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21. März

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»Was weiß die Zigarre über Männer und Frauen?« Mit dieser Frage, die sich explizit nicht auf jene Zigarre bezieht, deren Genuss sich Monica Lewinsky und Bill Clinton im Oral Office geteilt haben sollen, eröffnet der Tagesspiegel einen Tusch zum 80. Wiegenfest der Historikerin Karin Hausen. Die Dame wird als eine Pionierin der Frauen- und Geschlechterforschung gewürdigt (ein historisches Gebiet, das bestimmt genau so spannend ist wie die Geschichte der Arbeiterbewegung). Frau Hausen ist Feministin, aber Gendersternchen, Unterstriche und auch den Terminus »Gender« mag sie nicht recht: »Ich bevorzuge das deutsche Wort Geschlecht. Es ist so hinreißend vieldeutig, Menschengeschlecht, Adelsgeschlecht, Geschlechtskrankheiten …« (Wobei: Genderkrankheiten …?) Vielleicht ist sie Wissenschaftlerin genug, um den Unterschied zwischen Begriffen, mit denen sich sinnvoll arbeiten lässt, und ideologischen Konstrukten zu erfassen, vielleicht ist sie auch nur zu früh geboren, um schon richtig brainwashed zu sein, vielleicht beides zusammen.

Aber was hat es mit der Zigarre auf sich? Am Beispiel der Tabakwickel lasse sich zeigen, referiert der Tagesspiegel eine These der Historikerin, »wie im 19. Jahrhundert die Handlungsund Spielräume von Männern und Frauen neu definiert wurden. Männer rauchten Zigarren, Frauen nicht, und wenn eine Frau es doch tat, wie etwa die Französin George Sand, so wurde das als ein demonstratives Überschreiten der Geschlechterordnung von vielen – Männern wie Frauen – abgelehnt.« Eine weit eindrucksvollere und exzessivere Zigarrenraucherin als die Chopin-Dulcinea war übrigens die letzte Favoritin von Liszt, die aus Polen stammende Fürstin Caroline Sayn-Wittgenstein, Ehefrau des Prinzen Nikolaus zu Sayn-Wittgenstein, der als Sohn eines in russischen Diensten stehenden Generalfeldmarschalls zu den wahrlich Begüterten gehörte. Sie war Liszt in Kiew begegnet und hatte ihren Gatten und ihre 30 000 Leibeigenen verlassen, um fortan nur ihm zu huldigen. Zuvor hatte sie sich durch einen Grundstücksverkauf eine Million Rubel beschafft. Sie muss eine sehr eindrucksvolle Person gewesen sein, nicht nur was ihre Art der Partnerwahl, ihren Zigarrenkonsum und ihre geistig-literarischen Neigungen betraf, sondern auch habituell. Einer Anekdote zufolge soll sie den logorrhöischen Egozentriker Richard Wagner derart zusammengefaltet haben, dass der wie ein Kind verstummte; kaum einem Sterblichen ist das je gelungen. Aber Sand und Sayn-Wittgenstein, das waren Exzentrikerinnen und Heroinen, deren Art zu sein auch heute vom Mainstream problematisiert würde.

Da nur Männer Zigarren oder Pfeife rauchten und sich zum Rauchen in separate Räume zurückzogen, interpretiert Hausen das Tabakrauchen als eine »bedeutungsvolle Grenzmarkierung«. Ein gewisses Maß an Geschlechtertrennung ist freilich der Normalzustand in sämtlichen Weltkulturen; einzig der Westen hat es fertiggebracht, Männer und Frauen nicht nur gleichzustellen, sondern Frauen buchstäblich jedes männliche Refugium zu öffnen. Die Holden können, wenn sie denn wollen, zur Armee gehen, boxen, Eishockey spielen, Pfeife rauchen, Physikerinnen oder, wahrscheinlicher, Politikerinnen werden und sich bei den Wiener Philharmonikern einklagen. Nichts soll mehr exklusiv männlich oder weiblich sein, auch nicht der Kreißsaal und die Fankurve. Sogar in den öffentlichen Toiletten hat man damit angefangen, die Geschlechter zusammenzuführen. Die Frage, ob das im beispielsweise ästhetischen Sinne wünschenswert ist, stellt sich nicht mehr, denn wir haben ja individuelle Wahlfreiheit. Aber alle Möglichkeiten der partiellen Männerdomäneneroberung oder Vermännlichung sind für die meisten Frauen bis heute vollkommen uninteressant. Ich kenne beispielsweise Dutzende Frauen, die von der Zigarre einen Probezug begehrten, aber keine einzige, die sie je bis zu Ende rauchen wollte.

Das wirklich Rätselhafte, ja dialektisch Tückische an dieser Entwicklung ist die Tatsache, dass der Westen durch die, nein, nehmen wir die Kausalität heraus: parallel zur Gleichstellung der Frauen wehrlos geworden ist, auch und speziell gegenüber denjenigen, für die eine Ungleichbehandlung der Geschlechter die Grundvoraussetzung eines gottgefälligen Lebens ist. Die individuelle Wahlfreiheit hat ihren Zenit erreicht; wir erleben nurmehr noch ihre späten Irrlichtereien. Noch ein paar Jahrzehnte, dann werden womöglich Verhältnisse hergestellt sein, bei denen nicht viel von dieser Art Emanzipation übrig bleibt. Der an Kopfzahl unentwegt zulegende Rest der Welt kennt sie ohnehin nicht.

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