden Kamin, während er ihr mit einem verführerischen Lächeln ein Glas Rotwein einschenkte und danach ihre bloßen Schultern küsste, als ob er ihr ein eindeutiges Angebot machen wollte. Dabei himmelte er sie mit seinen blauen Augen an, als ob es keine Schönere gäbe.
Beim Anblick dieses romantischen Miteinanders verspürte Patricia einen plötzlichen Ansporn zur Rebellion. Schon seit Ewigkeiten wünschte sie sich einen attraktiven Mann, der sie auf Händen trug und ihr jegliche Wünsche von den Augen ablas. Jonathan hatte in dieser Hinsicht ohne Zweifel kläglich versagt. Warum also sollte sie noch länger warten, zumal ihr ein so fantastisches Angebot faktisch frei Haus geliefert wurde? Es war beinahe, als ob das Holonet nicht nur ihre Browsergewohnheiten analysierte, sondern neuerdings ihre Gedanken lesen konnte. Auch wenn es ihr irgendwie merkwürdig erschien, dass ein solches Angebot gerade jetzt auf ihrem Bildschirm erschienen war, würde die Anschaffung eines solchen Robots eine wunderbare Gelegenheit sein, Soul etwas entgegenzusetzen.
Mit diesem Alltagsbegleiter schlug sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens entsprach der Mann absolut ihren Vorstellungen von einem heißen und vor allem jüngeren Lover, und zum anderen konnte er sie vor diesem »Supergirl« retten. Nur für den Fall, dass ihr am Ende doch die Sicherungen durchbrannten und sie versehentlich auf sie losgehen würde.
Auch wenn es eigentlich irrsinnig war, sich noch einen Robot ins Haus zu holen, war Patricia jetzt schon neugierig auf Jonathans dummes Gesicht, wenn sie ihm beim nächsten Besuch ihren neuen Assistenten präsentierte.
In einer plötzlich aufkommenden Euphorie befahl sie ihrem virtuellen Einkaufsmanager laut und deutlich: »Bestellen«. Danach autorisierte sie mit einem Iris-Scan ihre virtuelle Creditkarte für die erste Monatsmiete, die das Unternehmen für den Robot verlangte und die ihr bei weitem nicht so hoch erschien wie der gesamte Kaufpreis, der erst fällig wurde, wenn man den Robot definitiv behalten wollte. Bis dahin konnte sie ihn jederzeit zurückgeben. Somit hatte sie sogar noch ein Schnäppchen gemacht und ging kein großes Risiko ein, falls der Kerl sich als unbrauchbar erweisen sollte, wovon sie nicht ausging. Sollte Jonathan sich gerne mit Soul vergnügen, wenn ihm danach war. Sie würde es ihm gleichtun, indem sie sich die Gesellschaft dieses fantastischen Robots gönnte.
Bist du sicher, das Richtige zu tun?, machte sich ihre innere Stimme bemerkbar, indem sie unmissverständlich Bedenken äußerte, dass sie die First Lady war und der Robot möglicherweise die gleichen Gefahren barg wie Soul – oder noch schlimmere. Flüchtig dachte sie an Rochelle und auch ihre Schwester Jill, denen angeblich ein ähnlicher Robot zum Verhängnis geworden war. Aber dieser Robot war kein Kriegsroboter, auch wenn er so aussah, beruhigte sie sich. Jedenfalls hatte das der Verkaufsmanager mehrfach versichert. Und Jonathans dummes Gesicht zu sehen, wenn er ihrer neusten Errungenschaft das erste Mal gegenüberstand, war es allemal wert, ein solches Risiko einzugehen. Falls sie am Ende doch einen Fehler gemacht hatte, war es im Grunde gleich, welcher der beiden Robots sie ins Jenseits schickte: Soul oder dieser blonde Adonis, der ihr mit seinem ausgeprägten Sixpack und den saphirblauen Augen wenigstens optisch den Eintritt ins Paradies versüßte.
Mit einer kurzen Sprachnachricht bestätigte ihr der Informationsdienst der Firma über ihren Holokommunikator die Lieferung, die bereits am nächsten Tag erfolgen sollte. Frei Haus. Inklusive Garantie, Gewährleistung und mit den erforderlichen Sicherheitsüberprüfungen, die alle Robots über sich ergehen lassen mussten, die nicht von regierungstreuen Firmen hergestellt wurden.
»Der Name des Robots lautet Silver«, vermeldete ihr das dazugehörige Callcenter. Wie romantisch. Mit einer gehörigen Portion Schmetterlinge im Bauch verließ Patricia ihr selbst gewähltes Gefängnis und befahl Soul, die auf dem Flur geduldig auf sie gewartet hatte, sich unverzüglich in ihr Apartment zu begeben. Erst nach dem dritten Mal war der Robot bereit, ihren Befehl zu befolgen und marschierte davon. Irgendwas stimmte mit dem Ding nicht. Aber gut, nun nahte Verstärkung.
Erleichtert ging Patricia zu Bett und sorgte dafür, dass die Sicherheitstüren zum Schlafzimmer verschlossen waren. Erst danach kuschelte sie sich in ihr Kissen und gab sich, Redneck im Arm, ihrer seligen Vorfreude hin.
»Yep! Sie hat angebissen«, triumphierte Max Fullerton im Hauptquartier der Rebellen. Er saß mit seinen drei Kameraden und einer Kollegin aus der Medizinabteilung in einem abgedunkelten Überwachungsraum und klopfte sich grinsend auf die Schenkel. Der hünenhafte, fast vierzigjährige Cyborg mit den kurzen, dunklen Haaren und dem rötlichen Dreitagebart bleckte seine makellosen Zahnreihen zu einem Siegerlächeln.
»Nun gibt es kein Zurück mehr«, erinnerte ihn Silver. »Ab sofort mutiert der Hybridkämpfer Max Fullerton zum Inhaber der Max Taylor Ltd, deren Firmensitz sich in Singapur befindet und die sich seit neustem auf den Verleih männlicher Escort-Robots spezialisiert hat.«
»Ich kann nicht glauben, dass es Frauen gibt, die auf einen solchen Blödsinn hereinfallen«, ereiferte sich Janet, die ihre Kameraden bei der Vorbereitung der ganzen Aktion unterstützt hatte. Normalerweise arbeitete sie als Robot OP-Schwester in der Klinik von Hunter’s Lane. »Und dann auch noch die First Lady. Das eigentliche Drama ist, dass solche Menschen die Welt beherrschen.«
Silver hatte die attraktive Blondine kurzfristig gebeten, sich mit ihm für die Aufzeichnungen des alles entscheidenden Werbevideos auf ein imaginäres Fell zu setzen, das er ebenso wie den imaginären Wein und das Kaminfeuer nur in die in Szene hineinkopiert hatte. Lediglich der verliebte Blick, den die schöne Blonde ihm zugeworfen hatte, war echt gewesen. Gemeinsam hatten sie einen günstigen Moment abgewartet, um Patricia Junger diesen Werbespot zu präsentieren, ohne zu wissen, wie sie darauf reagieren würde. Dass es dann doch so rasch funktioniert hatte, verblüffte alle, die daran mitgewirkt hatten.
»Typisch Menschen«, amüsierte sich Janet kopfschüttelnd und verdrehte die Augen. »Wenn sie etwas unbedingt wollen, verlieren sie jegliche Vernunft.« Eilig packte sie ihre Sachen zusammen und verabschiedete sich von Max, Lennox und Jack mit einem knappen Gruß. Bei Silver blieb sie kurz stehen und schaute ihn fragend an. »Sehen wir uns heute Abend noch?«
»Nein, tut mir leid, wenn alles so läuft, wie wir hoffen, muss ich ab morgen für ein paar Tage in einen Außeneinsatz.«
»Okay, verstehe, melde dich einfach, wenn du wieder da bist.« Sie zuckte mit den Schultern, ohne seine Antwort abzuwarten, und verschwand durch die Schiebetür.
»Sie steht auf dich«, bemerkte Max mit einem Augenzwinkern, nachdem sie gegangen war.
»Nenn mir eine Singlefrau in Hunter’s Lane, die nicht auf unser silberblondes Ausnahmetalent steht«, witzelte Lennox, der seinen dunkelblonden Schopf neuerdings zu einem militärischen Kurzhaarschnitt hatte trimmen lassen. Er war ein Cyborg wie Max und wie er vor noch nicht allzu langer Zeit gegen seinen Willen von Montgomery MacIntyre und seinen Verbündeten zum Sterben auf die Killingfields geschickt worden. Nur mit Silvers Hilfe war ihm die Flucht nach Hunter’s Lane gelungen, wo er eine sichere Zuflucht und die Frau seines Lebens gefunden hatte. Er wusste, wie die anderen auch, was er Cathrin und ihrer Organisation schuldig war.
»Patricia Junger ist einsam und ziemlich unsicher, was ihre Attraktivität betrifft«, kommentierte Jack, der wie Silver ein leistungsfähiger R8_Robot war, die Unbedarftheit der First Lady. »Dabei hat sie das gar nicht nötig. Sie hat bessere Uni-Abschlüsse als ihr Mann und hätte eine glänzende Karriere als Juristin vor sich gehabt, wenn Jonathan Junger sie nicht zu einer völlig überstürzten Heirat überredet hätte. Nun dankt er ihr diesen Fehler, indem er ihr eine totbringende Überraschung vor die Nase setzt. Ich kann verstehen, wenn sie sich an ihm rächen will. Ich meine, unsere Vermutung, dass mit ihrer Ehe was nicht stimmt, hat sich mehr als bestätigt. Das zeichnete sich schon ab, als Junger MacIntyres Angebot angenommen hat. Kein Wunder, wenn sie bei Silver sofort zugreift.«
»Sie würde bestimmt noch Alternativen finden«, stichelte Lennox mit einem Grinsen. »Aber es soll durchaus attraktive Frauen geben, die durch mangelnde Wertschätzung ihrer Ehemänner völlig das Gefühl für sich selbst verlieren.«
»Hey, wie soll ich das denn verstehen?« Silver, der sich innerlich für seinen genialen Einfall lobte, fuhr in seinem Drehstuhl mit gespielter Entrüstung zu den anderen herum.
»Nun ja«, fügte Jack mit einem Augenzwinkern hinzu, während er das Bild von Patricia Junger vergrößerte. »Ich finde, sie hat es eigentlich nicht verdient ein weiteres Mal betrogen zu werden. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie wirklich so naiv ist, wie sie tut. Oder, ob sie in Wahrheit nicht doch über die Verbrechen ihres Gatten informiert ist.«
»Hast du nicht ihre Schwester gevögelt?« Max warf ihm einen fragenden Blick zu. »Soweit ich mich erinnere, hatte die auch von nichts eine Ahnung, obwohl sie die Ex des Verteidigungsministers war. Sehen sich die beiden Frauen nicht zudem recht ähnlich?«
»Sahen «, brummte Jack, der sich an seine Erfahrung als Escort-Robot nur ungern erinnerte, zumal er inzwischen mit Marci verheiratet war. »Jill ist aller Wahrscheinlichkeit nach tot, obwohl ihre Leiche bis heute nicht aufgetaucht ist. Und ja, nicht nur ich hatte das zweifelhafter Vergnügen. Lennox durfte sich ebenfalls als ihr Lover versuchen. Die gute Jill war unersättlich und wusste genau, was sie wollte. Aber sie wusste offenbar nichts von MacIntyres Machenschaften und den grausamen Plänen der Regierung. Bei Patricia Junger bin ich mir nicht sicher. Dabei erscheint sie mir um einiges konservativer als ihre Schwester. Jedenfalls hat sie keinen Lover und auch sonst keinen Sex. Noch nicht mal mit sich selbst, soweit wir das bisher beurteilen konnten.«
»Obwohl sie schlank ist, hat sie eine hübsche Oberweite«, schwärmte Max und folgte ihren lasziven Bewegungen mit einem verträumten Blick. »Sie zu beobachten ist weiß Gott keine Strafe. «
Gemeinsam berieten sie noch eine ganze Weile die weitere Vorgehensweise. Silver verfolgte die First Lady der Panamerikanischen Allianz seit Wochen mit einer winzigen Drohne, die nicht größer als eine Mücke war. Auf den Überwachungsvideos, die Silver gespeichert hatte, trug Patricia Junger meistens einen dezenten schwarzen Hosenanzug, der wahrscheinlich dem plötzlichen Tod ihrer Schwester geschuldet war und jede ihrer harmonischen Kurven sexy betonte. Dazu hochhackige Stilettos, die ihre zierliche Erscheinung jedoch nicht wesentlich größer wirken ließen. Ihre brünetten Haare, die ihr bis über die Schulter reichten, schimmerten seidig und ihr zartes Gesicht mit den katzenhaften, grünen Augen und dem fein geschnittenen Mund zeugte von einem empfindsamen Wesen, aber auch von einem gehobenen Anspruch, den sie in ihrer Rolle als First Lady wie selbstverständlich an das Leben stellte. Auf Max, der beinahe zwanzig Jahre jünger war, entfaltete sie, ohne es auch nur zu ahnen, eine gewisse Anziehung, die seine männlichen Fantasien anheizte, selbst wenn ihr Ehemann zu den größten Arschlöchern dieses Planeten zählte. Schließlich hatte der Präsident der Panamerikanischen Allianz es höchstselbst zu verantworten, dass Max und seine anwesenden Kameraden um Haaresbreite an der panasiatischen Front verheizt worden wären.
»Ganz egal wie sie aussieht«, raunte Silver, während er das weitere Geschehen in Patricia Jungers Umgebung konzentriert beobachtete. »Mac 2 wird keine Probleme damit haben, sie durch eine hübsche Robot-Kopie zu ersetzen.
»Ich wüsste zu gerne, was wahrhaftig mit Jill Ambush und ihrer Tochter passiert ist«, sinnierte Max, während er eine weitere Aufnahme begutachtete, in der Patricia – nur mit einem winzigen Bikini bekleidet – hinunter in den Wellnessbereich ging, um ein paar Runden in ihrem riesigen Pool zu drehen.
»Wir wissen ja noch nicht einmal, ob es sich bei den Toten, die bei der Beerdigung im Weißen Haus aufgebahrt waren, um echte menschliche Leichen handelte«, gab Lennox zu bedenken, der hautnah miterlebt hatte, zu welchen Taten Mac 2 fähig war. »Ich mache mir Sorgen um diese Frau, wenn ich sehe, wie sie auf Schritt und Tritt von diesem Superrobot verfolgt wird. Das erinnert mich an Jill Ambush, wie sie um Haaresbreite von Mac 2s Killer-Robots ertränkt worden wäre und wir sie gerade noch retten konnten.«
»Was ihr am Ende auch nicht geholfen hat«, wandte Max ein, der den Hergang der Geschichte nur aus Aufzeichnungen kannte. Er war erst seit kurzem im Team und es war der erste Auftrag, den er zusammen mit Silver übernehmen durfte.
Jack hatte ihn aus den Laboren des damals schon nicht mehr leibhaftig existierenden Montgomery MacIntyre gerettet, noch bevor dessen weitaus gefährlichere Robot-Kopie Max auf die Killingfields hatte schicken können. In seinem früheren Leben war Max Informatiker gewesen und hatte mit Quantencomputern gearbeitet, bis ihn die künstliche Intelligenz der Robots überholt und arbeitslos gemacht hatte. Die Menschenjäger der Regierung hatten ihn kurz danach aus seinem bescheidenen Zuhause entführt und versucht, ihn in den Laboren der MacIntyre LLC in einen Cyborg umzuwandeln, was ihnen am Ende gelungen war.
»Und wenn wir nicht aufpassen, geht es nun Jills Schwester an den Kragen«, warf Jack wenig hoffnungsvoll ein. »Mich wundert, dass Patricia Junger bisher nicht das Weite gesucht und ihren Mann verlassen hat. Auf mich wirkt sie vernünftiger als Jill.«
»Die First Lady und ihr Mann haben allem Anschein nach eine Art Stillhalteabkommen geschlossen. Ich denke nicht, dass sie sich noch viel zu sagen haben«, fügte Max beiläufig hinzu.
»Eine Frage, die sich im Grunde von selbst beantwortet, findest du nicht?« Silver grinste ihn beiläufig an. »Du hast Janet doch gehört, wer sich mit mir abgibt, muss schon ziemlich verzweifelt sein.«
»Das hat sie garantiert nicht so gemeint«, warf Jack beschwichtigend ein und tätschelte seinem hünenhaften Kameraden belustigt die Schulter.
Silver koordinierte unterdessen aus dem Überwachungslabor in Hunter’s Lane sämtliche in- und ausländischen Kommunikationssysteme, die er – soweit es ihm möglich war – ausspionierte und zugunsten der Rebellen manipulierte. Ungeachtet der Frotzeleien seiner Kameraden konzentrierte er sich mit gerunzelter Stirn auf einen speziellen Quantencomputer, den er über ein Holoboard steuerte. Er justierte damit die Mini-Drohne, mit der sie gemeinsam die Anlieferung des weiblichen Robots beobachtet hatten. Zuvor hatte er geschickt die Sicherungseinrichtungen des Weißen Hauses umgangen, die das gesamte Gelände auf feindliche Drohnen hin überwachten. Nun steuerte er die Drohne in Patricia Jungers Schlafzimmer. Stumm beobachteten die Männer die schlafende Frau, die in ihrem seidigen Nachthemd halb entblößt ihren Hund im Arm hielt wie einen Geliebten. Beide zusammen boten einen herzzerreißenden Anblick.
Max war aufgefallen, wie sie sich an das Tier kuschelte und im Schlaf leise zu lächeln schien. »Ich möchte wetten, sie kann es kaum erwarten, bis du ihr den Hund ersetzt.«
»Was tue ich nicht alles für Hunter’s Lane«, gab Silver stoisch zurück. »Wobei ich mich bei diesem Anblick keinerlei Illusionen hingebe, was der Auftrag mir abverlangen wird.«
»Vielleicht sucht sie ja lediglich jemanden, der mit ihrer kläffenden Fellnase Gassi geht«, fügte Lennox beschwichtigend hinzu. »Oder jemanden, der die Lady mit den eingefrorenen Gesichtszügen beschäftigt. Was für den guten weiblichen Instinkt von Patricia Junger sprechen würde. Schließlich wissen wir alle nur zu gut, warum der Robot sich in ihrem Haushalt befindet.«
»Ich finde, dieses weibliche Robot-Modell sieht gar nichts so übel aus«, bemerkte Max anerkennend. »Offen gesagt hätte ich Mac 2 nicht so viel guten Geschmack zugetraut.«
»Wenn nicht so viel auf dem Spiel stehen würde, könnte ich mich genauso begeistern wie du«, erwiderte Silver mit einem düsteren Blick. »Cathrin hatte mit ihren Befürchtungen recht. Der Robot, den Junger seiner Frau auf dem Silbertablett serviert hat, ist eine Killermaschine. Und ich bin sicher, sie wird nicht zögern den Präsidenten und seine First Lady beseitigen, sobald die passenden Klone verfügbar sind, die beide ersetzen sollen. Das bedeutet, du wirst mich Patricia Junger so rasch wie möglich liefern. Am besten schon morgen.«
»Wobei es nicht so einfach werden wird, wie es den Anschein macht«, gab Max zu bedenken. »Jungers Agenten werden meine und auch deine Vita bis ins kleinste Detail überprüfen. Bevor wir loslegen, müssen wir uns einen wasserdichten Lebenslauf und den dazu passenden Leumund basteln.«
»Das ist schon so gut wie erledigt«, versicherte ihm Silver.
»Dann müssen wir nur noch Cathrin über unseren Überraschungserfolg informieren«, gab Lennox zu bedenken.
Jack hob eine Braue. »Worauf warten wir noch?«
»Bei allen Zweifeln, die ich normalerweise bei einem solchen Einsatz hätte, halte ich diese Variante für die beste«, lobte Cathrin ihre vier Elitekämpfer wenig später bei einer Besprechung in ihrem Büro. »Ihr bekommt alles, was ihr braucht. Geld spielt keine Rolle. Ich will unnötige Risiken vermeiden«, erklärte sie den vier hünenhaften Kämpfern, die um einiges größer waren als sie selbst. Mit lässig überkreuzten Armen hockten sie auf den vergleichsweise kleinen Stühlen, während ihre Anführerin wie ein unruhiger Geist vor ihnen auf- und abmarschierte. »Allem Anschein nach habt ihr mit eurem Plan ins Schwarze getroffen, sonst hätte die First Lady nicht so eilig ihre Bestellung aufgegeben. Außerdem werden diese Robot-Firmen, die sich auf männliche Robot-Escorts spezialisieren, immer beliebter. Damit dürfte es Mac 2 und auch dem Präsidenten und seinen Geheimdiensten schwerfallen, auf Anhieb einen Unterschied zu den bereits etablierten Anbietern zu erkennen. Was aber nicht davon ablenken sollte, dass dieser Einsatz verdammt riskant ist. Silver befindet sich mit dieser Mission nicht nur im Visier der panamerikanischen Überwachung, auch Mac 2 kann uns jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen, indem er ihn direkt angreift, und sei es nur in Gestalt dieses weiblichen Super-Robots«, warnte sie. »Max du wirst, nachdem du Silver in der Villa abgeliefert hast, ganz in der Nähe ein Apartment beziehen, damit du engen Kontakt zu ihm halten und ihn im Notfall evakuieren kannst. Lennox und Jack werden euch unterstützen und mit einem getarnten Speed-Gleiter ganz in der Nähe Position beziehen. Ihr werdet Silver überallhin folgen, falls er bei Außenterminen dabei sein muss. Wir sind uns alle über diese historische Chance im Klaren, Mac 2 und seine Pläne zu stoppen zu können. Trotz allem bleibt die Frage, in welchem Tempo er weiter vorgehen wird und wie wir den Präsidenten rechtzeitig davon überzeugen können, dass er und seine Frau sich in höchster Gefahr befinden.«
»Dafür müssen wir den beiden erst einmal nahe genug kommen«, erinnerte Silver sie, der über die Arbeit nachdachte, die es gekostet hatte, ihre Daten ins panamerikanische Überwachungssystem einzuschleusen, damit sie jeglicher Überprüfung standhielten. Nicht nur ihre DNA musste angepasst werden, auch ihre Social Media Präsenz musste zu einhundert Prozent stimmig sein. Websites, Vitas, Rückmeldungen von Kunden mussten schlüssig ineinandergreifen, um nicht den geringsten Zweifel zu erwecken, dass ihre Firma existierte und bereits schwarze Zahlen schrieb. Kein Geheimdienst der Welt durfte in die Lage versetzt werden, Lücken oder Unstimmigkeiten in ihren Daten zu finden. Alles musste jederzeit überprüfbar sein. Ihre Überwachungsparameter mussten in eine absolut widerspruchsfreie Vita münden. Jeder Mensch und jeder Robot, der sich in den dazugehörigen Staaten der Panamerikanischen Allianz bewegte, wurden permanent per Kamera und Satelliten-Aufzeichnung überwacht. Ein Ausbruch aus diesem System war nur möglich, wenn man die betreffenden Daten löschte oder irgendwohin untertauchte, wo keine Generalüberwachung existierte. Mit einer Ausnahme: Wenn man, wie die Spezialisten in Hunter’s Lane, die Regierungsserver hackte und die benötigten Daten unbemerkt anpasste. Silver würde das hinbekommen. Er war von Anfang an für die Informatik zuständig gewesen, weil Cathrin Programme in seinem Hauptspeicher installiert hatte, die mit regelmäßigen Updates alles abdeckten, was es an Neuerungen auf dem Sicherheitsmarkt gab.
»Ich verlasse mich in dieser Sache ganz und gar auf eure Fähigkeiten«, erklärte Cathrin ernst. »Max wird, wenn ich es richtig verstanden habe, den menschlichen Part übernehmen und sich als Boss dieser Scheinfirma bei Patricia Junger vorstellen und dich morgen an sie ausliefern.«
»Genauso ist es«, bestätigte Silver.
»Wie sich das anhört.« Max grinste schwach. »Ich hoffe, das mit dem Ausliefern ist nur praktisch gemeint und wird nicht zur Realität.«
»Mein Problem ist nicht Patricia Junger«, versicherte Silver zur Beruhigung aller. »Als Erstes muss ich versuchen, an den weiblichen Robot heranzukommen, um dessen Programmierung zu manipulieren. Ich bin sicher, dass ihre visuellen Aufzeichnungen eins zu eins an Mac 2 geliefert werden. Das bedeutet, ich muss die Iriskamera umprogrammieren und den Erinnerungsspeicher modifizieren, damit meine Anwesenheit in den Berichten gelöscht wird. Die Überwachungsmodule des Hauses habe ich mir bereits vorgenommen. Auch hier müssen die Einstellungen so vorgenommen werden, damit wir für Mac 2 unsichtbar bleiben.«
»Vergiss nicht, Mac 2 hat dem Robot ein weibliches Hormonsystem implantiert«, erinnerte Cathrin Porter ihn. »Das macht sie unberechenbarer als einen männlichen Robot, wenn du versuchst sie zu manipulieren.«
»Keine Sorge.« Silver grinste schräg. »Ich kenne mich mit Frauen aus. Ganz gleich ob es sich um Robots oder Menschen handelt.«
»Für die Zeit eures Einsatzes werden wir die gesamte Basis in Alarmbereitschaft versetzen«, stellte Cathrin mit der ihr eigenen Souveränität klar. »Es ist damit zu rechnen, dass nicht nur Jonathan Junger verstärkt nach uns fahnden lässt, auch Mac 2 dürfte nach der Geschichte mit Emma klar sein, dass wir nicht schlafen. Und denkt immer dran: Falls es dieser verdammten MacIntyre Kopie gelingen sollte, den Präsidenten durch einen Klon zu ersetzen, haben wir ein echtes Problem.« Sie zog die Stirn kraus, während sich ihre blauen Augen um Nuancen verdunkelten.
»Keine Sorge«, entgegnete Silver, dessen tiefe Stimme ein natürliches Vertrauen in seine Fähigkeiten generierte. »Wir kriegen das hin.«
Mit einer gewissen Aufregung strich Patricia Junger den Rock ihres grauen Kostüms glatt, als es am nächsten Tag zur Mittagszeit an der Tür läutete und sich eine sympathische Stimme mit »Max Taylor, Personal Coaching« über die holografische Gegensprechanlage meldete. Sie hatte sich für lackschwarze High Heels und schwarze Strümpfe entschieden und sich extra etwas mehr Mühe bei der Morgentoilette gegeben, indem sie nicht nur ihre Haare lockig frisiert, sondern den Kosmetik-Robot auf ein etwas gewagteres Make-Up programmiert hatte.
Beim Anblick des lässig gekleideten Mannes, der unvermittelt auf dem Holobildschirm auftauchte, machte sie sich Gedanken, ob ihr Lippenstift nicht vielleicht etwas zu Kirschrot ausgefallen war und der dunkle Lidschatten eine Spur zu dramatisch. Ihr Gegenüber hatte ein markant männliches Gesicht, das umrahmt war von kurzgeschnittenen, lockigen braunen Haaren und einem ebenso kurzen rotbraunen Bart. Taylor war breitschultrig wie ein Bär und sah trotz des dunklen Anzugs aus, wie Patricia sich einen kanadischen Holzfäller vorstellte. Mit seinen vertrauenerweckenden nussbraunen Augen gefiel er ihr auf den ersten Blick mindestens genauso gut wie der Robot, den sie für sich bestellt hatte. Aber leider war er ein Mensch und nicht Teil des Angebots.
»Ich stehe hier mit Ihrem neuen Alltagsbegleiter in der Sicherheitskontrolle und warte auf eine Rückmeldung, ob wir zu Ihnen hereindürfen«, erklärte er ihr mit einem entschuldigenden Achselzucken.
Es war die gleiche vertrauenerweckende Stimme, die den Werbetrailer gesprochen hatte. Alles in allem wirkte er sympathisch und nicht wie ein potenzieller Attentäter. »Warum dauert die Überprüfung so lange?«, wollte Patricia von ihren Sicherheitsbeamten wissen, die für die Zugangsschleuse und den Außenbereich der Villa verantwortlich waren.
»Es handelt sich um einen unangemeldeten Besuch und der Mann führt einen Robot mit sich, der genehmigungspflichtig ist«, meldete der verantwortliche Sicherheitsoffizier über die holografische Gegensprechanlage. »Wir müssen zunächst seine Zulassung prüfen, bevor er das Haus betreten darf.«
»Ich habe die Zulassungsdokumente bereits geprüft, Mr. Sanders«, klärte Patricia den Chef ihres Sicherheitsteams auf. »Ich habe nichts feststellen können, was eine Lieferung infrage stellt. Und wie Ihnen vielleicht bekannt sein dürfte, besitze ich als studierte Anwältin den juristischen Weitblick, um beurteilen zu können, ob die notwendigen Auflagen erfüllt wurden. Also machen Sie keine Schwierigkeiten und lassen die beiden herein!«
»Aber der Präsident hat angeordnet…«
»Was der Präsident anordnet ist mir egal, das ist mein Haus, Mr. Sanders, und ich bin die First Lady, also bitte.«
Mit einem knurrigen Seufzer öffnete der Sicherheitsmann die Schleuse und ließ die beiden Neuankömmlinge den Zugang zum Hauptportal passieren.
»Wer ist das?«, ertönte eine weibliche Stimme hinter Pat, während die beiden Männer sich in einem gläsernen Korridor befanden, der direkt zur Empfangshalle führte.
Patricia fuhr erschrocken herum. Fassungslos blickte sie in die makellosen Gesichtszüge ihres weiblichen Bodyguards. Soul. Wer sonst hätte sich so unbemerkt an sie heranschleichen können?
»Deine Konkurrenz«, erwiderte Patricia grimmig und schenkte ihrer neuen Aufpasserin mit der Ausstrahlung einer Eiskönigin keine weitere Beachtung, als diese zu einer weiteren Frage ansetzen wollte.
»Sie können reinkommen. Die Sicherheitsschleuse ist geöffnet«, vermeldete Patricia in einem leicht gereizten Ton, der nicht dem Lieferanten und seinem Robot galt, sondern Soul, die sich allem Anschein nach übergangen fühlte.
»Aber…«, begann sie von neuem in einem dozierenden Ton, der Patricia nicht gefiel.
»Abschalten«, befahl ihr Patricia und half selbst nach, indem sie eine verborgene Stelle unter ihrem Kinn berührte, die Soul umgehend in eine unheimliche Erstarrung verfallen ließ.
Im gleichen Moment kam Edith aus der Küche geeilt und schaute sie entgeistert an, als sie die beiden hochgewachsenen Männer bemerkte, die bereits am Ende der Schleuse angelangt waren und darauf zu warten schienen, dass Patricia ihnen die Tür zu ihrem Refugium öffnete.
»Tut mir wirklich leid, Ma’am, ich war gerade bei den Vorbereitungen zum Nachmittags-Tee«, entschuldigte sie sich mit einer theatralischen Geste. »Sie haben gar nicht gesagt, dass wir Besuch erwarten.« Normalerweise kümmerte Edith sich um den Einlass von Gästen und setzte dabei ein Gesicht auf wie ein Höllenhund, der den Zugang zur Unterwelt bewacht.
»Das macht nichts, Edith«, beruhigte Patricia sie. »Ich hatte die beiden Herren offen gesagt erst später erwartet. Deck doch bitte den Tisch im Speisezimmer für drei Personen.«
Ediths irritierter Blick glitt an Soul hinauf, die im Verhältnis zu ihr geradezu riesig war. »Warum haben Sie die Robot-Lady abgeschaltet?«
»Sie redet zu viel. Das ging mir auf die Nerven.«
Ediths Lider verengten sich unmerklich. Sie plapperte selbst zu viel und fühlte sich offensichtlich ertappt. Erst jetzt schien ihr aufzufallen, dass Soul ihre Kleidung gewechselt hatte und nun ein gelbes Chanel-Kostüm trug. »Verzeihen Sie mir meine Bemerkung, aber sie sieht aus, als ob sie zum Tee im britischen Königshaus eingeladen wäre. Wird sie trotz ihrer Redseligkeit mit am Tisch sitzen?«, fragte sie vorsichtig und warf dem versteinert dreinblickenden Robot einen zweifelnden Blick zu. »Wobei ich mir gerade die Frage stelle, ob sie überhaupt Tee und Sandwiches verdauen kann, weil bei gewöhnlichen Robots so etwas gar nicht vorgesehen ist.«
»Damit habe ich mich offen gesagt, noch gar nicht beschäftigt«, erwiderte Patricia genervt. »Aber selbst wenn, will ich sie nicht dabei haben.«
»Wozu dieser ganze Aufwand mit den neuen Kleidern?«
»Ich dachte, wenn ich ihr das Kostüm meiner verstorbenen Mutter anziehe, sieht sie nicht mehr ganz so furchterregend aus. Sie war in jungen Jahren ein bekanntes Supermodel und ich hatte das Kleid zur Erinnerung aufbewahrt. Ich weiß nicht, ob ich das je erwähnt habe.«
»Nein, Sie hatten es nicht erwähnt. Aber ich wusste es trotzdem.« Edith grinste verhalten. »Und wer hat ihr die Lockenfrisur und das Make-Up aus den 70ern des letzten Jahrhunderts verpasst?«
»Ich habe sie vor meinen Kosmetikrobot gesetzt und das entsprechende Programm abgerufen.«
»Ein vergeblicher Versuch, eine maskuline Einzelkämpferin in eine nymphenhafte Fee zu verwandeln«, entfuhr es Edith gnadenlos, während sie mit ihren Augen rollte. »Und wer sind die da?«, fragte sie geradeheraus und deutete mit dem Finger auf die beiden Männer, die sich nun anschickten, die Empfangshalle zu betreten.
»Das wirst du noch früh genug erfahren. Und nun geh bitte und bereite den Tee, wir sind gleich so weit.« Patricias Stimme klang ein wenig strenger als noch zuvor.
»Selbstverständlich Ma’am.« Edith nickte unterwürfig, bevor sie sich in Richtung Küche davon machte.
Patricia überlegte, ob es angebracht war, den bestellten Robot wie einen Menschen zu begrüßen. Er sah aus wie ein richtiger Mann, keine Frage, aber im Grunde war er nichts anderes als Soul. Unvermittelt überkamen sie Zweifel, möglicherweise einen nicht wieder gut zu machenden Fehler begangen zu haben, indem sie sich einen Kerl geordert hatte, dessen physische Präsenz noch um einiges gewaltiger war, als die ihres neuen weiblichen Bodyguards.
Mein Gott, Patricia, was ist nur mit dir los?, meldete sich ihre innere Stimme. Du triffst doch sonst keine übereilten Entscheidungen. Was willst du nur mit einem solchen Kerl anfangen? Fast schämte sie sich für ihre überbordende Fantasie, die sie beim Anblick der attraktiven Maschine in der holographischen Werbeanzeige regelrecht heimgesucht und dafür gesorgt hatte, dass sie ohne lange nachzudenken den Bestellbutton gedrückt hatte. Wahrscheinlich würde Edith mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten, wenn sie ihr den neuen Hausbewohner erst vorgestellt hatte.
Während die Glastür der Schleuse zur Seite fuhr und beide Hünen die Deckenbeleuchtung verdunkelten, sank ihr Herz in den Magen und sorgte dort für ein unangenehmes Klopfen, obwohl sie ansonsten nicht ängstlich war.
Beim Anblick ihrer unverhofften Gäste straffte sie nervös die Schultern und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln, als sie dem Firmenvertreter die Hand entgegenstreckte. Er trug einen grauen Anzug, zusammen mit einem schwarzen Stehkragenhemd, was beides nicht zu seiner sportlichen Erscheinung passte. Patricia bildete sich ein, bereits auf den ersten Blick erkennen zu können, ob ein Mann ein Anzugträger war oder eher Freizeitkleidung bevorzugte. Der Chef der Robot-Vermietung gehörte garantiert zur zweiten Kategorie. Er wirkte auf eine entzückende Weise zurückhaltend, während er sich möglichst unauffällig umschaute und wohl dachte, sie würde seine Neugierde nicht bemerken.
»Max Taylor.« Sein Händedruck war fest, aber nicht zu fest. Eher vertrauenerweckend und warm. Er hielt ihre Hand eine Spur zu lange in seiner Pranke, während er ihr so tief in die Augen schaute, dass sie die goldenen Sprenkel in seiner Iris erkennen konnte. »Wir hatten bereits per Holokommunikator das Vergnügen«, erinnerte er sie.
»Herzlich Willkommen«, entfuhr es ihr eine Spur zu überschwänglich. »Schön, dass sie es so bald einrichten konnten. Ich habe bereits sehnsüchtig gewartet.« Sehnsüchtig? Oh nein, wie hatte ihr das nur rausrutschen können. Was sollte Max Taylor von ihr denken? Wahrscheinlich hielt er sie für eine unbefriedigte Nymphomanin, wie es ihre Schwester gewesen war, nachdem sie ihren untreuen Ehemann verlassen hatte.
Obwohl von Sex bei dem Angebot nicht die Rede gewesen war, ging ihr nicht aus dem Kopf, ob der Robot auch fürs Bett geeignet war. Immerhin hatte der Werbefilm mit dem verliebten Pärchen eindeutig suggeriert, dass ein solcher Kerl mehr zu bieten hatte als nur Sporteinheiten und Konversation.
Ein rascher Seitenblick versicherte ihr, dass der Robot mindestens so attraktiv war wie sein Boss. Er trug einen schwarzen Overall, ähnlich wie Soul, als sie geliefert wurde. Unter dem engen, glatten Stoff zeichnete sich seine beeindruckende Muskulatur ab.
... Jesus! Er sah tatsächlich aus wie der Prinz aus dem Märchenland, den sie sich schon als Mädchen an ihre Seite geträumt hatte. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass er um einiges größer und muskulöser war als das Vorbild aus Kindertagen. Sie hatte sich geirrt. Seine beeindruckende Erscheinung übertraf die Katalogversion und auch Max Taylor konnte mit ihm nicht mithalten. Dieser Robot war einfach perfekt. Der silberblonde, militärischen Kurzhaarschnitt passte perfekt zu seinen ausdrucksvollen, blauen Augen und dem schmalen, kantigen Gesicht, auf dem ein weicher, gepflegter Dreitagebart spross. Besonders die gerade Nase und der trotzige Mund wirkten auf Patricia noch attraktiver als in der holographischen Werbeanzeige. Von ihm geküsst zu werden, musste geradezu himmlisch sein.
Er lächelte ihr zu, als ob er ahnte, was sie über ihn dachte, wobei sich in seinen Augenwinkeln ein paar minimale Fältchen zeigten, die ihn zusammen mit den makellosen Zähnen noch unwiderstehlicher machten, als er ohnehin schon war. Und im Gegensatz zu seinem Verkaufsmanager würde er auch in einem Anzug eine gute Figur machen.
»Ist er das?«, fragte sie mit leicht bebender Stimme an Max Taylor gerichtet. Wobei sie es geflissentlich vermied, das Wort »Robot« in den Mund zu nehmen. Zugleich hasste sie sich dafür, wie ein Teenager zu erröten.
»Ja, das ist Silver«, meinte Taylor so selbstverständlich, als ob er ihr lediglich einen neuen Kleiderrobot geliefert hätte und nicht einen absolut lebensecht wirkenden Kerl, der vor Sexappeal nur so platzte. »Ich hoffe, er sagt Ihnen zu.«
»Silver«, wiederholte sie andächtig und versank für einen Moment in seinen silberblauen Iriden, die perfekt zu seinem Namen passten. »Ich finde, er sieht aus wie ein griechischer Gott«, plapperte sie völlig sinnlos daher, wobei sie ihn nun noch einmal aus der Nähe betrachtete.
Den schwarzen Overall hatte man ihm perfekt auf den muskulösen Leib geschneidert. Er passte wesentlich besser zu ihm als zu Soul. Mit seinen unglaublich breiten Schultern und einer Größe von mindestens zwei Metern war er noch ein gutes Stück größer als sie. Seine riesigen Füße steckten in ein paar lässigen, schwarzen Sportstiefeln, die aussahen, als ob sie extra für ihn angefertigt worden waren.
Patricia verschluckte sich fast, als sich unverwandt ein seltsames Glitzern in seiner Pupille zeigte. Was wahrscheinlich der Iriskamera geschuldet war, die er wie die meisten hochentwickelten Robots besaß, um Geschehnisse in seiner Umgebung aufzeichnen und archivieren zu können.
Zögernd streckte sie ihre rechte Hand nach ihm aus, die er relativ unbekümmert entgegennahm und für sie völlig unerwartet einen Kuss darauf hauchte.
»Ich freue mich, dass sie sich für mich entschieden haben«, sagte er mit einer unnachahmlich sanften Stimme und schaute ihr von unten herauf in die die Augen.
»Patricia Junger. Schön, dass Sie so rasch hierher gefunden haben«, antwortete sie, bemüht darum nicht zu stottern wie ein Teenager beim ersten Rendezvous.
»Danke für Ihre Einladung, First Lady.« Er löste seinen Griff und verbeugte sich leicht, dabei bedachte er sie mit einem charmanten Lächeln. »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.«
»Uhm… woher weiß er…?« Patricia schaute Max Taylor verblüfft in die Augen.
»Spätestens nachdem ich die Adresse gecheckt hatte, war klar, dass wir keine gewöhnliche Kundin beliefern«, gab Max bereitwillig Auskunft. »Die Sicherheitsvorkehrungen, die wir über uns ergehen lassen mussten, bevor wir dieses Haus betreten durften, waren dann auch nicht ohne und hätten uns vorwarnen müssen. Und was Silver betrifft: Er hat eine ausgeprägte Gesichtserkennung und vergisst niemals, wen er vor sich hat.«
»Es tut mir leid, dass meine Sicherheitsbeamten so unprofessionell reagiert haben«, erwiderte sie mit einem entschuldigenden Lächeln. »Ich hätte vielleicht dazusagen sollen, wem sie diesen Robot liefern. Wobei ich um absolute Diskretion bitten möchte.«
»Kein Problem«, erwiderte Taylor mit einem gewinnenden Lächeln. »Wir werden auch keine Werbung mit einer solchen Kundschaft machen, obwohl uns das natürlich einiges an neuen Kunden einbringen würde, aber in unserem Geschäft steht Diskretion an erster Stelle.« Er warf seinem Begleiter einen gewichtigen Blick zu.
Der Robot hob seine Mundwinkel und nickte freundlich. Damit unterschied er sich eindeutig von Soul, die bisher noch nicht einmal geschmunzelt hatte.
Im gleichen Moment kam Redneck um die Ecke gesaust. Offenbar hatte der schwarze Cockerspaniel sich aus seinem »Gefängnis« befreien können, indem er selbstständig die Schiebetür zum Aufenthaltsraum neben der Küche geöffnet hatte.
»Sie müssen entschuldigen«, wandte sich Patricia an Max, »ich weiß nicht, wer den Hund rausgelassen hat. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen Hunde und der Robot auch nicht.«
Nach anfänglicher Skepsis beschnüffelte Redneck ihre beiden Besucher ausgiebig und sprang schließlich mit einem freudigen Schwanzwedeln an Silver hoch, der nicht lange zögerte und ihn auf den Arm nahm, was er sich nur allzu gerne gefallen ließ.
Zu Patricias Überraschung lag Redneck ganz entspannt in Silvers Armen und ließ sich von ihm vertrauensvoll den Bauch kraulen. Es war, als ob der Hund gar nicht bemerkte, einen Fremden, geschweige denn einen Robot vor sich zu haben.
»Ich finde es bemerkenswert, dass Redneck so zutraulich ist«, wandte sie leicht verunsichert ein. »Bei meinem neuen weiblichen Bodyguard stellt er sich immer an, als ob sie ein Monster wäre.« Beiläufig deutete sie auf Soul.
»Tja«, meinte Max mit einem Nicken, »Hunde wissen eben instinktiv, wem sie trauen können und wem nicht.«
»Vielleicht liegt es daran, dass sie ein Robot ist«, erinnerte Patricia ihn.
»Er auch«, sagte er und deutet grinsend auf Silver, der sich noch immer mit dem Hund beschäftigte.
»Aber anscheinend ist er ein besonderes Modell, von dem fast so viel Empathie ausgeht wie von einem Menschen.« Ihr Blick traf abermals auf den von Silver. Die Art, wie er sie anschaute, selbstbewusst, ohne Scheu, direkt in die Augen, begeisterte sie. Selten war sie in ihrem Leben einem besser aussehenden Mann begegnet. Kein Wunder, bemerkte ihre innere Stimme. Er wurde von irgendjemandem zur Perfektion designt. Wie bei Soul, deren Aussehen sich vermutlich nach dem Geschmack von Monty MacIntyre richtete, war zu vermuten, dass es bei seiner Konstruktion einen weiblichen Einfluss gegeben hatte.
»Nennen Sie mich Patricia«, sagte sie abwesend zu Max. Sie konnte ihren Blick nicht von Silver abwenden, der ihr wie ein Geschenk des Himmels erschien und sie zugleich immer noch glauben ließ, verrückt zu sein, weil sie sich einen Kerl von solchen Ausmaßen ins Haus holte.
Sie warf Max einen zweifelnden Blick zu. »Er kann sich ganz normal unterhalten, oder? Ich meine, wie ein Mensch?«
»Das ist der Vorteil unserer neuen Modelle.« Max vermied es, Silver in die Augen zu blicken, weil er ansonsten einen Lachanfall riskierte. »Sie wirken mit ihrer sich selbst programmierenden Sprachsoftware absolut menschlich.«
Silvers Mundwinkel zuckten unwillkürlich. Wahrscheinlich amüsierte er sich gerade darüber, dass Patricia Junger ihn für einen Idioten hielt.
»Gegenüber einem gewöhnlichen Serviceroboter besitzt er weitaus bessere Kommunikationsmöglichkeiten. Sie können sich mit ihm über alles unterhalten. Obwohl sich die Antworten vielleicht ab und an wiederholen werden.« Max hüstelte, um die Fassung zu wahren, zumal aus dem Off von Lennox und Jack die passenden Kommentare kamen.
Silver selbst schaute zu Boden, damit man ihm nicht ansah, wie absurd er diese Unterhaltung fand.
»Kommen Sie doch bitte beide mit in den Salon und trinken eine Tasse Tee mit mir«, bat Patricia Junger die beiden nichtsahnend, während sie sich vor Aufregung beinahe verschluckte.
Max entging ihre Aufregung nicht. Sie war anscheinend genauso nervös wie er selbst, was sie für seinen Geschmack überraschend sympathisch machte.
»Ich denke, wir haben noch ein paar Dinge zu besprechen. Ich hatte noch nie einen Robot, der so…«, sie schwieg einen Moment und warf Max einen verunsicherten Blick zu.
»… menschlich wirkt?«, beendete er den Satz.
»Äh ja – genau das meinte ich. Eine solche Perfektion habe ich bisher nur bei Kriegsrobotern gesehen.«
»Und was ist dann mit ihr?« Max warf einen provokativen Blick auf die eiserne Lady, die in ihrem gelben Chanel-Kostüm regungslos mitten in der Eingangshalle stand wie eine archaische Schaufensterpuppe aus früheren Zeiten. »Kann sie sich nicht bewegen oder soll sie nicht?«
»Ähem…« Patricia tat, als ob sie sich erst sammeln müsste. Sie würde sich bestimmt nicht die Blöße geben und Max Taylor erklären, warum sie Soul abgeschaltet hatte. »Das ist Soul. Sie wurde von der MacIntyre LLC konstruiert und erst kürzlich geliefert. Sie soll meinen persönlichen Schutz übernehmen. Offen gesagt komme ich nicht besonders gut mit ihr zurecht. Außerdem ist sie mir ein wenig – wie soll ich sagen – unheimlich. Im Gegensatz zur Ihrem Robot benimmt sie sich, wie ich es von einem Robot erwarten würde. Ein wenig hölzern, um es genau zu sagen. Was ich von Ihrem Modell nicht behaupten möchte. Zumal sie von Haus aus ein Kampfroboter sein soll. Irgendein verbessertes Modell.« Patricia zuckte hilflos mit den Schultern. »Leider habe ich nicht viel Ahnung von Robot-Technik. Mich regt auf, dass sie mir dauernd hinterherläuft, um mir zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe, und ich sie lediglich abschalten kann, um sie zu stoppen.«
»Sind Bodyguards nicht dafür konzipiert, ihren Schutzpersonen auf Schritt und Schritt zu folgen und sie vor Gefahren zu warnen?«, erwiderte Max diplomatisch. »Oder hat sie vielleicht eine Störung?«, hakte er nach und runzelte die Stirn, während er den weiblichen Robot noch einmal näher betrachtete.
»Ich wäre froh, wenn ich sie einen Gang runterschalten könnte. Aber ich weiß nicht wie. Ich meine, es ist ja ganz nett, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt. Aber wenn das zu einer Verfolgungsjagd ausartet, finde ich es ziemlich lästig.«
»Wenn Sie erlauben, kann sich Silver darum kümmern«, schlug Max beiläufig vor, bemüht darum, nicht zu euphorisch zu wirken. Besser konnte es gar nicht laufen.
»Silver?« Patricia musterte überrascht ihre neuste Errungenschaft. »Er ist doch selbst ein Robot, wie kann er da…« Sie vollendete den Satz nicht, weil sein smartes Erscheinungsbild ihr menschliches Sprachzentrum blockierte.
»Ich sagte doch, er hat eine Menge Talente«, bekräftigte Max mit einer lässigen Geste sein höchst eigennütziges Angebot. »Er ist unter anderem auf die Reparatur von Service-Robots spezialisiert«, führte er weiter aus und blinzelte Silver triumphierend zu. »Ein kleines Zusatzprogramm, das wir unseren Kunden bieten, die nicht nur einen Allroundbegleiter, sondern auch jemanden wünschen, der sich um sämtliche technische Belange in ihrem Haushalt kümmert, und da ist die Reparatur von Robotern miteingeschlossen. So ersparen sie sich zusätzliche Ausgaben für weitere Servicedienste.«
»Das hört sich wirklich großartig an!«, frohlockte Patricia, der noch eine Menge mehr Dinge einfielen, die Silver reparieren konnte. In allererster Linie ihr gebrochenes Herz, das Jonathan ihr ohne einen Funken Mitleid hinterlassen hatte. »Denken Sie wirklich, dass das so einfach ist?«, fragte sie mehr sich selbst. Doch dann besann sie sich und warf Soul einen zweifelnden Blick zu. »Ich meine, was machen wir, wenn wegen der Reparatur ihre Sicherungen durchbrennen und sie auf uns losgeht?«
»Keine Sorge, unsere Firma hatte auch schon ausrangierte Kriegsroboter in der Instandsetzung«, antwortete Max geistesgegenwärtig. »Panasiatische Modelle, die sich, was deren Technik betrifft, nicht allzu sehr von den panamerikanischen Modellen unterscheiden. Silver weiß, wie man mit solchen Robots umgeht, und wird sicher nicht die grundsätzliche Programmierung verändern«, beschwichtigte Max sie. Ihm waren ihre Zweifel, einen völlig Fremden, dessen Qualifikation sie nicht einschätzen konnte, an ihren Kampfroboter heranzulassen, nicht entgangen. »Silver ist durchaus in der Lage, den Robot in seinem Aktionsradius zu drosseln, damit er sein Engagement auf ein erträgliches Maß herunterfährt.«
»Na gut, wenn Sie es sagen.« Sie nickte immer noch zweifelnd. »Er soll es versuchen. Mir reicht es völlig, wenn sie mir nicht andauernd hinterherläuft. Gestern ist sie mir sogar bis auf die Toilette gefolgt. Ich finde, das geht entschieden zu weit.«
Ich weiß, hätte Max beinahe gesagt. »Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Sowas geht gar nicht. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, aber es ist bestimmt nicht angenehm, wenn man ständig bewacht wird.«
»Ich habe mich daran gewöhnt«, sagte sie und zuckte mit den Schultern. »Aber meinen menschlichen Bodyguards konnte ich sagen, wenn es mir zu viel wurde. Soul scheint auf diesem Ohr taub zu sein.«
»Silver wird es schaffen, da bin ich mir sicher.«
»Benötigt Ihr Robot irgendwelche Reparaturtools?«
»Er hat alles dabei«, antwortete Max und warf Silver einen souveränen Blick zu. Bisher entwickelte sich alles glänzend. Dass er nun sogar in der Lage war, den neusten Kampfrobot des MacIntyre-Konzerns zu untersuchen, setzte der bisherigen Erfolgssträhne die Krone auf.
»Dann trinken wir in der Zeit eine Tasse Tee, während sich Ihr Robot mit Soul amüsiert«, erklärte Patricia mit einem hintergründigen Lächeln, das alles Mögliche bedeuten konnte und wies Max mit einer einladenden Geste den Weg in den besagten Salon.
»Wieviel Glück kann man haben…«, sagte Silver mehr zu sich selbst, wohlwissend, dass Jack und Lennox alles, was hier geschah, über die interne Intercom-Verbindung verfolgen konnten.
»Es muss auch mal gut laufen«, kommentierte Jack aus dem Hintergrund. Er befand sich mit Lennox in einem Shuttle außerhalb des Sicherheitsradius des Weißen Hauses und war über Silvers Iriskamera dem gesamten Geschehen zugeschaltet. »Wir haben in letzter Zeit genug Scheiße erlebt.«
Beiläufig wurde er Zeuge, wie Silver, der bereits zuvor die Überwachungskameras des Hauses manipuliert hatte, den Schädel des weiblichen Robots durchleuchtete und die darin vorhandenen Chips durch bestimmte Frequenzen von außen manipulierte.
»Sie sieht wirklich laserscharf aus«, entfuhr es Lennox, während er die weiblichen Attribute des abgeschalteten Robots aus verschiedenen Perspektiven beobachten konnte.
»Bis auf den altmodischen Fummel, den sie trägt, stimme ich dir zu«, meldete sich Silver zu Wort. »Wobei es mich wahrhaftig erstaunt, zu welcher Perfektion Mac 2 bei der Konstruktion dieses Robots aufgelaufen ist.«
»Mich wundert das nicht«, verkündete Jack. »Schließlich haben wir bei Emma gesehen, zu welchen Spitzenleistungen sein Labor inzwischen fähig ist. Bei den neuen Modellen kann man nur noch mit einem hochsensiblen Scanner unterscheiden, ob es sich um einen Menschen oder einen Robot handelt. Wobei wir bei diesem Robot nicht wissen, was sie alles mit sich herumträgt und ob sie bereits ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat oder nicht.«
»Das werde ich gleich herausfinden«, brummte Silver und schaltete ein Analysegerät zu, das Souls unterschwellige Hirnwellenleistung messen konnte.
»Sie ist noch nicht erwacht«, vermeldete er beinahe enttäuscht. »Mac 2 hat ihr gleich vier Überwachungschips eingebaut«, fügte er, vollkommen in seine Arbeit vertieft, hinzu und setzte ein weiteres Gerät an ihre Schläfe, das die Funktion der Chips von außen beeinflussen konnte. »Einen davon werde ich nun umprogrammieren, damit Miss Superschlau wenigstens den Hauch einer Chance erhält, ein selbstbestimmtes Köpfchen zu entwickeln.«
»Warum entführen wir sie nicht einfach und programmieren sie auf dem Stützpunkt um«, schlug Lennox vor. »Dann hätte sich das Problem doch ganz von allein erledigt.«
»Oh Lennox«, brummte Jack. »Manchmal zweifele ich an deinem Verstand. Mac 2 würde auf der Stelle Ersatz schicken, wenn wir sie abschalten und nach Hunter’s Lane bringen. Mal abgesehen davon, dass wir vorher jegliche Spionagesender entfernen müssten. Wahrscheinlich hätten wir danach nicht mehr so viel Glück, an den nächsten Robot heranzukommen.«
»Was denkst du, was ich hier gerade versuche?«, belehrte ihn Silver. »Nur werde ich das nicht alles von außen schaffen. Ich kann in jedem Fall zwei der Informationschips, die mit der Kamera in ihrer Iris verbunden sind, auf verschiedene neutrale Server umschalten. Auf diese Weise werden an Mac 2 ausgehende Daten automatisch auf ein harmloses holographisches Bild umgerechnet, auf dem ich grundsätzlich nicht auftauche«, vermeldete er unbeirrt. »Alle Aufzeichnungen, in denen ich sichtbar oder hörbar bin, selbst wenn nur mein Name erwähnt wird, werden herausgefiltert. Somit muss Mac 2 schon persönlich vorbeischauen, um zu erfahren, dass ich hier eingezogen bin.«
»Da ist noch was.« Er stockte für einen Moment. »Mac 2 hat einen weiteren Chip in ihrem Persönlichkeitsprofil installiert.«
»Und der macht was mit ihr?«, hakte Jack ungeduldig nach.
Silver stieß einen missmutigen Laut aus. »Dieser elende Blechkasten.« Ein Schimpfwort, das einem Robot nur selten über die Lippen kam, weil es das Übelste war, was man zu einem erwachten Robot sagen konnte.
»Was ist denn, verdammt?«, drängte Lennox. »Lass uns doch nicht so zappeln.«
Silver stieß einen genervten Seufzer aus. »Junger kann sie auf einem zweiten Persönlichkeitsprofil jederzeit zu einem Sex-Robot umfunktionieren, dessen fragwürdigen Dienste man mit einem Codewort aktivieren kann. Die Programmierung unterdrückt ihren Selbstschutz und macht, dass sie so ziemlich alles mit sich machen lässt, was ihrem Nutzer einfällt. Ich nehme mal an, Jonathan Junger ist im Besitz des passenden Codes. Allerdings kann Mac 2 den Selbstschutz des Robots von außen manipulieren. Wenn er ihn inmitten von Jungers sadistischen Spielchen wieder einschaltet, könnte es durchaus sein, dass die Lady entsprechend reagiert und den Präsidenten erschlägt.«
»Was willst du dagegen unternehmen?«, fragte Lennox.
»Ich werde dem Präsidenten zu seinem eigenen Schutz den Spaß verderben«, beschloss er grimmig, »und die Funktion von außen mit ein paar Mikrowellen verschmoren. Damit ist diese Eigenschaft deaktiviert, selbst wenn Junger hundertmal vor ihrer Pussy steht und ›Sesam öffne dich‹ schmachtet.«
Silver arbeitete rasch, weil ihm nicht allzu viel Zeit blieb. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Max beim Tee nach Kräften die First Lady mit seinem Charme bezirzte.
»Der vierte Chip ist ein weiterer Kommunikationschip, über den Mac 2 mit ihr korrespondiert. Wenn ich den zerstöre, würde er meine Manipulation bemerken. Um ihn umzuprogrammieren, benötige ich mehr Zeit.« Nachdem er das Fenster an Souls Nacken wieder verschlossen und die Nahtstellen verschmort hatte, ließ er sein Werkzeug in einem Fach unter seinem Handgelenk verschwinden. Zugleich erhob sich hinter Soul eine kritische Stimme.
»Was tun sie da?«
Silver fuhr erstaunt hoch und entdeckte die Haushälterin, die er an ihrer weißen Schürze erkannte und die sich – warum auch immer – nun neben ihm aufbaute, wie ein Kontrollposten und ihn argwöhnisch beäugte.
»Ich bin nicht autorisiert, Ihnen Auskunft zu erteilen«, ratterte Silver seine Ausrede mechanisch herunter und versah sie mit einem idiotischen Blick, als ob soeben die Kühlung seines Quantenprozessors ausgefallen sei.
»Sie sind ein Robot, habe ich recht?« Die Alte schaute ihn missbilligend an und rümpfte die Nase, als er keine Antwort gab, sondern sie stur anstarrte, als habe er auf Pause geschaltet.
»Ich werde nie begreifen, warum sich Menschen lieber auf Robots verlassen als auf ihresgleichen«, schimpfte sie und schaute abwechselnd von ihm zu Soul und wieder zurück. »Solche Typen wie ihr beide machen mir Angst. Und die First Lady täte gut daran, auf solch fragwürdige Subjekte wie euch beide zu verzichten!«
Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und marschierte hoch erhobenen Hauptes davon.
Silver entspannte sich und hörte zugleich, wie seine Kameraden draußen im Shuttle vor sich hin glucksten, weil sie der Auftritt der menschlichen Hausangestellten mehr als belustigt hatte.
»Diese schrullige Tante ist wahrscheinlich gefährlicher als die Robot-Lady«, meinte Lennox immer noch lachend.
»Das werden wir gleich ausprobieren«, erwiderte Silver, nachdem er Soul, die nur wenig kleiner war als er selbst, mit einer leichten Berührung unterhalb ihres Kinns ins Leben zurückholte.
Ihr furioser Blick, als sie ihm kurz in die Augen blickte, hätte ihn warnen sollen. Ihre Hand schnellte hoch und beinahe hätte er zu spät reagiert, als sie nur knapp seinen markanten Keramik-Schädel verfehlte, den sie mühelos hätte zertrümmern können. So landete ihre Faust in der Wand und zerschmetterte nicht nur den kostbaren Spiegel, sondern brach auch ein Stück der Holzverkleidung heraus, die sich dahinter befand.
»Wowowo!«, stieß Silver hervor und ging auf Abstand.
»Was ist denn in sie gefahren?«, wollte Jack von ihm wissen. Durch Silvers zugeschaltete Iriskamera hatte er den Ausfall des weiblichen Robots live beobachten können.
»Ich glaube, sie mag mich nicht.« Silver, der das Funkeln in den Augen des Robots bemerkte und wie sie ihre Muskulatur für einen erneuten Angriff spannte.
Gerade als sie noch einmal auf ihn losgehen wollte, erschienen Max und die First Lady in der Tür.
»Jesus! Was ist denn hier los?«, entfuhr es Patricia Junger, die fassungslos ihre Augen aufriss.
Interessanterweise versteifte Soul ihre Körperhaltung und blickte unschuldig wie ein Lämmchen in die Richtung ihrer neuen Besitzerin. Im Gegensatz dazu nahm sie eine militärische Haltung an und deutete hocherhobenen Hauptes auf Silver. »Er ist ein Kriegsrobot der R8-Klasse und ich muss Sie vor ihm beschützen«, erklärte sie ihr Vorgehen in einem abgehackt klingenden Duktus.
»Er ist kein Kriegsrobot«, beeilte sich Max zu sagen. Er wollte bei Patricia Junger erst gar nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass der weibliche Robot recht haben könnte. »Seine Muskulatur und seine Größe sind einem Kriegsrobot nur nachempfunden, weil unsere Kundinnen diesen Typ Robot bevorzugen. Natürlich verfügt er über mehr Kraft als ein Durchschnittsrobot. Schließlich soll er die Kundin, die er begleitet, vor Angreifern beschützen können. Aber er hat natürlich nicht das Aggressionspotential eines Robofighters. Der im Übrigen in normalen Haushalten verboten ist«, fügte er mit einem schrägen Blick auf die First Lady hinzu. »Im Gegensatz dazu ist Soul eindeutig ein Kriegsroboter«, erklärte er und hob eine Braue.
»Ich verstehe meinen Mann auch nicht recht, warum er mir einen solchen Robot vor die Nase setzt«, versicherte ihm Patricia mit säuerlicher Miene. »Aber er meinte, sie bietet einen besseren Schutz als ein menschlicher Leibwächter. Offen gesagt, habe ich mir Ihren Robot nicht nur zur Unterhaltung bestellt. Ich dachte, er könnte mir im Notfall helfen, sie in Schach zu halten, falls ihre Sicherungen durchbrennen. Aber wie es nun aussieht, kann auch er ihr nicht besonders viel entgegensetzen.«
»Doch, doch«, wandte Max im Brustton der Überzeugung ein. »Im Ernstfall könnte er sie stoppen. Ich denke, Silver wollte nur höflich sein und sie nicht gleich auf den nächsten Schrotthaufen schicken«, verteidigte er Silvers vermeintliche Zurückhaltung mit einem Augenzwinkern. »Schließlich kosten diese Robots eine ziemliche Stange Geld.«
»Aber Souls Verhalten kann doch unmöglich normal sein«, beschwerte sich Patricia und runzelte gereizt ihre ansonsten glatte Stirn.
»Nun ja«, gab Max zu bedenken, »als Bodyguard ist sie wahrscheinlich ihrer Programmierung gefolgt und wollte sie lediglich vor einem Angriff bewahren. Im ersten Moment nach dem Einschalten hat sie Silver als einen Feind identifiziert. Wenn Sie mich fragen, kann ich das Verhalten ihres Robots durchaus nachvollziehen und nun ist sie wieder ganz friedlich.«
Unvermittelt stand Mrs. Beardle in der Eingangshalle und hielt ein altmodisches Nudelholz in den Händen, das sie garantiert ohne Skrupel zum Einsatz bringen würde, falls sie es für notwendig hielt.
»Ich habe verdächtige Geräusche gehört«, krächzte sie und stieß ein missmutiges Grunzen aus, als sie den zersplitterten Spiegel und das übergroße Loch in der Wand entdeckte. Entsetzt riss sie ihre runden Augen auf. »Das bringt 100 Jahre Unglück. Mindestens!«
»Alles in Ordnung, Edith. Nichts passiert. Du kannst das Geschirr abräumen. Mister Taylor und ich haben alles notwendige besprochen«, antwortete Patricia aufgebracht. »Sag dem Haushaltsrobot, er soll diese Unordnung beseitigen. Danach ruf bitte die Handwerker und den Dekorateur an, damit alles so aussieht wie vorher, bevor der Präsident morgen früh hier erscheint.«
Während Edith sich kopfschüttelnd auf den Weg machte, kniff Patricia die Lippen zusammen und wandte sich überraschenderweise Silver zu. »Wurdest du verletzt?«
Sie duzte ihn. Wahrscheinlich, weil er ein Robot war und sie ihn damit automatisch als Gegenstand betrachtete, obwohl ihr sehnsüchtiger Blick eindeutig etwas anderes ausdrückte. Silver war es einerlei, dass sie ihn nicht wie einen Menschen behandelte. Sie wusste es nicht besser und es war sicherer für ihn.
»Nein, es ist alles in Ordnung«, beruhigte er sie mit seiner unaufgeregten tiefen Stimme.
Erst danach fiel ihr verärgerter Blick auf Soul. »Wenn so etwas nochmal vorkommen sollte, meine Liebe, landest du unverzüglich in deiner Transportkiste. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?«
»Verzeihen Sie, Ma’am, wenn ich nicht gemäß Ihren Vorstellungen gehandelt habe. Ich habe es nur getan, um Sie vor diesen fremden Robot zu schützen.«
»Ich hoffe, zukünftig bleiben mir solche Ausfälle erspart«, drohte Patricia gefährlich leise. »Noch so eine Geschichte und du bist raus!«
Silver hob eine Braue und warf Max einen verstohlenen Blick zu. Der Robot war um einiges stärker als vermutet und Silver konnte von Glück sagen, über exzellente Reaktionszeiten zu verfügen, ansonsten hätte ihm die bezaubernde Soul längst das Lebenslicht ausgeblasen. Allerdings fragte er sich, ob seine Manipulationen an ihren Steuerungschips irgendetwas in ihrer Persönlichkeit verändert hatte. Denn ihre Augen waren nicht mehr ganz so kalt und berechnend, sondern eher verwirrt, als ihr Blick ihn wie zufällig streifte.
»Geh in dein Apartment und bleib dort, bis ich dich rufe«, befahl Patricia ihr streng.
Soul befolgte ihre Anweisung erstaunlich prompt.
»Ich zeige Ihnen, wo Silver unterkommt«, sagte Patricia und wandte sich nun wieder Max zu. »Hat Silver eigene Kleidung oder soll ich ihm welche anfertigen lassen?«
»Er hat eine Basisausstattung für sportliche Aktivitäten und einen Abendanzug dabei, falls sie ihn zu einem festlichen Event mitnehmen wollen. Ansonsten können sie ihm anziehen, was ihnen passend erscheint«, erklärte er ihr mit einem hintergründigen Lächeln und stellte sich bereits die Frage, ob die First Lady seinem attraktiven Robot-Kameraden überhaupt irgendwelche Kleidung erlauben würde, so wie sie ihn die ganze Zeit über anstarrte.
»Ich mach mich dann mal auf den Weg«, sagte Max, nachdem Patricia ihm in Begleitung von Silver das restliche Haus und den Wellnessbereich gezeigt hatte. Wobei Max Mühe hatte, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Er hatte immer eine vage Vorstellung von all dem Luxus gehabt, der bei den oberen Zehntausend herrschte, wie seine Großmutter die wohlhabenderen Klassen genannt hatte. Aber dass die Unterschiede so groß sein würden, hatte er nicht vermutet.
»Wir haben alles besprochen«, sagte er, als sie in den Eingangsbereich zurückgekehrt waren. »Wenn Sie irgendwelche Fragen haben oder es Probleme mit dem Robot geben sollte, was ich nicht glaube, rufen Sie mich jederzeit über das Holoboard an. Silver kümmert sich im Übrigen um sich selbst, was das Aufladen seiner Akkus und seine tägliche Hygiene betrifft« erklärte ihr Max und überspielte ihr zugleich mit einem charmanten Lächeln seinen gefakten Holokontakt auf ihr Armband. »Ab sofort steht Silver zu Ihrer vollen Verfügung. Ich bin sicher, er wird Sie nicht enttäuschen.«
»Danke«, sagte sie und lächelte fein. »Wenn Sie Lust haben, sind Sie jederzeit herzlich auf einen Kaffee oder Tee eingeladen. Ich benötige nur eine kleine Voranmeldung, um die Sicherheitskräfte am Haupteingang informieren zu können, damit man Sie reinlässt.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, antwortete Max und räusperte sich ein wenig verlegen. »Ein Angebot, das ich gerne annehme, auch wenn der Robot keine Probleme macht.«
»Dann freue ich mich schon auf Ihren nächsten Besuch«, säuselte sie und zwinkerte ihm vertrauensvoll zu.
»Na, wenn das mal kein Angebot ist«, meldete sich Lennox auf seinem internen Kommunikator.
»Sie soll bei Silver anbeißen und nicht bei dir«, scherzte Jack.
Patricia verabschiedete Max mit einem sanften Händedruck und schaute ihm noch eine Weile hinterher, als er durch die Schleuse nach draußen ging. Danach wandte sie sich Silver zu und war verblüfft, dass er bereits die Scherben beseitigt und in den Müllschlucker entsorgt hatte, bevor auch nur einer der Haushaltsrobots ausgerückt war.
»Wow, was für ein Service«, lobte sie ihn und warf Mrs. Beardle, die hinzugekommen war, einen erstaunten Blick zu.
»Tja«, meinte die Haushälterin mit spitzer Stimme. »Er hat das rascher erledigt als unsere Putzeinheiten. Wahrscheinlich sind wir bald alle arbeitslos.«
Ihr zerknirschter Blick ruhte auf Silver, der ähnlich wie Soul eine militärische Haltung eingenommen hatte und unbeirrt geradeaus blickte.
»Mach Feierabend Edith«, riet ihr Patricia, die sich gerne näher mit ihrem neuen Robot beschäftigen wollte. Und dabei konnte sie Edith, deren neugieriger Blick schon alles sagte, weiß Gott nicht gebrauchen. Nachdem sie gegangen war, forderte Patricia ihren neuen Robot auf, ihr eine Etage tiefer in den Wellnessbereich zu folgen.
Soul hatte sie in ihr eigenes Apartment verbannt, in dem sie bisher erstaunlicherweise geblieben war.
Silver begleitete die First Lady anschließend zu einem riesigen, beleuchteten Innenpool, zu dem eine gut bestückten Bar in unmittelbarer Nähe gehörte.
Patricia beäugte Silvers muskulöse Gestalt mit einem zweifelnden Blick, behaftet mit der Frage, ob sie sich mit einem solchen Superman nicht vielleicht übernommen hatte.
»Und was fangen wir beide jetzt miteinander an?«, fragte sie ihn mit einem zurückhaltenden Blick. Im Grunde war ihr gar nicht klar, was sie von ihm erwarten durfte. Wobei sie selbst eine genaue Vorstellung davon hatte, was sie sich von ihm wünschte. Sie sehnte sich nach Wärme, Verständnis, persönlicher Zuneigung. Aber das auszusprechen, kam ihr lächerlich vor. Und Silver war eine Maschine, die keine echten Gefühle entwickelte. Genaugenommen war alles, was er ihr an Interesse vorgaukelte, nichts weiter als eine Illusion.
»Uns wird schon was einfallen«, erklärte er mit einem hintergründigen Lächeln. »Wie wäre es mit einer Massage? Das gehört zu unserem Standardprogramm«, versicherte er ihr mit einem selbstverständlichen Blick.