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Glaubwürdigkeit

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„Du kennst Vinnie?“

Marco blickte von Tony, der die Frage gestellt hatte, zu Vinnie, einem schmalen Kerl mit Wieselgesicht.

„Sicher.“ sagte er. „Ich kenne Vinnie.“

Tony nickte zufrieden. Ein großer Mann mit dickem Bauch und Knollennase, gefährlichen Augen und einem grausamen Zug um den Mund. Seit sein Onkel Salvatore die Geschäfte an ihn übergeben hatte, war Tony Oberhaupt der Familie. Wer ihn sah, wusste warum.

„Habt ihr beiden nicht mal zusammen ein Ding gedreht?“

Marco nickte. „Vinnie ist ein guter Fahrer.“

„Vinnie ist ein guter Fahrer.“ wiederholte Tony nachdenklich.

Vinnie stand zwischen ihnen und wirkte sehr unglücklich. In sich zusammengesackt, das Gesicht gesenkt, nur hin und wieder einen Blick auf die beiden Männer stehlend, die über ihn sprachen, als sei er nicht im Raum.

„Weiß, wann er Gas geben muss, und wann man besser nicht auffällt.“ fügte Marco hinzu.

„Ah.“ sagte Tony, als erkläre das alles. Er strich sich mit der Hand über die Bartstoppeln.

„Warum fragst du?“

Tony machte eine gleichgültige Geste, dann wies er auf einen Sessel, in dem Marco Platz nahm.

„Grappa?“

„Grappa.“

Tony nahm zwei Wassergläser, füllte sie zu einem Viertel mit Grappa und reichte Marco eines.

„Salut.“

Sie stießen an und leerten den Trester in einem Zug. Vinnie stand neben ihnen und beobachtete sie furchtsam. Marco wusste, was es bedeutete, nicht mit dem Don zu trinken.

„Was ist passiert?“ fragte er.

Tony stellte sein Glas auf den Schreibtisch.

„Vinnie hat es versaut!“.

„Was hat er versaut?“

„Er hat das Maul aufgerissen und in einer Kneipe mit einem großen Deal geprahlt.“ Tonys Stimme war kalt wie Stahl. „Er hat Orte verraten, er hat Namen genannt. Er hat die ganze Sache auffliegen lassen, weil er sich hat beobachten und belauschen lassen. Das hat uns eine Menge Geld gekostet und ein paar gute Leute in den Bau gebracht.“

„In einer Kneipe?“ fragte Marco.

„Ist das zu glauben?“

Marco schüttelte den Kopf. Für so dumm hatte er selbst Vinnie nicht gehalten.

„Was sagst du dazu, Vinnie?“ fragte Tony das Wiesel.

„Ich…“ stammelte der, überrascht, direkt angesprochen zu werden. „Ich…“

„Überleg dir genau, was du sagst.“ warnte Marco.

Tony warf ihm einen strafenden Blick zu, und Marco verstummte.

„Ich…“ begann Vinnie wieder, aber er war so aufgeregt, dass er keinen weiteren Ton herausbrachte.

„Komm her, Kleiner.“ sagte Tony, plötzlich wieder freundlich. Er trat einen Schritt auf Vinnie zu, der ihm ebenfalls einen zögernden Schritt entgegenkam, und legte ihm den linken Arm um die Schultern. Der schmächtige Kerl schien in der Pranke des Bären zu verschwinden. „Ich weiß, du bist aufgeregt.“

Vinnie nickte.

„Also atme tief durch und sag mir, was passiert ist.“

Vinnie warf Marco einen hilfesuchenden Blick zu.

Der erinnerte sich an seine eigene Anfangszeit. Er war ebenso aufgeregt gewesen, wenn Tony ihn etwas gefragt hatte, und er hatte mehr als einmal furchtsam gestammelt, aber er hatte seinen Weg in der Familie gemacht. Tony respektierte ihn. Aber er machte sich auch keine Illusionen: Tony war gefährlich – auch für ihn.

„Es war eigentlich gar nicht so schlimm.“ begann Vinnie vorsichtig. Sein Wieselblick sprang zwischen Tony und Marco hin und her. „Ich meine, ich kannte fast alle in der Kneipe. Und es war ein abgetrenntes Hinterzimmer. Ich wusste nicht, dass da auch Bullen reinkommen.“

„Du wusstest nicht, dass da auch Bullen reinkommen?“ unterbrach Marco ihn ungläubig.

Tony legte ihm die Rechte auf den Unterarm, und Marco schwieg.

„Ich meine, das ist doch eine Familienkneipe.“ jammerte Vinnie. „Man muss doch seiner Familie vertrauen können! Wie sollte ich wissen, dass keiner aufpasst? Und dass sie Bullen in das Hinterzimmer lassen?“

„Du hast Recht.“ sagte Tony versöhnlich und drückte Vinnie an sich. „Man muss der Familie vertrauen können.“

Vinnie atmete erleichtert aus, die Anspannung fiel von ihm ab, und Marco wusste, dass das Wiesel den großen Bären vollkommen falsch verstanden hatte. Die Klinge blitzte nur kurz auf, bevor sie bis zum Heft zwischen Vinnies Rippen verschwand. Vinnie versuchte erschrocken einzuatmen, sein Blick fiel auf den Griff des Messers, der aus seinem Brustkorb wuchs, dann gurgelte er einen letzten Atemzug, ein paar blutige Bläschen bildeten sich in seinem Mundwinkel, und er sackte in sich zusammen. Tony zog das Messer wieder aus dem Toten heraus, wischte es an dessen Hemd ab, und ließ den Leichnam achtlos zu Boden fallen.

„Tony.“ sagte Marco und betrachtete seinen Don vorwurfsvoll.

„Was?“

„Das war nicht nötig.“

Tony blickte auf das Wiesel, das reglos auf dem Boden lag. Sein Blut bildete langsam eine Pfütze. Marco hatte schon früh verstanden, warum in Tonys Arbeitszimmer kein Teppich lag.

„Der Junge hat es versaut.“ sagte er.

„Jeder versaut es mal.“ sagte Marco. „Ich habe früher auch ein paar Dinge versaut. Und mich hast du nicht abgestochen!“

„Er hat seine Glaubwürdigkeit verloren.“ erklärte Tony.

„Ein Anfängerfehler.“ gab Marco zu Bedenken.

„Ich meine doch nicht die Kneipe!“ Zwischen Tonys Augenbrauen erschien eine Falte, als er Marco musterte. „Der Bengel ist dumm! Da passiert so etwas schon mal. Das hat eine Menge Geld gekostet, und ein paar Jungs sind in den Bau gewandert. Nichts, was man nicht wieder geradebiegen kann. Du weißt, dass ich meine Jungs wieder raus hole, wenn das geht.“

„Ich weiß.“ stimmte Marco zu. Er wusste es aus eigener Erfahrung.

„Aber er hat es nicht eingesehen.“ fuhr Tony fort. „Er hat sich nicht hier hingestellt und gesagt: ‚Weißt du, Tony, ich habe Mist gebaut! Ich hätte aufpassen müssen, wem ich was erzähle! Ich hätte mir auf die Zunge beißen und das Maul halten müssen, aber das habe ich nicht getan. Ich habe Mist gebaut, und das tut mir leid!’“

„Das wäre nett gewesen.“ stimmte Marco zu.

„Stattdessen versucht er, mich für dumm zu verkaufen! Er hat gar nicht begriffen, dass er Mist gebaut hat. Er hat die Schuld bei anderen gesucht: Er hat es anderen vorgeworfen, dass Bullen in seiner Nähe waren, als er das Maul aufgerissen hat. Einem solchen Bengel kann ich nicht vertrauen!“

Er ging um den Tisch herum und ließ sich mit einem Seufzer in seinen Stuhl sinken. Er nahm den Hörer vom Telefon, wählte eine Nummer und wartete kurz. „Schickt jemanden, um den Müll abzuholen.“ sagte er dann und legte wieder auf.

„Vielleicht hätte der Junge es mit der Zeit begriffen.“ sagte Marco. Er betrachtete Vinnie mit leisem Bedauern. Der Bengel war nicht der Hellste gewesen, aber ein guter Fahrer... Vielleicht hätte er noch ein paar ordentliche Dinger drehen können.

„Wie soll ich einem solchen Kerl glauben?“ fragte Tony gereizt. „Ein solcher Typ wird immer versuchen, sich rauszureden. Nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Hat sein Leben lang versucht, den leichten Weg zu gehen, und wenn es hart kommt, lässt er andere den Kopf hinhalten. So einer ändert sich nicht!“

„Man kann nie wissen…“ warf Marco ein.

„Was willst du?“ rief Tony aufgebracht.

„Dein Onkel.“ sagte Marco. „Salvatore.“

Salvatores Weg war eine Familienlegende: In jungen Jahren unbedacht und nie um eine Ausrede verlegen, wenn es darum ging, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aber er hatte sich gefangen. Und zwei Jahrzehnte war er ein respektiertes und gefürchtetes Oberhaupt der Familie gewesen.

„Oh.“ sagte Tony und kratzte sich nachdenklich über die Bartstoppeln.

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