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Überraschung

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Gottlieb Arndt Bertram, genannt GAB, stand in der Bäckerei und sah auf das Angebot hinter der schrägen Glasscheibe der Theke. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er lieber ein Wurstbrötchen oder ein Croissant zum Frühstück essen sollte. Wahrscheinlich war beides gut, die Frage war nur, in welcher Reichenfolge es am besten schmeckte.

Die junge Verkäuferin hatte ihn kurz angeschaut und bediente nun einen Handwerker in grauer Montur, der sich vorgedrängt hatte. Was nicht weiter schlimm war, da er selbst sich noch nicht entschieden hatte.

In seinem leichten Sommerjackett über der Designerjeans, das Haar zurückgekämmt und zu einem langen Zopf über der Schulter getragen, sah er wahrscheinlich so cool und relaxed aus, dass jeder Hansel glaubte, sich vorpfuschen zu dürfen.

GAB grinste leicht vor sich hin bei dem Gedanken, dem lästigen Vorpfuscher alle Konten zu sperren und die Einträge bei den Behörden zu löschen. Ein Kinderspiel für einen Computer Profi.

„Bitte schön.“

Die blauen Augen der Verkäuferin sahen ihn auffordernd an. Jetzt half nichts mehr, er musste sich entscheiden und kaufte ein Brötchen und einen Croissant.

Während er zahlte und auf das Wechselgeld wartete, dachte er daran, dass es bald Zeit wurde, sich wieder einen Job zu besorgen. Nicht des Geldes wegen, da war er bereits versorgt. Aber das langweilige und eintönige in den Tag hinein leben, begann ihn mittlerweile zu frustrieren. Er kam sich mehr und mehr nutzlos und antriebslos vor, fühlte mit jedem neuen Tag, wie sich ein Stück der alten Neugierde von ihm löste und in Lethargie überging. Inzwischen hatte er sich angewöhnt, mehr auf sein Äußeres zu achten, als er es vorher jemals getan hatte. Die Farbe von Hemden passend zur Hose auszusuchen war ihm ebenso wichtig geworden, wie darauf im Auge zu behalten, dass die Schuhe zum Gürtel und die Lederjacke zu den beiden anderen passten.

Der Blick in die Schaufensterscheibe zeigte ihm, dass er einen guten Geschmack und ausreichend Geld besaß, selbigen auch zu bedienen. Die junge Verkäuferin lächelte ihm nach, als er aus ihrem Gesichtsfeld verschwand, was wohl auch an dem Trinkgeld liegen mochte, das er ihr großzügig überlassen hatte.

Es wurde wirklich Zeit, etwas zu ändern.

Er hatte sich in dieser öden Kleinstadt lange genug versteckt.

Am Anfang war es noch interessant gewesen, alles neu gestalten zu müssen, Wohnung, Einkaufsgewohnheiten. Nach und nach hatte er sich die kleine Welt um den Marktplatz mit ihren Boutiquen und Geschäften erschlossen, gestaltete seine Tage mit Lesen, Einkaufen und Kaffeetrinken. Aber irgendwie war mittlerweile die Luft raus.

Einen Computer hatte er seit langer Zeit nicht mehr angefasst.

Und das war auch gut so, obwohl sich das schwieriger gestaltete, als das Rauchen aufzugeben. Was er aber vor Kurzem wieder angefangen hatte. Sich mit Computern zu beschäftigen, hätte alte Dämonen wieder erweckt, deren Einfluss er dennoch spürte und erfolglos zu verdrängen suchte.

Während er sich in aller Ruhe am Bürgersteig stehend eine Zigarette zu drehen begann, nahm er aus den Augenwinkeln eine große schwarze Limousine wahr, die langsam auf ihn zurollte. Schwarzer, amerikanischer SUV mit getönten Scheiben und brabbelndem Achtzylinder.

Er beleckte mit der Zungenspitze sorgfältig die Gummierung des Zigarettenpapiers, drehte die fertige Zigarette ein paarmal Hin und Her und wollte sie sich in den Mundwinkel schieben, als er einen heftigen Stoß im Rücken spürte.

Der rechte Arm wurde ihm nach hinten gebogen, eine starke Hand hatte ihn im Nacken gefasst und beugte seinen Oberkörper der sich weit öffnenden Wagen Tür entgegen. Sein rechtes Knie stieß an etwas Hartes, seine Brötchentüte fiel auf den Boden. Er rutschte lang dahingestreckt mit dem Kinn über eine Ledersitzbank, spürte, wie ein Ärmel des Jacketts hochgeschoben wurde, danach einen kurzen Stich, dann fiel die schwarze Lederbank komplett über ihm zusammen und hüllte ihn ein.

Schwarz, sehr schwarz und muffig.

Als er wieder aufwachte, lag er da, spürte nichts außer grenzenloser Schwere, als hätte man ihn mit Blei ausgegossen. Er konnte sich nicht bewegen, spürte seinen Körper nicht, als wäre der weit entfernt. Es roch und schmeckte merkwürdig, unbekannt, medizinisch, scharf und doch süß. Er konnte die Augen nicht mehr aufhalten und flog beiseite.

Danach fühlte er ein Ruckeln, glaubte in weiter Ferne Stimmen zu hören, wurde hochgehoben und hart wieder abgesetzt, rollte ein Stück vor sich hin und dämmerte wieder weg.

Fluggeräusche, Düsentriebwerke, Kälte und Schwärze.

Weit hinten ein schwaches Licht, leicht schwankend im Rhythmus eines konstanten Pochens in seiner linken Stirnhälfte. Etwas Kaltes hielt sein Handgelenk gefangen und klapperte. Sein Kreuz schmerzte, aber immerhin spürte er etwas, öffnete mühsam die Augen und schloss sie geblendet wieder.

Ein riesiger verschwommener Mond taumelte vor ihm hin und her und dröhnte mit tiefem Bass ihm entgegen: „ Hey Alter.“

Lieber wieder die Augen schließen, alles nur ein Traum.

Er hatte sein Brötchen noch nicht gegessen. Die Zigarette war ihm hingefallen. Er hatte sich das Knie angestoßen, sein tauber rechter Arm baumelte in etwas metallisch Kaltem.

„Hey Alter.“ Seine Wange wurde getätschelt, wenn auch nicht eben sanft.

Breite Schultern, ein riesiger Kopf fast übergangslos aus den Schultern wachsend. GAB blinzelte vertränt in die Höhe.

„Na also, wird doch.“

Diese Stimme.

Irgendetwas versuchte in seinem Gedächtnis wieder nach oben zu tauchen. Er blinzelte erneut, sah auf einen Dreitagebart, der dunkel schimmerte.

„Hallo GAB.“

Er schaute hoch auf sein rechtes Handgelenk, das mit einer silbernen Handschelle an einem Bettgestell festgehalten wurde.

„Reine Vorsichtsmaßnahme, damit du nicht herausfällst. Können wir gleich abmachen.“

Jimmy grinste ihn aufmunternd an. Der alte Jimmy, noch größer, noch beleibter, noch speckiger.

Also doch alles nur ein Traum.

Er schloss die Augen und versuchte wieder in die Bäckerei zurückzugehen. Junge Verkäuferin mit hübschen blauen Augen, vorwitziger Drängler in grauer Arbeitskleidung, duftende Brötchenauslage hinter blank geputzter Scheibe, mit niedlichen kleinen, handgemalten Preisschildchen.

Aber es gelang nicht.

„Komm ich helfe dir.“

Er wurde aufgerichtet, Jimmy hob ihn kurz an, als wiege er nichts.

Ja Jimmy, der aussah, als sei er fett und dick und träge, was keineswegs stimmte, wie GAB wusste. Unter dem angefressenen Dickleib schlummerte ein gut durchtrainiertes Muskelkorsett.

„So.“

Kurzes Gehantele und Geklirr, sein rechter Arm fiel willenlos auf das Bett, auf dem er jetzt aufrecht saß.

„Mensch Alter, bin ich froh, dich hier zu sehen.“

Jimmy setzte sich auf die Bettkante und schaute ihn erwartungsvoll an. Das Bettgestell quittierte ihr addiertes Gewicht mit einem stählernen Ächzen.

GAB war alles andere als froh hier und jetzt irgendwo zu sein und zudem auch noch mit Jimmy, der letzten Person, der er begegnen wollte.

„Was soll das?“

Gut, ein ziemlich idiotischer Gesprächsanfang, aber mehr wollte ihm nicht einfallen.

Jimmy grinste ihn verlegen an und rubbelte mit einer Hand an seinen Bartstoppeln.

„Tja, ein wenig bin ich wohl schuld.“

Ein wenig war gut, Jimmy war eigentlich immer für jedes Desaster verantwortlich gewesen. Seine Verantwortung für Ereignisse stand in recht gesundem Verhältnis zu seinen Körpermaßen. Beides nahm offensichtlich unaufhaltsam zu.

„Weißt du, meine Geschäftspartner können recht kompromisslos sein und ich habe gesagt, dass wir dich brauchen.“

Tja und jetzt war er hier, von den kompromisslosen Partnern in ein Auto gezerrt, betäubt, verschleppt. Man hätte auch anrufen können.

Er versuchte in Jimmys dunklen Augen so etwas wie Scham zu sehen, aber die blinzelten unternehmungslustig wie eh und je. Keine Spur von Reue oder Schuldbewusstsein.

GAB versuchte sich aufzurichten und ließ versuchsweise die Beine über die Bettkante baumeln. Er blickte unentschlossen durch den Raum. Geschmackvoll modern, Sitzecke mit Tisch, ein Schreibtisch in einer Ecke, kein Fernseher, kein Computermonitor, aber Bilder an der Wand. Hotelmäßig.

Er schaute wieder zu Jimmy, der sich langsam vom Bett erhob und durch den Raum zu wandern begann.

„Es hat sich viel getan, seitdem du verschwunden bist.“

Ein kleiner Vorwurf, mit leicht emporgezogener Augenbraue. GAB verspürte jedoch kein schlechtes Gewissen. Er hatte seine berechtigten Gründe gehabt, aus dem Projekt auszusteigen. Und die Art und Weise blieb sein Problem.

„Unsere neuen Partner haben sofort die Möglichkeiten erkannt und sind mit enormen Ressourcen eingestiegen. Ich kann dir sagen mit wirklich fast unbegrenzten Ressourcen.“

Was GAB ja zu spüren bekommen hatte.

„Militär?“

Ein nur so dahinvermuteter Verdacht, aber wie GAB es schien, durchaus begründet. Sein rechter Arm schmerzte leicht, sein Schädel brummte, sein Rücken spürte sich mehrfach durchbrochen an, von seinem Geschmack im Mund nicht zu reden.

Jimmy wiegte den Kopf hin und her, hob die Schultern leicht an und blickte zur Decke.

„Nun ja, wir haben das Konzept leicht verändert, in die Rezeptorentechnik richtig investiert und neue Versuchsreihen anlaufen lassen.“

GAB verspürte bei dem Wort Versuchsreihen ein leichtes Ziehen im Nacken, und alte Erinnerungen wurden hochgespült.

„Was soll ich sagen. Es haben sich Erfolge eingestellt, mit denen ich so schnell eigentlich nicht gerechnet hatte.“

GAB musste grinsen, „Aber irgendwas ist schief gegangen?“

Auch damals war etwas schief gegangen und hatte ihn bewogen auszusteigen.

Jimmy hatte noch nicht geantwortet und setzte seine Runde im Zimmer fort.

Zwei Meter Mensch mit hundertdreißig Kilo Lebendgewicht, wenn es nicht mehr geworden waren, ein wenig verrückt, vielleicht sogar durchgeknallt und zudem bekennender Verschwörungstheoretiker.

In seiner Arbeit aber zielgerichtet und schlicht genial.

Schon fast zu genial, wie GAB hatte erfahren müssen.

„Am besten siehst du es dir an, beurteilst die Ergebnisse und sagst mir, was du davon hältst, ob ich richtig liege.“

Auf vollkommen freiwilliger Basis, wie es schien. GAB reckte sich und stand leicht schwankend vom Bett auf, wechselte in tapsigen Schritten hinüber zur Sitzecke und ließ sich auf die Couch plumpsen.

Das war wirklich das Letzte, was er sich hätte vorstellen können, wieder in das Projekt eingebunden zu werden, gezwungen zu werden.

„Warum der irre Aufwand? Man hätte mich auch anrufen können, wenn man mich schon gefunden hat.“

Er versuchte den Vorwurf in seiner Stimme abzumildern, was aber kläglich misslang. Er war nicht verärgert, er war stinksauer. Entführt und verschleppt wie in einem guten oder schlechten Thriller.

„Wärst du denn freiwillig gekommen?“

Eine berechtigte Frage, die GAB innerlich wahrheitsgemäß für sich beantwortete, mit Sicherheit nicht. Nie und nimmer.

Jimmy konnte seine Gedanken lesen und grinste ihn an.

„Die Art der Einladung war nicht meine Idee und entsprach nicht ganz meinen Vorstellungen, aber sie ist effektiv gewesen, nicht wahr.“

„Und wenn ich mich weigere?“

Jimmy schüttelte den Kopf, sah wieder hoch zur Decke und antwortete: „Schau es dir erst mal an.“

Dann mit einem leichten Lächeln. „Du wirst fasziniert sein.“

Was eigentlich das Letzte war, was GAB im Moment sein wollte.



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