Читать книгу Pardona 3 - Herz der tausend Welten - Mháire Stritter - Страница 5
ОглавлениеNichts kann die Zeiten halten,
worin Pardona ein Schiff jagen lässt und von Verbündeten Treue und Opfer fordert, die niemals vergolten werden, und den ersten Schritt der letzten Reise tut.
Dreitausend Jahre zuvor.
Der Riss in den Welten entließ Eiseskälte und Sturmwinde in den Nebel. Hier endete, was die Schöpfung verband und zusammenhielt. Hier begann das Chaos. Auf ihrer Flucht hatte eine Gefangene des Jenseits eine Bresche geschlagen, die nur langsam heilte. Die Grenze, mit einem sterblichen Verstand betrachtet, erschien wie schwarzes Wasser in dunkler Leere, auf dem riesige, blass leuchtende Kugeln entlangwanderten.
Die Sternenlichter zogen grollend ihre Bahn entlang der Barriere; die Öffnung würde sich bald schließen, wenn diese Wächter ihre Aufgabe erfüllten und das Chaos der 7. Sphäre vom Rest der Schöpfung trennten, so gut es möglich war. Noch aber pulsierte die Wunde in der Barriere und Wesenheiten, die ein Gespür dafür besaßen, glitten lautlos und hungrig näher.
Ein goldener Kiel zerteilte den Nebel und die Aasfresser des Limbus huschten davon. Das Schiff hing im Nichts, reglos und einsam. Lange hatte niemand mehr ihre Decks betreten, keine Hand sich auf ihr Ruder gelegt. Da die Rilmandra von einer Frau erschaffen worden war, die schon zu Lebzeiten gottgleich gewesen war, war sie viel mehr als nur ein kunstvoll hergestellter Rumpf und seidenbestickte Segel. Sie war lebendig, eine Entdeckerin und Abenteurerin, und lange, lange schon allein.
Ihre Neugier, eine dienstbare Eigenschaft für jemanden, der unbekannte Wege in andere Welten suchen sollte, ließ sie einen vorsichtigen Blick durch den Riss werfen, während sie auf den Wellen der Sphärenbewegungen schwankte. Jenseits herrschte unbarmherzige Kälte und das Heulen einer Jagdmeute begrüßte sie, als ihre körperlosen Sinne die Umgebung zu erfassen versuchten – und nah, ganz nah am Riss, befanden sich Sterbliche.
Rilmandra war unschlüssig, was dies zu bedeuten hatte. Dies war kein Ort für Sterbliche. Er würde sie zermahlen und ihre Seelen fressen, sie in Chaos auflösen. Doch keiner von ihnen unternahm auch nur einen Handschlag, um sich zu retten. Der Riss war direkt bei ihnen, nur wenige Schritte entfernt. Zwei lagen reglos am Boden, einer stand stumm herum und der letzte rannte auf vier Beinen auf und ab und heulte traurig.
Der Übergang würde nicht mehr lange bestehen und Rilmandra wusste, dass sie den Riss nicht offenhalten durfte. Es widersprach den Wünschen, die ihre Schöpferin einst geäußert hatte, und ihrem eigenen Sinn für Ordnung. Zudem konnte der Riss Mächte herbeirufen, die selbst durch ihr fein gesponnenes Netz aus Schutz und Heimlichkeit dringen würden, um ihre Masten zu brechen und ihre Planken zu zerschlagen.
Vorsichtig versuchte sie, mit ihrer Seele die des Stehenden zu berühren, aber sie spürte keinen Widerstand. Sein Körper war leer, nichts weiter als eine atmende Hülle.
Ihre Unschlüssigkeit währte nur noch einen Augenblick, dann warf sie ihre Sinne vorwärts. Ihre geliehenen Hände flatterten ungeschickt, als sie das Gleichgewicht der zweibeinigen Form zu wahren versuchte. Ihr Blick, so beschränkt aus zwei Augen, fiel auf die Liegenden. Eis hatte sich ihrer bemächtigt und Statuen aus ihnen gemacht, blau und blass und sicher verwahrt.
»Ich denke, ich möchte euch mitnehmen«, sagte sie zu dem Vierbeinigen. »Ihr gehört nicht hierher.«
Der andere gab laute Rufe von sich und sprang aufgeregt hin und her.
»Ich verstehe dich nicht«, gab sie zu und manövrierte ihren geborgten Körper mühselig näher an die beiden Erstarrten. Sie lieh etwas Kraft an die Hände und Gliedmaßen, die sie mit aller Konzentration steuerte, und hob die Statuen an.
Zu ihrem Glück war die Strecke zum Riss so gering, dass sie sie die paar Schritte im Grunde einfach stolpern und dann vorwärts fallen konnte. Sobald der Nebel die kleine Gruppe umschloss, wurden Gewicht und Bewegung bedeutungslos. Erleichtert ließ sie ihren Schiffsrumpf näher herangleiten und zog die Sterblichen sanft in den Griff ihres Lichtes und ihrer eigenen Schwere.
Ein wütendes Heulen drang aus der Bresche in der Schöpfung, doch der Übergang schloss sich weiter. Mit ihren Sinnen, die Strömungen schmeckten und das Raunen der Sphären hörten, sowie mit den Augen des geliehenen Körpers beobachtete Rilmandra, wie die Wunde zu einer Narbe wurde.
»So ist es besser«, sagte sie und sah zu dem Vierbeiner. Ihr Gastkörper lag auf dem Rücken, stellte sie fest, was ihn ziemlich nutzlos machte. »Bei mir seid ihr sicher.«
Der andere jammerte leise und presste sein Gesicht gegen die Schulter ihres Körpers. »Schon gut«, murmelte sie. »Ich verstehe dich aber immer noch nicht.«
Unter Aufbringung von etwas Konzentration rollte sie den Körper herum und schob ihn zusammen, bis sie erst die Knie und dann die Füße unter ihrem Schwerpunkt gebracht hatte und sich aufrichten konnte. Zugleich drehte sie ihren weitaus größeren eigentlichen Körper und fing eine Strömung aus Kraft ein, die ihre Segel füllte.
»Dies sind keine guten Gewässer«, erklärte sie, »und sie sind noch unruhiger als sonst. Große Räuber lauern hier, alte Schatten und vergessene Orte. Ziehen wir weiter.«
Sie machte in paar Schritte zur Reling und legte die schmalen, langen Finger des neuen Körpers darauf. Das fein polierte Holz fühlte sich seidig und warm an, und die Freude über diese neuen Sinne ließ sie lachen und die Glöckchen am Mast klingeln. Der Vierbeinige neigte den Kopf und sah sie an.
»Wir finden einen Weg, uns zu verständigen«, versprach sie ihm. »Wir haben alle Zeit, es zu lernen.«
Sie ließ den neuen Körper die Reling entlanggehen, bis sie ihren Bug erreichte. Sie streckte sich und berührte sacht den goldenen Vogel, der dort wachsam ins Nichts spähte. Dort hatte einst die Hand ihrer Schöpferin geruht und sie genoss den Moment der Erinnerung, der Nähe über Zeit und Welten hinweg.
»Nichts haben wir mehr als Zeit«, wisperte sie. Ungesehen und lautlos folgte sie den Bahnen aus Kraft, erkundete neue Wege und ließ Welten an sich vorbei ziehen. Ihre Besitzerin war fort und so gehörte sie nur sich. Freiheit, so fand sie, musste genutzt werden. Der einzig wache und beseelte ihrer neuen Begleiter widersprach nicht.
Zumindest nicht sofort.
Die Welt lag im Chaos und Amadena wusste es. Sie hatte es in ihren Träumen gesehen und in ihrem gemarterten Leib gespürt. Die eine Sache, die sie vor dem völligen Wahnsinn bewahrt hatte, war das Wissen darum, dass die 3. Sphäre in Flammen stehen würde – durch den Krieg Pyrdacors, durch seinen Fall … und vor allem durch ihre eigene Hand.
Als ihre Zehen zum ersten Mal seit fast eintausend Jahren wieder aventurischen Boden berührten, ging ein Zittern durch ihren Leib. Es war nicht ihr Zittern. Vielleicht war es die Vibration der Sphären nach dem Fall des Gottdrachen Pyrdacor, ihres Vaters, die sie spürte. Vielleicht war es das pulsierende Leben des Waldes oder schlicht ein Vorzeichen der Angst, die die Schöpfung vor ihr hegte.
Sie war an dem Ort wiedererschienen, an dem sie in die Niederhöllen gefahren war. Einst war es eine Lichtung am Rand der Stadt Simyala gewesen. Nun war alles überwuchert und roch nach frischem Leben, aber sie erkannte den Ort dennoch wieder. Sie atmete die laue Nachtluft ein und den leichten Verwesungsgeruch, der darin lag. Amadena hatte nichts bei sich, keine Waffen, kein Gewand. In ihrer Hand hielt sie lediglich die Fibel, die die verlorene kleine Gruppe von Helfern zu Acuriën gebracht hatte, mit einem Hauch seiner Seele darin. Inzwischen enthielt sie seine vollständige Seele, alles, was von ihm übrig war.
Sie öffnete die Hand und schaute auf das kleine Schmuckstück hinab, simpel und aus schlichtem Silber gefertigt. »Ich werde mich daran erinnern. Ich werde mich immer daran erinnern, wie nützlich du mir am Ende doch warst«, wisperte sie ihm zu. »Und auch du wirst es nie vergessen, denn du wirst mein Begleiter sein, wohin ich auch gehe.«
Sie steckte sich die Fibel ins Haar und sah sich um. Einige Schritt neben und hinter ihr, wie ein folgsamer Diener, stand der Troll – Kaschmallarun. Er schwankte noch immer und Blut lief ihm aus den Augenwinkeln und aus dem halb offenstehenden Mund. Er schien förmlich zu dampfen, seine Kleidung war zerrissen und versengt und er blutete aus zahlreichen Wunden. Dicke, purpurne Adern zeichneten sich unter seiner Haut ab. Als Amadena ihn musterte, senkte er den Kopf, ging langsam auf die Knie und gab einen langen, jammernden Laut von sich.
Sie ging langsam auf ihn zu, genoss dabei jeden Schritt ihrer nackten Füße auf dem Waldboden: echter, stofflicher Boden, Humus und Steine und Texturen, die für ihre Sinne erschlossen werden konnten. Sie betrachtete den Troll aus der Nähe, zog seine Lippen auseinander, um seine leeren, blutigen Kiefer zu betrachten, wo ihm alle Zähne ausgefallen waren.
»Du hast viel von der Macht des Güldenen gekostet«, sagte sie sanft zu ihm, strich ihm über die graue, aufgerissene Haut in seinem Gesicht, »zu viel. In ein paar Stunden wirst du tot sein, Schrat, und du wirst völlig umsonst gestorben sein.«
Er hob den Kopf und starrte ihr in die Augen. Sie kannte den bernsteinfarbenen Blick der Trolle, aus dem Weisheit von Äonen sprach. Er hatte sie noch nie beeindruckt. In diesem Blick hier sah sie vor allem den zum Scheitern verurteilten Kampf gegen die Macht des dhaza. Sie hatte diesen Troll innerlich aufgefressen, wie es sonst keine Macht auf der Welt vermochte, seine Lebenskraft aufgezehrt und seinen Atem und seine Knochen vergiftet. Das war das Glorreiche und das Gnadenlose an ihrem wahren Schöpfer: Man musste sich ihm nicht willentlich unterwerfen, um von ihm aufgezehrt zu werden. Seine Macht war unsichtbar, schleichend und tödlich.
»Natürlich könnten wir das noch ändern«, sagte sie ruhig, bot ihm nur die Möglichkeiten an. »Stell dir vor: Du verschreibst dich dem Goldenen Gott und seine Macht wird dich nicht mehr weiter verzehren. Dann hast du vielleicht eines Tages die Gelegenheit, dich und deine toten Freunde zu rächen. Vielleicht wirst du mich sogar erschlagen. Du wirst natürlich den Willen dazu verlieren und in meinem Namen weitere Gräueltaten vollbringen, aber wer weiß das schon genau … Vielleicht wirst du einen Weg finden. Und bis dieser Tag kommt, dienst du mir.«
Kaschmallarun war auf alle viere gesunken und hatte begonnen, Blut zu erbrechen. Er versuchte, von Amadena weg zu kriechen. Sie ging unbeeindruckt hinter ihm her und berührte ihn sanft mit der Hand an der Stirn, löschte gnädig für eine Weile seinen wachen Geist aus. Der Troll sank augenblicklich zusammen wie ein gewaltiger Sack und blieb regungslos auf dem Waldboden liegen. Sie selbst ließ sich nieder, um zu denken, zu meditieren. Sie sang zu ihrem eigenen Körper und der Welt und schützte sich vor Unbill und Wetter. Ihre Knochen erinnerten sich, den Dämon Maruk-Methai in sich getragen zu haben, dessen immense Macht sie hierhin zurück gebracht hatte. Er war gewichen, kaum dass sie die 3. Sphäre betreten hatte, aber sie schmeckte seinen Namen auf ihrer Zunge und wusste, wenn sie rief, würde er eilen.
Sie versenkte sich in langsame, planvolle Gedanken, ordnete das, was sie in Agonie und ohne eine Möglichkeit, es festzuhalten, in ihren Geist eingeschrieben hatte: Geheimnisse und Namen, Chaos und die darin verborgenen, erzwungenen Regeln.
Ihre Zeit in den Niederhöllen hatte sie nicht wie Acuriën in einer Zwischenwelt verbracht, an einem Un-Ort, an dem der fenvar als Fremdkörper in der 7. Sphäre gefangen war und die Grauen und den Wahnsinn zwar erleben musste, aber immer wieder vergessen und übersehen werden konnte. Nein, sie war direkt mit den stärksten Kräften der Niederhöllen in Kontakt geraten. Die Dämonen der Niederhöllen verzehrten sich nach ihrer Seele. Sie hatte die Elemente verdorben, die Schöpfung nach ihrem Willen verändert, Liebe und Zuneigung geheuchelt und die anderer ausgenutzt, Rache geübt und das Blut Ahnungsloser und Unschuldiger vergossen, verbotenes Wissen gesammelt und ihren Hort an Macht gemehrt – sie hatte in den Augen der Schöpfung jede Sünde begangen und die Wesenheiten der Niederhöllen, die Inbegriffe von Sünde, besaßen alle einen Anspruch, ein Verlangen, nach ihrer Seele.
Im Laufe der Zeit lernte Amadena die verschiedenen Domänen kennen. Während andere Wesen schon nach Augenblicken am Wahnsinn zerbrochen wären, hielt Amadena stand und entwickelte ein kühles, distanziertes Interesse an den Foltermethoden und den Myriaden Ungeschaffener, deren Blick auf sie fiel. In den Erinnerungen, die Acuriën von Amadena erhielt, waren es am Ende sogar die Dämonen, die sich vor ihr fürchteten und die sie immer weiter zum nächsten Erzdämon reichten, in der Hoffnung, dieser könnte sie endlich brechen oder – noch besser – sie würde diesen stürzen und somit die Gelegenheit für eine Ausweitung der eigenen Macht schaffen.
Nach all diesen Jahren war Amadena zu einer Expertin für das Chaos der Niederhöllen geworden, sofern dies einem fleischlichen Wesen überhaupt möglich war. Nicht nur hatte sie in ihrem Geist eine Bibliothek aller ihr bekannter Dämonen, ihrer Stärken, Vorlieben und Schwächen hinterlegt, sie hatte auch Wissen von diesen Dämonen erlangt, das diese seit Äonen über die Schöpfung gesammelt hatten, Wissen über die Natur der Sphären, die Wunden, die ihnen von den Dämonen beigebracht worden waren und über das unerreichbare Herz all dieser Welten. Ihre Zeit in den Niederhöllen hatte sie nicht nur stärker gemacht, sondern auch gefährlicher und mitleidloser.
All diese Erinnerungen teilte sie mit Acuriën. Ob sie echt waren oder eine Wahnvorstellung, das konnte er nicht sagen. Ihre neue Perspektive war Amadena jedoch dienlich bei dem, was sie nun vorhatte.
In ihrer langen Meditation stimmte sie sich auf die 3. Sphäre ein, die sie nun in ihrer Gesamtheit erfasste. Es gab gewaltige Reiche jenseits Aventuriens, aber sie hatte sich bisher ganz im Sinne ihres Gottes auf diesen Kontinent konzentriert – mit dem Ziel, die fey zu verderben und zu verführen, nach deren Vorbild sie erschaffen worden war. Nun rückten die anderen Länder in ihren Blick. Myranor im fernen Westen, das Land der Riesen im Osten, das vor Leben strotzende Uthuria im Süden und mehr. Über all diese Orte hatte sie unermessliches Wissen erlangt. Bis zum letzten Augenblick in den Niederhöllen hatte sie die ankommenden Seelen der Verdammten beobachtet und erfahren, woher sie gekommen und an was sie zugrunde gegangen waren. Nun griff sie mit ihrem Geist hinaus in die Welt, um die Lücken in ihrem Bild zu vervollständigen. Ihre Seele schwebte über den Wolken, zwischen den Wogen und unter den Wurzeln, um alte Werkzeuge, Verbündete und Schöpfungen aufzusuchen und zu erfahren, was seit ihrem bedauernswerten Verschwinden geschehen war – und sie war zufrieden.
Ihr Vater, der Gottdrache Pyrdacor, war gefallen. Er war das wichtigste Werkzeug des Namenlosen in dieser Welt gewesen, doch seine Hybris hatte ihn irgendwann nutzlos gemacht. Die Götter in Alveran hatten ihren Kettenhund losgeschickt, um Pyrdacors Herrschaft zu beenden. Der Gott ohne Namen brauchte einen neuen Legaten, ein Werkzeug, das in der Lage war, subtiler vorzugehen, das treuer war, intelligenter, ausdauernder, verführerischer. Amadena war all das und mehr.
Ihr altes Werk war tatsächlich vollbracht. Die Kultur der fenvar, jener fey, die Städte bauten und die Welt erforschten, war untergegangen. Zwei ihrer sechs elementaren Städte hatte sie damals eigenhändig zerstört, andere waren von ihren Bewohnern aus Feigheit von dieser Welt entrückt worden. In ihrer Abwesenheit waren zuerst Isiriel und schließlich Tie’Shianna, der Sitz des Hochkönigs Fenvarien, den Horden des Namenlosen zum Opfer gefallen, dem sich Pyrdacor am Ende seines Lebens offen verschrieben hatte. Doch dann war auch er gefallen und hatte viele seiner Drachen mit in den Tod gerissen. Sein Reich war von Aventurien entrückt worden, die Narbe war noch frisch. Dieses epochale Ereignis hatte ein Sphärenbeben ausgelöst, das die Schöpfung für immer durcheinandergewirbelt hatte, das sie selbst in ihrem Gefängnis am Rand der Welt gespürt hatte und das letztlich ihren Befreiern den Weg zu ihr bahnte. Der Strom der Zeit floss hier in der 3. Sphäre anders als in den Welten, die dort draußen durch den Limbus taumelten. Für Amadena und Acuriën war all das nur Tage her. In Aventurien waren seit dem Fall der Hochelfen und der Drachen über achtzig Jahre vergangen. Doch für Wesen wie sie war das keine lange Zeit.
Ein Machtvakuum war entstanden, und eine neue Art Kreatur machte sich bereits daran, es zu füllen. Die Menschen, jene plumpen, hässlichen Gestalten, mit denen sie immer wieder experimentiert hatte, wähnten sich bereits die neuen Herren Aventuriens. Sie nannten sich Tulamiden und wagten Vorstöße gegen die Echsen, die in den Ruinen von Pyrdacors Reich zu überleben versuchten. Nur weit im Norden waren die Erben der fey noch mächtig und hielten die Traditionen Ometheons aufrecht.
Doch dort war Amadenas Macht nach wie vor am stärksten. Ihre Kinder, die Shakagra, beantworteten ihren geistigen Ruf mit Feuereifer. Seit Langem warteten sie auf die verheißene Rückkehr ihrer Schöpferin, wagten kleine Vorstöße gegen die fey, aber waren niemals geeint genug gewesen, um einen neuen Feldzug zu starten. Sie lebten noch immer im Schatten des Himmelsturms und in den Anlagen tief darunter, die Amadenas Weisung zufolge errichtet worden waren, um ihre mit dämonischer Essenz verbundenen Armeen vor dem brennenden Licht des Sonnengottes zu schützen. Mit den Shakagra würde ihr neuer Feldzug beginnen. Zuerst würde sie Rache an den überlebenden fey nehmen, und danach sollte der Rest der 3. Sphäre die Macht Amadenas kennenlernen.
Kaschmallarun und Acuriën folgten Amadena in den Norden. Beide hatten keine Wahl. Der Weg begann langsam, der Troll trug die Fibel mit Acuriëns Seele und Amadena flog in Gestalt eines kleinen Vogels, eines Neuntöters, voraus. Schließlich gelang es ihr nach einem kurzem Kampf, den Geist eines alten Purpurdrachen zu unterwerfen, der fortan beide Körper und die Fibel trug. Der Drache war nach dem Ende des Krieges aus dem Süden in den Forst in der Mitte des Kontinents geflohen. Von ihm konnte Amadena noch mehr über den Untergangs Pyrdacors lernen. Je weiter sie sich dem eisigen Norden näherten, desto schweigsamer wurde ihre Reitkreatur, wagte es aber nicht, sich aufzulehnen. Als das Feuer im Inneren des Drachen aus den Südlanden ob der Kälte und der Folter durch seine neue Herrin verlosch, brachte Amadena den Leichnam dazu, im Tode noch zu Boden zu gleiten, nur wenige Hundert Schritt vom Eingang des Himmelsturms entfernt.
Sie hatte keine Intention, den Turm zu betreten. Ihre Diener warteten bereits zu dessen Füßen. Gut einhundert Schwarzalben in dunklen Rüstungen standen in Reih und Glied, und als Amadena absaß, fielen sie alle gleichzeitig mit militärischer Präzision auf die Knie. Niemand wagte, den Blick zu heben, als sie durch ihre Reihen schritt und auf eine Öffnung im Eis hinter den Truppen zuging. Erst als sie die Eishöhle betreten hatte, erhoben sich die Krieger der Shakagra Reihe für Reihe, folgten ihr in den Untergrund und hinter den letzten schlossen sich Eis und Fels.
Kaschmallarun hatte während der gesamten Reise kein Wort gesagt, sondern nur in die Ferne gestarrt und gelegentlich ein tiefes, brummendes Wimmern von sich gegeben. Nun wurde er von zehn Shakagra in einen Seitentunnel eskortiert und nahm auch dieses Schicksal schweigend an. Es drohte ihm keine Gefahr, Amadena hatte ihren Kindern lediglich stumm befohlen, ihn zu reinigen und auszurüsten.
Amadena selbst schritt einen anderen Korridor entlang. Sie kannte dieses Höhlensystem, immerhin hatte sie es in einem anderen Leben selbst angelegt. Ihre Schritte fanden einen Raum, den sie als Rückzugsort für sich selbst geschaffen hatte, und ihre Diener hatten dort bereits alles für ihre Bedürfnisse vorbereitet. Es erwarteten sie ein heißes Bad, ein Mahl aus Fisch, Algen und dem roten Fleisch der Eisrobben sowie ein seidenbedecktes Nachtlager. Die Einrichtung war aus ihren Gemächern im Himmelsturm hierher geschafft worden. Es war die erste Mahlzeit und die erste Nacht in einem Bett seit Langem.
Sie ließ sich auf das Bett nieder, nahm die Fibel aus ihrem Haar und drehte sie zwischen den Fingern hin und her. »Tausend Jahre lang musste ich auf all dies verzichten«, sagte sie zu der Seele darin, »deinetwegen. Aber ich bin nicht kleinlich. Immerhin warst du auch mein Portal, mein Ausweg und meine Rettung.« Sie strich sanft über das einfach bearbeitete Metall.
»Du wirst tausend Jahre und mehr abgelten, was du noch schuldest«, versprach sie.
Sie trat noch am selben Tag vor die versammelten Shakagra in der großen Halle ihrer unterirdischen Stadt, um zu ihnen zu sprechen und ihnen ihre Aufgaben zuzuweisen.
»Eure Göttin ist zurückgekehrt!«, hallten ihre Worte von den Wänden der lichtlosen Kaverne wider, »und sie wird euch in dieses neue Zeitalter führen! Die Zeit der fey ist vorbei! Sie haben sich verloren in ihrer Dekadenz und ihrem Hochmut. Die Zeit der Echsen ist vorbei! Sie waren nicht in der Lage, sich an die neue Welt anzupassen! Diese neue Welt sind wir! Die Shakagra und ihre Verbündeten! Mit der Macht des dhaza wird uns die Welt gehören!«
Die Krieger vor ihr jubelten nicht, aber jeder und jede einzelne murmelte leise »Für die Göttin und das dhaza.« Es war für Acuriën beängstigender als die Kriegsschreie tausender Barbaren.
Amadena verlor keine Zeit mit weiteren großen Reden. Vielleicht war die Drohung zu Beginn ihrer Ansprachen sogar nur an Acuriën und Kaschmallarun gerichtet gewesen. Der Troll stand, bewacht von vier weiteren Kriegern, am anderen Ende der Halle und starrte weiter ins Nichts. Er hatte immer noch kein Wort gesagt. Acuriën wusste nicht, als die Scharen der Shakagra ihre Hingabe zeigten und ihre Treue erneuerten, in welchem Verhältnis er zu Israni und Kilgan gestanden hatte und warum er seine Seele riskiert und verloren hatte, nur um ihn zu retten. Amadena ließ ihn darüber bewusst im Dunkeln, verbarg alle Gedanken und alles Wissen dazu vor ihm.
Doch ihre Pläne konnte er klar und deutlich vernehmen. Sie waren weltumspannend, blickten Jahrhunderte in die Zukunft. Offenbarten ein Wissen über die Schöpfung und die Politik der Reiche dieser Welt, das sonst niemand besitzen konnte. Amadena hatte gegenwärtig keine großen Pläne für Aventurien, wo Menschen aus dem Süden und Einwanderer aus Myranor sich bald gegenseitig zerfleischen würden.
Der Norden jedoch wurde noch von zahlreichen Nachkommen der Hochelfen Ometheons besiedelt. Diese galt es auszurotten. Kein fey sollte künftig mehr auf Dere wandeln, der nicht vom dhaza berührt war. Sie gab ihren Truppen konkrete Anweisungen, wie sie einen Feldzug gegen die letzten fey des Nordens anlegen sollte, um ihren Feind trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit auszulöschen.
Dann wandte sie sich den anderen Reichen der Welt zu. Das Land der Riesen war dem Namenlosen bereits zu großen Teilen verfallen. Myranor im Westen stand unter der Kontrolle mächtiger Zaubererfamilien, die den verschiedensten Mächten anhingen. Manche huldigten Dämonen, andere vielleicht dem dhaza, doch einige auch göttlichen Kräften. Ihnen allen war gemein, dass sie über Artefakte verfügten, die halb Aventurien in Schutt und Asche legen konnten, denn ihre Zauberei war fremdartig und durch große Weisheit und langfristige Studien perfektioniert. Myranor sollte also das Hauptaugenmerk gelten. Dort wollte Amadena ihren neuen Stützpunkt errichten.
Schon vor über tausend Jahren hatte Amadena den Shakagra befohlen, Tunnel zum Westkontinent anzulegen. Eine Vorhut war damals auf Wolkenschiffen nach Myranor gereist, um dort eine Kolonie zu gründen. Anschließend sollte der Bau der unterseeischen Anlage von beiden Seiten vonstattengehen. Acuriën konnte sich ein solches Bauwerk nicht vorstellen. Es müsste gewaltige Entfernungen überspannen und wäre unglaublichen Kräften ausgesetzt. Müsste man nicht undenkbar tief graben, bis man sicher unter den Wassermassen des Meeres war, und würde man dort nicht auf die Glut aus den Tiefen Deres stoßen?
Erst, als Amadena mit der Fibel im Haar den Tunnel betrat, um ihn zu begutachten, und ihre Gedanken an ihren Gefangenen sandte, konnte Acuriën es erfassen. Es war eine Röhre aus dickem Glas, die von der westlichsten Kaverne zunächst steil hinab zum Grund des Meeres führte. Amadenas Augen konnten die Schwärze des Ozeans nicht weit durchdringen, aber zuweilen huschten blasse Wesen nahe genug heran, um im Licht der Lampen, die die Shakagra bei sich trugen, zu schillern. Ihre Körper waren weiß oder durchsichtig, formlos und ohne Augen. Dumpf tasteten sie den gläsernen Tunnel ab, aber selbst die größten unter ihnen, Kalmare mit Armen von vielen Schritt Länge, konnten dem Glas keinen Schaden zufügen.
Die Röhre war breit genug, damit fünf Shakagra nebeneinander gehen konnten, und das Glas auf die gleiche Weise geformt wie die Behälter im Himmelsturm. Es musste Jahrhunderte gedauert haben, all dies zu erschaffen, aber Amadenas Kinder hatten ja auch genug Zeit gehabt.
»Sie sind alle geschult im Umgang mit Dämonen und dem Formen von Erzen mit dämonischer Macht«, wisperte Amadena Acuriën zu. »Sie haben diesen Tunnel viel schneller gebaut, als du es dir ausmalst. Und noch viele weitere, ein wahres Netzwerk unter den Meeren, Tore zu verlorenen Orten voll vergessener Macht. Wir werden sie bald bereisen. Schon morgen brechen wir auf.«
Amadena hatte erneut nicht gelogen. Bereits am Folgetag wurden sie und Kaschmallarun von einem kleinen Trupp Shakagra in den Tunnel eskortiert. Der Troll ging schleppend, vier der Dunkelelfen trugen Amadena in einer Sänfte. Die Dunkelheit des tiefen Meeres zog an ihnen vorbei, durchbrochen nur vom Tanzen weißer Quallen und einzelnen siedenden Quellen, die kochendes Wasser und Asche ausstießen, die noch finsterer waren als das lichtlose Wasser. An ihnen hafteten Gärten von abstrusen Wesen, die mit fiedrigen Armen um sich griffen und grelle, prächtige Farben zeigten, die nur für wenige Augenblicke im Lampenschein sichtbar wurden, bevor sie wieder für lange, lange Zeiten in der Dunkelheit versanken.
Natürlich legten sie so nicht die Tausenden von Meilen bis zur Küste Myranors, des Kontinents im Westen, zurück. Nach einigen Wegstunden erreichten sie eine gewaltige Glaskuppel, die am Meeresboden verankert war. Von ihr zweigten weitere Röhren nach Süden, Westen und Südwesten ab. Hier war ein weiteres Dutzend Shakagra mit Vorräten und Ausrüstung stationiert und sie alle fielen wortlos vor Amadena auf die Knie. Der Tunnel, der von hier aus nach Westen führte, war etwas schmaler als der bisherige und beherbergte eine Plattform aus einem fremdartigen Metall, auf der Amadena und ihre Begleiter jetzt Platz nahmen. Amadena legte eine Hand auf die Plattform und Runen begannen zu leuchten. Mit einem disharmonischen Summen setzte sich der Schlitten in Bewegung und wurde dabei immer schneller und schneller. Amadena sandte weitere Gedankenbilder an Acuriën und beschrieb ihm die Konstruktion, auf der sie saßen. Ein Transport-Dämon war in die Plattform gebunden und trieb sie voran, während er gleichzeitig ein Kissen aus Luft um ihre Basis erzeugte. Diese Art der Forschung, die Amadena schon vor zweitausend Jahren im Himmelsturm vorangetrieben hatte, machte sich die Kräfte der äußersten Sphäre dienstbar und war von den Ältesten abgelehnt worden. Nun diente sie dazu, sie in wenigen Tagen an die Küste Myranors zu tragen.
Sie passierten noch weitere Knotenpunkte auf ihrem Weg, tauschten die Bedeckung aus und erneuerten ihre Vorräte. Kaschmallarun starrte die gesamte Fahrt über teilnahmslos in die Schwärze der tiefen See. Er aß nichts und trank nichts. Amadena schien das zunächst völlig gleichgültig zu sein, aber nach einigen Tagen, die sie stumm nebeneinander gesessen hatten, sprach sie ihn beim Umladen auf eine neue Plattform in einer der Glaskuppeln doch wieder an: »Ich weiß, deine Art ist zäh. Aber wenn du nichts trinkst, wirst du verdorren und sterben. Dann muss ich deine Knochen am Ende noch als untoten Troll wiedererheben lassen, damit ich dich nicht völlig umsonst mitgeschleppt habe. Ist es das, was du willst?«
Der Troll wandte bloß seinen Blick ab. Da traf ihn eine unsichtbare Faust mit einer solchen Wucht, dass er gegen die Wand der Kuppel geschleudert wurde, und drückte sein Gesicht mit einem knirschenden Geräusch gegen das Glas.
»Ich habe dich etwas gefragt. Antworte mir oder ich mache meine Drohung wahr.«
Kaschmallarun grunzte vor Schmerz.
Amadena presst seinen Kopf fester gegen die Scheibe, die nun Risse zu zeigen begann. Die Shakagra, die damit beschäftigt waren, die Ausrüstung auf die neue Plattform zu verladen, wichen langsam einige Schritt zurück.
»Nein …« murmelte der Troll schließlich. »Nein, das will ich nicht.«
Amadena lockerte den magischen Griff und Kaschmallarun sank langsam zu Boden. »Es kann ja doch sprechen. Ich dachte, du wärst nicht mehr als ein großer, nutzloser Hund.«
Sie setzte sich auf die neue Plattform, während Kaschmallarun sich schwer atmend erhob. Er blickte noch einmal hinaus in die Schwärze und murmelte etwas, das Acuriën nicht verstand. Es klang wie »Hond«.
Der Vorposten der Shakagra im Norden des myranischen Imperiums war in den letzten Jahrhunderten bereits beträchtlich gewachsen und seine Population übertraf die im Himmelsturm. Von hier aus waren Amadenas Kinder weiter ins Landesinnere und das Ewige Eis gezogen, um mehr Stützpunkte anzulegen. Ähnlich wie in Aventurien hielten sich die Dunkelelfen hier unter der Erde verborgen und wagten nur hin und wieder Überfälle auf vorbeikommende Reisende oder Siedlungen. Amadena wollte, dass sich dies nun änderte. Sie und ihr kleiner Trupp waren nur der Anfang. Mehr Krieger aus Ometheon sollten folgen und weitere Shakagra-Siedlungen auf dem neuen Kontinent anlegen.
Ähnlich wie in Aventurien herrschte in Myranor ein Machtvakuum, das Amadena auszunutzen gedachte. Das Imperium hatte sich in einem großen Erbfolgekrieg unter den verschiedenen Optimatenhäusern gegenseitig zerfleischt. Die magiebegabten Geschlechter schickten Monstren und Chimären in die Schlacht, die in den letzten Jahrhunderten, die der Konflikt jetzt schon tobte, ganze Landstriche verwüstet hatten.
Ausgelöst worden war der Krieg durch den plötzlichen Tod der sogenannten Archäer, den Begründern der verschiedenen Häuser. Sie nannten sich selbst Kinder der Mondgöttin Mada, hielten sich für Geschöpfe der Magie und waren für die Wesen in Myranor so fremdartig gewesen wie die fey in Aventurien. Sie hatte den Menschen einen Pakt angeboten und den Großteil des Kontinents so unter ihrer Herrschaft geeint, sich dabei aber auch mit den Menschen vermischt und ihre magische Macht weitergegeben. Vor einigen Jahren waren die reinblütigen Archäer alle von einer mysteriösen Seuche dahingerafft worden und mit ihnen war auch die Einigkeit der Häuser verloren. Das myranische Imperium lag in Trümmern, versunken in einem endlosen Bürgerkrieg. Es war genau der richtige Zeitpunkt für Amadena, um zuzuschlagen.
Es dauerte tatsächlich nur ein paar Jahre, bis Amadena geheime Stützpunkte im gesamten Norden des Kontinents errichtet hatte, jeder besetzt mit Hunderten von Shakagra und ausgestattet mit Chimärenlabors, um neue Monstrositäten zu erschaffen. In der Feste Serrakhaszmazar weit im Norden richtete sie ihren persönlichen Herrschaftssitz ein. Mit jedem neuen Trupp von Shakagra und anderen Dienern wucherten die Türme empor, wurden von Dämonen und magischer Kraft geformte Treppen und Galerien übereinander gehäuft, bis die Zitadelle wie ein vielleibiges Monstrum an einem schwarzen Berg über Gletschern hing.
Mit den Jahren fand auch Kaschmallarun so etwas wie einen Lebenswillen. Die Lethargie, die seine Verwandlung ausgelöst hatte, fiel nach und nach, je länger er Amadenas Gefangener war, von ihm ab. Stattdessen entwickelte er eine stets leise kochende Wut, eine misstrauische Wachsamkeit und Appetit für das Leid anderer. Vielleicht hatte der Einfluss des dhaza aber auch einfach länger gebraucht, den Troll zu korrumpieren, als Amadena dies vorausgesehen hatte. Sie setzte ihn zunächst als Anführer kleiner Überfalltrupps ein und schickte ihn gegen die Barbarenstämme des Nordens.
Sieben Jahre nach der Rückkehr Amadenas aus den Niederhöllen tobten die Kriege unter den myranischen Häusern noch immer – und ihre neue Armee war bereit. Immer tiefer drangen ihre Truppen in das Gebiet des zersplitterten Imperiums vor, sorgten für Chaos in den Grenzsiedlungen, terrorisierten die Garnisonen und zermürbten die bereits stark dezimierten Truppen der streitenden Häuser. Gleichzeitig suchte Amadena die Anführer der imperialen Fraktionen in vielerlei Gestalten auf. Meist trat sie als Gesandte eines der anderen Häuser auf, bot einen Pakt oder überbrachte eine Provokation. So hielt sie nicht nur den als Chimärenkrieg in die Geschichte eingegangenen Konflikt am Laufen, sie lenkte auch von ihren eigenen Vorstößen ab. Die streitenden Reiche der Menschen wurden täglich schwächer, während sich ihre Armeen und Magier gegenseitig zerfleischten und immer neue Terrormaschinen aufeinanderhetzten, deren Geheimnisse die mysteriöse Albin ihnen verraten hatte.
So gelang es Amadena und ihren Truppen nach nur wenigen Jahren, als Sieger aus einem vorher schier endlos wirkenden Konflikt hervorzugehen. Sie eroberte den Berg Baan-Bashur, den einstigen Sitz des Imperiums und seines Herrschers, des Thearchen. Dieser Thron war es, um den die Häuser seit Jahrzehnten stritten und in ihrem Hass und ihrem Eifer hatten sie zunächst nicht bemerkt, dass sich Amadena auf ihm niedergelassen hatte.
In nur sieben Jahren war die Tochter Pyrdacors wieder zur Herrscherin eines Reiches geworden. Zwar erkannte sie niemand als neue Thearchin an und es gab auch kein geeintes Imperium, über das sie hätte regieren können, doch ihre Schwarzalben hielten im nördlichen Teils des Kontinents weite Landstriche besetzt und hatten einen Keil bis in sein Zentrum getrieben. Die Herzen der Menschen waren leicht zu kaufen gewesen und eine Vielzahl entbehrlicher Söldner hatte sich Amadenas Feldzug angeschlossen, um die wenigen tausend Shakagra zu unterstützen. Wer sich ihr nicht anschloss, lernte schon bald die volle Grausamkeit der Schwarzalben kennen, deren dunkle Rüstungen schnell überall im ehemaligen Imperium zu einem Synonym für Tod und Zerstörung wurden. Ihre fahlen, toten Gesichter mit den schwarzen Augen und spitzen Ohren zu erblicken, kam dem Urteil eines langsamen Todes gleich.
Söldnertrupps, immer angeführt von Shakagra, marodierten in den Randgebieten von Amadenas Reich und beschäftigen den Widerstand der Optimatenhäuser lange genug, damit ihre Herrscherin selbst den Anführern neue Lügen in die Ohren flüstern konnte – und sie davon überzeugen, dass nicht die fremde Macht aus dem Norden die eigentliche Gefahr war, sondern dies nach wie vor eine Finte der konkurrierenden Häuser sei. Mehr als eines der Häuser Myranors war den Verlockungen des Goldenen Gottes bereits ohne ihr Zutun verfallen und somit fielen auch Amadenas Worte auf fruchtbareren Boden, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie hatte wenig Mühe, den extremeren Anhängern ihres Gottes immer höhere Posten in der Hierarchie des mächtigen und arroganten Hauses Chrysotheos zu verschaffen und letztlich half sie auch, eine unheilige Allianz zu besiegeln. Weit im Westen des Kontinents lag ein Land, so sehr dem Blut und dem Leid verschrieben, dass selbst die lasterhaften Imperialen es mieden. Das Land der Draydal, die die dunklen Kräfte des dhaza anbeteten und als Werkzeuge benutzten, um Armeen von Untoten zu erschaffen. Sie wurden zu Verbündeten der gewissenlosen Herrscherhäuser des Imperiums – und damit war eine neue Front entstanden, die Amadenas Aufstieg diente.
So wurde Amadena unter einem weiteren ihrer vielen Namen zur Imperatorin über ein in Flammen stehendes Reich, doch darum ging es ihr in diesem Fall nicht einmal. Es waren die Geheimnisse des Berges Baan-Bashur, wegen derer sie diesen Feldzug unternommen hatte. Als sie ihren Thron vom eisigen Norden ins Zentrum des Imperiums verlagerte, machte sie Kaschmallarun zu ihrem Statthalter in Serrakhaszmazar. Zunächst lehnte er ab.
»Herrin, Ihr könnt nicht von Euren Truppen verlangen, dass sie mir folgen, wie sie Euch folgen. Ich bin nur euer einfacher Leibwächter.« Der Troll hatte jetzt zwar seit Jahren verbissen auf Seiten der Shakagra gekämpft, die Verantwortung schien er aber zu scheuen. Zu Amadenas Unbill.
»Du hast die äußeren Sphären bereist, dem direkten Kontakt mit dem Nichts des dhaza getrotzt und die Niederhöllen gesehen. Du weißt mehr über die Schöpfung als jeder hier und meine Kinder wissen, dass es nichts mehr gibt, was dich einschüchtern kann. Sie werden dir folgen, so als würde dir der Thron im Eis gehören.«
Er trat das Amt an, denn er hatte keine andere Wahl.
Die Archäer hatten sich die Kinder Madas genannt. Sie waren von der Göttin der Magie berührt gewesen, ein Volk von Freizauberern mit einem dritten Auge auf der Stirn, das in der Lage war, die Welt des Arkanen zu sehen. Ihr Ziel war es gewesen, ganz im Sinne ihrer verlorenen Göttin, den Völkern Deres die Magie zu bringen. Sie waren Wesen von fast göttlicher Macht gewesen. Unter ihnen sollen sogar wahre Halbgötter gewesen sein, Diener der Kräfte, die in Alveran über die Welt herrschten. Baan-Bashur galt manchen als Zentrum der derischen Schöpfung.
All das war in Myranor allgemein bekannt, für Acuriën war es jedoch völlig neu. Amadena teilte ihr erlangtes Wissen mit ihm, als wollte sie seinen Horizont erweitern, jedoch immer mit Lücken, immer ohne den letzten Schlüssel für das Verständnis ihres Vorgehens, ihrer Pläne. Sie ließ es in seinen Geist sickern und lächelte still und bitter, wenn sein Geist zu rasen begann und er die Fragen hin und her wälzte, warum sie etwas tat, warum sie ihm dieses Wissen gab, warum sie nach dem Erbe einer verlorenen Spezies suchte, warum sie sich in diesem Kontinent festsetzte wie eine giftige Wurzel, die in alle Winkel kroch.
Während der Krieg um Baan-Bashur weiter tobte, nutzte Amadena die Zeit, die immensen Tunnelsysteme unter ihrem Palast zu erforschen und nach den Geheimnissen der Archäer zu suchen, von denen sie sich so viel versprach. Anfangs nahm sie Shakagra und menschliche Söldner mit auf diese Expeditionen. Doch nach einigen Monaten ging sie dazu über, Acuriëns Geist von der Fibel in ein Metallkonstrukt zu übertragen und dieses als Leibwache mitzunehmen. Das Konstrukt stakste auf sechs Beinen durch die Korridore und folgte dabei Amadenas Willen. Sechs Arme endeten in Schwertlanzen und Schilden. Auf all das war ein metallener Kopf geschraubt, der über eine Reihe von dünnen Metallplatten Geräusche erzeugen konnte. Darüber war es Acuriën möglich, sich zu verständigen, wenn auch mit einer scheppernden, seelenlosen Stimme.
»Kein schöner Anblick«, meinte Amadena zu dem Konstrukt, nachdem sie seine Seele das erste Mal hineingefüllt hatte und er verloren und ohne klares Verständnis des neuen Körpers umhertastete. »Ein Jammer. Im Himmelsturm warst du immer einer meiner Lieblinge. Doch dein Leib verrottet in den Niederhöllen bei deinen Freunden. Immerhin bist du dennoch hier und kannst als der letzte der fenvar Momente wie diese mit mir teilen.«
Kein Wort davon verriet aufrechtes oder auch nur glaubhaft geheucheltes Mitleid. Amadena hätte sicher auch ein eleganteres Konstrukt für Acuriën entwerfen können. Dieser Metallkörper war rostig und quietschte bei jedem Schritt. Für Acuriën, der keinen Schmerz mehr spürte, war es aber einerlei, ob er in einer Fibel oder einem Metallskelett eingesperrt war. Zunächst wagte er es, die neue Freiheit der Bewegung zu genießen. Er begann zu verstehen, warum Amadena ihn bei sich behielt. Alle anderen Wesen, mit denen sie sich umgab, waren ihre Diener oder gar Geschöpfe. Unterwürfige Kreaturen, seelenlose Dunkelalben, geldgierige Menschen, deren Lebensspanne lächerlich kurz war. Es gab wenig sinnvolle Worte, die man mit ihnen hätte wechseln können. Amadenas altes Leben war von der Zeit hinfort gespült worden und nachdem sie beide die tausend Jahre in den Höllen geteilt hatten, waren sie für den jeweils anderen das Einzige, was davon noch geblieben war. Sie wollte jemanden auf Augenhöhe, oder wenigstens jemanden, der nicht völlig unter ihrer Würde war, bei sich wissen.
So durchschritten sie zu zweit die Katakomben unter Baan-Bashur, natürlich nach wie vor mit einer Bedeckung aus Shakagra, die vorausging, um die offensichtlichsten Gefahren auszumerzen und mit all den magischen Annehmlichkeiten, die Amadena für solche Expeditionen vorbereitet hatte. Mindere Dämonen lösten uralte Fallen aus. Schutzzauber lagen auf den beiden fenvar. Ein stetes Licht ging von einer glosenden Kugel über Acuriëns Metallkopf aus.
»Gewöhn dich nicht zu sehr an deinen neuen Körper«, meinte Amadena beiläufig, nachdem Acuriëns Klingen eine Chimäre zerschnitten hatten, die sich aus einer Öffnung in der Decke auf sie gestürzt hatte. »Heute Nacht wirst du wieder zurück in der Fibel sein. Aber falls du dich als nützlich erweist … dies ist die 16. Ebene, die wir bisher durchsucht haben. Angeblich warten noch hundertmal mehr unter uns. Du könntest sie alle mit mir erforschen. Es ist eine Arbeit, die Jahre dauern wird. Unter uns liegen nicht nur Tunnel wie dieser, Baan-Bashur war einst viel mehr als nur ein Berg mit einem Palast darauf.«
Acuriën hatte bereits gelernt, dass er nicht antworten sollte, wenn er nicht direkt gefragt worden war und dass seine Metallstimme Amadena nicht behagte. Also hörte er weiter zu.
»Hier haben die Himmlischen vor Äonen einige wenige Kreaturen jeder Art vor dem Zorn anderer Gottheiten gerettet. Wäre es nach diesen gegangen, hätten sie alles, was lebte, ausgerottet, um neues Leben zu schaffen. Es war ihre Antwort auf das Wirken des dhaza, dem damals fast alle Kreaturen Deres verfallen waren. Verstehst du, was ich sage? Die Götter waren bereit, alles und jeden umzubringen, nur weil sich die Wesen damals den Lehren des Namenlosen zugewandt hatten. Klingt das für dich, als stünden sie auf der richtigen Seite?«
»Nein, tut es nicht«, antwortete Acuriën pflichtbewusst. Er hätte es auch ironisch meinen können, die Metallstimme ließ keine Nuancen erkennen.
»Nur einige wenige Götter, darunter Mada, die Herrin der Magie, rebellierten gegen diese Entscheidung. Sie versteckten eine Handvoll Sterblicher jeder Spezies hier und schufen ihnen ein Heim, in dem sie die Katastrophe überdauern konnten, die alles andere auslöschte. Der Berg wurde damit später zum Ursprung fast allen intelligenten Lebens in dieser Sphäre … Mit Ausnahme der fey und somit der fenvar, die von außerhalb gekommen waren, und den Wesen, deren Ursprung das dhaza war. Mit besonderer Ausnahme also von uns beiden. Wir sind nicht wie gesuchte Strauchdiebe verborgen worden, um dann aus dem Schlamm zu kriechen. Aber jede andere Kultur hat ihre Wurzeln genau hier. Was wir nicht wissen, ist, welche Rolle die Archäer dabei genau gespielt haben. Waren sie wirklich die Kinder Madas, die den Sterblichen angeblich so wohlgesonnen war, dann mögen sie auch die Verwalter dieser Brutstätte des Lebens gewesen sein.«
Acuriën wurde klar, dass es die Archäer selbst waren, für die Amadena eine besondere Faszination empfand. Man sagte, sie seien wohlmeinend gegenüber der Schöpfung gewesen, aber rebellisch gegenüber den Göttern. Sah sich Amadena selbst in diesem Bild? Hielt sie sich für eine Wohltäterin an den Sterblichen?
»Die Archäer sollen das Geheimnis der Theurgie gekannt haben«, fuhr sie fort, »die Fähigkeit, Götter zu beschwören und sie ihrem Willen zu unterwerfen.«
Es klang absurd und Acuriën stockte kurz in seinen Bewegungen. Die Götter waren so gut wie allmächtig und nur andere Götter oder Erzdämonen, vielleicht noch Giganten, konnten ihnen etwas anhaben. Jemand, der einem Gott gebietet, wäre der nicht selbst ein Gott?
Amadena wusste, dass es kein Ding der Unmöglichkeit war, und teilte noch mehr Wissen mit ihrem alten Weggefährten, während sie in den folgenden Jahren die unteren Ebenen erkundeten. Sie hatte diese Geschichten von einem der Archäer direkt gehört, als seine Seele in ihre Einzelteile zerlegt worden war. Das Wesen hatte behauptet, dass es unter seinem Volk solche gab, die selbst die Essenz der Göttlichkeit in sich trugen, auch wenn sie wie Sterbliche über Dere wandelten.
Bisher war Amadena nur das Werkzeug eines gefesselten Gottes gewesen. Doch damit würde sie sich künftig nicht mehr begnügen. Sie kannte den Platz, der ihr zustand, und sie hatte eine klare Vision, wie sie ihn erreichen könnte. Die uralten Artefakte, die sie in Baan-Bashur bergen wollte, waren die ersten Schritte auf diesem Weg.
In der untersten Ebene des Berges fand sie schließlich das, was sie am dringlichsten gesucht hatte. Acuriën war bei ihr an diesem Tag, sein metallener Körper war korrodiert und fast aufgelöst vom Blut und der Säure, die durch die Adern seiner Feinde geflossen waren. Mit jeder weiteren Ebene unter dem Berg waren die Gänge größer geworden, bis sie titanische Ausmaße erreicht hatten. Treppenstufen reichten Amadena bis zum Scheitel, die Höhlendecke war oft nur noch zu erahnen und in den fernen Schatten schrien Kreaturen aus vergessenen Zeitaltern. Im Zentrum der letzten Ebene schwebten die beiden ungleichen Gefährten schließlich über einen See aus flüssigem Gold, um eine Insel mit einer Festung darauf zu erreichen, deren Türme irgendwo in der lichtlosen Höhlenwelt mit der Decke verschmolzen und die Wurzeln des Reiches bildeten, über das sie herrschte. In dieser Festung standen ihnen ihre bisher härtesten Kämpfe bevor und Amadenas Zauberkraft hätte beinahe nicht ausgereicht, um die Wesen zu vertreiben, die hier über den größten Schatz der Archäer wachten: Gefäße der Schöpfung, in der Lage, selbst einem Gott einen Leib zu schaffen.
Amadena und ihre Alben konnten den Berg Baan-Bashur und die besetzten Gebiete fast 200 Jahre lang halten. Als die zerstrittenen Häuser Amadena endlich als die größte Bedrohung erkannten, schlossen sie sich zum Zweiten Imperium zusammen und vertrieben die Feinde zurück in den Norden, aus dem sie gekommen waren.
Amadena hätte dies niemals geschehen lassen, hätte sie zu diesem Zeitpunkt nicht längst alles gehabt, wofür sie gekommen war. Die Herrschaft über das Imperium bedeutete ihr nichts, sie hatte Größeres im Sinn. Tatsächlich hatte sie mit ihrem offenen Krieg viel mehr Aufmerksamkeit erzeugt, als es ihre Absicht gewesen war. Sie hatte die Menschen und ihren Willen, in Notsituationen zusammenzuarbeiten, unterschätzt. Diesen Fehler würde sie in Aventurien nicht wiederholen.
In den folgenden Jahrhunderten perfektionierte sie das Werk, das sie vor ihrem Sturz begonnen hatte, ihren Beitrag zur derischen Schöpfung: die Chimären. Die Wesen, die später als Gletscherwürmer bekannt werden sollten, machten erstmals tausend Jahre nach Amadenas Rückkehr aus den Niederhöllen den Norden Myranors und Aventuriens unsicher. Es waren Weiterentwicklungen der eisigen Würmer, mit denen sie bereits im Himmelsturm experimentiert hatte. Ein Herz einer solchen Kreatur hatte sie mit dem des Menschen Kilgan verschmolzen und diesen damit unempfindlich gegen Kälte gemacht. Die Gletscherwürmer waren zwar nicht die größten oder mächtigsten unter den Drachen, aber sie waren eine ausgezeichnete Ergänzung für die Truppen der Shakagra in den Nordgebieten. Sie konnten jahrzehntelang so gut wie regungslos verharren oder vom Himmel aus die Horizonte im Blick behalten. Sie waren die perfekten Wachen für Amadenas eisiges Reich.
Dass einige der fenvar sich mitsamt ihren Städten ins Verborgene zurückgezogen hatten, ließ ihr jedoch keine Ruhe. Je öfter sie sich wieder in Aventurien aufhielt, umso mehr steigerte sie sich in die Idee hinein, dass die überlebenden fey sich wieder zusammenrotten und geeint gegen sie vorgehen könnten, so wie es die Menschen in Myranor getan hatten. Sie erschuf eigens verschiedenste Kreaturen als Spione und Jäger, nur um ihre verhassten Artgenossen aufzuspüren und zu vernichten.
Nicht allen fey setzte sie mit Monstermacht zu. Viele wurden der Kriege Aventuriens überdrüssig und schworen, freiwillig ins Licht zurückzukehren. Doch das war Amadena nicht genug. Sie nutzte jede Gelegenheit, um selbst diese »Feiglinge« für ihre Zwecke einzusetzen. Statt sie ins Licht gehen zu lassen, lockte sie immer mehr von ihnen ins mahlende Nichts des dhaza. Sie sorgte dafür, dass Acuriën die Schreie ihrer gepeinigten Seelen vernahm.
»Ohne dich wären sie jetzt alle im Licht und für meinen Herren verloren. Ich danke dir.«
An jenem Tag, als dies geschah, belohnte sie Acuriën für seine tausend Jahre Dienst und verschmolz seinen Geist für einige Stunden wieder mit dem eines sterblichen Wesens, sodass er Nahrung kosten konnte. Sie hatte dafür eigens eine amphibische Art der Neunaugenfische geschaffen und setze dem erbärmlichen, egelartigen Wesen einen Trog mit Blut vor. Elfenblut, da war sich Acuriën sicher. Er trank es trotzdem.
Nachdem Amadena sich die Vorherrschaft über die Polarregionen gesichert und die Reste der fenvar in ihre Schranken verwiesen hatte, begann sie sich wieder mehr für das südliche Aventurien zu interessieren. Dort waren inzwischen neue Völker angekommen, Siedler aus Myranor, die am Meer der Sieben Winde die Stadt Bosparan gegründet hatten und schnell mit dem Volk der Tulamiden in Krieg gerieten. Acuriën konnte nie herausfinden, ob Amadena den Güldenländern, wie sie sich später nannten, die Idee der Besiedlung des neuen Kontinents in den Geist gepflanzt hatte oder ob es deren natürlicher Expansionsdrang gewesen war. Was Acuriën aber sicher wusste, war, dass Amadena und ihre Spione die neuen bosparanischen Kaiser, die Horanthes, nicht aus den Augen ließen, denn diese Herrscher waren in der Tradition ihrer güldenländischen Herkunft oft Zauberwirker und hielten sich für Halbgötter. Und an Göttern, die unter Sterblichen wandeln, ob nun wahre oder eingebildete, hatte Amadena seit ihrer Zeit in Baan-Bashur ein besonderes Interesse entwickelt.
So war es denn auch Baan-Bashur, wo – einige Jahrhunderte vor dem Fall Bosparans in Aventurien – ebensolche leibhaftig auftauchten. Die Oberhäupter der Häuser Melarythor und Ennandu waren fleischgewordene Prinzipien von magischer Macht und Weisheit und löschten sich gegenseitig in einem Jahrzehnte währenden Krieg aus. Der Oberste des Hauses Melarythor wurde als Alveraniar des Verbotenen Wissens verehrt, als Himmlischer Gesandter, der die Sterblichen in bester Tradition der Archäer mit dem Geschenk der Magie betraute, nebst all den Risiken, die dies barg.
Amadena hatte diesen Konflikt zu spät bemerkt – sie war zu sehr in ihre Experimente vertieft gewesen. Erst als die Sphären ob des Kampfes der beiden Himmlischen zu beben begannen, richtete sie ihren Blick auf sie. Melarythor hatte die Kraft, Kontinente einzuebnen und Sterbliche verfielen ihm, wenn er sie nur ansah. Er trug auf seinem Haupt die Dreizehnstrahlige Dämonenkrone, das Symbol für den Bund und das Werkzeug zur Herrschaft über die Niederhöllen. Einst hatte der Namenlose selbst diese Krone getragen, ja vielleicht sogar selbst geschmiedet. Dass sie nun im Besitz dieses Halbgottes war, musste ein Zeichen sein. Entweder ein Zeichen, dass ein Pakt zwischen ihm und Amadena vorherbestimmt war – oder dass sie sie ihm gemeinsam mit seiner göttlichen Macht entreißen musste.
Doch dazu kam es nicht. Amadena hatte die Heftigkeit des Konfliktes in Myranor unterschätzt. Sie konnte nur noch Zeugin der rauchenden Trümmer der letzten Schlacht werden.
Ihr Werk in Aventurien war da viel einfacher. Sie musste nicht viel tun, um den Kreislauf des Todes im Gang zu halten, wenn es um die Horaskaiser in Bosparan ging. Eine geschenkte Zauberformel hier, ein wahrer Name eines Dämonen da, die Erinnerung an eine schöne tulamidische Prinzessin oder an zu leere Staatskassen und zu reiche Bauern in den nördlichen Provinzen. Krieg folgte auf Krieg, Dekadenz auf Niedergang und andersherum. Aventuriens Boden wurde mit dem Blut der jungen Menschenvölker getränkt, Bosparan versank wieder in Trümmern – keiner seiner Herrscher war in Amadenas Augen ein genaueres Studium Wert gewesen.
Mit dem Niedergang dieses dekadenten Reiches betrachtete Amadena ihre Arbeit fürs Erste als getan. Erneut zog sie sich in den Himmelsturm zurück. Sie brauchte neue Kreaturen, neue Späher und subtilere Handlanger, wenn sie in der neuen Zeit bestehen wollte. Mit neuem Eifer wandte sie sich ihren Chimärenlabors zu – und es sollte viele Jahre dauern, bis sie dort von Entdeckern aus den Menschenreichen in ihrer Konzentration gestört wurde.
Tumbe Barbaren aus dem Norden Aventuriens waren durch Zufall über Ometheons Himmelsturm gestoßen und dort planlos umhergewandert. Amadena und ihr Volk hatten den Turm vernachlässigt und sich in die unterseeischen Städte zurückgezogen. Nur einige Gefangene waren dort untergebracht und warteten auf ihren Einsatz in verschiedenen Experimenten. Als die menschlichen Eindringlinge die Verteidigungsmechanismen des Turms aktivierten, war das ein Weckruf für Amadena. Die Menschen waren in ihrer Expansionswut bis zu ihrer Haustür vorgedrungen. Sie beschloss, sich genauer anzusehen, wer da in ihr Reich eingedrungen und offenbar an den Hinterlassenschaften der Hochelfen interessiert war, deren Untergang nun schon 3.000 Jahre zurücklag. Erneut ließ sie ihre verborgenen Festungen hinter sich und zog durch Aventurien – und ihr wurde klar, dass Veränderung in der Luft lag. Eine neue Weltzeitwende stand bevor. Das Zeitalter näherte sich bereits wieder seinem Ende und wie jedes Mal, wenn ein neues Äon bevorstand, würden Götter und Halbgötter aus ihren Reichen in anderen Sphären über die Schöpfung wandeln.
Amadena begann, ihre Fühler auszustrecken. Die Gestalt, die in Myranor vor gut anderthalbtausend Jahren als Alveraniar des Verbotenen Wissens aufgetreten war, wurde in Liedern besungen, Prophezeiungen sprachen von einer zyklischen Rückkehr. Seine Taten hatten eine Art Sekte begründet, eine fanatische Anhängerschaft aus Magiern und Nicht-Magiern, die in ihm den großen Befreier sahen, den Mann, der die Wände zwischen den Sphären einreißen und Menschen und andere Sterbliche mit Göttern gleichstellen würde. Dies war eine Person, die Amadena nützlich sein könnte. Sie trat in Kontakt mit den Menschen, die dem sogenannten Sphärenschänder nacheiferten und seine Rückkehr herbeisehnten und schmiedete Bündnisse mit einflussreichen Männern und Frauen des Mittelreiches. Ihr gemeinsamer Plan war es, einen Halbgott zu beschwören, wie es die Archäer vermocht hatten.
Rilmandra reiste, denn das war ihre Natur. Sie lernte neue Dinge, weil sie es wollte. Nach vielen geduldigen Versuchen gab sie sich geschlagen und akzeptierte, dass die Kehle ihres Körpers die Laute des Vierbeinigen nicht genau nachahmen konnte und dieser wiederum nicht in der Lage war, die singenden Töne des zweistimmigen Asdharia hervorzubringen. Die Sprache der fenvar, der aus dem Licht hervorgetretenen fey, die Städte und Schönheit in die Welt gebracht hatten, war die Sprache ihrer Schöpferin gewesen und fühlte sich auch auf den Lippen und der Zunge ihres geliehenen Leibs vertraut an. Mehr kannte sie auch nicht, sprachen die Bewohner der fernen Globulen im Nebel doch oft nur in Gedanken, Gesten und Träumen und nicht mit einer hörbaren Stimme.
Lange Zeiten, in denen in der 3. Sphäre die Jahre und Jahrhunderte vergingen, saß Rilmandra neben den in Eis Erstarrten und studierte sie. Eine der Personen hatte rötliches Haar mit einer weißen Strähne und wirkte seltsam grob. Das Gesicht der anderen war zerrissen. Beide waren, bevor das Eis sie umschlossen hatte, schwer verletzt gewesen, und so beschloss Rilmandra, nicht daran zu rühren.
»Es tut mir leid«, sagte sie zu dem Vierbeinigen. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas für sie tun kann. Ich will länger darüber nachdenken.«
Er gab einen traurigen Laut von sich und sie legte eine Hand zwischen seine Ohren. »Ich ahne, was du fühlst«, sagte sie, »die Musik deiner Stimme ergibt Sinn für mich.«
Er öffnete einen Moment lang weit das Maul in einem seltsam tiefen Atemzug und drehte sich dann auf die Seite. Sie grübelte darüber nach, was das bedeuten mochte, und steuerte fort von einem Licht im Nebel, das Wächter und Ärger versprach, und hielt sich weiter an ihre verborgenen Pfade. Sie blieb lange so sitzen auf ihrem Deck, und der Nebel, der sie durchdrang und den sie im Gegenzug durchquerte, erhielt den neuen Körper ohne Bedürfnisse und Widrigkeiten.
Der Vierbeinige, ebenso von Hunger verschont, litt umso mehr an Langeweile. Bald lief er auf ihren Decks auf und ab, kratzte an ihrem Holz, kaute auf den Seilen und zeigte sich unverständig, wenn sie ihn ermahnte. Sie ließ sich treiben und versuchte zugleich, in ihrem neuen Körper mehr Verständnis für den Vierbeinigen aufzubringen. Sie zeigte auf die Schnitzereien an ihrer Reling und wiederholte immer und immer wieder die Worte, die dafür standen.
»Nachtigall«, sang sie, »Lilie, Wassertropfen, Spiegel, Feder, Hirsch, Eisvogel …«
Eine Weile später, die Sphären hatten sich bewegt und dort, wo Leben herrschte, dieses durch lange Zeiten und Zyklen begleitet, begann der andere darauf zu reagieren. Wenn sie »Efeuranke!« rief, eilte er zur entsprechenden Schnitzerei und lobte sie ihn dafür, freute er sich und sprang jubelnd umher.
Mehr Zeit verging und bald lief Rilmandras Gast in ihrem Spiel von Klängen und Symbolen von Bug bis Heck und teils unter Deck, um all die Dinge zu finden, die sie benannte. Und auch wenn er in ihrer im Limbus schwebenden kleinen Blase von Existenz keinen Hunger oder Durst verspürte, suchte er mit der Nase voran in jedem Winkel vergebens nach Essen.
Sie pflegte sein dichtes Fell sowie das Haar ihres geliehenen Leibs, indem sie geduldig mit den Fingerspitzen wieder und wieder hindurch fuhr und Knoten entwirrte. Sie lag mit dem anderen an Deck und sah zu den schimmernden Bahnen von Kraft, denen sie folgten, den glühenden Spuren vergessener Welten. Sie drückte ihn an sich, als der Nebel erzitterte und ferner Flügelschlag erklang, während sie ihre Segel drehte und floh.
Sie waren einander Anker, während die Welten weiterzogen. Sie durften nicht Halt machen, nicht rasten, während an anderen Orten Schlachten gewonnen und verloren wurden, Wälder erblühten und vergingen und Felder voll Knochen zu blühenden Ebenen wurden. Sie fanden Ruhe in der Stille der im Eis gefangenen Begleiter, in den Rhythmen des Limbus, in ihren Spielen und dem Dämmerschlaf im Nebel.
Die Welten drehten sich, folgten ihren vorbestimmten Abläufen. Zeit lief in Pulsen vom Herz der Schöpfung nach außen, versickerte und verlor schließlich am Rand, wo die Sterne wachten, ihre Bedeutung.
Borbarad hatte den Bund mit Amadena abgelehnt, ohne auch nur lange darüber nachzudenken. Er hatte genau gewusst, was ihn erwartete und was sie ihm vorschlagen wollte. Das war eine wertvolle Erkenntnis für Acuriëns Herrin gewesen. Möglicherweise hatte sie das Wesen des Göttlichen doch unterschätzt. Doch auch davon abgesehen war das Ritual nicht der Fehlschlag gewesen, als der es erscheinen mochte.
Borbarads Rückkehr stürzte den gesamten Kontinent Aventurien in den darauffolgenden Jahren ins Chaos und brachte die Sphären zum Erbeben, wie es seit dem Fall Pyrdacors nicht mehr geschehen war. Risse in die Niederhöllen taten sich auf, Helden – menschliche wie elfische – fielen. Das Weltbild der Menschen begann sich zu verändern. Hatte vielerorts blindes Vertrauen in ihre Götter in Alveran geherrscht, wandten sich jetzt immer mehr Menschen der Magie und den Erzdämonen zu – begannen sogar darüber nachzudenken, dass Göttlichkeit nicht Allmacht bedeutete und dass es nichts war, was die Schöpfung als Privileg für den Rest der Ewigkeit vergab, sondern etwas, das ein Sterblicher selbst erlangen konnte.
Dies war eine Gedankensaat, der Amadena gern beim Sprießen zusah. Borbarads Rückkehr mochte vordergründig Tausende und Abertausende von Leben gekostet haben und die Ordnung gestört haben – eine hervorragende Grundlage für das Wirken des Namenlosen. Doch die Auswirkungen in den Köpfen der Menschen würden noch in Jahrhunderten zu spüren sein und die Zahl der für die Götter verlorenen Seelen war nicht zu erfassen.
Dass Borbarad sich ihr verweigert hatte, war nicht zu ändern. Ein Teil von ihr, der immerzu Wahrscheinlichkeiten und Geschicke betrachtete und verschiedene Wege auslotete, hatte diese Möglichkeit in Erwägung gezogen. Acuriën war das einzige Geschöpf, das wahrgenommen hatte, wie sie selbst das Ritual korrumpiert hatte. Sie hatte dafür die Kräfte aller Dämonen der Niederhöllen angerufen – und natürlich die ihres Herren, des dhaza, des Gottes ohne Namen. Ihnen allen sollte Borbarads Rückkehr dienen. Doch was sie tat, als alle abgelenkt waren, das diente einzig und allein ihr selbst.
Acuriën wagte nie, seine Herrin darauf anzusprechen, aber er wusste, dass sie wusste, dass er es gesehen hatte. Ein winziger Dämon war Teil von Borbarads Leib geworden, eine Art Egel. Eine Kreatur, die von Amadena erschaffen worden war und einzig und allein ihr diente.
Als Borbarad Jahre später bezwungen und vernichtet wurde, wie es prophezeit gewesen war, blieb nichts von seinem Leib übrig. Er wurde in andere Sphären entrückt. Große Teile Aventuriens lagen zu diesem Zeitpunkt in Trümmern. Amadena hatte im Verborgenen gewartet und den Verlauf der Dinge beobachtet. Nun schickte sie ihre Handlanger aus, um Überreste von Borbarads Körper zu finden, doch diese Suche blieb erfolglos.
Mit wissenschaftlicher Akribie schrieb Amadena alles nieder, was sie über Borbarad und Halbgötter gelernt hatte, fügte dieses Wissen den langen Schriften und Abhandlungen der Archäer hinzu, die sie geplündert hatte.
Und das Erbe Borbarads, das Chaos, seine Reichtümer und die Dämonenzitadelle an der Spitze des Dämonenbaums, nahm sie mit stiller Selbstverständlichkeit an sich.
Amadena ließ sich in den Schnee fallen und wechselte die Gestalt. Flügel schmolzen zu langem, blassem Haar und Schuppen wurden zu bleicher Haut. Zwölf Berge umringten sie, himmelhoch und weißglühend vor Eispanzern, die sich an ihren Spitzen festkrallten. In respektvollem Abstand kreisten Drachen, die sie aus der Ferne beobachteten.
Der Ort schien verlassen, doch sie spürte den Blick unsichtbarer Wächter auf sich ruhen, die jenseits der greifbaren Welt ruhelos kreisten. Kaum jemand schaffte es bis hierher, noch weniger wurden dann geduldet.
Die Kälte, brutal wie der Winter am Himmelsturm, griff nach ihr und sie verwehrte sich. Sie sang, nur ein Summen, knochentief, und weder Frost noch die dünne Luft wagten sich näher heran. Um ihre bloßen Füße schimmerte die Luft an der Grenze ihrer Körperwärme zur lebensfeindlichen Umgebung.
Es gab kein höheres Gebirge auf dieser Welt; es schien, als verließe es beinahe die Sphäre. Alles wirkte zugleich verschwommen und zu scharf umrissen, immens in seinen Ausdehnungen, aber in der klaren Luft so deutlich in der Ferne, dass selbst die massiven Felswände und Gletscher Spielzeug sein mochten.
Vor ihr lag etwas, das sich vor ihrer Sicht zu verbergen versuchte, oder eher versuchte ihr Blick, darum herumzugleiten. Allein die Ahnung seiner Form bohrte sich als vager Schmerz hinter ihren Augen in ihren Schädel. Zwischen Herz und unteren Rippen regte sich etwas in ihrem Leib, ein Hauch von Unwohlsein und ein Flattern wie ein Banner im Atem eines Riesen.
Sie konzentrierte sich, richtete ihren Blick fest auf den Turm.
»Ich habe Schlimmeres gesehen«, verkündete sie sich und der Welt. Mühlsteine aus Leid und Schmerzensschreien, hungrige Mäuler, die Welten verschlingen konnten, Boshaftigkeit, die weder Ablenkung noch Langeweile kannte und immer, unablässig um sich griff, sich wand und jeden klaren Gedanken zerstören wollte.
Das hier war nur die Saat der Siebten Sphäre, nur ein Echo.
Aus dem Talgrund zwischen den zwölf Bergspitzen erwuchs etwas, das zugleich Baum, Turm, Tempel und Gerippe war. Schwarz flirrten seine Umrisse, ölige Regenbogenfarben liefen über Beulen und Bögen wie halb verfaulte Leichenteile. Zinnen wuchsen wie Zähne, Meilen über dem Boden. Das Gebäude lebte, und auch wenn keine klar erkennbaren Augen Teil der vielfältigen Oberflächen waren, beobachtete es sie ebenso wie sie es zu beobachten versuchte. Der Schmerz wurde intensiver, aber sie hieß ihn willkommen. Sie konnte dieses Ding erfassen in all seinen sichtbaren und unsichtbaren Dimensionen. Sie spürte, wie weit die Wurzeln reichten; sie berührten Bereiche der Schöpfung, die unzugänglich sein sollten.
Mit einem weiteren, gesungenen Ton sah sie noch mehr: Linien aus Purpur, die wie Ströme von Blut flossen, ein Gewebe aus zwölf solcher Bahnen, die sich im Herzen des Turms miteinander verbanden und wie Adern in Bögen und Kränzen aus einem Herz erwuchsen. Wer auf diesem immensen Instrument spielen konnte, dessen Saiten über Kontinente reichten, dessen Melodien würden die Welt umspannen. Der Turm selbst hatte dies nicht hervorgebracht, aber er wuchs daran und darum herum wie ein bösartiger Tumor, der das Gewebe seines Wirts in sein eigenes wandelte und wucherte, immerzu wucherte.
So viele Krankheiten, angeschwollene Drüsen, schwarzviolett schimmernde bösartige Klumpen aus verdorbenem Fleisch hatte sie schon in den Händen gehalten, hatte sie aus den Körpern ihrer Kinder und Experimente geschnitten oder eingepflanzt, gehegt und bewundert. Nichts davon konnte sich hiermit messen, doch sie würde auch dies nehmen, formen und beherrschen.
Sie ging auf das Gebilde zu, das zu zittern begann. Das Land im Schatten des unmöglichen Turms begann sich zu regen und zu fließen wie Öl, verlor seinen Zusammenhang in Zeit und Raum, als die Zitadelle ihren Ort wechseln wollte.
»Bleib«, befahl sie und sie war nicht allein. Der purpurne Stern, das Auge in der Leere, sprach durch sie. Ihr ganzes Leben, jahrtausendeschwer, stemmte sich gegen den Sog des dämonischen Baumes und er erstarrte.
»Gut«, murmelte sie ihm zu und näherte sich weiter, »und nun öffne dich.«
Bebend zogen sich einzelne, gigantische Fasern auseinander und gaben eine Öffnung frei, die von bleichen Knochen oder Stoßzähnen gesäumt wurde. Dahinter führte der Weg tiefer hinein und aufwärts, pulsierend und lebendig. Oben, unter dem Kranz von Elfenbeinzinnen und umringt von pochenden Adern voller Macht, wo Zweige bedeckt von schimmerndem Pelz und Insektenflügeln im Wind peitschten, wuchs ein Thron aus dem Boden, der sie erwartete.
»Lass uns Verbündete sein«, wisperte sie dem nahezu geistlosen Ding zu. »So ein wunderbares Werkzeug …«
Von hier aus ließen sich die Kraftlinien dieses Kontinents spielen wie ein Instrument mit unermesslich langen Saiten. Für so viele Dinge würde ihre körperliche Anwesenheit unwichtig werden. All die Melodien, die sie spielen würde!
Sie berührte die Wand des Ganges, die leicht nachgab wie die Haut eines Hais, rau in eine Richtung, glatt in die andere. »Ich habe noch so viel mehr mit dir vor und dem, was du bist«, wisperte sie. Dann ging sie weiter hinein in die Wucherung, die die Sphären durchbrach, in den Dämonenbaum, das Schwert, das die Welten zerteilen konnte – und ihre Zitadelle.
Rilmandra wiegte ihren Rumpf in unsichtbaren Winden und segelte durch eine weite, leere See aus Nebel. Leise erzählte sie dem Vierbeinigen in langen, langen Stunden ungestörter Fahrt, was die Symbole der Schnitzereien an ihrem Leib bedeuteten. »Die Nachtigall ist Sehnsucht«, murmelte sie ihm zu und sang ein Lied darüber, in das der andere einstimmte. »Die Lilie bedeutet Kampf und Gewandtheit, tödliche Schönheit!«
Sie sprang auf fremden Beinen über das Deck und ahmte die raschen, tänzerischen Bewegungen der Krieger nach, die sie vor langer Zeit gesehen hatte.
»Der Eisvogel ist Entschlossenheit«, verriet sie ihm und er gab ein vorsichtiges Knurren von sich. »Genau«, bestätigte sie, »Entschlossenheit, sein Ziel kennen, nicht abweichen. Deswegen ziert er auch meinen Bug.«
Ein Tor schien hell durch den Nebel, für all ihre Sinne ein Lockruf und eine Warnung. Wie immer hielt sie sich von diesem Leuchtfeuer fern, navigierte an ihm vorbei und umkreiste wehmütig goldene Welten, die sie nicht zu betreten wagte.
»Die Taube«, sagte sie und strich mit Fingerspitzen über den schlichten Vogel, im Flügelschlag festgehalten. »Die Taube, kehrt immer heim.«
Der andere presste sein Gesicht an ihr Knie und sie vergrub die Finger in seinem Fell, ließ sich neben ihm nieder. Sie sah auf die beiden Gestalten im Eis und drückte den Vierbeinigen fest an sich. »Sie weiß immer, wo sie ist, damit sie heimkehren kann«, führte sie weiter aus. Dann schwiegen sie beide.
Wenig später – oder viel später, die Jahre in der 3. Sphäre häuften sich zu immer höheren Zahlen, aber was bedeutete das ihr? – begann der andere auch ohne ihr Spiel die Schnitzereien abzusuchen und mit einem kehligen Laut und Stupsen der Nase auf sie hinzuweisen. Haselmaus und Betende Schrecke, Morgenblume und Krakenmutter und schließlich silberne Winde.
Sie folgte ihm bei diesem Tanz, den er mehrfach wiederholte, und begegnete dann seinem fragenden Blick.
»Geborgenheit und lauernde Gefahr«, sagte sie. »Hoffnung und Schutz. Dankbarkeit.«
Er gab ein bestätigendes Geräusch von sich und setzte sich hin.
Ihr Gesicht lächelte von allein und sie befühlte es nachdenklich. Die vielen, vielen kleinen Muskeln bewegten sich ihren Gefühlen nach und sie konnte selbst daran ablesen, wie sie die Bedeutung der Symbole verstand und die Freude noch größer wurde.
»Gern geschehen«, sagte sie. »Ich würde dich jederzeit wieder aus lauernder Gefahr retten. Mein Schutz ist immer dein.«
Er schnaufte zufrieden und grinste. Dann stand er wieder auf und trabte zu den beiden im Eis, stieß sie an. Er warf ihr einen Blick zu, als wolle er sichergehen, dass sie aufpasste, und lief zur Reling. Grauer Mohn war sein erstes Ziel, dann Goldginster.
»Du bist traurig und ich soll helfen?«, fragte sie. Er machte wieder das bestätigende, entschlossene Geräusch und sie seufzte. »Ich weiß nicht wie«, gab sie zu. »Ich reise und ich nehme andere dabei mit, aber für einen anderen Zweck wurde ich nicht gebaut und so habe ich auch keine Kenntnis davon. Ich bin keine Heilerin, keine Gelehrte.«
Er sah sie an und legte dann eine Pfote gegen die Schnitzerei des grauen Mohns.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Es tut mir wirklich leid. Ich werde darüber nachdenken müssen.«
Und das tat sie. Während sie sich im Nebel treiben ließ, verfolgte sie die Erinnerungsfäden von alten Befehlen und Wünschen, suchte nach einer Lösung. Als die Schöpferin sie verlassen hatte, war ihr Auftrag gewesen, ein letztes Mal als Zeichen an ihre Gefolgsleute nach Hause zurückzukehren und dann verschollen zu gehen. Die Seherin hatte ihr nicht den Tod befohlen, denn sie war nicht grausam, aber dass sie den großen Geheimnissen, den tiefen Pfaden und den festen Welten fern blieb.
Sie dachte darüber nach und während sie das tat, spielte sie weitere Spiele mit dem Vierbeinigen. Die Zeit verging und sie blieben allein.
Amadena saß im Herzen der Zitadelle, ihre Finger ruhten auf schwarzen Adern und durch sie spürte sie den Herzschlag eines anderen, der weit entfernt auf den Morast herabblickte, den ihre Schöpfung hinterlassen hatte. Sie lauschte zugleich den scheinbar geheimen Gesprächen von maskierten Würdenträgern auf dem Kontinent im Westen, den dankbaren Gesängen ihrer Kinder im Norden, dem Wispern und Scharren minderer Magie von zahllosen, umherwuselnden Menschen in ihren Städten.
Nach Bedarf ließ sie ihre Kraft an ihnen entlangströmen, stärkte eine Spielfigur hier, die einem Fürsten etwas zuflüsterte, wirkte einen Zauber durch den Körper eines ihr lange ergebenen Kämpfers, erschien als Illusion, rief Schwärme von Ratten zusammen, um strauchelnde Helden in Stücke reißen zu lassen.
Viele dieser Spielfiguren würden fallen und neue würden ihren Platz einnehmen. Sie lenkte, sie suchte, sie ließ Befehle erteilen und ihre Diener nach den Spuren von Wesen suchen, deren Kräfte ihr helfen würden, die die Herzen von Gläubigen bewegten, Überzeugung aufbauten und sich von Hingabe nährten.
Währenddessen ertastete sie die Wurzeln des Baumes, in dessen Kronen sie ruhte, schob ihren Willen und ihren Geist geduldig durch das wimmelnde Chaos der Substanz, aus dem diese Zitadelle als Spitze einer Waffe gewachsen war, die die Schöpfung spalten sollte. Es war nicht ihr Plan, nicht ihre Absicht – die Welt sollte erhalten bleiben, auch wenn ihre Form zu wünschen übrig ließ – aber diese Waffe war denkbar nützlich; nur nicht hier, nicht so.
Wie mit einer feinen Nadel im Nerv eines Zahns erfühlte sie den Wuchs und die Un-Natur dieses riesigen Geschwüres. Während sie zugleich Figuren umstieß, verschob und neue auf das Spielfeld setzte, gewann ein Teil ihrer Zukunft an Form.
Zu ihren Füßen klickte und klackte ein Spielzeug, eine kleine mechanische Kreatur. Die darin ruhende Seele schlief, blieb vor der Umgebung des Dämonenbaumes geschützt. Sie erlebte bloß eine weitere lange Zeit ohne Erinnerung, ohne Bewusstsein, ein weiteres Bisschen Unsicherheit und Hilflosigkeit.
»Bald werden wir uns voneinander verabschieden«, wisperte sie. »Es fehlt nicht mehr viel, und wir finden es bald. Die Sucher riechen die Spur von Orimas Wirken im Nebel und dann werden wir handeln, du und ich.«
»Rilmandra«, erklärte sie ihren Namen und sang ihn. Er lief aufgeregt zwischen Symbolen hin und her und sie sprach sie laut aus, fügte Laute zusammen und wenn er frustriert umhersprang, zog sie sie wieder auseinander. Ein Hauchen, ein tiefer Laut, ein sanftes Ende.
»Hond«, sagte sie und er drehte sich begeistert im Kreis, jaulte glücklich. »Du bist Hond!«, wiederholte sie und Hond sprang zu ihr, um ihr die Hände abzulecken. Nach viel, viel Verwirrung wusste sie nun, dass das Zuneigung bedeutete – Rosenzweige und Mandelblüten, Lavendel und Zaunkönig.
Sie lernte auch die Namen der beiden im Eis. Israni und Kilgan: Schwertlilie und Falke für sie und einsame Bergblüten und Siebenschläfer für ihn. Sie erfuhr, dass es andere gegeben hatte, dass sie fort waren und es Hond so tief schmerzte, dass sein Herz ihm zerreißen wollte, und dass ihr neuer Körper eine Seele gehabt hatte, eine Seele von Jasmin und Nachtigall.
»Ich will ja helfen«, versprach Rilmandra. »Ich will es ja!«
Hond seufzte und trabte die Reling entlang, auf der Suche nach anderen Symbolen für seine Botschaft, aber dann hielt er inne. Beide lauschten sie mit ihren sehr verschiedenen Sinnen. Etwas bewegte sich im Nebel, verdrängte ihn auf eine Art und Weise, die sich unangenehm anfühlte.
»Warte«, sagte sie und drehte ihre Segel.
Etwas kam aus dem formlosen Limbus geschossen, wimmelnde Tentakel anstelle eines Arms und zerfetzte graue Flügel auf den Schultern eines vor Schleim schimmernden Körpers. Das Ding griff mit Krallen und Greifarmen nach ihrer Takelage, zerrte an den seidengeflochtenen Leinen und schrie schrill und pfeifend.
Hond gab wütende, abgehackte Rufe von sich und sprang hin und her, während ihr geliehener Körper in einem Echo des Unbehagens und Schmerzes zusammensank, die ihren Geist erfassten. Der Dämon hatte ihre Schutzbarrieren durchbrochen, sie konnte das Loch wie einen Riss im Segel spüren, und sein Schrei drang auf vielen Wegen hinaus in die graue Weite. Der Klang wurde sofort verschluckt, aber das darin verborgene Signal wurde weitergetragen. Irgendwo, noch weit entfernt, ertönte eine Antwort.
»Er muss weg!«, schrie sie. »Er ruft mehr!«
Hond lief hilflos auf und ab und sie warf sich herum, schleuderte das seelenlose Ding an ihrem Mast hin und her, aber es kreischte höhnisch und wiederholte seinen Ruf in die Leere. Entmutigt sah sie mit den Augen ihres kleineren Körpers nach oben, schwankte mit ihren eigenen Bewegungen und Manövern mit und stützte sich an der Reling ab. Hond hielt inne und presste dann auffordernd seine Schulter gegen sie.
Sie sah hinab, dann wieder hoch, und verstand.
Die lange Zeit der Eingewöhnung und Übung hatte ihr eine sichere Kontrolle über den neuen Körper gewährt und mit erleichternder Mühelosigkeit zog sie sich die Griffe und Tritte am Mast hoch. Der Dämon sah ihr entgegen, öffnete ein den halben Kopf spaltendes Maul und zischte sie an. Speichel sprühte herab und brannte auf ihrer Haut ebenso wie auf ihrem Holz.
»Fort mit dir!«, schrie sie und kletterte weiter, griff mit einer Hand nach einer Leine und zog kräftig daran. Das Ding schwankte, zischte erneut und kletterte auf den Segelbaum hinaus. Erneut schrie es und erneut erklang eine Antwort – nur deutlich schneller, näher.
Sie schätzte die Position des Dämons und die von Hond ab und drehte ihre Weltenhülle, die Zeit und Schwere bestimmte, gegen die Ausrichtung ihres Leibs und schüttelte sich. Alles wurde nach oben gerissen, rauschend wölbte sich das Segel aufwärts und der Dämon, überrascht, verlor den Halt. Als er mit einem Kreischen durch die Grenzen ihrer Schutzbarrieren fiel, fing sie mit beiden Armen Hond, die Beine fest um ihren Mast gewickelt. Der Vierbeiner jaulte, wand sich in Angst, und sie presste ihn an sich, murmelte beruhigende Worte, während sie die Schwere langsam wieder zu ihrem Kiel hin ausrichtete.
Dunkle Flecken näherten sich in ihrer Wahrnehmung, aus den unbestimmbaren Richtungen des Limbus, deutlich größere Wesen als der erste Eindringling. Sie blutete Licht und Kraft ins Nichts, lockte sie mit dem Duft ihrer Magie an.
Wohin? Der Teil ihrer Aufmerksamkeit in dem Körper mit Armen und Beinen kletterte vorsichtig mit Hond über den Schultern wieder hinab, doch weit mehr konzentrierte sie sich auf ihre Position zwischen den dahinschwebenden Welten und Sphären. Sie durfte nicht dorthin. Aber hier draußen …
Etwas streifte ihre kleine Blase aus Zeit und Raum und alles geriet ins Schlingern. Eine Hand, groß wie ihr ganzer geliehener Körper, strich tastend durch ihre Barrieren und hinterließ mit einem kreischenden Geräusch lange Furchen in ihrer Flanke.
Sie griff nach einer Kraftlinie und zog sich an ihr entlang, so schnell sie konnte, füllte ihre Segel mit Willen und Macht und rannte mit ihren Verfolgern um die Wette ins Nichts hinaus.
»Wohin, wohin, wohin?«, murmelte sie panisch und Hond winselte.
Sie warf das Ruder herum, wechselte die Kraftlinie und die Leere entfaltete sich wie eine plötzlich glattgezogene Spirale. Irgendwo im Nebel erklang der wütende Ruf eines Häschers, der sie verloren hatte, aber andere blieben ihr auf den Fersen, folgten der Witterung von Magie und Furcht.
»Ich bin keine Kämpferin«, sagte sie Hond, den sie weiter fest an sich presste. »Viele Schwestern mussten es werden, das weiß ich, aber ich habe niemals Waffen getragen. Ich wüsste nicht wie!«
Er leckte über ihr Gesicht und wand sich dann halb aus ihrem Griff, um die Verfolger anzuknurren, die unsichtbar im Nebel hinter, vor und um sie waren, wie ein Kaleidoskop zerstreut in den haltlosen Dimensionen des Limbus.
»Nicht«, bat sie. »Du hättest auch keine Chance!«
Erneut duckte sie sich weg, drehte ihre Globule und ihre Hülle und wechselte die Richtung. Eine Schwinge schnitt in ihre kleine Blase Realität hinein und streifte krachend den Bugspriet. Das Holz des geschnitzten Vogels barst und sie schrie vor Schmerzen, während der Häscher einen begeisterten Ruf ausstieß.
Sie drängten sich immer enger um sie und sie presste die Zähne des neuen Körpers zusammen, bis ihr Kiefer knackte.
Orima hatte sie geleitet, wenn sie von Welt zu Welt gereist waren. Ihre blinden Augen hatten die Verbindungen der Kraft gesehen und vielmehr noch, wo neue geschaffen werden konnten. Sie hatte ihre Macht durch Rilmandra fließen lassen, war ihr Kompass gewesen.
Rilmandra war allein, aber sie erinnerte sich, erinnerte sich vage wie in einem goldenen Traum an das Gefühl, durch Schicht um Schicht von Sein und Realität zu gleiten, unberührt von Distanz und Barrieren, ob von Göttern geschaffen oder anderen. Ein Gradient, ein Fluss, von einem Ort zum anderen ohne Biegung und Hindernis.
Klauen verfingen sich im Wimpel an ihrem Mast, rissen die Seide ab, auf der Kelch und Schwert prangten. Rilmandra schrie erneut und Hond heulte, aber sie lenkte die Angst, die Wut und für einen klaren, gläsernen Moment wurde dies zu einer Kompassnadel.
Die Leere beugte sich, verformte sich und ein Tunnel tat sich auf, der sie fortspülte und die Verfolger zurückließ. Die Sphären sangen und Licht wirbelte um sie, dann fiel sie zurück in den Nebel – allein, diesmal, wenn auch nicht unversehrt.
Taumelnd richtete sie sich auf. Leinen hingen zerrissen herab, dem Vogel am Bug waren die Augen und Teil des Schnabels herausgerissen worden. Ihre Magie sickerte aus den Wunden im Rumpf und ihrer Schutzhülle. Die Globule flackerte, instabil, und für ein paar Herzschläge waren sie und Hond ohne Gewicht, bevor sie zurück zum Deck gezogen wurden.
Sie wusste noch nicht, wo sie waren. Ihre Sinne tasteten nach den Linien der Kraft im Nebel, nach Spuren von Welten und ihren Verbindungen zueinander. »Ganz ruhig«, sagte sie zu Hond, der noch zitterte. »Für den Moment sind wir sicher.«
Er schnaufte, sammelte sich dann aber und lief zu einer sich öffnenden Blüte in den Schnitzereien. Morgenlob? Es war eine Frage, neugieriges Unwissen.
»Ich weiß nicht genau, was ich getan habe«, gestand sie. »Ich habe einen Übergang geöffnet. Meine Schöpferin konnte dies, aber ich habe es noch nie … allein vollbracht.«
Er schnaufte erneut und sie stand auf, sah von ihm zu den beiden im Eis, die zwar hin und her geworfen worden, aber unversehrt geblieben waren. Sie mit Leinen wenigstens leicht zu sichern, war eine gute Idee gewesen.
»Nicht ganz allein«, gab sie zu, »aber auch alles andere als perfekt. Ich bin erschöpft. Und sie werden weiter nach uns suchen.«
Sie ging langsam auf ihrem Deck auf und ab, suchte nach schwereren Schäden. Dann ging sie unter Deck und holte Seide und die metallenen Dorne zum Spleißen und Flechten empor, die Orima einst genutzt hatte, um ihre Leinen und Segel zu richten. Etwas hilflos sah sie darauf hinab.
»Ich wusste nicht, was ich alles doch noch lernen müsste«, sagte sie. »Aber … es schmerzt, so zerrissen zu sein.«
Sie hob den Kopf und sah zu ihren Segeln, dankbar für die geliehenen Hände und Augen, die es möglich machen würden, die ärgsten Wunden zu heilen. Orimas Banner war fort und eine Woge von Trauer überkam sie.
Die Augen des Körpers weinten und ein Schmerz nistete sich unter ihrem Brustbein ein. »Ich vermisse dich«, wisperte sie. »Es ist einsam hier.«
Während Hond sie unruhig vom Deck aus beobachtete und hin und her lief, kletterte sie in ihren Leinen und Wanten und schnitt los, was nicht zu retten war, reparierte, was noch von Nutzen sein mochte. Aber noch während sie arbeitete, erahnte sie im Nebel die suchenden Geister der Verfolger, ihre dämonischen Augen, in die Tiefen des Limbus gerichtet.
»Wir brauchen einen Hafen«, sagte sie bestimmt. »Ich darf keine der gegebenen Welten besuchen, darf nicht in ihre Hände geraten, aber …«
Sie lauschte. Es gab ein leises Echo, eine Vibration entlang der Kraftlinien.
»Die Diener des Wächters«, erklärte sie Hond, der aufmerksam lauschte. »Die Wanderer von Menacor, dem Sechsgeflügelten.«
Jetzt richteten sich seine Ohren noch weiter auf und er stieß laute, klare Rufe aus. Rasch lief er zu der Schnitzerei einer Finkenmutter im Nest: Heimat, Zuhause.
»Ja«, sagte sie. »Lass uns dein Zuhause finden.«
Tharseïs erwachte knapp vor dem Signal und stand bereits neben ihrer Schlafnische, als der Gong durch die Gänge dröhnte. Zufrieden ließ sie sich auf die Knie nieder, presste die Hände gegen den kalten Stein des Bodens und betete. Erst beim nächsten Gongschlag erhob sie sich wieder und nahm sich ein paar Augenblicke Zeit, sich zu reinigen, bevor sie die Robe überwarf und die Zelle verließ.
Der schwere Stoff raschelte bei jedem ihrer Schritte und lag wie ein paar kräftiger Hände auf ihren Schultern, die sie niederdrückten und sie den rauen Stein der Korridore intensiver unter ihren bloßen Sohlen spüren ließen. Sie hielt sich stolz aufrecht und achtete darauf, ob die anderen sie ansahen. Alle Priester, ihre Diener und Akoluthen und Sklaven gingen schweigend wie sie einher und nur die wenigsten beachteten sie. Diejenigen, die es taten, warfen meist einen raschen Blick auf den Saum ihrer Robe und dann einen leicht ungläubigen auf ihr jugendliches Gesicht.
Sie hatte ein Lächeln dafür eingeübt, mit schmalen Lippen und leicht zusammengekniffenen Augen, eine Herausforderung an andere, darüber nachzudenken, wo sie schwächer waren, wo sie versagt haben mussten im Vergleich zu einer Dienerin des Schädelgottes, die so jung schon schattenlos einherschritt.
Sie hatte keine Diener, keine Helfer und keine Anhänger, die im Kielwasser ihres Einflusses mitgesogen wurden. Sie ging allein, aber mit jeder passierten Lampe ohne das Huschen von Schwärze über Wände und Boden, mit jedem überraschten Blick eines anderen besann sie sich darauf, dass der Gott sie erhoben hatte, wenn die Sterblichen es schon nicht taten.
Der Tag war erst graue Dämmerung, als sie zum westlichen Portal aus der Tempelpyramide trat. Große Feuerschalen erhellten die Stufen hinunter in die Stadt und machten es unmöglich, durch ihren flackernden Schein mehr als grobe Umrisse der niedrigeren Gebäude auszumachen. All die Tätigkeit der Sklaven und Diener war nur ein leises Wispern von fernen Worten und schnellen Schritten in der Ferne.
Der Ephore erwartete sie bereits, angetan mit dem reichen Goldschmuck und der langen Robe seines Amtes. Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu und sie verneigte sich. Seine Zehenspitzen, die unter dem schweren Damastsaum hervorschauten, waren bloßes Fleisch. Haut und Zehennägel schienen abgeschält, doch sie wusste, dass sie sie würde fühlen können. Nur ihre Sichtbarkeit war von ihnen genommen worden, sodass Ephore Sharmun Thanak unter seinen Kleidern aussah wie eine einbalsamierte Leiche ohne Haut, alle Muskeln und Sehnen dem Auge ausgesetzt.
Sie hatte erst ihren Schatten gegeben, aber sie spürte mit größter Sicherheit, dass der Schädelgott eines Tages auch den Anblick ihrer Haut und ihres Fleisches als Gabe annehmen würde, bis sie scheinbar als Skelett zwischen den niederen Dienern einherging.
»Stärke«, verkündete der Ephore. »Wir sind die Faust des Schädelgottes.«
Murmelnd wiederholten seine Anhänger die Worte und auch Tharseïs stimmte ein.
»Er nährt sich an uns und dem Leben«, fuhr Sharmun Thanak fort. »Unser Fleisch wird sein Fleisch, unser Darben ist ihm Nahrung. Jeder Tod ist ein Funke seiner Macht. Und wenn die Welt bar der Ackerkrume ist, wenn die Knochen sich niederlegen und kein Atem mehr geht, kein Herz mehr schlägt, wird er frei sein und heil und in goldenem Licht wird wiederkehren, was sein sollte und sein wird.«
Die Worte waren in ihre Knochen gegossen, jeden Tag wieder und wieder gesprochen auf Knien, am Altar, bei endlosen eisigen Wanderungen um die Stufen der Pyramiden. Sie sprach sie so selbstverständlich mit, wie sie atmete, und unter ihrem Brustbein glommen Stolz und Hingabe.
Ein Sklave warf Weihrauch und menschliches Haar in eine der Feuerschalen. Der bittersüße Rauch wurde von schwachen Winden verwirbelt und stieg grauschwarz in die Dämmerung auf.
»Blut ist Leben, ist Wegbereiter«, skandierte der Ephore, die Arme nun gehoben, sodass die blassen Bänder der Sehnen an seinen Handgelenken sichtbar waren, die die feinen Knochen zusammenhielten. »Blut reinigt, Blut fließt von dieser Welt hinaus zu ihm und vermengt sich mit dem Blut von Generationen und Generationen in seinen Adern. Vergießt dieses Leben im Staub und beschreitet seinen Weg!«
Er zog einen schmalen, langen Dolch aus dem Gürtel, dessen goldener Knauf die Form von zwei am Nacken verschmolzenen Schädeln aufwies. Langsam drehte er sich zu den versammelten jüngeren Priestern um, während hinter ihm zwei Soldaten einen Sklaven zu den Treppenstufen zerrten und dort auf dem Rücken zu Boden drückten.
Keiner wagte, zu begierig zu sein, aber als der Blick des Ephoren über sie glitt und er für einen Moment den Griff des Dolches in ihre Richtung hielt, schlug Tharseïs’ Herz schneller. Dann drehte er sich jedoch weiter und reichte die zeremonielle Waffe an Kharum.
»Ich danke euch«, murmelte dieser, verneigte sich tief und nahm den Dolch an sich. Sein Schatten flackerte wild im Licht der Feuerschalen und Tharseïs schmeckte vor Wut Galle auf der Zunge. Sie presste die Zähne zusammen und blieb still und reglos wie alle anderen.
Der junge Akoluth ging langsam, die Hand mit dem Dolch dramatisch gehoben, zu dem Opfersklaven an der Treppe.
»Dein Leben für den Schädelgott«, intonierte er etwas holprig und wechselte den Griff an der Waffe. »Es segne den Weg der Auserwählten.«
Der Sklave bebte vor hastigen Atemzügen, immer wieder spannten sich seine Gliedmaßen im Griff der Soldaten, aber er konnte sich nicht losreißen. Er drehte den Kopf hin und her und seine Augen, tief in eingefallenen Augenhöhlen, waren weit aufgerissen. Er stammelte etwas in seiner Muttersprache, dann griff Kharum die Stirn des Opfers und drehte seinen Kopf etwas zur Seite. Mit einem schnellen, geübten Stich zwischen Kehlkopf und Muskelsträngen öffnete der angehende Priester Vene und Arterie auf der linken Seite und zog die Klinge wieder heraus.
Blut schoss hervor, durch das panisch schlagende Herz stark wie ein Guss aus einem vollen Kelch. Der Strahl pulste und bespritzte Kharums Ärmel, als er sich nicht schnell genug wieder aufrichtete. Leise glucksend rann das Blut von Treppenstufe zu Treppenstufe, während der Sklave sich noch wand und plapperte und bettelte.
Als seine Worte verstummten und seine Augen sich schlossen, erreichten die letzten Fäden von Blut die nächste Plattform auf einem Drittel der Höhe der Pyramide. Kharum kehrte zum Ephoren zurück und reichte ihm den Dolch, den Blick gesenkt. Der Priester sah ihn ebenfalls nicht an, sondern begutachtete die Menge an Blut und das Muster, das sich in Bahnen und Tropfspuren gebildet hatte.
»Zwei noch, mindestens«, entschied er.
Auch die nächsten Male ging der Dolch an Akoluthen, denen noch ihre Schatten anhafteten, dünne Gestalten mit plötzlich aufflackerndem Stolz, die die anderen mit überheblichen Blicken bedachten. Tharseïs schluckte weiter ihre Wut herunter.
Als die Treppen mit einem Schleier aus Blutspuren benetzt und die untere Plattform einen halben Fingerbreit damit bedeckt war, beendete der Ephore die Opferungen.
»Der Weg ist bereitet«, verkündete er und senkte im Gebet das Haupt. Die Opfer hingen an den Fußknöcheln aufgehangen neben dem Eingang in die Pyramide, wo letzte Blutstropfen aus ihren Halswunden über ihre Wangen rannen und sich mit den dicken Krusten auf dem dunklen Stein verbanden.
Eine ganze Weile verbrachten sie alle reglos wie die Leichen, stumm und in Andacht. Tharseïs’ Gedanken glitten immer wieder ab, mühselig versuchte sie, sie zurück auf die Stille, die Reglosigkeit in Ergebenheit zu richten, die von ihr erwartet wurde. Doch die Frage, welche hohe Persönlichkeit so aufwändig begrüßt wurde und warum Sharmun Thanak so viele seiner Helfer und Schüler versammelt hatte, drehte sich wie ein Wurm in ihrem Kopf hin und her und fraß an ihrer Konzentration.
Die Sonne erhob sich über den Horizont und ließ den Schatten der Pyramide schmelzen und immer mehr der niedrigen, dunklen Häuser der Stadt freigeben. Jenseits der Kasernen und langen Arbeitshallen lag das Land in grauen, staubigen Dünen da, über die Wirbelwinde tanzten. Dem Boden war das Leben entzogen worden, bis er fein wie Puder weder Wurzel noch Wasser Halt bieten konnte und das bittere Korn für die Speisen der Lebenden von Karawanen gebracht werden musste, von denen Tharseïs während der langen Wartezeit mehrere sah, wie sie als dunkle Perlenketten über den toten Grund wanderten. Dann huschte ein riesiger, neuer Schatten über das tote Herz Draydalâns hinweg. Aus einem Wirbel grauen Nebels, der sich plötzlich über der Stadt zusammenzog, glitt ein langer und sehniger Echsenkörper mit Flügeln wie riesige weiße Segel hervor. Ein Wispern ging durch die Menge und verstummte sofort wieder, als der Ephore wütend eine Hand hob.
Der Drache glitt heran, umkreiste zwei Mal die Pyramidenspitze und setzte dann zur Landung an. Als seine Klauen eben den mit halb geronnenem Blut benetzten Boden berührten, begannen sie zu zerfließen, und in einem raschen Wabern wie Rauch im Wind wandelte sich die massige Gestalt zu einer Frau, die ungerührt und unbekleidet vor ihnen stand.
Sie war größer als Tharseïs, größer als alle in der Gruppe, die sie schweigend erwartete. Ihre Haut war blass, aber ohne die kränklichen grauen Schatten und hindurchschimmernden Adern, die viele Tempeldiener in den dunklen Gängen der Pyramide entwickelten. Ihr Haar fiel silbrig bis in ihre Kniekehlen herab, ihre Augen waren zu groß und standen zu schräg in ihrem schmalen Gesicht, als dass sie menschlich sein konnte. Sie gemahnte an die Erzählung über die räuberischen Alben des Nordens.
»Ist alles bereit?«, fragte sie mit einem schwer zu deutenden, singenden Akzent und ohne auch nur ein Wort der Begrüßung. Die hautlosen Lippen des Ephoren wurden schmal.
»Willkommen im Schatten des Hohen Tempels«, begann er. »Euer Weg wurde bereitet und der Segen des Schädelgottes liegt auf diesem Treffen. Die Unsichtbaren haben mir befohlen, Euch zur Hand zu gehen.«
Er fügte eine kleine Pause ein und maß sie mit einem kühlen Blick, starr und intensiv durch die blanken Augäpfel in ihrem Nest aus nackten Muskeln.
»Bei welchen Plänen auch immer ich Euch helfen mag.«
Die Besucherin begann die Treppe hinaufzusteigen, ungerührt vom Blut, das an ihren Füßen klebte und rote Abdrücke hinterließ, die mit den zufälligen Mustern auf den Stufen verschmolzen. Die Frau trug ihre Nacktheit unter den Augen der Versammelten und im kühlen Morgenwind mit einer beiläufigen Gelassenheit, die Tharseïs einen Funken an Bewunderung abrang. Zu gerne würde sie selbst so wenig auf fremde Blicke geben.
Was die Frau jedoch eindeutig besaß, war ein Schatten. Zudem waren all ihre Zehen und Finger vorhanden, die Haut makellos. Wenn sie sprach, waren gerade Reihen perlweißer Zähne zu sehen, beide Augen waren echt und auch das Haar, so unnatürlich es im Vergleich zu den kurzen Stoppeln auf den Schädeln der versammelten Akoluthen wirken mochte, entwuchs natürlich ihrer Haut. Was hatte sie geopfert, um im Ansehen des Gottes so hoch zu stehen, dass ein Ephore ihr wie ein Laufbursche zugeteilt wurde?
War das etwas, das Tharseïs ebenfalls geben konnte?
»Dreizehn Eurer Priester«, sagte die Frau knapp. »Solche mit starkem Willen und Bereitschaft, alles zu geben für die Wünsche des Schädelgottes, jung, wenn möglich. Ich kann nicht sagen, ob Ihr welche wiedersehen werdet, sollte das Eure Entscheidung beeinflussen.«
Die Akoluthen tauschten überraschte Blicke aus, aber Tharseïs starrte bewusst geradeaus. Sie war sicher nicht weniger neugierig als die anderen, Dutzende Fragen türmten sich vor ihr auf, aber sie hielt sich lieber stolz aufrecht, als mit krummen Schultern Gemeinsamkeit mit den anderen zu suchen.
»Keine Akoluthen?«, fragte Sharmun Thanak und ein schnarrender Unterton verriet seinen Unwillen. »Sie müssen ein hohes Opfer gegeben und Seinen vollen Segen empfangen haben? Ihr verlangt viel.«
»Könnt Ihr es nicht bieten?«, fragte die Besucherin, die inzwischen wenige Schritte vor dem Ephoren stand. Die Soldaten in ihren gold-schwarzen Prachtrüstungen waren ein paar respektvolle Schritte zurückgetreten und gaben sich höchste Mühe, nicht so zu wirken, als würden sie lauschen.
»Mir wurde versichert, diese Abmachung wäre mühelos einzuhalten«, fuhr die Frau fort. »Dass ein Reich wie Draydalân die Geweihten des Güldenen hervorbringt wie andere das Korn. Dass dies das frommste Reich der Welt sei, wo Er die Gaben frei an seine treusten Diener gibt.«
Sie klang gelangweilt, fast spöttisch und in Tharseïs rangen Bewunderung und Empörung miteinander: Bewunderung dafür, der hautlosen Leiche von Sharmun so wenig Achtung zu zollen und Empörung darüber, die Hingabe der Draydal in Frage zu stellen.
Der Ephore schwieg missmutig, die Muskeln seines Gesichtes verspannt und eng um die Augäpfel zusammengezogen. Die Stille spannte sich und die Besucherin begegnete Sharmuns Blick mit einer schwachen Neugier, während sie abwartete.
»Ich werde mich an einen anderen Kult wenden«, sagte sie schließlich. »Ihr verschwendet meine Zeit. Ich habe meine Fähigkeiten unter Beweis gestellt und Eurem Reich neues Blut zugeführt sowie Feinde auf Euren Altären geschlachtet. Ich brauche keinen Empfang in Blut und kein Ritual, wenn es nur eine hohle Geste ist.«
Sie begann sich abzuwenden, während der Ephore mit flatterndem Nasenknorpel scharf einatmete. Ein zugleich kalter und heißer Druck brachte Tharseïs dazu, einen plötzlichen Schritt vorwärts zu machen. Beinahe versagte ihr die Stimme, aber dann überwand sie den Schrecken und sprach die Besucherin laut an: »Es sind mehr als genug ergebene Diener hier, die mit dem Willen des Schädelgottes überall Sein Werk verrichten werden.«
Die Soldaten sahen sie überrascht an, die Frau zu ihrer Rechten öffnete sogar die Lippen zu einem dann doch unterdrückten Lachen. Ein Zischeln ging durch die Reihen der Akoluthen und jungen Priester.
Die Gesandte drehte sich nicht wieder zurück, warf aber einen nachdenklichen Blick über die Schulter.
»Und wo sind diese ergebenen Diener?«
»Ich bin eine. Und ich bin sicher nicht allein, auch wenn nicht jeder hier die gleiche Hingabe empfinden mag.«
Tharseïs machte noch einen halben Schritt nach vorn, sodass getrennt von der restlichen Gruppe deutlicher wurde, dass sie keinen Schatten warf.
»Wir werden Eurem Wunsch entsprechen«, brachte Sharmun nun hervor. »Und wenn Ihr diese nicht haben wollt« – er deutete zu Tharseïs – »bieten wir Euch gehorsamere Priester.«
»Nein«, sagte die Frau. »Ich will sie. Eilt Euch. Ihr habt Riten und Protokoll zu verrichten, ich habe eine lange Reise anzutreten mit den Lämmern, die Ihr mir bieten sollt.«
Sharmun Thanak, Ephore der Tempelpyramide und hautloser Geweihter des Schädelgottes, neigte widerstrebend sein Haupt. Dann begann er eilig und kaum hörbar mit mehreren der Akoluthen zu reden und sie auf Botengänge in die Pyramide zu schicken.
Die Gesandte winkte mit einem einzelnen Finger. Tharseïs trat näher, raffte ihre Robe und kniete sich gezielt so hin, dass sie nicht mehr des vergossenen Blutes störte als nötig.
»Ich bin Amadena, Zunge und Sprecherin des Güldenen«, verkündete die Frau. »Pyrdona, Tochter des Goldenen Drachen. Pardona nennen mich viele Menschen, so sie denn einen meiner Namen kennen. Eure Zungen sind steif wie Leder.«
»Diese Dienerin des Einen Gottes heißt Tharseïs.«
Amadena – oder Pardona – sah nicht einmal zu ihr herab, sondern zu der Versammlung von jungen Priestern um Sharmun.
»Er ist ein verstockter Dummkopf«, stellte sie fest, »und versteht nicht, dass weit mehr bevorsteht als seine kleine Leihgabe von hingebungsvollen Geweihten. Jemand von höherem Rang wird ihm bald seinen hässlichen Schädel entfernen und neben die Leichen von Sklaven auf eine Opferstätte legen.«
»Danke«, sagte Tharseïs, deren Herz so laut pochte, dass es für die Gesandte sicher auch zu hören war. »Danke, dass ich dabei sein werde.«
»Das hängt davon ab, ob du überlebst.«
Den Rest der Wartezeit verbrachten sie schweigend. Stück für Stück fanden sich weitere Priester ein und ließen sich neben Tharseïs auf den Knien nieder, bis dreizehn von ihnen aufgereiht waren.
Amadena sah sie lange und nachdenklich an, bis sie nickte. »Sie werden genügen«, sagte sie.
Dann öffnete sie die Arme weit und das Blut zu ihren Füßen begann zu brodeln und zu dampfen. Mit grellen Schreien erhob sich ein Schwarm fliegender Wesen aus der brodelnden Masse. Im Himmel über der Pyramide streckten sie sich und erreichten ihre volle Größe. Drei bis fünf Schritt lange Schlangenkörper wanden sich wie unter Schmerzen und große, verformte Drachenköpfe stießen ein lautes Zwitschern und Jaulen aus. Fledermausartige Flügel hielten die Dinger in der Luft.
»Brechen wir auf«, sagte Amadena gelassen. Die Dämonen stießen herab und einer der Schlangenleiber schloss sich um Tharseïs und sie wurde in die Höhe gerissen.
Es war kein Flug. Es war ein unendlicher Augenblick der Übelkeit und Desorientierung. Unter ihr wurde das Land hinfort gerissen und mit ihm die Pyramide und die Stadt und weitere ihrer Art, gleichmäßig verteilt, um alle Punkte der Macht zu sichern. Graue Dünen aus toter Erde verschwammen miteinander. Ein gähnender Abgrund zog vorbei und ein Wirbel aus Wolken drehte sich um sie.
Dann setzte der Dämon sie auf festem Untergrund ab. Ihr gesamter Körper zitterte. Sie zwang sich dazu, langsam aufzusehen und die Welt wahrzunehmen, so sehr ihre Instinkte dem widersprachen.
Sie war an Deck eines Schiffes. Über ihr hingen graue Ballons, die miteinander in komplexen Mustern vertäut waren. Es war ein Luftschiff.
Sie wusste, dass das Militär einige davon besaß und es sie auch an anderen Orten geben sollte. Dieses hier führte allerdings keine Hoheitszeichen, die ihr auch nur annähernd bekannt waren. Nur ein Wimpel mit einem silbernen Drachen auf dunklem Grund wehte von den Seilen, die die Ballons hielten.
Mehrere Menschen mit langem, dunklem Haar verneigten sich vor Amadena, die neben Tharseïs über das Deck schritt, und reichten ihr ein weißes Gewand. Die Albin warf sich den Stoff um und schickte die Diener mit einem Wink fort. Dann sah sie zu den Priestern herab, die wie umgeworfene Spielfiguren um sie herum lagen.
»Auf«, sagte sie.
Tharseïs mühte sich auf die Beine und ihr Blickfeld erweiterte sich. Unter ihnen lagen verschneite Berge, hinter ihnen weites, ockerfarbenes Grasland. Wie weit waren sie gereist?
»Es gibt Kammern unter Deck«, wies Amadena an. »Haltet euch von der Besatzung fern.«
Damit ließ sie sie allein.
Die anderen starrten. Tharseïs wandte sich von ihnen ab und orientierte sich. Eine Treppe führte nach unten und da niemand sie aufhielt, ging sie hinab. Reihen von schmalen Türen standen offen. Sie wählte die erste kleine Kammer und schloss sich darin ein. Dort, zwischen einer schmalen Bank und der Wand, ließ sie sich auf die Knie nieder und betete leise.
Ihre Sicherheit begann zurückzukehren.
Die folgenden Tage waren gleichförmig. Das Schiff glitt über den Himmel und unter ihnen zogen Flüsse, Städte und Berge entlang. Tharseïs wusste wenig darüber, wie die Länder jenseits Draydalâns aussahen und so wusste sie nicht, wo sie sich befanden, sondern nur, dass es stets nach Norden ging und sie die größeren Städte mieden, die nur als dunkle Flecken von Geschäftigkeit und Rauch am Horizont verblieben.
Irgendwann blieben diese Städte, die auf Stelzen durch das Land gezogenen Straßen und selbst kleinere Orte zurück und wurden von Bergen ersetzt, zwischen denen tiefe dunkle Täler lagen.
Schließlich sank das Schiff tiefer und eine Festung kam in Sicht. Türme, ummauerte Plätze und massive Stufen waren übereinander gestapelt und hingen an einer Bergflanke wie ein Parasit, der sich festklammerte. Ein lautes Signal ertönte und jemand pochte in schneller Folge an alle Türen im Gang.
Tharseïs ging hinaus an Deck und fror, aber sie hielt sich aufrecht und sah der hochgelegenen Terrasse entgegen, wo zwei Reihen von gerüsteten Wachen auf sie und die anderen warteten. Nur einer von diesen Wächtern hatte den Helm abgenommen – die Gesichter der anderen waren hinter dunklen Metallmasken und Linsen aus gefärbtem Kristall verborgen – und sein Gesicht schien wie eine überzeichnete, kränklich bleiche Parodie auf Amadena gestaltet zu sein. Feine Ohrspitzen hielten schlohweißes Haar zurück und die Augen waren ausdruckslos und schwarz.
Das Schiff legte an, breite Planken wurden zwischen dem Deck und dem eisverkrusteten Stein der Festung ausgelegt und ohne weitere Worte half die Besatzung den Priestern hinüber. Tharseïs konnte ihre Fußsohlen bereits nicht mehr spüren und hielt den Blick bewusst geradeaus gerichtet, als sie über die improvisierte Brücke schritt, und nicht auf den tiefen Abgrund unter ihr.
Aus der Festung trat eine Gestalt ohne Rüstung, nur in ein weißes und purpurnes Gewand gehüllt. Silbriges Haar wehte im Wind wie eine weiße Flamme. War Amadena nicht mehr an Bord gewesen? Sie musste voraus gereist sein, hatte ihre geliehenen Geweihten schlicht auf dem Schiff zurückgelassen.
Jetzt fixierte sie die Gruppe, schien sie zu zählen, und lächelte dann schmal.
»Sehr gut«, sagte sie. »Noch ist keiner von euch tot.«
Damit drehte sie sich um und ließ sie einfach stehen.
Tharseïs blieb zurück, als die anderen unter stummer Anweisung der gerüsteten Alben auf das Tor ins Innere zuhielten, und versuchte, die Ausmaße der Festung abzuschätzen, indem sie auf tauben Füßen vorsichtig näher an die Kante ging und ihren Blick in alle Richtungen wandern ließ.
War das ihr Ziel? Diese verschachtelte Menge dunkler Mauern und schmaler Fenster am Rand der Welt?
Eine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter und sie schrak vom Abgrund zurück. Der Alb ohne Helm sah sie ausdruckslos an und sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie schüttelte die Hand ab, strafte ihn mit einem kühlen Blick und ging dann ohne weitere Anweisung ebenfalls zum Tor, raus aus dem schneidenden Wind.
Das Zwielicht unter den schweren Schneewolken schluckte alle Schatten, auch die der anderen. Doch für den Moment war es Tharseïs recht, nicht aufzufallen und wie eine weitere unter Gleichen zu wirken mit den anderen identischen Roben und den geschorenen Köpfen. Wer nicht auffiel, konnte selbst leichter beobachten, und diese verborgene Festung musste zahlreiche Geheimnisse bergen.
Rilmandra wusste von der Festung der Diener Menacors. Es war die Aufgabe des sechsgeflügelten Drachen, über die Nebel zwischen den Welten zu wachen, den Limbus, in dem Rilmandra zu Hause war. Doch das hieß nicht, dass er alles selbst überwachte. In all der langen Zeit, die Rilmandra mit Orima oder allein in der Leere verbracht hatte, war sein Flügelschlag nicht mehr als ein seltener, ferner Sturm gewesen. Doch beginnend mit Drachenartigen und schließlich folgenden Spezies waren mächtige Magier aller Zeiten in seine Dienste getreten, um für ihn die weniger großen Aufgaben anzugehen. So viel wusste Rilmandra.
Sie konnte sie manchmal spüren, wie sie durch den Nebel reisten und sich in vorsichtigen Schritten entlang der Fäden der Kraft bewegten, wie sie beobachteten und zuweilen jene entfernten, die ahnungslos oder mit zerstörerischen Absichten in den Limbus vorgedrungen waren.
Doch Rilmandra wusste nicht um die Position der Festung dieser Wächter oder wer genau dort lebte und agierte. Also suchte sie und lauschte, während sie die nötigsten Reparaturen durchführte. Sie saß dabei neben den gefrorenen Gestalten auf ihrem Deck und knotete und flocht vorsichtig, um den schmalen Fingern ihres Leihkörpers nicht zu viele Blasen in der Haut zuzufügen.
Hond wanderte umher, kommentierte durch die Symbole ihrer Schnitzereien, starrte die Gefrorenen an oder legte seufzend seinen schweren Kopf in ihren Schoß.
»Geduld«, mahnte sie. »So einfach ist es nicht.«
Kraftlinien zitterten, kaum merklich. Sie lauschte und glich das schwache Echo mit anderen ab, die sie in letzter Zeit hatte wahrnehmen können. Es war nicht das jähe, angsteinflößende Beben, das Dämonen erzeugten, sondern ein sehr geordnetes und fast harmonisches Schwirren.
»Eine Spur!«, verkündete sie und ihre Segel kamen in Bewegung.
All die Blasen von Wirklichkeit, die kleinen und großen Welten jenseits der massiven Schwere der eigentlichen, größten Schöpfung erzeugten Spannungen und Schwingungen im Nicht-Medium des Limbus und Rilmandra konnte die meisten von ihnen an dieser Signatur erkennen. Das leise Sirren, dem sie seit dem Überfall folgte, wanderte gegen die Regeln aller Strömungen des Nebels, gut verborgen, aber nicht für ihre feinen Sinne, und weit stärker als es zunächst scheinen mochte.
Rilmandra schob Hond vorsichtig von ihrem Knie. Er maulte und streckte die Pfoten von sich, doch sie vergrub ihre Finger hinter seinen Ohren und kratzte ihn dort, was ihn erwartungsgemäß besänftigte.
»Nicht jammern«, ermahnte sie. »Es könnte endlich so weit sein!«
Seine Ohren richteten sich auf und sie stand auf, um die geliehenen Gliedmaßen zu strecken. Mit gemessener Geschwindigkeit glitt sie die Kraftlinie entlang, die verräterisch gezittert hatte. Das leichte Beben kam erneut und sie stieß einen freudigen, langgezogenen Ruf aus.
»Wir sind da!«
Hond sprang um sie herum und sie drehte sich in einer Pirouette, um ihm zu folgen.
»Sie werden dich willkommen heißen!«, rief sie. »Ist es nicht gut, heimkehren zu können?«
Die Farbe des Nebels änderte sich und Rilmandra starrte fasziniert hinaus. Der Nebel des Limbus war farblos, dies war eine der ewig gleichen Grundlagen der Leere zwischen den Welten, doch vor ihr schillerten goldene und rote Schleier und selbst ihre Augen nahmen wahr, dass etwas auf sie zukam. Oder sie sich auf etwas zubewegte oder beide zu einem gemeinsamen Punkt gezogen wurden.
Hohe, dunkle Mauern erschienen aus einem Regenbogenschimmer und das erste Mal seit … langer Zeit verschmolz Rilmandras Weltenblase mit einer anderen. Sie war kurz desorientiert, hielt sich an ihrer Reling fest und atmete dann warme Luft ein, die nach Gewitter und heißem Fels roch.
»Wir kommen in Frieden!«, rief sie, in der Hoffnung, dass jemand unter den Menacoriten die Sprache der fenvar beherrschte. Zusätzlich breitete sie die Arme aus, waffenlos, und raffte ihre Segel. Der Verlust des Wimpels mit Orimas Symbolen schmerzte sie nun besonders, hatte dieser doch früher immer verkündet, in wessen Namen sie reiste.
Aber die Zinnen der Festung waren leer, das trockene Gras unberührt. Der rote Himmel, immer wieder von blassen Blitzen durchzogen, sah unberührt auf sie herab.
Sie senkte die Arme und sah sich um.
Riesige steinerne Drachen stützten die Türme. Ein Tor in Form eines Drachenauges prangte nah am Boden wie die Galionsfigur an einem Schiff aus massigen Basaltklötzen – ein verlassenes Schiff.
»Es ist niemand da«, stellte sie fest. Hond schob seine Nase durch die Reling und schnaufte traurig. Rilmandra ließ sich langsam sinken und kraulte den Vierbeiner, während sie sich weiter umsah. Diese Welt war nicht viel größer als die Festung an sich und so gab es kaum etwas anderes auszumachen als die dunklen, hohen Türme und nahezu fensterlosen Hallen.
Dann öffnete sich eine Tür zu einer Terrasse, auf der die trockenen, halb abgebrochenen Reste eines toten Baumes standen, und eine Person in einer grauen Robe kam heraus geeilt. Sie richtete einen Stab auf Rilmandra und begann Worte zu intonieren und sie spürte, wie Kraft Form annahm.
»Wir sind in Frieden hier!«, rief sie, dann bückte sie sich und hob Hond hoch, damit er leichter über die Reling zu sehen war. »Und ich habe einen der euren zurückgebracht!«
Weitere Personen kamen heraus, unterschiedlich groß und lang und mal stämmig oder mal dürr, die meisten mit vier Gliedmaßen und alle aufrecht. Und sie alle trugen graue Roben mit Kapuzen, die sie nahezu unkenntlich machten.
Es gab eine kurze Diskussion unter ihnen in einer Sprache, die Rilmandra nicht vertraut war, dann trat eine Person vor.
»Das ist ein Hund«, sagte die Person mit einem ungewöhnlichen Akzent.
»Hond«, verbesserte Rilmandra und setzte ihn wieder ab. »Und er gehört zu euch, hat er gesagt.«
Dies führte zu mehr Diskussion. Am Ende trat eine Person vor, die langsam ihre Kapuze zurückschob und ein Gesicht freigab, das nicht fey war, sondern Rilmandras Einschätzung nach menschlich. Dunkles Haar saß in einer sauber geschnittenen Form im Gesicht und hing schulterlang vom Kopf herab.
»Ich denke nicht, dass wir jemals einen Hund als Mitglied dieses Ordens hatten«, sagte die Person. »Und Ihr seid …?«
Rilmandra verneigte sich leicht, wie manche Höflinge es früher in Anwesenheit Orimas getan hatten, um Respekt zu zeigen.
»Rilmandra«, sagte sie, »die Reisende, der Flügelschlag der Blinden Seherin und Gefährtin ihrer tausend Fahrten. Und ich suche Zuflucht.«
Jetzt schwiegen alle.
»Jemand jagt mich«, gab sie zu. Offenbar benötigten die Menacoriten mehr Information zu ihrer Lage, um ihr Hilfe anzubieten. »Ich weiß nicht, ob wegen mir, Hond oder den zwei gefrorenen Gästen, die wir haben. Hond weiß es auch nicht und die im Eis können es mir nicht sagen, weil ich sie nicht wecken oder heilen kann, aber vielleicht ist Euch das möglich?«
»Ihr seid ein Schiff!«, entfuhr es jetzt dem ersten Sprecher. »Ihr seid eine hochelfische Schiffseele!«
Sie verarbeitete die Worte langsam, die sie in dieser Zusammenstellung nicht kannte. »Ich bin fenvar«, bestätigte sie. »Oder besser fenvar-geschaffen. Und ich habe eine Seele und meine Form ist die eines Schiffes. Also, ja – ändert dies etwas an meinem Gesuch?«
»Nein!«, warf jemand anders schnell ein. »Ihr seid sehr willkommen. Nur …«
Sie traten alle langsam vor und jemand streckte sich in ihre Richtung. Sie ließ sich weiter sinken und vorwärts gleiten, sodass sie in Reichweite war, und die Person strich andächtig über den halb zerschlagenen Vogel an ihrem Bug.
»Wir haben sehr, sehr viele Fragen.«
Sie hat nun tausend Namen
in der Welt gesät
von denen keine Silbe
mehr als Trug verrät
Und tausende, sie neigen
sich vor ihr, taub und blind
und welchen Namen sie auch sprechen
sie ehren treu das Drachenkind.
In Gold und süße Hoffnung
taucht sie die Lügen ein
und wer Verrat erhofft
erliegt Verrat und Schein
Sie geben ihr in Freude
und harren ihrem Lohn
Doch niemals kommt, was nie versprochen
Der Preis der Treue schwarzer Hohn.