Читать книгу Fragmente - Matthias Jenke - Страница 5
Natascha
ОглавлениеAls er die Tür öffnete war es längst zu spät. In wenigen Minuten würden sie kommen, um den „Boss“ zu warnen, aber dann hatte er getan, weswegen er gekommen war.
Der Mann hinter dem großen Schreibtisch sah auf, als er das dunkle Büro betrat und die Tür sanft hinter sich schloss. Ein großer, kräftiger Mann mit breiten Schultern und mächtigem Bauch, mit einem groben, pockennarbigen Gesicht in dem eine breite Nase über den wulstigen Lippen thronte, überschattet von buschigen, durch und durch ergrauten Augenbrauen. Die kleinen, dunklen Augen erinnerten an Schweineaugen. Ihr Blick war durchdringend und stechend. Ein hässlicher, grausamer Mann, den er nur als „Boss“ kannte.
Der „Boss“ erhob sich aus seinem Stuhl,.
„Der Bomber.“ sagte er mit tiefer, brummiger Stimme. Voll aufgerichtet war er massiv wie ein Bär, und trotz seiner mehr als 60 Jahre war er kräftig und beweglich. Er schüchterte andere durch seine bloße Anwesenheit ein. „Hans, der Bomber. Was machst du hier, Junge?“
Hans reagierte nicht auf den gereizten Ton. Er baute sich stumm auf der anderen Seite des Schreibtisches auf und fixierte den alten Mann. Mit 1,96 m und 115 kg trainierten Muskeln war er selbst eine beeindruckende Erscheinung.
„Du siehst schlimm aus, Junge.“ brummte der „Boss“ und betrachtete ihn aufmerksam. Die Schrammen und Blutergüsse, die noch von dem Unfall herrührten; das blaue, fast schwarze, Auge; der Verband um seinen Kopf. Sein Blick wanderte weiter über die Blutspritzer auf seiner Brust, hinab zu der Pistole mit Perlmuttgriff in seiner rechten Hand.
„Das ist doch die Knarre von Emil.“ sagte er. Sein Blick war wachsam, aber noch war keine Angst darin zu erkennen. „Hat er sie dir freiwillig gegeben?“ Ätzender Spott in der Stimme.
„Er braucht sie nicht mehr.“ antwortete Hans. Seine Stimme war rau. Er hatte Schwierigkeiten, die Worte zu formen. Schmerzen benebelten sein Gehirn, und er wurde schwächer. Er verlor Blut durch die Wunde in seinem rechten Bein.
„Was willst du damit?“
„Dich umlegen!“ Hans hob den Arm und richtete die Waffe auf den Kopf des alten Mannes.
„Du kommst hier nicht mehr raus, Bomber.“ sagte der leise, bedrohlich. „Wenn du jetzt abdrückst, sind meine Leute hier, bevor du durchatmen kannst. Lass uns reden.“
„Es gibt nichts zu reden.“ antwortete Hans dumpf.
Jenseits der Tür wurden Stimmen laut. Aufruhr im Haus. Also hatten sie Ludwig gefunden. Ihm blieben nur noch Sekunden.
„Du hast keine Zeit mehr, Junge. Sie sind gleich hier. Nimm die Knarre runter und lass uns reden. Dann schauen wir, was ich für dich tun kann. Wir haben uns doch immer gut verstanden.“ Seine Stimme hatte einen kumpelhaften Ton angenommen.
„Du hast keine Zeit mehr.“ entgegnete Hans.
„Sie werden dich umlegen!“ drohte der „Boss“, als draußen Schritte laut wurden.
„Ich bin schon tot!“ sagte Hans kalt. „Das ist für meine Frau!“
„Deine Frau?“ fragte der „Boss“. Verwirrung erschien in seinem Blick; dann drückte Hans den Abzug und das Geschoss durchschlug den Kopf des alten Mannes. Verwirrung mischte sich mit Unglauben – dann brach sein Blick und er sackte in sich zusammen.
Noch bevor der leblose Körper zu Boden gefallen war, wurde die Tür aufgerissen.
Hans drehte sich um. Drei Männer standen ihm gegenüber, Pistolen im Anschlag.
„Boss!“ rief einer von ihnen.
Die anderen schossen.
Hans spürte Kugeln, die seinen Körper durchschlugen und brach zusammen. Er hatte seine Aufgabe erledigt. Es war in Ordnung. Seine Augen wurden schwer. Die drei Männer waren nur noch undeutliche Schemen.
Dann war es vorbei.
Heftiger Schmerz holte ihn zurück. Er schrie laut auf. Sein Körper brannte wie Feuer. Er wollte sich winden und konnte nicht, also schrie er noch einmal. Schmerzen, Panik! Er riss die Augen auf, presste die Lider aber sofort wieder zusammen, als helles Licht seinen Kopf durchstieß wie glühender Stahl.
„Wer hat dich geschickt?“ Die Stimme kam aus weiter Ferne, wie durch Watte.
Dann wieder unbeschreiblicher Schmerz, der seinen ganzen Körper mit heißem Licht anfüllte, und wieder schrie er laut auf. Er wollte ohnmächtig werden, wollte den Schmerz vergessen, aber es ging nicht. Er blieb in seinem Körper gefangen.
„Wer hat dich geschickt?“ wiederholte die Stimme. Näher. Ganz nah. Sie zischte ihm ins Ohr.
Wieder öffnete Hans die Augen, und diesmal gelang es ihm, sie offen zu halten. Er sah undeutliche Schemen. Nach und nach wurden diese Schemen fester und gewannen Konturen. Formen bildeten sich, Unterschiede zwischen hell und dunkel wurden deutlicher, bis er sah, wo er sich befand.
Ein kahler Raum mit Betonwänden; vielleicht ein Kellerraum, damit niemand seine Schreie hörte. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke und erfüllte den Raum mit unerbärmlicher Helligkeit. Neben ihm, auf einem kleinen Tisch, ein Kasten mit mehreren Reglern, von dem Kabel abgingen und an seinen Armen, seinen Beinen, seiner Brust endeten.
„Warum hast du den Boss umgelegt?“
Ein sehniger Kerl stand vor ihm, die Hände auf seinen Unterarmen abgestützt, das hässliche Rattengesicht vor ihm. Er schnaubte ihm seinen stinkenden Atem ins Gesicht. Das war die Stimme, die ihn aus der Dunkelheit zurückgeholt hatte.
„Und Ludwig?“
„Nicht nur die beiden.“ knurrte Hans. Sein Hals brannte und seine Lippen brachen auf, als sie die leisen Worte formten. Er schmeckte den metallischen Geschmack seines eigenen Blutes. Aber er genoss den kurzen Ausdruck des Erschreckens auf dem Rattengesicht.
„Du willst spielen? Kannst du haben.“ Der Kerl griff zur Seite und drehte an einem der Regler.
Das Licht an der Decke flackerte.
Hans wurde wieder von einer gleißenden Explosion von innen heraus in Stücke gerissen, und er schrie und schrie…
Richie hatte er als erstes erwischt. Im Dunkeln hatte Hans vor seinem Haus gewartet. Die Adresse hatte er aus Emil herausgeprügelt.
Als er die schmächtige Gestalt aus einem Auto hatte steigen sehen, das nur wenige Meter vom Hauseingang entfernt Halt gemacht hatte, hatte er sich noch tiefer in die Dunkelheit zwischen den Mülltonnen geduckt. Richie wohnte in einem Mehrfamilienhaus in einer heruntergekommenen Gegend. Eine ganze Batterie von Müllcontainern bot ausgezeichnetes Versteck.
Pfeifend ging Richie zu einer Haustür und schloss auf.
Hans spürte Hass in sich aufsteigen und begrüßte ihn wie einen guten Bekannten. Ein Gefühl in der Wüste seines Inneren.
Bevor die Tür ins Schloss gefallen war, hatte Hans sie mit leisen Schritten erreicht und hielt sie offen. Er lauschte den Schritten des anderen, die sich pfeifend über die Treppe nach oben entfernten. Er schlüpfte durch den offenen Spalt und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Ein vernehmliches Klicken hallte durch das Treppenhaus.
Das Pfeifen verstummte für einen kurzen Augenblick, setzte aber wieder ein.
Auf leisen Sohlen lief Hans zur Treppe und stieg sie angespannt empor.
Richie wohnte im dritten Stock, und er hörte, wie ein Schlüssel in ein Schloss geschoben wurde. Richie schloss auf, betrat die Wohnung und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Das Pfeifen war verstummt.
Hans lief die Treppe hinauf. Emils Pistole steckte in seinem Gürtel, das Metall drückte kalt gegen seinen Bauch. Er hatte noch keinen Schuss daraus abgefeuert.
Dann stand er vor Richies Tür. Hinter dem dünnen Holz konnte er hören, dass der Mann noch immer pfiff.
Er klopfte.
Das Pfeifen verstummte; Schritte näherten sich, und der Lichtschimmer im Türspion verdunkelte sich. Hans wartete mit pochendem Herzen.
Auf der anderen Seite wurde die Kette vorgelegt, die Tür öffnete sich einen Spalt, und Richies junges Gesicht tauchte vor ihm auf. Die blonden Haare standen unordentlich in alle Richtungen, die blauen Augen schauten misstrauisch.
„Bomber?“
„Überrascht?“ fragte Hans knurrend, nahm einen Schritt Anlauf und trat mit voller Wucht gegen die Tür. Mit der Fußsohle traf er sie direkt unterhalb des Türknaufs. Die Kette wurde mit einem lauten Krach aus der Wand gerissen und die Tür schlug Richie gegen die Brust. Der schmächtige Mann wurde nach hinten geschleudert, die Tür knallte gegen die Wand des Flurs.
Mit zwei Schritten stand Hans über dem erschrockenen Mann, packte ihn am Kragen und drückte ihm die Pistolenmündung aufs linke Auge.
„Bomber…“ keuchte Richie erschrocken. „Was…“
„Das ist für Natascha!“ knurrte Hans und drückte den Abzug. Der Knall war ohrenbetäubend. Im Lichtblitz des Mündungsfeuers leuchtete Richies Kopf von innen her auf, bevor der Schädel barst und Blut, Knochen und Gehirn herausspritzten.
Benommen blieb Hans einen Moment über den Leichnam gebeugt. Dann raffte er sich auf, streckte sich, wischte sich Blut und anderes aus dem Gesicht und verließ die Wohnung.
Er lief durch das Treppenhaus hinunter.
Im ersten Stock öffnete sich eine Tür, als er gerade an ihr vorbeilaufen wollte, und eine alte Frau streckte den Kopf heraus. Die anderen Nachbarn waren klug genug gewesen, sich nicht zu rühren, aber die Alte sah ihm direkt ins Gesicht und wurde bleich. Sie würde ihn identifizieren können!
Hans hob die Waffe und zielte auf ihr Gesicht.
Die Frau schien unfähig, sich zu bewegen.
Hans rang mit sich, sein Finger krümmte sich… und entspannte sich wieder. Er senkte die Pistole. Er war kein Killer; er tat nur, was getan werden musste.
„Verschwinden sie!“ zischte er. „Vergessen sie, was sie gesehen haben!“
Die Alte nickte benommen und schloss die Tür.
Hans sprang die letzten Stufen hinab und rannte aus dem Haus.
Es hatte zu regnen begonnen. Zuerst hatte es nur ein bisschen getröpfelt, aber dann war der Regen stärker geworden und hatte sich schließlich zu einem regelrechten Wolkenbruch entwickelt. In wenigen Sekunden war Hans vollkommen durchnässt. Die Luft war kalt, und er zitterte.
Er lief so schnell er konnte, um seinen Körper warm zu halten, aber die Folgen des Unfalls machten ihm zu schaffen. Sein Körper fühlte sich an, als wäre er von einer Dampfwalze überrollt worden; jeder Knochen, jedes Gelenk, jeder Muskel bereitete ihm Schmerzen; sein Kopf schien zerspringen zu wollen.
Die Hände an die Schläfen gepresst, lief er weiter. Er wollte sich hinlegen und die Augen schließen. Er wollte sich lang ausstrecken, einschlafen und nie wieder aufwachen. Sein Körper wollte so tot sein wie sein Herz und seine Seele es schon waren. Nur der Gedanke an Natascha trieb ihn voran. Er konnte ihr nicht mehr helfen. Er konnte sie nur rächen.
Er lief weiter, und der Regen spülte Richies Überreste von ihm ab.
Wie lange er gelaufen war, wusste er nicht. Aber als er an der Villa angelangte, in der Ludwig und der „Boss“ ihre Büros hatten, als wären sie gewöhnliche Geschäftsleute, hatte es schon wieder aufgehört zu regnen. Er hatte fast die ganze Stadt durchquert. Es mussten Stunden vergangen sein, was bedeutete, dass die Polizei sie schon von Richies Tod unterrichtet hatte. Der „Boss“ hatte seine Finger überall drin.
An allen Ecken des Gebäudes sah er Kameras, und mit Sicherheit gab es eine Alarmanlage. Heimlich einzudringen war nicht möglich; er musste den direkten Weg wählen.
Er stellte sich vor die Haustür und klingelte. Sein Herzschlag beschleunigte sich, Adrenalin schoss durch seinen Körper. Seine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt.
Die Tür öffnete sich und ein großer, grobschlächtiger Kerl in Anzughose und Hemd stand mit aufgekrempelten Ärmeln vor ihm. In einem Schulterholster trug er eine Waffe: einer der Leibwächter.
„Bomber.“ sagte der Kerl überrascht, als er Hans erkannte.
„Ist Ludwig da?“ fragte Hans heiser. Im hellen Lichtschein des Hausflurs war Richies Blut noch immer zu erkennen; aber der Leibwächter schien das nicht zu bemerken.
„Sicher…“ antwortete der Kerl langsam. „Hör mal, das mit deiner Frau ist echt ’ne Schande. War ein nettes Mädel. Den Jungs und mir hat es wirklich leid getan, weißt du?“
„Kann ich mit ihm sprechen?“ unterbrach Hans ihn. Er musste sich zusammenreißen, dem Kerl nicht an die Gurgel zu springen.
„Du weißt, dass du hier nur rein darfst, wenn er dich herbestellt hat. Und das hat er nicht getan!“ Noch immer schwang eine Spur Mitgefühl in seiner Stimme mit. Aber die Worte klangen endgültig.
„Es ist wichtig! Ich muss zu Ludwig!“
Hans trat einen Schritt nach vorne.
„Ich kann fragen.“ sagte der Leibwächter zögernd. Zum ersten Mal schien er zu bemerken, in welchem Zustand Hans vor ihm stand. „Mann, siehst du Scheiße aus. Ich… he, tut mir leid, war nicht so gemeint. Ich kann mal nachsehen, ob Ludwig ’nen Moment Zeit hat.“
Unwillkürlich hatte er bei diesen Worten nach hinten geschaut. Das war die Gelegenheit, auf die Hans gewartet hatte: wie ein wütender Bulle stürmte er nach vorne. Der Leibwächter bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel und warf sich zur Seite, die rechte Hand schon am Griff der Pistole, um sie aus dem Holster zu ziehen. Seine Reflexe waren sehr gut, und er war schnell. Aber Hans war schneller. Seine rechte Faust traf den Mann wie ein Vorschlaghammer an der Schläfe, und der Kerl stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden.
Hans schloss eilig die Tür hinter sich und schob den bewusstlosen Körper zur Seite. Es war ihm gleichgültig, ob er den Mann verletzt hatte oder nicht. Solange er nur ein paar Minuten ohne Bewusstsein blieb, reichte es aus. Er hatte nicht vor, das Haus wieder zu verlassen. Ohne Natascha gab es nichts, für das es sich zu leben lohnte.
Mit dem Knauf der Pistole schlug er dem Mann noch einmal kräftig gegen die Schläfe. Dann schaltete er das Licht aus und lief gebückt und auf leisen Sohlen durch den Eingangsbereich. Er kannte den Weg, seit er voriges Jahr einmal zum „Boss“ eingeladen worden war. Ludwig hatte ihn zunächst in einem Büro empfangen und ihn dann in das Büro seines Chefs geführt.
Hans schlich lautlos wie ein Schatten durch die Räume. Er begegnete niemandem, und nach wenigen Minuten stand er vor Ludwigs Büro. Unter der Tür schimmerte ein dünner Lichtstreifen. Auf der anderen Seite war alles still. Er legte das Ohr ans Holz der Tür und lauschte, aber noch immer war kein Ton zu hören.
Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt breit und lugte hindurch.
Ludwig saß in einem Sessel, in der linken Hand ein Glas Whisky. Er war nach vorne gebeugt und betrachtete ein paar Bücher, die auf dem Tisch vor ihm aufgeschlagen lagen. Daneben befand sich ein Schreibblock. In seiner rechten Hand hielt er einen teuren Federhalter.
„Komm rein.“ sagte er, ohne aufzublicken. Offenbar hatte er die Tür gehört.
Ohne ein Wort zu sagen betrat Hans den Raum und schloss die Tür hinter sich. Er durchquerte das Büro und ging langsam um den Sessel herum.
Ludwig blickte auf und war erstaunt.
„Bomber?“ fragte er überrascht. „Wie kommst du hier rein?“
Hans antwortete nicht. Stattdessen betrachtete er den Mann eindringlich. Ludwig war groß, schlank. Ein Mann, der Wert auf sein Äußeres legte und in teuren Anzügen eine gute Figur machte; ein Mann der hervorragend repräsentieren konnte und auf jedem Photo aussah wie frisch aus dem Ei gepellt. Selbst zu so später Stunde, und vollkommen allein in seinem Büro, trug er noch immer seine Krawatte und sah sein Hemd noch immer so aus, als habe er es gerade frisch angezogen.
Er war ein hochintelligenter und verschlagener Mann; aber er war kein mutiger Mann.
In seinen Augen blitzte Furcht auf, als er sich aus seinem Sessel erhob, den Whisky noch immer in der linken und den Federhalter noch immer in der rechten Hand.
„Was willst du hier, Bomber?“ fragte Ludwig. Er hielt nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau, und seine Stimme bebte leise.
„Rache für meine Frau.“ entgegnete Hans tonlos.
Ludwigs Blick flackerte.
„Bomber! Das mit deiner Frau tut mir wirklich schrecklich leid, aber dafür kann nun wirklich niemand etwas!“
„Das ist für Natascha.“ sagte Hans.
Doch er hatte Ludwig unterschätzt.
Überraschend schnell schüttete der ihm den Whisky in die Augen, was ihn für einen kurzen Augenblick blendete, und stürzte sich dann auf ihn. Hans wurde von dem Aufprall des leichteren Mannes aus dem Gleichgewicht gebracht und stolperte zurück. Dann schoss ein brennender Schmerz durch sein rechtes Bein, als Ludwig ihm den Federhalter in die Innenseite des Oberschenkels rammte. Der Mann hatte auf seinen Unterleib gezielt, ihn aber durch das Stolpern knapp verfehlt.
Hans röhrte vor Schmerz.
Mit seiner Linken bekam er Ludwigs Haare zu fassen und riss den Kopf des Mannes jäh zurück. Ludwig schrie vor Schmerz schrill auf. Hans stieß ihn von sich, nahm ein Kissen von dem Sessel, auf dem der andere eben noch gesessen hatte, und drückte es dem am Boden liegenden auf das Gesicht.
Ludwig strampelte und wehrte sich, aber Hans legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn. Dann presste er den Lauf der Pistole in das Kissen und zog den Abzug. Der Knall war durch das Kissen gedämpft; mit etwas Glück hatte niemand im Haus etwas gehört. Ludwigs Körper erschlaffte unter ihm.
Unbeschreiblicher Schmerz zerrte ihn in die Gegenwart zurück. Sein Körper brüllte seine Qual mit jeder Faser aus sich heraus; ihm selbst fehlte dazu inzwischen die Kraft. Ein leises Wimmern drang über seine Lippen, das seinen eigenen Ohren fremd klang.
Schläge trafen seinen Kopf, seine Brust. Sein Folterknecht hatte einen schmalen Holzknüppel in der Hand, mit dem er ihm in gleichmäßigen Abständen gegen Arme und Beine schlug. Er spürte die Schläge kaum. Sein Bewusstsein schien in Watte gepackt und nur noch das an sich heran zu lassen, was wirklich wichtig war. Sein Körper starb. Schmerz spielte keine Rolle mehr.
Überrascht blickte Hans aus geschwollenen Augen auf.
Der Mann hatte etwas gesagt.
Hans konzentrierte sich auf die Stimme, die aus weiter Ferne an seine Ohren zu dringen schien, obwohl der Mann direkt vor ihm stand.
„… Emils Knarre. Wie bist du an Emils Knarre gekommen?“
Emil. Der kleine Laufbursche. Ein Niemand, ein Wicht. Ein Kerl, der versuchte, durch eine auffällige Kanone Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihn hatte er zuerst besucht, um zu erfahren wo er Richie finden konnte. Und natürlich hatte er eine Waffe gebraucht.
Die ängstlichen, weit aufgerissenen Augen, als er über ihm gestanden und auf ihn eingeschlagen hatte… Er hatte ihm mehrere Finger der rechten Hand brechen müssen, um zu erfahren, weswegen er gekommen war. Die Zähigkeit dieses schmächtigen Kerls hatte ihn überrascht. Dann hatte er ihm das Genick gebrochen. Es hatte ihm Leid getan, aber er hatte es sich nicht leisten können, dass Ludwig oder der „Boss“ zu früh etwas erfuhren.
Als Hans die Wohnung verlassen hatte, hatte noch immer die Angst in Emils gebrochenem Blick gestanden.
„Willst nicht reden, was?“ Sein Folterer lachte verächtlich auf. Mit kräftigem Schwung schlug er Hans den Holzknüppel gegen den Kopf.
Hans wurde schwarz vor Augen.
Es war Sonntag, und Natascha und er saßen im Auto. Sie hatten sich gerade eine neue Wohnung in einer besseren Gegend angesehen. Natascha war ganz aufgekratzt und sprach von nichts anderem mehr. Wie groß die Wohnung war, wie hell, und was für einen Ausblick sie auf den Stadtpark hatten. Und ein zusätzliches Zimmer, ein Kinderzimmer. Natascha war im dritten Monat schwanger, aber das hatten sie noch niemandem erzählt; sie wollten kein Unglück über sich bringen. Aber das Kind war der Grund, warum sie sich eine neue Wohnung nehmen wollten – eine größere Wohnung in einer besseren Gegend…
„Wenn der Makler es schon weiß, dann kann ich es nachher auch meiner Mutter erzählen.“ sagte Natascha, setzte den Blinker und bog rechts ab.
Wenn sie zusammen Auto fuhren, saß meistens Natascha am Steuer. Hans fuhr gern Auto, aber Natascha fand seine Fahrweise zu rasant, deswegen fuhr sie lieber selbst.
„Klar kannst du das.“ sagte er.
„Die wird eh schon sauer sein, dass sie es erst jetzt erfährt.“
„Sag ihr, wir wollten erst sicher sein. Das wird sie verstehen.“
„Sicher, das versteht sie. Aber dass der Makler es vor ihr wusste…“
„Das musst du ihr ja nicht erzählen.“
„Ich muss nicht.“ grinste Natascha. „Aber du kennst mich. Es rutscht mir garantiert raus!“
„Oh, ja.“ lachte Hans. „Ich kenne dich!“
„Sie wird wissen wollen, ob wir uns das leisten können.“ sagte Natascha, als sie den Wagen an einer roten Ampel zum Stehen brachte.
„Natürlich können wir uns das leisten.“ antwortete Hans und legte ihr beruhigend die Hand auf den Oberschenkel. „Ich habe bei meinen letzten Kämpfen gut verdient, und ich habe da so was läuten hören, dass der ‚Boss’ eine Überraschung für mich auf Lager hat.“
„Pass auf, dass du nicht zuviel mit diesen Typen zu tun bekommst.“ bat Natascha.
„Der Mann hat mich groß gemacht.“ erinnerte Hans sie. „Ich bin ihm was schuldig.“
„Du weißt schon.“ sagte Natascha.
Hans zögerte einen Moment, aber dem Blick seiner Frau hatte er nichts entgegenzusetzen. Er liebte sie mehr als sein Leben.
„Versprochen.“ sagte er und gab ihr einen Kuss. „Und falls sie irgendwann wollen, dass ich bei irgendwelchen krummen Dingern… na ja… dann schmeiße ich die ganze Sache hin und suche mir einen richtigen Job. Ich werde uns schon über die Runden bringen!“
Hinter ihnen hupte jemand.
Natascha sah auf. Die Ampel war grün. Sie gab Gas, fuhr an.
Dann Chaos. Metall krachte und quietschte. Die Welt wurde durcheinander geworfen. Und alles war dunkel.
Mühsam öffnete Hans die Augen. Alles war verschwommen. Geräusche wie durch Watte. Hände packten ihn unter den Armen und zogen an ihm. Er sah zur Seite, sah zu Natascha. Sie saß noch auf dem Fahrersitz, aber sie sah anders aus. Ihre Haltung war unnatürlich. Ihr Kopf lag auf dem Airbag. Überall war Blut.
Hans’ Augen schlossen sich wie von selbst wieder.
‚Natascha?’ dachte er. Er wollte es aussprechen, konnte aber nicht. ‚Natascha? Bist du da?’
Dann Schwärze.
„Wie fühlen sie sich?“
Hans öffnete die Augen. Sein Kopf schmerzte und sein Körper fühlte sich müde und schwer an, wie am Morgen nach einem Kampf. Benommen sah er sich um. Kahle Wände, Metallgestänge an seinem Bett, eine fremde Umgebung. Er war zu müde, um überrascht zu sein, obwohl er das Gefühl hatte, überrascht sein zu müssen. Vielleicht später.
„Sie waren ziemlich lange weg.“
Der Mann trat neben sein Bett, um ihn anzuschauen. Mittelgroß, sportlich. Er trug einen einfachen, grauen Anzug; das Jackett war aufgeknöpft, das hellblaue Hemd und die rote Krawatte ein wenig zerknautscht.
„Wo…“ krächzte Hans. Sein Mund war trocken; sein Hals schmerzte. Er konnte die Frage nicht zu Ende stellen.
„Wo sie sind?“ stellte der Mann die Frage für ihn, während er ein Glas nahm und aus einer Flasche etwas Wasser einschenkte. „Im Krankenhaus, Herr Reimers.“
Er half Hans, sich aufzusetzen und gab ihm dann das Wasserglas.
„Langsam trinken.“ sagte er. „Sie waren drei Tage ohne Bewusstsein. Sie müssen sich fühlen wie ausgekotzt.“
Hans nahm vorsichtig ein paar Schlucke. Das Wasser wirkte Wunder. Sein Mund und sein Hals entspannten sich, und er konnte schlucken.
„Drei Tage?“ fragte er dann heiser. „Wieso?“
„Erinnern sie sich nicht?“ fragte der Mann. Er setzte sich auf die Bettkante und betrachtete Hans aufmerksam. „An gar nichts mehr?“
„Erinnern?“ murmelte Hans verwirrt. Sein Kopf pochte stärker und die Benommenheit schien zuzunehmen. Nataschas Gesicht tauchte kurz vor ihm auf. Natascha… blutüberströmt und mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an, verschwand dann aber wieder. „Natascha.“ flüsterte er fassungslos. Dann sah er zu dem Fremden auf. „Was ist mit meiner Frau?“
„Man wird ihnen erzählen, es sei ein Unfall gewesen, Herr Reimers.“ sagte der Mann vorsichtig.
„Unfall? Was ist mit meiner Frau? Wer sind sie?“
„Mein Name ist Krug.“ stellte der Mann sich vor. „Ich bin Kriminalkommissar. Mordkommission.“
„Mord…? Was…?“
„Erinnern sie sich wirklich an nichts, Herr Reimers?“
„Was ist mit Natascha?“ fragte Hans heiser. Dann schrie er es heraus: „Was ist mit meiner Frau?“
„Ihre Frau ist tot.“ sagte Krug mit leiser Stimme. Er schien sich auf einen Ausbruch vorzubereiten, aber Hans sackte in sich zusammen. Diese Worte hatten ihn mit ungeheurer Wucht getroffen. Nataschas blutüberströmtes Gesicht tauchte wieder vor ihm auf. Er sah sie auf dem Fahrersitz, eingeklemmt zwischen Rückenlehne und Airbag, sah ihre unnatürliche Haltung – und wusste, dass der Mann die Wahrheit sagte.
„Tot.“ flüsterte er kraftlos.
„Man wird ihnen erzählen, es sei ein Unfall gewesen. Hören sie?“ Krug legte ihm eine Hand auf den Arm und sprach eindringlich. „Aber das stimmt nicht! Es war kein Unfall!“
„Was?“ Er blickte Krug ins Gesicht und zum ersten Mal, seit er die Augen aufgeschlagen hatte, schien sich der Schleier der Benommenheit ein wenig zu lüften.
„Woran erinnern sie sich?“ fragte Krug erbarmungslos.
„Ich… Wir saßen im Auto.“ Hans konzentrierte sich, aber er sah nur Bruchstücke vor sich. „An der Ampel. Sie wurde grün. Wir fuhren los… und dann… alles durcheinander… ein Unfall…“
„Kein Unfall!“ unterbrach Krug ihn. „Auch wenn ihnen das alle erzählen werden. Ihre Frau wurde erschossen, Bomber!“
„Was?“ fuhr Hans auf.
„Ich werde ihnen erzählen, was geschehen ist. Ich will, dass sie bescheid wissen! Sie sind Hans Reimers, Boxer im Schwergewicht, Ringname ‚Der Bomber’. Sie haben Kontakte zu gewissen Leuten, die – sagen wir es mal so – das Gesetz auf ihre eigene Art auslegen. Sie wissen, von wem ich spreche?“
„Der ‚Boss’.“ murmelte Hans.
„Und sein Stellvertreter. Ein Mann, den sie als Ludwig kennen. Diesen beiden sind sie ein Dorn im Auge, Bomber. Man wollte sie loswerden.“
„Loswerden?“ fragte Hans verständnislos. „Ich bin Boxer! Ich bin Sportler! Ich stehe doch niemandem im Weg…“
„Der ‚Boss’ hat einen Neffen.“
„Nico.“
„Der boxt.“ stellte Krug fest und ließ Hans Zeit, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.
„Aber der Junge hat nichts auf dem Kasten!“ sagte Hans verständnislos.
„Wie sie mehrfach öffentlich betont haben.“ nickte Krug. „Diplomatie ist nicht ihre Stärke, Bomber. Habe ich Recht? Mit dem Kopf durch die Wand. Immer den geraden, den direkten Weg. Der ‚Boss’ ist sauer, dass sie seinen Neffen durch den Kakao gezogen haben. Er will den Jungen aufbauen, will ihn groß raus bringen. Da kann er es nicht gebrauchen, wenn man in den eigenen Reihen quer schießt.“
„Es hieß, er habe eine Überraschung für mich…“ fiel ihm wieder ein, was er Natascha erzählt hatte.
„Ich würde sagen, die haben sie bekommen.“ Krugs Lächeln war kalt und zynisch.
„Aber…“
„Der ‚Boss’ und Ludwig haben entschieden, sie aus dem Weg zu räumen, Bomber. Das weiß ich aus sicherer Quelle. Und sie haben einen Typen namens Richie ausgesucht, die Sache zu erledigen. Kennen sie den Mann?“
„Mal gesehen.“ murmelte Hans. Sein Gehirn weigerte sich, die Informationen zu verarbeiten. Wie konnte sein, was Krug ihm erzählte? Natascha hatte ihn gebeten, sich nicht zu sehr mit dem „Boss“ und seinen Leuten einzulassen, aber als Boxer war das gar nicht einfach…
„Richie hat Mist gebaut.“ fuhr Krug unnachgiebig fort. „Sie sollten auf jeden Fall draufgehen. Ihre Frau war den Leuten gleichgültig. Aber er hat ihre Frau erschossen, und sie haben den Unfall mit ein paar Prellungen und blauen Flecken überlebt. Sie hatten einen tüchtigen Schutzengel, Bomber.“
„Meine Frau…“ flüsterte Hans. Er konnte an nichts anderes denken als an Nataschas Gesicht. An die Freude, als sie über ihre neue Wohnung gesprochen hatte. An das Blut, als sie auf dem Airbag lag. „Meine Frau war schwanger.“ sagte er leise.
Krug zögerte einen Augenblick. „Ich weiß.“ sagte er dann leise, die Stimme voller Mitgefühl. „Ist bei der Autopsie herausgekommen.“
Ein oder zwei Minuten schwiegen sie.
„Was werden sie unternehmen?“ fragte Hans schließlich.
„Nichts.“ antwortete Krug zerknirscht.
Hans war fassungslos. „Was?“
„Ich bin von dem Fall abgezogen worden. Man hat ihn mir weggenommen! Offiziell war es ein Unfall. Ein anderer Wagen – Fahrer betrunken, ohne Kontrolle über sein Fahrzeug – ist über Rot gerast und auf der Kreuzung von links in ihr Auto gekracht. Ihre Frau starb noch an der Unfallstelle, sie selbst hatten unbeschreibliches Glück. Der Fahrer des Unfallwagens wurde schwer verletzt und liegt derzeit in einem Koma, aus dem er möglicherweise nicht mehr erwacht. Das ist die offizielle Version, die man ihnen erzählen wird, Herr Reimers. Der Rest kann zwar bewiesen werden, wird aber unter den Teppich gekehrt!“
„Ich verstehe nicht…“
„Der ‚Boss’ hat Kontakte auf höchster Ebene. Er hat an den richtigen Fäden gezogen und damit wurde aus einem Mord ein Unfall. Glauben sie mir, auch bei der Polizei gibt schwarze Schafe. An die Presse gingen nur Unfallmeldungen raus. Und wer die Wahrheit kennt wird mundtot gemacht.“
„Warum erzählen sie mir dann die Wahrheit?“
„Weil ich will, dass sie bescheid wissen! Und weil ich schon zu lange hinter diesen Leuten her bin, als dass ich ihre Vertuschungen noch länger ertragen könnte! Zu viele werden sie in Zukunft belügen! Sie haben die Wahrheit verdient!“
Krug nickte Hans zu, dann nahm er seinen Mantel, den er über einen Stuhl gelegt hatte, und verließ den Raum.
Hans blieb allein zurück.
Eine ganze Weile hatte er auf die Tür gestarrt und darauf gewartet, dass Krug zurückkam. Dann, dass überhaupt jemand den Raum betrat. Aber niemand war gekommen. Das einzige Gesicht, das er immer wieder sah, war Nataschas, und die Gewissheit, sie niemals wieder in die Arme nehmen zu können, zerrte an seinem Herzen, bis er spürte, wie es zerbrach. Ein heftiger, schmerzlicher Riss, der durch seinen Körper lief und dann… Leere. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er – gleichgültig was die Ärzte ihm erzählen mochten – mit Natascha zusammen gestorben war.
Vorsichtig setzte er sich auf und wartete, bis das Schwindelgefühl wieder abgeebbt war. Dann schob er die Füße langsam über die Bettkante und stand auf. Seine Beine waren steif und fühlten sich unsicher an, aber sie trugen ihn.
Mit einigen langsamen Schritten trat er an den Schrank neben der Tür und öffnete ihn ohne große Hoffnung. Aber tatsächlich fand er darin einen seiner Trainingsanzüge. Offenbar hatte ihn jemand besucht und ihm etwas anzuziehen gebracht. Ihm fiel nur einer ein, der ihm einen Trainingsanzug bringen würde. Frank. Ein alter Freund, den er noch aus Kindheitstagen kannte. Sein Trauzeuge, als er Natascha vor acht Jahren geheiratet hatte.
Für einen Augenblick betrachtete er den Trainingsanzug, ließ den Stoff zwischen seinen Fingern hindurch gleiten. Dann fasste er einen Entschluss und zog den Anzug und das Paar Turnschuhe an, das ebenfalls im Schrank stand. Er würde keine Minute länger in diesem Krankenhaus bleiben.
„Sie haben dich aus dem Krankenhaus entlassen?“ fragte Frank überrascht, als er eine halbe Stunde später bei ihm klingelte. „Wie bist du hergekommen? Warum hast du nichts gesagt? Ich hätte dich abgeholt! Mein Gott, komm rein!“
„Mit dem Taxi.“ beantwortete Hans eine der Fragen. „Der Fahrer wartet unten, könntest du…“
„Aber klar, aber klar!“ rief Frank aus. „Setz dich erstmal! Ich komme gleich wieder!“ Er nahm sein Portemonnaie von einem kleinen Tisch und lief hinunter zur Straße.
Hans fühlte sich müde, obwohl er drei Tage geschlafen hatte, und steuerte langsam auf einen Sessel zu. Noch bevor er sich gesetzt hatte, war Frank bereits zurück.
„Mann, es tut mir so leid.“ sagte sein Freund leise. Er hatte Tränen in den Augen, seine Stimme klang belegt, und er wirkte verloren wie ein kleines Kind. „Dass Natascha nicht mehr… es ist so… unfassbar!“
„Ja.“ Hans nickte. Er sah die Tränen seines Freundes und war dankbar dafür, aber er konnte nicht mit ihm weinen. Er war taub und leer.
„Sie haben in den Nachrichten über den Unfall berichtet.“ sagte Frank, nach Worten ringend. „Es war schrecklich! Ich habe euer Auto erkannt…“
„Ein Unfall, ja.“ antwortete Hans. „So sagt man.“ fügte er leise hinzu. So leise, dass es Frank entging.
„Aber, dass sie dich jetzt schon aus dem Krankenhaus entlassen haben… Du siehst schlimm aus, Mann!“
„Sie haben mich nicht entlassen.“ sagte Hans gleichmütig.
„Wie, sie haben dich nicht…“
„Ich bin gegangen.“ unterbrach er.
„Du kannst doch nicht… Du kannst doch nicht einfach aus dem Krankenhaus abhauen!“ rief Frank erschrocken aus.
„Warum nicht? Ich bin kein Gefangener!“
„Du hattest gerade einen schweren Unfall!“ erwiderte Frank. „Man muss doch sichergehen, dass du gesund bist!“
„Ich habe nur Prellungen und blaue Flecken.“ beschwichtigte Hans seinen Freund. „Ich habe Glück gehabt.“ Er rasselte nur herunter, was Kommissar Krug ihm gesagt hatte. Er selbst hatte gar nicht mit irgendjemandem vom medizinischen Personal gesprochen. „Und ich musste da raus! Ich musste zu jemandem, dem ich vertrauen kann!“
„Vertrauen?“ fragte Frank. „Klar, du kannst hier bleiben, Mann, aber vielleicht solltest du doch noch mal im Krankenhaus vorbeischauen. Nur um sicher zu gehen…“
„Morgen vielleicht.“ winkte Hans ab. In seinem Kopf machte sich ein Gedanke breit, dem er nachgehen wollte.
„Ich kann dich auch direkt hinfahren.“ schlug Frank vor.
„Glaubst du an Gerechtigkeit?“ fragte Hans.
„Was?“ Frank war überrascht.
„Glaubst du an Gerechtigkeit?“
„Ich glaube, dass du in ein Krankenhaus gehörst!“
„Nein. Mir geht es gut.“
„Dir geht es nicht gut!“ widersprach Frank ihm heftig. „Du hast einen schweren Autounfall hinter dir! Deine Frau ist gerade gestorben! Du gehörst in ein Krankenhaus, damit man dir wieder auf die Beine hilft! Und du brauchst Ruhe!“
„Glaubst du an Gerechtigkeit?“ wiederholte Hans, ohne auf die Worte seines Freundes einzugehen.
„Hans, ich mache mir Sorgen um dich!“
„Das brauchst du nicht.“ antwortete Hans ruhig. Der Gedanke nahm langsam festere Formen an. „Ich glaube an Gerechtigkeit. Solange es jemanden gibt, der sich für sie einsetzt.“
„Ruh dich aus, Mann!“ sagte Frank resignierend. „Ich mach dir was zu essen und dann schläfst du dich aus. Morgen sehen wir weiter, in Ordnung?“
Später klingelten zwei Polizeibeamte an Franks Tür und erkundigten sich nach Hans. Sie zerstreuten Franks Bedenken und bestätigten, dass er das Krankenhaus verlassen durfte. Es hatte zunächst für Aufregung unter dem Personal gesorgt, dass er verschwunden war, aber der behandelnde Arzt hatte bestätigt, dass kein direktes Gesundheitsrisiko bestand. Allerdings sei es dem Arzt lieber, wenn er sich am nächsten Tag wieder zur Untersuchung einfände.
Hans baten sie, am nächsten Tag auf der Wache vorbeizuschauen, um seine Aussage zum Unfallhergang zu machen.
Hans versprach zu erscheinen und die Polizisten zogen wieder ab.
„Ich kann dich hinfahren.“ bot Frank an.
Hans dankte ihm. Der Gedanke hatte sich gefestigt, und der Besuch der beiden Polizisten hatte Hans restlos überzeugt. Der Unfall war die offizielle Version der Geschichte, genau wie Krug es ihm gesagt hatte. Man würde die Sache abhaken und der „Boss“, Ludwig und Richie würden ungeschoren davonkommen. Sie hatten Natascha auf dem Gewissen und würden nicht dafür zahlen müssen!
Hans drohte an seinem Hass zu ersticken.
„Ich bin noch mal unterwegs.“ sagte er zu Frank und verließ die Wohnung.
Wieder öffnete Hans die Augen. Mühsam, schwerfällig. Sein Körper fühlte sich kalt an, und instinktiv wusste er, dass er bald sterben würde. Sein Körper gab auf. Sein Geist hatte das schon längst getan.
„Wieder wach?“ fragte sein Folterer höhnisch.
Hans blickte ihn nur stumm an.
Dann bemerkte er eine Bewegung zu seiner rechten. Er wollte den Kopf drehen, konnte aber nicht. Neben ihm stand ein Mann. Jetzt ging er um ihn herum und stellte sich vor ihm auf. Krug.
„Überrascht?“ fragte der Kommissar. Mit einer Handbewegung schickte er den anderen aus dem Raum. Der Mann gehorchte.
Hans verstand nicht.
„Ich bin kein Polizist.“ sagte Krug. „Ich bin, wenn man das so nennen will, die Nummer drei. Hinter Ludwig und dem ‚Boss’. Das heißt… ich war die Nummer drei. Dank dir bin ich aufgerückt, Bomber.“
Er ging ein paar Schritte vor Hans auf und ab. Sein Anzug war teuer und saß makellos. In diesem Anzug hätte Hans ihm den Polizisten niemals abgekauft.
„Ich habe lange nach einem Weg gesucht, ganz an die Spitze zu kommen. Und euer Unfall – oh, ja, es war ein Unfall – war ein Geschenk des Himmels. Jeder kennt deine Wutausbrüche, Bomber. Und jeder weiß, dass du deine Frau vergötterst. Ich brauchte nur eine passende Geschichte…“
Krug beugte sich vor und zwinkerte Hans fröhlich zu. „Ich dachte, das solltest du wissen!“
Lachend verließ er den Raum.