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1.3 Schweigen

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Wer staunen kann, kann auch schweigen, so könnte man meinen. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Denken wir einen Moment über das Schweigen im Verlauf einer Gesprächssituation nach. Je nach Kontext kann ein Schweigen die unterschiedlichsten Formen annehmen: Es kann sich um ein eisiges Schweigen handeln, ein einvernehmliches Schweigen, ein lauerndes, ein verbissenes, ein nachdenkliches Schweigen, ein Schweigen der Ratlosigkeit, der Trauer, der Scham. Immer aber ist es ein beredtes Schweigen. Schweigen ist Kommunikation. Es öffnet einen Raum, in dem in ganz besonderer Weise die Beziehung der beteiligten Personen zum Schwingen kommt. Erst wenn der Strom der Worte versiegt, wird spürbar, dass die Welt viel größer und mehrdeutiger ist, als die wohlgeformten Sätze zuvor glauben machten. Es entsteht eine Ahnung, dass vielleicht sogar alles bisher Gesagte den Blick nur vernebelt hat. So werden die entscheidenden Weichen für den Verlauf einer Begegnung nicht selten eher im Schweigen gestellt als im Reden.

Schweigen ist auch im Coaching die ungekrönte Königin der Interventionen. Und da es interaktionell hoch wirksam ist, erfordert es eine aufmerksame Beobachtung und einen bewussten Umgang – wie immer in erster Instanz mit sich selbst. Vor allem heißt Schweigen: Spannung halten können. Die Stille, die eintritt, wenn der Klang des Sprechens abreißt, löst Unbehagen aus. Wenn der stete Rhythmus von Rede und Replik innehält, kein Ton mehr im Raum ist, sich jäh die Leere einer Generalpause entfaltet, stellt sich im Handumdrehen ein Gefühl von Alarmiertheit und amorpher Ratlosigkeit ein. Das Bedürfnis, diesen Zustand schnellstmöglich zu beenden, springt automatisch an. Manchen wird gar heiß in einem solchen Moment, sie zeigen nervöse motorische Reaktionen oder lachen ein Übersprungslachen. Diese kleine Havarie in Gesprächssituationen kennen wir alle – nicht nur aus professionellen Kommunikationen.

Wenn es im Coaching geschieht, muss ich in der Lage sein, bewusst zu entscheiden, ob ich die entstandene Spannung eher auflösen oder halten will. Beides zu können ist wichtig. Spannung zu halten, ist dabei die anspruchsvollere Herausforderung. Sobald ich den unwillkürlichen Impuls habe, etwas zu sagen, um mich selbst von dem beschriebenen Unbehagen zu befreien, ist Gefahr im Verzug. Beliebt ist dabei zum Beispiel, eine gestellte Frage, die nicht gleich beantwortet wird, noch einmal zu präzisieren oder zu paraphrasieren, um die entstandene Stille zu überbrücken. Überhaupt sind weitere Erklärungen zum Gesagten ein unauffälliges Mittel zum Spannungsabbau, denn sie sind in der Sache immer gut begründbar. Wie viel »Schweigevermeidungstext« auf diese Weise produziert wird, kann man sich kaum vorstellen.

Man könnte von »Schweigekompetenz« sprechen und damit die Fähigkeit bezeichnen, Spannung in der Weise und in dem Maße halten zu können, die dem Prozess förderlich ist. Ohne Spannung entsteht keine Energie, keine Dringlichkeit. Ohne Spannung kann sich der Raum, den das Schweigen öffnet, nicht mit dem füllen, was gerade auftauchen will. Einfach ruhig und zugewandt warten, was passiert. Nichts tun, nichts sagen. Das ist eine Form der Aufmerksamkeit, deren Beherrschung schon eine gewisse Meisterschaft bedeuten kann.

1Was das Verstehen dieser unbewussten Vorgänge anbelangt, hat die Hirnforschung der jüngeren Zeit manch Neues beigetragen. Gerald Hüther (2005) lieferte eine sehr hand-habbare und plastische Aufbereitung der wichtigsten Forschungsergebnisse, die für die Praxis des Coachings und Selbstcoachings von Belang sind.

2Einige Schulen, die sich in besonderer Weise mit Körpersprache beschäftigen, fokussieren auf die Bemühung dahinterzukommen, was die Person »eigentlich« meint. Dazu werden Körpersignale unbewussten Botschaften zugeschrieben. Hier ist z. B. das NLP schon früh zu einem beachtlichen diagnostisch-methodischem Wissen vorgedrungen. Zu erwähnen sei hier auch das Körpersprache-Alphabet von Keith Johnstone (1993), das auf verblüffende Weise über die unbewussten Körperinszenierungen der Macht Auskunft gibt. Die Skepsis diesen Ansätzen gegenüber beruht darauf, dass sie ein recht starres Deutungsschema nahelegen.

3Bion (2009) nennt diesen Vorgang »Rêverie«, Träumerei. Ein zauberhafter Begriff. Er indiziert einen tagtraumähnlichen Zustand, der möglich macht, das Unbewusste der beiden Rollenträger in Resonanz zu bringen. Nota bene: »Rêverie« kann aber auch »Einbildung« heißen!

4An dieser Stelle ist es ratsam, sich auf Daniel Kahnemann (2012) zu beziehen. Er ist als der nüchterne Magier der Kognitionspsychologie sozusagen alternativlos.

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