Читать книгу Brain Cloud - Matthias Houben - Страница 6
Mark der Schläfer
ОглавлениеGAB hatte gegessen, unruhig geschlafen, danach geduscht, in dem fensterlosen Raum jedwedes Zeitgefühl verloren, einmal an der verschlossenen Tür gerüttelt, den Kopf geschüttelt. Er hatte nicht bemerkt, dass die nette junge Dame, die ihm das Essen gebracht hatte, seine Tür wieder abgeschlossen hatte.
Jetzt saß er auf der Couch, in seinem Teameinteiler, grau und blau mit irgendwelchen Abzeichen und einem von der Brust baumelnden Ausweis ohne Bild und schaukelte mit seinem Kopf, als gehöre der nicht ihm.
Vollkommen verrückt und abgedreht.
Man hatte ihm Unterlagen auf den Tisch gelegt, die er überflogen hatte. Das meiste hatte er wiedererkannt, wenn auch vieles extrem verbessert und abgeändert worden war. Das Grundprinzip war bestehen geblieben.
Eigentlich auch vollkommen verrückt und abgedreht.
Und er hatte es von Anfang an mitentwickelt, bis seine erste eigene Testphase ihn umgestimmt hatte.
Damals war er kurz entschlossen ausgestiegen, jetzt hatte man ihn wieder mitten hineinverfrachtet, ohne zu fragen, dabei den Arm leicht verdreht. „Sie sind doch bereit, mit uns zusammenzuarbeiten?“
Rein in den SUV und ab irgendwohin.
Kompletter Realitätsverlust, Vergangenheitsbewältigung auf die besondere Art.
GAB war froh, als Jimmy den Raum betrat und die Türe nicht wieder hinter sich abschloss, wie GAB bemerkte.
„Und?“
„Tja.“ GAB breitete die Arme aus, was sollte er sagen?
„Mir scheint, ihr habt ein mächtiges Problem.“
Was er selbst nach dem Überfliegen der Unterlagen für untertrieben hielt.
Aber Jimmy brummelte die Bestätigung. „Weiß ich schon länger.“
Er folgte Jimmy hinaus in den Flur, vorbei an grauen Türen, hinein in eine kreisrunde, lichtdurchflutete Halle mit einem Urwald von Topfpflanzen vor einem Springbrunnen, von der sternförmig andere Flure abzweigten.
Ein mächtiger Komplex. Nicht zu vergleichen mit ihren damaligen Anfängen. Da hatte wirklich jemand kräftig investiert.
Ab und zu begegneten ihnen andere Mitarbeiter mit Unterlagen unter dem Arm oder fahrbare Tische vor sich her schiebend, auf denen unterschiedlichste Gerätschaften klingend und klirrend transportiert wurden.
Jimmy wurde respektvoll gegrüßt, GAB neugierig gemustert.
„Hier hinein!“ Jimmy hielt ihm eine Tür auf, die in einen hellen Raum führte, auf der ein junger Mann auf einer Liege lag.
Zwanzig bis Mitte Ende zwanzig, schmal und schlaksig, lag er in seiner Kombi da. Das Stirnband um den Kopf, aus seinen Armen führten dünne Plastikschläuche zu den Versorgungsbeuteln.
GAB war ein wenig schockiert.
„So lange schon?“
Jimmy nickte nur.
Künstliche Ernährung, Aufbau des Flüssigkeitshaushaltes und was sonst noch medizinisch geboten war, für jemand, der längere Zeit abwesend war.
„Elf Tage und neun Stunden.“ Jimmy zuckte mit den Schultern.
Eine Feststellung die nur GAB richtig zu beurteilen vermochte.
„Der bisher Beste, wenn man von dir absieht.“
Irgendetwas musste passiert sein, dass er nicht wieder zurückgekehrt war. Aus den Unterlagen mit ihren nüchternen Berechnungen, Diagrammen war das ohnehin ersichtlich gewesen. Aber hier zu stehen und auf das blasse Gesicht zu starren war etwas anderes.
„Er hat alle Tests bestanden?“
Jimmy zuckte wieder mit den Schultern. „Mit Bravour.“
Der junge Mann atmete ruhig und entspannt, seine Brust hob und senkte sich bei den Atemzügen, sein Gesicht spiegelte Ruhe wieder, die Augen fest geschlossen lag er da.
Als würde er jeden Moment aufwachen und sich schütteln, lächeln und sagen: „Richtig cool.“
Aber das würde nicht geschehen, keiner wusste das besser als GAB.
„Ich musste damals noch den albernen Helm tragen.“
GAB hatte nur irgendetwas sagen müssen. Und fasste sich bei der Erinnerung an den Nacken.
„Er heißt Mark.“
Als hätte auch Jimmy nur etwas gesucht, dass er jetzt sagen konnte.
„Am Anfang vollkommen normaler Verlauf, keine auffälligen Werte, saubere Rückkoppelung. Bis plötzlich das zweite Persönlichkeitsdiagramm auftauchte.“
GAB hatte bei der Durchsicht der Unterlagen genau an der Stelle, an der das zweite Diagramm erwähnt wurde, verblüfft innegehalten. „Krass“ , hatte er sich sagen hören und gespürt, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten, als würde er elektrostatisch geladen.
„Habt ihr mit dem Gedanken gespielt, ihn aufzuwecken?“
Jimmy breitete die Arme aus, „Aber nur als Plan Z.“
Der Junge lag friedlich auf seiner Liege, war praktisch vollkommen anwesend, konnte jederzeit geweckt werden, aber irgendetwas war noch drinnen. Verursachte eine saubere Kurve, ein Persönlichkeitsdiagramm, das neugierig umherstreunte.
„Und was ist euer Plan B?“
Jetzt wirkte Jimmy aber belustigt. „Deshalb bist du ja hier.“
Als wenn er das nicht schon vermutet hätte.
„Auf gar keinen Fall.“
Jimmy wiegte den Kopf hin und her und sah aus wie ein riesiger Kater, der überlegte, ob er erst noch mit der Maus spielen wollte, bevor er sie tötete.
„Ich glaube, das ist seine einzige Chance.“ Jimmy klang felsenfest überzeugt.
Sie verließen den Raum und das Bild des schmalen Jungen auf der Liege brannte sich in GAB ‘s Gedächtnis ein. So ähnlich hatte er auch einmal dagelegen, aber er war zurückgekehrt, immer. Selbstständig, aus freien Stücken, immer wann er es gewollt hatte.
Sie folgten dem langen Flur, ab und zu blieben sie stehen, Jimmy öffnete die Türen, ließ sie einen Blick hineinwerfen und erklärte kurz und knapp den Inhalt der Räume. Rezeptionsanlagen, Sensortechnik, Kontrollboard mit mehr als vierzig Bildschirmen, auf denen unaufhörlich Diagramme, Zahlenkolonnen und dreidimensionale Schichtmodelle hin und her zuckten, davor, leicht vorgebeugt und konzentriert die Mäuseschubser. GAB musste grinsen und war zugleich verärgert, als er Jimmys ehemalige Bezeichnung für Kontrolltechniker wiederholte. Jede Menge Mäuseschubser in einer beträchtlichen Anzahl von Räumen. Ein riesiger, fensterloser Komplex, wies es schien.
„Wie Area 51.“
GAB hatte es leise vor sich hingesagt, aber Jimmy griff seine Schulter, drehte ihn zur Seite, blickte wieder nach oben und sagte laut: „Wir werden jetzt zu einem Projektmeeting gehen. Ich denke, du bist damit einverstanden? Mehr Informationen brauchst du ja nicht.“ Der Griff auf der Schulter wurde härter, ein kurzes Zusammendrücken mit Jimmys verschwenderischer Urkraft, ließ GAB folgsam antworten: „Klar, kein Problem, ich denke, das Wichtigste habe ich gelesen und gesehen. Mehr braucht‘s für den Moment nicht.“
Der Druck auf der Schulter ließ abrupt nach und endete in einem freundschaftlichen Klaps, der die Richtung vorgab.
Bodyguard mit Handscanner vor verschlossener Tür. Kurzes Ablesen der Ausweise, Kontrollblick in die Gesichter, obwohl sich auf den Ausweisen keine Fotos befanden. Wahrscheinlich war der durchtrainierte Gedankenleser und konnte die guten oder bösen Absichten schon allein mit einem Blick ins Gesicht feststellen. GAB hätte bei dieser geheimen Vermutung beinahe laut losgelacht. Alles um ihn herum kam ihm verrückt und irreal vor, so als befände er sich in einem Computerspiel, nähme zwar daran teil, sei aber gleichzeitig irgendwie unbeteiligt. Was aber ganz offensichtlich nicht stimmte, wie sein immer noch leicht dröhnender Kopf, der langsam abnehmende medizinische Geschmack im Mund und der malträtierte rechte Arm ihm sagten.
Was um alles in der Welt hatte Jimmy dazu gebracht, ihn hierherholen zu lassen? Und was hatte der unbekannte Investor hier auf Jimmys kranken Gedanken mit unvorstellbaren Mitteln aufgebaut?
Die wichtigste Frage blieb jedoch: Was wollten sie von ihm?
GAB wurde von Jimmy in den halb abgedunkelten Raum geschoben und auf einen Stuhl am ovalen Tisch bugsiert. Sie saßen beide nebeneinander und die anderen schienen nur auf ihr Erscheinen gewartet zu haben.
Es konnte losgehen, was auch immer.